Skip to main content

Full text of "Hermes"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to copyright or whose legal copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the files We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's system: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we can't offer guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the full text of this book on the web 



at jhttp : //books . qooqle . com/ 




Über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 



Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 



n.nss' 




ASHMOLEAN MUSEUM 

OXFORD 

Deposited on loan by Brasenose College 
1956 



Digitized 






] 

1 



Google 



! 





3033888785 



3ACKLER LIBRARY 
î ST JOHN STREET 
OXFORD 
OX1 2LG 

This book is due for return on or before the last date shown below. 



1 3 JAN 2005 



Digitized by CjOOQ IC 



Digitized by CjOOQ IC 



Digitized by CjOOQ IC 



Digitized by CjOOQ IC 



HERMES 



ZEITSCHBIÏT FÜR CLASSISCHE PHILOLOGIE 



HERAUSGEGEBEN 



OEORG KAIBEL und CARL ROBERT 



ACHTZEHNTER BAND 



BERLIN 

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG 
1883 



Digitized by CjOOQ IC 



Digitized byCjOOQlC ■ 



INHALT. 



Seite 
TH. BERGK, Philologische Paralipomena 

1. die Myrmidonen des Aeschylus 481 

2. die Abfassungszeit der Andromache des Euripides . 487 

3. Lucians êyxoifxwr Jypoa&éyovç und der Gedenktag 
Homers 510 

4. de libelle mçi 'A&yvaitoy noXutiaç 514 

5. Miscellanea 517 

G. KNAACK, Analecta 28 

A. GEMOLL, die Beziehungen zwischen Ilias und Odyssee 34 

zur Dolonie, Nachtrag zu Bd. XV 557 ff. 308 

A. PIGG0L0M1NI, quaesUonvm de Archilocho capita tria .... 264 

ü.v. WILAMO WITZ- MÖLLENDORFF, die beiden Elektren .... 214 

R. HIRZEL, ein unbeachtetes Komödienfragment 1 

E. ALBREGHT, Beiträge zur Textkritik des Isaios 362 

A. BUSSE, zur Textkritik der nikomachischen Ethik ...... 137 

H. KÜHLEWEIN, zu dem Texte und den Handschriften der Hippokra- 

tischen Abhandlung über Wasser, Luft und Orte . . 17 

M; SCHANZ, zu Hermeias 129 

H. I. POL AK, ad Choricii declamationes duas recens- éditas notulae . 271 

ü.v. WILAMO WITZ -MÖLLENDORFF, Phaethon 396 

C. ROBERT, die Phaethonsage bei Hesiod 434' 

P.STENGEL, Avxdßccc 304 

TH. KOGK, ein Kapitel aus der formalen Logik, angewendet auf Aristo- 
teles und' Piatön 546 

M.FRÄNKEL, die Antidosis 442 

& ROEHL, in Franciscum Lenormant inscrtptionum falsarium re- 

sponsio altera 97 

FR. LEO, Lectiones Piautinae 558 

E. HILLER, die Tibullische Elegiensammlung 343 

E. MAASS , Tibullische Sagen 321.480 



Digitized by 



Google 



IV INHALT 

Seite 

TH. SCHICHE, zu Ciceros Briefen an Atticus 588 

A. KÖHLER, Handschriften römischer Medianer 

1. Pseadoplinii mediciaa 382 

2. Cassius Felix 392 

JOH. SCHMIDT, das medicinisch-botanische Glossar von Siena ... 521 

TH. MOMMSEN, die italischen Bürgercolonien von Sulla bis Vespasian 161 

0. SEEGK, die Reihe der Stadtpräfecten bei Ammianus Marcellinus . 289 

0. RICHTER, Clivus Capitolinus. Ein Beitrag zur Topographie der Stadt 

Rom 104 



MISCELLEN. 

K. ZACHER , codex Bononiensis des Aeschylus 472 

F. BLASS, zu dem Papyrusfragment aus Aristoteles Poli tie der Athener 478 
K. BOYSEN, ein angebliches Fragment des Eratosthenes 312 

G. KNAACK, Menipp und Varro 148 

C. de BOOR, mgl emßoäv 628 

JEKAP 627 

R. FÖRSTER, zu Achilleus und Polyxena 475 

M.FRÄNKEL, der Begriff des Tippet im attischen Steuersystem . . 314 

C. ROBERT, ein antikes Numerirungssystem und die Bleitafelchen von 

Dodona 466 

H. DESSAU, Bemerkung zu einer Inschrift aus Delos 153 

C. R., zur Inschrift von Larisa 318 

G. KAI BEL, Inschrift von Thermae 156 

TH, MOMMSEN, zu Ciceros Reden 160 

H.I. MÜLLER, zu Livius 319 

H. TIEDKE, Livianum 619 

0. RICHTER, zum Clivus Capitolinus 616 

A. MULLER, zur Geschichte des Commodus 623 

H. DESSAU, C. Quinctius Valgus, der Erbauer des Amphitheaters zu 

Pompeii 620 

TH. MOMMSEN, Inschrift des Pollius Felix 158 

O.SEECK, zur Inschrift von Hissarlik 150 



Digitized by CjOOQ IC 



VERZEICHNIS DER MITARBEITER 

(Band I bis XVUI). 



E. Albrecht in Berlin 16,393 18,362 
C. Aldenhoven fil. in Gotha 5, 150 

B. Arnold in München 3, 193 

A. von Bamberg in Gotha 13, 505 
G. Bardt in Elberfeld 7, 14 9, 305 
Ch. Beiger in Berlin 13, 302 16, 261 
Th. Bergk in Bonn (f) 18, 48t 

R. Bergmann in Brandenburg (f) 2, 

136 3, 233 
J. Bernays in Bonn (+) 3, 315 316 5, 

301 6, 118 9, 127 11, 129 

12 382 

F. Blass in Kiel 10, 23 13, 15 381 

14, 466 15, 366 16, 42 17, 
148 18 478 

B. Bonitz in Berlin 2, 307 3, 447 

5, 413 7, 102 416 
M. Bonnet in Montpellier 14, 157 ~ 

G. de Boor in Berlin 17, 489 18, 627 

628 
K. Boysen in Göttingen 18, 312 
J. Brandis in Berlin (t) 2, 259 
Th. Braune in Berlin 15, 612 
A. Breysig in Erfurt 1, 453 11, 247 

12, 152 515 13, 357 15, 180 

623 16, 122 17, 401 
fl. Buermann in Berlin 10, 347 17, 

385 
A. Basse in Berlin 18, 137 
J. Bywater in Oxford 5, 354 360 
M. Cantor in Heidelberg 16, 637 
A. Geriani in Mailand 5, 360 
H. Ghristensen in Husum 9, 196 
L. Gohn in Breslau 17, 645 
M. Gohn in Amsterdam 16, 316 
J. Conington in Oxford (f) 2, 142 
G. Conradt in Stettin 8, 369 10, 101 
G. Cnrtius in Hamburg 4, 174 404 7, 

28 113 405 
E.Curtius in Berlin 10, 215 385 11, 

514 12, 492 14, 129 15, 147 
L Cwiklinski in Lemberg 12, 23 
H. Degenkolb in Tübingen 3, 290 



H. Dessau in Berlin 15,471 18, 153 
620 

H. Diels in Berlin 12, 421 13, 1 15, 
161 17, 377 

W. Dittenberger in Halle 1, 405 2, 
285 3, 375 6, 129 281 7, 62 
213 9, 385 12, 1 13, 67 388 
14, 298 15, 158 225 609 611 

16, 16t 321 17, 34 

J. Draheim in Berlin 14, 253 15, 

238 
J.G. Droysen in Berlin 9, 1 11, 459 

12, 226 14, 1 
H. Droysen in Berlin 12, 385 387 13, 

122 566 14, 477 584 15, 361 

477 16, 291 
A. Eberhard in Braunschweig 8, 91 

125 240 11, 434 12, 519 
R. Ellis in Oxford 14, 258 15, 425 
F. Eyssenhardt in Hamburg 1,159 2, 

319 

E. Fabricius in Athen 17, 1 551 

F. Fischer in Berlin 3, 479 

H. Flach in Tübingen 8, 457 9, 114 

R. Förster in Kiel 9, 22 365 10, 7 

465 12, 207 217 426 500 14, 

469 472 17, 193 18, 314 442 

M. Frankel in Berlin 13, 452 561 

G. M. Francken in Groningen 9, 382 
J. Freudenberg in Bonn (f) 11, 489 
J. Freudenthal in Breslau 16, 201 

J. Friedlaender in Berlin 7, 47 8,228 

9 251 492 
G. Galiand in Strassburg i. E. 17, 24 
V. Gardthausen in Leipzig 6, 243 7, 

168 453 8, 129 11, 443 17, 

251 
A. Gemoll in Wohlau 6, 113 8, 231 

10, 244 11, 164 15, 247 557 

17, 166 18, 34 308 

H. Genthe in Hamburg 6, 214 

K. E. Georges in Gotha 11, 127 

C. E. Geppert in Berlin (|) 7, ?49 364 



Digitized by CjOOQ IC 



VI 



VERZEICHNIS DER MITARBEITER 



J. Gildemeister in Bonn 4, 81 

H. Giske in Lübeck 17, 164 

Th. Gleiniger in Berlin 9, 150 

Th. Gomperz in Wien 5, 216 386 11, 

399 507 12, 223 510 511 
0. Gruppe in Berlin 10, 51 11, 235 

15, 624 

F. Gustafsson in Helsingfors 15, 465 

17, 169 

H. Haupt in Würzburg 13, 489 14, 
36 291 431 15, 154 160 230 

M. Haupt in Berlin (f) 1, 21 46 251 
398 2, 1 142 159 214 330 3, 
1 140 174 205 335 4, 27 145 
326 432 5, 21 159 174 313 326 
337 6, 1 257 385 7, 176 294 
369 377 8, 1 177 241 

E. Hedicke in Quedlinburg 6, 156 384 
W. Heibig in Rom 11, 257 

G. Henning in Rio Janeiro 9, 257 
W.Henzen in Rom 2, 37 140 3, 173 

6, 7 

R. Hercher in Berlin (f) 1, 228 263 
280 322 361 366 474 2, 55 64 
95 3, 282 4, 426 5, 281 6, 
55 7, 241 465 488 8, 223 240 
368 9, 109 255 256 11, 223 355 
12, 145 255 306 391 513 13, 303 

M. Hertz in Breslau 5, 474 6, 384 
8, 257 9, 383 

F. K. Hertlein in Wertheim (f) 3, 309 

8, 167 173 9, 360 10, 408 12, 

182 13, 10 
H. van Herwerden in Utrecht 4, 420 

5, 138 7, 72 12, 478 16, 351 
H. Heydemann in Halle 4, 381 7, 109 

11, 124 14, 317 
Th. Heyse in Florenz 1,262 2,258 462 
Edw. Lee Hicks in Oxford 4, 346 
E. Hiller in Halle 7,391 10,323 18,343 

G. Hinrichs in Berlin 17, 59 

G. Hirschfeld in Königsberg 5, 469 7, 
52 486 8, 350 9, 501 14, 474 
0. Hirschfeld in Wien 3, 230 5, 296 
300 8,468 9,93 11,154 12,142 
R. Hirzel in Leipzig 8, 127 379 10, 
61 254 256 11, 121240 13, 46 
14, 354 17, 326 18, t 
À. Hock in Kiel 14, 119 
A. Hofmeister in Rostock 12, 516 
A. Holder in Garlsruhe 12, 501 503 
E. Hübner in Berlin 1, 77 136 337 
345 397 426 437 438 % 153 
450 456 3, 243 283 316 4, 284 
413 5, 371 8,234 238 10, 393 
11, 128 12, 257 13, 145 414 
423 427 468 496 14, 307 15, 
49 597 16, 302 513 r 

J. 6, 250 



G.Jacob in Berlin 16, 153 

V. Jagic in St. Petersburg 15, 235 

Ph. Jaffé in Berlin (f) 5, 158 

Otto Jahn in Bonn (f) 2, 225 418 3, 

175 317 
G. Jacob in Berlin 16, 153 

F. Jonas in Berlin 6, 126 

A. Jordan in Wernigerode 12, 161 

13, 467 14, 262 

H. Jordan in Königsberg 1, 229 2, 
76 407 3, 389 458 459 4, 229 
5, 396 6, 68 196 314 493 7, 
193 261 367 482 8, 75 217 239 9, 
342 416 10, 126 46t 11,122 305 

14, 567 633 634 15, 1 116 524 
530 537 16, 47 225 506 510 

G. Kaibel in Greifswald 8, 412 10, 1 

193 11, 370 383 14, 269 15, 

449 17, 408 18, 156 
H. Keil in Halle 1, 330 
H. Kettner in Dramburg (f) 6, 165 
H. Kiepert in Berlin 9, 139 
A. Kirchhoff in Berlin 1, l 145 217 

420 2, 16t 471 3, 449 4, 421 

5, 48 6, 252 487 8, 184 9, 124 

11, 1 12,368 13,139 287 15, 

383 17, 466 623 
A. Klügmann in Rom (t) 15, 211 
G. Knaack in Stettin 16, 585 18, 28 

148 
Th. Kock in Weimar 2, 128 462 17, 

335 497 18, 546 
A.Köhler in Nürnberg 18, 382 
ü. Köhler in Athen 1, 312 2, 16 321 

454 3, 156 166 312 4, 132 5, 

l 222 328 6, 92 7, 1 159 
G. Kramer in Halle 10, 375 
P. Krüger in Königsberg 4, 371 5, 146 
H. Kühlewein in Ilfeld 17, 484 18, 17 
S. P. Lampros in Athen 10, 257 
G. A. Lehmann in Berlin 14, 212 451 

621 15, 348 566 
O. Lehmann in Dresden 14, 408 
F. Leo in Rostock 10, 423 15, 306 

17, 493 18, 558 
R. Lepsius in Berlin 10, 129 
K. Lincke in Jena 17, 279 
A. Luchs in Erlangen 6, 264 8, 105 

13, 497 14, 141 
O. Lüders in Athen 7, 258 8, 189 
A. Ludwich in Königsberg 12, 273 13, 

335 
W. Luthe in Ruhrort 15, 189 
E. Maafs in Berlin 15, 616 16, 380 

385 18, 321 480 
H. Matzat in Weilburg 6, 392 
A. Meineke in Berlin (f) 1, 323 421 

2, 174 403 3, 161 164 260 347 

451 4, 56 



Digitized by CjOOQ IC 



VERZEIGHNISS DER MITARBEITER 



Vil 



W. Meyer in München 15, 614 

A. Michaelis in Strass bürg i. E. 12, 513 

14, 481 

Th.Mommsen in Berlin 1, 47 68 128 
161 342 427 460 2, 56 102 145 
156 173 3, 31 167 261 268 298 
302 303 304 429 46t 465 467 
4, 1 99 120 295 350 364 371 
377 5, 129 161 228 303 379 6, 
13 82 127 231 323 7, 91 171299 
366 474 8, 172 198 230 9, 117 
129 267 281 10, 40 383 469 472 

11, 49 12, 88 401 486 13, 90 
106 245 298 305 330 428 515 
559 560 14, 25 65 160 15, 99 
103 244 294 297 300 385 478 
16, 1 24 147 317 445 495 602 
643 17, 42 165 458 477 495 
523 631 649 18, 158 160 161 

G. von Morawski in Krakau 11, 339 
J. H. Mordtmann in Constantinopel 

13, 373 15, 92 2*89 17, 448 
K. Müllenhoff in Berlin 1, 252 318 

3, 439 4, 144 9, 183 12, 272 

A. Müller in Königsberg 18, 623 

B. Müller in Breslau (f) 4, 390 5, 154 
H. Müller in Ilfeld 14, 93 

H.I. Müller in Berlin 18, 319 
O.Müller in Berlin 10, 117 119 12, 
300 

A. Nauck in St. Petersburg 10, 124 

12, 393 395 13, 430 

R. Neubauer in Berlin 4, 415 10, 145 
153 11, 139 374 381 382 385 
390 13, 557 

K. J. Neumann in Halle 15, 356 605 

16, 159 

M. Niemeyer in Berlin 14, 447 

B. Niese in Breslau 11, 467 12, 

398 409 513 13, 33 401 14, 

423 
H. Nissen in Strassburg i. E. 1, 147 

342 
Th. Nöldeke in Strassburg i. E. 5, 443 

10, 163 
H. Nohl in Berlin 9, 241 12, 517 

15, 621 

F. Novati in Pisa 14, 461 

J. Olshausen in Berlin 14, 145 15, 

321 417 
H. Pack in Dortmund 10, 281 11, 

179 

G. Parthey in Berlin (f) 4, 134 
J. Partsch in Breslau 9, 292 

H. Peter in Meissen 1, 335 

E. Petersen in Prag 14, 304 15, 475 

17, 124 

E. Piccolomini in Pisa 17, 333 18, 
264 



H. I. Polak in Rotterdam 18, 271 
P. Pulch in Wiesbaden 17, 177 

E. Rasmus in Brandenburg 12, 320 
A. Reusen in Altkirch i. E. 15, 337 
0. Richter in Berlin 17, 425 18, 104 

616 
A. Riedenauer in Würzburg 7, 111 
A. Riese in Frankfurt a. M. 12, 143 
C. Robert in Berlin 11, 97 12, 508 
13, 133 14, 313 16, 60 17, 
134 467 18, 318 434 466 
fl. Röhl in Königsberg i. N. 11, 378 

15, 615 17, 460 18, 97 

V. Rose in Berlin 1, 367 2, 96 146 
191 465 468 469 4, 141 5, 61 
155 205 354 360 6, 493 8, 18 
224 303 327 9, 119 471 
0. Rossbach in Berlin 17, 365 515 
M. Schanz in Würzburg 10, 171 11, 
104 12, 173 514 14, 156 16, 

137 309 18, 129 

Th. Schiche in Berlin 10, 380 18, 

588 
H. Schiller in Giefsen 3, 305 4, 429 

5, 310 15, 620 

F. Schmidt in Göttingen 8, 478 
J. H. Schmidt in Rostock 6, 383 
Joh. Schmidt in Halle 14, 321 15, 

275 574 16, 155 17, 239 18, 

521 
W. Schmitz in Coin 14, 320 480 
R. Scholl in Strassburg i. E. 3, 274 4, 

160 5, 114 476 6, 14 7, 230 

11, 202 219 332 13, 433 
A. Schöne in Paris 9, 254 12, 472 

17, 644 

R. Schöne in Berlin 3, 469 4, 37 

138 140 291 5, 308 6, 125 248 
H. Schrader in Hamburg 14, 231 
Th. Schreiber in Leipzig 10, 305 

R. Schubert in Königsberg 10, Hl 

447 
K. P. Schulze in Berlin 13, 50 
O.Seeck in Greifswald 8, 152 9, 217 

10, 251 11, 61 12, 509 14, 

153 18, 150 289 

G. Sintenis in Zerbst (t) 1, 69 142 

468 471 
J. Sommerbrodt in Breslau 10, 121 
P. Stengel in Berlin 16, 346 17, 329 

18, 304 

W. Studemund in Strassburg i. E. 1 , 28 1 

2, 434 8, 232 
E. Stutzer in Barmen 14, 499 15, 22 

16, 88 

L. von Sybel in Marburg 5, 192 7, 

327 9, 248 
Th. Thalheim in Breslau 13, 366 15, 

412 



Digitized by CjOOQ IC 



vin 



VERZEICHNIS» DER MITARBEITER 



Pb. Thielmann in Speier 14, 629 15, 
331 

E. Thomas in Berlin 17, 545 
P. Thomas in Gent 14, 316 

H. Tiedke in Berlin 13, 59 266 351 

14, 219 412 15, 41 433 18, 

619 
A. Torstrik in Bremen (f) 9, 425 12, 

512 
M. Treu in Waidenburg i. Schi. 9, 247 

365 

F. Umpfenbach in Mainz 3, 337 

G. F. ünger in Würzburg 14, 77 593 
J. Vahlen in Berlin 10, 253 45t 458 

12, 189 253 399 14, 202 15, 

257 17, 268 441 595 
W. Vischer in Basel (f) 2, 15 
H. Yoretzsch in Berlin 4, 266 
G. Wachsmuth in Heidelberg 16, 637 
W. H. Waddington in Paris 4, 246 
J. Weber in Meisenheim 16, 285 



B. Weil in Berlin 7, 380 

N. Wecklein in Bamberg 6, 179 7, 
437 

U. von Wilamowitz - Möllendorff in 
Göttingen 7, 140 8, 431 9, 319 
10,334 11, 118 255 291 498 515 

12, 255 326 13, 276 14, 148 
161 187 194 318 457 476 15, 
481 17, 337 647 18, 214 396 

H. Wirz in Zürich 15, 437 

G. Wissowa in Breslau 16, 499 

Ë. Wölfflin in München 8, 361 9, 

72 122 253 11, 126 13, 556 

17, 173 
K. Zacher in Breslau 18, 472 
K. Zangemeister in Heidelberg 2, 313 

469 14, 320 15, 588 
E. Zeller in Berlin 10, 178 11, 84 422 

430 15, 137 547 
H. Zurborg in Zerbst 10, 203 12, 198 

13, 141 280 482 



Digitized by CjOOQ IC 



EIN UNBEACHTETES KOMÖDIENFRAGMENT. 

In einem sonderbaren Zwiespalt mit sich selber ist die antike 
Ueberlieferung über den Philosophen Laky des aus Ryrene. Auf 
der einen Seite weckt sie die günstigsten Vorstellungen über ihn. 
Sie nennt ihn einen verehrungswürdigen Mann und bestätigt die- 
ses Urtheil in doppelter Weise: denn nicht bloss deutet sie seine 
wissenschaftliche Selbständigkeit und Bedeutung dadurch an, dass 
sie ihm zahlreiche Schüler gibt und ihn zum Stifter der neuen 
Akademie macht, sondern sie zeichnet ihn auch durch solche Vor- 
züge aus, die dem Menschen und nicht dem Philosophen eigenen, 
dass er von Jugend auf arbeitsam und zwar arm, aber trotzdem 
liebenswürdig und umgänglich gewesen sei. 1 ) Auf der andern 
Seite, wenn wir von diesem allgemeinen Urtheil ab und auf das 
Einzelne sehen, das von ihm berichtet wird, erscheint er in minder 
vortheilhaftem Lichte. So wird zwar seine Freundestreue gerühmt, 
aber doch nur auf Rosten seiner Redlichkeit (Plut. Mor. p. 62 E), 
und was wir über seine Tapferkeit im Trinken hören (Athen. X 
438 A. Diog. IV 61) mag zwar seine Umgänglichkeit illustrireo 
und ursprünglich auch diesen Zweck gehabt haben 2 ), dient aber 
gleichzeitig dazu ihn in unsern Augen etwas lächerlich zu machen. 
Und auch die Gans, die seine stäte Begleiterin bei Tag und 
Nacht gewesen sein soll, ist nicht geeignet uns ernsthafter zu 
stimmen, auch wenn wir den antiken Vertreterinnen dieser Thier- 
art bereitwilligst Eigenschaften und Tugenden zugestehen die den 



1) Diog.. IV 59: Jaxtxfrjç 'AXitâyâqov Kvçtiïaïoç' ovzôç lotw 6 irjç 
viaç *Axaâ*i(*iaç xccTaçÇaç xai 'AçxsoiXaov diaâtÇâfÂêroç , âvrjQ ot/uyâiaToç 
xaï ovx oXiyovç iaxqxàç ÇqXwtâç' tfilônovoç T£ Ix véùv xai niv^ç piy, 
év%açiç ê* aXXtoç xaï ivofiiXoç, 

2) Diess schliesse ich aus den Anfangsworten der Erzählung bei Athe- 
naios : Aaxvârjç âè xai TifAWv et qpiAoaoqpot xX^Ülyrtc nçoç ttya täv yvia- 
Qi/itov tnl âvo r^içaç, xai ßovXepevoi o v fins ç Kpéçio&ai toîç 
na Q ovo tv , tmvov nço&vfiÔTeçov. 

Hermes XVIII. 1 



Digitized by CjOOQ IC 



2 HIRZEL 

modernen fehlen. *) Bis hierher ist, wie ich gern einräume, in der 
Ueberlieferung Licht und Schatten gleichmässig Ober die Persön- 
lichkeit des Lakydes vertheilt. Es ist diess aber noch nicht Alles 
was wir über ihn erfahren. Denn ausser den beiden Anekdoten 
(Diog. IV 60), die weder nach der einen noch der andern 
Seite ins Gewicht fallen, wird uns noch mitgetheilt, was sich 
auf den Haushalt des Philosophen und das Verhältnis bezieht, ia 
dem er zu seinen Sklaven stand. Kürzer berichtet hierüber Dio- 
genes, aber doch immer ausführlicher als über irgend einen andern 
Punkt; weit eingehender und umfangreicher dagegen ist der Be- 
richt des Numenios, den uns Eusebios (praep. ev. XIV 7) erhalten 
hat Sowohl Diogenes als Numenios geben gerade diesen Bericht 
mit besonderem Behagen 1 ): es ist daher begreiflich, dass derselbe 
in der gesammten Ueberlieferung über den Philosophen den brei- 
testen Raum einnimmt und vorzugsweise den Eindruck bestimmt, 
den wir von ihm empfangen, der dann allerdings für einen Unbe- 
fangenen nur ein äusserst komischer sein kann. Zum Glück für 
den armen Lakydes dürfte unter denen, die heutzutage noch an 
ihm Antheil nehmen, kein Einziger mehr sein, der an einer solchen 
zum Glauben nöthigen Unbefangenheit leidet. Das Urtheil über 
dergleichen Anekdoten oder anekdotenhafte Erzählungen ist längst 
gesprochen. Suchen wir es aber für diesen Fall noch etwas näher 
zu begründen. 

Niemand wird dem doppelten Bericht des Diogenes und Nu- 
menios denselben Werth beilegen, der anderwärts den Aussagen 
zweier Zeugen zukommt. Denn dass beider Bericht in letzter Hin- 
sicht auf dieselbe Quelle zurückgeht, versteht sich fast von selber 
und wird überdiess durch die ähnliche Art angedeutet, in der beide 
ihre Erzählung einleiten (vgl. Anm. 2). Ja vielleicht ist das Ver- 



1) Nicht zu verkennen ist die Ironie in den Worten des Plmius Nat 
Mist X 26: potest et sapientiae videri inteUectus his (anseribus) esse, ita 
comes perpetuo adhaesisse Lacydi philosopho dicitur, nusquam ab eo, non 
in publico, non in balineis, non nootu, non interdiu digressus. Noch deut- 
licher tritt sie hervor in dem was Pliniot hinzufügt: nostri sapienUores qui 
eos iecoris bonitate novere. Kârzer, aber indem er als Gewährsmann Her- 
meias des Hermodoros Sohn aus Sa mos nennt, berichtet dasselbe Athenaios 
XIII 606 G. 

2) Diogenes sagt 59: rovvoy opaat xal moi oixovopiav ykvxvvara 
loxnxêvat. Numenios beginnt seine lange Erzählung mit den Worten: ntol 
ai Aaxvâov ßovXofiai rt duiytjoaa&ai y âv. 



Digitized by CjOOQ IC 



EIN UNBEACHTETES KOBIÖDIENFRAGMENT 3 

häitniss ein noch näheres. Diogenes gibt Mir ekien Tfceil dessen 
was Numenios erzählt: da er nun audi anderwärts 1 ) den piatoniker 
benutzt zu haben scheint, so dürfte sich die Ansicht wohl boren 
lassen, dass auch sein Bericht über Lakydes daher geflossen ist 
Anderer Meinung scheint Zeller zu sein , wenn er III« S. 497, 2 
von dem Klatsch spricht, den Diogenes kürzer berichte, Numenios mit 
unausstehlicher Geschwätzigkeit ausmale 3 ): erscheint hiernach was 
Diogenes gibt für das Ursprüngliche, und was wir darüber hinaus 
bei Numenios lesen, für dessen eigene Zuthat zu halten. Ich setze 
zunächst beide Berichte her uro sie dann zu vergleichen. 

Numenios berichtet 9 ): „Von Lakydes aber wiH ich etwas Lusti- 
ges erzählen. Dieser bei der Menge so berühmte Lakydes nämlich 
war ein wenig geizig und gewissermassen der gute Hanshaher wie er 
im Buche steht, er öffnete selbst die Speisekammer und schloss sie 
selbst wieder zu und nahm auch heraus w*s er brauchte und that 
anderes der Art alles eigenhändig, nicht w,«l er etwa Selbständig- 
keit sich zum Grundsatz gemacht hatte, auch nicht weil er etwa 
arm war oder es ihm an Sklaven fehlte, deren er vielmehr eine ganze 
Anzahl besass: nein aus einem Grunde, der sich schon erratben läset. 
Doch ich will was ich versprochen habe erzählen. Obgleich er näm- 
lich sein eigener Wirthschafter war, hielt er es wicht für nüthig, den 
Schlüssel mit sich herumzutrage», sondern wenn er zugeschlossen 
hatte, so legte er ihn in eine bohle Schreibtafel ; nachdem er diese 
nun mit dem Ring versiegelt hatte, steckte er den Ring durch das 

1) Worüber ich auf den dritten Band meiner Untersuchungen m Cicero* 
philo«. Sehr, verweisen mass. 

2) Tbedinga de Numenio phüosopho Piatonico p. 6 uhetsetzt nur ZeHers 
Urtbeil: in capite sepUmo (fr. III) intoleraeili l&quacitate de Lacyde refert 
narraiiuncuUnn, quam multo brevius Diogenes LaerHut tradidit. 

3) Heçi âk Aaxvâov ßovXo/uui t$ âiqyijaae&ai jjâv. *By pkr âij Ate- 
xvo\ç vnoyXiOXQOTtQoç xai rtpa rçonov é Xsyé/usyoç otxorofÂixéç , ovtbç & 
ivôoxifâàv ntcQct tw neXXùïç, ctvtoç pb* àyotyyvç tb laptfov, ttêvoç â* 
«nwdtiw xai nçoyçilto âk éy kêtïto xai &kXa twmSxa inûiêt nurwa 
ai* avTôvçyiaç, ôv ri nov avTâçxuav inetiyûy y ovâ* «AXvtç mvbf %$<»' 
piroç, «vif ànôçiç âevXwy, q> y* vnf^^ov âavXoi ènfceê yvv tqy 
êk aiUtry ffctfriv êlxaÇéty. (2) x Eyà âk S ènêajfêptjy âitjyt]<rofutt. Tapt* 
cvuy yàç avràç iavrtp, Tfjy pèv xXsîâa ntçitpéçtiv itp* tavrov ovx a>«ro 
itài>, ànoxXtiaaç âk xareTi&ti piy tavtrjy tïç r* xelXov yçct/u/btaiiïoy *#- 
Mydfityeç âk âaxrvXUp, rby âaxtvXtoy xcasxvku âtà xov xXti&çov f<r«i tïç 
iby olxoy (it&uïç «fc â* (I. ây) voxsqov, inieaq naX$y iX&tàr aW$fie ry 
xUiâi, âwijaofuvoç àytXày tbv âcxxivXioy av&iç pky anoxXtUw, elra âk tfij- 

1* 



Digitized by CjOOQ IC 



4 HIRZEL 

Schloss und liess ihn in das Gemach fallen, in dem Gedanken, 
dass er später, wenn er zurückkäme und mit dem Schlüssel wie- 
der geöffnet hätte, den Bing wieder aufheben, abermals zuschliessen, 
danach versiegeln und dann den Ring wieder durch das Schloss 
hineinwerfen könne. Hinter diese List nun waren seine Sklaven 
gekommen: so oft daher Lakydes spazieren oder sonst ausging, 
schlössen sie selbst wieder auf, und assen und tranken nach Her- 
zenslust, nahmen anderes mit sich fort und thaten dann der Reihe 
nach Folgendes: sie schlössen zu, versiegelten und warfen, in- 
dem sie sich weidlich ober ihn lustig machten, den Ring durch 
das Schloss ins Gemach. Lakydes nun, als er die Gefosse, die er 
voll verlassen hatte, leer wiederfand, wusste sich das Geschehene 
nicht zu erklären, und da er hörte, bei Arkesilaos werde über die 
Unbegreiflicbkeit philosophirt, so glaubte er, das sei nichts Anderes 
als was ihm mit der Speisekammer passirt sei. Und so fing er 
von da an und philosophirte bei Arkesilaos über den Satz, dass 
Alles was wir sehen und hören verworren und blosser Schein sei ; 
und einstmals da er einen seiner Bekannten mit ins Haus ge- 
nommen hatte, suchte er ihn in schlagender Weise, wie er meinte, 
von der Richtigkeit der Urtheilsenthaltung zu überzeugen und sagte: 
ich darf das wohl unbestreitbar nennen, da ich es an mir selbst 
erfahren und nicht von einem Andern gelernt habe. Und danach 
fing er an und erzählte ihm Alles, wie es ihm mit der Speise- 
kammer ergangen war. Was, fuhr er fort, könnte Zenon noch 



paireo&aiy tlxa 6* ayaßaXXtw onto» nàXw ?<ro» tqv daxTvXuty diet tov 
xXti&çov. (3) Tovxo ovy tb ao(pbv ol dovXot xazayoïjaavTêç, intidrj nçoîot 
Aaxvdrjç tk ntçinaToy y Sno$ âXXoae, xai avxoi àyoiÇavieç ây 9 xântixa 
(*>ç oyiaiy %y fh)(ÂOÇ 9 là (te* tpayâvits, xà d" tfimovizç, âXXa dh êçd- 
pevoi, ix ntQiéâov Tovra tnolovy ànixXeioy pfr iotjfjiatvovtQ de xai xhv 
daxxvXioy noXXd yt avxov xaTaytXàoayrëç sic top oîxov diet tov xXti&çov 
%<pUoay. (4) c O ovy Aaxvdtjç nXjjçrj pèv xaxaXinuiy, xtvà dk evyiox6p€voç 
Ta axtvtj, ànoçùy x<p yiyyofiiyq}, innâri rjxovas q>iXoao<piUr&ai naqù t$ 
UcxeoiXaq* Tyy ocxaxaXtjxfjiay , (pixo tovto èxeïyo avxtp evfißaiytiy nsçi to 
TttfAtïoy. *AQ$â(Atv6ç t£ iy&iy i<ptXoo6<pét naçà t$ 'AçxeoiXciy, pqâèy pyT* 
OQ«y [Â^Tê âxov&ty èraçyèç Ç vyiiç' xai noie Intanaaâfiiyoç TiSy nçvc- 
ojAiXovytiay avTtp Twà $tç Tqy oixiay, îo^vqiCbto nçbç avxby vnéoqwoîç, 
taç iâoxH, Ttjy inoxyy, xai tffn* Tovto fûy àyapqtitexToy èym croi %x<* 
cpQccacci, avToç in* IpavTov /uad-ujy, oix âXXov miça&étç. (5) K&nêtta 
àçÇâfiiyoç ntciyyeUo Tqy ôXyy tov xa/uitov ovpß&aay avx$ nà&qy. Ti 
ovy ây, tlntv, lr« Zqytoy Xlyoi nçbç ovxotç opoXoyov/uéyqy dià nâyxtay 
(xê einzuschieben) yavtqay poi iy xoïaâê dxaraX^iay ; t>ç yàç ànixXtiaa 



Digitized by CjOOQ IC 



EIN UNBEACHTETES KOMÖDIENFRAGMENT 5 

sagen gegenüber einer so zugegebenen und durch alle Umstände 
affenbaren Unbegreiflichkeit wie die hier vorliegende? Denn wer wie 
icb selbst mit eigenen Händen zugeschlossen, selber das Siegel auf- 
gedrückt und den Ring hineingeworfen hat, wie er aber zurück- 
kommt und aufmacht, den Ring zwar noch drinnen findet, das 
Andere aber nicht mehr, hat der nicht ein Recht an der Wirklich- 
keit der Dinge ausser ihm zu zweifeln ? Denn ich darf doch nicht 
sagen, es sei jemand darübergekommen und habe es gestohlen, da 
der Ring noch drinnen war. Wie der das hörte — denn er war ein 
Schalk — wartete er erst ab, bis er alles wie es sich verhielt ge- 
hört hatte und brach dann, obgleich er schon vorher sich kaum 
hatte halten können, in ein schallendes Gelächter aus und während 
er noch laut lachte, tiberzeugte er ihn gleichzeitig von der Grund- 
losigkeit seiner Meinung. In Folge dessen warf Lakydes von dieser 
Zeit an den Ring nicht mehr hinein und berief sich nicht mehr 
auf die Unbegreiflichkeit der Speisekammer* sondern fand das Zurück- 
gelassene vor, und sein Philosophiren war umsonst gewesen. Aber 
seine Sklaven waren von der zudringlichen Art und nicht mit einem 
Mal abzuweisen, vielmehr, wie die Getes und Daos der Komödie 
und die attischen Schwätzer, gewandt in der Rede, sei es, dass sie 
bei den Stoikern die dialektischen Kunstgriffe gehört oder sonst 
wie gelernt hatten, sie gingen also ohne Weiteres an die Ausfüh- 
rung ihres frechen Anschlags und lösten sein Siegel ab, und setzten 
bald ein anderes an dessen Stelle, bald auch keines, weil sie meinten 



/ihr raïç ifiavrov %tçaiv, avxoç âh iarjfifjya/urjy, avrbç âk àopijxa fxhv «?<r» 
To? âaxrvXioy, av&iç â* iX&ùv àvoiÇaç rby fier âaxrvXioy éçôj %yâov 9 ov 
jucVro* xat ta âXXa, ndSç ov âixaiwç àm<novvT<oç roïç 7iQdyfitt<scv f£co; Ov 
yaq joXftrjoù) dnelv fyotyi to« kX&ovra (lyo>y* btsX&ôyral) rwà xXixpcn 
lavia, vnaQ%oyToç ivâoy rov âaxxvXlov. (6) Kal oç dxovtov, jJV yaq vßqi- 
OTifc, IxdeÇàftwoç to nay qjç ïa%ty àxovaai, péXiç xal nqêrsqoy kavrov 
xqartSy, dnéççyÇe yiXmra xat fuâXa nXaxvv , ytXôSy re ht xal xayx«Çm» 
tii*iXtyx*y a fia avrov rrjy xsvoâoÇiav. "Stars ixiors Aaxvârjç àçÇàfÂtvoç 
ovxiu fiky rby âaxrvXioy $aa> MßaXXty, ovxiri dk xov rafittov l%çîjro 
àxar aXqtyia, âXXà xareXa/ußccvt rà àùpBifÀêva 9 xal /uârrjy em<ptXooo(pi]Xti. 
(7) Ov fiêyroi àXXà oï yê nalâsç (pôqvaxtç tjoay xal ov oàriçç Xrjnzol, oïot 
ai 01 xiouy&txol oixhai (fur re xat) rirai xal Jàoi (für Jaxoi) xâx tijç 
Jttxtxfjç (ÂTitxrjçl) XaXtïy ffra/uvXij&Qaç (XàXoi arw/LivXrj&Qail) xartyXotTria- 
(*ivoi(1). fait rt (tirs naqàl) rotç Snoixoïç rà aotpiapara jjxov<ray(i) tir* 
xal &XXù)ç kxfAad'Ovitç, td&h rov ToX/uij/uaroç ysoay xal naoMovro avrov 
ri}* 0<pqayïâa t xal r or è phv êréqay àvi* ixtiyrjç vn&Ttâeaav, rork âh ovâk 
àlXtiy, dià to ouo&ai Ixtiyqj yt axardXqnra îaiodai x«i orrai xal aXX<aç. 



Digitized by 



Google 



6 HIRZEL 

es werde ihm so wie so unbegreiflich sein. Wenn er nun nach 
Haus kam, sah er nach; uni wenn er die Tafel unversiegelt fand 
oder zwar versiegelt aber mit einem andern Siegel, wurde er böse; 
und wenn sie erklärten sie sei ja versiegelt, sie sahen doch das- 
selbe Siegel, so lieferte er ihnen ausführlich den Gegenbeweis. 
Wenn sie sich diesem Beweise non fügen mussten und sagten, 
wenn ein Siegel nicht darauf sei, so werde er es wohl vergessen 
und nicht gesiegelt haben, so erwiderte er, dass er sich erinnere 
seibar versiegelt zu haben und bewies ihnen das in umständlicher 
Erörterung und schalt auf sie, weil er glaubte, sie hielten ihn 
aum Besten, und schwur dazu. Sie aber nahmen ihm seinen Vor- 
wurf auf und meinten umgekehrt, sie würden von ihm zum Besten 
gehalten : denn als Weiser habe Lakydes nach seiner eigenen Mei- 
nung keine Meinung, also auch keine Erinnerung denn die Er- 
innerung sei eine Meinung, neulich wenigstens, sagten sie, hätten 
sie ihn diese zu seinen Freunden äussern gehört. Wie er nun 
ihre Angriffe abwies und dabei allerlei vorbrachte was nicht aka- 
demisch war, so gingen sie selber zu einem Stoiker in die Schule 
und lernten was sie zu sagen hätten, und fingen danach an mit 
Sophismen ihm entgegenzutreten und rivalisirten mit ihm als aka- 
demische Diebe. Als er ihnen desshalb wie ein Stoiker Vorwürfe 
machte, wiesen die Sklaven ihm die Nichtigkeit seiner Vorwürfe 
nach auf Grund der Unbegreiflichkeit, wobei es nicht ohne einige 



(8) r O âè riatX&èy iaxomUo' âorj/uayxov âe ro yçafApazeïoy &«>£<£»', Ç 
Gtarjjuao/Lievov (xir, cqpçayïâi <T SXXtj, tjyavdxter idSy âk atcqpap&ui JU- 
yovifov, aviolç yovv jtjy aopoayWa oQâa&ai rijy avrijy, rjxcißoX&ytlxo ay 
xal ccmâeixvvt' Ttôy cf jjzMOfAéyœy jrj ânoâeiÇêi xal <pafuy<av, ei /wj xi 
(I. fAijxhi) en tony ç aqpçaytç, avz by Ï6<aç iniXtXijod-ai xai fiij orjjLujyao&ar 
xai (A^y avioç ye topy arj/Àrjya/uêyoç juvrj/uovtvtty xai ànsâeixyvê xai ntQijju 
ttp Xoytp xai lâu» oXoytlzo nooç ccviovç oléfisyoç naiÇta&at xal nqoüoh- 
fiwty, (9) Ol âè vnoXaßorrec ràç TtQoaßoXkc èxtiyov ccizoi y* tfoyro vn* 
aviov naiÇeo&cu- inci <jo<pto yt ovri âeâo%\hxi r<p Aaxvârj dyai cufe|a<rrp, 
&<ti£ xal a/uvrjuoriviu)' fiy^^y yàç slvat âoÇav* %yay%oç yovv xov XQ**ov 
ïopaaay àxovoai ravi a aixov nçbç xovç opiXovç (hinzuzufügen Xiyoyroç?), 
( 10) Tov âè àyaaxçifpoyxoç aviolç xàç émxéioqouç xal Xiyovxoç ovx 'Axa- 
âqfÂaïxà, avxoi opoixêyxiç tiç Sxonxwy ivyoç zct Xtxxia iavxoïç àvtfiâv- 
&avoy xàxéî&ev àçÇâfievoi dyxsaoopiaxtvoy xal tjaav àyTÎztx yoc xXinxai 
'AxaâijpaïxoL c O âè Ztcjixoç (1. Sxoiixâç) btxdXu* oî natâeç âè xà iy- 
xXtj/uaza naçéXvoy avT$ vnb âxaxaXtjxpiaç , ovx aytv Tm&aG/uùjy xiytôy. 
(Il) Aiaxoißal ovv rjaay ndvx* ixtï (1. navziXtïç) xal Xoyoi xal dvxtXoyim, 
xal $y ovâèy iv x(fi jiiotp xaxeXtintxo, ovx dyytïoy, ov X(3y ir dyysiq* 



Digitized by CjOOQ IC 



EIN UNBEACHTETES IL0MÖD1ENFRAGMENT 7 

VerhfthnvBg abging. In Folge davon gab es vollstftodige Dispu- 
tationen und Reden und Gegenreden, und nichts blieb mehr übrig, 
kein Gafto noch was darinen war noch was sonst tum Haushalt 
gehörte. Lakydes war nun eine Zeit lang in grosser Verlegenheit, 
da er sah, dass die Bestätigung seiner Dogmen ihm schlecht be- 
kam und dass, wenn ihm die Widerlegung nicht gelinge, man 
ihm Alles su Grunde richten werde; so schrie er nun in seiner 
Verzweifelung nach den Nachbarn und zu den Gattern, und 'wehe 
wehe' und 'ach ach' und 'bei allen Göttern' und 'bei allen Göttinnen', 
und was es sonst für unphilosophische Mittel gibt, mit denen man 
«ntrüstet über erfahrenes Misstrauen sich Glauben su verschaffen 
sucht, die brauchte er alle mit lauter Summe und der ehrlichsten 
Miene. Schliesslich aber, da er es müde war, sich immer auf 
Grund seiner eigenen Anaioht widersprechen su lassen, spielte er 
seinen Sklaven gegenüber den Stoiker, als die Sklaven aber an der 
akademischen Ansicht festhielten, so setzte er sieh* um nicht ferner 
belästigt zu werden, als treuer Hüter vor die Speisekammer. Da 
ihm aber Alles Nichts half(?J, so legte er aus Furcht, wozu es 
sonst noch mit seiner Weisheit kommen könnte, ein offenes Be- 
kenntniss ab. Sklaven, sagte er, anders reden wir über diese 
Dinge in der Schule und anders ist's im Leben." 1 ) 

An Stelle dieser langen Erzählung hat Diogenes nur Fol- 
gendes *): 

(rc?) Ti&t/LtitKov, ov% Boa et? oixiaç xaTaoxtvqv äXX* toxi ovvxtXrj. (12) Kai 
6 Aaxvdqç riwç fikv rjnoçei, f*»?*« XvoirtXovoav iavxaj &to)Q(t>y typ xoïç 
iavxov doy/uaot ßotj&aav(% tt xt /u$ i&Myxoi, navra àvaTçi\pto&ai kavxÇ 
âoxiôv moàv (ovv hinzuzufügen) sic TàfAfaavù», tobç ydtovaç ixexQÔyu 
xai tobç d-ioéç' xal lob lov, xai <ptv qprô, xa\ vij xovç &tovç xai rij tàç 
&tccç y aXXa* re ootii ir àmoxiaêç diiPoXoyovpivoH' do\* ar^voi nioxtiç, 
raira navra iXéyexo ßojj xal âÇiomoxia. (13) TtXêvxâ» de intl paxqv 
(imiâri &dtjv Diète) tlxtv àvxiXeyofAevoç (für àvxiXtyopivovç Usener) int 
Tns olxiaç {ànb xijç ohuiaçl), alxbç pèv av dtjnov&ëv êoxtoêXivixo nçbç tobç 
nalâaç, itiïv naidutv de *à 'Jxadrjjuaïxà loxvQtfrfAévttiv , wa /urjxéu nçdy- 
pata fyoi, oixovobç yv cpiXoç (eyidçoçt) jov xapêiov nQOxa&tjfitvoç. 
Ovdkv de êk ovâkv uîqpéAfJv, ênidofÀtvoç ol xo oocpbv aimp fç/crat, ant- 
xaXtxpaxo. "AXXwç, eqptj, ratura, cî naldtç, kv xalç diaxoißalc Xiytxai yf/iv, 
âXXiûç dk ÇâifÂtv. 

1) Für die Textesgestaltung haben mir H. Di els, G. Robert und 
U. von Wilamowitz-Môllendorff freundlichst Beiträge geliefert. 

2) Tovrév q>aoi xal mçl x^v olxoropiar yXvxvxaxa io^nxivac inadq 
yao 7« nçoéXoi tov xa/uuiov, oycayiodfAtvoc naXir êïot» xbv daxrvXiov diu 



Digitized by CjOOQ IC 



S HIRZEL 

„Dem erging es, wie man erzählt, in der Hausbaitang sehr 
lustig. Denn so oft er aus der Speisekammer etwas herausge- 
nommen hatte, siegelte er wieder zu und warf den Ring durch 
das Loch hinein, damit nicht etwa von den dort liegenden Vor- 
räthen etwas weggenommen und fortgetragen würde. Als seine 
Diener das merkten, lösten sie das Siegel und trugen fort soviel 
sie wollten, danach warfen sie den Ring auf dieselbe Weise in die 
Halle hinein und wurden hierbei nie ertappt." 

Vergleicht man diese beiden Berichte mit einander, so fällt 
zweierlei auf. Erstens erscheint der Bericht des Diogenes nicht 
als eine kürzere Zusammenfassung alles dessen, was bei Numenios 
in breiterer Darstellung vorliegt: vielmehr gibt er nur einen kleinen 
Theil aus dem Anfang und lässt alles Uebrige einfach fort. Nur 
von dem einen, dem ersten Streich, den die Sklaven ihrem Herrn 
spielen, ist bei Diogenes die Rede; von den übrigen schweigt er. 
Wichtiger ist das zweite, wodurch beide Berichte sich unterschei- 
den, dass nämlich nur bei Numenios die Spitzbübereien der Sklaven 
zur Philosophie des Lakydes in Beziehung gesetzt werden, insofern 
sie theils die Ursache sind, dass Lakydes sich zur akademischen 
Skepsis bekehrt, theils unter dem Deckmantel derselben ausgeführt 
werden. Bei Diogenes fehlt diese Beziehung gänzlich, und da ge- 
rade auf ihr der ganze Witz der Erzählung beruht, so wird man 
diesen Mangel nicht für das Ursprüngliche halten. 1 ) Die Ansicht 
kann hiernach nicht mehr aufrecht erhalten werden, als wenn nur 
Diogenes die echte Gestalt der Erzählung böte, Numenios dieselbe 
mit eigenen Zuthaten ausgeschmückt und vermehrt habe. Vielmehr 
führen die Verschiedenheiten, die wir zwischen beiden Berichten 
wahrnehmen, zu dem Schlüsse, dass allein bei Numenios die voll- 
ständige Erzählung vorliegt und Diogenes statt dessen nur ein fast 
unverständliches Fragment gibt. Eine Andeutung davon, dass seine 



itjç onrjç iççlnzei, <oç fi^âinoT J avrov 7itçtcuçed-£frj r* xat ßa<nax&eirj ttSv 
ânoxHfiêvtov. fiaê-âvia âe xovxo rct &eçanéi>Tia à7it<f<pçày*& «ai 8<ra 
eßovXezo IßdaraCty ins it a zov âaxxvUov top avthv tqotiov dice jvjç ènqç 
kpiti tiç rijy avoav xai tovto noiovvra ovöinor* i(p(UQd&rj. 

1) Aehnlich ist das Verhaltniss in dem was Diogenes IV 63 f. und Nu- 
menios bei Ëuseb. praep. eu. XIV 8, 7 f. über Ka rnead es erzählen : denn auch 
hier ist die in der Beziehung auf die akademische Skepsis bestehende Pointe, 
durch die allein der Austritt Mentors aus der Akademie genügend begründet 
erscheint, von Diogenes beseitigt worden und uns nur durch Numenios er- 
halten. 



Digitized by CjOOQ IC 



EIN UNBEACHTETES KOMÖDIENFRAGMENT 9 

Erzählung unvollständig ist, könnte man überdiess aus seinen eige- 
nen Worten entnehmen. Denn wenn er eine ausserordentlich 
lustige (ylvxvrava) Geschichte verspricht, so bleibt er die Erfül- 
lung dieses Versprechens schuldig, da was folgt nichts weiter als 
eine ganz gewöhnliche Diebsgeschichte ist, die an komischer Wir- 
kung andere ihresgleichen keineswegs übertrifft. Eine lustige Ge- 
schichte von besonderer Art wird sie erst in der Form, in der 
wir sie bei Numenios finden. Mit Bezug auf diese vollständige 
Fassung war sie ohne Zweifel so in der Quelle des Diogenes ge- 
nannt worden, wie sie ja auch bei Numenios in ähnlicher Weise 
als etwas Ergötzliches (yâv ti) bezeichnet wird, und es war eine 
gedankenlose Flüchtigkeit des Diogenes, dass er zwar diesen Aus- 
druck beibehielt, die Erzählung selber aber um alles das verkürzte, 
was sie desselben werth machen konnte. 

Dass nicht alles was Diogenes verschweigt, wir aber bei Nu- 
menios lesen, des letzteren eigene Zuthat, die breitere Ausführung 
des ihm Ueberlieferten ist, lässt sich überdiess noch in einem ein- 
zelnen Falle schlagend darthun. In dem Streit, der sich zwischen 
den Sklaven und ihrem Herrn entspann, als sie diesem den zweiten 
Streich gespielt hatten, gebärdete sich Lakydes, wie es heisst, sehr 
zornig, weil er glaubte, sie machten sich über ihn lustig (8 : èâei- 
voloyelto nçoç ovtovç olô/nevoç nalÇeo$cu). Von den Sklaven 
wird hierauf gesagt: oi de vrtoXaßovteg rag nçoaftolàç ixelvov 
avtoi ye (povro vit avrov nalÇsa&ai. Sind diese Worte richtig 
überliefert, so glaubten auch die Sklaven ihrerseits von Lakydes 
verspottet zu werden. Nach der ganzen Sachlage war diess aber 
unmöglich und konnten die Sklaven im Ernste einen solchen 
Glauben nicht hegen, da sie als die Anstifter natürlich wissen 
mussten, dass sie Lakydes zum Besten hatten und nicht umgekehrt. 
Dagegen würde es den Umständen vollkommen entsprechen, wenn 
auf eine Aeusserung des Lakydes, er glaube sie treiben ihren 
Spott mit ihm, die Sklaven erklärten : nein ! wir glauben vielmehr, 
du treibst mit uns Spott. Bei flüchtigem Lesen des Dialogs konnte 
.ein Excerptor diese Worte für Ernst nehmen und dann seinen 
Lesern erzählen, wie es bei Numenios geschehen ist, die Sklaven 
hätten auch ihrerseits in der Meinung gestanden, ihr Herr mache 
sich über sie lustig. Dem Excerptor konnte es begegnen in dieser 
missverständlichen Weise das ihm vorliegende Original wiederzu- 
geben, der Erfinder der Geschichte selbst, darf man wohl sagen, 



Digitized by CjOOQ IC 



10 HIRZEL 

hätte solchen Unsinn nicht schreiben können. Also — das ist, 
sobald wir nicht, wozu kein Anlass vorhanden ist, eine Vecderbniss 
des Textes annehmen wollen, die nothwendige Censequenz — hat 
Numenios nicht selbständig gearbeitet, sondern lediglich für seine 
Zwecke umgestaltet, was er bei Andern fand. 

An diesem Punkte warfen wir naturgemäss die Frage auf, 
was das für ein Werk war, das Numenios benutzt hat War es 
ein historisch referirendes Werk, in dessen auf Lakydes bezüg- 
lichem Abschnitt auch diese Anekdote Ober den Philosophen er- 
zählt wurde? Aber ist es denn überhaupt eine Anekdote was uns 
hier vorliegt? Eine solche, sie mag übrigens wahr sein oder nicht, 
ist doch immer eine Erzählung die den Anspruch erhebt als wahr 
zu gelten. Diesen Anspruch konnte unsere Erzählung nie erheben. 
Bedenken wir doch was sie uns sonst zumutben würde zu glauben: 
dass Lakydes, dieser namhafte Philosoph, nicht bloss von seinen 
Sklaven sich wie ein dummer Bauer in der plumpesten Weise über- 
tölpeln lässt, nein 1 dass er überhaupt erst durch diese Spitzbübe- 
reien veranlasst wird, sich der akademischen Skepsis in die Arme 
zu werfen, während er vordem das Muster eines braven Haus- 
halters war, dem nichts mehr am Herzen lag als seine Wirtschaft; 
dass ferner dieser selbe Lakydes, nachdem er noch mehrfach in 
der unglaublichsten Weise von seinen Sklaven betrogen und be- 
stohlen worden ist, sich nicht anders zu helfen weiss als indem 
er sich von der akademischen Philosophie wieder lossagt Denn 
nichts anderes als eine Lossagung ist es, wenn er dieselbe in den 
Schlussworten für unvereinbar mit dem wirklichen Leben erklärt 
und damit einen Haupteinwurf, den die Gegner der Skepsis gegen 
dieselbe richteten, als berechtigt zugibt. Das sind Dinge, für die 
niemals jemand auf den Glauben anderer rechnen durfte und die 
desshalb auch nicht in der Form einer Anekdote oder anekdoten- 
haften Erzählung vorgetragen werden konnten. Der Platz für der- 
artiges war nur in der Dichtung und zwar in der reinen Dichtung, 
die nichts anderes als Dichtung sein wollte und dabei die Absicht 
verfolgte, den Philosophen um jeden Preis lächerlich zu machen. 
Dass wir innerhalb der Erzählung des Numenios uns auf dem 
reinen Boden der Dichtung, nicht der wirklichen oder angeblichen 
historischen Ueberlieferung befinden, beweist noch ein anderer 
Umstand. Während in der letzteren, wie sie bei Diogenes vor- 
liegt, Lakydes als arm bezeichnet wird, wird bei Numenios nach- 



Digitized by CjOOQ IC 



EIN UNBEACHTETES KOMÖDIENFRAGMENT 11 

drücklieb hervorgehoben, dass er das nicht gewesen sei. Dieser 
sonst nickt leieht erklärliche Widerspruch wird jetai gin« hegreif- 
lieh, da die Dichtung natttflioh die Verhältnisse ihrer Personen so 
gestaltet wie sie es zu ihren künstlerischen Zwecken für nöthig 
findet: oder waren etwa Sokrates und die Sokratiker wirklich atye 
solche Hungerleider und Stubenhocker als welche sie uns Aristo- 
phanes iik den Wolken geschildert hat? 

Halten wir daher im Allgemeinen fest, dass es eine Dichtung 
war, so gilt es nun die besondere Form derselben zu bestimmen. 
War es eine Dichtung in erzählender Form? Eine solche würde 
wohl sich ihrer Vortheile bedient und der Phantasie rekhere Nah- 
rung geboten, d. h. dem Leser eine grössere Zahl von Personen 
vorgeführt und sich vor Allem nicht auf einen so engen Raum 
wie die Wohnung des Lakydes ist, beschränkt haben. 1st es schon 
hiernach unwahrscheinlich, dass das Original des Numenios eine 
blosse Erzählung in Prosa oder in Versen war, so wird es diess 
doppelt, wenn wir auf den Gang der ganzen Handlung einen 
Blick werfen. 

Zu Anfang tritt uns Lakydes entgegen, das Muster eines braven 
und sparsamen Haushalters. In Folge eines Streiches, den ihm 
seine Sklaven spielen, sieht er sich einem Räthsel gegenüber, das 
er nicht zu lösen vermag; diess bewirkt, dass er von der Zeit an 
sich zur akademischen Skepsis bekennt Hier darf man den ersten 
Buhepunkt der Handlung ansetzen. Da trifft Lakydes mit einem 
Freunde zusammen und sucht denselben ebenfalls zur Skepsis zu 
bekehren, indem er erzählt was ihm in seinem Haushalt begegnet 
sei. Der aber durchschaut die Sache und klärt auch Lakydes auf, 
so dass dieser in Zukunft den Ring nicht mehr in die Speise- 
kammer wirft und dadurch seine Sklaven ausser Stande setzt ihn 
in der bisherigen Weise zu betrügen. Diese müssen daher auf 
neue Mittel denken ihren Herrn zu hintergehn. Ein solches war 
nicht schwer zu finden : denn Lakydes war noch immer Akade- 
miker geblieben, obgleich der Grund, der ihn Anfangs dazu be- 
stimmt hatte, verschwunden war. Hierauf gründen die Sklaven 
ihren Plan. Da sie des Ringes nicht mehr habhaft werden können, 
so siegeln sie entweder gar nicht oder mit einem andern Siegel 
wieder zu. Als Lakydes sie desshalb zur Verantwortung zieht, 
behaupten sie erst, die Tafel sei ja noch versiegelt und als er 
ihnen das Gegentheil beweist, er werde sie wohl selber nicht 



Digitized by CjOOQ IC 



12 HIRZEL 

zugesiegelt haben. Dem gegenüber beruft sich Lakydes auf seine 
bestimmte Erinnerung. Das benutzen die Sklaven, die ihren Herrn 
bei Gesprächen mit seinen Freunden belauscht und daher Einiges 
von der akademischen Skepsis erfahren haben, ihn auf den Wider- 
spruch aufmerksam zu machen, in den er durch eine solche Be- 
rufung mit seinen philosophischen Ansichten tritt. Noch einmal 
aber gelingt es diesem sie zurückzuweisen, wenn auch nicht ohne 
von seinem akademischen Standpunkt etwas preiszugeben (10: %ov 
ôè avctOTQéfpovTOç avroïç %àç iïtixeioijaeiç xal Xiyovroç ovx 
'j4xadrjfiaïxà). Indem wir hier passend den zweiten Ruhepunkt 
der Handlung ansetzen, bemerken wir gleichzeitig den Fortschritt 
in der Entwickelung des Konfliktes, der zwischen dem Herrn und 
seinen Sklaven stattfindet. Hit grösserer Frechheit als das erste 
Mal sind die Sklaven ihrem Herrn gegenübergetreten: denn nicht 
bloss, dass die Weise wie sie ihn bestehlen eine viel plumpere ist, 
so wagen sie es auch schon ihn mit philosophischen Argumenten zu 
bekämpfen. Diesem Anfang entspricht das Ende: zwar bleibt auch 
dieses Mal Lakydes noch Sieger; aber während er damals um diesen 
Sieg zu erringen, nur einen zufälligen und subjektiven Grund der 
Skepsis hatte aufgeben müssen, dessen Wegfall ihn nicht binderte 
nach wie vor Skeptiker zu bleiben, so kann er dieses Mal nicht 
zum Ziele kommen ohne von der Consequenz der Skepsis etwas 
zu opfern. Merklich vollzieht sich der Umschwung der Handlung; 
wir ahnen die hereinbrechende Katastrophe. Neu gerüstet betreten 
die Sklaven den Kampfplatz. Da es philosophische Argumente 
waren mit denen Lakydes sie zuletzt geschlagen hatte, so haben 
sie, um ihn mit gleichen Waffen bekämpfen zu können, bei einem 
Stoiker Unterriebt genommen und dort gelernt wie man die 
Akademiker widerlegen müsse. 1 ) Dadurch übermüthig geworden, 

1) Die Steigerung, die sich darin kund gibt, dass erst jetzt die Sklaven 
mit stoischer Dialektik ausgerüstet sind, vorher nur auf ihren Mutterwitz an- 
gewiesen waren, wird bei Numenios verwischt, da er schon für die zweite 
Stufe der Handlung die Möglichkeit offen zu lassen scheint, dass die Sklaven 
sich ihre Sophismen von den Stoikern geholt haben könnten. Indessen ist 
diess unrichtig. Die betreffenden Worte (7 : cere nagà toïç Zrœixoïç jà <ro- 
(flopnza rjxovaav, ehs xa\ aXkatç êxpa&ôyveç) streiten mit dem Zusammen- 
hang. Denn was man auf dieser Stufe der Handlung Sophismen nennen 
könnte, das nämlich, was die Sklaven vorbringen, um Lakydes eines Wider- 
spruchs mit seiner skeptischen Grundansicht zu überfuhren, das wird aus- 
drücklich (9) nicht von der Heiehrung eines Stoikers, sondern davon ab- 



Digitized by CjOOQ IC 



EIN UNBEACHTETES KOMÖDIENFRAGMENT 13 

scheint es, beschränken sie sich nun nicht mehr auf die Speise- 
kammer, sondern fangen an auch anderes im Hause zu stehlen 
und lachen Lakydes, der sie desshalb zur Rechenschaft zieht, aus, 
weil er als Skeptiker ja von dem Vorhandensein des beireffenden 
Dinges nichts wissen, also auch nicht behaupten könne, es sei 
gestohlen. 1 ) Mit den Mitteln der Skepsis, sieht Lakydes, ist hier- 
gegen nicht anzukommen. Will er also nicht Allés verlieren, so 
muss er den skeptischen Standpunkt verlassen und auf den gemein 
menschlichen treten: er gibt desshalb durch laute Ausrufungen, 
und indem er Nachbarn und Götter zu Zeugen nimmt, seine eigene 
Ueberzeugung von dem Vorhandensein der betreffenden Gegenstände 
kund. Bei den philosophisch gebildeten Sklaven verfangen aber 
natürlich solche atê%voi nloteiç nicht mehr, und Lakydes sieht 
sich genölfaigt ihnen dasselbe in wissenschaftlicher Weise vorzu- 
demonstriren , d. h. auf den Standpunkt der Stoa zu treten (13: 
latioixtiezo). Damit ist in Wahrheit der Umschwung der Hand- 
lung schon vollzogen : aus dem Akademiker Lakydes ist thatsäeblich 
das Gegentheil, wie man sagen kann, nämlich ein Stoiker gewor- 
den. Nichtsdestoweniger hat er der Akademie noch nicht entsagt. 
Desshalb fahren die Sklaven fort ihn mit dem Hinweis auf das zu 
drängen, was die Consequenz der akademischen Skepsis sein würde 
(13: tcü? nuidtov de tà'Axaârjfialxà loxvQiÇofiévtov). Um ihren 
Belästigungen zu entgehen postirt er sich schliesslich dauernd vor 
der Speisekammer, um auf diese Weise wenigstens zu retten was 
noch darin ist. Aber sei es nun, dass die Sklaven unterdessen 
Anderes im Hause stehlen oder dass er erkennt, eine derartige 
Unthätigkeit werde ihm schliesslich auch keinen Vortheil bringen, 
er sieht auch in diesem Mittel kein Heil und gibt daher, ehe er 
sich und das Seinige gänzlich zu Grunde richtet, lieber der aka- 
demischen Skepsis den Abschied, indem er sie für unvereinbar mit 
dem Leben erklärt 



geleitet, dass sie ein Gespräch ihres Herrn mit seinen Freunden belauscht 
hatten. Jene Worte sind daher ein thörichter Zusatz, sei es des Numenios 
oder auch eines Späteren. 

1) Dass die Sklaven sich jetzt nicht mehr an der Speisekammer genügen 
lassen, sondern Alles im Hause plündern, müssen wir wohl aus folgenden 
Worten (11) schliessen: xal $v ovdtv Iv r<p piatp xatiXtinezo, ovx ayytloy, 
«v TtSv lv ayyii(p ufafAivwy, ov% oaa tiç oixiaç xataoxtvyv aXk* lau 
9vvTÙ*i. Weil die Sklaven ihre Diebstähle mit Hilfe der akademischen Skepsis 
so bemänteln soeben, heissen sie (10) xXinrcu 'JxaorjfictïxoL 



Digitized by CjOOQ lC 



14 H1RZEL 

Wir haben also in der fraglichen Dichtang die Darstellung 
eines Konfliktes, der sieh von Stufe zu Stufe steigert und schliess- 
lich einen Umschwung der Verhältnisse herbeiführt, d. h. das 
was wir gewohnt sind in einem Drama vor uns zu sehen. Ein 
solches wird daher auch jene Dichtung gewesen sein und dann 
natürlich eine Komödie, deren Entwickekmg sich insofern- mit der 
in Aristophanes' Wolken vorgeführten vergleichen lässt, als beide- 
mal Jemand von häuslichen Sorgen getrieben seine Zuflucht zu- 
nächst in der Philosophie sucht, schliesslich aber durch Schaden 
klug geworden diess als einen Irrthum erkennt 

Erst bei dieser Annahme bekommt die an. sich matte und 
trockene Erzählung einen Reiz, da wir nun berechtigt sind, «as 
derselben an Handlung fehlt, durch den Dialog zu ersetzen. 
Der Mangel an dem die Erzählung anderenfalls leidet ist der- 
selbe, der fast nothwendig jedem, solchen Auszug aus einer alten 
Komödie anhaften mass und beispielsweise einem Auszug aus Ari- 
stophanes' Wolken anhaften würde. Erst wenn wir uns den Dialog 
hinzudenken, kommt auf einmal Leben hinein. Dass derselbe im 
Original einen grösseren Umfang hatte, haben wir schon an einer 
Spur entdeckt, als wir fanden, dass die Worte (9) av%oi y* $evxo 
vn avtov nai&o&ai nur dann einen Sinn geben, wenn wir sie 
in eine Aussage der Sklaven über sich selbst umsetzen und diese 
als Antwort auf Lakydes' Worte fassen. Ziemlich unbeholfen nimmt 
sich ferner Folgendes aus, was wir über Lakydes (12) lesen: rteawv 
ovv sic TafiTJxavoir , vovç yeltovaç bcexçccyei xal %oèç &80vç 9 
xaï lov lov, xal tpev q>ev, xcù vij tovç &eoiç xal vif %àç &sâ$ f 
aXXai %b oaai èv àrtioriaiç âêivoloyovfiévwv slalv aveproi 
nloteiç, zavja nâvta iXéyeto ßofj xcù àÇiorzioréa. Die Mitthei- 
lung dieser leidenschaftliche* Ausrufe lov lov u. s. w. war für die 
blosse Erzählung nicht nötbig; für diese genügte tovç ytitovaç 
Ixexgayei xal tovç &eovç. Um so passender waren soldbe Aus- 
rufe in dramatischer Darstellung: wir werden daher wohl auch hier 
wieder einen nicht ganz verarbeiteten Rest der Komödie vor uns 
haben. Eine ganze lebensvolle Scene der Komödie endlich glaubt 
man in folgenden Worten (11) zu erkennen, wenn man sie sich 
dialogisirt und aghrt vorstellt: aiarcißal ovv tjoav ftavreXeîç 
xal Xôyoi xal àvTiXoylai, xal ev ovâèv Iv t$ (Aéaip xateXei- 
rvsto, ovx ayyeïov, ov twv h ayyelq) Ti&efitévwv, ov% oaa eig 
oîxiaç xavaoxevrjv aXX y eozc ovvtbXtj. 



Digitized by CjOOQ IC 



EIN UNBEACHTETES K0MÖD1ENFRA6HBNT 15 

Man wird auch so die Erzählung noch zu einfach, der Per- 
sonen, aameatlich zu wenige finden. Es ist aber zu bedenken, 
das», wenn dû Erzählung nur einen Auszug geben wollte, sie auf 
alles episodische Beiwerk verzichten mnsste, so gut wie diess die 
Argumente der antiken Dramen thun* Die Frage kann daher nur 
sein, ob der Inhalt der Erzählung überhaupt einer solchen Er- 
weiterung durch Episodien filbig ist, und diese Frage muss bejaht 
werden, da beispielsweise der Unterricht deft Lakydes bei Arkesila» 
so wie éer der Sklaven beim Stoiker zu einer besonderen Scene 
kann ausgedehnt worden sein und auf das Geschrei des Lakydes 
nach den Nachbarn vielleicht einer derselben herbeigelaufen kam. 

Schliesslich fällt nun auch ins Gewicht, was früher bedeu- 
tungslos scheinen konnte, dass die Sklaven des Lakydes ausdrück- 
lich mit denen der Komödie verglichen werden 1 ), dass sie, ich 
mochte sagen, nach der Vorschrift*) ihren Herren dreimal betrügen, 
and dass man wenigstens an einer Stelle audi noch einen Anklang 
an die Sprache der Komödie zu vernehmen meint» 9 ) 

Das Ergebniss der vorstehenden Untersuchung hat seine nächste 
Bedeutung fur die Geschichte der antiken Komödie, ist aber auch 
für die der Philosophie nicht ganz fruchtlos. Denn es liegt jetzt 
auf der Hand, wie verkehrt es war, wenn man die dem Lakydes 
in den Mund gelegten Schlussworte der Dichtung älXwg Tavta, 
w Ttaïôeç, iv ralg dictTQtfiaïç léyercu t^aïv , alXwç de Capsv 



1) 7: ov fJÂvvoi itXkà oï ys nmïâêç <p6çTaxeç y&av xal ûv {târiça 
l^moi, oïoi dk ot xùÈjMpâtxêi t€ xal rirai xal dàoi. Denn so und nicht 
Jaxoiy wie auch Thedinga de Numenio philosopho Matonico S. 39 gibt, ist 
zu schreiben, da der gewöhnliche Sklavenname Jäoc und nicht Jaxoç lau- 
tete, vgl. Strabo VI 13, 12. In den angeführten Worten wollte ferner Meineke 
com. IV 333 r« xal nach xœfuuâixol streichen. Es ist aber wohl in oixércu 
zu ändern. 

2) Galen, den Meineke com. IV 333 anführt, de natur. fac. I 17 sagt: 
o/Âoiaç xoïç imo iov ßsXiioiov Mivdvacov xatà xàç xtopipoiaç êîoayopi- 
voiç olxércciç, àdotç rial xal rératç, ovâiv yyov/uivoic a (fiai nenQÔx&ai 
y&yaïov, d fAti tçlç iÇanatyotiap rbv atanotyy. 

3) Es sind die Worte (7), in denen die Geschwätzigkeit der Sklaven be- 
zeichnet werden soll : xax rijç Jaxtxijç XaUïy <mo/AvXq&ç>aç xanyXotTTiOfAivoi. 
Freilich scheinen die Worte verderbt. Die Sprache der Komödie fand hier 
schon Viger. In den Komikerversen aber, auf die er sich zu dem Ende be- 
rief, hat Meineke com. IV 618 (fr. LI) das entscheidende Wort ^ofxßoaz^ 
Iwli&Qav geändert Vielleicht darf auch noch auf (10) xkiniai 'Axadqfjiaïxoi 
hingewiesen werden. 



Digitized by CjOOQ IC 



16 H1RZEL, EIN UNBEACHTETES KQMÖDIENFRAGMENT 

zu der Folgerung benutzte, dieser Philosoph habe die Skepsis 
seines Lehrers Arkesilas zum Theil aufgegeben und sei zu festen 
Dogmen zurückgekehrt 1 ) Aber nicht bloss zu einem negativen 
Resultat lässt sich die geführte Untersuchung verwenden. Die 
Dichtung, die wir mit Hilfe derselben entdeckt haben, wird auch 
positiv brauchbar da, wo sie in die bunte Masse des Erfundenen 
historische Bestandteile aufgenommen und für ihre besonderen 
Zwecke verwerthet hat Diess thut sie aber, wie Niemand be- 
streiten wird, einmal, indem sie Lakydes zu einem Bekenner der 
Urtheilsenthaltung (ifcoxq) macht und dann, indem sie ihn die 
Meinungslosigkeit des Weisen behaupten lässt 2 ) Und dieses Zeug- 
niss fällt darum ins Gewicht, weil es ein altes, wir dürfen sagen, 
das Zeugniss eines Zeitgenossen ist: denn wer würde in späterer 
Zeit sich die Mühe genommen haben, einen verhältnissmässig un- 
bekannten Philosophen wie Lakydes in einer eigenen Dichtung zu 
verhöhnen? Wir dürfen es daher glauben, dass in den beiden 
angegebenen Punkten, in denen, wie sich wenigstens wahrschein- 
lich machen lässt, Karneades von Arkesilas abwich, Lakydes treu 
zu seinem Lehrer hielt 



t) Geifers de Arcesilae successoribus S. 5 sagt: sed n quaeritur, quid 
novum et proprium in eins doclrina fuerit, nihil fere nisi hoc coniectura 
probabiU ea quidem assequi licet, aKquantum eum a dubitandi ratione 
praeceptoris recessisse et certa potius secutum esse décréta. 

2) Die Sklaven halten ihrem Herrn vor (8), (toq><j> yt ovx% tfccfof £«* r$> 
Aaxvdy tlyai <xâo£aoj(p. Vgl. damit was Sextus Emp. adv. dogm. I 157 als 
Ansicht des Arkesilas angibt: ov%l tiSv doÇawiiïy eoiiv o 6o<poç, 

Leipzig. R. HIRZEL. 



Digitized by CjOOQ IC 



ZU DEM TEXTE UND DEN HANDSCHRIFTEN 

DER HIPPOKRATISCHEN ABHANDLUNG ÜBER 

WASSER, LUFT UND ORTE. 

Die Zahl der Handschriften für die einzelnen hippokratischen 
Bücher ist sehr verschieden. Während es zum Prognosticon gegen 
vierzig Codices gibt, für die Aphorismen noch mehr, ist es sehr 
zu bedauern, dass eine so durchgearbeitete und für die hippokra- 
tiscbe Schule grundlegende Schrift wie die über Wasser, Luft und 
Orte in nur ganz wenigen Handschriften überliefert ist Lîttré 
benutzte zwei Pariser, Nr. 2146 aus dem 16. Jahrhundert und 
2255 aus dem 14. Jahrhundert, Ermerins und Reinhold gar kein 
neues handschriftliches Material bei ihren Ausgaben. Unbenutzt 
blieben namentlich die Collationen, welche Dietz von vier Hand- 
schriften nahm, vom Mutinensis 61 (II H 5) aus dem 15. Jahrb., 
vom Vaücanus 276 aus dem 13. Jahrb., vom Monacensis 71 aus 
dem 16. Jahrb., vom Nanianus (Venetus) 248 aus dem 15. Jahrb. 
Von allen diesen Handschriften kommt Par. 2255 so gut wie nicht 
in Betracht, da er fast wörtlich die vulgata bietet. Die von Littré 
notierten Varianten beziehen sich mit wenigen Ausnahmen auf 
ausgelassenes v iyelx., auf hie und da ausgelassenes oder zuge- 
setztes dé oder %e. Etwas anders steht es schon mit Par. 2146; 
diese Handschrift ist zwar weder alt noch im Allgemeinen vorzüg- 
lich, enthält aber zu unserer Schrift hin und wieder beachtens- 
werthe Varianten. Littré hielt den Codex für eine Abschrift von 
Vat 276. Sicher ist er ihm nahe verwandt, wie ich zum Progno- 
stikon (de Prognostici Hipp, libris manuscriptis, Lips. 1876) nach- 
gewiesen habe. Diese Verwandtschaft erstreckt sich aber auch auf 
die anderen drei Handschriften, deren Lesarten mir aus Dietz' 
Nachlass bekannt geworden sind. Die fünf Handschriften bilden 
so unzweifelhaft eine Klasse für sich, dass man sie alle unter ein 
Zeichen zusammenfassen darf. Bei einer genaueren Vergleichung 
aller fünf hat sich mir noch so viel ergeben, dass Par. 2146 dem 
Monac. noch näher steht, als dem Vaücanus, also nicht von letzterem 

Hermes XVIII. 2 



Digitized by CjOOQ IC 



18 KÜHLE WEIN 

direkte Abschrift ist, ferner, dass Nan. 248, wenn auch nicht als 
Repräsentant, so doch wegen eines Mehr von einigen guten Les- 
arten als die beste Handschrift der Klasse anzusehen ist. Aber bei 
all ihrer Unentbehrlichkeit kann diese Handschriftenklasse doch 
noch keineswegs einen Ersatz bieten für die verlorene Handschrift 
des Venetianers Gadaldini (1515 — 1575), deren treffliche eigen- 
artige Lesarten sich nur zum Theil noch in den Ausgaben zerstreut 
finden. Dietz forschte auf seinen Reisen Jahre lang vergeblich 
nach dem Verbleib dieser köstlichen Handschrift. Endlich fand er 
im Jahre 1830 zu Mailand an dem Rande einer Aldina (0 136) 
und einer Rasier Ausgabe (G 99) übereinstimmende handschrift- 
liche Varianten, die er als die Gadaldinischen Lesarten erkannte 
und sorgsam abschrieb. Am Ende seiner Collation urtheilt er: 
Quanti pretii sint hae variae lectiones vix did potest, penitiorem 
enim suppeditant notitiam codicis Gadaldinei et Baldinêi. coUatio 
mim diligentissime videtur instituta. quod in meis itineribus per 
Itaiiam universam Sieiliamque, quam longe letieque patent, frustra 
quaêsivi, inveni Mediolani ultimis diebus, nihil minus praestolatus. 
verum est codicem if sum inventre mihi fuisse gratins satiusque, sed 
quoniam iure putamus, esse hune codicem deperditum, nulla alia re 
haec iactura melius compensator quam his variis lectionibus a me 
descriptis. Cor ay ana editio super flua evadet, si augurari iuvem 
licet, posteaquam in lucem edero has variantes. Diese uneinge- 
schränkte Wertschätzung würde Dietz ohne Zweifel auf das richtige 
Mass zurückgeführt haben, wenn ihm später eine ruhige Prüfung 
des gesammelten Materials vergönnt gewesen wäre. Ohne Zweifel 
sind die Varianten sehr werthvoll, allein mit Vorsteht zu benutzen. 
Sie repräsentieren keineswegs überall die reinen Gadaldinischen 
Lesarten. Wenn z. R. c. 10 (Littré II S. 50) für rjv r) . . . vno 
rvva %7toptßQOv geschrieben wird : fy . . . %$ xw) yerrjrcu vôwç, 
oder c. 24 zu xavovlai die Variante ei^xeeg notiert ist, c. 7 a. E. 
für ïxpBcv aya$d — ixpavet, c. 10 für awavalvei — evvia%aivet> 
c. 23 für ftacanlrjalog — OfÂoiwç, so haben wir offenbar Glosseme 
vor uns. Aber auch Interpolationen finden sich: z. R. schlössen 
sich c. 3 a. E. an den Satz rjv (atj xt xardaxj] vomyia naynoivov 
ix fietaßoXtjg noch die Worte (teyaXrjç èv t$ èyxeqxxXq), eine 
ganz verfehlte Erweiterung, da nur an den Wechsel der Jahres- 
zeiten gedacht werden kann; hierher gehört c. 7 xataXeXeTttv- 
a&ai xai xuTio%vàv\}ai, c. 8 (S. 34) orpterete pàXtata 



Digitized by CjOOQ IC 



HIPPOKRATES ABHANDL. OBER WASSER, LUFT U. ORTE 19 

tw vâarœv %â%to%a . • %b opßQiov. Aber auch geradezu schlechte 
Lesarten finden sich zwischen trefflichen zerstreut, so c. 1 ànsç- 
yàtytv, c. 11 a. E. ànoxtêlvei für anoq>&bet, c 22 noXXäv xal 
xifiêv für xal %i(ÀCtv y c. 23 al yàç poctpai nXeioveç hyylvov- 
%ai trjç yairjç anstatt al yàç q>&oçal nXeloveç iyylvovzai 
%ov yôvov. Die verschiedene Provenienz dieser Varianten geht 
aus Stellen hervor wie z. B. c. 22: ifioi pèv ovv doxiovat iv 
tavvfl %fj irjaei diatp&elQeo&ai 6 yôvoç. Hier sind zwei ver- 
schiedene Lesarten zusammengeflossen: 1) die vulgata: èftoï plv 
ovv âoxéei h %av%r\ rfj irjaei öiatp&eiQeo&ai mit der Nach- 
besserung doxiovoiv (ol Sxv&ai) für doxéêi, und die achte ipol 
fiiv ovv âoxéei i. t. t. L â. 6 yôvoç, wie sie schon Gadaldini 
kannte und wie ich sie hiermit wieder handschriftlieh belege aus 
cod. Barberinus I 5. Diese für den Text von AAL noch nicht 
benutzte Papierhandschrift in 8° aus dem 15» Jahrhundert, die nur 
noch die Aphorismen mm exposition* Galeni vor unserer Schrift 
enthalt, habe ich, von Dr. H. Droysen in Berlin schon früher auf- 
merksam gemacht, im vorigen Jahre verglichen und in ihr eine 
höchst beachtenswerte Bereicherung des ohnehin dürftigen hand- 
schriftlichen Materials gefunden, nicht nur weil sie die Gadaldini» 
sehen Lesarten reiner bietet, sondern auch ausserdem die Textes- 
verbesserung fördert und überhaupt dem Texte, wo so vieles auf 
Vermuthung und dem der Littréschen lateinischen Uebersetzung 
(aus Par. 7027), wenn auch nicht mit Unrecht, geschenkten Glauben 
beruhte, eine sichere bandschriftliche Grundlage verleiht. Hierin 
ist keine der vorgenannten Handschriften dem Barberinus ver- 
gleichbar. Folgende Proben mögen zum Beweise dienen: 

Littré c. 6 %&v re vooevfAarwv navtwv fÂêvéxetv fiéçog 
%&v TiQoeiçrjjLiévwv (tovç âv&çatfiovç elxôç;)* ovékv altéoiOiv 
anoxixQiTai. Coray (Ermerins) schrieb év ovâiv x%X. Littré be- 
merkt, ohne den Text zu ändern, z. St. on fourrait ajouter xal 
avant ovôèv d'après la traduction du manuscrit latin (7027) ou 
mettre ôk ou yàç après ovâiv. Beides beweist das Bedürfniss nach 
einer Partikel: der Barb, hat: ovôèv yàç ait. à. 

C. 7 zu Anf. wird eniyeco/uevov, das schon Linden und Mack 
hatten, wieder zu Ehren gebracht gegen hni%Qsq>o(ievov. Es ist 
von stagnierenden Gewässern die Rede, die weder Abflugs noch 
Zufluss haben. Sie werden von dem Regen gespeist; es könnte 
also ein partie, passiv, wie in;i%Q6<popévov höchstens von den Ge- 

2* 



Digitized by CjOOQ IC 



20 KÜHLEWEIN 

wässern, nicht aber von dem Regen zu verstehen sein. Von wem 
sollte dieser auch genährt werden? Dagegen ist dem Hippokrates 
€7ii<péQeo&ai audi sonst geläufig «= „hinzukommen " wie unten c. 8 
(S. 36) ta de ortiodev inKpecercu. Die von Coray angezogene 
Stelle Herodot II 121 èiti%çaq>ivttov ßaaiXiwv kann nach meiner 
Ansicht mit der unsrigen nicht verglichen werden. 

C. 10 (S. 44) ist statt xal övaevteclac eîxôç iati yiweo&ai 
zu lesen tag de ô. six. I. y. Der Autor kommt auf die acht 
Zeilen vorher schon angekündigten dvoevreqlai zurück. Ebenso 
wird nvQetwdeg weiter unten mit tovç ftvçerovç wieder aufge- 
griffen. Der Barb, hat «»Galen u. 2255 tag ovo. 

Zehn Zeilen writer wird das von Coray nach Aphor. 3, 12 
vermuthete 7tçdç to jjç anstatt der vulgata rcgbg %<j> riqi völlig 
bestätigt. 

Weiter unten in dem Satze r Oxotav yàq %ov %sin(Ziroç lov- 
joç votlov x%X, hat der Barberinus ausser den schon anderweit 
bekannten guten Lesarten xal deç/uov statt %ov &. und avtov 
ïôbi statt avtov eXrj allein noch %a vor %ov aùpavoç, wonach 
der Satz so zu lesen wäre: 'Oxôtav yàç tov xeipâhoç èôrwoç 
voilöv xal &eQfiOv vit %ov ooj/acctoç fiij Çvviotrjtai fiirjâk al 
q>Xeßsg, tov tjqoç emyerofiévov ßocelov xal avxfajçov xai ipv- 
XQOv ô èyxé<paXoç, bitr\vixa avtbv ïâei a/na (xal fehlt im Barb.) 
%tp fiQi duxXveo&ai xal xa&alQea&at .... trjvtxavta m\yw%at 
(v e fehlt im Barb.) xal %ovLaxa%au 

C. 10 a. E. haben nach àvaÇrjQaivôfievoi die Handschriften 
und altern Ausgaben, auch noch Kühn (selbst das Mscr. 7027 in 
der lateinischen Uebersetzung), den zweizeiligen Zusatz: jqv de o 
%ei(i(àv — nvQBtoL Diesen Satz haben Baccius, Zvinger, v. d. Lin- 
den, Coray und die neueren Herausgeber seit Kühn gestrichen, 
weil er sich auf den ersten Bück als eine müssige Wiederholung 
aus dem Anfange dieses Capitels erweist. Ihr Verfahren wird jetzt 
gerechtfertigt durch den Barberinus, als der einzigen Handschrift, 
in welcher der Zusatz fehlt. 

C. 11 wird zur Beachtung der Wechsel der Jahreszeiten (jie- 
taßoXal zwv éqiwv) aufgefordert. Darauf werden die hauptsäch- 
lichsten angeführt. Die vulgata hebst: (léyiaxai dé eiaiv al dexa* 
xal èrtixivdvvôtarai yXlov iQÔrcat àpyoteçai xal fiaXXov [al] 
xteçival xal i<Jt]/ueçlcu vofuÇôfievai eïvai âfig>ôtSQai 9 piàXXot 
de al (xevonwQivai Das âixa hat keinen Sinn. Die Heraus- 



Digitized by CjOOQ IC 



H1PP0KRATES ABHANDL. ÜBER WASSER, LUFT ü. ORTE 21 

geber haben es daher seit Coray einfach gestrichen. Der Barberinus 
hat aber das richtige und so naheliegende tiaaaçeç an Stelle des 
aus dem Zahlzeichen <T entstandenen di%a. Die Stelle ist dem- 
nach so zu lesen : piyiatai ai elatv aide at (Par. 7027 : maioreê 
autem hae sunt et pericuîosae) tiaaaçeç xai ifzuuvâvvétatai* 
fjllov tçortal âfupôteQai . . . xaï lorjpeQlai voftiÇôfievai elvat 
&(4q>àveQas. Auch der vor deçivai von Coray ergänzte Artikel 
findet sich im Barberinus. Gleich darauf haben alle Handschriften 
und die Ausgaben bis Coray %al lui nXrjictdiüv dvaet. Anstatt 
Irtl zeigt der Barb, nicht nur das von Coray conjicierte foi, son- 
dern auch noch den Artikel,* also: %ai ïti fqv nXi]iadwv avatv 
(déi qyvXàoaso&ctt) entsprechend dem vorangehenden xai tcSw 
aozQiav tàg imitoXàç. Ebenso ist der Artikel richtig überliefert 
C. 16 (S. 64) Bxov âè J«} avtol icovtiwv elai xaçteQOi o l av- 
$Q(07toi xtX. und C. 24 (S. 90) oxov yàq al fietaßoXal. 

C. 19 (Mitte) wird gesagt, dass die Thiere in Skythien nur 
eine geringe Grösse erreichten. Es stehe dieser Umstand im Zu- 
sammenhang mit der Kahlheit und Einförmigkeit des Landes. Diese 
letztere wiederum sei bedingt durch den Mangel an klimatischem 
Wechsel: at yàç fietaßoXal t&v éçiwp ova elol jueydXai ovöh 
lo%VQal, èXX* Sfioiai xai bXlyov fietaßaXXovaai. Hieran schliesst 
sich der Satz: âiétixaità eïâêa o/ioia aètà iwvtioialv daw 
olnp te xçéorrac alel ôpoiioç, èa&rjtl te avtér] nal &içeoç xal 
Zeifiwvoç xtA. Es ist hier mit einem Male von den Menschen, 
die das Land bewohnen, die Rede, von den Skythen selbst, die 
diese Gleichförmigkeit an sich tragen; da dieser Gegensatz in der 
vulgata gar nicht markiert ist, verbesserte Coray ebenso leicht als 
überzeugend: ôloti x. t. eïô. dfioioi avtoî i. elalv, altip te 
ZQeôfievoi alei ôpoliûç ladytl te *tX. Die Form xQ^evoi 
(nicht xeeojuewM — 2146) ist deutlich im Barb, überliefert. Littré 
hat mit Unrecht diese treffliche Emendation C/s verschmäht. 

C. 22 'Oxotav aQxytai fj vovaoç, onia&ev tov étbç Ixa- 
téça* {-téçrjv Littré) <pXißa tapvovaiv. — êxàteçoç kann nicht 
zu q>Xißa gehören, als ob es sich um ein bestimmtes, allgemein 
bekanntes Adernpaar handele, vielmehr ist mit Barb, zu lesen: 
Unia&ev tov fitbç êxatiçov q>Xißa. — Ausser der ebengenannten 
Operation werden dann noch andere Erklärungen für das häufige 
Vorkommen von Impotenz bei den Skythen beigebracht. Mit Bezug 
auf diese Erklärungsversuche heisst es dann: evvov%oetdiatatol 



Digitized by CjOOQ lC 



22 KOHLEWEIN 

elaiv av&Qwmov dià tag 7tQoq>àoiaç, soll heissen „aus 
diesen Gründen". Die lateinische Handschrift hat propter prae- 
dictas causas und Littré hat demnach (desgl. Reinhold) ôtà tàç 
nQOsiQrjfiévaç nq. gegeben. Ermerins begnügt sich mit der vul- 
gata, in der der Artikel ôeixtixwç gebraucht sei. Da dieser Ge- 
brauch immerhin selten ist (nur einmal sicher in unserer Schrift), 
so empfiehlt sich als das Natürlichste die Lesart des Barb.: ôia 
tavtaç tàç nç., wie c. 15 med. u. Coray schon hier schrieb. 

C. 24 wird ausgeführt, dass hohe gebirgige Lage mit gutem 
Wasser bei starken klimatischen Wechseln ein hochgewachsenes 
unternehmendes Geschlecht erzeuge, tiefliegende heisse Gegenden 
mit stehenden warmen Gewässern haben den entgegengesetzten 
Einfluss auf ihre Bewohner. Diese sind untersetzt, haben dunkle 
Haut- und Haarfarbe und neigen zu Gallenaffectionen. Nur wenn 
es Flüsse im Lande gibt, die das stagnierende Wasser abführen, 
kann der Aufenthalt und das Aussehen der Bewohner gesünder 
werden. Dann folgt der Gegensatz: ei phtoi notafiol fièv pr} 
eïrjoav, ta ôk vèata xçrjvaïà te xai atàaifia rtlroiev xai 
oâiodea, avâyxrj ta toiavta tfjç yaotçoç àtrjçia eîvai xai 
onlrjvoç. So die sinnlos entstellte vulgata, wie sie noch Kühn 
abdruckte, obwohl Coray längst die Stelle in der Hauptsache mit 
Gadaldinischen Lesarten geheilt hatte. Der Gadaldinische Codex 
hatte nämlich ilwäea für oâtoâea und dann àvàyxr\ ta togàôe 
eïdêa fZQOyaatçôtêQa ehai xai anhrjvwdea. Alle diese guten 
Lesarten finden sich im Barb, wieder, nur zuletzt mit etwas ver- 
änderter Stellung: rtqoy. xai anX. ehai. Nun aber nahm Coray 
noch Anstos8 an dem xçrjvaïa, welches ja auch offenbar in diese 
Kategorie gar nicht hineinpasst, da er aber auf keine plausible Ver- 
muthung kam, so ist das Wort bis jetzt in den Ausgaben stehen 
geblieben. Littré bemerkt: les manuscrits grecs ne donnent aucune 
lumière là-dessus; ils ont xçrjvaîa sans variation. — Der Barberi- 
nus hat das richtige XifAvala. 

Gegen Ende der Schrift ist überliefert und von Littré sowie 
Ermerins unverändert aufgenommen: to ai içyattxov o£v evdev 
(muss heissen ivebv s. u.) ev tf} tpvoet tfj toiavtfl. Coray nahm 
mit Recht Anstoss an der Verbindung içyatixov é§v und setzte 
xai dazwischen, welches unerlässlich ist, wenn man o£v überhaupt 
beibehalten will. Indessen ist dies an unserer Stelle Glossem, da 
das b£v des in Rede stehenden Menschenschlages erst weiter unten 



Digitized by CjOOQ IC 



Ermerins liest (nach Coray): 
ta à 7t 6 tijç hon. nv. 

Gadald. Coray, Ermer.: to 
Xa^i7tQotatov xai x. ait. X. 



HIPPOKRATES ABHANDL. ÜBER WASSER, LUFT U. ORTE 23 

zur Aufzählung kommt: ig te tàç té%vaç oÇvtéçovç . . . evçijauç. 
Es war aus dem .weiter oben stehenden oi Xentol ovo 9 oÇéeç zu 
èçyatixôv an den Rand geschrieben und ist im Texte zu streichen, 
wie sich denn auch im Barberinus keine Spur davon findet. 

Bei solchen Vorzügen der Handschrift wird man auch c. 20 
i. A. 2xv&éwv yàç tovç ftoXXovç, outavtaç oooi Nopàâsç, w- 
Qtjoeiç xêxavfiévovç an Stelle des verbindungslosen amxvtaç (Coray 
wollte t\ v. d. Linden de zusetzen) aus derselben das glatter an- 
schliessende fiäXtata ohne Bedenken einsetzen dürfen. 

An andern Orten, wo noch die neusten Herausgeber je nach 
ihrer Auffassung verschieden lesen, wird der Barberinus entscheiden 
und diesem misslichen Schwanken des Textes ein Ende machen, 
so bleibt 

Littré : 
c. 6 a. E. bei der vulg. tàknl 
tijç êonéQTjç Ttvevpata 

c. 8 (S. 34) to Xentôtatov 
xal xovq>6tatov avtéov (von der 
Feuchtigkeit) Xelnetai. 
In beiden Fällen entscheidet der Barberinus zu Gunsten der letz- 
teren. Ebenso c. 10 i. Anf. Littré: 7teqï de htitav, Erm. (Cor.): 
iteQi de twv (ûçéwvj Barb«: neçl âh wçéutv. 

Wo der Barberinus noch andere Handschriften für sich hat, 
ist eine um so festere Grundlage gewonnen. So muss c. 7 (Littré 
S. 30) pàXiota âk incuvé u> angenommen werden, was schon 
als Gadald. Lesart bekannt war, von Dietz als solche vom Rande 
der Mailänder Drucke notiert ist und nun noch vom Barberinus 
bestätigt wird. Dasselbe gilt c. 15 von der Lesart votddet xal 
&oXeç(p (zu dem folgenden tcqoç taXamtoçèeiv hat Dietz auch 
den in der vulgata fehlenden Artikel belegt) ; c. 5 haben dieselben 
zu den Worten ta de äeea twv àv&çcbmav ev%Qoa te xai 
avxhjQa iatt, (xaXXov den Zusatz ij aXXy, der auch in quam albini 
{alibi) der lat. Uebersetzung des Par. 7027 erhalten ist; dafür ist 
in dem Folgenden aXXtj nach vovaoç zu streichen, also : ij /uij tig 
vovaoç xtoXvfj, ferner c. 23 (S. 84 Littré) ôiàtc xal elipvxo- 
téçovç vopiÇu) tovç trjv Evçwmjv oixéovtaç elvai. Ebenso ist 
c 12 fteye&et jAsylorovc die bestverbürgte Lesart; hier stimmt 
Barb, mit Vat. Nan. Mon. C. 16 gesellt sich zu diesen vieren noch 
Par. 2146; daselbst soll bewiesen werden, dass die Asiaten weniger 



Digitized by CjOOQ IC 



24 KÜHLEWEIN 

kriegerisch als die Europäer seien. Es hängt dies zusammen: 
1) mit klimatischen Einflössen, 2) mit dem orientalischen Despo- 
tismus, der die freie Entfaltung der Volkskraft nicht aufkommen 
lässt. Dann heisst es weiter: %%t di nçoç tovtoiat twv toiov- 
ttav àv&Qto7tù)v arâyxT] èçr](ÂOvo&ai tv\v yrp vno te nokefilwp 
xal dcylrjg, äote xal eï tig qwaei néq>vxev àvÔQuoç xal «v- 
ipvxoç, ànotçéneo&ai tr\v yvùj/urjv vno %wv vôfiwv. Man sieht 
hier nicht ein, was die Verwüstung des Landes durch feindliche 
Einfälle an der unkriegerischen Natur eines Volkes erklären soll, 
man könnte eher umgekehrt sagen, dass ein solches Volk durch 
dergleichen zum Widerstände aufgerüttelt werde. Ferner ist die 
Verbindung eQrj/ÂOvo&ai vno açylrjç hart, zumal vno te noke- 
tiltov dazwischen steht. Nun haben die obengenannten fünf Hand- 
schriften vnô te dnoXsjuiiDv , soll heissen vno twv anoXifitov, 
d. h. wenn ein solches Volk auch Individuen mit muthigem und 
beherztem Sinn hervorbringen kann, so verweichlichen diese doch 
unter der Hasse der Unkriegerischen und der allgemein herrschen- 
den Feigheit. Also ist zu lesen: àvàyxr\ yfieQOvo&ai vrjv yvw- 
(âtjv vno twv ânoXé/Âtov xal ctQyirjç xtl. 

Auch die Lesarten, in denen der Barberiaus mit Galen Ober- 
einstimmt, verdienen den Vorzug, so c. 10 (L. S. 44) vyçotéQOioiv 
anstatt des Superlat., das. (S. 50) avaÇrjQctlvercu xal àvaXioxetat, 
anstatt âvalovtai (vgl. Galen ad Aphor. ffl 14). 

An folgenden Stellen haben wir im Barberinus die hand- 
schriftliche Beglaubigung bereits bevorzugter Lesarten: c. 7 (S. 30) 
Xei/ueçivTjç àvatoXfjç (Gadald.) für das verkehrte â'BQivrjç, 
welches die vulgata übereinstimmend mit sämmtlichen anderen 
Handschriften bietet, das. (S. 32) taxeçétata (Conjectur von Fo€s 
für ta xatQuatata s. Oecon. S. 617), c. 8 (S. 36) ßcayxog xal 
ßy%£C *<**> ßctQvqHovlrj (Gadald.), c 9, (S. 38) b otOfia%oc rijç 
xvotuog £v(Âniq>Qaxtai (Gadald. und Littré nach 7027 angusta- 
tum) statt Çvfinénçaxtai, Çv/unijunçatca cet», das. (S. 40) &oXoi- 
ôéatatov (cod. S apud Foës.) für vulg. xoXo)ôéatcnov 9 c. 10 xal 
oq>9ai.(Àlaç xal dvoevteçlaç (Gadald.); x. «J. fehlen sonst 
überall, das. (S. 46) äote iCaltpvrjg tovç fikv ànôXkvo&ai xtk. 
ohne vno g>çevttiôoç wie Galen u. 7027. Die drei letzten ärzt- 
lichen Herausgeber Littré, Ermerins und Reinhold lassen diese 
Worte übereinstimmend weg. „Cette suppression est en effet fa- 
vorable au sens médical du passage" Littré. 



Digitized by CjOOQ IC 



H1PP0KRATES ABHANDL. ÜBER WASSER, LUFT U. ORTE 25 

Das. (S. 48) xal yayeâabaç x Ira wog (Gadald. 7027) for 
x. q>. xoivtog. 

Das. (S. 50) hioioi dl xal — Galen., Gadald.*, 7027. 

Das. — a<p y üjv (Galen., Gadald.*, 7027) tavta ta (Galen.) 
voaevfittta aètéoiai yivetac für vulg. aqwio tavta vooevpata 
ait. y., wo Littré noch zweifelte, ob a<p* c5* oder iq>* qi zu 
lesen sei. 

Das. — oi nladwvteg all 9 âvaÇrjQaivéfÂevoi (Gadald. 4 ) 
statt Tulg. in' ällw* t y ig alla aval;. 

C. 20 $oïxà ehai xal ßcaiia add. — Gadald. 

C. 22 (S. 78) alla navra opoia xal navra deïa —• 
Gadald. 7027. 

Das. (S. 80) total % e Sxv&jjai — Zvinger. 

C. 23 (S. 84) äfAixtov — Galen., Gadald.* statt tulg. âfilavtov 
àndXtxvov cet. 

G. 24 (S. 86) yçàoco — Gadald.* 7027 for ? ulg. qpçaÇw. 

Das. (S. 90) (xai) àvavêçoteçai ai xal ^fÂêçdteçcu at yv<iï- 
(uu. Gadald.*, Galen. 

Das. ovx êvxçata (i. e. evxQtjta) ohne Ige* ■— Gadald.* statt 
vulg. ai xéxçrjvvai. 

Das. nUiça ■» Gadald.*, 7027 statt vulg. ni&rjçà, Galen. 
nixça cet. 

Jedoch auch unter dem, was Dietz vom Rande der beiden 
Mailänder Drucke notiert hat, findet sich manche vorzügliche Les- 
art, die aus dieser Quelle allein fliesst; so halte ich c 7 (S. 32) 
Ixpevofiéyoc ei ab (oi äv&Qwnoi) „haben sich getäuscht" für besser 
als xpevoapepoi elaiv. 

C. 9 (S. 38) wird die Entstehung des Blasensteines beschrieben. 
Derselbe entsteht durch Verkochung des Urins bei entzündlicher 
Erhitzung der Blase: oxotav di tavta nâdji (17 xvotig), to qvqov 
ovx cuplqoiv, all' h iwvtàtp Çvvhpu xal Çvyxatei. Worauf 
soll sich das in allen Ausgaben stehende itovriq* beziehen, da doch 
xvotig zu Cvretpei Subject ist? In den Randnoten steht das 
richtige h êiovtéf] (xvotei). Einige Zeilen weiter heisst es von 
der hieraus entstehenden Concretion to fiiv nQtotor Ofitxçbv, 
ïnuta puÇpv ytvetat. Da hier keine Aufzählung, sondern eine 



An merk. Das Zeichen * bedeutet, dass die Lesart sich nur bei Dietz 
notiert findet 



Digitized by CjOOQ IC 



26 KOHLEWEIN 

zeitliche Folge Torliegt, so ist Sneita ai iasÇov ylvexai vorzu- 
ziehen (vgl. meine observât, de usu particuL p. 19 f.), c 10 (S. 44) 
wird èxtitçciaxeo&ai passend durch eixôg gestützt — Gleich zu 
Anfang der Schrift heisst es von den Jahreszeiten: ov yào lol- 
xaoiv ovàïvj àXXà noXv àiaqÀQOvoiv xtX. Ich glaube nicht, 
dass das blosse ioixaot „sie gleichen einander" heissen kann. 
In unserer Schrift wird es so immer mit avzol kwvtoloi oder 
aXXrjXoioi verbunden, mit letzterem z. B. c. 12 L Anf.: äiaXXao- 
aet (ta ?#?«<*) xai /urjôhv eotxev aXXrjXoiatv. Auch an un* 
serer Stelle konnte aXXrjXoioov vor àXXà leicht ausfallen und ist 
aus den Randnoten einzusetzen. 

C. 24 (S. 90) findet sich das zwischen bxoaot und Xenta 
unerlässliche und von Galen, sowie in 7027 (atUem) erhaltene dé 
auch in den Harginalnoten , ebenso S. 92 idsïr, gleich darauf 
iâoiç und iveov für h&ev. — Schliesslich sei von diesen Rand- 
noten bemerkt, dass sie in demselben Capitel (S. 88) zu den 
Worten to de àvÔQeïov xal %o taXalntoçov iv %$j tpvxfj tpvaei 
fièv ovx av ofioicoç èvelrj, vôpog de nçooyevonevog aneçyctoott' 
av einen Zusatz geben, von dem man bisher nur aus dar lat. 
Uebersetzung 7027 Kenntniss hatte. Dieselbe enthält hinter effiäet 
(»s àneqyàaott av) noch die Worte: sicut epeeiem constitutam. 
Littré vermuthet in dem vom Uebersetzer benutzten Urtexte habe 
noch gestanden dg eldog loir. Dietz hat notiert: liai tov ädeog 
ov% vnctQzorroç, wie es scheint Zusammensetzung aus zwei Les- 
arten mg %. eiâ. in. und tov eïd. ov% in. Jedenfalls ist der 
Zusatz sehr alt. 

Zum Schluss seien noch folgende auf Yermuthung beruhende 
Textesänderungen vorgeschlagen: 

C. 2 (S. 14) ist mit Veränderung der Interpunktion so zu 
lesen: ä eixôg ioti yiveo&aî, ijv jiiJ tig tavza nçôteçov ddùg 
nçotpQOvtloj] neçi êxdozov. tov dk %qovov nQOlovzog xxX. 

G. 4 werden die Wohnplätze beurtheilt, welche den Nord- 
winden ausgesetzt sind. Von dem dort sich findenden Wasser 
heisst es : ta vdata zà oxXrjQa te Kai ipv%çà tig ènl to nXrj&oç 
yXvxalvezai. Welche Verlegenheit dies yXvxcdvezai den Heraus- 
gebern bereitet hat, ersehe man aus der Note Littrés zur Stelle. 
Das yXvxaiveo&ai erfolgt nur durch die Wärme, weshalb denn 
auch Coray das gerade Gegentheil ov yX. schreiben wollte. In 
dem Folgenden wird nun solches Wasser als höchst unverdaulich 



Digitized by CjOOQ IC 



HIPPOKRATES ABHANDL. ÜBER WASSER, LUFT U. ORTE 27 

geschildert Seine schädliche Wirkung übt es besonders auf den 
Unterleib aus, den es verstopft und verhärtet. Verhärtung, Trocken- 
heit, Sprödigkeit der Constitution im Allgemeinen und der unteren 
Sekretionsorgane im Besonderen, das sind die scharfbetonten Wir- 
kungen dieses Wassers. Nun ist c. 7 gleichfalls von besonders 
hartem, schwerverdaulichem Wasser die Rede. Dasselbe wird zu- 
gleich als salzig bezeichnet ♦ S. 30: bxâaa ai hoxiv aXvxà xal 
azéça/uva xal oxXrjQa, % raîxa fièv ndvxa nlveiv ovx aya&d. 
Weiterhin (S. 32) wird eine verstopfende und austrocknende Wir- 
kung vorzugsweise dem Wasser zugeschrieben, das nicht nur hart 
und schwer zu kochen, sondern auch salzig ist (va axXrjQoxaxa 
xal axeçafÂVÔxaxa xal id vçaXtxd (y data). Schliesslich wird 
noch ganz besonders darauf aufmerksam gemacht, dass es gerade 
die salzhaltigen Gewässer sind die nicht, wie man glaube, eine 
lösende, sondern eine entgegengesetzte Wirkung hervorbringen: 
bxbaa de (vdaxa) laxiv atéçaftva xai axXi]çà xai ijxioxa eipeiv 
aya&à, xavxa de Çvvloxrjoi [tSXXov tàg xoiXlag xai ÇrjQalvei. 
àXXd yàç ixpevopiévoi eïalv ol av&çwnoi xœv àXfivQviy vèà- 
xwv nèqt il aneiqlr\v % xal oxt voplÇexai diaxwQTjxixd. ta de 
havxidxaxôt èoxiv tzqoç xïjv dtaxtoQrjaiv. atéça/uva yàç xai 
âvixpava, uioxe xai xrjv xoiXlrjv vu avxécov oxiçea&ai fiaXXov 
rj xyxBO&ai. Ich glaube daher, dass auch an unserer Stelle für 
yXvxaivetai zu lesen ist àXvxà yivexai. 

C. 5 i. Anf. bxôoai ptèv (noXeiç) uqoç xàg àvaxoXàg xov 
i\Xlov xiovtai, xavxag elxoç ehat vyieivoxiçag xwv tzqoç xàg 
açxxovg ècxçafifiéviov xal xœv 7tQog xà &€Qfià, r\v xal oxàâiôv 
%b peraÇv fj. — to &eç/ud ohne substantivischen Zusatz kann 
nicht die Himmelsrichtung bezeichnen; es würde dies gegen den 
in unserer Schrift herrschenden Sprachgebrauch Verstössen, den 
man fast auf jeder Seite beobachten kann. Vor Ta &€Qftà ist xd 
nvevfiaxa durch Ueberspringen vom ersten zum zweiten xd aus- 
gefallen. 

C. 19 (S. 72): Mexéœça yàç xà nsdla xal xpiXà, xai ovx 
foxeq>dv(orai iïçeaiv, àXX* ivdvxsa anb (Barb.) x(av açxxœv 
avxéwv. Avxb&i ist unbequem, mindestens überflüssig, mag man 
es nun zu diesem oder zum folgenden Satze ziehen. Dagegen 
vergleiche oben zu Anfang des Cap.: Kiexai yàç in avxfjot 

VJJQIV CXQXXOIOIV xxX. 

Ilfeld. H. KOHLEWEIN. 



Digitized by CjOOQ IC 



ANALECTA. 

I. Arati carminum praeter reliquias a Buhlio collectas extat 
fragmentum tenuissimum quidem sed non spernendum in Helladii 
chrestomathia ap. Phot. bibl. cod. 279 p. 531 a 13 sq. grammaticus 
poslquam in eis quae antecedunt de vocula terra (Horn. J 412) 
disputa vit, in hunc modum pergit: xal aXXa ai ioti ÇevlÇovra 
èv toïç 'OfÂijçoVj (iê& 3 "Oprjçov âè aaçij tjj XQV aei Y^yovôta 
xal tr\v Xvotv tfjç artoçlaç èftideÇéfieva. %b dk titra ovâèv 
toiovtov tîjç àyvwolaç xai tov firj âirjitaQtîjo&ai èÇeiXero. 
ov toi vvv tit ta âeï yçaq>eiv, àXXà titXa, tîjç ini tiXovç 
avXXaßfjc a7toxo7te£orjç tov titXa&i. xai yàg iotiv evqeïv 
to tétXa Xeyofxevov tcclqcl diaq>6çoiç, riç xal "Açatôç qnjaiv 
iv Xagitiov fCQcitj] TitXa. quales fuerint Xaçiteç illae, 
doctiores velim investigent. formam verbi insolitam praeter Hella- 
dium praebet Hesychius omisso tarnen Arati testimonio, quod ex 
illo subscripsit M. Scbmidtius. ideo autem frustulum promendum 
fuisse putavi, quia in latebris lexicographorum grammaticorumque 
delitescit, quos nemo adit nisi coactus. 

II. Callimachus ep. XXIX Sehn.: xalQetB Xmtal 'Prjoieç 
'Aqi\tov avfißoXov ayçvTtvirjç. 1 ) Meinekio insolita nominis'^çi?- 
toç mensura offensioni fuit scribique iussit àxçrjtov. refutavit 
illum Diltheyus de Cyd. p. 11 n. 2 afferens Leonidae (Tarenüni) 
versura (Anth. Pal. IX 25, 1) e Callimacho expressum 

yQafÀfia rod* *Aqi\toio daijfiovoç, oç ttote Xsfctfj 
g>QOvtlôt âqvaiovç aotiçaç Itpqâoato 
assensumque nanctus est Schneiden, neuter perspexisse videtur, 
quam ob causam poeta primam syllabam produxerit. nimirum si 
geminatione litteram secundam (aQQrjtov — sic cod. Pal.) expressam 
fuisse statuimus, idem evadit quod indicari yuU Meinekius acrem 

1) hinc anonym. Anth. Pal. IX 689, 2: k>jç ovpßoXov àyQvnviijç et Leonid. 
Alex. VI 328, 2: ov/ußoXov tvtnitjç. tacite correxi numéros Schneider!. 



Digitized by CjOOQ IC 



ANALECTA 29 

nee interruptam vigiliam. festive igitur lusit Callimachus in pro- 
nuntiando amici nomine simulque summam ei laudem impertivit. 
ceterum Petavius 'Aqqtjtov scripsit, qua mutatione opus non esse, 
modo lttsum perspectum habeas, facile concesseris. 

III. Leonidas Taren tinus Anth. Pal. VII 660: 
Çelre, Svqoxôoioç toi àvijQ %ôô* etpUrai "Oq&w 

X^ifieçtaç fiedvtov fUjâctpà vvxvdç ïoiç* 
xaï yàq iyd xoiovxov %%o) (âoqov, avrï êi rtoXXSç 

nctrçiôoç d&veiav xeïfiat èçeooafÂSvoç. 
Medium distichon interceptum esse, cum de Orthonis morte ipsa 
nihil comperiamus, recte statuit Meinekius. tertii versus clausulam 
nemodum probabiliter restituit. corrigas avvl â' èçavvaç. tot 
vitia in tantulo poematio ne quis miretur, moneo omnino interpo- 
latorum libidinem in Leonidae epigrammatis depravandis adeo gras- 
satam esse, ut vix possint restitui, nisi imitatorum turba saepius 
viam emendandi monstraret. sed de hac re alio loco fusius erit 
dicendum. 

IV. Apollonius Argon. III 755 sqq.: 

ftvxvà dé oi xçaâlrj o%r}&éwv evtoa&ey ïdviev, 

rjeXiov aç tiç %e âôpoiç ivmâXXetott aïyXrj 

vdaioç èÇaviovaa, %o drj véov fjè Xeßtjvi 

r\é Tzov èv yavX$ xé%VTai' y d* 3 év&a xal ïv&a 

(oxelrj atçoq>aXiyyi tivàaaerai àtaaovaa. 
mirifice languet vox âô/uoiç, quibus repercussi solis radii insilire 
dicuntur. mutatione lenissima adhibita scribendum esse duco 

rjeXlov âg vlç te ôoxoïç iniftaXXerai aïyXrj. 
quam coniecturam veram esse docet imitatio Vergiliana (Aen. 
VIII 22 sqq.): 

sicut aquae tremulum labris ubi lumen aënis 

sole repercusso aut radiantis imagine lunae 

omnia pervolitat late loca iamque sub auras 

erigitur summique ferit laquearia tecti. 

V. Theocritum cum epyllion quod Hylas inscribitur compo- 
nent tacite correxisse Apollonii narra tionem (I 1207 sqq.) in 
scholis docuit praeceptor meus U. de Wilamowitz. atque laudandus 
est poeta bucolicus quod Polyphemum illum alterum Herculem, 
quem prorsus eodem animi motu perturbatum induxerat Apollonius, 
plane omisit. quod ne iusto acerbius videatur dictum esse, ipse 
velim compares, qualem se Polyphemus inde a versu 1240, qualem 



Digitized by CjOOQ IC 



30 KNAACK 

se Hercules inde a versu 1261 praebeant. hinc leo fame stimo*- 
latus progreditur, illinc taurus asilo agitatus; ambo furibundi eun- 
dem petunt. iure quaeres, quid omnino sibi velit importunus ille 
amicus, quem si suo Marte induxisset Apollonius, sanae mentis 
hercle non fuisset. at fuit amasius Hylae. dkcimus hoc ex scholio 
versui 1207 adscripto: 2œxQàrrjç h t(j> nçbç Eidô&tov %bv 
a YXav èçwfievov HoXvcrjfiov %al ov% 'HçaxXéovç 
yevéa&ai, itaque tbv "YXav SwxQarrjç vibv 'HçaxXiovç q>fjaiv 
(schol. Ambros. Theocr. XIII 17). Socratis aetas, quantum scio, 
accurate definiri nequit, sed banc fabulae conformationem inventam 
esse ab eo minime credo, immo ex eodem auctore pendet, quem 
satis inscite secutus est Apollonius, nimirum Cii, quae urbs a 
Polyphemo condita esse dicebatur (schol. Apoll. 1 1321. IV 1470 1 ))» 
incolae Hylan clamantes in montibus bacchari solebant (Strab. XII 
p. 564), unde nata est fabula de Polyphemi amasio rapto, cuius 
in honorem ille %r\v oceißaaiav instituisset hinc furor ille Poly- 
phemi apud Apollonium alias vix explicandus. et haec quidem 
rarior fabula, vulgaris est de Hercule Hylae amante, qui obsidibus 
acceptis ut puerum quaererent Cianos obstrinxisset. quod primus 
Cinaetho videlur narrasse, tertius supervenit Apollonius, qui cum 
hasce fabellas conecteret, gemella narratione enervari Tim poeticam 
non perspexit. maxime vero vituperandus , quod sibi ne constitit 
quidem. vide modo, quam cito defervescat Polyphemi furor, ubi 
amicum de raptu certiorem fecit, neque enim cornes est Herculi 
in vestigiis Hylae persequendis neque omnino Hylan videtur no* 
visse, cum legimus: 

rat ôè dibç ßovXjjoiv, 6 fikv Mvaolai ßaXea&at 
fiéXXev kîKovvfÀOv ccotv noXiaadfievoç izo%apoïo 
ElXaTlârjç noXvqyrjfAOç, 6 d* Evçva&rjoç aé&Xovç 
avTiç iùv rtovéso&cu e. q. s. 
haec scilicet cecinerat Glaucus (l 31 5 sqq.) ac rata facta stmt, iam 
quaerite Ciani, Alcides iubet, Tester rex non curat ilium! tanta 
oblivio ne Nicandro quidem ferri posse visa est, qui — si fidem 
habemus scholiastae Antonini Liberalis c. 26 — fabulam ita con* 
formavit: xoi 6 fikv (Hercules) éç ovx iavvato aXetova novr\- 

1) certos testis est Nymphodorus, qui hac de re forsitan egerit in No- 
pîftoiç ßagßaQixolc. qui sequitur Xaçiç tv nçûry Xçovwv nondum emeu- 
datus. minime placet XâçaÇ, quod conîecit Heringa, recepit Keilius. Cium 
cooditorem ceteri memoraot. 



Digitized by CjOOQ IC 



ANALECTA 31 

oâpevoç 1 ) iÇêvçêïv %ov <f YXav, naçeyépctù nçbç rfjv ravr xal 
avtbç fâiv efiXsi jtierà wv ccçiorétov (baec qnoque discrepant ab 
Apollonio), Iïoltxprjuov êè xataXelnei iv v$ xwçiq), 
et rtwç ôvvatto ÇijtcSv iÇevQeïv avtip tèv "YXav. xai 
b pb noXvqnjfÂOç ftp&rj telêvr^uaç, °YXa ai &vovaiv a%Qi pvv 
naçè *rjv nçrjvrjv ot kfti%wç>ioi e. q. 8. 
VI. Philodemus Antb. Pal. V 123: 

vvxt€QivîJ, âixéçcuç, <piXoTtâvvv%B, cpalve 2sXijytj 9 

qxxïve ai 9 evTçrpci)* ßaXXofievrj ffoçlâtov. 
avyaÇe xçvairjv KaXUatiov èç to <piXevvra)v 

Mçyot natoftrsveiv oè tp&évoç à&avârjj* 
èXfilÇeiç *al Trjvâe xal rjfiëaç, oiâa, SeXrjvt}' 
xal yàç afjv tpvyrjv ïyXeysv 'Evavfiltov. 
Belli poematii, quod per longe diversae quaestionis Opportunitäten! 
alias tractabo, secundum versum maculo deformatum esse vidit 
Diltheyus pro verbo ßaXXo/uevrj requirens aXXo/jivt], ne hoc qui- 
dem mihi sufflcere videtur. ni fallor, poeta scripsit: 

(palve ôi' evtçijttûv naXXo/névrj &vQlâtov. 
VIL Antipater Thessalonicensis Anth. Pal. IX 26 novem 
poetrias Graecas cum novem Musis comparatas enumerat. extrema 
epigrammatis pars ita tradita est: 

fovéa fxèv Movoaç fiiyaç Ovçavoç, fovea d* aixàç 
rata vé*ev dvctroïç acp&nov evcpçoovvav. 
avtàç tie apud Antipatrum quidem ferendum est. acumen red- 
ditur, si scribimus ivvéa â' avttç rata rixev. 

VIII. Cum de Phyllide Callimachea testimonia poetarum 
Romanorum componerem (Analecta Aleooandrmo-Romana p. 43), fugit 
me ipse ille versus Vergilianus (ecl. V 10), cui historiam adscripsit 
Servius, de qua dixi p. 40 sqq. vel potius non fugit; versabar enim 
in communi errore eorum, qui Phyllidem illam Vergilianam pro 
qualibet puella rustica accipiunt videamus, quid rei sit. Menalcas 
Mopso hosce canendos proponit: 

incipe, Mopse, prior, siquos aut Phyllidis ignés 
aat Alconis babes laudes aut iurgia Codri. 
ut ab extremo ordiar, Codrum nonnulli Vergilii amicum esse vo- 
tant, qui laudetur ecl. VII 22. cui maie convenire iurgia — mi- 

I) cod. noirîoâfAtvoç. corr. Otto de fabulis PropertianU part. I p. 48 
(dits. Vratiêl. 1880) ceteroqnin de Phileta fonte, ut putit, Hylae Propertitoi 
minime aadiendos. 



Digitized by CjOOQ IC 



32 KNAACK 

nime enim hoc vocabulum idem valet ac certamen — manifestum 
est. et ne in castra transeamus eorum, qui Godrum istum pasto- 
rem flcticium fuisse sibi persuaserunt, vetat qui sequitur Daphnis 
profecto ipse ille puer Theocriteus (v. 20 sqq.), unde iure 
mihi collegisse videor ceteros quoque homines esse a poetis con- 
celebratos. quid igitur obstat quominus statuamus — ut statuit 
Servius — Godrum hoc loco in! el legi ultimum Atheniensium regem, 
in quem apte cadere iurgia cum Doriensibus commissa nemo non 
videt? quamquam quis carmine celebraverit equidem nescio. ante- 
cedunt laudes Alconis. de hoc plane tacent interprètes. Servio 
si credimus, fuit nobilis ille Sagittarius Cretensis, cuius laudes ceci- 
nere Manilius qui dicitur (V 305 sqq.) Valerius Flaccus I 398 sqq. 
Gaetulicus Anth. Pal. VI 331. ') iam si recte hucusque disputavi, 
sequitur, ut Phyllidem intellegamus puellam Demophonti nuptam, 
cuius ignes versibus suis nobilitavit Battiades. 
IX. Ovidius ep. V 61 sqq.: 
aspicit inmensum moles nativa profundum; 
mons fuit, aequoreis ilia resistit aquis. 
hinc ego vela tuae cognovi prima carinae, 
et mihi per fluctus impetus ire fuit. 
65 dum moror, in summa fulsit mihi purpura prora; 
pertimui: cultus non erat ille tuus. 
fit propior terrasque cita ratis attigit aura: 

femineas vidi corde tremente genas. 
non satis id fuerat — quid enim furiosa morabar? — 
70 haerebat gremio turpis arnica tuo. 
tunc vero rupique sinus et pectora planxi 
et secui madidas ungue rigente genas. 
Vocem genas in versu 68 neque locum habere et ex v. 72 hue 
delatam esse facile perspicies. feci ante très fere annos coniectu- 
ram mentione indignam. quae cum proferretur, monuit me sodalis, 
cum v. 65 vestis purpurea e longinquo visa memoraretur, eandem 
porro utpote propius admotam oculis Oenonae prospicientis me- 
morandam esse, hinc profectus restituendum esse censeo 

femineos vidi corde tremente sinus. 
vox sinus statim v. 71 legitur, eadem versus sede XIII 36: indue 
regales Leodamia sinus, cf. XIV 51. 

1) cf. G. Kai bel de montan, aliquot graec. carm. (diss. Bonn. 1871) 
p. 16 sq. 



Digitized by CjOOQ IC 



ANALECTA 33 

X. Petronius cap. 127. Polyaenon — ita enim vocari vo- 
luit Encolpius Crotone — sic adloquitur Circe arnica: . ..non dixit 
tibi anciUa mea Circen me vocari? non sum quidem Solis pro- 
genies, nee mea mater, dum placet, labentis mundt curium detinuit. 
habebo tarnen quod caelo imputem, si nos fata coniunxerint. immo 
torn nesdo quid tacitis cogitationibus deus agit, nee sine causa 
Polyaenon Circe amat: semper inter haec nomina 
magna fax surgit. 

Extrema verba valde tanguèrent, nisi certos homines sigaificare 
voluisset scriptor elegantissimus. ae bene versata esse mihi videtur 
muliercula in rebus Epicuri, siquidem vera tradit Plutarchus (mor. 
p. 1098 b): ftacaßdXiojuev ovv tfj *ETtay,uvu)vôov fit]TQÏ tijv 
'Encxovçov %alqovaav 9 iïti %ov vtàv ineïôev elç %b Mjïtidiov 
hôeôvxôta xal xowjj fietot %ov Tlolvalvov ncuâonoiovpevov 
h, trjç KvÇixrjvijç êtatçaç, cui Circae nomen fuisse veri- 
shnile fit e Petronio. nescio num vetustiores interprètes — quos 
hic inspicere non licet — animum hue adverterint; apud Zellerum 
(Gesch. der grieeh. philos. Ill 1 p. 369 adn. 4 ed. tert.) certe nihil 
inveni. 

XI. Servius ad Verg. Georg. II 215 negant] Solinus et 
Nicander, qui de his rebus — &T]çiaxà intellegit — scripserunt. 
Solini nomen corruptum esse recte nuper statuit R. Kloizius (quae- 
stiones Servianae; diss. Gryphisw. 1882 p. 56). inter eos qui de his 
rebus scripserunt, si nomen requirimus quod proxime absit a 
scriptura tradita , optime hue quadrat Philinus. medicum fuisse 
testantur Plin. n. h. XX 247 et Ath. XV p. 681. 682, &rjQia*à 
composuisse nuper edocti sumus ab anonymo scriptore neQi loßo- 
Î.M xot arjltjrrjQltov (paQfuaKcov edito ab E. Rohdio in Mus. Rhen. 
XXVIÜ p. 273 sqq. 

Stettini m. Iunio mdccclxxxh. GEORGIUS KNAACK. 



H«rmM XVIII. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND 
ODYSSEE. 

Nachdem ich das Verhältniss der Dolonie zur Odyssee bereits 
früher (Hermes XV S. 557 ff.) besprochen habe ') , gebe ich nun- 
mehr auf den folgenden Blättern die Beziehungen sämmtlicher 
Bücher der Ilias mit Ausnahme des zehnten. Ausgeschlossen bleiben 
dabei im Allgemeinen die formelhaften Wendungen sowie die ein- 
zelnen eingesprengten Ausdrücke, theils um den Stoff nicht über- 
mässig zu vermehren, theils deswegen, weil bei stehenden Formeln 
und einzelnen Ausdrücken sich das Eigenthum selten wird rekla- 
miren lassen. Anders ist das bei ganzen Versen „individuel- 
len Gepräges" (Kirchhoff Od.* S. 269). Derartige Entlehnungen 
von Stellen, die für ganz andere Situationen geschaffen sind, legen 
immer einen gewissen Zwang auf und nicht immer wird es dem 
Nachahmer gelingen, das fremde Kleid sich ganz anzupassen. Daher 
wird im Folgenden öfter (z. B. 1. 2. 5. 6 u. s. w.) von der Unge- 
schicklichkeit des Nachahmers die Rede sein. Ganz merk- 
würdig ist es, dass bei solchen Entlehnungen sich nicht selten die 
Wiederholung ein und desselben Wortes findet (vgl. Nr. 8. 30. 
35. 37. 60. 62. 71. 86. 110. 112. 130). Zu der Ungeschicklich- 
keit gesellt sich wohl auch die Trägheit des Nachahmers, die 
sich in der Contamination verschiedenerstellen zeigt (4? 30. 

1) Erst nachträglich habe ich gelesen, dass van Herwerden in seinen 
quaestt. epp. et elegg. Utrecht 1876 dieselbe Ansicht in Kürze zn begründen 
versucht hat Auch Ranke (die Dolonie Leipzig 1881) kommt zu demselben 
Resultat. Sittl (die Wiederholungen in der Odyssee München 1882) polemisiert 
zwar gegen meine Aufstellungen, giebt aber doch S. 68 schliesslich das über- 
raschende Geständniss ab, dass manches in der Dolonie sei, was auf eine 
spätere Zeit als die, welche die Odyssee schildert, hinweise. Ueber den 
Standpunkt von Niese (die Entwickelung der homerischen Poesie, Berlin 1882) 
8. meine Recension in der Philol. Rundschau 2. Jahrg. Nr. 46. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 35 

37. 38. 49. 72. 91. 123. 126). Nachahmung kann auch zur Ge- 
dankenlosigkeit führen, woven sich im Folgenden eine ganze 
Anzahl Beispiele finden (4. 14. 20. 22 n. s. w.). Bekannte Verse 
werden leicht parodiert, indem der Nachahmer Wortcomplexe, 
die für eine ernste Situation geschaffen waren, in einer komischen 
▼«wendet Das scheint ewige Mal mit vollem Bewusstsein ge- 
schehen zu sein (12. 25. 67. 66. 104. 121). Manchmal sinkt der 
Nachahmer bis zur Roheit hinab (29. 55. 113). Ger nicht so 
selten aber macht er den Versuch, sein Vorbild zu übertreffen und 
geräth dann in die Uebertreibung hinein (37. 53. 60. 63. 101. 
116. 128). Einige Mal scheint er sein Vorbild direct zu ci ti- 
re D (5. 28. 66. 121) oder doch zum mindesten sich darauf, wie auf 
eine Autorität, zu beziehen. Mitunter macht sich die jüngere Zeit 
geltend, sei es in der Wandelung des Mythos oder der Sage 
(5. 26. 58) oder der Bedeutung der Worte (ôucTtçrjooetv 9. 
ïrjoi intr. 19. yaZa %a%e%u 26. tvyçalveir intr. 34. oxUlv 63. 
tçveo&ai 105. kvoifieXyc 115. àpq>iâi*ita 117. Ï£,o%qv äXXtov 
122. vetiriyç 129), obwohl auch in Bezug auf den letzten Punkt, 
die Bedeutung der Worte, manches, wenn nicht gar das meiste, 
der mangelhaften Auffassung des Nachahmers auf Rechnung ge- 
schrieben werden muss. 

Auf diese Weise sind 136 Stellen zusammengekommen, durch 
weiche sich der Leser wohl oder übel wird durcharbeiten müssen, 
wenn er zu einem eigenen Urtheil kommen will. Mein Resultat 
ist folgendes: unter den 136 Stellen sind nur drei und zwar 
io die Ilias später eingeschoben (102. 115. 120), iu wel- 
chen sich die Odyssee als das Original erweist. Durch 
dieses Resultat ist meines Erachtens die Möglichkeit, dass die Uias 
vor ihrer Vollendung von der Odyssee irgend welche Beeinflussung 
erfahren haben könne, völlig ausgeschlossen. Alle übrigen Stellen 
tragen den Ursprung aus der Ilias entweder deutlich an der Stirn, 
oder sie widersprechen wenigstens nicht. Und zwar ist keine Partie 
der Ilias zu nennen, die nicht in der Odyssee verwerthet wäre. 
Selbst Stellen, die von der neueren Kritik als späte 
Interpolationen ausgeschieden werden, erweisen sich 
immer noch älter als die Odyssee in ihrem heutigen 
Bestände: 

Ueber die Chryseisepisode vgl. Nr. 5, 
den Traum 16, 

3* 



Digitized by CjOOQ IC 



36 GEMOLL 

den Schififokalalog 22, 

Nestors Erzählung (A 670—762) 59, 

S 356-368 91, 

die % A$la 116, 

Hektors Losung 122. 126. 128. 
Inwieweit dieses Resultat einer erneuten Prüfung Stand halten wird, 
muss die Zukunft lehren. Die Beantwortung der Frage, ob die 
Benutzung der Dias in der Odyssee von einem oder mehreren Ur- 
hebern herrührt, behalte ich mir vor. 1 ) 

A. 
1*. Chryses bittet den Apollon (39), ihn an den Achäern zu 
rächen : 

eï 7to%i tot xaqUvT* ènl vyjov eQeifxx, 
f[ ei ôiq izo%é rot navà nlova firjçl' îxrja 
TCtvQtov rçd* atyah, vôôe (tot, xQrjrjvov êélâwç' 
tloeiav Javaol ifià ôccxçva aoïac ßileaacv. 
Aehnlich betet Eumäus (q 240) zu den Nymphen um die Heim- 
kehr des Odysseus, 

eï n or* 'Odvoosvç 
i!fÂfi* ifti fÂTjçl' !'xi?6 xaXvtpaç izlovt atjfup 
aQM~v ij<T èçlip<ûv, vôôe poi xçtjijva*' èélôioç' 
éç el&oi fikv xeïvoç àvrjç, àyétyot ôé ê ôaifiwv. 
Dass die eine dieser Stellen Nachbildung der anderen ist, liegt auf 
der Hand; aber welche, ist schwer auszumachen. Zwar dass 
Eumäus sich nicht auf seine, sondern des Odysseus Verdienste be- 
ruft, erscheint wunderlich; doch beruft sich Pendope (â 763) in 
ähnlicher Weise auf des Odysseus Opfer. Indessen scheint doch 



1) Diese Abhandlung war schon von Seiten der Redaction mit dem Druck- 
vermerk versehen, als mir das Bach von K. Sittl die Wiederholungen in 
der Odyssee (München 1882) zu Gesicht kam, in welchem das Thema mei- 
ner Abhandlung von S. 9—72 behandelt wird. Sittl kommt zu wesentlich 
anderen Resultaten. Wie begründet die sein können, wird daraus erhellen, 
dass von den 136 Stellen meiner Arbeit 82 bei Sittl fehlen. Sie sind im 
Folgenden mit einem Stern * bezeichnet Eine Durchsicht der 82 Nummern 
zeigt sehr bald das überraschende Resultat, dass darunter viele sind, bei denen 
Schwierigkeiten zu überwinden waren. Es mag das zufällig sein, aber jeden- 
falls ist es so. Sonst ist das Buch nicht ohne eignes Urtheil geschrieben, 
wie sich aus den Verweisungen auf dasselbe ergiebt, die sich in meiner nun- 
mehr mit Rücksicht auf Sittl umgearbeiteten Abhandlung befinden. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 37 

die seltsame Zweitheilung des Nachsatzes U&oi pév . . . àyctyoi ôé 
nur gemacht zu sein, um den Vers zu füllen. 

2. Achill ergreift in der Volksversammlung das Wort (60): 
'Arçeiârj, vvv äfifie TtàXtv 7zXay%$èv%aç aim 

atfß âïZOvooTrjOêiv xci. 
dagegen meint Alkinous v 4: 

*û 'Oôvooev, ènêl ïxev iftov notl xahtaßaihc ôto, 

vxpeçBcpéç, *$ <f' o$ti ftotktv itXay%&àv%a y 3 oiw 

atp àrtovoavqoeiv ml. 
So einfach die Ilias hier ist, so seltsam die Odyssee. Schon die 
Auffassung des Sinnes hat ihre Schwierigkeit. Hentze Anh. zu y 6 
macht es einleuchtend, dass durch &tp artovoottjoeiv nicht die 
Heimkehr nach Ithaka, sondern die Rockkehr zu den Phfiaken be- 
zeichnet ist. Was das Einzelne anbelangt, so hinkt nach dem 
formelhaften %ctlxoßatkc dc3 doch vx//eç€(pég bedenklich hinterher. 
Ferner ist t$ nach dem eitel des Nebensatzes überflüssig, ja von 
71 Steilen, in welchen es bei Homer „demnach", „darum" be- 
deutet, ist dies die einzige, wo es im Nachsatz steht. Endlich er- 
scheint auch y« hinter rtktyx&évva dorchaus entbehrlich und 
offenbar eingeflickt, um den Hiat zu vermeiden (vgl. Sittl S. 10). 
Alle diese Schwierigkeiten erledigen sich, wenn wir annehmen, 
dass der Verfasser die betreffende Iliasstelle verwerthen wollte und 
dies auf keine geschicktere Weise ermöglichte. 

3. Agamemnon tritt dem Achill gegenüber (103) 
àxvvfievoç* fiiveùç êè fiéya yçéveç àfinpinéXaivai 
nlfiTcXavT* , Saaê ôé ol tivqï kafjiftetôœvTt ilxty*. 

Beide Verse stehen auch ô 661 und zwar hinter dem formelhaften 

volaiv S* Idptivooç fittéqrrj, Evnei&éoç vtôç, 
wonach wir eigentlich sofort die Rede selbst erwarten. Doch s. 
Hentze Anhang 3 zu â 661, der noch ein paar derartige Stellen 
nachweist. Die Verse 661. 662 sind also nech nicht desshalb zu 
athetiren, weil sie hinter jener Formel folgen (s. Kirchhoff Od. 1 
S. 194). Es dürfte das nichts als Ungeschick des Verfassers 
jener Stelle sein, was skb auch darin kund giebt, dass gegen 
den abwesenden Tetemach derselbe Ausbruch der Entrüstung wie 
gegen den Beleidiger Agamemnon ausgedrückt wird (s. Faesi zu 
i 661). Die Athetese der Alexandriner billigen neuerdings Lentz 
<fc verribus apud Homerum perpêram iteratis p. 23 und Sittl S. 11. 
Auch in diesem Falle ist dief Ilia* das Original. 



Digitized by CjOOQ IC 



38 GEMOLL 

4*. Achill wirft im Zorn sein Scepter zur Erde (245): 
wç <pa%o TlT]XeLôr]ç, no%i âè axi}feTQOP ßdle yaifl 
XQvoeloiç yXoiat izëxaçfiévov, ïÇeto d' avwoç. 
Dasselbe thut Tdemach ß 80: 

wç q>à%o xwôpevoç, notl de onrjfttçov ßake yalt] 
âoKQv âvançrjoctç' oÎxtoç ô' Ufa labv artatta. 
Ich will gar keinen Worth darauf legen , dass dâxQv àv<mçrjaaç 
nur noch / 433 vorkommt (Faesi in ß 81), aber dass ß 81 Tele- 
mach nach diesem Ausbruch des Schmenes sich nicht niedersetzt, 
wie Achill es tfavt und wie sich» in der Volksversammlung ge- 
hörte, das erscheint mir als ein Zeichen der Gedankenlosig- 
keit des Nachahmers, der wir noch öfter begegnen werden. 
5. Von Nestor heisst es (250): 
tip i 1 ijaij &&o phv yeveai (XBQÔrtiûv àv&çcirtwv 
ip&lay, o% ot rtQÔa&êv S/ticr tçâqw ijâ' lyévorto 
h Jlvhp rjya&éj], petà de %çi%&toiow avuovev. 
AUo er regierte jeta die dritte Generation seiner Zeitgenossen. 
Aber y 245 beisst es: 

%çïg yàç dtf ptiv qtamtv ccvâÇao&at yire' ivÖQwv 
Die Schwierigkeiten der letzteren Stelle bespricht in trefflicher 
Weise Hentze Anh.* zu y 244. Der genaue Wortstnn ist kein 
anderer als: sie sagen ja, dass er drei Generationen hindurch 
regiert hat. In dan Aorist àvà%aa&ai liegt offenbar eine Stei- 
gerung im Vergleich zur Uias. Dort regierte er noch in der drit- 
ten Generation, hier spricht man davon wie von einer vollendeten 
Thatsacfae. Dieser Aorist ist nun nach Nauck durch Verderbniss 
entstanden aus àvaaaépev, nach SittlS. 11 durch Missverstfindniss 
der Iliasstelle, in beiden Fällen also vom Verf. der Stelle unbeab- 
sichtigt. Ich hake das für sehr unsicher und meine, dass es ebenso 
möglich ist, dass der Verf. den Aorist absichtlich setzte, um auf 
jene Iliasstelle hinzuweisen und anzudeuten, dass inzwischen die 
Zeit abgelaufen ist. Darin werde ich durch den Zusatz <p*Qb be- 
stärkt, der auch in Nr. 32 dient, um ein directes Citât der 
Ilias anzuführen. Schon dieses Zusammentreffen stützt unsern Vers 
in seinem gegenwärtigen Zusammenhange einigermassen gegen 
Aristarchs und mancher Neueren Athetese. Es kommt aber noch 
hinzu, dass die Rede Telemachs, wie sie sich von Mentor zu Nestor 
wendet, eines Uehergangs bedarf, welchen eben Vss. 244 — 246 
geben sollen. Dass er ungeschickt ausgefallen ist, das ist noch 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 39 

kein Zeichen der Unecbtheit Ich billige daher durchaus das Ver- 
fahren Kirchhofe, der die drei Verse unbehelligt liess. 

6*. Thetis läset den Achill zürnend zurück um das schone 
Weib (430), 

ri/y §a ßlfi aixovtog intjvqiüv. 
Od» i 646 fragt Antinous den Noemon, ob ihm Telemach das 
Schiff mit Gewalt genommen , oder ob er es ihm freiwillig ge- 
geben habe: 

ij €€ ßlfj àéxovTOç àrtrjvça vija fUlaira* k%1. 
Diese an sich unbedeutende Uebereinstimmung bespreche ich hier 
deswegen, weil G. Hinrichs (die homerische Chryseisepisode Her- 
mes XVII S. 59 ff.) grossen Wertb auf dieselbe legt. Dieser Ge- 
lehrte will den Nachweis erbringen, dass A 428 — 92 eine Flick- 
arbeit aus Dias, Odyssee und hymn, in Apoll, ist. Was die Odyssee 
anbelangt, so kann ich nicht finden, dass auch nur eine Stelle 
derselben als Original erwiesen ist leb werde vielmehr das 
Gegentheil an sammtlichen Stellen nachweisen, die 
nicht epische Formeln sind, und wende mich nun zu A 430. 

Man hat es als unrichtig bezeichnet, dass in der lüasstelle 
von Gewalt gesprochen werde; Achill lasse ja die Briaeis ruhig 
ziehen. Aber wenn der König die Herolde nach der Jungfrau 
schickt und eventuell selbst zu kommen droht (324), ist denn das 
nicht Gewalt? Hinrichs nimmt ferner Ans toss an dem Plural 
àntjVQMv. Ohne allen Grund. Wenn es einen Singular (/ 131) 
giebt, warum soll es nicht einen gleichlautenden Plural geben? 
Was endlich die Construction anbelangt, so giebt Hinrichs S. 106 
selbst zu, dass sie in der Was leichter sei als in der Odyssee. In 
der That steht es so, dass ànavQav twa àé*ovtoç sc. wog eine 
begreifliche Construction ist, die noch / 131 wiederkehrt, dass 
dagegen in der Construction der Odyssee àrtavç&Y %v*à %i der 
Genetiv aexovtoc eigentlich unbegreiflich ist. Daher auch die ver- 
schiedenen Aenderungsversucbe, Doch wird eine Aenderung un- 
nöthig, sobald wir in â 646 eine Nachahmung und zwar eine 
ungeschickte von A 430 erkennen. Das ist auch die Meinung 
Kirchhofs (Od. 1 S. 19$) gewesen, der überhaupt die Stellen der 
Chryseisepisode, die er als in der Odyssee wiederkehrend erwähnt« 
sämmtlich aus der Ilias herleitet (s. auch Hinrichs S. 105). Uebrigens 
werden wir aus dem Schluss von i (620—847) noch öfter Stellen 
als der Ilias nachgeahmt vorfinden. Vgl. Nr. 3. 5 f. 



Digitized by CjOOQ IC 



40 GEMOLL 

7* Zwei Verse weiter heisst es (432): 
Ol ö 3 ote âij Upévoç tzoXvßev&eoc ivtoç ïxàvto, 
tot La pèv oteiXavto, &iaav <T iv vtjl pelai* j], 
îotov d 3 lotodoxrj rtilaoav nqotbvotoiv vqtévteç 
xaçncckifitûç, trjv â* eiç ocptov rzQoéçeooav èqetfAolç. 
Hinrichs nimmt S. 68 an der Wiederholung èvtoç lifiévoç (432) 
und eiç Hcfiov (435) Anstoss, wieder zu Unrecht. Das Schiff segelt 
bis in den Hafen und wird dann in die Ankerbucht hineingerudert 
(v 279). Wenn Anstoss su nehmen ist, so ware es eher an der 
betreffenden Odysseestelle o 495. Dort heisst es: 
ol <T èni %éçaov 
Trjkefiàxov etaçoc Xvov îatlct, xàd d* Ulov îotov 
xaQ7talifuoç, Ttjv a' eiç oçftov nQoéqeooav èçstfioïç. 
inï %iQoov heisst sonst 1) auf dem Lande x 459 «o 111 291, 
2) auf das Land zu 3 284 % 279. Hier allein bedeutet es 
'in der Nahe des Landes'. Hinrichs' Erklärung (S. 67) 'die am 
Lande Angekommenen' ist sprachlich unmöglich. Sittl S. 13 be- 
merkt noch nach Düntzer (Horn. Abhdl. S. 192), dass tyv o 497 
keine Beziehung hat wie in der Ilias, wo 433 h vtji ftelalvj} 
vorhergeht. 

8*. Die Opferfeier enthält folgende Verse (460—66): 
firjQOvc v* iÇéTCtjuov xata te %viOj\ htakvtpav 
6i7ttv%a TtOêijoavteç , in* avt&v i* mpo&éttjoav. 
naïe à* h$l oxtÇflç o yéçwv, erti <f oïvotta olvov 
heiße' vioi ôè ftaç* avtbv Ifaov TtefxmißoXa %eçolv. 
aiftàç in el xatà (atjq* hxctrj xcrt OTtXayyva nàoavto, 
filatvllov T d Sça t 3 alla xaï àpi<p x oßeXotoiv hteiçav, 
difttrjoàv te ?TêQt(pQaâéù>ç, içvoavto êh navta. 
Die ersten sechs dieser Verse finden sich wörtlich y 457 — 62, an- 
statt des siebenten heisst es: 

ärttwv <f OMQ07ZÔQovç oßelovg iv %eQoiv M%ovteç. 
Diese ungewöhnliche Veränderung einer gewöhnlichen Formel er- 
klärt sich daraus, dass Telemach während des Bratens gebadet 
wird. Daher ist auch das Imperfect taittiav mit gutem Bedacht 
gewählt. Erst als Telemach wieder unter den Männern ist, heisst 
es im Aorist (470): 

ol <T hte\ umtrjoav mX. 
Durch diese Veränderung, die aus der veränderten Situation eit- 
stand, ist es gekommen, dass nun bßeXoc in zwei Versen htnter- 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 41 

einander vorkommt. Das ist immer ein ganz sicheres Zeichen der 
Entlehnung. 

Ob aber aus der betreffenden Uiasstelle, oder aus dem epischen 
Formelschatz? Das Formelhafte der Verse läset sich nicht weg- 
leugnen, gleichwohl neige ich der ersteren Annahme zu wegen der 
Worte: ytciïs d 3 Inl o%LCjig *> yéçwv. Dass ein Greis der Opfernde 
ist, kann unmöglich dis stehende Institution betrachtet werden. Ich 
glaube daher, dass die Iliasverse für die Situation, der sie dienen, 
gedichtet sind. Lentz a. 0. S. 24 nimmt das Gegentheil an, weil der 
Ausdruck vioi von Nestors Söhnen passender sei als von Odysseus 
Begleitern. Das ist ei» Irrthum. Die véot der Ilias sind nicht 
Odysseus Begleiter, sondern Opferknaben. S. F. A. Wolf Vorlesun« 
gen zu A 459. Dieselben heissen nachher (470) xovçoi und kre- 
denzen den Gefährten des Odysseus den Becher. In der Odyssee 
ist dann der Ausdruck auf Nestors Söhne übertragen. 

9*. Bei der Abfahrt der Griechen von Chryse heisst es (481): 

h d 1 ävefioc rtcfjaev fiiaov latiov, afiq>\ de xvfia 

atelçt] itOQtpiçBOv fieyâX* taxe vyoç îovatjç' 

ij d 3 Uêêêv nota xvpa âtQTtçrjaoovaa xéXeb&ov. 
Damit ist die Beschreibung der Fahrt zu Ende, denn es folgt: 

ovtctQ hnsL q 3 ïxovto xoTOf otQotbv evçvv 3 Axaiwv x*A. 
Was wollte man auch nach aiartcrjooco „durchmachen", „vollen* 
den u noch erwarten? Doch finden sich wunderlich genug obige 
drei Verse ß 427—29 vom Beginn der Fahrt. Das Buch schtiesst: 

na*vv%it] fiév § 3 fjye xai tjui Tt&QB xélev&ov. 
nelçeiv xélev&ov, nach der Analogie von xvpata nelçsiv oder 
tâfÂvetv gebildet, kommt nur hier vor und ist offenbar eine Va- 
riante für èian^qaauv xéXev&ov, was der Verf. schon verwandt 
batte. Er fasst also ôicmç^oaecv nicht als „vollenden", sondern 
als „durchschneiden". Man sieht, die oft gehörte Phrase verliert 
schliesslich ihren eigentlichen Sinn, sie wird gedankenlos ge- 
braucht 

10*. Nach der Berathung zwischen Zeus und Thetis folgt der 
Vers (531): 

%(b y* dg ßovlevaavTe iiétfmyw y pihv Stzstzce xjX. 
Derselbe Vera findet sich v 439 am Schlosse des Zwiegesprächs 
zwischen Athene und Odysseus. Dass diese beiden Beratungen, 
welche für die Composition beider Gedichte von der höchsten 
Wichtigkeit sind, mit demselben Verse schliessen, ist offenbar kein 



Digitized by CjOOQ IC 



42 GEMOLL 

Zufall, sondern deutet auf eine directe Enüehpung, da (ter Vera 
zu den epischen Formeln doch nicht gerechnet werden kann. Das* 
die llias das Original bietet, lässt sich aus der Stelle selbst nicht 
beweisen; jedenfalls lehren aber solche Stellen, wie genau der 
Verfasser des späteren Gedichts das frühere im Kopfe hatte. VgL 
Nr. 97. 

11. Den von der Berathung mit Thetis zurückkehrenden Zeus 
empfängt Hera mit den Worten (540): 

tig â* ai toi, ôokofifjta, &eßv avfitpQaaaavo ßovkag; 
Ebenso fragt Proteus i 462: 

%lg vi toi, J Atqiog vii, &e<2* ovpftQacaaTO ßovlccc, 

oq>QV ii ïkoig ccexovta %th 
Um hier die llias als das Original zu erweisen, bedarf es nicht des 
Hinweises, dass d-ewv in der Odyssee weniger gut angebracht ist. 
Denn Hera konnte wissen, dass nur ein Gott in den Olywp ge- 
langen konnte, dem Menelaus aber konnte auch ein Seher ver- 
rathen haben, wie er Proteus fangen könne. Aber die Frage selbst 
ist in der Odyssee auffällig. Proteus sollte nicht wie Hera fragen: 
wer hat sich mit dir berathen, sondern entweder: mit wem 
hast du dich berathen oder wer hat dir geratben u. s. w. Dass 
die Frage eben so gestellt ist, kann ich mir nur erklären, wenn 
ich annehme, dass der Verf. der Odysseestelle sich von der Er- 
innerung an die llias nicht losmachen konnte. Auch Sittl S. 13 
nimmt an Gv^ççaçoato Anstoss. 

12. Hephästus ermahnt die Eltern nicht der Menschen wegen 
zu hadern (èçiâatveiv) 575: 

ovâi vi äaitog 
èa&lrjç eaaetac rjâoç, iitsl ta x&Q*l°*<* **>*$> 
a 403 sprechen die Freier : Wäre doch der Fremde wo anders um- 
gekommen : 

vvv dk iz€QÏ n%w%üv èçtiaivoftev, ovêé ti ôecitoç 
èo&lrjg eaaetat fjdog, eneï ta xeçelova vtxçL 
Mit Recht bemerkt Faesi, dass diese Stelle aus der entsprechenden 
Iliasstelle entnommen ist. Denn das 18. Buch der Odyssee ist 
namentlich zu Anfang reich an Anspielungen, die fast den Ein- 
druck der Travestie machen. Ferner ist der Tempuswech- 
sel içièaivêfiw — ewetai hier auffällig, während dem icaetac 
der llias noch ein zweites vorhergeht. Wenig tiberzeugend er- 
scheint mir, was Sittl S. 13 an dem Futur in der Odyssee auszu- 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 43 

setzen hat, dass nlmlich von einer Mahlzeit, die schon tu Ende 
sei, das Futur nicht gebraucht werden könne. Aber doch woU 
von den künftigen Mahlzeiten? 

18*. Daß unauslöschliche Göttergetechter (599): 
aaßeatog d' äf ' fotoqto yéltoç fiaxctceeai &êoïai* 
findet sich auch und zwar höchst wirkungsvoll & 326. 

B. 

14*. Agamemnon erwacht (42): 

SÇeto ô* ôç&w&eiç, paXaxbv d' ïvivve % it (ova. 
a 436 öffnet Eurykleia dem zu Bett gehenden Telemach die Kam- 
merthör und er: 

i'fiTO <T h XéxfQip, A*<*Aöxo* â J ïndvve %**c5*a. 
Wer setzt sich? Dass das Telemach und nicht Eurykleia ist» kann 
man nur aus dem weiteren Zusammenhange errathen. Ferner be- 
merkt Kirchhoff (Od. 1 S. 178), dass es unklar bleibt, warum Tele- 
maeh sich zum Ausziehen setat. Beim Aufstehen ist das etwas 
Anderes. Demnach dürfte hier B 42 zweifellos die Quelle sein. 

15. Agamemnon beginnt seine Erzählung vor denGeronten: 
(56) xkvte, gflka, &eïog /u<h ivvttviov fjl&e* ovbiqoç. 

Ebenso Odysseus f 495. Hier verwarf Aristarch den Vers, weil 
jener unmöglich im Hinterhalt geschlafen haben könne. Doch weist 
Situ S. 15 darauf hin, dass sie 479 wirklich schlafen. Das Wun- 
derlichste aber ist, dass trotz dieses Verses in der Odyssee gar kein 
Traum erzählt wird. Um so schwerer aber ist es begreiflich, wie 
ein solcher Vers interpolirt werden konnte. Ich bin daher der 
Meinung, dass er aus reiner geistiger Armuth zur Anrede ge- 
wählt ist. Ausserdem hat, wenn «r wegfallt, das ydg 496 keine 
Beziehung mehr. 

16. Agamemnon erzählt von dem Traumbild (58): 

HaXiova ôh Néatoqi ôiiû 
ùâôç te fiéye&oç te (pvrjv t* ay%tota kqjnei. 
Odysseus sagt Ç 152 zu Nausikaa: Wenn du eine Göttin Inst, so 
vergleiche ich dich der Artemis am nächsten: 

eîâoç te péye&oç te ipvyv t* cty%iota ilaxta. 
Die Zusammenstellung eiâoç te ftéye&àç te qtvrj te kommt nur 
an diesen beiden SteBen vor. Wir haben es also nicht mit einer 
geläufigen epischen Formel zu than, sondern mit directer Entleh- 
nung. Sittl bezeichnet S. 15 die Odyssee als Quelle, weil die 



Digitized by CjOOQ IC 



44 GEMOLL 

Häufung pallor* ay%iatct unerklärlich sei. Doch findet sich in 
demselben Buch B 220 noeh fy&iorùç fiâXiora. Es scheint mir 
also kein Grand vorhanden hier anders zu urtheitai als in Nr. 14 
und 15. Situs Schlüsse sind eben ans zu unvollständigem Material 
gezogen, um probehakig zu sein. Ich constatire, dass die drei 
hier behandelten Stellen des Traumes B 42, 56, 58 
sich als Quellen der betreffenden Odysseestellen er- 
geben haben. 

17. Die Griechen standen auf der blumigen Skamander- 
wiese (468) 

fAvçioi oaaa ve q>vXXa aal äv$ea yiyvetat, &Qji' 
Als Appellalivum bedeutet acrj immer Zeit, nur hier und i 51 
„schone Zeit", „Frühlingszeit", t 51 kommen die Kikonen herbei 

rjX&ov %ftBi9^ 9 Saa <pvXXa xcri av&ea ylyverai äcrj. 
Dass auch hier die Ilias die Vorlage der andern Stelle war, schliesse 
ich 1) daraus, dass das Kikonenabentéuer Oberhaupt sehr unselb- 
ständig ist, 2) aus der Weglassung von fivçiot in der Odyssee, 
wodurch doch eigentlich das Gleichniss erst ermöglicht wird. S. noch 
Sittl S. 16. 

18. Im Schiffskatalog, welcher mit 484 beginnt, heisst 
es (581): 

oï 6* elxov %oiXr\v ^iaxeâalfiova xrjTioeaçav, 
die führte ihm der Bruder, der Rufer im Streit Menelaus. ô 1 
lesen wir von Telemach und Pisistratus: 

oï d' l§ov xoiXrjv ^4axedai/AOva xrjTtaeaoav. 
Wenn man auch xolXrp ^ta%%iaiptûva Mjiweaoav als formelhaft 
erklären wollte, so deutet doch der gleiche Anfang auf directe 
Entlehnung. Welche von beiden Stellen Original ist, wird sieh 
aus ihnen selbst schwerlich ausmachen lassen. 

19*. Weiterhin im ScbifiTskatalog steht von Nestor (602): 

*$ d' ivevTjxovta yXagwcai véeç io%i%6<av%o. 
Auf jedes Schiff kommen 50 Mann (B 719 J7170), das macht 
4500 Pylier. Dieselbe Zahl ergiebt sich aus y 7: 

èvvia <T edçai Maar, nevraxooioi â* iv ênâmj). 
Ob diese Uebereinstimmung aus dor Sage stammt, oder ob der 
Dichter der einen Stelle die andre kannte, wer will das ausmachen? 
Ich vermuthe allerdings das letztere, aber «neu sicheren Beweis, 
dass der Schiffskatalog hier die Quelle ist, liefert der analoge Fall, 
dass Odysseus im ScbifiTskatalog (637) wie in der Odyssee (* 159) 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 45 

zwölf Schiffe führt, noch nicht ; doch vergleiche man die folgen- 
den Nummern. 

20. Den Arkadern hat Agamemnon die Schiffe gegeben (614) 

àitû ov aq>i &aXàooia hçycc fieurjXsi. 
« 67 werden im Hain der Kalypso Seekrähen erwähnt, 

tjjaiv te &aXâooia ïçya nifÂtjXev. ' 
Hier zeigt sich tum ersten Mal der Schiffekatalog deutlich ab Vor- 
lage der Odyssee. Denn man wird es Sittl (S. 17) zugeben müssen, 
dass der Ausdruck öaXctooia fyya (AißtjXe ebenso unnatürlich von 
den Seekrähen als natürlich von den Arkadern ist Faesi-Kayser 
verdächtigt deshalb den Vers, doch s. Nr. 22. 

21. Die Leute des Protesilaus führt Podarkes (707), 
OftXoteçoç yevefj* 6 ô y a/ua nçoteçoç xai àçeiwv. 

Odysseus giebt sich % 184 für den Bruder des Deukalion aus 
ifiol à* ovofia xXvtdv Aï&tov, 
OftXoteçoç yevefj' o â* aça fcçôteçoç xal àçelwv. 
Die lockere Construction der letzten Stelle tadelt noch neuerdings 
Sittl (S. 17). Kayser schreibt: xXvtoç Aï&wv, Nauck gar: iya> 
<T ovoptot xXvtbg Aï&œv. Doch fürchte ich, dass das Verbesse- 
rungen des Dichters sind. Die lockere Construction erklärt sich 
zur Genüge aus der Herübernahme des Iliasverses in die Odyssee. 

22. Nach dem Schiffskatalog (721) ist Philbktet in Lern dos 
zurückgelassen, 

ctXX* o fikv èv vr\o<$ xelto xçatéQ* aXyea Ttaüxtov. 
Dass er harte Schmerzen erleidet, ist bei ihm eher zu glauben als 
bei Odysseus e 13. Schon der Scholiast bemerkte, dass tetirj- 
fiivog rpoQ für die Odyssee passender wäre. Ferner macht Sittl 
S. 17 treffend darauf aufmerksam, dass xeïo&at für die Lage des 
Odysseus wenig angemessen ist. Demnach ist * 13 wie e 67 
(Nr. 20) aus der Ilias entlehnt, der Schiffskatalog also 
Quelle des Eingangs von e. 

23. Des grollenden Achilleus Leute vertreiben sich die Zeit 
(774), 

âioxoiaw téçnovto aal alyavéfloiv lévtêç. 
Derselbe Vers findet sich von den Freiern â 626 und q 167. 

24*. Iris sagt zu Hektor: Viel Bundesgenossen sind in der 
Stadt (804), 

&XXtj d' äXXiov yXwoaa noXvaneçéwv àv&Q<onw* 



Digitized by CjOOQ IC 



46 GEMOLL 

Von Kreta heiset es % 175 

äXXtj <f aXXtav ylwaoa fÂefuyfÂévrj. 
Zu fiêfuyiiérrj erwarten wir nicht den Nominativ yXüoma, sondern 
den Dativ. Der Nominativ erklärt sich aus der Vermischung zweier 
Constructionen, 1) der obigen B 804 und 2) einer soleben wie 
J 438: 

oi yaQ 7tdvtwv rjev oßag &$6oç Gvi' %a yfjçvç, 

all* yXwo** ifiéficxto xtX. 
Eine solche Vermischung zeigt unwiderleglich, dass der epische 
Dialect in einem Zustande der Erstarrung begriffen war zu der 
Zeit, wo die Odyssee ihre gegenwartige Gestalt erhielt Vgl. Nr. 9 
und 11. 

r. 

25*. Paris erbietet sich zum Zweikampf mit Henelaus (71): 
07ifi6*€QOç dé xe vi%i\aji xçelooior te yévrjtat, 
xtijjkû^ 3 éXùv èv navra yvvaîxa te oïxaâ* àyéo&to. 
a 46 sagt Antinous zu den beiden Bettlern: 

OTtnoteQOç dé xe vixrjat] xçeiaaojv te yévytat, 
tâunr, ijv x* i&éXgoiv, avaatàç aitoç eleo&w. 
Klingt das nicht wieder wie eine Parodie? Vgl. Nr. 12. 

26*. Helena klagt bei der Mauerschau, dass sie ihre Brüder 
nicht sehe (237), 

Kaatoça &' innoôafiov xai rct/£ aya&ov JZo- 

Xvöevxea, 
avtoxaoiyvrjtüß, toi ftoi pla yelvato fÂijt7]ç . • . 
(243) tac qporo, tovç i 3 ijârj xàte%ev çvolÇooç aîa xtL 
Odysseus erzählt X 299, er habe auch Leda gesehen, 

fj $' v7to Tvvâaçétp xçateçoq>çove yelvato nalâe, 
Kaatoça &' litftodapov xaï 7tv% àya&ov JZo- 

Xvdevxea, 
tovç afÀqxa Çtaovç xaté%ei qtvolÇooç aîa. 
Schon Faesi-Kayser (zu X 298) urtheilt, dass die Odysseeverse 
„gewiss jünger" seien. Sein Grund, dass die Dioskuren in der 
llias noch wie gewöhnliche Menschen als verstorben bezeichnet 
werden, wahrend sie in der Odyssee abwechselnd leben, ist ge- 
wiss wichtig genug, reicht aber nicht hin, um die directe Ab- 
hängigkeit der Odysseestelle zu begründen. Den mangelnden Be- 
weis tiefern folgende Erwägungen. 1. Es liegt wohl auf der Hand, 
dass, wenn der Sänger der llias von der abwechselnden Unsterb- 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 47 

liebkeit der Dioskuren unterrichtet war, er sie nickt wie gewöhn- 
liche Menschen enden lassen konnte. 2. Wenn Leda in il nor die 
Matter der Dioskuren genannt wird, wahrend doch Helena gleichen 
Ruhm wie ihre Brttder beanspruchen konnte, so ist das auff&llig; 
wenn Helena dagegen nur Ihre beiden Brttder nennt, so ist das 
in der Ordnung, da nur diese unter den Kämpfern sein konnten. 
Dass der Verf. von il nur die Brttder nennt und zwar genau mit 
den Worten von T, darin finde ich die Unfreiheit des Nach- 
ahmers wieder. 3. Die gewohnliche Umschreibung von „todt seht 41 
yaïd tiva xatéxsi bat in il einen ganz neuen Sinn erhalten durch 
den Zusatz Çtoovç. Vgl. dta/rftjatfco in Nr. 9. Deshalb tilgte 
Bekker il 301, aber die unmittelbar folgenden Verse erregen nicht 
geringeren Anstoss. Die abwechselnde Unsterblichkeit wird geradezu 
unlogisch so ausgedruckt (302 f.): 

allots (âiv Çwovc' fosQrjpsQOi, allots <T aits 

têxhaoïv. 
Es sollte heissen entweder: allots fiiv Çwovaiv, alio ts d' 
ait s tsfhäow oder: hsfrjfdSQOi fiiv Çwovoiv, êtsQrjusçoi âh 
ts&v&oiv. Ich finde daher keine Veranlassung mit Bekker diese 
Verse an ihrer Stelle zu belassen und 301 und 304 (Horn. Blat- 
ter HS. 37) zu tilgen. Sie stehen und fallen hier alle mit- 
einander. 

J. 

27*. Athene fährt wie eine Sternschnuppe vom Olymp herab; 
Troer und Achüer staunen (82): 

(Lös èi tig sÏtzsoksv iâwv iç nlrjolov ällov 
r\ $* avttç nôlsftôç te nanèç *ai qtilûntç alvri 
ïavstai, rj ftlotrjta pst' ipytotiçoiai tl&rjoiv (se 

Zens); 
Dieselbe Gottin fragt m Alb denselben Zeus: 
17 ftfOtiçm nôlsfiév ts xaxèv xal yvlontv aivrjv 
tsvÇsiç, tj qulotrjta pst' dpig>ot4çoioi tl&tjo&a; 
In beiden Fallen also dieselbe Situation, dieselben Personen, die- 
selben Worte. Zum Ueberfluss antwortet Zeus der Athene, welche 
mit Ilia8versen gefragt hat, bei dieser Gelegenheit mit einer Odyssee- 
stelle s 23. 24 — eu 479. 480. Uebrigens s. noch Nr. 44. 

28*. Wahrend der Epipolesis halt Eurymedon dem Agamemnon 
die Pferde (230), bmtots xiv piv 

yvïa làfifl xàpatoç noliaç dià xotçavawiovta. 



Digitized by CjOOQ IC 



48 GEMOLL 

Laertes plagt sich a 193 i/r' àyçov mit einer alten Dienerin, die 
ihm Speise und Trank vorsetzt, 

&)t* &¥ (xiv xàfiatoç xoror yvla XaßflOiv 
kq7tvÇ t ov% t àvà yovvbv àXa>rjç olvonéôoio. 

29*. Agamemnon begütigt den Odysseus (372): 
àXX* ï&t* %av%a <T omo&& aQ60o6fie$\ sï %i xaxov vvv 
uçtjTai' ta âk itâv%ot &eoi fiera^wtca &eÏ£K 
Einen ähnlichen Gedanken, nur in roherer Form, äussert Eu- 
ryalus # 409 zu Odysseus: 

snog ô' eï néç vi ßißaxtcu 
ôeivôv, aqxxQ %o qtéçou* ctvaçaàÇaocu aeXXau 
deivôç und äeXXat sind viel zu starke Ausdrücke., xaxôç und 
äveßoi würden es auch gethan haben. Uebrigens verweise ich 
noch auf Nr. 117. 

30. Agamemnon erzählt dem Diomedes von seinem Vater und 
setzt hinzu (374): 

wç gxiaavj oï (uv ïôovto moveifiepov ov y»Q iyatys 
ijvttja 3 ovdh ïèov* neçl <T äXXwv q>aal yevéo&ai. 
Ebenso erzählt Pisistratus d 200 von seinem Bruder: 

ov yàç %y<ays 
ijvvrjo' ovdk ïèov tzsqi d' aXXutv gtctöi yêyio&aê 
'Ay%LXo%ov, 7tBQÏ fièv &e£ew %a%vv i\$k ^ioe^%fiv. 
Die Uebereinstimmung kann nicht genauer sein. Der letzte Vers 
*AvxLXo%ov xi. stand schon y 112, wo ihn Nestor selbst gebrauchte. 
Doch findet sich die Formel neçi fikv &eieiv %a%vv rjâè fâaxq- 
%i\v auch JT 186 von Eudorus. Somit hat der Verf. von â 200 ff. 
zwei Formeln, die sonst zur Charakterisirung von Helden dienen, 
zusammengeschweisst Daher die unnüthige Wiederholung des 
ntqi in zwei Versen hintereinander, daher die des Namens Anti- 
lochus, den der Verf. wohl schon mit dem Prädikat verbunden 
vorfand, daher auch das unpassende ijvtr}oa, was doch von Brü- 
dern ganz sonderbar klingt, wie Sittl S. 21 mit Recht bemerkt 

31. Sthenelos will sich die Vorfahren nicht vorziehen lassen 
(409) 

itsivoi âè aq>eTéçr]a iv ataa&aXlyaiv oXovvo, 
sagt er von den Sieben gegen Theben. Ebenso heisst es von den 
Gefährten des Odysseus a 7: 

avTwv yàç oqtetecrjOiv aiaoSaXlrjoiv oXopto. 
Die Stellung av%ûv ayetéçrjoiv erklärt Sittl S. 21 für allem ho- 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILUS UND ODYSSEE 49 

meriscben Sprachgebrauch widersprechend. Doch s. Kayser zu «7. 
Aristarch nahm an dieser Stellung so wenig Anstoss, das« er 
à 407 — 9 athetierte und dadurch indirect den Odysseevers für das 
Original erklärte. Seine Gründe zu der Athetese (s. Friedländer 
Ariston. p. 100) haben bei den Neueren mit Ausnahme von Lentz 
(a. 0. S. 24) keinen Anklang gefunden. In der That sind die Verse 
unentbehrlich, denn das Verbot „Deshalb stelle uns die Väter 
nicht gleich" setzt voraus, dass vorher Gründe angeführt sind. Und 
das geschieht 406 — 9 : „Wir haben das siebenthorige Theben ge- 
nommen .... jene aber sind durch ihren eignen Frevel umge- 
kommen." Somit geht auch hier die Ilias als die Darleihende, 
die Odyssee als die Empftngerin hervor. 

Uebrigens findet sich x 437 noch eine etwas entferntere 
Variante: 

tovtov yàç xai neïvoi àtaa&aUjimv hXopio. 

E. 
32*. „Wenn ieh je wieder in die Heimath komme", sagt 
Pandarus (214), 

avtl* ïneiv an' èfieïo xâçr] xàfAOi âkkovçiog 

„wenn ich den Bogen nicht serbreche und ins Feuer werfe". Die- 
selbe Bereitwilligkeit, sich vom Ersten-besten den Kopf abschnei- 
den zu lassen, äussert Odysseus als Bettler dem Telemach gegen- 
über (n 99): 

aï yoLQ tytav ovtio véog $ïtjv %$â* èni &vftqi, 
(100) rj natg iC 'Oâvooijoç àfii^ovog fjè x«i avtbç 
ïl&oi ahjTBvœv foi yàç xal ilniôoç aida* 
avtix ïfteiT an èfieïo %àqr\ tàptoi ccIXotqioç 

<P<Ȃ> 
d iifi iyd xdvotoi xaxàr ndrrea at yevoifiT)* 
ik&uh iç ftéyaçov uieceçTtâôeat 'Oêvoçrjoç* 
Seit alter Zeit werden hier 101 und 104 getilgt* In der That ist 
das dXt]jeviàv in 101 sehr anstössig; ausserdem erinnert der Vers 
an % 84. Gleichwohl werden durch seine Tilgung picht alle An- 
stOsse beseitigt. Worauf bezieht sich zum Beispiel ovtta in Vs. 99 ? 
Ameis antwortet: „so jung wie du". Dann erhalten wir folgende 
Dreitheilung: wenn ich so jung wäre wie du, Telemach, oder 
der Sohn des Odysseus oder er selber. Das kann nicht richtig 

Hernes XVIII. 4 



Digitized by CjOOQ IC 



50 GEMOLL 

sein. Entweder ist hier ein Glossem in den Text gerathen oder 
die Erklärung ist falsch. Und das letztere wird der Fall sein. 
Der Wunsch „wenn ich so jung wäre bei solchem Muthe" kann 
sich auf den Sprechenden selbst beriehen und bedeuten „wenn 
ich, dar Bettler, so jung wäre, wie ich nratbig bin". Vgl. (H 157 
und sonst) die gewöhnliche Formel: 

aï&' êç fjpéoifii, ßlfj dé pot, Hpttedog eïrj. 
Allerdings bezieht rich das wç hier immer auf eine vorangegan- 
gene Erklärung, die in n fehlt. Ich bin daher der Meinung, dass, 
da alle diese Verse Anstösse ergeben, hier die Ausscheidung von 
10 1 und 104 nicht am Platze ist Wir haben es vielmehr mit 
dem gewöhnlichen Ungeschick des Nachahmers zu thun. 
33*. Aphrodite bittet um die Rosse des Ares (360), 

oq>0* ig "OXvfinov ïxwfiai, IV â&avàrœv eâog iovlv. 
§ 42 entfernt sich Athene 

Ovlvfinôvô 3 , o&i qxxol $€c5v edog aoq>aXig ahl 

€/Ä/*evcu. 
Wer sieht nicht, dass hier durch (paal die Ilias direct ci tir t wird? 

34. Der sterbende Sarpedon spricht zu Hektor: Lass mich 
in Ilios sterben (687), 

inel ovk aça fiéXXov fytoye 

vooTTjaag ohtovâe tpihqy ig itatçlôm yaïav 

êitpçavàei* &Xo%iv te q>Üirjv xoi rr^rnov vlov. 
v 44 nimmt Odysseus Abschied von den Phäaken und wünscht 
ihnen: 

vfÂBïg ô' ov&i pivovteg èvqtçaivoite ywaïxaç 

xovçiéiag xoi téxva. 
Dass die Heimkehr des Vaters und Gatten für Kinder und Weib 
erfreulich ist, begreift sich; wie aber sein Dableiben erfreulich 
sein soll, ist mir nicht recht einleuchtend. Aber vielleicht ist 
nicht zu verstehen : „Ihr aber erfreut durch Euer Dableiben Weib 
und Kind", sondern ihr aber bleibt da und erfreut Euch an Weib 
und Kind. Dann wäre ev<pQal*€iv vivâ «« téQnso&ai. Dass dies 
des Dichters Meinung ist, geht aus y 61 hervor, wo Odysseus der 
Arete wünscht: 

av de tecneo ttpi* èvi ouup 

itcuoi t« xal laoïat xal 'AXxtwtp ßaatliji. 
Es handelt sich also wieder um einen Wechsel in der Wort- 
bedeutung. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 51 

Z. 

35*. Diomedes frtfgt den Glaukos, ob er ein Mensch sei* für 
den Fall bedaure er. ibn; 
(128) ei ai %iç â&avâ%wy y s xot' ovçavov elXijXov&aç, 

ovx av eywye &$oïoiv irtovçetvloioi (*a%oi/nrp. 
Alkinous verspricht y 185 ff. dem Odysseus die Heimgeleitung; 
(199) el ai riç a&avàtwv ye xar ovçavov elkrjXov&8v, 

äXXo %i ôij %od* ertetra &eol neçiurjxctvôwytai' 

ahl yàç %b tsaçoç ye &eol q>alvov%ai èvaçyeïç. 
Wieder zeigt die ungeschickte Wiederholung desselben 
Wortes (&eol) uns den Nachahmer an. S. zuletzt 30. Dazu kommt, 
dass auch die unmittelbar vorhergehenden Verse der Ilias entstam- 
men (s. Nr. 122). 

36*. Von dem Schwiegervater des Prötus heisst es (188): 

xçivag ix uivxirjç evçelrjç q>w%aç açéotovç 

êloe Xo%ov • . . 
à 530 ebenso von Aegisth: 

xç$vàfievoç xa%à ârjftov ieixooc qxxjfaç açéotovç 

eîae Xô%ov. 
37. Hekuba will den Peplos för Athene aussuchen: 
(288) uv% rj <T iç &âXafAOv xaießrjoeto xtjiievta^ 

Mp& ïoav ot itènXoi nafinoixiXoi, hçya yvvaixwv 

2iâovla)v, tàç avtbç 'AXàÇayàçag &BOudïjç 

(293) T#3* feV àeiçopiivtj 'Exaßrj g)éçe ôwçov 'jj-ihjvfl, 

oç xaXXiarog i'tjv noixlXfiaoiv ijôè (iiyiotoç, 

àosijç d" wç ctTtéXafATtsv ïxeuo ôk velavoç aXlcuv. 
o 99 geht Henelaus mit Helena und Megapenthes in die Kammer: 

avTOç d' eiç öakafiov xaveßrjaeto xrjwêVTa 

ovx oîoç xvX. 
Dann heisst es von Helena weiter (104): 

K EXivij ôk ftaçUnato quociapolaiv, 
îv&* ïaav oi nénXoi 7zafA7i:olxiXoi, oSç xàpsv av%iq. 
twv feV àeiçoftévf) 'EXévrj q>éçe èla yvvaixdv x%X. 
Dass die Ilias hier das Original bietet, erkennt Dttntzer bom. Abhdl. 
S. 471 an. Er findet namentlich den Zusatz bvg xajiev ai%iq in 
der Odyssee auffallend als eine Uebertreibung. Sittl, der S. 24 
Dünlzers Grund bekämpft, fügt binzu r dass âîa ywaixdv o 106 
eine nichtige Ausfüllung des Verses sei. Er hätte sehen können, 
was viel wichtiger ist, dass die Wiederholung des Namens 

4* 



Digitized by CjOOQ IC 



52 GEMOLL 

Helena (104 und 106) ungeschickt ist. Z 293 erregt der Name 
Hecuba keinen Anstoss, da soeben von Paris die Rede gewesen 
ist. Ausserdem ist zu bemerken, dass die Odysseestelle noch An- 
klänge an eine andere Iliasstelle hat : o 99 scheint nicht auf Z 288, 
sondern auf ß 191 zurückzuweisen; denn beide beginnen mit 
avtoç de und an beiden Stellen kehrt qxociafioc wieder (ß 228 
und o 104). Endlich dürfte auch der Umstand nicht ausser acht 
zu lassen sein, dass Z288 Hecuba, ß 191 Priamus mit Hecuba, 
o 99 Menelaus mit Helena nnd Megapenthes in die Schatzkammer 
gehen. So will immer der Nachfolger den Vorgänger über- 
bieten. 

38*. Helena klagt (345): dass mich am Tage meiner Ge- 
burt die böse Windsbraut ins Gebirge oder ins Meer getragen hätte, 
wo mich die Woge verschlang, ehe ich das erlebte (äc n' oqteX' 

ot%BO&ai TtQOfpsQOvaa xaxq àvifioio â-veXka 

XTÀ.). a 202 wünscht sich Penelope nach sanftem Schlummer von 
Artemis so einen sanften Tod auf der Stelle {avthuat vvv), da- 
mit ihr nicht fürder in Klagen um den Gatten das Leben hin- 
schwinde. 

Beide Stellen sind verbunden v 61. Da betet Penelope auch 
zur Artemis: Ach möchtest du mir doch einen Todespfeil senden 

avsixa vpv, i} etteita p avaçftdÇaoa &veXla 

oï%oi%o nçotpéçovoa kjX. 
Der Gegensatz avvixa vvv — rj ineita ist unglaublich unge- 
schickt und offenbar nur ein Nothbehelf des Nachahmers. Dass 
die llias hier Quelle ist, erkennt auch Niese die Entwicklung der 
hom. Poesie S. 51 an. 

39*. Helena sagt von sich und ihrem Buhlen (357): 

oloiv Iftl Zeig &rj*e *mtbv (âoqov, wç %aï oniaacj 

âv&çamoiai neXapeâ' 3 âoiâipoi tooopévoioat. 
Aehnlich Alcinous & 579 vom Untergange Trojas: 

ènsxltooano à' oleâçav 

àv&çtOTtoiç, &a yai xaï hoooßavoiaiv àoiârj. 
Hier ist nach Analogie der Iliasstelle zu gai nicht aoidrj y sondern 
ole&çoç Subject. Uebrigens ist gerade in dieser Rede des Alci- 
nous, die den Uebergang zu den Apologen bahnen soll, redit viel 
Fremdes. S. gleich Nr. 40. 

40*. Hektor sagt tröstend zu Andromache: Wider das Ge- 
schick wird mich niemand zum Hades senden, 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 53 

(488) (iOÏQùv <T ovnva yrjpi itsq>vy\Uvov ïftfieveu àvôqviv, 
ov Kctxov ovâk (âIv eo&Xoyy iitrjv %à izQtaxa yé- 

VTjtai. 
# 550 fordert Alcinous den Odysseus auf, seinen Namen zu sagen, 
(552) ov (à€v yotQ tiç izàfmav aviapvfiéç èo%* ctv&QWTtwv, 

ov xaxoç ovâè fièv io&Xoç, èfcrjv ta nQwta yé- 

vtjtai . . . 
Der Zusatz ov xaxoç ovêh pi* io&Xoç hat mit dem Namen gar 
nichts zu thun und wäre gewiss nicht freiwillig vom Verf. für 
diesen Zweck hinzugesetzt worden; aber derselbe ist mit seiner 
Umgebung aus der Ilias übertragen worden, wo er einen gar be* 
deutsamen Sinn enthalt. 

41. Die Worte, mit welchen Hektor seine Gattin auffordert 
nach Hause zu gehen (490 — 93) sind dieselben, mit denen Tele* 
mach seine Mutter aus dem Bfannersaal weist (er 356*— 59 und 
q> 350 — 53). Erschöpfend handelt über diese Stellen Düntzer Horn. 
Abh. S. 465. Ich notire für unsern Zweck, dass durch die ge- 
dankenlose Herübernahme olxoç an den betreffenden Stellen 
der Odyssee die Bedeutung „Frauengemach" hat, die ihm sonst 
nicht beiwohnt. Sittl S. 26 notirt zwar noch \f> 292, aber bei 
grösserer Aufmerksamkeit musste er merken, dass Eurykleia aller- 
dings aus dem Hofe ins Haus zurückkehrt. Denn der Oelbaum, 
welchen Odysseus zum Bettpfosten gemacht hat, stand im Hofe 
(\p 190) und rings um ihn wird die Kammer gebaut (t# d' iya> 
afifißaluv SaXapov difiov 192). Nachdem sie den Gatten dort 
das Lager bereitet, kehrt Eurykleia selbst ins Haus zurück. Vgl. 
Gerlach das Haus des Odysseus Philol 30 S. 515, Protodicus de 
aed. Horn. Lips. 1877 p. 60. 

H. 

42. Im Zweikampf zwischen Hektor und Aias heisst es (266): 
ôevteçoç ait 3 Aïaç noXv fielÇora XSav ccelQctg 

rçx* &7tiâivrjoaç f èftéçeias de lv 3 àftéXt&QOv .... 

Der Kyklop wirft i 537, nachdem er vorher noçvq>rjv Hqsoç pe- 

yàXouo geschleudert, noch einmal: 
avtaç $y* iÇavnç noXv fielÇova XSav àeiçaç 
i\% iftidirrjoaç, irzéçeiae ai ïv 3 artéXe&çov. 

Dass der zweite Wurf, statt eine Steigerung zu sein, vielmehr eine 

schwächliche Wiederholung ist, hat trefflich ausgeführt Rothe de 



Digitized by CjOOQ IC 



54 GEMOLL 

veterê, quem Kirckkoffius ermt NOZTÖI. Berlin 1882 p. 4. Der- 
selbe» Meinung ist Situ S. 27. 

43. Der Sonnenaufgang (421): 

rjëlioç fier trtuw via* ncooeßaU** açovçaç, 

il; axcckaççeiiao ßa&vccoov fixeoroio 

oiçavoy eioaviwv 
findet sieb auch in der Jagd auf dem Parnass % 433. Seltsamer- 
weise fehlen aber hier die Worte ovçcnrbr elaaruov, so dass die 
Sonne direct ans dem Ocean die Floren trifft Kirchhoff (Od.* 
S. 524) erklärt sich diesen Umstand so, dass nor % 433 (— H 421) 
ursprünglich vom Verf. der Jagd aufgenommen, der folgende Vers 
dagegen aus oberflächlicher Reminiscenz später hinzugefügt sei. 
Diese verschiedene Herleitung zweier nebeneinanderstehender Odys- 
seeverse aus der Ilias, wo dieselben Verse auch nebeneinander 
stehen, ist indessen schon an und für ach unwahrscheinlich* Aber, 
wenn sie unumgänglich nöthig wäre, mochte es drum sem. Indess 
ist die Gedankenlosigkeit, die Sonne gleich aus dem Meere 
die Fluren bescheinen zu lassen, nicht grösser als die, jemanden der 
im Männersaal sich befindet, ins Haus zu schicken (Nr. 41). Wir 
haben daher nöthig, neben der Entlehnung noch nachträgliche 
Interpolation zu statuiren. 

®- 
44*. Athene beginnt in der Götterversammlung (31) 

J £i 7càziç fjfiéveçe Kçovlôr], vnate xçeiortiov 
ganz wie a 45 und u> 473. Da der Vers nur an der einen Stelle 
in der Ilias vorkommt, so kann man ihn nicht zu den epischen 
Formeln rechnen. Welche von den drei Stellen ist nun die Quelle? 
Auf co 473 folgt 474 und 475, die wir schon unter Nr. 27 be- 
handelt haben. Dieser Cento hält uns also nicht lange auf. Von 
den übrigbleibenden wird die lliasstelle als das Original gelten 
müssen, da in der Odyssee gleich der nächste Vers (a 46) 

xai lirjv xeïvôç ye èoixôvi xeÏTai oXé&Qty 
an 3 358 erinnert: 

xat llfjv ovvôç ye fiévoç avpov r J oléouw. 
Ob a 100. 101, welche die Lanze der Athetne beschreiben, aus 
© 390. 391 oder E 746. 747 stammen, will ich dahin gestellt 
sein lassen. Dass sie entlehnt sind, darüber, kann gar kein Zweifel 
sein, da die ganze Stelle, in der sie stehen, zusammengeflickt ist 
S. Kirchhoff Od. 1 S. 169 und Situ S. 23. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 55 

45*. Von den Göttinnen Here und Athene heisst es (433): 
vjjaiv Ô* r ii(fai fikv kvoav xakUtçi%oç ïrtrcovç 
xal toirç fièv xatédrjoav in* afißcoalfjai xénfjoiv, 
&Qfta*a d* Uxlipav nçoç Ivauzict na^q>av6o>pta. 
Was hier die Hören tbun, besorgen d 39— 42 die Diener des 
Menelaus: 
ol d* uïïvovç fibv Ivoav vno Çvyov Idçdortaç 
nui tovç ftkv xavédijoav iq>* Innetfloi xàrtfjot*, 
nàç d* ißaXov Çetdç, àvà dï xçfi Xtvxov MpêÇav, 
açfictTa d* exltvav nçbg ivtania nafi<pav< <av%ct. 
Schon Dûntzer S. 474 erkennt in der Ilias das Original. Doch 
wird sein Grund, dass in afißcoolrjoi xanrjaw das unverkennbar 
Frühere sei, nicht jeden überzeugen. Wer aber beide Stellen 
aufmerksam mit einander vergleicht, dem kann es nicht entgehen, 
dass in der Ilias als Gegensatz zu 7 &qcu pb (433) — avtal di 
(436) nachfolgt: die Hören besorgten die Pferde, die Göttinnen 
selbst setzen sich unter den andern Gottern auf goldnen Stühlen 
nieder. Die Thätigkeit der Hören ist eine doppelte: sie binden 
die Pferde (xal %ovg pév) an die ambrosischen Krippen und leh- 
nen den Wagen (açfiata dé) an die leuchtenden Wände. Und 
was ist aus dieser schönen Gliederung in der Odyssee geworden? 
Pisistratus und Telemach sollen eingeführt werden, darum besorgen 
die Diener (ol dé) die Pferde (innovg (iiv) und führen sie selbst 
(aètovç dé) ins Haus. Dazwischen nun findet sich die andere 
Gegenüberstellung (xai tovç pév — açfiara êé) wie in der Ilias. 
So folgen nun in ungeschickter Weise innovg pév und xai 
tovç (Aév aufeinander, was ich mir nur aus der Unfreiheit des 
Nachahmers erklären kann. 

J. 

46*. In der Agora räth Nestor (66): 

çvlcMTrjçeg de ïxaovoi 

XeÇâo&WV TtCtQCt TCKpQOV .... 

und fügt hinzu (68) 

xovqo co iv (lev xoLvx* in its XXo fiaf aviocQ .... 
Den Geronten aber solle er ein Mahl geben. & 28 sagt Alciuous 
ebenfalls in der Agora 1 ): den unbekannten Fremdling (Çeïvoç od* 
ovk olâ 3 ooxig) wollen wir heimführen, 

1) Dass wir es hier wirklich mit einer àyoQa und nicht wie Nitzsch 



Digitized by CjOOQ IC 



56 GEMOLL 

(35) "AOVQW ai dum xai navxiqKOvta 

KQivdad-wv xatct dtjfiov .... 

(40) xovQOiaiv HEY %avT? ertueXloftai .... 
Die Gerontea aber bittet er zum Mahle mit dem Fremden. Die 
Uebereinstimmung beider Stellen in der Situation und bis in die 
Uebergänge der Erzählung hinein lässt sich nur durch die An- 
nahme erklären, dass die eine Stelle Nachahmung der anderen ist. 
Das» auch hier die Ilias das Vorbild der betreffenden Odysseestelle 
war, ergiebt sieh aus folgenden Erwägungen. In der Ilias ist 

1) die Einberufung der Agora für Agamemnons Lage ganz ange- 
messen; 2) sind die Vorschläge Nestors praktisch und ihre Aus- 
führung lässt nicht auf sich warten; 3) das Volk giebt seine Willens- 
meinung kund (2d. 50); doch yergisst der Dichter über der Aus- 
führung von Nestors Rathschlägen es, die Agora wieder aufzulösen. 
In der Odyssee widerspricht 1) die Einberufung der Agora einer 
früheren Stelle (rj 189), wo es heisst: 

rjw&ev de yéçovTaç ini nléovaç xaliaavteç 
Çeïvov ivl fieydçocç ÇeivioaofiBv rjdè &eoïctv 
QéÇojuev ieçcc xaXâ, %nu%a âh xal iteçl izopmrfç 
fÂvrjaôfÀsd'' xtA. 
Und schon der Antrag, einen Fremden heimzusenden, von dem der 
Antragsteller nicht weiss, wer er ist, erscheint als höchst wunder* 
lieh. 2) Die beschlossenen Massregeln werden zwar ebenfalls so- 
fort ausgeführt, aber darin zeigt sich nun derselbe Mangel an 
Ueberlegung, der in der Götterversammlung in a schon so oft 
gerügt ist. Das Schiff wird zur Abreise klar gemacht, die Segel 
werden sogar aufgezogen (& 54), wozu doch nach der Mahlzeit 
noch Zeit gewesen wäre. 3) Das Volk äussert seine Theilnahme 
an dem Fremden nur durch Anstaunen (# 17), es wird ebenso- 
wenig entlassen wie in der betreffenden Iliasstelle (Bergk LG. S. 676). 
Darnach wird es nicht mehr zweifelhaft sein, dass die Agora der 
Odyssee die spätere ist. 1st sie nun etwa ein Einschub? Das 
lässt sich nicht kurzer Hand entscheiden, doch bemerke ich, dass 
durch das ganze Buch # folgende zwei Voraussetzungen festge- 
halten werden, 1) dass Odysseus sich noch nicht genannt hat und 

2) dass seine Abreise eine schleunige ist. Für den letzten Punkt 

(zu & 6) will, mit einer Versammlung der Fürsten nnd Herren (vgl. auch 
Kammer Einh. d. Od. S. 107 u.) zu thun haben, lehrt eben die Vergleichung 
der betreffenden Ilias- und Odysseestelle. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 57 

vergleiche man &or}v ôaïra (38) mit dem Abschied des Euryalus 
(408) und der Nausikaa (461). 

47*. Achill übt die Pflichten des Wirtbs (218): 

avrbç â' àvziov ÎÇev'Oâvoorjoç StLoio 

%ot%ov %ùv foéçov. 
Ebenso heisst es xfj 89 von Penelope: 

££€*' *iftu%* 'Oâvoarjoç èvavtlov èv nvçbg aiyfj 

%ol%ov TOV êféQOV. 

Da auch iv nvçbg avyy sich in derselben Scene der Ilias be- 
findet (/ 206), so dürfen wir wohl die Odysseestelle als die jüngere 
bezeichnen. 

48*. Achill sagt zu Odysseus (360): Wenn Poseidon gute 
Fahrt verleiht, kann ich am dritten Tage in Phthia sein: 
rjfiatl xev TQifânp &&irjv ecißwlov ixoiftrjv. 
€ 31 giebt Zeus seinen untrüglichen Rathschluss kund in dem 
Auftrage an Hermes für die Nymphe Kalypso, 

äg xe vérjtai 
ovte &ewv TtOjinfj ovvs ô'vrjtùiv àv&çoijzwv 
ctXX' oy Inl oxediïjç rtoXvôéofiov itri\iaxa 7tàa%w* 
rjfiatt x' dxoattp 2%eQir)v iglßcolov ïxovto 
Der Modus potentialis ist im Munde des Zeus bei der Verkündigung 
eines unfehlbaren Rathschlusses doch unpassend und erklärt sich 
nur befriedigend, wenn wir Benutzung der Iliasstelle von Seiten 
des Verfassers des Eingangs von e annehmen. 

49*. Achill lehnt Agamemnons Geschenke energisch ab: 
(379) ovo' eï (io i âêxccxiç te xal elxoomuç xôoa âolrj, 

oaoa ré ol vvv Uati xal eï 7to&ev alla yéwoiTO.... 
(386)o*5drf xev âç %%t \h)fiov ifibv ituou Idyafdéfiviov 

itçlv y 9 ànb naaav IfAOÏ ôojusvcu &vpahyia Xrißrjv. 
Schon A 409 erlangte Achill als Sühne, dass die Feinde den 
Achftern bei den Schiffen zusetzen möchten. Diese Sühne will er 
sich nicht abkaufen lassen. % 61 lehnt auch Odysseus das Ange- 
bot der Freier ab: 

Evçvfia%\ oiâ 9 eï (âùi rtatcma navv 3 àrtoâoïte, 
Sooa te vvv v(i(i eati xai eï no&ev all' eni&eZte, 
ovêé x$v ùiç %%i xiïçuç &l*àç ty&ufu (fovoto 
nqiv naoav fÂPVjatijçaç V7tecßaairjv anortoeu. ; 

Da die vier Verse an beiden Stellen in der grammatischen Anlage 
sich aufs genaueste gleichen, so ist es zuvörderst unnöthig / 387 



Digitized by CjOOQ IC 



58 GEMOIA 

mit Faesi-Franke zu streichen, zumal der Vers durch meine obige 
Erklärung sein volles Lichl erhält Als Nachahmung erweist sich 
die Odyssee im letzten Verse, wo man statt finjattjoac billig vpâç 
erwartet. Ausserdem vgl. Nr. 54. Da wird es sich zeigen, dass, 
wie hier die Antwort des Odysseus, so dort die Bitte der Freier 
nach der Dias gebildet ist 

50. Nicht durch die Schätze von Orchomenos, noch durch 
die des hundertthorigen Theben 
(381) ovo 9 oa* ig '0(>%0(A&dv notiviooezai ovo 9 oaa Qrjßac 
AlyvittlaÇj o&t nXeïata dopoiç iv xsypiata 

xeïraiy 
will er sich die oben erwähnte Sohne abkaufen lassen, à 126 hat 
Helena ihren Spinnkorb von der Gattin des Polybos, 

<>ç haï' hl Grjßtjc 
*dîy%>4Z%lfiç,o&i Ttleïota èôgioêç iv x%i\pLa%a x eït ai. 
Sittl tadelt p. 30 mit Fug und Recht die ungeschickte Aneinander* 
reihung von Relativsätzen in â (125 %6v 126 oç 127 o&i 128 Sc). 
51*. Phönix erklärt dem Achill (438 ff.): 
aoi de (i eftefms yéçwv îftmjXara Ilfjkevç 
rjfiati %Ç y ore a 3 be Od-irjç Idyafxifivoin rtéftrtev 
vrjrtiov, ovfto* eiôo&' ofioiiov noXéftoio 
aid* àyoQéwv, tva %* avôgeç içifcçenéeç teXé&ovair. 
ô 817 klagt Pendope: Ich habe den Gatten verloren, 
vvv <T av naïç àyanrrjTOç Mßtj xoélrjç ènï vqôç 
vTqnioç ovzc nôvwv ev eiôtùç ovt* ayoçccwv. 
Nach der lliasstelle bewährt sich der Mann im Kampf und in dar 
Agora, und in beiden war der jugendliche Achill unerfahren. Als 
unerfahren im Manneswerke bezeichnet auch Penelope ihren Sohn. 
Da er aber nicht in den Krieg gezogen ist, so wählt sie dafür 
nicht übel die Nöthe der Reise. Nur dass sie die àyoçai beibe- 
hält, will nicht recht passend erscheinen; denn sie konnte doch 
nicht wissen, ob Telemach zu solchen kommen werde. Durch 
diese Ungeschicklichkeit verräth sich der Nachahmer. Doch 
vielleicht bedeutet iyoçawv eiôœç hier redekundig, wie manche 
annehmen? Es giebt keine homerische Stelle, wo man ctyocrj mit 
Rede übersetzen mttsste, auch B 275 nicht. Dort ist ayàçàop 
auf ercBoßdlov zu beziehen und zu übersetzen: Odysseus. hat Ein- 
halt gethan dem Schandgesellen, dem Maulhelden in den Ver- 
sammlungen. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 59 

52*. Man will den Phönix gern zurückhalten (466) 
noXXà âè ïana pijXa xctl elXinoôaç %Xtxaç ßotg 
ïaqtaÇov 
(469) noXXèv â* ix xeQapwv (xé&v niveto . . . . 
Aehnlich treiben es die Gefährten des Odysseus (# 44): 
h&a âè noXXbv fièv (ä4&v niveto, no XX a âè (trjXa 
ïoqxxÇov naçà dïva xai elXlnoâaç ÏXixaç ßovg. 
Die Aehnlichkeit beider Stellen ist eine derartige, dass man nur 
auf Entlehnung des Verfassers der einen aus der andern schliessen 
kann. Die Odyssee ist die borgende , wie sich schon aus den 
ungeschickten h&a âé ergiebt. Der Zusammenhang ist fol- 
gender: „Da (nach der Theilung der Beute) befahl ich (Odysseus) 
uns hastigen Fusses zu fliehen, die Thoren aber gehorchten nicht. 
Da (ev&a âè) wurde viel Wein getrunken und viel Schafe schlach- 
teten sie am Strande und fussschleppende , glänzende Rinder.* 
Hier fällt auch der Wechsel von Activ und Passiv unangenehm 
auf, der sich in der Ilias weniger fühlbar macht, da die betreffen- 
den Sätze weiter auseinander stehen. Und schliesslich ist das 
nackte Ttagct dïva statt naçà dïva aXôç ungeschickt zwischen 
die Schafe und Rinder geschoben. Dazu kommt, dass das Kikonen- 
abenteuer überhaupt sehr unselbständig ist. Vgl. Nr. 17. 

53*. Phönix erzählt von Peleus (480): 

6 âé /ue nQÔcpQwv iftéâexto 
xal fie q>iXi)o\ wç .aï %e 7zarrjç ov n aï da qtiXyjorj, 
povvov TyXvyevov noXXoïavv InX xzéateaaiv. 
Das tptXêïv hier (s. Friedländer Ariston. z. St.) fasste Aristarch als 
otèqyuv. Doch scheint es mir, als wenn dann nicht der Aorist, 
sondern das Imperfect stehen mttsste. Ausserdem bedeutet qiiXüv 
in der Verbindung mit vnoôéxofiai immer „freundlich begrüssen", 
und endlich ist der Zusatz noXXoïoiv im xtaateaoiv bei der 
Uebersetzung „er liebte" ganz überflüssig. Man behalte die Auf- 
fassung von q>iXeiv im Sinne von „freundlich begrüssen" bei und 
übersetze : Er nahm mich liebreich auf und begrüsste mich freund« 
lieh, wie wenn ein Vater seinen Sohn begrüsst (nämlich: den 
eben geborenen), den einzigen Spätling bei vielem Besitz. 
Dann hat die Stelle einen schonen Sinn. 

n 17 — 19 heisst es ähnlich von Eumäos: 
c5ç âè nat^Q ov it aï à a q>iXa q>çovécov àyartâÇet, 



Digitized by CjOOQ IC 



60 GEMOLL 

èX&ôvv 3 èÇ artirjç yairjç ôexcrMp iviavTip, 
(xovvov %v\Xvys%ov, ttj) en 3 äXyecc itoXXa fioyrjar], 
so ktisste er den Telemacfa. Der Vergleich in it ist raffinirter r 
und da auch in diesen Untersuchungen sich das Einfachere immer 
als das frühere herausstellt, so ist es wahrscheinlich, dass der Verf. 
von 7t den Sänger der Ilias überbieten wollte. 

54*. Phönix meint, auch er würde nicht zur Versöhnung 
rathen, wenn Agamemnon keine Geschenke gäbe, 
(519) vvv <f afxa % aitixa noXXà diâoï, %à d' O7tio&ev vniatrj, 
avâçaç âè Xiooeo&ai €7tirtçoérjycev ocqIgtovç .... 

(523) 7tq\v <T ovti v efieaarjTov xexoXwa&ai. 

Aufs genauste entspricht % 47. Dort sagen die Freier: zwar ist 
viel Frevel geübt worden, aber der Anstifter ist todt, 
(54) vvv d* o (aIv bv fiolçy néyctiai, ab âè (petôeo Xatav 

awv ' ai ctç afifieç 7tiaS t ev acsaaafievoi Kara drjftov .... 
(59) . . . . nqïv â* ovti vsfieaarjTÔv xexoXaio&ai. 
Hier in der Odyssee wird das Aufhören des Zorns dem Odysseus 
erst dann zugemuthet, wenn er die Sühne empfangen. Das ist 
offenbar der Situation wenig angemessen. Wenn Odysseus nicht 
bald einhält, so kommt seine Verzeihung zu spät. Dieser Uebel- 
stand ergiebt sich daraus, dass wir nach dem Zusammenhang nqiv 
auf das vorhergehende omod-ev beziehen müssen. Anders in der 
Ilias. Da soll Achill verzeihen der Gaben wegen, die jener jetz 
bietet und für die Zukunft verspricht. 
55*. Diomedes sagt (701) von Achill: 

all 3 r) xoi xeïvov fiev èaaofiev, tj xev ïrjoiv 
rj ne (lerjß. 
Dass der feurige Diomedes sich nicht viel darum bekümmert, ob 
Achill geht oder bleibt, ist ein schön erfundener Zug. Unglaub- 
lich roh aber ist es, wenn Eumäus (£ 183) erzählt, dass die 
Freier dem Telemach nachstellen und so abbricht: 

aXX 3 rj toi xéïvov fdiv èaoofiev, rj xsv aXcprj, 
rj xe opvyrj xal név ol vrtéQOXfl %&Q a Kçovlwv. 
Die Erklärung für dergleichen bietet die geistige Unfreiheit des 
Nachahmers. 

56*. Odysseus erlegt den Socus (448), indem er ihm den 
Speer in den Rücken zwischen die Schultern hinein und durch 
die Brust hindurch stösst. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 61 

%$ ôk iAttao%Q&q>9êv%i tis%a<pQévq) kv dôçv nijÇev 
äfitav fieaatjyvç, âià ôe oitj&eoyiv elaooev 
dovTirjaiv âè neariv, aQaßrjoe de %&v%b* Iti* aitqi. 
Ganz ebenso erlegt Telemach, der Sohn, den Amphinomus % 93. 
Hier liegt eine offenbare Reminiscenz aus der Ilias vor. 
57*. Von Nestor und Machaon heisst es (643): 
TW ô y en ei ovv nivoin? aqtéiyv nolvKaynea dixpav, 
fiv&oioiv %iqnov%o nçoç àllrjXovç èvéniovtêç.... 
Aehnlich heisst es von Odysseus und Penelope ty 301: 
tu â' Insl ovv q>iXôrrjTOç itaQ7tr)frjv ïçctTeivrjç, 
%€Q7iéo&r}v fiv&otoi tzqoç àllrjlQvç IvènQvteç .... 
Die erste Stelle erklärt Kirchhoff (Od. 9 S. 533) mit Recht für die 
Quelle der letzteren. Denn in der Wiederholung izaQrtrjrrjv 
— Têçnioxhjv zeigt sich das sichere Kennzeichen der Nachahmung. 
58*. Nestor erzählt von der elischen Beute (678): wir 
trieben eine unermesslich grosse Beute aus der Ebene zusammen : 
Ttevtrjxowa ßooiy àyélaç, %6aa nwea olcZv, 
toaoa ovtov ovßoaia, tôa* alnôXicc ttkaté* ol- 

yüv .... 
Dazu kommen noch 150 ïftnot Çav&oL 

£ 96 preist Eumäus den Reichthum seines Herrn und zählt 
darunter auf (100) 

ôatôex 3 h T}7teiç({> ayékaf %oaa nœea oläv, 
xboaa avtäv ovßoaia, too' alrrôkia itXaté' alyüv 
ßoaxovoi Çeïvol %s xal avtov ßanococ carâçeç 
Dazu kommen noch auf der Insel selbst elf Ziegenherden, inl d* 
awéçeç io&loï oqovrai und die Schweineherde des Eumäus. Die 
Zahl elf erscheint gegenüber den runden Zahlen der übrigen Her- 
den auffällig; doch sollen wohl die elf Ziegenherden und die 
Schweineherde des Eumäus wieder ein Dutzend zusammen machen. 
Höchst sonderbar aber ist die Angabe 

(102) ßooxovoi Çelvol %b xori ccvrov ßdtoceg avâçeç. 
Offenbar will der Dichter sagen, der Reichthum des Odysseus sei 
so gross, dass die eignen Hirten nicht zureichen; er müsse daher 
fremde Leute in seinen Dienst nehmen. Dann sind sie aber 
nicht mehr Fremde, sondern eigene Hirten. Daher heisst es auch 
ô 643 ganz correct loi avtov &rjtéç ne ôficoéç %e. Somit 
dürfte diese Ungeschicklichkeit auf Rechnung des Nachahmers zu 
setzen sein, der übrigens die Zahl Tterrrjxovra wohl nur in <Joi- 



Digitized by CjOOQ IC 



62 GEMOLL 

dexa veränderte, um h rjïieéçq) noch in den Vers zu bringen. 
Da nun die Vorlage von eli scher Beute handelt, so ist es nicht 
unwahrscheinlich, dass der Verf. von £ unter rjneiQOç auch Elis 
verstanden hat. Vgl. d 636* Dort will Noemon auch von Ithaka 
nach Elis hinübergehen, um seine Stuten zu besuchen. Das» 
Ithaka jedenfalls westlich von Elis gedacht wird, geht daraus her- 
vor, dass * 26 Ithaka die hinterste, westliche Insel genannt wird, 
und dass ß 421 Telemach mit Westwind nach Pylos segelt. Ver- 
gleiche darüber Â. Gemoll Einleitung in die hom. Gedichte Leipzig 
1881 S. 26. 

59. Neleus nimmt sich als Führer manches aus der Beute 
vorweg, 

<704) %à $ aXX èç dqpov fâwxev 

àaiTQeveiv, fxr\ %ig ol ct%t(iß6(xevog xloi ïarjg. 
Aristarch nahm Anstoss an 705 (Friedländer Ariston. p. 201), weil 
nicht gleich hätte getheilt werden dürfen, sondern nach Ifaassgabe 
des Schadens, den jeder erlitten hatte. Und allerdings heisst es 
685, Herolde hätten diejenigen herbeigerufen. 

(686) oîoi XQeîoç bq>eiXe% èv "HXiâi alff 

oi dé ovvayQÔfxevoi TlvXtwv fjyrjTOQëç avâçeç 

daijQêvov. 
Aber steht denn in 704, 705 nicht dasselbe? Wozu hätten denn 
die Fürsten getheilt, als um einem jeden, was ihm gebührte (*<n?) 
zu geben? Ferner erhält man, wenn 705 Ml, die merkwürdige 
Verbindung ig dtjfiov idwxev, wobei dann Mdtaxe den Sinn von 
ôcavé^o), âaiTQevù) erhält. Wozu das? Man belasse 705 an sei» 
ner Stelle und beziehe ig ârjpov zu âaiwçeveiv, dann ist alles 
in Ordnung. Neuerdings noch ist Aristarchs Athetese gebilligt 
worden von Lentz S. 20 oben. Sittl dagegen hält (S. 38) den 
Vers 705 nicht für interpolirt, sondern für gleichzeitig mit dieser 
ganzen Partie (A 670—762), der Verf. habe ihn aber nicht selbst 
gedichtet, sondern aus t 42 entnommen, woher ihn auch schon 
Aristarch ableitete. 

t 41 erzählt Odysseus: 
in noXiog <P âXô%ovg xal x%r\^icna noXXa Xaßovteg 
ôaooâftsâ'', wg (Âtj tig (aoi aTefißapevog xloi 

ÏOYig. 
Die Aehnlichkeit ist unverkennbar, doch giebt es noch eine 
Stelle, die den eben citirten Versen noch genauer entspricht, was 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 63 

Aristarch und alle Folgenden abersehen haben, i 548 erzählt 
Odysseus: 

fiîjla ai KvxXœrtoç yXcupvfifc h vqàç ikôvveç 
daccaped' wç juiJ t$ç pai atê [iß ôftevoç xlot 

Voyç. 
Wenn man erwägt, dass * 41 àloxovç recht ungeschickt statt 
yvvaïxaç steht und ebenso laßoviec für êXovtaç, wenn man 
ferner hinzunimmt, dass das Kikonenabeuteuer fast nur aus ge- 
borgten Versen besteht, so wird es wahrscheinlich, dass t 41. 42 
aus i 548. 549 stammen und für jene Stelle nur grob zurecht 
gemacht sind. Xaßerrac ist offenbar statt êlovtaç gewählt, um 
dem Hiat auszuweichen. 

Somit wäre A 705 mit i 548 zu vergleichen. Nachdem ich 
oben die Schwierigkeiten in der Auffassung von / 705 aus dem 
Wege geräumt habe, finde ich keinen Grund weiter, den Vers als 
eine Interpolation aus 548 aufzufassen. Zwar Sittl (a. 0.) nimmt 
Anstoss an der Bedeutung von eaucevetv in der llias. Doch 
findet sich das Wort überhaupt nur viermal und zwar A 688. 
705 in der Bedeutung „theilen", § 433 und o 323 in der Be- 
deutung „Mahlzeit austheilen" vom ôaitQÔç. Selbst wenn hier 
ein Bedeutungswechsel vorliegen sollte, so würde uns das 
nicht überraschen. Vergleiche zuletzt Nr. 41. Wenn also Sittl 
die entere Bedeutung als „unhomerisch" bezeichnet und auf Grund 
dessen die ganze Partie A 670 — 762 als späte Nachdichtung ver- 
wirft, so gestehe ich, dahin nicht folgen zu können. Vielmehr 
wird, wer sich in der vorigen Nummer überzeugt hat, dass 1 100. 
101 aus A 678. 679 stammen, auch hier dasselbe Verhältniss an- 
nehmen, zumal kein Grund zu einer anderen Auffassung sich stich- 
haltig erwiesen hat. 

60. Von Patroklus heisst es (806): 

àXË dve ay xatà vfjaç 'Oêvooijoç Stloio 

tÇe &iwv . . . 
Da traf er den Eurypylos; von Menelaus y 286: 

àXK Ute âf) xal xbîvoç Itov ini oïvofta nivxov 

iv wjvai yXaqtvçflOi Maketatav oçoç alnv 

Sittl bemerkt S. 37, dass #eW hier unpassend ist. Er hätte wohl 
hinzusetzen können, dass schon die Wiederholung der Parti- 
cipia lwv und öiiov auf Entlehnung schliessen lässt. 



Digitized by CjOOQ IC 



64 GEMOLL 

M. 
61*. Sarpedon an der Mauer wird sehr schön mit einem 
Berglöwen verglichen, der, wenn er hangen, auch in den festen 
Stall einbricht (299—301): 

firj (T ïpev a ç ve Xewv 6 q ea 1% q o q> o g, ogt' 

dtjQOv %fi Kçeiwv, xéketat dé è &vfibç aytjvœç 
fiiTjXiov fieiQt]00v%a %aï (sogar) èç nvnivov <J6- 

ftov èl&eïv. 
£ 130 tritt Odysseus unter die Mädchen: 

ßrj ff ïpev äg tb léœv OQeaivQOipoç ahà rt&tot&aig, 
dg * eîa vôpevoç %a\ àrjpevog, èv dé ol oaae 
daterai* ccitàç o ßovai /xezéQXttcu fj oUaaiv 
fjè ju«r ctyçoreçaç èlcupovç' xékêtai dé ê yaotfjç 
firjktov n 8 iqtj a o yt et xaî èç TtvxivQir dôfi09 

èl&êïv. 
Wieder ist hier wié in Nr. 53 das Gleichstes der Odyssee das 
ausführlichere; sehen wir, ob auch wieder das spätere. Es ent- 
hält eine Anzahl lebendig empfundener Einzelheiten; Regen und 
Wind, die funkelnden Augen, die verschiedenen Thiergattungen 
wirken mächtig auf die Phantasie; aber vor dem kritischen Ver- 
stände zeigt sich doch manches Ungehörige. Schon Kirchbaff Od. 2 
S. 203 urtheilt, dass die Hirsche schlecht zum folgenden festen 
Hause passen und tilgt deshalb 133. 134. „Die Verse sind offen- 
bar angeflickt in Erinnerung an das ähnliche Gkichniss M 299 ff. 44 
Diesem Verfahren kann ich nicht beistimmen. Denn erstens erin- 
nern nicht blos 133. 134, sondern audi 130. 131, namentlich in 
der Construction (ßrj — ifisv — äg %t — Sc i) an die betreffende 
Iliasstelle, wovon man sich leicht überzeugen kann. Zweitens be- 
finden sich gerade die Anstoss erregenden Hirsche nicht 
in der I lia s; drittens endlich ist die Möglichkeit ausser Rech- 
nung gelassen, dass das eine Gleichniss dem andern als Vorlage 
gedient haben kann. Da nun die Uebereinstimmung durch das 
ganze Gleichniss hindurchgeht, der selbständige Zusatz der Hirsche 
aber zu dem ganzen Verlauf des Gleichnisses nicht passt und doch 
auch nicht als Interpolation beseitigt werden. kann, so liegt für 
mich die Sache hier genau so, wie in Nr. 53. Der Verf. von 
£ 130 ff. hat die Ilias theils nachahmen, tfceils übertrumpfen 
wollen. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN 1LIAS UND ODYSSEE 65 

62*. Hektor tadtet den Epikies (384) durch einen Steinwurf: 

$Xâaoe êi zetgdqxtXov xvvétjv, %vv <T oati' açaÇêv 

nâvr' a/Àvâiç xeqxxXrjç' o d' aç acvevviJQi èoïKwg 

xannso 3 àg>' viprjXov nvçyov, Xlne <T baxèa &vfiôç. 

fi 412 erschlägt der fallende Mast den Steuermann auf dem Schiffe 

des Odysseus: 

6 â 9 aça 7CQVfivfi ircl vrjl 
nXrjÇe xv߀Qvi]%€co Keq>alrjv y gvv d' dati* açaÇev 
nàv%* afivâiç xeqxxXrjç* 6 d* aq âçvevrîjçi ioixciç 
xânneo' an* IxQiôtpiv, Xlne à* oatéa &vfÂOç àyrjvwQ. 
Erst wenn man beide Stellen neben einander hat, erkennt man 
an der ungeschickten Wiederholung xeyaXrjv — xegxxXrjg den 
Nachahmer. 

63*. Hektor schleppt einen Stein herbei, um das Thor zu 
sprengen, den nicht leicht zwei Männer vom Boden auf den 
Wagen laden würden, olol vvv ßcotoi elo*. 
(447) tov d* ov xe âv* âvéçe drjftov àç lotto 

Çrjiâiœç in apaÇav an ovâeoç oxXrjoeiay, 
olol vvv ßcotoi d(f. 
Mit beträchtlicher Debertreibung heisst es vom Kyklopen 
(i 242): 

aitàç enetz iné&rjxe &vçeôv fiéyctv vxpôtf aelçaç 
oßQiftov. ovx av tôv ye dim xaï sïxùo* apaÇai 
io&Xal tetQoxvxXo$ an oVdeoç b%Xi]oeiav. 
Dass 22 Lastwagen einen Stein tragen sollen, ist denn doch 
eine starke Zumuthung an unsere Phantasie. Dazu kommt dann 
der sonderbare Gebrauch von èxXêîv oxXeïv wird in den Schotten 
(Yen. A zu 260 und B zu M 447) mit xivelv wiedergegeben. 
Zum Bewegen gehört aber eine Kraft wie die der Männer (M 447) 
oder die des Wassers (0 260. 261). Welche Kraft hat aber ein 
Wagen? Man kann antworten: die der Pferde. Wenn das ge- 
meint war, se wäre es besser gewesen, der Verf. hätte uns gleich 
die Pferdezahl angegeben, statt derjenigen der Wagen. Schliesslich 
ist noch zu bemerken, dass an ovêeoç in der Uias die natürliche 
Richtung von unten nach oben, in der Odysseestelle aber eine 
seitliche bezeichnet. Kurz, durch die gedankenlose Herüber- 
nahme der Iüasstelle hat der Verf. von t sich eine Reibe von 
Schwierigkeiten geschaffen, die er bei freier Thätigkett vielleicht 
vermieden hätte. 

Hermêi XVIII. 5 



Digitized by CjOOQ IC 



66 GEMOLL 



N. 



64*. MR drei Schritten gelangt Poseidon (21) 
Alyàç, ïv&a %é ol xlvzà dwjuara ßev&eai UfAvrjç 
XQvaea paçfiaiQOvTa zerevxatai, äfp&ita aiel. 
Einfacher heisst es € 381: 

ïxero <T eïç Aîyàç, o&i ol xXvtà driftet* eaoiv. 
65. Zwischen Tenedos und Imbros fesselt Poseidon die 

Rosse (37): 

àficpï de noaal néâaç eßaXev %qvaüaq 
aQçrjXTOvç alvtovç, oq>ç' efXTteèov av&i (livoisv 
vootrjoavva avcmta, 
& 275 schmiedet Hephästus Fesseln für die beiden Buhlen: 

xoftre 3k âeofzovç 
ctQQrjxTOvç ccIvtovç, oq*Q €fi7teôov av&i pivoiev. 
Sittl bemerkt S. 39, dass man hier nicht wisse, wer bleiben solle, 
da ein Subject fehlt, noch welcher Ort mit av&i gemeint ist. In 
der Iliasstelle ist keine dieser Schwierigkeiten vorhanden. 

66*. Idomeneus giebt bei dem Nachweise seines Stammbaums 
(Zeus — Minos — Deukalion — Idomeneus) an (452): 

J evxalluv <F èfiè %Lx%e. 
% 181 giebt sich Odysseus für einen Bruder des Idomeneus aus 
und sagt daher: 

JevxaXltüv cf eph rlxte xal 'lâofÂevija ävaxta. 
Es liegt auf der Hand, dass die Odysseestelle hier direct auf 
die Iliasstelle hinweist, jene als bekannt voraussetzt. Gleich- 
wohl aber ist hier Minos nicht der $ohn, sondern der Vertraute 
des grossen Zeus. Eine Veränderung des Mythus hatten wir schon 
unter Nr. 5 und 26. 

67*. Meriones verwundet den Deiphobus, welcher den Helm 
des Ascalaphus wegnehmen will, am Arm (530), 

ix ff OLQCL xeiçoç 
avXwrtiç TçvgxxXeia %a(Aoti ßoftßrjoe neaovaa. 
a 397 heisst es, als Eurymachus mit dem Schemel nach Odysseus 
wirft und den Schenken trifft: 

6 <T aç oivo%ôov fiai* %&lQ<* 
âeÇêteçrjV tzqÔ%qoç âè %ctftai ßopßrjüe ntoovaa. 
Wie man sieht, sind die beiden Stellen in der Situation und im 
Wortlaut so ähnlich , dass die Frage nach ihrem Verhältnis» zu 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 67 

einander unabweisbar ist. Dass die komische Situation der Odyssee 
der ernsthaften der Dias als Muster gedient bat, ist kaum glaub- 
lich; dass dagegen ernsthafte Stellen gern parodirt werden, 
weiss jeder. Uebrigens s. Nr. 12 und 25. 

68*. Vom schwer verwundeten Adamas beisst es (573): 
cog o ivTisiç ijofte$QM filvvv9à meç, oi! %i paka dij v» 
% 473 steht: 
rjortaiQOv (sc. âficoal) de nôdeooi (xivvv&à ucq, ov 

tt (uccka di/jv. 
Was dort die Schwere der Verwundung bezeichnet, nämlich die 
Kürze des Zuckens, das macht hier einen komischen Eindruck, 
„Sie zappelten mit den Füssen ein bischen und gar nicht lange." 
Etwas komisches liegt auch in der Art, wie die Mägde alle an 
einer Schnur aufgehängt werden; komisch soll endlich auch der 
Vergleich sein : Sie hingen die Köpfe wie die Drosseln oder Tauben 
in der Schlinge {% 471). Uebrigens vgl. Nr. 113* 

69*. Aias und Teukros stehen zusammen in der Schlacht (703)x 
<5ç % èv veitjß ßoe oïvone nri*%ov qqotqov 
leov ^v/àov exovte Titaivetov 
Odysseus dagegen sehnt den Sonnenuntergang herbei y 31: 
(vç d' ov 3 àvifë dÔQaoïo XilaUtai) $te ttaprjfiac 
veiov àv* elxrjtov ßoe oïvone rtqxvàv aço%çov. 
70*. „Führe, wohin dich Herz und Muth treiben", spricht 
Paris (785): 

rjfielç <T ifipeitawreç &(i ê*fwpe&\ ovêé vi ipripu 
âXxrjç âevrjoeo&cu, oat} ôvwctpt(ç ye rt&çeoTi** 
Diese beiden Verse finden sich auch tp 127 im Munde des Tele« 
mach. Nach Bekkers Vorgange tilgen Faesi-Kayser und Ameis- 
Hentze dieselben, weil sie „vorzeitig auf die künftige Verteidigung 
gegen die Verwandten der erschlagenen Freier hinweisen" (HenUe 
Anh.* zu tp 127) «od ausserdem in den meisten Handschriften 
fehlen. Den letzten Umstand erklärt Kirchhoff (Od. 11 S. 531) aus 
einer älteren Athetese, deren Richtigkeit er bezweifelt. Mit Recht. 
Denn erst durch diese beiden Verse wird Tèlemachs Rede voll- 
ständig. Auf die Aufforderung, zu Überlegen, was nun zu thun 
sei, antwortet er: Ueberlege du das selber, denn du bist ja der 
klügste unter den Menschen, wir aber werden folgen. Dass er 
dabei auf einen eventuellen Kampf deutet, lag doch sehr nahe. 

5* 



Digitized by CjOOQ IC 



68 CBMOLL 

JE. 

71. Den Fluchtvorscblag weist Odysseus zurück und sagt (90): 
olya, fiij xig x* alloc *A%aiiav xovxov ixOvat] 
pv&ov, ov ov xev àvriQ ye âià at 6 fia nafirtav ayoixo, 
oaxtç Intaxaixo y\ai qpçeoiv aoxia ßaCeiv . . . 
Dagegen sagt ^ 240 Àkinous: Wir nehmen dir deine Worte nicht 
Abel, da du deine Tüchtigkeit ins rechte Licht setzen willst. 
(238) ztoopevoç, oxi a' ohxoç chnijo h ctywvi naoaoxâç 
vuxeoev, dig av orjv içexyv ßooxog ovxig ovo it o, 
Soxiç iniaxatxo rjai q>oeolv aoxta ßaCetv. 
Sittl bemerkt S. 41, dass sich die Verbindung ovxig — oaxiç nur 
noch a 334 finde. Ausserdem rerräth sich die Nachahmung hier 
durch die ungeschickte Wiederholung ai — orjv âçextjv. Es 
sollte heissen xoiquevoç, oxi cnjv açexijv (oder blos ai) ovxog 
&vr È Q veixeoev, <og av xxl. Debrigens bedeutet tag hier 4n einer 
Weise, wie'. Was Faesi-Kayser mit der Erklärung *wie denn, 
weshalb' will, ist mir unerfindlich. Zur Euryahisscene ver- 
gleiche Nr. 29. 

72*. Agamemnon sagt (107): 

vvv d* eîrj, Sç xrjaâé y' àfielvova firjxiv hlortoi, 
vj véog tfh rralaiôç- èpoi ôé Tcev aopévtp eïr t . 
Darauf ergreift Diomedes das Wort: 

èyyiç àvijQ* ov o\&à ftaxevaofuv nxl. 
So fragt ß 28 Aegyptius: 

vvv êè sic wo' V7*m* (*c laôv); xlva j#£iù xôaov hut 
$è vêmv ctvâowv % o% nçoyevéaxêçoi liait; 
Daraif erhebt sich Telemach, erhält das Scepter (Nr. 4) und sagt: 
(40) w yéçov, oi% êxiç ovxog avTjo, xi%a f etmot avxôç, 

oç laov fjyeiça' fiâltaxa ai fî alyoç ixavei. 
Das rjyeiça ist anstOssig, weshalb Zeoodot rjy**** schrieb. Dann 
posât aber das folgende fié nicht mehr, was um so schUnmer ist, 
da die Erzählung in der ersten Person weiter geht Noch an- 
sässiger ist meines Erachten* xa%a <F tiatai aèxiç, worin avxog 
gar keinen Sinn hat. Vgl. 0> 292: 

àk£ oôê fier xà%a iduqp^aei, ob ai êïoeai avxôç. 
Vielleicht hat diese Stelle dem Verfasser von ß vorgeschwebt; 
dann hauen wir hier zwei lliasstellen in einer Odyssee- 
stelle vereinigt. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 60 

73*. Hera schmückt sieb* für Zeus und steckt (183) io die 
wohldurchbohrten Ohrläppchen fyfimra 

%qlyXr\va ftoçôêvta' %àçiç â' àiteXâfAnwo noXXrj. 
Eben solche schenkt Eurymachus a 298 der Penelope. 

74. Aphrodite überlässt der Hera ihren Gürtel mit den Worten : 
(212) ovx $ot* ovdl Monte reov ïrtoç otQvrjoao&ai* 

Zqvôç yàç %ov aqiotov h ayxolvfloiv lavetg. 
Ohne einen Grund hinzuzufügen, braucht Hephästus dem Poseidon 
gegenüber (# 358) den ersten Vers (s. Sittl S. 41); was um so 
wunderbarer ist, da er ihn eben derb abgewiesen hat. Darin 
zeigt sich völlige Erschlaffung des dichterischen Ver- 
mögens. Vgl. Nr. 75. 

75. Zeus fordert Hera auf (314): 

vvji <T ay* iv q>iXôtr]Ti TQU7tslonev evvtj&évts. 
Aehnlich sagt Ares zu Aphrodite # 292: 

âevço, q>lXrj, Xéxrçovâê' tçan eio jiiêv evvrj &évfê. 
Nicht am blossen Lager, sondern am Lager in Liebe wollen sie 
sich erfreuen. Doch musste der Nachahmer iv yiXitrjti weg- 
lassen, um eine Anrede m den Vers hineinzubringen. 

76*. Als Peneleos den üioneus auf eine so entsetzliche Weise 
getödtet hat, jubelt er. Dann heisst es (506): 

(ûç q>â%o* %ûvç f aça nàvtaç vno tço^oç iXXaße 

yvïa. 

TtàTtrrjvev ôè Sxaotoç, Sftrj tpvyoi alnvv ZXt&Qov. 
Pur Vs. 506 haben die Scholien und einige jüngere Handschriften 
die Variante: 

%ovç d 9 aça it&vxaq V7tb %X(oqov êéoç elXev 
Ebenso wie hier die Troer entsetzen sich die Freier % 42, als 
Odysseus sich zu erkennen gegeben hat. Und zwar lautet der erste 
Vers wie die Variante der Iliasstelle: 

û>çq>oero 9 %ovç d' äca nctvxaq vno %Xwç)bv diog elXev. 
Der zweite Vers aber wird allgemein ab Interpolation betrachtet, 
da er Vs. 24 widerspreche, wo die Freier nach Waffen umher- 
blickten, und weil er zweitens schlecht überliefert sei. Aber 
erstens warum sollen die Freier nicht zuerst nach Waffen bücke« 
und dann, als Odysseus sich zu erkennen gegeben, nach Rettung 
spähen? Und könnte nicht zweitens die schlechte Ueberiieferung 
einer Athetese entstammen, aus denselben Gründen, wie sie die 
Neueren vorbringen? s. Nr. 70. 



Digitized by CjOOQ IC 



70 GEMOLL 

0. 
77*. Als Patroklus die Troer siegreich sieht, da (397) 
iy(Xü)%ev t 3 &q' ïizeixa %ai & fCBftXrjyeto firjQw 
%BQoi xa%a7ZQT)véao\ oXcxpvQÔpevoç ôk nçoarjvêa' 
Diese beiden Verse stehen auch v 197 f., vorher aber geht 

a%rj <T Sq* avaiÇaç xal §* eïaiâe natqida yatav. 
Einem aufmerksamen Leser kann es nicht entgehen, dass die 
Wiederholung aça — $a — äc* ünecta höchst gezwungen ist. 
Was würde man zu einer derartigen deutschen Satzverbindung 
sagen: Und nun stand er . . . und nun sah er . . . und da nun 
jammerte er ... ? 

78*. Aias feuert die Seinen an, im Kampfe bei den Schiffen 
Stand zu halten: 
(509) rjplv <T ov tiç Tovâe vôoç xaî (irjviç àpelvwv 
rj avToaxeôlf] pîgcu xetçaç te fiêvoç te. 
ßeXteQOv rj ânoXéo&ai ïva %qovov r)è ßitovai 
rj drj&à OTQevyea$ai h alvij ârjorïjri, 
wô' avTtoç TtctQa vrjvoiv vn avÔQaai %eiQO%êqoioi9. 
Die drei letzten Verse enthalten manches Auffällige. Zwar der 
ganze Gedanke entspricht dem Vorhergehenden: „das beste, was 
ihr thun könnt, ist, den Nahkampf zu versuchen. Besser mit 
einem Mal zu wählen zwischen Tod und Leben, als so ganz um- 
sonst in der grausen Feldscblacht sich lange abzuquälen." Doch 
das asyndetische ßeXtecov, ferner eva xQovov statt aitcrf; machen 
sich unangenehm fühlbar. Im letzten Verse ferner erscheint der 
Zusatz in' avàqàoi %eiQO*éçoioiv recht entbehrlich. Und end- 
lich erinnert die Stelle an /t* 350, wo Eurylochus sagt: 

ßovXofi* ana£ nqog xvpa %avwv ànb ovfiby oXéaaai 
rj âtj&à otçevyeo&at èwv h vyo<p içrjfif)» 
Aber gerade diese Stelle spricht für die Originalität der Ilias. 
Die Qual der Begleiter des Odysseus besteht in dem Hungerleben 
(331) auf der Insel. Das haben sie schon gekostet, es sollte also 
nicht ar}$a, sondern %xt heissen. Vergleicht man ferner O 512 
mit jti 351, so erkennt man, dass Ioj? nur eingeflickt ist vor 
iv vrjotp hyp?], um den Vers zu füllen. Daher ist auch hier die 
Ilias für das Vorbild der Odyssee zu erklären. Anders urtheilt 
Bekker hom. Bl. 1, 275, welcher in O 511 — 13 eine Interpo- 
lation sieht. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN 1L1AS UND ODYSSEE 71 

79. Hektor schilt den Melanippus (553): 
oihu) dij, Mekcnwtne, (Ae9yaoiA*v, ovdi vv ool rzsç 
èvTçénetai qtlXov tjtOQ àvêifJiov xtctfiëvoio; 
Die gesperrten Worte finden sich noch a 59. Während aber in 
der Ilias die starke Betonung ool n*Q wohlbegrOndet ist („und 
auch dir rührt sich das Herz nicht, trotzdem dir der Vetter ge- 
tödtet ist 44 ), fehlt diese Begründung in der Odyssee gänzlich. 
Nicht einmal der Name des Gottes ist angegeben, dem Odysseus 
bei den Schiffen geopfert hat (vgl. Sittl S. 41). Haben wir nun 
aber eine Entlehnung, und noch dazu eine gedankenlose, vor 
uns, so sehe ich nicht ein, weshalb man nicht audi die Inter- 
punction der llias beibehalten will. 

n. 

80*. Auf des Patroklus Bitte (36): „Wenn du eine deoftconirj 
vermeidest und die Mutter dir wohl von Zeus Bescheid brachte, 
so entsende mich 44 , entgegnet Achill: 
(50) ovze &€OrtQonir)ç ipnaCofiai, rjvtiva olâa, 
ovze %l po$ rtàç Ztjvàç fatéqtçadt nô*via htjtyiq. 
a 409 fragt Eurymachus den Telemach, ob der Fremde (Mentes) 
eine Botschaft gebracht oder in eigener Noth gekommen sei, und 
Telemach antwortet: 
(414) ovv ovv ayyelij] Ifci itel&opat, eï fzo&s» Möoi, 

ov%e &eonQQrtit]ç èfirtàÇopai, r\v%iv* ^rjtt]Q . . • 

èÇeçérjiai. 
Nach der otonçonij] war nicht gefragt, und die zweite Frage 
nach dem Reisezweck des Mentes wird überhaupt nicht beant- 
wortet. 

81. Um Kebriones haften ?iel scharfe Speere, springen be- 
fiederte Pfeile von der Sehne und bestossen viel mächtige Steine 
die Schilde (775) 
Haçvafuérwv àpq> 3 avvôv o d' iv OTQoyàXiyyi xovlrjç 
netto péyaç fieyalwovi, kelaofiévoç i7t7toovvàa>v. 
<à 37 ff. erzählt Agamemnon dem Achill: Um dich wurden der 
Troer und Achäer beste Söhne getödtet 
IxaQvâfievoi neçl oeïo* av <F iv otQoyâXiyyi xovltjç 
xeîoo xtX. 
Sittl notirt S. 43, dass der Zusatz XeXaopàvoç Innoovvâwv Ton 
Achill anstttssig sei, da er seinen Wagen nicht selber lenke. 



Digitized by CjOOQ IC 



72 GEHOLL 

Ueberhaupt ist ja Achill nicht wegen seines Wagenlenkens, sondern 

wegen seiner schnellen Fasse berühmt. S. neuerdings noch Niese 

Entwickelupg der hom. Poesie S. 119 ff. 
82*. Die Zeitangabe (779): 
ïjfÂOç d* rjélioç fittsv loa st o ßovkv%6vee f 
x ai %6%e ir\ q vnsQ alaav *A%aiiii cpéçteçoi ijoa* 

steht auch i 58 im Kikonenabenteuer ebenfalls mit folgendem xai 

TOtê di}. 

F. 

83*. Apollon reizt den Hektor gegen Meneiaus auf 
(73) àvèçi efaâ(iev4>ç Kutovtov r\yi\%oqi Miv%r t . 
a 105 erscheint Athene dem Telemach 

elôo/uévf] Çelvip, Taq>lœy r\yr\%oqi Merry. 
„In einseitigem Eifer blind . . . stürmt Athene fort, den Telemach 
aufzuregen als H en tes, auszurüsten und zu begleiten als Men- 
tor. Denn auch nur zwei Namen zu erfinden, liest die Eile 
keine Zeit" (Bekker hom. Bl. I S. 105). „Reminiscenz oder 
Nachbildung ist nicht zu verkennen, wo der Name Mentes in 
die Odyssee eingeführt wird und gerade auf dieselbe Weise, in 
denselben grammatischen und metrischen Formen wie in der Uias" 
(ders. S« 108). So sehr ich Bekker beistimme, wenn er hier eine 
Reminiscenz aus der Ilias erkennt, so wenig kann ich seine Er- 
klärung des doppelten Namens (Mentes — Mentor) für eine wirk- 
liche Erklärung ansehen. Nicht die Eile kann den Verfasser 
veranlasst haben, den Beschützer in a Mentes, in ß u. s. w. Men- 
tor zu nennen. Es muss einen anderen Grund geben. Ich konnte 
zunächst darauf Unweisen, dass der Verfasser von a manches Ab- 
weichende hat. Er nennt das Gebirge von Ithake Neion, nicht 
Neriton (Gemoll Einleitung S. 26 A. 99), er gibt der Athene die 
Sohlen des Hermes und maeht Eurykleia zur Amme des Telemach 
(Kirchhoff Od. 9 S. 177). Doch muss sich ein anderer Grund auf- 
finden lassen, warum der Verfasser von a den Namen Mentes ge- 
wählt hat, der deutlich an Mentor anklingt und doch wieder eine 
verschiedene Person bezeichnet. Athene wollte dem Telemach Muth 
einflössen. Darum konnte sie die Gestalt des Ithakesiers Mentor 
nicht brauchen, der das Unwesen der Freier so oft und so lange 
mit angesehen hatte. Warum aber wurde der einmal gefundene 
Name später nicht beibehalten ? Offenbar, weil der Name Men* 
tor in den folgenden Büchern schon zu fest stand, 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 78 

als dass der Verfasser von a daran hätte ändern kön- 
nen. Deswegen ist auch die Meinung Bergks (LG. S. 664 À. 23) 
zu verwerfen, der den Mentes der Ilias aus der Odyssee herleitet. 
84. Hektor wird von Glaukus gescholten, dass er vor Aias 
nicht Stand hält, und erwidert (179): 

all' aye ôevço, ttérzov, naq' ïpf ïataao xai ïêe ïçyov . . . 
So spricht • auch Athene als Mentor % 233 zu Odysseus. Schon 
Dflntzer (a, 0. S. 469 und jetzt Sittl S. 43) bebt hervor, dass der 
Vers im Munde der Athene unpassend sei, da den Muth Mentors noch 
Niemand bezweifelt bat. Ich füge hinzu, dass die Aufforderung rtaç 9 
$fi* ïataao von Odysseus etwas Unmögliches verlangt, da sie selber 
xdiôovi dxélï) sieb sofort nach oben emporschwingt. Wieder 
haben wir es hier mit einer starken Gedankenlosigkeit zu 
thun, die ihren Grund darin bat, dass der Dichter die Form zu 
seinem Stoffe nicht frei und überlegen schafft, sondern mit ge- 
nauester, geradezu unfreier Anlehnung an die Ilias* 
85*. Von Aias heisst es (279): 
Alaç, oç tzbqï fièv sîâoç, neçl i' içya titvxto 
%&v älXtov Javawv fier 3 afivftova nrjlttcova. 
Dieselben Worte von demselben X 550 f. tilgt Kirchhoff (Od. 2 S. 231) 
als spätere Interpolation. Ich furchte, mit Unrecht. Die blosse 
Entbehrlichkeit kann hier nicht maassgebend sein. Wenn die 
Dioskuren mit Uiasversen bezeichnet werden (Nr. 26), warum 
nicht auch Aias? 

86. Als Zeus die Rosse Achills ttber den Tod des Patroklus 
weinen siebt, sagt er: 

(446) oi piv yaç %l nov iarcv ètÇvçœrêçav àwôçbç 
nctrttov, Haan %b yalav %ni nveist tb xoi Hcnst. 

Berêefoe Gedanke wird a 130 benutzt und in unklarer Weise 

weiter gesponnen: 

oidkv ctxiôvét€çov y ai a içécpet àv&Qwnoio 
rtctVTiov, ooou rs yalav ïni nvtiei %b *aï %çnei. 

Die ungeschickte Wiederholung {yaïa — yalav) verräth den Nach* 

ahmer. 

87. Athene freut sich, dass Menelaus zuerst zu ihr betet: 
(567) yrjdrjoey ôi &eà yXawtümc Idxhtjvrj, 

%%%i (far ol Ttâfirzçiota dsiuv rjçtjaavo nàvttav. 
Dieselbe Athene freut sich y 52, dass Pisistratus ihr zuerst den 
Becher gibt* 



Digitized by CjOOQ IC 



74 GDMOLL 

XàiQ€ ô* ÏA&rjvaét] . . . 

ovr&ta ol fiçotéçt] ôaxe xçvaeiov aleiaov. 
88. Von Antilochus heisst es bei der Nachricht von des Pa- 
troclus Tode: 

(695) drv èé fxiv àfÂqxxoirj &7zàwv Xctßs, tio èé ol ooai 
ôaxçvôq>iv rckij o$iv, &alêQrj dé ol eo%e%o 

qxayt] . . ., 
ebenso von Penelope â 704. 705, als sie den Mordplan der Freier 
gegen Telemacb vernimmt. Wer erwägt, dass der Gefühlsausbruch 
der Freier bei der Nachricht von der heimlichen Entweichnng 
Telemachs mit Uiasversen angegeben war (s. Nr. 3), der wird hier 
dasselbe Verhältnis* annehmen und Jordan nicht folgen, welcher 
P 695. 696 als Interpolation streicht Anders als ich ur- 
theilen Lentz a. 0. S, 24 und Situ S. 44, ohne aber nennenswerthe 
Gründe für die Unechtheit der Verse vorzubringen. Vielmehr finde 
ich, dass gleich der folgende Vers (697): 

àXV ovo 3 toç Msvelaov èqnjfioovvaç ifiétyoe» 
die Schilderung eines solchen Schreckens und Schmerzes voraus- 
setzt, wie sie 695. 696 bieten. 

2. 
89*. Auf die Kunde von des Patroclus Tode bricht Achill in 
leidenschaftliche Klagen aus: 

(22) âç qxxro' %ov i* a%soç vecpéXrj èxâkvxpe fiëlaiva, 
afig>oféQf]ai de xbqoiv élwv xoviv al&aloeooav 
%eva%o xcrx xeqxxkijç, %açiey â' fjO%WB ftçècœrtov. 
Die gesperrten Worte stehen auch w 315 — 317, doch ist hier bei 
dem greisen Laertes dieser lebhafte Gefohlsausbruch zumal nach 
zwanzigjähriger Abwesenheit des Sohnes weniger passend. Das 
muss der Nachdichter auch gefühlt haben, denn er hat das Zer- 
kratzen des Gesichts und das Zerraufen der Haare weggelassen. 
Oder hat er %cxqIçv â' fjoxvve tvqôowïiov nur deshalb in aôivà 
otevaxlÇwv verändert, weil ein nqbaaitov %aQiw für Laertes nicht 
mehr passte? 

90. „0 dass doch der Hader aus dem Bereiche von Göttern 
und Menschen verschwände", sagt Achill (108) 

xal %6h)ç oç %* èqtétjxe noXvq>QOvà neç xaXtnrivai. 
£ 464 sagt Odysseus: Ein Wort der Bitte will ich sagen, 

olvoç yètQ àvwyei 
rjleôç, oç %* ègtérjxe noXvq>qova neç pâk' àeïaai. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 75 

Die letzte Stelle zeigt sich als Nachahmung jener durch das vor 
àelocu eingeflickte fiala und namentlich durch die sonderbare 
Ideenverbindung zwischen Klugheit und Singen. Warum soll denn 
der Kluge im nüchternen Zustande das Lied unterdrücken? 

91*. Auf des Zeus Anrede: „So hast du's denn erreicht, 
den schnellen [Achill aus seiner Unthätigkeit zu reissen", erwidert 
Hera (362): 

xal firj* arj nov Tic pellet ßcoroc àrêçl teléoaai, 
oorteç &vt]TÔç t èatl xal ov vôoa firjôea olâev 

n&q drj fy(*>y\ fj gnjfii &8awv ejUjuer açiatrj 

(367) ovx oq>elo* Tqübgoi xoTeaaapévrj xaxà palpai; 
Die ganze Scene (356 — 368), in welcher sich vorstehende Verse 
befinden, wird mit ziemlicher Einstimmigkeit als spätere Interpo- 
lation verworfen. Schon Zenodorus (schol. IL ed.Dindorf IV p. 181) 
hat eine stattliche Anzahl Gründe für dieses Urtheil zusammenge- 
bracht. Die Litteratur der Neueren s. bei Ameis-Hentze Anh. zur 
II. Heft VI S. 142. Wie spät man sich zum Theil diese Inter- 
polation denkt, geht daraus hervor, dass Faesi-Franke das Original 
zu den gesperrten Worten v 45. 46 suchen. Dort sagt Athene 
zu Odysseus: 
(45 axévlie, xal fxêv riç te %bqbIovi 7zu&t&* êvaiçy, 

uorzeç &vt]TÔç % èatl xal ov rôaa (urjâea oîôev 

avràg èyw &eôç eipi, ôia/uïieQèç rj ae g>vlaaaw 

iv ftavteaai nôvoiç xtl. 
Hier in Vs. 47 würde man den Zusatz ôiafÀTteçèç xvl. gern ent- 
behren. Nun er aber einmal da ist, nun der Gedanke so gewendet 
erscheint: Ich aber bin eine Göttin und zwar deine Schutzgöttin, 
so erwartet man zu #«oç noch einen Zusatz, wenn nicht xtivrj, 
so den Namen selbst. Vgl. y 301: 

ovâè ovy' ïyvœç 
Ilallàâ' 'Axhjvalrjv, xoiQïjv diàç, ijte toi alel 
iv fzâvzeaai novoioi ftaçiarafiai rjôè (pvXàoow. 
Hier ist der obige Anstoss vermieden. Wenn man nun noch hin- 
zunimmt, dass v 47 die Stellung des Relativs nach diapmêqêç eine 
ganz ungewöhnliche ist (s. Kayser zur Stelle), so wird es kaum 
noch zweifelhaft sein können, dass v 45—49 aus 2 362. 363 und 
y 301. 302 zu8ammengeschweisst ist. Ist also die Scene 2 
356 — 368 interpolirt, so hat der Verfasser von v 
dieselbe doch schon gekannt. 



Digitized by CjOOQ IC 



76 GBMOLL 

92*. Hephästus begrösst die Thetis und fragt (434): 
tint e y Sit i tavvnenXe, fa&veiç fjfiêteçov da 
otidùir] te (plXtj te; ttaçoç ye pèv ott$ &aplÇeiç. 
avâa, oti qtçovéeiç* teXéaat ai fie &v[*bç av<oyev f 
el êv va pat teXéoat ye xaï el teteleafiévov ictlv. 
Darauf thut Thetis sofort ihr Anliegen kand. Mit denselben nur 
entsprechend modificirten Worten empfängt Kalypso e 87 — 90 den 
Hermes, setzt aber sogleich zu essen vor. Und Hermes isst und 
trinkt und dann erst antwortet er (97) auf die Frage der Kalypso. 
In dieser fehlerhaften Anordnung zeigt sich wieder dieselbe Unge- 
schicklichkeit und Unfreiheit, die wir schon so oft getadelt haben. 
93*. Thetis klagt vom Sohne (440): 

%ov d* ov% vrtOÔiÇufiai avttç 
oïxaêe vootrjoavta ôûfiov Ilrjkjjiov eïuw. 
Desgleichen Penelope rom Gemahl (t 257): 

tbv â* oi% vïtoôéÇoftai avttç 
oïxaêe vootTjGavt* (pihqv iç 7t arç Ida yàïa*. 
94*. Auf dem Schilde (483—608) bildet Hephästus auch 
die Wunder des Himmels ab. 
(486) Illrjiaâaç &' 'Yàôaç te to te o&évoç 'QqIwvoç 

"Açxtov #*, rjv xaï auaÇav ènlxXyoïv xaXéovotv, 
fj t 3 avtov ctoéqtetat xai t* 'Qçlwvv ôoxevei, 
oïrj â' auuogoç iati XoetçcSv'Sàxeavoïo. * 
Die gesperrten Worte finden sich auch e 272 ff. Da lautet der 
erste Vers: Dem Odysseus kam kein Schlaf auf die Augen 

nhqiàdaç t* iaoçwvti xai otpè âvovta Bowttjv. 
Während in der Dias also der Orion zweimal erwähnt wird, steht 
er in der Odyssee nur einmal und zwar wunderlich genug mitten 
zwischen der Beschreibung des Bären. Dort -steht er zwar auch 
in der Ilias, aber da er schon zum zweiten Mal erwähnt wird, 
nicht mehr anstttssig. Der Anstoss der Odysseestelle ist also erst 
durch die Einordnung in den gegenwärtigen Zusammenhang ent- 
standen. Wunderlich ist es endlich auch , de» Odysseus auf alle 
diese Sternbilder bei der Fahrt schauen zu lasàen, statt auf eines. 
Anders ist es in der Ilias, wo ja Hephästus die Wunder des Him- 
mels abbildet. 

95*. Von den beiden Heeren bei der Stadt im Kriege heisst es (533): 
orrjaàfievoi <T èpâ%ovto (iâ%rjv notapolo rtao 3 %%&ac 
ßdXXov <T âXXrjXovç xaXxriçeoiv hy%elfiatv. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 77 

Die gesperrten Worte stehen auch im Kikonenabenteuer é 54. 55 
und lind 4a Gegenstand der wissenschaftlichen Controverse gewor- 
den. Von der einen Seite werden sie als Interpolation getilgt, 
weil die 3. pl. im Munde des Odysseua nicht passe; von der an- 
dern Seite wird erinnert, das» ifuxxßvro auf beide Theile geh«* 
wie ßaklov àlXrjlavç deutlich zeige, und nicht bloss auf die Leute 
des Odysseus. Dass letztere Meinung die richtige ist, kann fol- 
gender Umstand ganz evident beweisen. Läset man 54. 55 weg, 
so erhalt man diesen Zusammenhang: (51) sie kamen in der Frühe, 
da waltete Ober uns ein böses Verhängnis» .... So lange es nun 
Tag war.... so lange wehrten wir uns und harrten ans 
u. s. w. Man sieht wohl ein, dass dazwischen etwas von dem Be- 
ginn eines Kampfes gestanden haben muss und das bieten die 
Verse 54. 55. Da nun das game Kikonenabenteuer aus geborgten 
Versen fast zusammengesetzt ist, so werden wir uns Ober das un- 
geschickte àpàxovso nicht weiter wundern dürfen. 

96. Hephästus bildet auf dem Schild auch einen Reigentanz 
ab, dem ahnlich, wie ihn einst Dädalus in Kreta bildete. In dem- 
selben heisst es (603): 

7toXlvç â' ifiêçé&m tpQov ns^Ua%u& i ofiiloç 
Teçrcôfievoi' ftsrà ai ovpiv ifiiéfot&o #«î«g ctoièéç 
tpoçnlÇwv do lù de xvßiOTtjTiJQe mat' avrot/g 
fioXmjç iÇaçxovtoç idlvêvov nota fiéaaovç. 
Die drei letzten Verse finden sich 4 17— -19 und sollen mit sammt 
15 und 16 von Aristarch eingeschoben sein (Athenaeue V p. 181 
Schol. MT zur Stelle). Es muss zugegeben werden« dass kaum 
etwas unpassender sein kann als diese Springer, auf die niemand 
sieht, dieser Sänger, auf den niemand hört Ebenso wird man 
einräumen können, dass die drei Verse 17—19 „unwesentlich und 
darum entbehrlich" (Kirchhoff Od. 8 S. 187) sind. Müsse* sie aber 
darum interpoliert sein? Bietet nicht die ganze Hochzeit dieselben 
Aostösse? Wenigstens die Gäste verschwinden gerade so spurlos 
wie der Sänger und die Springer. Mir scheint daher, dass der 
Verfasser dieser überflüssigen Hochzeitsscene auch eine Hochzeits- 
belustigung hinzufügen wolhe in den Versen 17—19. 

Der ganze Vorwurf gegen Aristarch ist- wohl daher entstanden, 
dass er hier Verse unangefochten Hess, gegen die er in der Ilias 
theilweise Kritik übte (vgl. Hentze Anh. IL VI S. 155). Aristarch 
alhetirte bekanntlich die Worte petà ai aqptv ifiéltteso &eloç 



Digitized by CjOOQ lC 



78 GEMOLL 

aoiôoç (poçfUÇan. Diese Athetese ist in ihren sachlichen Grün- 
den klar. Aristarch nahm an dem Säuger im kretischen Tanze 
Anstoss: %ov xçtjukov %oqov %ov todbv i&ïlev (A th. a. 0.). Es 
gehörten aber diese Stellen unter die weniges, in denen peXneo&ai 
„singen" bedeutet (Friedländer Ariston. p. 53). Ausser ihr gebort 
dazu die obige Odysseestelle und * 27. In allen dreien kehrt die 
Formel wieder: p*tà dé oq>v* èpélrtero &êïoç àoidoç. Da nun 
v 21 am besten vom Gesänge des Demodokus zu verstehen ist, 
so hat wohl Aristarch die übrigen beiden Stellen analog aufgefasst 
und ist dann auf diesem Wege zur Athetirung von 2 604. 605 
gekommen. 

In dieser Athetirung aber zeigt sich ein methodischer Fehler. 
Nicht bloss die von ihm als Interpolation angesehenen 2 604. 605 
finden sich â 17 — 18 wieder, sondern drei Verse 2 604 — 606 
gleichen dreien der Odyssee (d 17 — 19). Sind also die Worte 
[Â&tà — q>0QtiiÇù)* interpolât, so kann es nur im Zusammenhang 
der drei Verse geschehen sein. Ich kann aber nicht finden, dass 
sie ris Interpolation aufgefasst werden mttssten. Es ist doch noch 
sehr die Frage, ob hier wirklich ein kretischer Tanz gemeint ist. 
Ist er das aber nicht , so schwindet jeder Anstoss in diesen Ver- 
sen, und wir werden sie unbedenklich als Originalverse gegenüber 
S 17 — 19 in Anspruch nehmen können. 

T. 

97*. Agamemnon lost die Versammlung auf: 
(276) iiç Sq* èqxûvrjaevy Xvesv à* ayoçrjv aitfßt]o^v m 
ol fikv &q' èoxiêvavfo éif* Inl vtja ïxaafoç. 
In derselben Weise lost Laiekritus ß 257 die Agora auf, nur dass 
es hier statt ei}* in\ vrja heisst: ta aftçbç dépar'. Eine ähn- 
liche genaue Uebereinstimmung s. Nr. 10* 

98*. Achill klagt um Patroklos: „Ehemals hoffte ich* du 
würdest leben bleiben, um meinen Sohn aus Skyros tu holen* 4 
(333) Hol ol èsi&mç Onaota 

xvtjoiv ifAtjv dficüdg %% xai vipêçttyèç ftéya atopa. 
Diese Erwähnung des Neoptolemus ist vielfach verdächtigt worden. 
Vgl. noch zuletzt Christ N. Jahrbb. 123 S. 443. Mag das nun 
sein, wie ihm wolle, jedenfalls hat der Verfasser oder Bearbeiter 
von tj die Stelle gekannt. Denn rj 225 spricht Odysseus: Bringt 
mich in die Heimath: 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 79 

iô6v%a fie xai Xinoi airiv 
xrrjaiv ifÂfjV âfiûiâç te xot v%fieQeq>èç fièya dupa. 
Hier wird weder Peoelope, noch Telemacb, noch Laertes erwähnt. 
Vgl. Kirchhof Od.* S. 209. In der Ilias ist Peleus nicht vergessen, 
denn es heisst gleich dahinter: 

ijdri yàç urjUja y* èiofiùê .... ts&vàfiêv *rX. 
Dass übrigens die IHassteUe und nicht etwa % 526 die Quelle von 
rj 225 ist, folgere ich daraus, dass gerade diese Partie von * 
sehr unselbständig ist. Vs. 525 — X 178. 527—29 — ft 75—7. 
531=- a 270. 

Y. 

99*. Bei der Gotterversammlung fehlt niemand, weder von 
den Flüssen, 

(9) oîir* aça vvfi<pdu)v y aï %* ükoea xakà véfiovzat 
xai nriyàç noxafx&v xaï nloea rzoïrjevra. 
Ç 122 sagt Odysseus: kh höre Mädchenstimmen, 

ôç %i fie xovçaœv àwqXv&e xHjlvç àvtrj, 
vvfjupumvy aï $%ovo* èçéwv aineivà xaçrjva 
xal nrjyàç Ttotafiwv xal itiaea ftoirjevva' 
Die beiden letxt citirten Verse werden, wie es scheint allgemein, 
mit Nitssch Anm. H S. 105 als Interpolation betrachtet. S. noch 
zuletzt Lents S. 29. Allerdings geben sie eine hässlich nach* 
schleppende Erklärung zu xovçàwy (122). Auch würde man die 
Nymphen gern missen wegen der vorhergebenden Frage des Odys- 
seus: In welcher Sterblichen Land bin ich denn nun wiederge- 
kommen (119. vgl. Nitzsch a. 0.). Nichts destoweniger müssen die 
Verse bleiben wegen des folgenden 

(125) y vi Tiov ap&Qtort<ûv êlfiï axeôàr avèqiwaw; 
Die Verbindung aèâfjwteç av&Qionoi weist auf den Gegensatz der 
uasteitlichen Götter. Vgl. e 834: 

^tevxo&ét], 7} nçlv fièv Srjv ßcoiog avdrjooa, 
vvv d' àloç it nelccyeaac x>s<5v iÇéfif&çe tifiîjç. 
Darum hatte Lentz, den Nitzsch (a. 0.) citirt, nicht so unrecht, 
wenn er auch £125 tilgen wollte. Dann aber hat die Selbstauf- 
forderung des Odysseus (126) „nun wohlan, so will ich denn selbst 
prüfen und sehen 44 keine Beziehung mehr. Wir werden daher am 
besten thun, alles zu lassen, wie es ist, zumal durch eine Erklä- 
rung dem nachschleppenden vvpupaiav abgeholfen werden kann. 
Man ergänze ein ij in Gedanken vor demselben, dann ist der Zu- 



Digitized by CjOOQ IC 



80 GEMOLL 

sammenhang der: Es traf mein Ohr Mädchenruf, (die entweder) 
Nymphen (sind), oder ich bin wohl gar redenden Menschen nah. 
Wie man siebt, ist hier nur das Fragezeichen 125 £u lügen. An* 
stössig bleibt freilich das %iwv ait a ßcowuiv xtL i* 119 immer 
noch. Aber da es gewöhnliche Frage ist, wenn jemand in einem 
fremden Lande ist (vgl. v 200) f so dürfen wir wohl annehmen, 
dass es dem Verfasser von Ç entgangen ist, dasa er bei» Gebrauch 
derselben eigentlich die Nymphen aussschloss. 

100*. Zum Götterkempf kommen 
(34) JJooeiôdwv yairjoxoç yd* kQïQvvtjç 

'Eçfieiaç, 
desgleichen # 322 zum ergötzlichen Schauspiel, içitvrrjç kommt 
nur an diesen beiden Stellen in Homer vor. 

101. „Heute soll Achill nichts widerfahren", so spricht Hera, 
(127) voxsqov avve *<* neioevat, aooa ol aloa 

yiyvofiévtp irzêrqoe kivtp, ore fit* r«xe (tytfjQ* 
£ 197 sagt Alcinous: wir werden den Fremdling heimseoden; 
(196) &£<* i* mum 

fteioevat, aaoa ol aloa xa%à nkwâiç %e ßaceZai 

yiyyoftévq* vrjoavto kivip, oie (âhv %èx* fArjutQ* 
Hier ist zu aloa imxiv zu ergänzen. Dass diese Steile ans jener 
abzuleiten ist, schliesst ürchhoff S. 209 aus dem Medium vjjvbpw. 
Es liesse sich für diese. Anaahme auch die Häufung cäoa und 
xlüWec ins Feld führen. In dieser Häufung finde ich die Sucht 
des Nachahmers, sein Vorbild zu übertreffen wieder. Als 
eine vorgeschrittenere mythologische Vorstellung gegenüber der 
aloa, dem Schicksal, fasst die persönlichen Klû&eç Niese Ent- 
wicklung der hom. Poesie S. 51. Er übersieht, daas die Aloa 
in der betreffenden Iliassteüe ebenfalls persönlich aufgefassl wird. 

102*. Von Ganymedes, dem dritten Sohne des Trbs heisat 
es (233): 

oç ai] xcclkievoç yéveto drrjiaiv àr&ftoTtW 

%bv Kai àytjçeiipavto &eêl dû oh>Q%oevEtv 

xàlleoç eïvexa oïo, iV œ&avavoioi u. eve if]. 
Hier in 235 Mit die doppelte Zweckangabe auf 1) oîvo%oevuv, 
2) ïv 3 a&avaroioi pereit}. Da nun auch die Schönheit schon 
233 erwähnt ist, so erscheint Vs. 235 als überflüssig, ja störend. 
Dagegen o 251 wird niemand denselben Vers als überflüssig be- 
zeichnen wollen. Denn wenn man von den beiden Versen 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 81 

(250) àkV tj toi KXeitov xqvoo&qo*oç rjçrtaoêv fjatç 
xàlUoç efotxa olo, ïv* a&avâvoiot peielr) 
den letzten streicht, eo feblt jegliche Zweckangabe. Somit ist der 
Vers hier ursprünglich, dagegen in IT 235 Glo9*em. 

O. 

103. Achili springt in den Floss qxboyatuv olo* %%w 

(20) tvrtve d' kniotcotyadr}*' %üv ai atovoç aovvt' aeixrjç 
aoçi &êivopév(ov, èçv&alveto d a * aï pan %itoo. 
Diese Stelle ist zweimal (K 483 und % 308), oder wenn man w 184 
(Wiederholung von % 308) mitrechnet, dreimal nachgeahmt. Vgl. 
Düntzer hom. Abh. S. 469. Da die Stelle der Dolonie der obigen 
lliasstelle viel näher steht als der Odysseestelle, so wird jene, 
nicht diese das Original zu K 483 bilden, wie ich irrthOmlich 
Hermes XV S. 564 annahm. Sittl hat (S. 48) die unglückliche 
Idee % 302 — 9 streichen zu wollen, obwohl doch w 184 f. eine 
StüUe für x 308. 309 bietet. 

104*. Achill schleift den Lykaon an den Fluss: 
(120) %èp d' IrrfgtAwff novapovÖB laßwv nodàç ijxe q>éçBO&ai 

nal al imtvxoftevoç enea tztbqqbvt' ayôçeiw 

ittav&oï 9uv kbïoo ml. 
9 101 schleift Odysseus den Iras an das Hofthor 
(10t) ïhiB diix noodvQoio lafitov nodàç, Sqyç fori caUijV.... 
(104) xo/ pay (pcovrjoaç l'arec* rtvBQoevt* àyôçwBV 

àvtav&oî vi** %oo xx%. 
Die Anklänge liehen eich hier, wie man siebt, dureh drei Verse 
hindurch, was uns bei dem Verfasser der srtyjut? nicht mehr ver* 
wundern wird. 

105. Astertpftes kann des Peliden Lanje nicht aus dem 
Boden ziehen, 
(176) %q lg fxév fiiv fteXéptgêv iavoûBÇ&at iéepealvwv, 

*qIç ai ne&tjxe ßtfj.$ . . . . 
Ebenso heisst es von Telemaeh (p 125, der seines .Vaters Bogen 
spannen will, èçveo&ai in der Bedeutuag „spannen" ist 
hier einzig. Auch O 464 bedeutet es „ziehen mit dem Pfeil", 
nicht „spannen", wie Lentz S» 15 Anm. behauptet und Sittl & 50 
nachspricht. Schon dieser Bedeutungswechsel verräth den 
Nachahmer. Derselben Meinung ist D untrer a. O. & 460 und Faesi 
zu q> 125. 

Rtnnti XVIII. 6 



Digitized by CjOOQ IC 



82 GEHOLL 

106*. Achill klagt beim Flusskampf: hätte mich doch Hektar 
getödtet; 

(280) % $ x 3 àya&bç pkv %7tt(pv\ àyaâov 64 xe* igcvctciCev. 
vvv dé fie levyaléq) &avàtq> eïfiaçto àlcjvat' 
Àehnlich klagt Odysseus e 311: wäre ich doch im Kampf um 
den todten Peliden gefallen; 
(311) t# x' ïlaxov xteçétav xal peu xléoç r\yov 3 A%aioL 

vvv dé fie levyaléq? &avat<p eïftaçto à lûv ai. 
Eine Nachahmung dieser zweiten Stelle steht noch w 32. 

X. 
107. Hektor spricht: Seit ich das Volk ins Verderben ge- 
stürzt habe, 
(105) aidéofiai Tçwaç xal Tçioàâaç Hxêoirtéfilovg, 

[ir\ Ttoté tig eïftrjai xaxwtecoc alloc ifislo xtL 
Àehnlich erklärt Eurymachus q> 321 ff.: Wir fürchten nicht, dass 
du den Bettler beirathen wirst, 

àH' alaxvvôfievoi qxxriv àvâçtov tjiè yvvaixmv, 
fÀtj noté tiç eïfCflOi xaxdteQOç alloç'Axaiwv Ktl. 
In Ilias ist vs. 106 alloc nç Subject und xotmnecog Apposition 
dazu, q> 322 ist xaxarreçôç rig Subject, alloc überflüssig. Ferner 
ist der Comparativ zwar in der Ilias ganz an seiner Steile, in 
der Odyssee aber steht er gleich dem Positiv. Daher ist die Ilias 
hier als Original zu bezeichnen. 

108*. Der Pelide spricht zu Hektor: 
(271) vvv d* àd-çôa itâvt* ànotiaetç 

xrjâe 3 èptûv fraçtov, ovç htzaveç ly%ét dvtav. 
Die gesperrten Worte gebraucht Zeus a 42 von Aegisth; wie sich 
denn noch ein paar Wendungen des 22. Buchs der Ilias im Anfange 
von a wiederfinden. Apollo spricht zum Peliden X 10: ov i* 
âaneQxèç (levealveiç. Vgl. a 20 : 6 <P àon*Q%hç fievéaivev x%h 
Dann heisst es von Zeus (X 167): %oloi ai fiv&wv fax* narrJQ 

âvêçaiv re &ewv re' <3 nimoi Vgl. a 28. 29. Athene 

eilt im Schwünge vom Olymp XI 87 = a 102. 
109. Hektor schreitet (308) heran: 
oïfirjasv ai alelç, âç t' aierbç vipmerrjetç x%X. 
ta 538 steht derselbe Vers. S. darüber Kirchhoff S. 537, ebenso 
Situ S. 51. 

110*. Der sterbende Hektor warnt (358): 
ççaÇeo vvv, /uij roi %i &ei5v (irjvifÂa yévœpai, 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 83 

und weiterhin ruft Achill aus (386) 

x&tai notQ vrjeaoi vhcvç axXavroç adarttoc 

nâvçoxkoç. 
Beide Stellen sind verwerthet X 72, wo Elpenor sagt: 

fn) |U* äxXavtov ad'Otntov luv otu&ev xataXelnetv 

vowpto&elg, /kij toi %i &ewv firjvtfia yévwfiat. 
Die Wiederholung voaçio&elç ist nach lev völlig Überflüssig 
und zeigt aufs deutlichste den Nachahmer an« Vergleiche den 
ganz ähnlichen Fall in Nr. 60. 

Hl*. Priamus klagt um alle seine Söhne nicht so, als um 
den einen Hektor: 
(424) twv navtwv ov tôooov oâvQOfiat àxvvpevoç niQ 

éç êvôç, ov (a* a%oç ogù xatoloetai "Aièoç eïou> .... 
So klagt Menelaus um alle, die vor Troja umkommen, nicht so, 
wie um den einen Odysseus (ô 98 oï tot 9 SXovto): 
(104) twv nctvtmv ov tôooov iâvçofiat ixvvpevoç n*Q 
<aç ivoç, oo j $ fiot vnvov &nt%9alqu xal iawdrjv .... 
Nach diesem Zusammenhange sollte man annehmen, dass auch 
Odysseus vor Troia gestorben ist Doch ist das des Verfassers 
Meinung nicht, denn 109 heisst es: 

ovôi ti idpev, Çaiêi oy* rç té&vyxev. 
Das Ungeschick liegt hier deutlich zu Tage. 

112. Andromache fürchtet für Hektor wegen seiner Ver- 
wegenheit 
(458) rj fiiv {gerne' imi ov not 3 M nXrjdvï fiivtv àvÔQÛv, 

aXXà noXv nço&éeoxe, to ov pëvoç ovâevl êïxwv. 
So erzählt À 514 Odysseus von Neoptolemus: 

ovnot ivl ftXrj&vï fiévev âvôçwv oùê 7 h OfiiXtp, 
aXXà noXv rtço&éeoxe to ov fikvoç ovôsvi eïxiov. 
Durch das eingeflickte ovd 9 h opiXtp entsteht die Wieder- 
holung nXtj&vg — bfiiXog ein deutliches Zeichen der Entlehnung. 
Schon Sittl bat S. 52 das Verhältnis beider Stellen richtig aus- 
einandergesetzt. 

119*. Achill sagt (21): Ich werde mein Versprechen halten 

'ËxtOQa ôevç' içvoaç ôwoeiv xvoïv to pet daoao&ai.... 

Dies Versprechen steht X 348 ff. Ins Rohe gewandt findet sich 

dieselbe Redensart o 87, also wieder im Faustkampf. Da droht 

Antinous dem Iros, ihn zum Echetus schicken zu wollen 

6* 



Digitized by CjOOQ IC 



84 GEMOLL 

oç x ano §ïva tâftflot xaî ovctta vrjXh %aki$ 
/arjdea %* iÇeçvoaç dérj xvoiv a pà ôàvao9at. 
Die hier angedrohte Strafe trifft später den Melantbioe wirklich 
X 475. Diese Stelle ist Nachahmung von * 87, wie sieh schon 
daraus ergiebt, dass auch die Strafe der ungetreuen Mägde mit 
fremdem Verse angegeben wird (s* Nr. 68). Ausserdem aber ist die 
Entlehnung an dem Zusatz zu erkennen, dass dem Melanthios noch 
Hände und Fasse zerschlagen werden. Auch die erste, provisorische 
Bestrafung desselben % 197 zeigt eine Entlehnung. S. Nr. 121. 

114*. Patroclus erscheint dem Achill (62), 
evre %bv vnvoç ï/xaçme, Xvwv fueXedTjfiara Svptov, 
vrjdvfAOç àftcpixv&elç %%X. 

So heisst es auch von Odysseus (v 56): 
evxê %ov vnvoç ïpiaçnTt^ Xvoxv /Âslèârj fxata &v(iov, 
XvoipeXrjç %%X. 

und noch einmal iff 343: 

ote ol yXvxvç vnvoç 
XvoipeXrjç ènôçovae, Xvœv fieXe&yfiata &vfiov. 
Ich meine, dass die drei Stella in der aufgeführten Reihenfolge 
von einander abzuleiten sind. Des Verfasser von v. bängte an den 
Iliasvers das Xvoi/ueXrjg einfach an, offenbar um dadurch das letzere 
zu erklären. Dass diese Erklärung eine falsche ist (s. Faest-Kayser 
zur Stelle) lehrt uns, wie weit von dem Ursprünge der 
epischen Poesie die Gestalt der Odyssee, welche wir 
kennen, entfernt ist» Die dritte Stelle zeigt uns Xvaipslrjç schon 
in einer Verbindung mit jener falschen Erklärung, ab wenn es so 
sein mttsste. In ähnlicher Weise wird der Name des Odysseus su 
erklären versucht, s. Faesi zu o 62, wo aber w 306 ausgelassen 
ist, das Pseudonym 'EmjçiTOç. 

115*. Patroclus bittet den Achill: 
(84) firj ifdà owv anctvev&s vi&rjftevai èové*, IdftiXXev, 

àXX* 0(40v, (ûç i*Qaq>rtfi$9 h ifietéçoioi àôpuuoiv .... 
(91) c3ç de xal botéa vwiv opr} ooçoç afxcpixaXvnrot, 

XQvoeoç a/Àg>tq>oçevç, %bv toi nôçe not via fÂtjtrjç. 
ArisUrch tilgte Vs. 92 (s. Friedländer Arist. zur Stelle). Er nahm 
1) Anstoss an der Amphora, da die eogoç ß 795 XaçvaÇ 
„Grabkiste" heisse, doch W 243 steht auch yiaXrj; 2) war ihm 
das Mitbringen der Amphora nach Troia als ttble Vorbedeutung 
anstössig; 3) schien ihm der Vers nach c* 73 gebildet. Dort heisst es 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 85 
(73) d<3x« ai lirjtrjç 

Dass beide Stellen mit einander in Besiehung stehen, wird niemand 
leugnen wollen« Wenn man nun erwägt, dass w 73. 74 im Zu- 
sammenhange unentbehrlich, dagegen V 92 entbehrlich, dass es 
zwar passend ist, wenn die Mutter für den todten Sohn die Grab- 
urne hergiebt, aber unpassend und unnatürlich, wenn sie dieselbe 
dem lebenden Sohne mitgiebt, so wird man Aristarch nur zustim- 
men können. 

116*. Diomedes geisselt die Rosse (501), 

ot ié ot ïnnoi 

vtpôo' aeiçéo&tjv eiftqxx jtQrjOOOvis xéXtv&ov. 
Was hier in Wirklichkeit geschieht, wird y 81 als Gleich niss be- 
nutzt. Das Schiff der Phfiaken läuft: 
(81) ij d\ äg %' h nsaltp %B*QaoQOi açotveç ïmtoi .... 
(83) vifßoa* aeiçoftevoi $ip<pa ncrjooovoi xékev&oy, 

dg aça rijg ncvprrj fikv aeiçvto .... 
Also aus dem Zweigespann ist hier ein Viergespann geworden 
(Hentze Anh.* zu v 81). Schon diese Steigerung erweckt den 
Y erdacht, dass wir es hier mit einem Nachahmer zu thun haben. 
Es kommt aber noch das harte Anakoluth 17 d J . . . . wg aqa tijg 
itQvfivr] hinzu, welches die in der Ilias vorkommenden Worte um- 
scbliesst. Endlich erinnert der weitere Vergleich der Schnelligkeit 
des Schiffes mit*der des Kreisfalken 

(86) ovâi x$v ïçtjÇ 

xlçxog ofAOQirjoeiev ikaq>çôtatog fiêtetivéSv 
noch an X 139. Dort springt Aias auf Hektor zu 

jjvte xlçxog OQtoçiv ilaq>QÔvatog 7ie*€t]v<3v. 
Durch das alles halte ich es für erwiesen, dass der Verfasser 
des Eingangs von v das 23. Buch der Ilias gekannt 
und benutzt hat. Da nun dasselbe auch vom Verfasser von 
a (Nr. 113), t; (Nr. 115) und * (Nr. 117) wahrscheinlich ist, so 
erscheint die Meinung, die Geppert (Ursprung der hom. Ged. U 
S. 12 und sonst) ausspricht, das Buch *F sei erst nach der Voll- 
endung der Odyssee gedichtet worden, als völlig falsch. 
117*. Achill sagt aus Mitleid mit Eumelus (537): 

àXX* ay« dtj ot dwpev àé&liov dg inteixig 

âevreç', àtaç ta nçûta q>eçé<j&(o Tvôéog vlôg. 
Auf die Einsprache des AntUochus fährt er fort (560): 



Digitized by CjOOQ lC 



86 GEHOLL 

ô ci où) ol &ii)Qr}x.a, %ov 'Aotecortaiov àftrjvQwv, 
%à).*eoVi 4 rtéQ* X^t** çcteivov xaooitèqoio 
à(X(piôedivrj%ai' rvoXéoç èi ol aÇioç totat. 
& 389 fordert Âlcinous die Fürsten auf, dem Odysseus ein Gast- 
geschenk zu geben 

âXX' aye ol ôwfiev Çeivrjiov wç ènieixéç 
Obwohl wir hier einen ähnlichen Fall wie Nr. 74 haben, so konnte 
man doch vielleicht in dem Verse eine epische Formel sehen. Das 
ist aber im Folgenden nicht mehr möglich, da die Uebereinsthn- 
mung durch mehrere Verse hindurch bis in die Einzelheiten der 
Construction geht. Euryalus sagt nämlich 405: 

dtoOO) ol %o6* Hoc fcay%äX*eov, <p iftt xwnr) 
âçyvçérj' xoleov de veoftçltnov kXéqxxvtoç 
àfiq>tôeôlvrjtar noXêog ai ol aÇiov %a%ai. 
Dass hier die Ilias Quelle ist, geht schon daraus hervor, dass die 
bald darauf (409. 10) folgenden Worte, in denen Euryalus dann um 
Verzeihung bittet, ebenfalls in der Ilias stehen, 8. Nr. 29. Ausserdem 
möchte ich behaupten, dass àpq>idivéœ wohl von einem Zinnguss, 
aber nicht von einer Elfenbeinscheide passend gebraucht wird. 

118*. Vs. 758 votai <P and vvoorjç %i%a%o dçopoç.... 
findet sich auch & 121. 

119*. Achill fordert zum Diskuswurf auf mit der gewaltigen 
Scheibe des Eelion: 
(831) OQvvo&y oï xat %ovxov àê$Xov Tteiçrjoeo&e. 

eï ol xal ftccXa TtoXXov an oncost nioveç àyçol.... 
Faesi(-Franke) vermisst mit Recht an dieser Stelle die Klarheit des 
Gedankens. Lachmann (Betrachtungen S. 84) fand sogar die Partie 
des Buches von 824 an nicht blos vom Dichter nicht beabsichtigt, 
sondern auch „ungemein schlecht in der Darstellung". Wenn nun 
Faesi(-Franke) bemerkt, Vs. 832 klinge an i 35 an, so soll das 
offenbar heissen, dass die Uiasverse mit Benutzung der betreffen- 
den Odysseepartie geschaffen sind. Wie verträgt es sich nun da- 
mit, dass Fae8i(-Kayser) die betreffende Odysseestelle mit Schol. Q, 
Nitzsch, Bekker athetieren ? Soll etwa der Schluss von V jünger 
als eine Interpolation der Odyssee sein? Dort (i 34) heisst es: 
dg ovàèv yXvxiov f\ç rtatçlâoç ovôè roxrjwv 
yiyvetcu, eï iteq aal %iq ànônQO&i rtlova olxov 
yaliß iv àXXoianfj vaty artdvev&e xomjwv. 
Die Aehnlichkeit dieser Odysseestelle mit der obigen Iliasstelle ist 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN 1LIAS UND ODYSSEE 87 

so gering, dass ich für meine Person hier die Frage, welche von 
beiden Stellen die frühere ist, nicht stellen mag. Da aber die 
Sache einmal berührt ist, so will ich auseinandersetzen, wie ich 
mich zur Annahme derer stelle, die in i 34 — 36 eine Interpolation 
sehen. Der Hauptgedanke dieser Verse ist allerdings eine Wieder- 
holung von Vs. 27. 28. Ausserdem wird in denselben der Be- 
griff fern drei Mal {ànorcQO^i — àlloôanjj — àftâvevâe) aus- 
gedrückt, wodurch das wichtige rtiova olnov ganz in den Hinter- 
grund gedrängt wird (Hentze Anh. 9 zu i 34). Auch die doppelte 
Erwähnung der Eltern ist ungeschickt, um so mehr, da Gattin und 
Sohn des Dulders gar nicht erwähnt werden (vgl. Nr. 98). Ich 
würde daher gegen die Streichung dieser Verse nichts einzuwenden 
haben, wenn nur das Uebrige dann ohne Anstoss wäre. Aber das 
ist leider nicht der Fall, avtô&i Vs. 29 muss man nach dem Zu- 
sammenhange eigentlich auf Ilhaka beziehen, was doch bei Kalypso 
unmöglich ist. Die Erwähnung der Kirke ferner ist als gedankenlos 
zu tadeln, da die Phäaken von dieser nichts wussten. Daher sehe 
ich zur Annahme einer Interpolation der Verse 34 — 37 keine Be- 
rechtigung. 

120*. Epeus wirft den Diskus, darauf Leonteus, 
(842) %b tqltov alt* ÏQQtipe fiéyaç TeXctfuovioç Aïaç 

%eiQbç ano attßacrjg xai vniqßake at} fiat a navrwv. 
Vom Wurf des Odysseus heisst es # 192 : 

6 d' vniqtttato orjficrsa nàvttav (rtdvva al.) 
Çltitpa &i<ov àttà %nqàq xtL 
Aristarch (s. Friedländer Aristonic. p. 338) athetirte W 843, weil 
er mit Recht an nàvttav (von zweien gebraucht) Anstoss nahm. 
Auch ànb %hq6ç will zu $QQi\pe nicht recht passen. Beides da- 
gegen ist in # durchaus angemessen. Dort werfen mehrere, daher 
nàvttav oder navra, dort gehurt ànb %siq6ç zu &4(av, woran nichts 
auszusetzen ist. Schliesslich ist der Gedanke des Verses nicht ein- 
mal richtig. Denn nicht Aias, sondern Polypötes wirft am besten 
(Vs. 847). Daher wird es bei dem Urtheil des Aristarch sein Be- 
wenden haben müssen. Vgl. noch Lehrs Aristo p. 435 und neuer- 
dings Lentz a. 0. S. 24. 

ß. 

121. Achill wälzt sich ruhelos auf seinem Lager 
(12) ovôé (Âtv riùç 

g>aifOfiéyrj Xrfîeoxev vîiùq aXa rjiôvaç te. 



Digitized by 



Google 



88 GEMOLL 

X 197 spricht Eumäus zu dem unschädlich gemachten Melantbius: 
Nun wirst du sicherlich die Nacht durchwachen, 

ovôé aé y* qoiyéveia tzqù* 'Qneavoïo foawv 

Xrjaei ifceQXOfiévrj xqvoo&qovoç, yvix àytvêlç.... 
Sittl bemerkt S. 53, dass rjoiyëveêa nur hier und ^ 347 substan- 
tivisch stehe, dass ferner fjvim nur hier vorkomme. In Folge 
dessen stimmt er Düntzer zu, der 197 — 99 athetirt. Diese Athetese 
wird nach dem, was unter Nr. 113 bemerkt ist, sehr zweifelhaft 
erscheinen. Doch wie man auch darüber denken möge, dass die 
Iliasverse hier das Vorbild der Odysseeverse sind, geht aus dem 
hinter ai stehenden yi (x 197) hervor. Dies yi ist entweder ein- 
geflickt, wie in Nr. 2, um den Vers zu füllen, oder es bebt da» 
ai hervor im Gegensatz zu einem andern. Das könnte nur Achill 
sein. Dann hätten wir wieder ein direktes Ci tat der Ilias. in 
beiden Fällen aber ist die Ilias das Original. 

122. Apollon tadelt die Götter: 
(33) a%i%Xtoi iove, &eoi, drjXrjpoveç xtA. 
c 118 klagt Kalypso: 

a%é%Xiot iare, &eol, Çrjlrjpoveç ïÇoxov aXXutv. 
Hier haben wir eine der seltenen Nachahmungen, in denen nur 
durch Veränderung einzelner Buchstaben ein anderer Sinn herge- 
stellt wird. Vgl. a 144 — v 160. Von den beiden obigen Stellen 
(ii 33 und e 118) muss die erstere das Original sein, wie der 
Zusatz efrxov aXXtav beweist Wo diese Formel sonst vorkommt, 
bezeichnet sie den Vorzug einzelner Personen oder Sachen 
vor den übrigen derselben Gattung und hat darum in € 118 gar 
keinen Sinn. 

123*. Priamus entnimmt der Lade: 
(230) h&ev dioâexa pi* TzeotxaXXiaç eÇeXe nireXovç, 

ôaiâ&xa à 9 artXoîdaç xl<*l*<*Q» voaaovç ai ro- 

%6aaa ai çàçea xaXi, tôaovg <f irtï %oîai 

XiTùivaç. 
«274 erzählt Odysseus-Eperitus, was er dem Gastfreund Odysseus 
alles gegeben: 

XQvaov piv ot own* eveoyioç kmh taXavta 
(275) âwxa ié oi ^r]trjça f fzavaoyvoov, ày&eftoevva, 

d ai dexa d* anXoîdaç xXaivaç, toaaovç ôè %à- 

TtljTaÇ) 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 89 
toaaa de quxcza xalâ, toaovç à 3 inl vaïai 

Bei diesen Versen ist Bergk LG. S. 641 A. 311 in Zweifel, wo die 
Entlehnung liegt. Kirchhoff (Od. 2 S.536) urtheilt so: „Vss. 276. 
277 hat Û 230. 231 hergeben müssen". Der letztere hat Recht, 
da die Odysseestelle sich als aus zweien zusammengesetzt 
erweist. Denn w 274. 275, die unmittelbar Torausgehenden Verse, 
finden sich i 202 f. 

124. Priamus befiehlt seinen Söhnen nach hartem Schelten: 
(263) ovx av diy poi äpaCav iyonllooaits tetxtata. .. 

Ç 57 bittet Nausikaa: 

nàftnatpiVy ov* äv äij /not iq>07tllooeiaç ànrjvrjv... 
Sittl behauptet S. 55, dass Sl 263 Priamus sich einer unpassen- 
den schmeichelnden Redewendung bediene, doch führt er selbst 
ganz richtig r 52 als Gegeninstanz an, wo ovx äv xtZ. ebenso 
ironisch zu fassen ist wie ii 263. 

125. Unter Nr. 37 sahen wir, dass Ü 191 Vorlage von o 99 
geworden war. Wieder finden wir eine Stelle von ii in o; sehen 
wir, ob das Verhältniss dasselbe ist. 

(281) tù (ik* Çêvyvvoxhjv iv ôw^aaiv vxprjloloiv 

xrJQvi; nal Jlgla^oç, nvxtvà q>qeai firjde' %%ov%eç* 
ayxlpoXov dé a<p r{k&* 'Exctßrj Teuton &v/n$ 
olvov %%ovo* Iv %biq\ fteXlcQQva âsÇiTeçrjquv, 
%QvQ€(p èv ôênaï, oq>ça Xeltpavts kioIti/v. 

Ott) d' ÏTtftWV 7tQ07zàç>Ol&8V, €7tOÇ *' £Ç)OT €X % 

ovôftaÇev. 
Die gesperrten Verse stehen nun o 147 von Telemach und Pisi- 
stratus. Doch muss es an letzterer Stelle auffallen, dass Mene- 
laus den Becher bringt nach dem Verse: 

(146) Ix f eXaoav TtQQ&uQOio xol al&ovoqç içidoinov, 
durch welchen sonst der Anfang der Fahrt nach dem Ab- 
schiede ausgedrückt wird (vgl. y 493, o 191). Auch möchte 
man gern erfahren, wozu der Wein dienen soll (vgl. Sittl S. 55). 
Schon diese Gedankenlosigkeit bezeichnet den Nachahmer. 
Zwar PeppmOller findet in ii 285 den Dual Ulxpavre nicht an- 
gemessen, doch batte er sehen müssen, dass bei dieser Fahrt 
Priamus und sein Herold ziemlich gleich behandelt werden (vgl. 
Nr. 135). Wer noch nicht überzeugt sein sollte, dass ii hier das 



Digitized by CjOOQ IC 



90 GEMOLL 

Original bietet, der sehe sich das Vogelzeichen an, welches an 
beiden Stellen folgt. 

126*. Zeus sendet ihnen auf ihre Bitte einen Adler (telei- 
QTcttov Ttetetjvuv). 
(319) eïaato dé vquv 

deÇioç àtÇaç vnïq aoteoç* ol de Idôvxeç 
yrjd"ir)oav xal nàaiv kvï ççeal &vfioç lâv&rj. 
o 160 erscheint der Vogel ungerufen: 

<5g aça ol drtôvTi inémato âeÇioç oçviç. 
Es ist ein Adler, der eine Gans raubt, 
(164) 6 dé oyiaiv iyyv&w il&oiv 

deÇioç tjiÇe nçôof}* ïrtnwv ol de idovteç 
ytj&tjoav xal ttâaiv ivl q>QEol $v/âoç lâv&i]. 
Dass der Vogel rechts herbeigeflogen kommt, ist nur in der Ord- 
nung (vgl. JV 821, o 525), dass er aber auch redits vor den Pfer- 
den aufsteigt, das scheint denn doch des Guten zu viel zu sein. 
Diese doppelte Erwähnung der Richtung nach rechts erklärt sich 
aber sehr einfach daraus, dass der Verfasser die gewöhnliche 
Formel vom Zufliegen des Zeichenvogels mit der lliasstelle in Ver- 
bindung brachte. 

Nach alledem kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, dass 
derVerfasservonoinhohemGradevonß abhängig ist. 

127. Priamus betet zum idäischen Zeus: 

(309) dôç /u' èç 'Axûlrtoç q>ilov iX9elv rjd' iXeeivov. 
Derselbe Vers steht £327: dôç ft' iç Oatrjxaç xtl. PeppmOller 
nahm in der Ilias Anstoss an iç H%ilXr]Oc, doch s. Situ S. 56. 
Was dieser gegen Si 309 anführt, hat nichts zu bedeuten. Warum 
soll Priamus nicht bitten, dass er freundlich und barmherzig 
empfangen werde? 

128. Die Reise des Hermes zu Priamus wird genau mit den- 
selben Worten angegeben wie die desselben Gottes zur Kalypso. 
Si 333 heisst es: 

altya d* &q 9 'Ecpelav vlov tpllov wrlov rfidor 
'Eçpela' ool yccQ tb pàfoata ye ylXtatov lottv 
àvdçï haiçloocu ... 
Darauf macht sich der Gott auf den Weg: 
(339) êç ïqxn* • old 9 ani&rjae àiàxtoçoç 3 ^4çyeiq>ônt]ç, 
avtlx erteil vnb noooh idqoaro xaXà nédila, 
afißcooia, XQvoeia, %6l ftiv q>iqov rjfihv èq>* vyQiqv 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 91 

rjd l/r* anÜQOva yaïav &pa nvoifjç àvé/AOïo* 
eïXeto ôè Çàfiâov, %fj %* àvâçûv op/tata &àXyei t 
wv i&êXei, tovç d' avte xal vnvwovtaç iyelçei. 
(345) trjv fiera %eçalv fyiav ftiteto xqovvç 9 A(fyeup6vtr)ç. 
aîtpa <T aça Tqolr\y te %a\ € EXXtjo7tovtov ïnavev, 
ßf\ ö* levai xovQip aiav/xyt]%i]Qi loixtoç 
ftQwtov vnrjvijtr], zov neq xaQieutanq yßt}. 
Wenn man erwägt, dass Hermes nur an dieser Stelle der 
Ilias als Götterbote dient, in der Odyssee dagegen ständig 
und hinzunimmt, dass der letzte der eben ausgeschriebenen Verse 
x 279 steht, so liegt der Schluss nahe genug, dass die ganze 
Sendung des Hermes aus der Odyssee in die Ilias übertragen ist. 
Indessen nöthigt der bisherige Verlauf unserer Untersuchung zur 
Vorsicht 

In der Odyssee beginnt die Stelle folgendermaassen : 
(e 28) f] §a xcr* 'Eçfielav, vlbv q>lXov, àvtlov rjfda' 
f E(ffÀ8la' av yàç aire ta v* alla neç ayyeXôç ko oc 
rvpqff] èvTtlonâfup eirtelv vrjfieçtéa ßovXrjv. 
Hier ist zunächst àvtlov rjSôa auffällig, aber auch in der Uias- 
stelle; im zweiten Verse ist dann avte anstössig, doch lässt weh 
hier wohl helfen, indem man den Vers so schreibt: 

( Eç/iela, ov â' &q' avte (ta t 3 &XXa n eç SyyeXoç iooi), 
dann entsprechen die Verse völlig dem parallelen Si 333. Dort 
biess es: 

alxpa <T äc 3 'Eçfielav, vlov q>iXov, àvtlov tjtiâa. 
In den weiteren Worten des Zeus in e fanden wir unter 
Nr. 48 schon die Quelle von Vs. 34 in der Ilias. 

Die Röstung zur Reise und die Abreise selbst erfolgt nun 
in der Odyssee genau so wie in der Ilias. Die Beschreibung be- 
ginnt e 43: 

(Sç $q>at\ ovo 9 anl&rjoe ôiàxtOQOç 'Acyeiqtovtyc 
und endet (49): 

trjv petà %tQoiv %%wv néteto xçatvç 'AQyetqyôvtrjç. 
Darauf aber folgt in der Odyssee (50): 

nieclrjv <P irtißac l§ al&éçoç %(A7teae novttp. 
Dass Hermes, nachdem er schon im Fluge begriffen ist, noch 
Pierien betritt, erscheint höchst wunderlich. Wir glauben ihn 
längst aber alle Berge, und nun ist er noch in Pierien, dem 
Lande, welches dem Götterberge am nächsten liegt. Vgl. 8 225. 



Digitized by CjOOQ IC 



92 GEMOLL 

Beim Dichter von e dauert also die Plugpartie nur vom Olymp 
bis nach Pierien, den Rest legt der Gott Ober das Meer schreitend 
zurück. Einfacher lässt der Dichter von Si ihn zu seinem Ziele 
fliegen. Doch wollte der Verfasser von e wohl seinen Vorgänger 
überbieten und zeigen, dass die Sohlen des Hermes wirk- 
lich über Meer und Land trugen. Jedenfalls wird schon 
hier die Vermuthung nahe gelegt, dass die einfachere Version 
von Si auch die frühere sei. 

Aber was soll man gar dazu sagen, dass Hermes in der 
Odyssee Pierien betritt (imßac) und dann é£ al&içoç ins Meer 
sich stürzen kann? Der Weg aus dem Aether ins Meer bedarf, so 
sollte man meinen, des Umweges über Pierien nicht Vgl. 
S 258: xcU p 3 . . . an al&éQOÇ %pßaX& nartq*. Ich finde in 
der Zusammenstellung der Formel IJieQlrjv imßac mit der an- 
dern If al&éçoç Hfineoe nôrup dieselbe Gedankenlosigkeit 
wieder, die wir schon so oft getadelt haben. 

Dahin dürfen wir auch wohl den Umstand ziehen, dass Her- 
mes mit seinem Stabe zur Nymphe Kalypso geht, obwohl er 
ihn dort nicht braucht wie ß 444, wo er Thore zu Offnen und 
Wächter einzuschläfern hat (s. Schol. e 47—49). Ich kann daher 
Kirchhoff nicht beipflichten, wenn er (Od. 2 S. 199) « 47—49 als 
Interpolation tilgen will. Der Stab ist gerade so gut oder schlecht 
an der Stelle, wie die eben behandelte Reise des Hermes über 
Pierien. Es wird nun wohl keinem Zweifel mehr unterliegen, 
dass Si in dieser Partie die Vorlage von « gewesen ist Hermes, 
der Götterbote, entstammt daher auch nicht der 
Odyssee, sondern der Ilias. 

129. Es bleibt nun noch übrig, gewissennassen die Gegen- 
probe zu machen. Oben ist erwähnt, dass Si 348 sich x 279 
wiederfindet. In jener Stelle heisst es von Hermes: 

ßtj cT levai xovçip aiavfAvrjTfjçi ioinwç 

izQtoiov vnr\vi\%jiy %ov rcsQ %aq ieo%a%ri %ßi]. 
Derselbe Hermes erscheint dem Odysseus x 278 

vetjvlt] avdçl iowtiç 

nçwvov VTtrjvrjvfl, %ov neq x a Q*w* aTr i VßV 9 
Kirchhoff hält es (Od.* S. 219) für möglich, dass der Vers x 279 
eine späte Interpolation aus Si 348 ist. Das ist deshalb unwahr- 
scheinlich, oder sagen wir lieber unmöglich, weil auch der vorige 
Vers, den man nicht entbehren kann, deutlich an den entsprechen- 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ILIAS UND ODYSSEE 93 

den in der Ilias erinnert Data kommt, das» vsyvêf] àvàçl gegen- 
über dem xovçcp alavfiyrjtijçt gam wie eine Modernieirung 
aussieht Denn in der Ilias findet sieh das Wort vet)vhfc noch 
nicht. Somit stettt sich «ich hier Si als das Original ni einer 
OdysSeesteile heraus. Was SilU S. 57 in derselben Richtung vor- 
hrmgt, ist nicht von Belang. 

130. Des Priamu8 Worte erinnern den Peliden an seinen 
allen Vater (507): 

àtç (pctvo* %$ ô* aça rtatçoç vq>* ïfiBQOv toçae yôtno* 
ô 113 erinnert Meneiaus in ähnlicher Weise den Teleroach an 
seinen Vater. 

(Sç (pato* xtf d* üga rtctTçbç v<p* ïfitQûv wqog yôôio. 

âàxçv d* àni> ßlegmfwv %af*aâêç ßale ftavçàç a*ovaaç. 
Sittl erkennt (S. 58) an der Wiederholung rcavçiç — natçàç 
den Nachdichter. 

131. Nach Vs. 574 sind es Au to med on und Alcimns, 

ovg $a naXioxa 
tl j j4%ilevç ivàçùiv fÀêtà nâtçonXôv y$ &avov%cu 
Statt dieser unbekannten Personen nennt w 78 den Antiloohus, 
entsprechend der jüngeren Ueberlieferung, wie denn in der Aetbiopis 
des Arctinus Antilochus dieselbe Stellung bei Achill hatte wie 
Patroclus in der Ilias. 

132. „Denken wir an das Abendessen," sagt Achill, „auch 
Niobe dachte ans Essen", 

(603) %fj ftBQ ôùiôêxa rtaïdeç ivi fttyaçoioiv Bkovto, 
8J fdèv &vyaiéç€Ç, 8f d 2 vti$ç ijßütovttc. 
x 5 faeisst es von Aeolus: 

%ov *ai âioôsxa nalâtç tvi peyàçoiç yêyàaoê*, 
ëf piv &vyct%éç*ç, 8§ d* viésç f}fiioopr€Ç. 
IW oye &vyati(>aç neqev vlctaiv that àxùlttç . . . 
Hier in x ist der Tempuswechsel auffällig: (Vs. 1) à(pm&fÂ$&a . . . 
Svaiev. (4) àvadiêço/ue. (5) yeyàaoïv. (7) rtoçev. (8) à&lvvv- 
*ai. Sollte nicht die Veranlassung zu dieser Nachlässigkeit darin 
zu suchen sein, dass der Verfasser von x fremde Verse benutzte? 
133. (635) léÇov vvv fie vaxtvta, àiôrçetpeç, oq>ça nai ijôrj 
vrtvcp értà ykvxeçtS raçrztofÂG&a xoifArj&éPteç. 
Sittl fragt S. 60: wer sind die wir in tacntoße&al und ant- 
wortet: „Priamus meint natürlich seinen Begleiter. 1 * Doch ist 
das nicht so sicher. Ich denke, er meint vielmehr sich und sei* 



Digitized by CjOOQ IC 



94 GEHOLL 

nen Wirth. Bei dieser Auffassung bietet auch das p « in 635 kei- 
nen Anstoss und keinen Grund, hier xfj 254. 255 als Quelle an- 
zunehmen* was um so unwahrscheinlicher ist, da dieselben Worte 
noch â 294 f. wieder vorkommen. Ich für meinen Theil finde 
bei derartigen Formeln keine Veranlassung, die Frage nach dem 
Ursprung einer einzelnen Stelle aufzuwerfen. Ebenso ist es in 
der folgenden Nummer. 

134. Das Aufschlagen der Betten beginnt (643) mit den 
Worten: 

7} {T, Idxdevç «T haçoioiv iâè âfnajjai xélevoev. 
Sittl (S. 60) nimmt hier an den Gefährten Anstoss, trotzdem die- 
selben / 658 ganz in derselben Formel erwähnt werden, welche 
Stelle Sittl freilich kurzer Hand beseitigt. „Aber was sollen die 
Gefährten beim Aufschlagen des Bettes" ? — Sie Überbringen den 
Mägden den Befehl, die Arbeit bleibt den letzteren, wie sieh 
daraus ergibt, dass es ß 647 heisst: ai <T ïaav hi fieyaçoio. 
Vgl. auch 1660. Ferner weiss Sittl nicht, wo das Bett für Pria- 
raus aufgeschlagen wird und schreibt doch selbst Vs. 644 aus, wo 
es heisst: défivi vit al&ovotj xrA. Da auf diese Weise Situs 
Anstösse an dieser Stelle ganz verschwinden, so wird auch sein 
aus denselben gezogener Schluss, dass fi 643 — 648 aus t? 335 
umgestaltet sei, hinfällig. Umgekehrt schloss DOntzer (hom. Abhdl. 
S. 474 A.), aus dem Umstände, dass die Gäste des Menelaus durch 
einen Herold zu Belt geleitet werden, â 297—300 sei eine Weiter- 
bildung von ß 644 — 47, er hätte ebenso gut sagen können von 
r\ 337—39. Die betreffenden Verse sind eben formelhaft. Was 
übrigens das Geleit des Herolds â 301 anbelangt, so beruht dieser 
Zug auf der Vorstellung des Dichters von dem besonderen Reich- 
thum des Menelaus. San Haus ist ein göttliches (Vs. 43) und in 
demselben herrscht ein Glanz wie drinnen im Hofe des olym- 
pischen Zeus (Vs. 74). 

135*. Das Zubettgehen findet sich ß 673—676 genau wie 
â 302—305 beschrieben. Wenn es 673 vom Zelte des Achill 
heisst: 

ol fiiv &Q* èp TtQodofHp êofiov avtô&t, noifArjoavTO, 
so erregt dôpoç von dem Zelte einigermassen Verwunderung, 
und ich stehe gar nicht an, zu erklären, dass der Vers ô 302 
weit passender ist. Aber da wir die aï&ovaa im Zelte des Achill 
schon in der vorigen Nummer (Vs. 644) kennen gelernt haben, 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN 1LIAS UND ODYSSEE 95 

so müssen wir eben sehen, dass der Dichter von Si Achills Zelt 
ganz wie ein Haus aufgefasst hat. Hat doch auch das Zelt des 
Idomeneus (N 261) hdaia nafiq>ap6wvta. Im folgenden Verse 
(ß 674): 

xifcvl xal nçie/iôç nvmvà (pQtai prjâe' $%ovtiç 
fällt die Gleichstellung des Königs mit seinem Herold auf, doch 
s. darüber Nr. 125. Endlich glaube ich, dass auch in Vers 675 
die Fassung 

ctvtàç *A%illevç evôe tiv%qi xXioirjç evnrjxtov 
entstanden ist aus evô$ fâvxqi âôpov vxprjXolo, wie ee 6 304 steht, 
aber soll deshalb i 304 das Original von Si 675 sein? Haben 
wir es nicht vielmehr mit einer stehenden Formel zu thun, bei 
der es nicht nöthig ist, nach einer Quelle zu fragen? 
136*. In ihrer Klage um Hektor sagt Helena (765): 
rjdfj yàq vvv fioi %6è* inxoo%bv %%og ictlv, 
3§ ov xeï&ev ißtjv xai èfÂtjç âfteXrjXv&a 7tatçr]ç. 
-9 222 antwortet Odysseus der Penelope auf ihre Frage nach Klei- 
dung, Aussehen und Begleitern des Odysseus, das sei sehr schwer 
anzugeben: 

rjât) yaç ol heixootov %xog ioriv, 
èÇ ov xêï&ev eßrj xal èfirjç dneXrjXv&e ftàtQtjÇ. 
Ich glaube hier in dem Wechsel der Pronomina ol — ifttjç eine 
schwache Spur von Beweis dafür zu finden, dass die Verse in der 
Ilias ursprünglich sind. Jedenfalls ist das ol, dieser Dativus ethicus 
▼on der fremden Person, zum mindesten recht überflüssig, während 
das fioi in der Ilias natürlich und innig klingt. 

Die Stellen der Odyssee, welche bei den vorstehenden Auf- 
zeichnungen in Betracht gekommen sind, vertbeilen sich folgender- 
massen auf die einzelnen Bücher: 

a 7 (Nr. 31) 20 (108) 43 (108) 45 f. (44) 59 (79) 100 f. (44) 

105 (83) 193 (28) 356 (41) 409 (80) 436 (14) — 11. 
ß 29. 40 (72) 80 (4) 257 f. (97) 427—9 (9) — 4. 
y 7 (19) 286-8 (60) 457—9 (9) — 3. 
i 1 (18) 17—9 (96) 39—42 (45) 52 (87) 104 f. (111) 113 
(130) 126 (50) 200 (30) 297—300 (134) 302—5 (135) 462 
(11) 530 (36) 626 (23) 646 (6) 661 (3) 704 (88) 817 (51) 
— 17. 
< 13 (22) 28 (128) 34 (48) 43—9 (128) 67 (20) 87—90 (92) 
118 (22) 245 (5) 272 (94) 311 (106) 381 (64)= 11. 



Digitized by CjOOQ IC 



96 GEMOLL, IL1AS UND ODYSSEE 

Ç 42 (33) 57 (124) 124 (99) 131—4 (61) 152(16) 197(101) 

327 (127) — 7. 
i) 197 (101) 199 (35) 225 (97) 357—9 (134) —4. 
*28. 35 (46) 121 (118) 192 (120) 239 f. (71) 275 (65) 292 

(75) 322 (100) 326 (13) 358 (74) 389 (117) 405—7 (117) 

409 (29) 552 (40) 579 (39) — 14. 
( 35 (119) 41 f. (59) 44 f. (52) 51 (17) 54 f. (95) 58 (82) 

239 f. (63) 537 (42) 548 (59) — 9. 
x 5 (132) 278 f. (129) 437 (31) — 3. 
I 72 (110) 298—301 (26) 514 (112) 550 f. (85) — 4. 
p 351 (78) 413—5 (62) — 2. 
v 4 (2) 31 (69) 44 (34) 83. 86 (116) 197 f. (77) 302 f. (91) 

439 (10) — 7. 
| 100 f. (58) 183 f. (55) 464 (90) 495 (15) — 4. 
o 105—8 (37) 145—8 (125) 165 f. (126) 250 (102) 495 (7) 

— 5. 
7v 17—9 (53) 99 (32) — 2. 
ç 167 (23) 240 f. (1) — 2. 
o 46 (25) 87 f. (113) 101—3 (104) 130 (86) 298 (73) 397 ($7) 

403 (12) — 7. 
t 181 (66) 184 (21) 222 (136) 257 (93) 433 (43) — 5. 
v 45 f. (38) 56 (114) 61 (38) — 3. 
q> 125 t (105) 321 (107) 350— 53 (41) — 3. 
X 42 (76) 55. 59 (54) 61—4 (49) 93 f. (56) 197 f. (121) 233 

(84) 308 (103) 473 (68) 475 (113)— 9. 
tf> 89 f. {47) 127 f. (70) 254 f. (133) 301 (57) 343 (114) — 5. 
o> 37 f. (88) 73 (115) 78 (131) 276 f. (123) 315 (89) 473 (44) 

475 (27) 538 (109) — 8. 

Wohlau. ALBERT GEHOLL. 



Digitized by CjOOQ IC 



IN FRANCISCÜM LENORMANT 1NSCRIPTIONUM 
FALSARIUM 

RESPONSIO ALTERA. 

Quae contra Lenormantum Hertnae XVII p. 448 sqq. a Mordt- 
manno cum appendice Mommseniana et ibidem p. 460 sqq. a me 
cum epilogo Kirchhoffli prolata sunt, id bonum effecerunt, ut tan- 
dem aliquando Hie parumper consistere coactus sit et speciem 
saltern pugnaturi assumpserit; vide quae scripsit in diario Academy 
d. 9 m. Sept. Quapropter responsione non carebit, si antea cau- 
sam quandam DeWittii viri egregii absolvero, qui in eodem diario 
d. 26 m. Aug. pauca verba mea impugnavit; tum denuo cum Le- 
Dormanto mihi res erit. 

Titulo statuae Cereris I. G. A. n. 3 ascripsi notam nisi forte 
ficticius est titulus: nimirum in ipso titulo nihil est suspecti, su- 
spectissimus auctor Lenormant; afferantur testimonia idonea, titu- 
lus in gratiam recipietur; multa Lenormantiana subditicia, non 
omnia. Sed quae attulit ille tria testimonia in epistula ad Aca- 
demiam Regiam Borussicam data, lectionem eius non tueri de- 
moostravi Hermae XVII p. 464 sq., de DeWittio haec locutus: 
DeWitte, qui in Gazette des Beaux- Arts vol XXI p. lié de mo- 
numento Aeginetico et de quatuor litteris tituU (I A — KE) men- 
tionem facit, manifesto non inquisivit in originem tituli. Scripsit 
enim ille eo quern significavi loco: une particularité qui se pré- 
sente, si je ne m* en trompe, pour la première fois, c'est une in- 
scription peinte en blanc sur le dossier du trône de Demeter: on y 
distingue assez bien trois à quatre lettres: IA — KE et des traces 
de quelques autres, de manière que Von peut conjecturer avec quelque 
probabilité que Vinscription devait se lire: Melia avexhjxe et in 
adootatione: ou un autre nom finissant en ta, comme Aayna, da- 
juta, Aqlol, Poôiù, BaXia etc. Ideo quattuor turn legit litteras 
» xyiu. 7 



Digitized by CjOOQ IC 



98 ROEHL 

De Witte, idem ne verbo quid em significant se aliqua dubitatione 
motum inquisivisse genuinus an falsus esset tituius; ea ego in 
Herma rettuli. lam in diario Academy 1. s. haec leguntur sub- 
script o DeWittii nomine: In the last number of Hermes, Herr 
H. Röhl has attacked my teamed colleague and friend, M. François 
Lenormant. Among other matters, he mentions an inscription disr- 
covered by me in 1866 on a small terra-cotta figure from Aegina, 
which represents Demeter seated on a throne. With reference to 
this he writes (p. 464): .'Turn quod in epistola très testes exdtat 
Lenormant, ut titulo Acyjnetw fideyi fßciat, nominibus honestis 
abutitur. Nam DeWitte, qui de monumenio Aeginetico et de qua- 
tuor litteris tituli IA-*-KE mentionem facit, manifesto non in- 
quisivit in originem ti(v#.' I might content myself with referring 
to the article which I published at the time in the Gazette des 
Beaux- Arts (XXI 14), but I prefer to quote the passage dealing with 
this point: l Une particularité qui se présente, si je ne me trompe, 
pour la première fois, c'est une inscription peinte en blanc sur le 
dossier du trône de Demeter; on y distingue assez bien sepß ou huit 
lettres: EAIA — 0EKE, de manière que Ton peut conjecturer avec 
toute vraisemblance que rinscription devait se lire: Mekia ave&&ie\ 
and in a note: l ou un antre nom finissant en ta, comme Jelia, 
IleUa etc? Quid haec sibi retint non latet; ego qui Lenofman- 
tum honestissimum virum crimine falsi arcessere ausus sum , iam 
ipse retorto telo arguor, quod pro octo litteris a DeWittio lectis 
quattuor subdiderim. Et si qui forte lectorum diarii Anglici mi- 
nus curiosi fuerunt quam ut ipsum diarium artium adirent, non 
dubito quin id sibi persuaderi passi sint. Qui vero, ut suis non 
aliorum oculis fiderent, ipsum evolverunt nee tarnen ea reppererunt 
quae nunc in diario Academy expressa sunt, sed ea potius quqe ego 
supra exscripsi, hi enucleari posse desperaverint quomodo factum 
sit, ut quae re vera in diario artium non exstant in diario Aca- 
demy perhibeantur tamquam inde excerpla. Equidem ut tandem 
originem variae illius lectionis recens prolatae cognoscerem, forte 
forluna factum est; venit enim in manus Hbellus singularis, qui 
commentationem de antiquitatibus Lenormantianis ex diario artium 
repetitam continet. Eo igitur in libello singular! , quern auctor 
commenlationis paulo post priorem editionem typis excu<Je*i<|um 
curasse et amicis distribuisse putandus est, verba quae ad titulum 
Ceteris attinent immutata sunt in earn formam quae nunc in diario 



Digitized by CjOOQ IC 



IN FRANCISCUM LENORMANT IN8CRIPTIONUM FALSARIUM »9 

Atademy traditur. Nunc vide quid sk statuendutn. Ego verbis 
ipsis qualia in omnibus diarii exemplaribus leguntur usus sum 
ascriptis numeris et tomi (XXI) et paginae (114); adversarius — 
sive is DeWitte est sive amicus nescio quia offtciosus eonldentem 
adiofit materia suppeditata — proponit non quae in diario, sed 
quae in libro iUo singular! leguntur, ita tamen, ut addito vol«mini» 
nomero XXI taraquam ex diario ipso deprompta significet. Deinde, 
id quod in ipso quidem scriptore vix exspectaveris , nee duplicts 
eiusque diversae tituli editionis memor fuit neque curavit diarii 
Güxette Volumen paginamve, quae notaveram, evolvere. Deniqoe 
io diario Anglico duo meae orationis membra ex Herma répétons 
onkit verba mea quae sunt in Gazette des Beaux - Arts vol. XXI 
p. 114; quibus omissis irapeditum est, quominus qui Anglicum 
diarium legeret haereret in paginae numéro diverso (nam pag. 114 
ego, pag. 14 ille indioaverat), indeque factum eat, ut nemo suspr- 
cari posset non idem scriptum nos spectare. Haec igttur in diario 
Anglico commissa sunt; commissa esse in scripto, quod ipSHis 
noroen elartesimum legen tibus cotnmendat, DeWitte pro animi 
eandore non minus, opinor, dolebit quam alii. 

lpsi titulo nunc oblitterato testimonium nuper commonstra- 
tun haud dubie magis favet quam quae antea innotoerant (Herrn. 
XVII 464 sq.) , ut is e suspectm Lenormantianis , quibus eum 
ascribi adhuc fas fuit, promoveri possit in numerum eorrnn, qui 
locupletis testis fide probati sunt, modo DeWitte turn temporis, 
cum titulus legi poterat, quaesiverit de antiqua origine quattuor 
litterarum primo visarum nee non earum quae postée acceese- 
runt — quae cautio non superflua videbitur reputanti Newtonis 
viri praestantissimi de hodierna tituli condicione iudirium (Herrn. 
XVII p. 464 sq.) — et modo praeterea didicerimus, qui fieri po- 
tuerit ut in priore lectione, quo tempore duae nowinis litterae 
conspieerentur, praecedentium autem vestigia, prout liberet, Aap 
vel Jafi vel Aq vel Poâ vel Bak al. accipi posse vMerentur, 
id nomen MeXta praeter cetera cum quadam probability (avee 
çtelque probabilité) suppleretur, quod ad litteras postea in con* 
»pedum datas fere unum quadrat. 

Lenorroant in diario Academy 1. s. non id egit, ut ad acou~ 
sationes, quotquot adversus ipsum institutae sunt^ responderet, sed 
ut eis que* pigeret in causa cognoacenda operant consumera vh 
demur ai non mukum iéoneum aUamen aliquid contra dixisse. 

7* 



Digitized by CjOOQ IC 



100 ROEHL 

Sed sic se purgatum esse accusatione gravissima, id vel neglegenti 
lectori se persuasurum esse ne ipse quidem, Di fallor, confidit; 
certe plura se proxime (very shortly) allaturum pollicitus est. Quare 
plura Uta ei fartasse meiiora exspectans primo ampliaüdum eum 
iudicavi, quoad una ad voces praeambiilas et ad ipsam defensionem 
responderi posset; sed quia intervallum spe mea longius Uli plaçait 
intericere, convenit hie denuo slatum causae illustrere, ne adver- 
sarius postea alia furtivo silentio praetereat, alia, de quibus verba 
inania fecit, pro confectis et expeditis babeat. Apparebit autem 
ex catalogo, quem infra proponam, Lenormantum eorum criminum 
quae ego in Herma contra eum congessi réfutasse nullum; quo 
ex catalogo lites in eodem Hermae fasciculo ab alii* auetoribus 
Uli intentas non exeludendas duxi, expressis verbis monens illis 
viris doctis per me iudicium liberum atque integrum relinqui. 
Sed quae Lenormant de globo litteratorum in ipsum coniura- 
torum et de causa a litteris aliéna hariolatur, ad ea respondere 
taedio vetar. 

1. Dubitationes quibus Kirchhoff runas Francicas inseetatus 
est non eluduntur nominata urbe (Bernay), ubi nunc tegulae ser- 
ventur; quippe non negatum est tegulas exstare, sed titulos esse 
genuinos. Examinatione opus est a viris gnaris instituenda; quae 
ut fieret ad restituendam existimationem suam Lenormant bis vi- 
ginti sex annis non adeo enixe studuit. 

2. De centum viginti cippis sepulcralibus Atticis, quos, post- 
quam primus offendit Cumanudes, maximam partem falsos esse 
demonstravit Schoell assentiente Dittenbergero , mentionem facere 
noluit Lenormant. Facile credo paenitere eum, quod eos edkUt; 
qui vero ille tum praesagire potuit continuo Cumanudem iuvan- 
tibus amicis Atticam perscrutaturum esse? 

3. Duorum psephismatum Atticorum a Koehlero damnatorum, 
C. L A. II 221 et 328 , ectypa chartae impressa se in bibliotheca 
Instituti Gallici deposuisse ipse Lenormant praedicat; pergit: they 
prove the actual existence of those marbles. Audio; at adbuc non 
audio probantem, sed adseverantem se probaturum esse. Quem 
accusamus protulisse inscriptiones alias quae nullae sunt alias quas 
ipse finxerit, ei non sufficit contendere tttulorum quorundam a 
nobis in suspicionem vocatorum ectypa viris doctis exhibuisse et 
Parisiis deposuisse apud Academiam. Immo hoc iure postulamus, 
ut ab Instituto ectypa ilia proponantur, iudicium viri fide digiw 



Digitized by CjOOQ IC 



IN FRANCISCÜM LENORMANT INSCRIPTIONS FALSARIUM 101 

collegae ipsius de iis faciant, omnibus denique etiam exteris eorum 
inspiciendorum copia fiat Vel Instituti ipsius, quod Leuormantum 
socium adscivit, aliquatenus interest haec ut fiant. Adhuc non 
defensionem babemus, sed defensionis futurae nuntium et ipsum 
mendacii suspectum. De tertio autem psephismate, C. I. A. II 301, 
quod Koehlero iudice turpiter confictum est, Lenormant prorsus 
tacuit. 

4. Nee non epttaphium Megaricum, L G. A. n. 14, desklerat, 
qui se defendat. 

5. Item titulus votivas Achaicus absurdus (reo. arch. 1868 I 
p. 189) conqueritur, quod iam ab auctore suo neglegatur. 

6. Ut titulum Atticum, quern Lenormant (comptes rendus de 
foc. 1867 p. 35 sqq.) edidit, re vera Fauvelii manu in schedis eius 
scriptum esse demonstraretur , merito postulavit Kirchhoff, frustra 
ille quidem usque ad hoc tempus. 

7. Titulus Argivus, I. G. A. n. 43, num exstet et ubi sit, 
hodie nescitur. 

8. Idem perünet ad quinque titulos Boeotios, I. G. A« n. 147. 
199. 202. 215. 216. 

9. Inter laminas plumbeas Styrenses, postquam denuo aliquot 
comprobatae sunt apograpbo, quod inspicere potui, confecto illo 
priusquam a Lenormanto emptae sunt, etiam nunc suspicione pre- 
muntur hae: I. G. A. n. 372 23. 27. 87. too. 305. 312. 355. 423. 430. 
Plurimarum laminarum Lenormantianarum originem antiquam a me 
in lemmate I. G. A. n. 372 plane pronuntiatam esse ideo consullo 
moneo, quod et Lenormant de hac re falsa dixit (Academy d. 27 m. 
Mai.: on a préféré jeter la suspicion sur tout le groupe de monu- 
ments en question) neque is, qui de responso meo rettulit in eodem 
diario d. 29 m. lui., errorem vitavit. 

10. De Cereris inscriptione Attica non habeo quod addam eis 
quae supra exposita sunt. 

11. Quod Lenormant caput animalis titulo Sabaeo oraatum 
penes Institutum Gallicum esse prodit, fraude utitur agrestiore quam 
pro solita astutia. Neque enim quistfuam esse titulum negavit 
atque adeo ipse Mordtmann adversus dubitationea, quas Halévy et 
D. H. Mueller professi sunt, declaravit originem falsam tituli sibi 
Tideri nondum liquido . demonstratam esse. Cur autem Lenor- 
mant decipere studeat lqctores imprudentes simulans se defendere 
Mordtmanni impetum, nemo non videt; scilicet adhibetur etiam 



Digitized by CjOOQ IC 



102 ROEHL 

hie articulus ad occulendam egestatem responsionis conficien- 
damque earn farraginem, quam ipsi placuit vocare a complete series 
of facts. 

12. Àd titulos Abianicos defendendos Lenormant non aggres- 
sus est. 

13. Cippo8 sépulcrales, quos Lenormant olim exscriptos Za- 
cynthi in domo privata pro Eleusiniis ediderat, cum Rhenea abla- 
tos esse verisimile sit, quos nuper Mordtmann utpote certe non 
Atticos suspicione petiverat, editor nuntiat etiam hodie eodem loco 
senrari. Equidem, non quo grätiam ab eo ineam, sed ut verum 
pateat, testem ei arcessam; Riemann enim très illorum titulorum, 
quos ipse exscripsit, edidit in libro qui inscribitur Zante p. 13. 
Num autem ceteri et imprimis maior quidam titulus (recherches 
arch, à Eleusis p. 346 n. 87, Herrn. XVII p. 452) item genuini 
sint, nullo negotio cognosci potent 

14. Si vere nuntiat Lenormant Choerines cippum nunc esse 
apud Rollin et Feuardent Parisios, lapsus est, qui Herrn. XVII 
p. 452 not. eum in suspicionem adduxit. Culpam autem errorum 
eius generis nulli rectius tribuet Lenormant quam sibi ipsi, qui 
aut ficticias inscriptiones debebat edere nullas aut genuinas nullas 
in quibus aliquid inesset offensionis. Sed cum vera falsis miscendo 
delectalus sit, fieri non potest quin semper vel levissima offensio 
primo moveat suspicionem falsi et interdum indicium aberret 
Neque enim unquam tituli Lenormantiani, si ipse Lenormant auxi- 
lium suum detrectare perseverabit , tarn distincte in veros ei in 
adulterinos difidi poterunt, quam potuerunt quondam tituli Four- 
monti simpliciter in arte sordida versantis et fallaciarum medita- 
tarum expertis. Gaudeat igitur fidenter perturbatione cuius auctor 
exstitit immedicabili. 

15. Indefensum Lenormant reliquit permirum illud lexicum 
geographicum, quod Mordtmann falsarii opus esse demoustravit et 
Mommsen non tarn byzantinam scribendi rationem quam earn geo- 
grapbiae antiquae scientiam redolere eensuit, quae nostrae aetatis 
semidocti8 propria esse solet. 

Hoc loco nunc est quaestio de eis Lenormanti monumentis 
quae publice infamata sunt. Nee non et ceterorum multa coti- 
culam sibi postulant (cf. Herrn. XVII p. 462), dico inscriptiones 
Aegaei, alias, imprimis quas airais 1866, 1867, 1868 edidit; nam 
bis maxime annis adulterandi cupido relut teter morbus eum vi- 



Digitized by CjOOQ IC 



IN FRANCISCUM LENORMANT INSCRIPTIONUM FALSARIUM 103 

detur obsedisse; sed haec in aliud tempus différencia. Atque eorum 
quidem titulorum, quos numeris 1. 9. 10. 11. 13. 14 notavi, ori- 
gioem examinare aliorum virorum erit; ille, si quid honorem et 
veritatem curat, respondeat ad eas accusationes quae n. 2. 3. 4. 
5. 6. 7. 8. 12. 15 congestae sunt. Neque vero sufficiet unum 
allerumve cippum commonstrasse; ni plene et perfecte respondent, 
nihil respondisse iadicabitur. 

Scribebam Berolini nense Dee*»bri a. mdogclxjdlii. 

H. ROEBL. 



Digitized by VjOOQ IC 



CLIVUS CAPITpLINÜS. 

Em Beitrag zur Topographie der Stadt Rom. 

Wer im verflossenen Sommer sich in Rom aufhielt, konnte 
Zeuge davon sein, wie der für die Interessen der Römischen Topo- 
graphie ausserordentlich thätige Minister Baccelli das letzte Hinder- 
niss zu beseitigen unternahm, welches einer einheitlichen Betrach- 
tung des Forums im Wege stand. Der grosse Fahrweg, welcher 
zwischen Senatoren- und Conservatorenpalast auf dem Capitol be- 
ginnend sich längs des antiken Tabularium zum Forum hinab- 
senkte, dann um den Saturntempel sich herumwindend theils auf 
breitem Erddamme, theils auf künstlichen Untermauerungen über 
das Forum ging, der namentlich als Verbindung zwischen der Via 
della Consolazione und der Via Bonella eine nicht unwichtige Ver- 
kehrsader des modernen Rom bildete, wurde, soweit er das Forum 
verdeckte, abgetragen. Die Ausgrabungen, die am 17 Juli be- 
gannen, wurden an allen Punkten des Weges mit solchem Eifer 
eröffnet, dass man entgegen den nicht ungegründeten Befürchtungen 
der Römer wohl die Hoffnung hegen durfte, nicht nur der das 
Forum durchschneidende Damm, sondern auch die vom Capitol 
hinabführende Salita, die vorläufig wenigstens unbrauchbar gewor- 
den war, würde abgetragen werden. Indessen ist diese Hoffnung 
für diesmal und, wie man sich nicht verhehlen darf, für lange Zeit 
zunichte geworden. Die Rücksicht auf die Anwohner und auf den 
ungehinderten Verkehr erforderte ihre Erhaltung. Es ist, wie man 
hört, beschlossen worden, die abgebrochene Strasse und die ge- 
störte Communication über das Forum durch ein eisernes Brücken- 
werk wiederherzustellen. 

Für die Römische Topographie wäre eine, wenn auch nur 
zeitweilige Abtragung dieser Salita von nicht geringer Wichtigkeil 
gewesen. Unter ihrem Erdwalle verschwindet, bis jetzt ein Räthsel 
für die Forschung, der Clivus Capitolinus, d. h. der Fahrweg, der 
als Fortsetzung der zwischen Basilica Julia und den Rostra endi- 



Digitized by CjOOQ IC 



CLIVÜS CAPITOLINUS 105 

genden Sacra via den Capitolinischen Hügel erklomm. Ausge- 
graben ist you dieser für die Topographie des Capitols so bedeut- 
samen Strasse nur der erste Anfang am Saturntempel; jedoeh 
gebort wenigstens die Constatirung und Identificirung dieses Stückes 
zu den sicheren Ergebnissen der topographischen Forschung. 
Für die Bestimmung der Fortsetzung bietet sich ein Stück antiken 
Pflasters dar, welches neben dem jetzigen Eingange des Tabulariums 
in der Ebene des modernen Weges liegt. Leider ist damit aber 
an und für sich sehr wenig anzufangen. Denn die ganz ober- 
flächliche Fügung dieses Pflasters ist so grundverschieden von der 
vortrefflichen Fügung der Lavasteine am Saturntempel, dass an eine 
Zusammengehörigkeit beider Reste zu einer und derselben Pfla- 
sterung schwerlich zu denken ist. Damit aber schwindet auch 
die Möglichkeit, sie ohne weitere Beweisgründe als Theile einer und 
derselben Strasse zu betrachten. 

Es würde um die Bestimmung des Clivus CapHolinus gut stehen, 
wenn man mit gleicher Sicherheit wie den Anfang, so auch den 
Endpunkt nachweisen könnte. Aber hier schweigt der klassische 
Boden des Capitols. Eine dicke Schuttdecke und eine Menge mo- 
derner Bauten bannen ihn wohl für immer vom Sonnenlicht, und 
nur gelegentlich bei zufälligen Neu- und Umbauten fährt der Spaten 
einmal in die Tiefe, ohne indess bis jetzt für die Bestimmung des 
Clivus etwas an den Tag gefördert zu haben. Kein Wunder, dass 
sieh über die erste eine zweite Decke der verschiedenartigsten Er- 
örterungen den Lauf dieser Strasse betreffend gelegt hat, deren 
Resultate ram Theil nicht unwahrscheinlich klingen, die aber in 
der Methode sich durchaus vergriffen, indem sie über ein subjectives 
Fürwahrbalten nicht hinauskamen, überhaupt aber die Bestimmung 
des Weges viel zu nebensächlich, etwa als Anhang zur Bestimmung 
des Capitolinischen Tempels behandeln und gewöhnlich in dem 
Satze gipfeln, dàss, wenn der Tempel da und da gelegen hat, der 
Clivus so und so gegangen sein müsse. Damit mag der Phan- 
tasie, dieser Hauptfeindin aller Topographie, trefflich gedient sein ; 
ein allgemein anerkanntes oder annehmbares Resultat ist dadurch 
nicht erreicht worden. 

Es war nun von vornherein meine Absicht, auf die lange Kette 
von Erörterungen über das Capitol nur im Laufe der eigenen Dar- 
stellung gelegentlich einzugeben : indessen erforderte das inzwischen 
erfolgte Erscheinen der beiden ersten Hefte der zweiten Abtheilung 



Digitized by CjOOQ IC 



106 RICHTER 

des erstea Bandes der H. Jordanschen Topographie, die das Ca- 
pitol behandeln, eine Aenderung dieses Planes. Die abschliessende 
Arbeit eines Mannes, der sich der schwierigen Aufgabe unterzogen 
hat, in einer Zeit, die für abschliessende Darstellungen in der 
Römischen Topographie nicht gerade günstig ist, die Summe der 
gewonnenen Resultate zu ziehen, mnsste nothwendig zum Aus- 
gangspunkt audi dieser Untersuchung werden, zumal wir bei der 
Frage nach dem Lauf des Clivus Capitoünus audi zu de« übrigen 
Fragen über das Capitol, namentlich aber zu der Frage über die 
Lage des Juppitertempels Stellung nehmen mussten. 



Nachdem die bekannte, durch Nardini im 17. Jahrhundert ge- 
schaffene Streitfrage, ob der Juppitertempel auf der nördlichen 
oder südlichen Kuppe des Capitoliniscben Hügels gelegen habe, 
durch sorgfältiges Abwägen der über ihn und seine Geschicke 
handelnden Stellen aus Alterthum und Mittelalter sich soweit ge- 
klärt hatte, dass vorurteilsfreie und mit der OerÜichkeit bekannte 
Forscher nicht mehr im Zweifel darüber waren, dass alle Wahr- 
scheinlichkeit für die südliche Kuppe spräche; dass also die be- 
deutenden Reste von uralten Peperinquadern , die im Garten des 
Palazzo Caffarelli sichtbar über dem heutigen Boden hervorragen, 
zu diesem Tempel gehören dürften, — haben die im Laufe des 
letzten Jahrzehnt veranstalteten Ausgrabungen in der That ergeben, 
dass dieser Palast auf den Ruinen eines ungeheuren Tempels steht 
Schon 1865 gelang es Pietro Rosa, die westliche Grenze vom 
Unterbau desselben im Garten des Palastes zu entdecken ; er irrte 
aber, indem er diese Reste, auf die allein sieh die damalige Aus- 
grabung erstreckte, für ein Ganzes hielt und sie für einen nach 
Westen orientirten Tempel erklärte. Dem ausgezeichneten Römi- 
schen Topographen Rudolf Lanciani war es vorbehalten, die Form 
des Tempels zu bestimmen. Auf dem an den Palazzo Caffarelli 
anstossenden Hofe des Conservatorenpalastes wurde nämlich im Jahre 
1876 bei den Fundamentirungsarbeiton für das Museum «ine Area 
aufgedeckt, die durch Material und ScbkfcUngsweise <kr Blöcke 
sich als zugehörig zu den im Garten des Palazzo Caffarelli ge- 
fundenen Resten auswies. Lanciani erkannte in Ar die östliche 
Mauerflucht des Tempelstylobaten und vermochte nunmehr deiniü? 
die Breite des Tempels auf 51 m so wie seine Orientirung auf 24° 
östlicher Abweichung vom Meridian zu bestimmen. Der so ge- 



Digitized by CjOOQ IC 



CLIVÜS CAPITOLINUS 107 

gebene Anstoss wirkte weiter, und da fast gleichzeitig ein bedeu- 
tender Bau auf dem Terrain der deutschen Botschaft stattfand, so 
einigten sich alle Betheiligten, die günstige Gelegenheit zu um- 
fassenden Nachforschungen nicht vorüber gehen zu lassen. Das 
Resultat war zunächst eine vollkommene Bestätigung der Lancia- 
nischen Entdeckungen, sodann fand man min auch die südliche 
Mauerûucht des Stylobaten. Weitere Nachgrabungen im Norden 
des Palastes brachten auch hier noch Reste uralter Quadermauern 
zum Vorschein, die nach Osten und Süden die Fortsetzung des be- 
kannten , unmittelbar über der abgeschrofften Felswand von Tor 
de' Specchi sichtbaren Mauerrestes zu sein schienen. 

So war es also gelungen, auf der Höhe Caffarelli die Reste 
eines Tempels aufzudecken, der alle bekannten römischen an Grosse 
weit übertraf, und Lanciani trug kein Bedenken, ihn für den Ca- 
pitolinischen Juppitertempel zu erklären. Mit Recht wies er gegen- 
über diesen glänzenden Entdeckungen auf die erfolglosen Aus- 
grabungen auf der entgegengesetzten Höhe von Araceli hin, mit 
Recht auf die Form und Schichtung der Blöcke, auf das Material, 
Tuff vom Capitol selbst gebrochen, überhaupt auf die Aehnlichkeit 
dieser Reste mit den Bauten der Königszeit, Ihm schlössen sich 
alle Sachverständigen an, und das um so lieber, als es sich hier 
nicht um eine neue überraschende Entdeckung handelte, sondern 
um die endliche, glückliche Bestätigung einer seit langer Zeit von 
den ersten Kennern der Römischen Topographie verfochtenen An- 
sicht. H. Jordan nun, dessen lebhafter Theilnahme nicht zum 
geringsten Theil die umfassenden Ausgrabungen auf dem Terrain 
der deutschen Botschaft zu verdanken sind, hat in den oben ge- 
nannten neu erschienenen Heften seiner Topographie es sich zur 
Aufgabe gemacht, die grossartigen Entdeckungen der Architekten 
mit den Forderungen der philologischen Wissenschaft in. Einklang 
zu bringen. 

Es ist nämlich ein eigenthümliches Verhängnis», dass nun, 
nachdem man die Reste des Tempels aufgedeckt hat, diese Reste 
mit dem wichtigsten Prüfstein, den wir für ihre Identiflcirung be- 
sitzen, nämlich mit der bekannten Beschreibung desselben bei 
Dionysius nicht recht stimmen wollen. Dieser sagt IV 61 : htoii\$r] 
Sk hà xçîjftlâoç vifrtjXrjç ßeßt]*wc 9 oxjccTile$QOç rrjv nsQiodov, 
iiaxooiwp rtoôœv fyyieta rrjv nXevçàv ?%«** êxéGrrjv oUyov 
ai %t %b SictllottToy ë%QOi %iç av trjç vTVecoxfe ™v ffl*°vç 



Digitized by CjOOQ IC 



108 RICHTER 

ttaqà %o nkâtoç ovo' olwv 7Z€VT€Kaiâexa Ttodwv. ènl yàç 
toïç avtoïç &t(AeUoiç o (terà %r\v sfinçyaiv olmdofÂrj&eiç navet 
vovç natéqag fj/Awv iÔQv&rj. — Die Zuverlässigkeit des Dionysius 
ist nicht anzufechten. Seine Beschreibung des Servianischen Walles, 
die wir ja genau controliren können, ist im Ganzen so sachlich, 
dass Jordan Top. I S. 43 sie auf urkundliches Material zurück- 
führen durfte; und wenn man auch an unserer Stelle etwa an den 
acht Plethren als einer offenbar runden Summe, aus der die 
200 Fuss der einzelnen Seiten durch Division gewonnen sind, 
Anstoss nehmen wollte, so sind doch die Worte: 'ollyov dé %i 
%b diaXXâvtov evQOi %tg av vrjç ineçoxyG *ov prjxovç naçà 
%b nlcaog ovo* olwv TzevTexaiâeKcc nodüv nur auf eine ge- 
naue Kenntnis» des Bauwerkes selbst zurückzuführen und fallen 
um so schwerer ins Gewicht, als sie auf die charakteristische, von 
dem gewöhnlichen Toskanischen Schema abweichende .fast qua- 
dratische Form des Bauwerkes aufmerksam machen (vgl. Abeken 
Mittelitalien S. 221). Die Ausgrabungen haben nun ergeben, dass 
die einzig wirklich constatirbare Dimension des Stylobaten, nämlich 
die Ausdehnung von Osten nach Westen 51m beträgt, während 
ein Plethron = 30,83 m ist, also die Frontseite von zwei Plethren 
vermindert um die Hälfte von 15 Fuss (192 V2 Fuss) 59 m be- 
trägt. Es ergiebt sich also eine Differenz zwischen Dionysius und 
dem Ausgrabungsbefund von 8m; sie würde auf die vifer Seiten 
32 m, also mehr als ein Plethron betragen. 

Diese Differenz zu erklären, musste eine Hauptaufgabe Jordans 
sein. Er griff, um sie ganz aus der Welt zu schaffen, zu einem 
höchst unglücklichen Auskunftsmittel. Wie oben nämlich erwähnt, 
haben sich nördlich vom Palazzo Caffarelli zunächst dem Hügel- 
rande Mauerreste gefunden, die in Material und Schichtungsweise 
mit den übrigen Resten des Tempels übereinstimmen. Jordan hält 
diese Reste für Theile des Tempels und misst dessen Westseite 
von der Südwestecke im Garten Caffarelli bis hart an den Hügel- 
rand. Diese Entfernung beträgt 74 m. Er construirt demnach 
einen Tempelstylobaten von 74 X 51 m. Nach dieser Messung be- 
trägt die Summe der vier Seiten 250 m, während die acht Plethra 
des Dionysius = 246,6 m sind. Diese Uebereipstimmung hält er 
für so durchschlagend, dass er allein damit die Identität der Ruine 
mit der Beschreibung des Dionysius für erwiesen erachtet Aber 
Jordan irrt Zunächst sind die Trümmerreste am nördlichen Ab- 



Digitized by CjOOQ IC 



CLIVÜS CAPITOLINÜS 109 

hang so unbestimmter Natur, dass man darauf keinen Schluss 
bauen kann. Der Architekt Schupmann, dem wir ihre Beschrei- 
bung verdanken, sagt von dem Hauptrest Ober Tor de' Specchi, 
der in der Fluchtlinie der Westseite des Tempelstylobaten liegt, 
er sei senza nessuna tinea diretta reconoscibile (Anh. dar in*. 1876 
p. 148 ff.). Jordan aber fügt selbst, ohne daran zu denken, dass 
er doch im Interesse seiner Annahme wenigstens an diesen 'auf- 
fallend' stimmenden 250 m festhalten müsse, Top. I 2 S. 74 hinzu: 
'Die Tiefe des Baues könnte höchstens noch grösser angesetzt 
werden, denn die nördlichsten Quaderreste liegen unmittelbar über 
dem Felsabsturz'. Er nimmt also sogar die Möglichkeit an, dass 
hier noch Theile des Tempels hinabgestürzt sind. Dadurch aber 
wird der Umfang von 250 m zu einem ganz illusorischen. Aber 
die Ansetzung dieser Zahl ist auch falsch, denn die Maasse des 
Dionysius sind sicher nicht an dem Tuffkern, sondern an dem mit 
seiner Bekleidung versehenen Unterbau genommen, die wohl nicht 
unbedeutend war. 1 ) Auch dadurch würde sich der Umfang des 
▼on Jordan construirten Tempels wesentlich erhöhen. Kurz, diese 
Uebereinstimmung muss als eine von den ganz zufälligen betrachtet 
werden, die für ernsthafte topographische Betrachtung ebenso ge- 
fährlich wie werthlos sind. Und was hilft Jordan diese Annahme? 
Während er die, wie jeder zugeben wird, nur ungefähre Angabe 
des Umfanges in einer zweifelhaften Combination wiederfindet, muss 
er erklären, dass die genaue') Angabe der Differenz der Seiten 
'nicht ganz 15 Fuss' auf Schwierigkeiten führt; die 'vollständig zu 
lösen er weder verpflichtet, noch im Stande ist'. Ich will dem 
nicht widersprechen; aber er hat doch wenigstens die Verpflich- 
tung, seine Leser nicht durch einen doppelten Rechenfehler über 
den Unterschied zwischen seinem und dem Dionysischen Tempel 
zu täuschen. Er sagt nämlich, von seinem Tempel redend, S. 74: 
'Das Verhältniss der Seiten ist demnach das von rund 5 : 7, wäh- 
rend nach der antiken Beschreibung es 5 : 6 gewesen sein, das 
Rechteck sich also dem nach dem Tuskischen Tempelschema vor- 
auszusetzenden Quadrat mehr genähert haben würde'. Der Satz 
ist voller Irrthümer. Denn die Annäherungswerthe für 51 und 74 



1) Jordan selbst hält es a. 0. S. 74 für möglich, dass es eine doppelte, 
aus Travertin and ans Marmor gewesen sei, wobei aber zu bemerken ist, 
dass der Tempel des Catulns jedenfalls keine Marmorbekleidung hatte. 

2) Jordan sagt a. 0. S. 75: 'anscheinend genauere'; 



Digitized by CjOOQ IC 



110 RICHTER 

sind 50 und 75, d. h. 2:3, die SeiUn des Dionysischen Tempels 
aber betragen 192,5 und 207,5 Fuss, Zahlen, die sich nicht wie 
5:6, sondern wie 13:14 verhalten; ferner sagt Dionysius nicht, 
dass der Tempel sich dem Quadrat genähert habe, sondern dass er 
ganz unmerklich vom Quadrat abgewichen sei. Mit einer der* 
artig bestimmten Angabe kann aber nun und nimmermehr ein 
Tempel identificirt werden, dessen Seiten sich wie 2 : 3 verhalten. 
Es kommt dazu die ganze innere Un Wahrscheinlichkeit, dass man 
einen Tempel, der drei Zellen nebeneinander und ausserdem noch 
Säulenflügel iiatte, abweichend von dem Türkischen Tempelschema 
in Form eines länglichen Rechteckes soll gebaut haben; ferner die 
Notwendigkeit, in die Jordan sich versetzt sieht, zu Gunsten seiner 
Hypothese einen ganz ungeheuren Absturz des Hügelrandes anzu- 
nehmen. Denn wie wir aus Plinius wissen, konnte der Tempel 
umfahren werden. Es müsste also, wenn der Tempel selbst bis 
an den heutigen Hügelrand reichte, hinter der Nordwestecke bei 
Tor de' Specchi die ganze Area CapitoUna in die Tiefe gestürzt 
sein, 'eine Annahme, der — - wie Jordan meint — nichts im Wege 
zu stehen scheint'. Aber er irrt. Gerade der F eisen unter der 
vermeintlichen Tempelecke trägt die deutliehen Spuren künst- 
licher Glättung, die wir als charakteristisches Merkmal der 
servianiscben Befestigung kennen und zeigt dadurch unwiderleglich, 
dass hier seit dem Alterthum die Grenze des Berges sich nicht ver-~ 
rückt hat. ') Damit dürfte sich denn wohl die vermeintliche Tempel- 

1) Jordans Beweismethode ist seltsam. Während es doch einleuchtet, 
dass mit der Bejahung oder Verneinung der Frage, ob der Fels unter Tor 
de' Specchi künstliche Glättung zeigt, seine Ansicht von der Gestalt des 
Tempels steht oder fällt, führt er diesen Felsen S. 127 als das hauptsäch- 
lichste Beispiel aus dem Alterthum für die zum Zweck der Befestigung . künst- 
lich geschaffene Glättung auf, freilich mit der Bemerkung, dass der 'Zweifel, 
ob nicht vielleicht nach einem der häufigen (?) Bergrutsche erst in späterer 
Zeit die Kunst des Steinmetzen hier zur Anwendung gekommen ist, durch 
die a. 0. geltend gemachten Thatsachen begründet werden kann'. Mit den 
Thatsachen meint er aber seine Ansicht von der Gestalt des Tempels. — 
Ich kann bei der Gelegenheit nicht unterlassen, auf den eigenthömlicnea Ge* 
brauch des Wortes Thalsache bei Jordan aufmerksam zu machen . Hier nur 
ein Beispiel. Top. I S. 274 vermuthet Jordan, dass der vicus Tuschs 
seinen Namen von den etrurischen Bauleuten habe, die von den Tarqunoiern 
zum Bau des Tempels nach Rom gesogen seien und sich hier in der Nähe 
des Bauplatzes angesiedelt haben; eine Vermutaung, die wenig wahrscheinlich, 
klingt, aber selbst im. besten FaHe nicht mehr Weith hat als jede andere 



Digitized by CjOOQ IC 



CLIVUft CAP1T0LINÜS 111 

esta als era Stock der auf dem abgeschafften Felsen aufliegenden 
Brustwehr des Hügels, oder besser als der hier die Brustwehr er* 
seilenden Umfassungsmauer der Capitotinischen Area ausweisen. 

Ist nun also nicht zu bezweifeln, dass wir an der Angabe des 
Dionysius, 'dass der Capitoliniscbe Tempel nur unmerklich vom 
Quadrat abgewichen sei', festhalten müssen, so dürfen wir uns 
doch nicht verhehlen, dass in seinen Angaben in der That Unge- 
fähres und Genaues vereint sind. Die Angabe von acht Pletbren 
ist ein ungefährer Schätzungswert!). Dionysius liefert uns 
selbst dafür die Analogie. Auch vom Servianischen Wall sagt er 
in ungefährer Schätzung, er sei knvà (iàlioza inl [trjxoç ara* 
dim; eine Meaning aber ergiebt mehr als 7 l /s Stadien. 1 ) Wir 
sind daher berechtigt, Ja verpflichtet, dem greifbaren Resultat der 
Ausgrabungen gegenüber zu constattren, dass der Umfang des 
Tempels nicht acht, sondern wenig mehr als sieben Pletbren (etwa 
7,20 wb 221 ,98») betragen hat. Darnach würden die grösseren 
Seiten 57,75 m, die kleineren (Differenz 14,6 Fuss *= 4,51 m) 
53,24 m betragen haben. Dies aber weicht von der eonstatirten 
Dimension des Unterbaues von Osten nach Westen (51 m) um nur 
2 n ab, uqd soviel muss es abweichen, um Raum zu lassen für 
die gewiss sehr stattliche Verkleidung des Fundamentes. 



Der Juppitertempel stand, wie mehrfach bezeugt, auf einer 
ihn als Hof umgebenden Area. Von Catulus z. B. heisst es, dass 
er hei seinem Neubau des €apitolinischen Tempels die Area Capito- 
lioa habe niedriger legen wollen, und Caligula fasst den Plan, sich 



unbewiesene Vermuthung. Diese Vermuthung non erscheint Top. I 2 S. 9 plötz- 
lith ab T hatte che. Es heisst dort: 'diese Ueberlieferung — nämlich vom 
tarquiniseben Ursprung des Tempels — ist nicht allein ao sich glaubwürdig, 
»andern wird a,uc}i durch Thatsachen gestützt die von ihr völlig unab- 
hängig sind. Nicht allein haben, wie bereits hervorgehoben wnrde (1 1 S. 273 f.), 
der Name der Tuskergasse' .... die Erinnerung an die bei dem Bau betei- 
ligten tuskischen Bauleute bewahrt, sondern etc. . . ,' Ist das correct? 

1) Dass man es mit solcher* Angaben nicht genau nahm, zeigt u. A. das 
Beispiel des SUebo, der die Lange des Walles auf sechs Stadien absehätst, 
was Jordan, wohl unrichtig, als SchiUuug der kargesten Entfernung beide« 
Endpunkte interpretirt. Ich wüsste wenigstens nicht, wie Strabo eine solche 
Schätzung hatte anstellen sollen in einer Zeit, wo die Häuser sich schon von 
bttfan Seiten dicht an den Wall heranschoben, oder welchen Zweck sie 
haben könnte. 



Digitized by CjOOQ IC 



112 RICHTER 

auf der Area Capitolina ein Haus zu bauen, um Juppiter benaeh- 
hart zu wohnen. Diese Area war rings umschlossen von hoher 
Mauer, die Mauer selbst inwendig, wie aus Tac. hist. HI 71 er- 
hellt, mit einer Porticus verkleidet. 

Lanciani constatirte im Jahre 1876, dass etwa 40 m vom 
Ostrande des Tempels eine Mauer parallel mit diesem lief und 
glaubte in ihr die östliche Substructionsmauer der Area Capitolina 
entdeckt zu haben. Indessen, scheint gerade an dieser Seite eine 
viel engere Begrenzung der Area bezeugt zu sein. Bei dem Sturm 
der Vitellianer auf den Tempel bei Tacitus hist. 1H 71 heisst es 
nämlich, dass die Stürmenden nach vergeblichem Versuche, auf 
dem Clivus Capitolinus vorzudringen diversos Capüolii aditus in- 
vadunt iuxta lucum asyti, et qua Tarpeia rupes centum gradäms 
aditur. improvisa utraque vis. propior atque acrior per asylum 
ingruebat. nee sisti poterant scandentes per toniuneta aedificia, quae 
ut in multa pace in aüum édita solum Capüoiü aequabant, hie 
ambigitur, ignem tectis oppugnatores iniecerint an obsessi, quae ere- 
brior fama, ut nitentes ac progressas depdkrent. inde lapsus 
ignis in porticus adpositas aedibus; mox sustinentes 
fastigium aquilae vettre ligna traxerunt flammmm 
alueruntque. sie Capitolium . . . conflagravü. Jordan beurtheilt 
dies richtig: 'Mag nun', schreibt er Top. I 2 S. 37 Anm. 36, 'zu 
schreiben sein aedi, oder aedes die brennenden Häuser bedeuten 1 ), 
die Porticus wird man immer auf dieser Seite des Asyls unmittel- 
bar beim Tempel suchen müssen . . . Uebrigens haben die Aus- 
grabungen des Capitols von Vesontio ergeben, dass der Hof im 
Innern mit Portiken umgeben war.' Leider nimmt er nur nachher 
bei der Constraining der Area darauf keine Rücksiebt Er be- 
stimmt den Umfang derselben folgendermasaen» Ausgehend von 
der durch Lanciani entdeckten Mauer, die er für die Ostgrenze 
der Area hält, nimmt er die gleiche Ausdehnung von 40 m auch 
westlich vom Tempel an, womit er bis an den äussersten Hügel- 
rand kommt. Hinter dem Tempel muss er wohl oder übel eben- 
falls einen kleinen Streifen annehmen ; für die Frontseite stellt er 
die Rechnung auf, dass vor der Südfront zunächst die Treppe mit 
6 m Tiefe gelegen habe. 'Demnach würde', fährt er fort, 'die Area, 



1) Aedibu4 ist wohl der Tempel, wie Tac hué. IV 53: alHtudo aedibur 
adieeta von demselben Tempel. 



Digitized by CjOOQ IC 



CLIVÜS CAPITOLINÜS 113 

wenn sie vor dem Tempel ebenso breit war, wie zu den Seiten 
desselben, vor der Treppe nocb einen Raum von etwa 25 m Tiefe 
gehabt haben/ Ob hier ein Druck' oder Rechenfehler vorliegt — 
jedenfalls muss es heissen 34 m , denn es soll doch , die Treppe 
eingeschlossen, die Summe von 40 m herauskommen. 

In der Constraining dieser Area glaubt nun Jordan den 
Schlüssel zur Topographie des ganzen Hügels gefunden zu haben. 
Er argumentirt a. 0. S. 35 ff. folgendennassen : 'der Juppitertempei 
heisst in der technischen Sprache aedes Iovis maximi . . . Haus 
und Hof führen technisch den gemeinsamen Namen Cap it o- 
ittim.... Niemals verliert dieser Ausdruck in der technischen 
Sprache der Staatsurkunden die Schärfe seiner an der 
räumlichen Begrenztheit haftenden begrifflichen 
Bedeutung 1 ) bis zu dem Grade, dass Gapitolium einen belie- 
bigen dem Tempelbezirk benachbarten Theil des capitolinischen 
Hügels bedeuten konnte .... Gerade so gut wie uns die Bezeich- 
nung 'am Markt' in den Staatsurkunden die Gewissheit giebt, dass 
die Tempel, die sie führen, in der That am Markt im technischen 
Sinne standen, gerade so gut bezeugt die Bezeichnung 'am 9 oder 
4 im Capitol' 2 ) in diesen Urkunden, dass die Tempel, die so ge- 
nannt werden, auf dem Tempelhof selber standen oder an ihn 
unmittelbar anstiessen.' 

Hätte Jordan die letzten Worte weggelassen, so hätte man 
trotz des gänzlich verunglückten Vergleiches der durch Mauern 
und Säulenhallen festumgrenzten, festumschlossenen und sich hoch 
über das angrenzende Terrain erhebenden Tempelarea mit dem 
Markte, der Gestalt und Begrenzung durch die ihn umgebenden 
Gebäude empfängt, doch erkannt, was er will, dass nämlich alle 
Tempel etc., die urkundlich als in Capitolio befindlich bezeichnet 
werden, auf der Area gestanden haben; und damit wäre denn doch 
ein bestimmtes Princip ausgesprochen, welches bewiesen von 
ausserordentlichem Werthe für die Topographie wäre. Der Zu- 
satz: 'oder sie stiessen unmittelbar an ihn an' wirft alles über 
den Haufen, und man begreift nicht, weshalb Jordan die Schärfe 
der räumlichen Begrenztheit so hervorhebt, um sie unmittelbar 



1) Das Wort 'Bedeutung' habe ich mir erlaubt einzusetzen; dies oder 
«in ähnliches muss Im Text bei Jordan ausgefallen sein. 

2) Beides sollen Uebersetzungen von in Capitolio sein. 
Hermes XV1H. 8 



Digitized by CjOOQ IC 



114 RICHTER 

darauf selbst zu verletzen. Aber nicht einmal dabei bleibt er stehen. 
Nachdem er in langer Reihe die Tempel etc. aufgezählt hat, die 
in CapüoUo erwähnt werden, misst er S. 76 den Flächeninhalt der 
von ihm construirten Area. Sie beträgt 9000 Dm; dies kommt 
ihm sehr klein vor, und er erklärt nunmehr: 'Hiernach wird es 
nicht wahrscheinlich erscheinen, dass die Tempel, welche auf 
oder am Gapitolium erwähnt werden, auf der Capitolinischen Area 
gelegen haben, vielmehr werden sie.an dieselbe anstossend zu den- 
ken sein'. Von Beweisen für diese Behauptungen ist natürlich und 
kann auch nicht die Rede sein. Denn beim geringsten Versuche, 
das was er sagt, zu beweisen, hätte Jordan klar werden müssen, 
in welchen Widersprüchen er sich bewegt. Wir können deshalb 
auch von einem Eingehen auf seine Ansicht absehen. Die Sache 
selbst indessen fordert eine ernsthaftere Würdigung, als ihr Jordan 
hat angedeihen lassen. 

Es handelt sich um die für die Construirung der Capitoli- 
nischen Area allerdings sehr wichtige Frage, ob alle die Heilig- 
thümer etc., die als in CapüoUo liegend bezeichnet werden, darum 
auch auf der Area des Juppitertempels gelegen haben müssen. 
Wirklich und ausdrücklich bezeugt ist dies von einigen Statuen. 
Es heisst Sueton. Coli g . 34: statuas virorum inbtstrium ab Augtute 
ex Cap itolina area propter angustias in campum Martrum cen- 
latas . . . mbvertit; ferner von einem modicum sacéUum Iovis Con- 
aervatoris, welches Domitian zum Andenken an seine wunderbare 
Rettung im Bürgerkriege disiecto aeditm contubernio am Eingange 
der Area erbaute. Von allen übrigen Heiligthümern heisst es stets 
nur in Capitolio. Der Ausdruck aber ist derartig mehrdeutig, dass 
man kein Recht hat, ihn ohne Weiteres für eine Bedeutung in 
Anspruch zunehmen. Es wird damit zunächst sicher bezeichnet 
die ganze südliche Kuppe des Capitolinischen Hü- 
gels. Z. B. Liv. XXXV 21 : saxum ingms ... m vicum Ingarium 
ex Capitolio procidit et multos oppressit. Liv. V 50: Indi Capi- 
llitii fièrent . . . coUegiwnque ad earn rem M. Furins dictator con- 
stitueret ex its, qui in Capitolio atque arce habitarent. Ferner 
wird sicher so genannt der Tempel selbst an zahlreichen Stellen 
römischer und griechischer Schriftsteller, wie z. B. Tac hist. Ill 7 1 : 
Gapitolium clausis foribus conflagravit. . Offenbar war Gapitolium 
ursprünglich der Name des Hügels, er ging dann specieü auf den 
wichtigsten Punkt desselben, den Juppitertempel, über. Wir haben 



Digitized by CjOOQ IC 



CLIVÜS CAPITOLINÜS 115 

dazu eine vortreffliche Analogie aus der hellsten Zeit der Römischen 
Geschichte — am Palatin. Auch der Name PaUUtum haftet ur- 
sprünglich an der nordwestlichen Erhebung des Berges. Als dam\ 
Augustus als erster Princeps auf dem Palatium seinen Herrscher- 
sitz baute, ging der Name des Hügels auf das Gebäude 
über und mit überraschender Schnelligkeit wird Palatium Bezeich« 
nung der kaiserlichen Residenz. — Endlich wird CapitoUum f .vr\e 
es scheint, auch für die Area Capitolina gebraucht, obgleich die 
meisten der gewöhnlich dafür angeführten Stellen nur prekäre Be- 
weiskraft haben, wie z. B. Liv. XL 52: eodem exempta tabula in 
aede lavis in Capitolio supra valvas fixa est, was sich ebenso gut 
auf den Berg beziehen kann. Indessen scheint doch die Vergieß 
chung von Liv. XXV 3, wo Comitien auf der area Capitata abge- 
halten worden, mit Liv. XXXI V 53 und anderen Stellen desselben 
Schriftstellers, wo sie in Capitolio stattfinden, die Annahme zu 
rechtfertigen, dass Capitolium auch gleichbedeutend mit area Ca- 
pitolii gebraucht wurde. 

Bei diesem notorischen Schwanken der Bedeutung ist es um 
so auffallender, dass Jordan gar nicht auf den Gedanken gekommen 
ist, die von ihm zusammengestellten recht zahlreichen Nachrichten 
über die in Capitolio befindlichen Tempel der Reihe nach darauf 
hin durchzugehen und zu prüfen, ob denn unter ihnen keine sind, 
von denen man nachweisen kann, dass sje auf der area Capitoltna 
gestanden haben müssen, keine, von denen man beweisen kann, 
dass sie nicht auf derselben gestanden haben können. Er hätte 
auf diese Weise mit Leichtigkeit zu sicheren Ergebnissen kommen 
können. Denn wenn auch nur von einem einzigen der 
in Capitolia genannten Tempel nachgewiesen wird, 
dass er nicht auf der area Capitolina gestanden haben 
kann, so ist dies ein vollgiltiger Beweis, dass man kein Recht 
hat, Tempel etc., die in Capitolio lagen, allein dieser Bezeichnung 
wegen auf die area Capitolina zu verlegen. Es lässt sich nun in 
der That dies von einer ganzen Anzahl von Denkmälern nach- 
weisen, in erster Linie von dem wichtigsten aller Tempel des Ca- 
pitols nach dem Juppitertempel, dem der Fides. Für seine Lage 
ausserhalb der area Capitolina ist entscheidend die bekannte Er- 
zählung bei Appian b. c. I 16 von der Katastrophe des Ti. Gracchus. 
Gracchus, zum Aeussersten entschlossen, nimmt mit den Seinen den 
Juppitertempel und die area Capitolina ein (rov KanirioXtov rbv 

8* 



Digitized by CjOOQ IC 



116 RICHTER 

vstov . • . xal ta piéoa rîjç bcxXrjalag). Da er bei den Tribunen 
und den Anhängern der Optimaten mit seiner Bewerbung um das 
Tribunat abermals Widerstand findet, giebt er das verabredete 
Zeichen. Darauf entsteht ein furchtbares Getümmel und Handge- 
menge, die Gegner des Gracchus eilen in voller Auflösung davon, 
voller Angst schliessen die Priester die Thore des Tempels, die 
Anhänger des Gracchus aber bleiben Herren des Platzes, nämlich 
der Area vor dem Tempel. Zu derselben Zeit versammelt 
sich der Senat im Tempel der Fides (yiyvopévcw de %ov- 
Tiov y ßovXrj ovvrjl&ev ig to trjç IHotetoç leçov; dies konnte 
natürlich nicht auf der area Capitolina geschehen, die eben erst 
noch von den Anhängern des Senats hatte geräumt werden müs- 
sen). Es wird dann die Verhandlung erzählt und das bekannte 
Auftreten des zu gewaltsamem Einschreiten mahnenden Nasica. Als 
sie zum Beschluss gekommen waren, eilten sie zum Capito- 
lium empor (eg to Ka/iitciXiov avrjeüav), der Pontifes 
maximus Nasica allen voran (eÇfjçxe trjç oiov). Als er aber 
zum Heiligthum emporgekommen war (àvsl&ovTi de ig to 
leçov), machte ihm zuerst alles Platz wg xat 3 aÇlaxnv àvdql 
açloiq) und weil sie sahen, dass der ganze Senat ihm folgte. Die 
Angreifer aber rücken unaufhaltsam vor. Es entspinnt sich jenes 
Handgemenge, in welchem Gracchus bis an den Tempel zurück- 
gedrängt wird und dort bei den Bildsäulen der Könige seinen Tod 
findet. — Es bedarf keines Wortes der Erörterung, dass in dieser 
klaren und sachkundigen Darstellung fast jedes einzelne Wort be- 
weist, dass der Fidestempel ausserhalb der area Capitolina gelegen 
haben muss. 1 ) 

Das wenige nun, was wir von der Area selbst wissen, spricht 
nicht gerade für eine grosse Anhäufung von Tempeln auf derselben. 
Wenn Augustus, um der grossen Enge der Area zu steuern, Sta- 
tuen von ihr auf das Marsfeld bringen lässt, so werden doch 
weder er, noch seine Nachfolger auf ihr grosse Tempel errichtet 
haben ! Namentlich aber beziehe ich mich auf die bekannte Stelle 



1) Andere Beweise, wie z. B. vom Tempel des Jappiter Feretrius, von 
dem es ausdrücklich heisst: fr* am&rai to ctçx**oy fyvoc, nämlich ans 
der Zeit des Romulus, den man also doch nicht auf der von den Tar- 
quiniern geschaffenen Area Capitolina suchen darf, übergebe ich hier, wo es 
genügt, zur Beantwortung der principiellen Frage ein Beispiel behandelt an 
haben. 



Digitized by CjOOQ IC 



CLIVÜS CAPITOLINÜS 117 

bei Gellius II 10: Serving Sulpicius, iuris civilis auctor, vir bene 
litteratus, scripsit ad M. Varronem rogavitque, ut rescriberet, quid 
significant verbum, quod in censoriis libris scriptum esset. Id erat 
verbum 'favisae Capitolinae'. Varro rescripsit in memoria 
8ibi esse, quod Q. Catulus, curator restituendi Capitolii, dixisset 
voluisse se aream Capitolinam deprimere, ut pluribus 
gradibus in aedem conscenderetur suggestusque pro fastigii 
magnitudine altior fier et, sed facereid non quisse, quoniam 
4 favisae' impedissent. id esse cellos quasdam et cisternas, 
quae in area sub terra essent, übt reponi solerent signa Ve- 
tera, quae ex eo templo collapsa essent et alia .... Ist es glaub- 
lich, dass Catulus hätte auf den Gedanken kommen können, die 
Area tiefer zu legen, wenn auf derselben irgend welche bedeuten- 
deren Tempel gestanden hätten? 1 ) Man sieht vielmehr daraus, 
dass sie nur von mühelos zu beseitigenden und leicht wieder auf- 
zustellenden Dingen, wie Statuen und Altären, eingenommen war. 
Ueberdies ist es einleuchtend, dass derselbe Grund, der die Niedriger- 
legung der Area hinderte, nämlich die unter dem Boden sich hin- 
ziehenden Favisae, auch ihre Bebauung hindern musste.') 

Wir durften demnach der Wahrheit am nächsten kommen, 



1) Vgl. Preller gesammelte Aufsätze S. 512. 

2) Jordan hat diese für die Beschaffenheit der Area Gapitolina so wichtige 
Stelle nicht gebührend gewürdigt; ja er ist nicht einmal in ihren Sinn ge- 
nügend eingedrungen. Er kann nämlich absolut nicht einsehen, warum Ca- 
talog den Unterbau des Tempels, wenn er ihm zu niedrig schien, nicht einfach 
höber baute. In dem Aufsatz Armali 1876 p. 145 ff., wo er zuerst davon 
bändelt, ist er der Ansicht, bedeutende Reste des Oberbaus und des Pavi- 
mentes hätten ihn an der Erhöhung des Unterbaues gehindert. Top. I 2 S. 80 
verwirft er diese Auskunft, da heisst es: 'Es folgt daraus, dass der alte 
Stylobat noch aufrecht stand und aus irgend welchen Gründen nicht nach 
oben erhöht werden sollte, was ja an sich leicht möglich gewesen 
wäre, dass es vielmehr nur gestattet gewesen wäre, seine ... Mauern 
durch Abtragen der Area unten frei zu legen*. — Es wird Öfter ausdrücklich 
hervorgehoben, dass die Regionen des Unterbaus nicht verändert werden 
durften; hätte also das Gleiche von seiner Höhe gegolten, so wäre es sicher 
gleichzeitig überliefert worden. Wo aber hat man je davon gehört, dass die 
Höhe eines Unterbaues irgend welchen Beschränkungen unterworfen worden 
sei? Jordan sieht das einfachste nicht: Catulus konnte den Unterbau nicht 
erhöhen, weil, wie aus den Worten pro fastigii magnitudine hervorgeht, 
der Tempel schon fertig war, als sich das Missverhältniss zwischen 
unter- und Oberbau herausstellte. 



Digitized by CjOOQ IC 



118 RICHTER 

wenn Wir, im Anschluss an die oben besprochene von Tac. hist. 
Ill 71 gegebene Andeutung über die enge Umgrenzung des Tempel- 
gebietes, die area CapitoUna auf ein bescheidenes Maass beschrän- 
ken, die Tempel etc. aber, die in Capitolio genannt werden, in 
das Capitolium in weiterem Sinne verweisen. Dass wir es auch 
in diesem mit einem 'räumlich scharf begrenzten' Gebiet zu thun 
haben, wird sich sogleich herausstellen. 



Versuchte Jordan, wie wir sahen, mit einer von ihm dem 
technischen Ausdruck in Capitolio willkürlich beigelegten Bedeu- 
tung die Topographie des Capitols zu zwingen , so wird es uns 
nicht überraschen, dass er auch der Behandlung des Clivus Capi- 
tolinus keine festere Grundlage giebt. Nach ihm ist er ohne 
Weiteres die Fahrstrasse, welche beim Saturntempel südwestlich 
vom Forum abliegend zum Capitolium, d. h. auf den Tempelhof 
am Berge hinaufführt. Diese Ansicht ist nicht von Jordan 
zuerst ausgesprochen (vgl. B. d. St. Rom III 2 S. 7), sie gewinnt 
nur durch ihn neues Interesse, denn er bringt einen Beweis dafür. 
Er stellt nämlich (a. 0. S. 77 — 79) eine Rechnung an, nach welcher 
der Clivus, wenn er mit demselben Steigungswinkel, den er am 
Saturntempel hat, nämlich 1 : 25, in schnurgerader Richtung fort- 
fährt zu steigen, gerade vor dem nach Süden gelegenen Haupt- 
eingangsthor der area CapitoUna ankommt. Diese Rechnung stimmt 
derartig — nach Jordan — , dass allein desshalb die aufgestellte 
Annahme über den Lauf der Fahrstrasse als 'unzweifelhaft richtig 
angesehen werden muss'. 

Ich bin nicht im Stande, diese Rechnung zu prüfen, fühlte 
auch bei meinem letzten Aufenthalte in Rom keine Veranlassung 
dazu, will aber nicht bezweifeln, dass sie richtig ist. Den Beweis 
selbst aber kann ich nicht gelten lassen. Wenn Jordan diese 
Rechnung als Stütze anderer Beweise brächte, wenn dadurch eine 
Lücke in der Beweisführung ausgefüllt würde, kurz, wenn man 
vermittelst dieser Rechnung zu einem Resultate käme, welches man 
auf anderem Wege ebenfalls gewonnen hätte, so würde man ihr 
das Dankenswerthe nicht absprechen können. So aber schwebt sie 
und mit ihr der Clivus völlig in der Luft. Allein schon die Er- 
wägung, dass die Form der area CapitoUna und damit die Lage 
des Eingangsthores von Jordan erst construirt worden ist, der 
Endpunkt des Clivus also gar nicht feststeht, muss gegen den 



Digitized by CjOOQ IC 



CL1VÜS CAPIT0L1NUS 119 

Nutzen dieser Rechnung misstrauisch machen. 1 ) Merkwürdiger- 
weise aber ist es Jordan selbst, der ihr allen Werth nimmt, indem 
er auf S. 121 erklärt: 4 die Anlage des Clivus fallt in die Zeit vor 
der Errichtung des grossen Tempels und ist durch die natür- 
liche Beschaffenheit des Berges bedingt worden'. Wenn wir uns 
nun erinnern, dass dem Bau des Tempels die Erhöhung der obersten 
Kuppe des Capüolium vorausging, dass in späterer Zeit gerade da, 
wo nach Jordan der Clivus den steilen Hügel erklomm, nämlich 
über dem Aequimelium Substructionsarbeiten (Liv. XXXVIII 28) 
vorgenommen wurden, die für die ganze Seite des Berges, also auch 
für den Lauf des Clivus von Bedeutung sein mussten, so gewinnen 
wir das Bild so durchgreifender Aenderungen des Hügels, dass die 
Möglichkeit, den Lauf des Clivus durch eine Rechnung zu recon- 
stnüren, völlig zerrinnt 

Ganz unverständlich ist aber, dass Jordan zwar zugesteht, dieser 
sein Clivus habe von dem Punkte an, wo er hinter dem Saturn- 
tempel zu steigen begann, vermutlich — er durfte getrost sagen : 
ohne Zweifel — künstlicher Nachhilfe bedurft, dennoch aber 
der Ansicht ist, dass sein Lauf durch die natürliche Beschaffenheit 
des Berges bedingt worden sei. Aber freilich, er musste diese Be- 
hauptung wagen, um weiter (S. 63) behaupten zu dürfen: 'diese 
Strasse ist, wie schon der Name eUvus Capitolinus bezeugt, der 
einzige fahrbare Aufgang zum ganzen capitolinischen Berge'. 9 ) Denn 
in der That gab es, wie u. A. auch aus den bei Jordan a. 0. S. 63 
Anm. 64 gesammelten Stellen hervorgeht, nur einen Clivus für den 
ganzen Berg. Aber Jordan gewinnt dadurch nichts. Denn sein 
Clivus führt überhaupt nur auf das Capüolium, d. h. den Tempel- 
hof. Nach ihm war allein dieser zu Wagen zugänglich ; der ganze 
übrige Berg mit seinen Menschenwohnungen und Götterhäusern, 

1) Wie Jordan selbst geurthetlt haben würde, wenn ein anderer auf Grand 
einer Rechnung einen Schnurgraden Clivus construirt hätte, steht in seinem 
Aufsatz 'Capitol Forum und Sacra via in Rom* p. 17 : 'die Topographen ziehen 
eben, wie sehr treffend bemerkt worden ist, mit Vorliebe überall durchs 
Ungewisse grade Linien, ohne zu bedenken, dass jede zwei Punkte in 
Wirklichkeit auch durch ungrade verbunden werden können'. 

2) Jordan bringt es fertig, sechzig Seiten weiter gegen Preller zu be- 
merken (Anm. 120a): Preller sieht in dem Namen einen entscheidenden Be- 
weis dafür, dass nur ein eUvus zum Berge hinaufführte. Dies ist zuviel ge- 
Mgt: der Ausdruck beweist nur, dass nur ein cüvus &üt das Capitolium im 
technischen Sinne führte. 



Digitized by CjOOQ IC 



120 RICHTER 

darunter in erster Linie die sämmtlichen Heiligthümer der Ara, 
waren nur auf Treppen, oder nach Jordan nur auf einer, die 
vom Concordientempel zur Burg führte, zugänglich. ') Dass Jordan 
einen solchen Zustand des Berges, der in seinen Einzelheiten aus- 
gemalt zu den seltsamsten Abenteuerlichkeiten führt, für möglich 
hält, ist schwer zu verstehen, ihn anzunehmen aber nicht denkbar, 
ohne die Alten mangelnden Verständnisses für Wegeanlagen zu be- 
schuldigen. 

Es geht aus alle dem hervor, dass Jordan die Aufgabe, die 
die Topographie des Capitols dem Forscher stellt, der Lösung wohl 
kaum näher geführt haben dürfte. Der Fehler liegt in seiner 
Methode. Wenn er seine Behandlung des Capitols S. 6 mit den 
Worten beginnt: 'Unsere Betrachtung hat auszugehen von dem 
Capitoliumi nicht allein desshalb, weil diese Höhe am genauesten 
untersucht ist, sondern weil sie im Alterthum aus natürlichen 
und idealen Gründen zum Schlüssele), der räumlichen Gestaltung 
des ganzen Berges geworden ist', so ist in diesem ersten Satze 
schon Keim und Grund des Misslingens enthalten. Ich babe in 
meiner Schrift über 'die Befestigung des Janiculum' S. 15 Jor- 
dan vorwerfen müssen, dass er die Lage des Pons sublicius 
und des Pons Aemilius bestimmt hat, ohne darauf Rücksiebt zu 
nehmen, dass diese beiden Brücken nicht an einem beliebigen, 
möglichst bequemen Orte, sondern lediglich im Zusammenhang und 
mit Rücksicht auf die Fortification angelegt wurden. Ich muss 
hier einen ähnlichen Vorwurf aussprechen: Nicht von einem be- 
liebigen, wenn auch noch so gut untersuchten Punkte hat die 
Topographie des Capitols auszugehen, sondern von der Befesti- 



1) Die centum gradus, die beim tarpejischen Felsen erwähnt werden, 
verlieren bei Jordan die Geltung eines selbständigen Aufganges. *Bei dem 
Mangel jeder andern Nachricht', heisst es a. 0. S. 132, 'kann man nur sagen, 
dass möglicherweise schon in sehr früher Zeit das Bedürfniss, vom Ochsen- 
markt am tarpejischen Felsen vorbei gleich den oberen Theil des 
cli vus zu erreichen, ohne den weiten Umweg über den Markt zu machen, 
die Anlegung einer solchen Stiege veranlasst haben mag'. Aber so sind wir 
denn doch nicht, von allen Nachrichten entblösst. An der bekanntesten 
Stelle über das Capitol, der Beschreibung des Sturmes der Vitellianer hist. Ill 71 
steht, dass, nachdem ihr Angriff vom Clivus her zurückgewiesen ist, die Vi- 
tellianer diversos Capitolit aditus invadunt iuxta lucutn asyU, et qua Tor* 
peia rupes centum gradibus adUur. Wie ist das möglich, wenn die centum 
gradus in den Glivus einmüuden? 



Digitized by CjOOQ IC 



CL1VÜS CAMTOLINUS 121 

gun g des Hügels. Diese musste bestimmend für alle Verhält- 
nisse, ausschlaggebend aber für die Anlage des Clivus sein, der als 
Burgweg natürlich zusammen mit der Befestigung und in Rück- 
sicht auf diese gedacht und angelegt worden ist Ist es überhaupt 
möglich, über denselben zu einem sichern Ergebniss zu kommen, 
so ist es nur auf diesem Wege möglich. Sehen wir, was auf ihm 
zu erreichen ist. 

Das Capitol erscheint, soweit unsere historische Kunde reicht, 
als die rings befestigte, unzugängliche Burg der Servianischen Stadt. 
Das bezeugt zur Genüge die Geschichte der Gallischen Invasion, 
es bezeugts ferner Ciceros begeisterte Schilderung von Roms Festig- 
keit de repbl. II 6. Derselbe hebt auch besonders die — sei es 
natürliche, sei es künstlich hervorgebrachte — Steilheit der Ab- 
hänge an diesem Hügel hervor (ut ita munita arx circumiectu 
arduo et quasi ctrcumciso saxo mteretur, ut etiam in iUa tempestate 
hotribili GaUici adventus incolumis atque intacta permanserit). Die 
Reste künstlicher Glättung des Felsens sind an mehreren Stellen 
erhalten, am unverkennbarsten an der schon oben besprochenen 
Stelle bei Tor de' Specchi, von dem der sachverständige Lan- 
ciani (Ann. d. I. 1871 p. 49) sehr richtig sagt: Da questo punto 
apparisce, qmnto forte fosse la posizione strategica del Campidoglio 
dalla parte del campo Marzo. Von künstlicher Befestigung durch 
Mauern ist so gut wie nichts erhalten. Da nämlich, wo diese vor- 
herrschend zur Anwendung gekommen sein muss, an den Abhängen 
der Einsenk ung zwischen der nördlichen und südlichen Kuppe des 
Hügels, ist sie nach dem Forum zu durch den Riesenbau des Ta- 
bulariums schon im Alterthum verdrängt worden ; nach dem Mars- 
felde zu wich sie den hier entstehenden modernen Aufgängen. 
Gerade hier an der Westseite aber ist auf halber Höhe des Berges 
zur Seite des modernen Fahrweges neuerdings ein kleiner Rest der 
alten Untermauerung entdeckt worden. Die tiefe Einbettung des- 
selben in den natürlichen Fels zeigt, wie Lanciani (bull. mun. I 
138) erkannte, dass er einer hohen Mauer angehörte, die einen 
starken Widerhalt zu geben bestimmt war. Sie reichte offenbar 
empor bis zur Höhe der Einsenkung, der zwischen ihr und dem 
Bügel entstehende Raum war ausgefüllt und von der Brustwehr über- 
ragt. 1 ) Aehnlich werden wir uns die ursprüngliche Befestigung nach 

1) Pie Brustwehr liegt natürlich überall auf der oberen Kante des 
Uügelrandes auf, wie noch bei Tor de' Specchi zu sehen (vgl. Bef. des Janic, 



Digitized by CjOOQ IC 



122 RICHTER 

dem Forum zu zu denken haben, nur dass hier, wie wir sehen wer- 
den, durch das Burgthor Einlass für den Clivus geschafft wurde. 1 ) 
Dieser Befestigungsring nun schloss zwei andere Befestigungs- 
ringe ein, die Arx und das CapitoUum, deren Mauern, soweit sie 
die Hügelränder berührten, sich mit der Brustwehr der äusseren 
Befestigung deckten, die aber gegen die zwischen ihnen liegende 
Einsenkung durch besondere Befestigungen abgeschlossen waren. 
Dass man dies verkannt hat, verschuldete der Name arx, von dem 
man auf eine besondere oder eine besonders starke Befestiguug des 
nördlichen Hügels glaubte schliessen zu dürfen. Indessen werden bei 
allen Kriegsereignissen, die das Capitol in Mitleidenschaft ziehen, 
beide Höhen als Castelle bezeichnet, die beide ihre Besatzungen 
hatten. Dies tritt namentlich in der von Dionysius erzählten Ueber- 
rumpelung des Capitols durch Herdonius hervor, wo es heisst (X 14): 
nlwoag de duc %ov Tcßegeioc 7tQ0Qéo%e vijç ^PcifÀfjç xcttä %ov%o 
%b xwqLoVj ev&a %b Kanitûliôv èotiv . . . avaßtßiaag ttqv âv- 
vajuv elle %b q>QOVQiov. ktu&ev à' irii vrjv axçap t&aâ- 
[awoç — eati âk %(jï Kani%wl.li$ ncooexys — xàxeipfjç ly«- 
yovei xvqioç. In der weiteren Schilderung der Bekämpfung des 
Herdonius werden Arx und CapitoUum stets kurz va tpQOvçta 
genannt (eTtoliôçxrjoav %à q>qovqta, iyèvexo de fCQoaßoXjj toïç 
(PqovqIoiç etc.). Ueberall tritt, bezeichnend genug, der Capitolini- 
sche Hügel nicht als Ganzes auf, sondern seine beiden Spitzen als 
selbständige, benachbarte Castelle. In demselben Sinne heisst es 



S. 12). Dass Jordans Clivus darnach gänzlich ausserhalb des Befesti- 
gungsringes liegt, erhöht auch nicht seine Wahrscheinlichkeit. 

1) Ich habe (Befestigung des Janiculum S. 14) nachgewiesen, dass Jordan 
von dem Wesen einer in sich geschlossenen Befestigung keine klare Vor- 
stellung hat. Derselbe Mangel zeigt sich bei der Behandlung des Capitol, 
wenn er zwar die vollständige selbständige Befestigung dieses Hügels zugiebt, 
es aber daneben für möglich hält, dass das ausserhalb dieser Befestigung 
liegende Tullianum der Burgbrunnen gewesen sei. Seine Schlussfolgerung 
S. 123 ist geradezu klassisch. 'Wir haben vermuth et', sagt er, 'dass 
das Tullianum der Burgbrunnen des Capitols gewesen ist . . . die Legende 
von der Gallischen Belagerung weiss zwar von der Hungersneth der Be- 
satzung, aber nichts von Wassermangel zu erzählen. Es war also mög- 
lich, den Burgbrunnen zu benutzen, auch wenn er ausserhalb 
der eigentlichen Befestigung lag. Freilich aber', fahrt er dann, seine 
eigne Ansicht selbst abschwächend fort, 'muss bedacht werden, dass das Ca- 
pitoUum möglicherweise schon in frühester Zeit seine Cisternen und in 
den Felsen, getriebenen Brunnen besass'. 



Digitized by CjOOQ IC 



CLIVÜS CAPITOLINUS 123 

Dionys. VIII 22 beim Anrücken Coriolans: ol âh rfjv %e cntçav xai 
%o KcmiTtoXiov xai rovg äXkovg &qv(âvovç jojvovç trjç Ttolewç 
xaiekafißctvorio (vgl. XII 6). — garnit stimmt die gleichmassig bei 
Livius, Cicero u. A. sich findende Bezeichnung: Arx et Capitokum 
z. B. Cicero pro Rab. 35 non Capitolii atque area obsessio est. 
Li?. XXVI 10 bei dem drohenden Anrücken Hannibals: plaeuit 
consuls* circa portas Collinatn Esquilinamque ponere castra, C. CW- 
purntum praetorem urbanum Capitolio atque arci praeesse. 

Dieser Doppelname nun, der sich bei den genannten Schrift- 
stellern für den Capitolinischen Hügel durchgehends findet, zeigt 
einerseits die hohe Bedeutung, die diese beiden Castelle in kriege- 
rischer Beziehung wie als sedes deorum (Liv. V 39) haben, anderer- 
seits ist er ein interessanter Beleg dafür, dass der Capitolinische 
Hügel damals als Ganzes nicht mehr befestigt war. In der That 
batte der Bau des Tabulariums nicht nur die Befestigung in der 
Einsattlung zwischen den Castellen verdrängt, sondern auch die 
xwischen Arx und Capitolium liegende Einsenkung selbst ganz um- 
gestaltet und g e wissermassen mit in den Amts- und Verkehrsbereich 
des Forum gezogen. Den Zeitgenossen des Cicero und Augustus 
konnten die beiden Höhen gar nicht anders erscheinen, als wie 
zwei zu den Seiten des Tabulariums über dem Forum hoch empor- 
ragende Burgen, die gesichert durch feste Mauern die höchsten 
Heiligthümer des römischen Volkes bargen. Auch an ihnen rüttelte 
schon der Friede (vgl. Befestigung des Janiculum S. 21), in der 
Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. sind die Abhänge nach der 
Einsenkung zu schon dicht mit Häusern besetzt, hinter denen die 
Befestigungen verschwinden, und nur die feste Umfriedigung des 
Capitolinischen Temenos bietet noch Schutz und die Möglichkeit 
des Widerstandes (Tac. hist. IU 71). 

Dass nun der vom Endpunkte der Sacra via am Saturn- 
tempel zum Capitolinischen Hügel aufsteigende Clivus zu beiden 
Castellen den Zugang gebildet haben muss, ist eine ebenso selbst- 
verständliche wie notwendige Annahme. Dass also derjenige, der 
die Aufgabe hatte, einen solchen Weg anzulegen, ihn zunächst 
auf die Einsenkung zwischen beiden Castellen führen mussle, ist 
so klar, dass es zur Erläuterung dieser Anlage kaum noch des 
Hinweises auf den Palatinischen Clivus bedarf. Indessen ist gerade 
dieser Clivus, dessen ursprünglichen Lauf wir nach den letzten 
Ausgrabungen besser beurtheilen können, als irgend einen Indern, 



Digitized by CjOOQ IC 



124 RICHTER 

ein treffliches Beispiel, wie behutsam und weise die alten Wege- 
bauer das Terrain benutzten. Am Vestatempel tritt die Sacra via 
fast unmittelbar an den Fuss dep Palatin, und lange hat man ja 
geglaubt, dass sie von da schnurgrade auf den Titusbogen zu- 
laufe. Aber sie macht einen grossen Rogen, um zunächst die 
Wurzeln der Velia zu erreichen, diese zu erklimmen und so all- 
mählich die niedrigste Stelle des Palatinischen Hügels zu 
erreichen. 

Der Clivus Capitolinus nun, dessen Anfang am Saturntempel wir 
kennen, führte erstens, wie aus mehreren sehr bekannten Stellen, 
namentlich aus der. öfters citirten Tacitusstelle (hist. Ill 71) erhellt, 
auf das Capitoliutn; dass aber derselbe Clivus auch auf die 
Arx führte, ist durch eine der wichtigsten Stellen des Varro 
bezeugt, die erst jetzt, nachdem der Lauf der Sacra via feststeht, 
Redeutung gewinnt. 1 ) L. 1. V 47 sagt er: Cerolia, quad hinc oritur 
caput sacrae viae ab Streniae saceUo, quae pertinet in arcem, 
qua sacra quotquot mensibus feruntur in arcem, et per quam augures 
ex arce profecti söhnt inaugurare. Huius sacrae viae pars haec 
sola volgo nota, quae est a foro eunti primore cMvo. Die letzten, 
vielleicht der Emendation bedürftigen Worte haben bekanntlich zu 
langen Erörterungen von Seiten Runsens und Reckers geführt, der 
Sinn der ganzen Stelle ist klar, dass nämlich ursprünglich die 
Sacra via bis zur Arx gerechnet wurde, dass man aber jetzt ge- 
wöhnlich nur einen Theil dieser Strecke so nenne, nämlich den 
Theil vom Forum an, den Clivus also nicht mehr. Dass aber dieser 
als Fortsetzung der Sacra via auf die Arx führende Clivus kein 
anderer als der Clivus Capitolinus ist, haben die Ausgrabungen 
sicher gestellt. 

Aber die Stelle lehrt noch viel mehr. Sie lehrt nicht nur, 
dass der am Saturntempel beginnende Clivus auch auf die Arx 
führte, sondern dass er ursprünglich nur auf die Arx führte; 
und dieser Umstand wirft ein klares Licht auf mehrere bisher 
dunkle Punkte: erstens auf den Namen arx, der gegenüber dem 
nicht minder befestigten Capitolhim immerhin auffällig ist. Es 
unterliegt keinem Zweifel, dass die Arx auf der nördlichen Kuppe 
zu einer Zeit angelegt wurde, wo man an die Befestigung des 
gegenüberliegenden Capitolium noch nicht dachte. Die Arx ist ja 



1) Jordan hat sie gar nicht beachtet. 



Digitized by CjOOQ IC 



CLIVÜS CAP1T0L1NUS 125 

überhaupt als Sitz der Augura, der ältesten und ehrwürdigsten 
Priesterschaft, deren Stiftung die Tradition mit der Gründung der 
Stadt verknüpft, und als Ort des Auguraculums die älteste wirklich 
nachweisbare Kultusstätte Roms. Dass sie zugleich Ausgangspunkt 
der Sacra via ist, der ältesten Strasse Roms, zeigt ihre hohe Be- 
deutung in vortarquinischer Zeit. Daraus aber ergiebt sich nun 
zweitens, warum die Tarquinier den grossen Juppitertempel gerade 
auf dem Capitolium erbauten, das von den Gegnern der jetzt er- 
wiesenen Lage des Tempels stets, und wohl mit Recht, als minder 
geeignet bezeichnet wurde. Es ist ersichtlich, dass sie nicht freie 
Hand hatten, dass, als sie den Tempelbau unternahmen, die Arx 
langst im Besitze des Augurncollegiums war. Sie konnten wohl 
einige unbedeutende Ca pellen (wenn das Ganze überhaupt nicht 
eine Fabel ist) auf dem bis dahin kaum zugänglichen Capitolium 
exaugnriren, die Augura auf der Arx selbst aber nicht. Je mehr 
nun die Bedeutung des Capitolium durch den auf seiner höchsten 
Spitze gegründeten Juppitertempel zunahm, je mehr der Glanz der 
Göttertrias auf dem Capitolium einen wahren Hofstaat von andern 
Göttern anzog, und auf und um das Temenos des höchsten Jup- 
piter zahllose Verehrungsstellen entstanden, um so mehr verblich 
die Ehrwürdigkeit der Götter auf der Arx, um so wichtiger also 
wurde der Zweig des Clivus, der von der Einsenkung zum Capi- 
tolium emporführte. 

Um den Beweis, dass der Clivus vom Saturntempel zunächst 
emporstieg zu der Einsattelung zwischen Arx und Capitolium, völlig 
zu erledigen, bringe ich ein paar Stellen bei, deren hohe Bedeu- 
tung für den Gang des Clivus der Aufmerksamkeit entgangen zu 
sein scheint. Die wichtigste ist Dio Cassius LVII 5: inetàrj te 
x<n iv %(fi Kanitwliq) &vaaç iç %r\v èyoçàv xatrjst, ol olxivai 
aviov ol ôoQvtpôçoi diu %s trjç oäov tijç ig tö dea^uyrrjQiov 
àyovorjç iÇetçâftovro , jut? dvvr]<d'ivreç avttji vrtà rov h%kov 
efiaxoXovd'ijocu, xal xavà %wv avaßaafiwv, xa& y wv ol dixat- 
oifi&oi èQQimovvTo, xctriôvteç wXia&ov xal xatérteoov. Dio 
Cassius erzählt böse Vorbedeutungen, die den Sturz des Seianus 
verkündigt hätten. Als er einst auf dem Capitolium geopfert hat und 
herabschreitet zum Forum, ist ein solches Gedränge auf dem Clivus, 
dass seine Leibwache ihm nicht folgen kann. Um rechtzeitig mit 
Sejau auf dem Markte anzulangen, biegen die Trabanten vom Clivus 
ab und gelangen auf dem am Career vorbeiführenden Wege auf 



Digitized by CjOOQ IC 



126 RICHTER 

das Forum, wobei ihnen das Missgeschick zustösst, dase sie in der 
Hast die Gemonische Treppe hinabfallen, auf die die Gerichteten 
geworfen wurden. Gemeint ist der Treppen weg, der vom Con- 
cordientempel zur Burg führend nördlich das Tabularium begrenzt. 
Er ging zwischen diesem und dem Career hindurch; bei letzterem 
zweigte sich von ihm die Gemonische Treppe ab. Die trapezförmige 
Gestalt des Career zeigt noch heute, dass er zwischen diesen beiden 
divergirenden Treppen lag. Um nun auf diesen Weg zu gelangen, 
mussten die Trabanten, vom Clivus abbiegend, die Einsenkung 
zwischen Arx und Capitolium am Tabularium vorbei überschreiten. 
Es ist darnach klar, dass der Clivus, vom Capitolium herabkom- 
mend, zunächst die Einsenkung berührte, um dann an der Süd- 
seite des Tabularium sich zum Forum hinabzuwinden. 

Von diesem Gang des Clivus zeugt auch wohl Li vi us, wenn 
er XXX Vll 3 sagt: P. Cornelius Scipio Africanus farnicem in Ca- 
püolio adversus viam, qua in Capitolium escenditur .... 
posuit. Das erste Mal steht Capitolium für den ganzen Berg, frei- 
lich ausnahmsweise. Die via, qua in C. escendüur, kann aber nur 
der von der Einsenkung emporführende Theil des Clivus sein, man 
begriffe sonst nicht, warum er nicht einfach vom Clivus redet 1 ) 
Endlich gehört hierher Liv. I 8: locum, qui nunc saeptus descen- 
dentibus inter duos lucos est, asylum aperit, welche Stelle H. Müller 
in seiner Ausgabe interpretirt: 'den man jetzt, wenn man vom 
Capitol herabgeht, verzäunt, als den Platz inter duos lucos findet'. 
Freilich, ein Zusatz wie ad laevam oder ab laeva (vgl. H. Müllers 
Ausgabe Buch I Anhang S. 254) lässt sich schwer entbehren 2 ) — 
wie dem aber auch sei: wer vom Capitolium herabkam, kam am 
Asyl vorbei, also über die Einsenkung zwischen Arx und Capito- 
lium, in welcher dasselbe inter duos lucos lag. 

Es erübrigt die Frage, ob sich von dem Laufe des Clivus, 
abgesehen vom Anfang beim Saturntempel, keine Spuren erbalten 



1) Tacitus ann, XV 18: AI Roma» tropaea de Parikit areusque medio 
Capilolini mentis sistebantur kann schwerlich so ohne weiteres, 
wie Jordan a. 0. S. 117 will, für die Einsenkung in Anspruch genommen 
werden; dazu ist der Ausdruck zu unbestimmt, Tacitus will damit vermutb- 
lich nur seinem Unwillen über Neros Anmassung Luft machen. Sonst setzt 
natürlich dieser Bogen eine Strasse Toraus. 

2) Das von Jordaa Hermes IX 347 eingeschobene sinisera dürfte, wie 
mein College H. Möller mich belehrt, gegen den Sprachgebrauch Verstössen. 



Digitized by CjOOQ IC 



CLIVUS CAPITOLINUS 127 

haben. Das Stück Pflaster an der Seite des Tabularium lassen wir 
aus dem anfangs beregten Grunde lieber bei Seite, ebenso die 
dürftigen Andeutungen bei Canina Ragionamento sul clivo etc. S. 15, 
dass nd fore le fondatnenta del nuovo muro di wstruzione, che deve 
reggere la moderna via, st sono scoperti alcuni sefct, cke formavano 
il lastricato in continuazione del clivo gid per Vavanti scavato'. 
Dagegen muss ich die Aufmerksamkeit auf folgende bis jetzt nicht 
geiügend combinirte Erscheinungen lenken. 

Gegenüber dem Saturntempel und von diesem durch den An- 
fang des Clivus getrennt hegt die Porticus der Dii Consentes, 
hinter ihr eine Reihe von Gemächern, die, unter einander ohne 
Zusammenhang, sich nach derselben zu Offnen. Die Form dieser 
Porticus ist sehr merkwürdig; die eine Hälfte ist an die Sub- 
sumtionen des Tabulariums angelegt, läuft also dem Saturntempel 
parallel, die andere wendet sich von der Ecke der Substructionen 
in einem stumpfen Winkel von etwa 138° dem Saturntempel zo. 
Natürlich ist dieser stumpfe Winkel keine Kunstform; bei näherer 
Betrachtung zeigt sich, dass er schon vorhanden war, ehe die 
Porticus wohl oder übel an ihn angelehnt wurde. Er wird ge- 
bildet durch die Substructionen des Tabulariums und eine im 
stumpfen Winkel gerade auf die Ecke derselben zulaufende uralte 
Quadermauer, die als Rückwand der hinter der Porticus liegen- 
den Gemächer dient. Diese Mauer nun gewinnt ein erhöhtes 
Interesse durch die Beobachtung, dass die Substructionen des 
Tabulariums gerade da endigen, wo sie sich mit jener Mauer 
treffen, oder vielmehr treffen würden, denn das letzte Stück an 
der Ecke des Tabulariums fehlt. Liegt es daher nahe zu ver- 
muthen, dass die Ausdehnung der Substructionen des Tabulariums 
nach dieser Seite durch eben diese Mauer beeinflusst und begrenzt 
worden ist, so wird diese Vermuthung zur Gewissheit durch die 
weitere Beobachtung, dass überhaupt an dieser Ecke die Form des 
Tabulariums keine frei gewählte, sondern bedingt ist durch Ver- 
hältnisse, die der Baumeister zu respectiren hatte. Die südliche 
Seitenmauer setzt nämlich an die nach dem Forum liegende Front 
nicht im rechten Winkel an, sondern in einem Winkel von etwa 
76°, während doch die Quermauern im Innern des Gebäudes alle 
rechtwinklig auf einander stehen, die entgegengesetzte nördliche 
Seitenmauer aber zwar nicht genau rechtwinklig, jedoch nur wenige 
Grade vom rechten abweichend, in einem anderen Winkel als 



Digitized by CjOOQ IC 



128 RICHTER, CLIVUS CAPITOLINUS 

die südliche Seitenmauer an die Front ansetzt. — Jene alte Qua- 
dermauer nun und die südliche Seitenfront des Tabulariums bilden 
einen der graden Linie sich nähernden stumpfen Winkel von 152°, 
die Mauer des Tabulariums setzt also im Ganzen die Richtung fort, 
in der die Quadermauer auf sie zukommt. 

Wir dürfen wohl annehmen, dass diese beiden so merkwürdig 
zusammentreffenden Erscheinungen, der stumpfe Winkel der Por- 
ticus und der spitze des Tabulariums durch ein und dasselbe Hin- 
derniss bedingt worden sind, durch den eben hier zu der Ein- 
senkung zwischen Arx und Capitolium aufsteigenden Clivus. Die 
alte Quadermauer ist der Rest der Untermauerung des Clivus und 
der ihn an der rechten Seite schützenden und zierenden Porticus. 
Man hat mit Recht bemerkt, dass die trapezförmige Gestalt des 
vor der Porta maggiore gelegenen Grabmales des Bäckers Eurysaces 
durch divergirende Strassenläufe bedingt ist. Mit viel grösserem 
Recht hat man in viel wichtigerer Sache sich klar zu machen, 
dass die unregelmässig trapezförmige Gestalt des Tabulariums be- 
dingt wurde durch den Clivus Capitolinus und den vom Concordien- 
tempel aufsteigenden Treppenweg. Es war selbstverständlich, dass 
Catulus den ganzen zwischen beiden ihm gestatteten Raum mit 
seinem Bau ausfüllte, also nach drei Seiten hin, nach Osten, Süden 
und Norden, mit Fronten operirte, die ihm durch die Rauraverhält- 
nisse gegeben waren. 

Damit sind wir an der Grenze unserer Aufgabe angelangt. 
Eine Reconstruction des Clivus, die, ausgehend von den gefundenen 
Ergebnissen namentlich mit der immerbin schwierigen, aber von 
Canina schon angebahnten Lösung der Nivellirungsverhältnisse sich 
abzufinden hätte, ist nicht Gegenstand der philologischen Wissen- 
schaft. Wir haben versucht zusammenzustellen, was man vom Laufe 
des Clivus wissen kann, das Uebrige müssen wir von weiteren Aus- 
grabungen erwarten. 

Berlin, den 5. November 1882. 0. RICHTER. 



Digitized by CjOOQ IC 



ZU HERMEIAS. 

Aufgabe dieser Zeilen soll zunächst sein, eine Streitfrage, in 
der es sich um den Autor einer Definition der Liebe bandelt, aus 
der Geschichte der Philosophie zu entfernen. Da diese Streitfrage 
ihre Lösung durch eine genauere Betrachtung der Ueberlieferung 
des ISeuplatonikers Hermeias findet, so werden wir noch einige 
Bemerkungen über die Kritik dieses Autors beifügen. 

Zu den wenigen Perlen, die sich in den Commentar des Her- 
meias zum Phädrus verloren haben, gehört sicherlich folgende Stelle, 
Ast p. 76: èvtav&a xcuqqç naXiv trjg ôicuçéoeioç %t}ç neçl toi 
eçiuroç* oï fièv yà(> vniXaßov artXajg qxzvXov to içav, tog 
*EftiKQVQQÇ) ôçioctfievoç avtov ovvtovov oçsÇtv àqtQoâioiwv fietà 
oiotçov xai dôrjfiovias' xai o dîiwv 

nlrjQei yètQ opup yeeotQOç avÇerai, Kvrtçiç 
xal ovtio note tf(*ào\h]V ov yàç èvenXyofhjv , qnjoév oc dé, 
àrtXwç àoteïov, tog 'HQaxXeiorjc, qaXiag (q>iXlav ist wohl Druck- 
fehler *)) Xéyiav elvai tbv €Qwta xai ovx ccXXov tivog, xatà ovfi- 
ßeßrjxoc dé tivag èxftmteiv eig cupçoàioia. Das Nachfolgende 
können wir als nicht mehr nothwendig hier übergehen. 

I. Bekker entging die Wichtigkeit dieser Stelle nicht; er ver- 
glich daher zu dieser Stelle noch eine andere Handschrift, nämlich 
den Parisintis D. In den plat. Scholien bemerkt er p. 312: apud 
Hermiam p. 76, 16 Ast lege cum D 

Ovnùrtot fjçdo&rjÇy réta; 
ov yoQ ivertXriodnqv 
qn\olv. ol de artXcig àoteïov , œg EvxXeidrjg, q>tXlag Xéyont. 
Mit dieser Bemerkung I. Bekkers war der Streit gegeben, es 

1) Die Vorlage Asts, der cod. Monacensis XI hat nämlich (piXiaç. Auch 
noch an einer anderen wichtigen Stelle p. 78 giebt Ast nicht richtig die 
Lesart seiner Vorlage. Solon frag» 26 p. 50 Bergk 4 hat der cod. Monacensis 
nicht tçya jà, sondern tçy* <fl. 

Hermes XVIII. 9 



Digitized by CjOOQ IC 



130 SCHANZ 

fragte sich, ob jene Definition der Liebe dem Eukleides oder dem 
Herakleides angehöre. Für Eukleides entschied sich Meineke firagm. 
com. Grate. IV 171 not. und wies die Definition einer bestimmten 
Schrift des Euklides zu; er sagt: Fro 'Hçaxleiôtjç cod. D habet 
EvxXeldrjg. Verissime ; plane enim non dubito, quin itta amoris <fe- 
finitio ex Euclidis Socratici Erotico a Biogene Laertio memorato 
derivata sit. In den analect. crit. ad Athenaeum p. 259 führt er 
die Zenonsche Definition der Liebe (vgl. Athen. XHI 561 c) auf die 
angeblich Euklidische zurück, weiterhin fügt er im Anschluss an 
die Stelle bei Athena eus naçaoxevaortxôv nach SXXov nvàç hinzu. 
Der Ansicht Meinekes folgt E. Rohde in seinem ausgezeichneten 
Werke 'Der Griech. Roman' S. 70. 'Schon der Sokratiker Eukli- 
des, heisst es, stellt die einigermassen verstiegene, jedenfalls durch- 
aus nicht altgriechische Meinung auf (es folgen die griechischen 
Worte mit der Ergänzung Meinekes), in welcher Theorie ihm dann 
der Stoiker Zeno folgte'. Zuletzt und am ausführlichsten bebandelt 
die Stelle R. Hirzel in seinen 'Untersuchungen zu Ciceros philos. 
Schriften' U 396. Obwohl er auffallend findet, dass der Sokra- 
tiker Eukleides bereits den technischen Ausdruck xara avftßeßrptoc 
gebraucht, den Plato noch nicht kennt, und den wir erst bei 
Aristoteles finden, so hält er schliesslich doch an Eukleides ab 
Autor jener Definition fest. Zeller U l 3 S. 890 Anm. 2 nimmt von 
dem Streite keine Notiz, sondern führt jene Definition einfach auf 
Herakleides zurück, nur den Ausdruck xavet ovpßeßrjxbc ist er 
geneigt auf Rechnung des Berichterstatters zu setzen. 

Der Streit, dem wohl Jedermann einige Wichtigkeit beilegen 
wird, wird geschlichtet durch eine sorgfältige Betrachtung der 
Ueberlieferung der Worte in dem cod. D, aus dem I. Bekker jene 
Variante mitgetheilt, offenbar, weil er zuerst die Wichtigkeit dieser 
Handschrift für die Kritik des Hermeias erkannte. In dem cod. 
Parisinus 1810(D), einem bombyeinus, den einst Francisais Asu- 
lanus besass, ist die Schrift der ersten Zeilen zum Theil ganz, 
zum Theil am Anfang oder am Ende fast erloschen; eine jüngere 
Hand frischte die ganz oder theilweise erloschenen Züge wieder 
auf. Um zu erkennen, in welcher Weise diese ergänzende Hand 
vorgegangen ist, theilen wir einige Beispiele mit: p. 177 Zeile 7 
von unten Ast 7taçadovç f übte eariv 6q$<Zc yçaqteiv ij (cod. xal) 
firj, nal xavévaç tov OQ&œç Xéyeiv. Statt xavôtaç schreibt die 
ergänzende Hand xoivcovotéçovg. p. 178 Z. 29 von oben itaçct- 



Digitized by CjOOQ IC 



ZU HERMEIAS 131 

aXiopev woneç o 'OSvooevç xal naQ€Q%&n&>kt. Statt des letzten 
Wortes lesen wir in der Ergänzung 7taçaq>vXaeo6fiid'a* p« 176 
Z. 9 von oben Xoyoyçdipovç de ixaXovv ol rtaXaiol vovç irtl 
fua&qi Xôyovç yçàqtovtaç • fjaav yàq • %tveç tc3v ÇtpÔQwv (die 
Worte %<av çrjrôçojv sind wahrscheinlich zu streichen) ninçct- 
axovweç Xôyovç volç Xéyovatv elç %ù &v*.a<nr\Qta , Çrjroçaç ai 
iXeyov %ovç ii éawwv Xéyorraç. Statt *üv Çtjtôçwv giebt 
die Ergänzung héçiov. p. 185 Z. 13 von oben ovx aça xéxyrp 
%§u 6 jdij slêcàç tijv q>vaiv tüv nçay patwv, aXX* aXoyôv 
nva TQißrjv. Statt rpvaiv ist aufgefrischt ôivafav. p. 138 Z. 3 
von unten %à ^fiéteça Xéywv twv rreçvxoriûv xaxvvead'cu xal 
ÇenovTiav èrtl tijv yiveoiv. Statt ^enôvtcov giebt die Ergänzung 
neoovtwv. Ich glaube, dass schon diese Beispiele, die natürlich 
auf die leichteste Weise vermehrt werden können, hinreichen, um 
zu zeigen, dass die Ergänzungen nicht etwa nach einer Vorlage 
gemacht sind, sondern dass sie lediglich auf Conjectur beruhen. 
Wie wenig sorgfältig der Ergänzende dabei gewesen, dürften die 
wenigen vorgebrachten Beispiele ebenfalls darthun. Das nächste 
beste Wort, das zu den leicht erkennbaren Buchstaben zu passei 
schien, wurde ausgewählt. Der Text des Hermeias würde durch 
diese willkürlichen Ergänzungen ausserordentlich leiden, wenn nicht 
uns apographa, die zu einer Zeit gemacht wurden, als jene er- 
gänzende Hand ihr Werk noch nicht begonnen, glücklicher Weise 
erbalten wären. An den meisten Stellen ist durch das Eingreifen 
der nachbessernden Hand das Ursprüngliche nicht mehr zu er- 
kennen; zu den Stellen jedoch, wo das Ursprüngliche in der 
deutlichsten Weise erkennbar ist, gehört die obige. Mit blossem 
Auge sieht man, dass in dem Texte stand wç ycaxXelarjc* Die 
nachbessernde Feder schrieb wç 6 eimXeldrjç. Dass Bekker nur 
oberflächlich ach die Stelle ansah, geht schon daraus hervor, dass 
er nicht einmal die Lesart der Ergänzung richtig angiebt, indem 
er den Artikel 6 weglässt. 

Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass an Eukleides als Autor 
jener Definition nicht mehr gedacht werden kann, sondern lediglich 
an Herakleides. Handelt es sich darum festzustellen, aus welcher 
Schrift jene von Hermeias aufbewahrte Definition der Liebe ent- 
nommen ist, so tritt uns in dem Schriftenverzeichniss bei Diog. 
Laërt V 87 ein èçwxtxoç entgegen. Vgl. de Heradidae Pontici 
et Dkaearchi Menenn dtokgis deperditi$ von Fr. Schmidt p. 13. 

9* 



Digitized by CjOOQ IC 



132 SCHANZ 

Dieser Schrift werden wir daher mit hoher Wahrscheinlichkeit jene 
Definition zuweisen. 

Ich habe oben gesagt, dass uns apographa von D erhalten sind, 
welche von den Ergänzungen der nachbessernden Hand unberührt 
geblieben sind. Ein solches apographon ist der cod. Monacensis XI, 
aus dem Ast die Schrift herausgegeben. In aller Kürze soll der Be- 
weis für die Abstammung des Mon. aus D gegeben werden : Ast p. 66 
Z. 11 von unten ov Çrjxeï (17 g>votç) rtoorjyovuévwç, rtolaç $o%& xàç 
acpoQfxàç fj vXtj, èÇ oïW xirrjaetov, aXXà tvqoç tcoïov xéXoç iiti- 
xrjdeioxrjxa s'ayt}*** ' ovxto yàg ôoxiuaÇouévrjç xaxà xovç aitrjç 
Xoyovç TtQog xo xéXoç evoâov, xaxà xiva xçôrtov (xo fügt hier 
Ast hinzu) nXrjuueXrj&év. So giebt Ast richtig, wie ich mich 
durch Autopsie überzeugt, nach seinem Codex. Im Codex D finden 
sich nach xaxà xovç avxr\ç Xoyovç folgende Worte: xal ddo- 
noiovueva àai&uohç (diese Worte überfahren, zu lesen eïAonoi- 
ovfiévovç) xeXeaiovayeïxai to àîtotéXeoua* xi yâç, si to ojtéçfia 
ê£ aqjoçuwv àyad-tâv xal yevéoewv' avxo as ovx taxiv. Diese 
Worte bilden in D eine Zeile. Ein zweiter Fall liegt vor 
p. 156 Z. 21 von oben äo7tec ol veoxxol âià xijv qwoixrjv xaxa- 
mtevijv èq) lev vai uèv xov nxrjvai, àôvvarovoi de xal xaxaqti- 
Qovxaiy afjTO) drj xaxaxçarrjoaoai dià xo ut\thû èvidav&TJvat h 
avTOÏç, àâvv4XT0vaiv inï xo avta àvaœxrjvai xxX. Wie Ast richtig 
gesehen, steckt in den Worten ov%w êij xaxaxçaxtjoaaai ein Fehler, 
er vermuthet axQctnjoaoai. Das Richtige lehrt uns D; hier lesen 
wir nach xaxaqyéçovxai die Worte: xov avxbv xoonov xal ai 
vscootI àvayôuevai ipv%ai xovxq) xqi nct&u àrteixàÇpvxai. èq>te- 
uevai uèv kxeivwv ; damit schliesst die Seite, auf der nachfolgen- 
den Seite lesen wir xàxœ de xaxaxçanqoaoai. Auch hier bilden 
die Worte xov avxov xoonov — èxelvwv eine Zeile. Die Worte 
xaxù) dk xaxaxçaxrjoaaai sind zwar überfahren, allein wir haben 
sicherlich damit das Ursprüngliche. Durch xaxta erhalten wir den 
Begriff, den Ast vermisste. Das ovxw di] beruht allem Anschein 
nach auf willkürlicher Conjector, die eintrat, nachdem die Stelle 
bereits verstümmelt war. p. 203 Cap. 63 Anf. lesen wir bei Ast: 
avvoxlflaag xo evxe%vov xal àxeyvov xov Xoyov, xo yàç naçà 
xà eiçrjuéva avx<p yivôuevov f êqlovoxi duxvvç, ttjj (lèv xctlôr 
laxi xo yoâyeiv, nfj de ov. Es ist sehr zu verwundern, dass 
Ast bier keine Lücke bemerkt hat; nach êijlovoxc sind zwei Zeilen 
ausgefallen: ate%v6v eaxi y vvv im xrp ovvotyt» xijç | $vnQ9- 



Digitized by CjOOQ IC 



ZU HERMEIAS 133 

Tielaç xai âitQertelaç vov kôyov ecxetat. Da an den drei Stellen 
kein Homoioteleuton vorliegt, so ist der Schluss zwingend, dass 
der Monacensis XI aus D stammt. 

Mit dem Monacensis XI bat eine andere Mtynchener Hand- 
schrift Nr. 407 die p. 6*6 eingetretene Lücke gemeinsam 1 ); sie 
muss daher auch aus D stammen. Genauer lässt sich das Ver- 
hältniss der beiden Handschriften dahin bestimmen, dass sie beide 
auf eine dritte zurückgehen, welche aus D stammt; denn cod. XI 
hat Lücken, die cod. 407 nicht hat; so fehlen z. B. p. 61 Z. 15 
von oben im cod. XI und folglich auch in Asts Ausgabe nach 
yvaiv 7COT6 ftiv die Worte anoßdkkeiv àvâyxîj va nv%qi y novè 
n%sQoq>V€Ïv , nêçi àvoôov xai xa&odov xai /^eTevow^avaioewc 
tuiv, welche in cod. 407 stehen. Auf der andern Seite haben wir 
Lücken in cod. 407, welche in cod. XI fehlen, so z. B. lässt cod. 
407 p. 73 Z. 17 von unten die Worte iôiârqva — velevvijaaaav 
weg, die in cod. XI stehen. 

Ob der cod. D, wie Jordan Herrn. XIV 262 behauptet, die 
Quelle aller Hermeiashandsehriften ist, muss ich so lange unent- 
schieden sein lassen, als mir Nachrichten über die spanischen Her- 
meiashandsehriften abgehen. Das Eine aber steht fest, dass die 
Collation des Parisinus D den Text des Hermeias in einer wesent- 
lich besseren Gestalt zeigt. Auch dies will ich durch einige Bei- 
spiele darlegen, aus denen zugleich erhellt, wie wenig Asts Scharf- 
sinn in dieser Ausgabe hervorgetreten ist. p. 117 Z. 25 von oben 
steht bei Ast irceidtj xai 6 anovâaïoç hvav&a xai i^q>Q(ov 
ivrJQ jzqoç vb éaviov %q*ioiiâov, xal diàvi. Ast merkt nicht, 
dass hier eine Lücke sein muss; denn die Ankündigung von den 
vdixai xivijoeiç der Seele ist nicht erfüllt. Ein Blick in D <er- 
giebt nun einen merkwürdigen Thatbestand; f. 46 b schliesst eine 
Zeile in der Mitte mit den Worten xQ^ac^ov xai; es folgt eine 
leere Seite; f. 47b beginnt mit öiovc f. 46b steht von erster 
Hand am Rande : vi (iol vov eiçpbv è$éxo\paç vov kôyov ä<pvw 
o%€çrjaaç ^(fiaç) yovrjç à$avàvov, 

. Sonach geht Codex D auf eine Vorlage zurück, in der ein 
Blatt ausgerissen war. Es ist selbstverständlich, dass jede neue 
Handschrift des Hermeias zuerst auf diese Lücke hin geprüft wer- 



t) Bereits im Jahre 1871 liess ich von einem meiner Schüler die beiden 
Münchner Handschriften wup Thei) (bis p. 89} vergleichen. 



Digitized by CjOOQ IC 



134 SCHANZ 

den muss, um zu ersehen, ob sich noch Handschriften finden, 
welche von dieser Lücke frei sind oder ob sie sämmtlich auf jenes 
verstümmelte Exemplar zurückzuführen sind. — p. 118 Z. 4 von 
oben giebt Ast: 'AvaXaßovTec âk i§ cr^ifo 8t* * * * twv nçia- 
vwv, aaqnjvlacofiev xarà to âvvarôv. Im Monac. ist nach dti 
ein leerer Raum. Für denselben liegt in D kein Anlass vor; hier 
steht avaXaßovTec âè l§ àçxijç éxâoTrjv twv ncoraoewv aaqnjvi- 
ow/uev xarà to âvvarôv. — p. 198 Z. 17 von oben elâévai âè 
âeï ort, o xex<*Qi0(iéva naqh. toïç av&Qtanoiç nçamov xai toïç 
âv&Qîùnoiç /içccrret; es ist ergötzlich zu lesen, wie Ast diese Stelle 
zu erklären sucht; er ahnt nicht, dass hier eine Lücke vorliegt; 
nach nQcarwv ist mit D fortzufahren ov xexaQiopeva toïç &eoïç 
noieï' àXXà to àvdnaXtv* o xcx<*Qi0f*éva toïç &eoïç nçattcûv. 
— Eine noch grössere, fast unglaubliche Gedankenlosigkeit liess sich 
Ast an folgender Stelle zu Schulden kommen: p. 75 Zeile 5 von 
unten lesen wir zu unserem Erstaunen ij yàç àlrjdrjç nçoç Ttäv 
tyv%wv 6 vorjrôç tout xôofioç. In D steht statt nçoç das Com- 
pendium riçTç d. h. narçlç. — p. 183 Z. 5 von unten %à téXoç 
ttjç çrjtoçocfjç f\ xfto%ay(oyla fj aux %dv Xôywv. Es ist nach 
$tjTOQixrjç mit D einzufügen ivzav&a exTi&erac ov tovto, qnjoiv, 
eoti to %Qyov Ttjç çrjTOçixîjç ; Hier konnte die Lücke nicht er- 
kannt werden. — p. 99 Z. 3 von unten : xai yàç xai neçi tov 
Qapvçiâoç Xéyovoi, ort ovvavtrjaaaai avrqi al Movaai tvç>Xov 
J&eoav, %ov%éo%i Ttjç fièv aloxhjTtjç xai M§(o terafiévrjç oxf/eioç 
avrov anéottjoav xai tovto ala&rpbv xaXXoç àvvfiveïv, eîç ai 
rb vorjtbv xai ttjv à(pavï é ovo lav xal to ovtwç ov xaXXoç xai 
tup liovtp èniXrjnTÔv " 6 âè StîjoIxoqoç l§ acyflc f*èv xai avtoç 
i&etaQBi to vorjTOv xaXXoç, votbqov âè bteïvoç xataßag xal 
ànoneoùv èxeivrjç Tfjç decoçlaç $swQeï to alo&rjrov xaXXoç. 
Zu der Stelle bemerkt Ast, dass er arreorrjoav statt des über- 
lieferten inoltjoav geschrieben. Ferner: ad verba tovto — aw- 
(ivelv mtelMge tov, ad elç âh to votjtov sq. vero e verbo an- 
éoTfjoav verbum diciendum est, potestatem impeüenü vel effèrendi 
haben». Richtig ist, dass ènolrjoav unmöglich ist; aber statt an- 
éoTrjoav lag doch unstreitig näher enavoav, und so steht auch in 
D, zwar überfahren, aber es ist zweifellos, dass das Ursprüngliche 
nicht verwischt worden. Dass Ast nicht gesehen, dass statt tovto 
zu schreiben ist tov to, wie in der Handschrift steht, wun- 
dert mich; noch mehr wundert es mich aber, dass Ast so wenig 



Digitized by CjOOQ IC 



ZU HERME1A6 135 

in den Zusammenhang gedrungen ist, der hier sich mit mathe- 
matischer Sicherheit exgieht, dass er ein Verbum mitverstanden 
wissen will statt an eine Lücke zu denken, es fehlt ja eine Person, 
nämlich Homer. Mach xal %b ovtwg ov xctXkog sind die Worte 
ausgefallen : aviov %o Sfifia Tieçirjyayov * ôtjkol ovv oti ''Ofirjçoç 
fib tvtpkog âftofielvaç èvàfiuvs vfj vorjffj xcù cupavtl àçfiovig 
xal cuto %ov aio&r]%Qv xàkkovg xal $'£w nçotycuvofiivov rtêçi- 
rjx$rj eig %b vorjtbv xal àq>avèg xdklog; man sieht, dass ein 
Homoioteleuton die Ursache des Ausfalls war; es folgen dann die 
Worte xal o v<$ fiovq* ka%i kymav. — p. 188 Z. 21 von unten 
ol ôvo Xoyoi havtiot rjoav o psv yàç Mkeyev o%t ov del %<$ 
içwvti xBQi&v&uh intiàij peyàXwv xaxuiv 6 içaojrjg ylvetai 
ah tog, o ai %a èvavtia, oti âêï %$ ecuvti %açt£6<rô<M* [xal 
HiyàXa aya&à ix %ov €qojjoç yiverai* nwg ovv ôvvatai %à 
httviia rt&Qi %ov av%ov kéyea&ai], $i ju/j %tg oïde %r\v <pvoiv 
%ov Xeyopivov wg vvv %ov eçwioç. Die eingeklammerten Worte 
fehlen bei Ast. — p. 195 Z. 5 von oben (to awfia) néqtvxev vnb 
uvtav fihv naoyjuv dg jode ôçâv So schreibt Ast, obwohl er 
auf derselben Seite Z. 31 drucken lässt ènï %ov cwftazog èoxà- 
mjoev, vnb xivtav naQ%u xal elg %L noieï. Mit der Hand- 
schrift ist zu schreiben dg %ivà âk âçàv. Durch ein Loch ist t 
zerstört, die ergänzende Hand hat richtig va. — p. 99 Z. 9 von 
unten xa%à fikv ovv %avTi\v %r\v àvàntvÇiv, tjv enoirjoafitv 
neçl Tf}g %vq>kù*oêwg] ijv enoirjoauev ist eine Conjectur Asts; 
in seiner Vorlage fand er noirjoâfievov neçl %ljg xvqtluioewç. 
Auch der ungeübteste Kritiker muss einsehen, dass die Worte 
noirjoajAevov ntçl xfjg Tvylùwtatg aus dem Nachfolgenden un- 
richtig hieher gerathen sind; sie fehlen in D. 

Ich breche hier ab, obwohl mir noch Material genug zur Ver- 
fügung stände (ich habe den cod. D für Hermeias genau durch- 
gearbeitet), um dem Leser zu zeigen, dass Asts Ausgabe in jeder 
Beziehung (nicht einmal anständig gedruckt ist dieselbe) unge- 
nügend ist. Es ist ja richtig, es betrifft einen geringwerthigen 
Schriftsteller, allein nachdem er einmal da ist, so soll er doch 
wenigstens in einer Gestalt gegeben werden, dass man ihn lesen 
kann, sei es auch nur zu dem Zwecke, um die Verirrungen des 
menschlichen Geistes in einer Periode der Geschichte kennen zu 
lernen. 

Zum Schluss wollen wir noch über den Inhalt der Hand- 



Digitized by CjOOQ IC 



136 SCHANZ, ZU HERHEIAS 

schrift D einige Mittheilungen machen, um daran zwei Bemer- 
kungen zu knüpfen. Die Handschrift enthalt Euthyphro, Crito, 
Apologie, Phaedrus mit Hermeias, Timaeus Locrus, Pannen ides mit 
Proclus, Respublica, Convivium, endlich von anderer Hand Xvatôoç 
nv&ayoQelov imovoXri nçbç %7znct(>%ov. In der Beschreibung 
Bekkers fehlen Timaeus Locrus und der Brief. Es wurde bereits 
einmal von mir darauf hingewiesen (Platocodex p. 63), dass der 
Florentinus h sich mit D in Bezug auf die Reihenfolge der ein- 
zelnen Stücke berührt. Berichtigend muss jetzt hinzugefügt wer- 
den, dass die Uebereinstimmung der beiden Handschriften, soweit 
sie dieselben Stücke enthalten, in Bezug auf Reihenfolge eine 
vollständige ist. Was ich damals behauptete, dass Flor, h aus 
D abgeschrieben ist, kann ich noch durch neue Beispiele erhärten, 
wobei ich mich auf einen Dialog beschränken will: Crito 49 d ist 
von ov%e xcnuoç das Wort ovte stark verwischt, der Flor, h hat 
eïve. 52 b èv avtfj ineotj^eic] iv avTJ) ist ziemlich getrübt, 
h iv avTOÏç. 49 e bilden die Worte öUata ovxgl den Schluss 
der Zeile und sind in Folge dessen etwas abgerieben, h dixcuov 
ortet. 53 c fehlt jlvaç in h, es steht in D am Schluss der Zeile. 
46a steht in h ov statt ov; in D ist ov so geschrieben, dass es 
bei nicht sehr sorgfältigem Lesen als ov gelesen werden kann. — 
Eine genauere Prüfung der Handschrift D im Symposion zeigt uns, 
dass hier eine grobe Verschiebung der Blätter stattgefunden; die 
einzelnen f. sind nach Massgabe der eingeklammerten Zahlen in 
folgender Weise zu ordnen: f. 287 (1), f. 288(5), f. 289(3), 
f. 290 (4), f. 291 (2), f. 292 (6). In dieser Unordnung finden wir 
den Text des Symposion im Vindob. 7 (nr. 126), vgl. Bast Krit. 
Versuch p. XX; er stammt daher aus D. 

Würzburg. M. SCHANZ. 



Digitized by CjOOQ IC 



ZUR TEXTKRITIK DER NIKOMAOHISCHEN 
ETHIK. 

Für das Verfahren, welches der Herausgeher der nikomachi- 
schen Ethik den Lesarten des cod. K b gegenüber zu beobachten 
bat, ein festes Princip aufzustehen, ist deswegen sehr schwer, weil 
einerseits der Schreiber der Handschrift seine Vorlage in er- 
schreckender Weise verunstaltet hat, und auf der anderen Seite die 
übrigen Handschriften viel zu jung sind, als dass sie uns zur 
sicheren Controlle dienen könnten. Auch der Weg, welchen Ras- 
sow und Susemihl eingeschlagen haben, indem sie K b bald mit M b 
bald mit O b und auch mit L b zu einer Familie vereinigten, hat zu 
keinem befriedigenden Resultat geführt; wir werden vielmehr, um 
die unbestreitbare wechselnde Uebereinstimmung von M b und O b 
mit K b zu erklären, annehmen müssen, dass die Vorlagen dieser 
jüngeren Handschriften einen ähnlichen Charakter zeigten,* wie K b 
selbst, d. h. von zwei ja drei Händen aus verschiedenen Quellen 
corrigirt waren, und dass die Schreiber nach ihrem Gutdünken die 
Correcturen bald aufnahmen, bald verwarfen. So erhielten die 
Handschriften das eigenthümliche Gepräge, welches sich keiner 
Familie vollständig zueignen lässt und doch stellenweise mit jeder 
die auffallendste Verwandtschaft zeigt. Bei dieser Annahme büssen 
nun freilich M b und O b viel von der Autorität ein, welche ihnen 
Rassow und Susemihl zuertheilt haben, und wir sind im wesent- 
lichen auf die beiden anderen Handschriften K b und L b als die 
einzigen reinen Quellen angewiesen. Dass aber der Handschrift K b 
im grossen und ganzen der Vorrang vor L b gebührt, steht ausser 
Zweifel, und wenn auch in Folge der Nachlässigkeit des Schrei- 
bers K b stets mit grosser Reserve behandelt werden muss, so lässt 
sich doch aus vielen Anzeichen erkennen, dass die Vorlage dieser 
Handschrift bei weitem besser gewesen ist, als die der andern; 
wir haben daher besonders bei solchen Stellen, welche die corri- 
girende Hand des Kritikers herausfordern, vor allem auf die Les- 
irten des cod. K b unser Augenmerk zu richten. 



Digitized by CjOOQ IC 



138 BUSSE 

Hiervon ein paar Beispiele. 

IX 11, 1171*21. Aristoteles wirft die Frage auf, ob im Glück 
oder im Unglück die Freunde dem Menschen notwendiger sind, 
und antwortet: àvayxaiôteçov pèv âfj èv taïç à%v%Laig, xaXliov 
<T iv vciïç ev%v%Laiç. Darauf fährt er fort: âib xal rovg inui- 
xelç Çytovaiv (se. h vaïç ev%v%lcuç) m tovjqvç yàç alçetunsçov 
eveçyeielv xal fiera %ov%wv ôiâyeiv. ïoti yàç xal fj nagovaia 
avxt] zwv q>llwv rjôeïa xal iv %alç dvovu%latç. So Bekker 
nach cod. K b , während Susemihl aus den jüngeren Handschriften 
xai iv talg sv%v%iaiç xaï h ralç dva%v%iaiç aufgenommen hat. 
Offenbar enthält der Satz $o%i yàç y naçovoia aity x%L eine 
Begründung der vorhergehenden Worte xal petà vovtwv diayuv, 
welche Aristoteles von den glücklichen Menschen aussagt. Also 
muss er sich zunächst jedenfalls auf die glücklichen Menschen be- 
ziehen, ohne dass der Schriftsteller diese Beziehung durch Hinzu- 
fügung der Worte èv %aïç ev%v%iaiç ausdrücklich hervorhebt, es 
genügt zu schreiben %o%i yàç xal ij naçovaia avtfj tüv qyihav 
fjdeia. Andererseits werden die Worte xml iv taïç dva%v%laig 
durch den Zusatz erfordert xovqtiÇovtaê yàç ol kv/iovfievoi aw- 
alyovvtwv %wv qtllwv. Wir werden daher an der Lesart des 
cod. K b - festhalten und mit Aenderung der Interpunction lesen: 
%o%t yàç xal fj naçovaia avvrj %üv tpiXiav fjâëïa. xal èv %àîç 
ôvofv%laiç' xovadÇortai yàç ol Xvrtovfuvoi avvaXyovvt&v %äv 
ytXtav. 'Ist doch schon die blosse Gegenwart der Freunde ange- 
nehm. Und dies auch im Unglück. Denn die Betrübten tragen 
ihre Last leichter, wenn die Freunde den Schmerz theüen/ 

VI 7, 1141*24. ei dy vyuwbv fùv xai àya&ov eteçov a*- 
&Çtartoiç xai Ix&voiv, va ôk Xevxàv xal ev&v tb avtb àei, xai 
%o aoq>ov vavtb Tuxvteç av eïnouv, q>çôvq40v âè Uwmçov* %q 
yàç neçi av%o txaoTa tv &ewçovv <paiev av eîvai yçôvifiev 
xai twsifi èftitçétpeutv aita oder av%oiç. In den letzten Worten 
wird eine Definition des q>çôvipov gegeben, woran sich die Worte 
xal %ovvq> imsçéipêiav schliessen, welche in jedem Betracht un- 
verständlich sind, mag man nun als Object zu èfutçinuv av%i 
oder avtovg lesen. Nun fehlt aber das av hinter yaïev in allen 
Handschriften, und es ist sehr zweifelhaft, ob der alte Uebersetzer 
dasselbe in seinem Texte wirklich gelesen bat. So werden wir 
denn auf die Lesart des cod. K b qeija* geführt, welche freilich selbst 
corrumpirt ist und zwar offenbar aus q>aç&> Diese Aenderung 



Digitized by CjOOQ IC 



ZUR TEXTKRITIK DER NÄOMACHISCHEN ETHIK 139 

hat aber auch auf den zweiten Tbeil des Satzes wesentlichen Ein- 
fluss, da der blosse Optativ èrviTçétpëi** keine Erklärung findet, 
und es scheint, dass dieser Optativ, welchen in der grammatisch 
richtigen Form nur cod. M b bietet, der für uns wenig Gewähr hat, 
während L b O b inivQéxpeiev haben, erst durch Correctur eines ver- 
derbten Wortes entstanden ist, und zwar eben desjenigen, welches 
noch in K* erhalten ist, nämlich IniïQéxpsi. Von diesem Worte 
also hat die Emendation auszugehen, und ich glaube das richtige 
oicht zu verfehlen, wenn ich mit leichter Verbesserung iniiçàipai 
schreibe, woraus ein Corrector die dritte Person sing, hergestellt 
eu haben scheint, nachdem qnqai aus <paoiv entstanden ist. 

Wir erhalten also: to yàç neçl ccvto Ikaoxa ev &b<*qovv 
cpaoiv elvat q>ç6vifxov , xai toiTqj èrutQéxpcu avtâ. Beziehen 
wir nun in den Worten xal tovrtp knitQàxftai avta das tovtq 
auf ÇQOvipov und avta auf exaota, während der Infinities Int- 
sçiipat als abhängig von einem zu ergänzenden q>aeiv gedacht 
werden muss, so ergiebt sich folgender Sinn : 'das in Betreff seiner 
selbst das einzelne gut erkennen, sagen sie, sei qtcovifiov, und sie 
sagen, dass sie diesem dasselbe zu übertragen pflegen.' 

V 8, 1133 b 9. Aristoteles sagt, dass die Gemeinschaft auf der 
Möglichkeit der gegenseitigen Vergeltung beruhe si è' ovtw pttj 
tjv àvtin&zov&évai, pr} av tjv xoivwvla und fährt fort: Ott d* 
ij XQtla owé%€ê àioneç %v ti ov, ârfXoï otê otav prj iv gçtig 
äoiv ctXlrjXiov, ïj afnpôveQOi, rj ateçoç, ovx àkXattovtai, &9neç 
otav ov fyêi avtôç, àirjtal ttç, oîov oïvov, diâôvreç oltov 
iÇayaryijç. Zunächst muss gegen Susemihl bemerkt werden, dass 
er die von Bekker aus K b aufgenommene Lesart iÇaytayijç zu 
Gunsten des von den anderen Handschriften überlieferten iCaytayrjv 
mit Unrecht aufgegeben hat. Die Bedeutung, welche âiâôvai 4£a~ 
ymyijy z. B. Isocrates 17, 57 hat, die Ausfuhr freigeben, passt an 
unserer Stelle gar nicht, hier heisst iiaovai, wie namentlich in 
der Form des Imperfectums sehr häufig 'geben wollen', 'anbieten', 
also âiôovrsç oltov i§aywyrjg während sie von der Getreideaus- 
fuhr anbieten, nämlich Getreide. Ueber das Participium âiâivteç 
später, jetzt wenden wir uns zu den unmittelbar vorhergehenden 
Worten aioaêç otav oi $%$i avvôç, ôérjtai tig, oîov oïvov, 
welche ein Beispiel für den allgemeinen Gedanken geben soUen 
otav cheçoç ovx iv %Q*Ujt j] tov héçov, ovx aXlétttovtai. Sie 
müssen also sagen, entweder dass der eine etwas hat, was der 



Digitized by CjOOQ IC 



140 BUSSE 

andere nicht bedarf, oder dass der eine etwas bedarf, was der 
andere nicht hat, d. h. nach der Wortfolge des Textes, entweder 
dass das, was der eine hat, der andere nicht bedarf, oder dass das, 
was der eine nicht hat, der andere bedarf. Ein ov wird also auf 
jeden Fall vermissi, und es fragt sich nur, ob wir es vor %%ei 
oder vor ôérjtat einzusetzen haben. Nun wird aber in den folgen- 
den Worten, wie auch das Participium selbst richtig lauten mag, 
das Getreide im Gegensatz zu dem als Beispiel olov oïvov ange- 
führten Wein gesetzt, und da von einer Abgabe des Getreides ge- 
redet wird, so muss der Wein als gewünscht dargestellt sein. So- 
mit werden wir mit Münzer die Negation vor %%u einsetzen, wo 
der Ausfall durch das ov sehr leicht erklärlich ist Dagegen ist 
avrôç als Subject zu %%u ganz correct, es bezieht sich auf das 
vorhergehende axeçoç, und als Subject zu dérjiai ist %ig, das K b 
nicht hat, sicherlich interpolirt, es ist allein ateoog am Platz, 
welches einzuschieben jedoch nicht nöthig ist, es muss nach ari- 
stotelischer Bedeweise aus den vorhergehenden Worte» ergänzt 
werden. 

Es bleibt noch der Anstoss in dtd6vteg y welches grammalisch 
wie dem Sinne nach in dieser Form unhaltbar erscheint Hätte 
Aristoteles sagen wollen, dass beide Getreide absetzen, sowohl der 
ovx %xw9 als der âeôpevog oïvov, so hätte er nach seinem Sprach- 
gebrauch nicht âiâôvteg, sondern dtdortwv geschrieben, und ich 
würde kein Bedenken tragen, diese Form herzustellen, wenn der 
Gedanke nicht etwas anderes erforderte. Jedem Einkauf entspricht 
unter normalen Verhältnissen ein Verkauf, wenn also jemand Wein 
bedarf, so wird er etwas anderes anbieten, etwa Getreide. Dies 
ist offenbar der Gedanke des Aristoteles, so dass das Angebot des 
Getreides nicht von dem ovx ï%u>v, sondern allein von dem <feo- 
(Aêvoç gelten kann: zwei Menschen treten. dann in keinen Verkehr 
mit einander, wenn das was der eine nicht hat, der andere be- 
darf, z. B. Wein, während er dafür Getreide anbietet« Diesen Ge- 
danken erhalten wir durch eine leichte Correctur, wenn wir âiâop- 
reg in âiâôvtog verändern. Der Gebrauch eines solchen absoluten 
Genetivs ohne Subject ist hinlänglich bekannt aus Bonitz* Abhand- 
lung (Ztscbr. f, östr. Gymn. 1866 S. 785) und md. Amt. p. 149 b 26. 
Also muss diese schwierige Stelle richtig lauten: o%i d' 17 xftla 
owfyu wofteo %v %i ov, ôrjloï o%i ovctv fii) &» zçeiéf àow 
vllrjXtoVy ij àpipoveooé tj aveçoç, ovx iXXavtovtcu, uiofteo otaw 



Digitized by CjOOQ IC 



ZUR TEXTKRITIK DER NIKOMACHISCHEN ETHIK 141 

ov (pvx) foi avroç, dérjrai (sc. atefoç), oUv oïvov, diâovtoç 
aixov ifyxytayfjç. 

VI 13, 1144* 5. Aristoteles spricht von der qjQÔvrjaiç und der 
aotpia und von ihrer verschiedenartigen Wirkung auf die Glück- 
seligkeit des Menschen: 17 pèv yào vocpict ovâèv &ewQ€7, if i5p 
$o%ai evâalfiwv o av&Qionoç * ovâefÂiaç yao lotw yevioewç * ij 
ôi qjoôvrjaiç %ov%o fihv foi, was später seine Erläuterung findet 
in den Worten: r\ fàèv yàç aoerrj ràv axônov Ttouï oq&ov, fj 
ôè qtoovrjoiç ta nçoç avtàv. Die copia ist also rein theoretisch, 
die (pQOvyoiç bewegt sich auf dem Gebiete der yéveoiç, ihr wird 
als Prädicat das rtoulv beigelegt. Es haben daher in den Worten 
1143 b 33 7ZQOÇ âè tavtoiç arorcov av êîvat ôôÇsuv , ei %biq<üv 
%ijç aoqyiag ovaa (sc. y (pçoyrjoiç) xvQKotéça avirjç ear ai' fj 
yàç noiovaa açxêi Kai ifzitàvrti neçi ertaatov Ramsauer und 
Susemihl an dem noiovaa ohne Grand Anêtoss genommen. 

Trotzdem ist auch die ooçia nicht ohne Einfluss auf die 
Glückseligkeit, freilich nicht in der Weise, wie die Heilkunst die 
Gesundheit hervorruft, sondern wie die Gesundheit selbst, d. h. 
nicht durch ihre Wirksamkeit, sondern durch ihren blossen Besitz. 
Wenn dann Aristoteles fortfahrt: péçoç yàç ovaa rfjç ohqç aç*~ 
vrjç 9$ fooxhu nota. %ai t# heçyuv wâaifiova, so sieht man 
leicht, dass der Ausdruck tç> beçysïv zu der vorhergehenden Aus- 
führung in geradem Gegensatz steht, während mit %q} foo&ai der 
-erforderte Gedanke richtig und vollständig bezeichnet wird. Nun 
bat aber K b nicht %<$ iveçysïv, sondern hêoyua und die Corrupt«! 
in O b èveçyêï legt die Vermuthung nahe, dass in den jüngeren 
Handschriften eine verderbte Form von ivéçyua nach t<£ foo&ai 
in %<5 iveçyeïv corrigirt worden ist. Ferner ist zu beaohten, dass 
wâaifAOva, abgesehen von der Uebersetzung , nur die unzuver- 
lässige Handschrift O b bietet, während in K b sviaipovia und in 
L b M b svôaiiAùviav steht. Die Worte würden nun wohl ohne An- 
stoss sein* wenn es hiesse: ftiçoç yàç ovaa tijç olyc àçerrjç %$ 
foa&ai notsl xai svaatuovlav, aber wir wissen, dass Aristoteles 
die evaai^ovta als eine Ivioyeia aoffasst: ff evdatfdovia èvéçyeia 
*iç, Çwtjç Tèkelaç èviçytia %a%* açtrrjv tsXeiav, tpv%fjç àya&ijç 
béçysia ä. s. w., vgl. Bonitz inéL 292 b 53. 251 b l, und um den 
Gegensatz gegen den blossen Besitz der aoq>ia recht scharf her* 
vorzuhaben, ist es erklärlich, dass er diese Eigenschaft der Glück-» 
Seligkeit durch Hinzufügung von heayeia hier besonders ausdrückt» 



Digitized by CjOOQ IC 



142 BUSSE 

Ich glaube daher, dass Aristoteles geschrieben hat: pàçoç yaç 
ovoa trjç olrjç açerijç vqi fyea&ai nouL xai hoayoia evaa*- 
porto*. 

Die Lesart des cod. K b mochte ich abweichend von den Her- 
ausgebern einfach herstellen: 

VIII 7, 1158*27 ol <T h vaïç igovciatç âiflwuérotç <pai~ 
vortat xQrjo&at joïç qyllotç* allot yàq avroïç slot xçrjçtpot 
xai etèQot r)âeïç. Die letzten Worte geben so, wie sie hier stehen, 
einen schiefen Sinn. Aristoteles will nicht sagen, andere sind ihnen 
nützlich, andere angenehm, sondern andere sind ihre Freunde, in- 
sofern, als sie ihnen nützlich, andere insofern, als sie ihnen ange- 
nehm sind. Diese Bedeutung hat die Ueberlieferung in R b : allot 
yàç avroïç doiv (sc (pilot) el gçqatpoe, allot fjâêïç, worin 
tot r)ôeiç aas dem vorhergehenden ein ei zu ergänzen ist. Wie 
mir Herr Professor Vahlen mittheilt, würde des Aristotelischen 
Sprachgehrauch angemessener ein r) sein, welches ebenso leicht 
vor fjêelç ausfallen, wie in el (vor %oriai^oi) übergehen konnte. 
Hiernach würde zu schreiben sein allot yàç avxoic etat* jj xçvj- 
atpoi, allot rj fjdelç. 

I 9, 1098*30. votç uèv yàç léyorwi tvjp àçttrj* ïj àçsrfpr 
%tva ovyoqôç ioviv o loyoç. So R b , L b avfupanroç, die übrigen 
Handschriften und die Ausgaben ewipôoç. Die Abweichung Ton L b , 
wie die Seltenheit von ovvoqoç lassen in oviHpooç eine Corrector 
vermuthen, während andrerseits der Ausdruck ovvoçoç hier durch- 
aus am Platze ist, wie der sogleich folgende Satz zeigt: duupeooi àk 
ïotoç ai utxQorr, èv xxrjoet rj h %9V aet ** açtewov vftolafdßa- 
vetv, xai h SÇei rj h heçyêla* 

Von anderen Vorschlägen sei hier erwähnt: 

IV 8, 1124 b 29. Es wird der fieyal6xpv%oç charakterisirt und 
nach anderen Eigenschaften angefahrt: àvayxatov êi xai gpa*«- 
Qoptoov xai q*avBQoq>iXov ' %b yàç lavd-avety (poßovuhtov. xai 
ptéUcv vi)g àlrj&etaç ftalloy rj wrjç âôÇrjç, xai làytt* xai nça*- 
veiv (paveçtoç' naçQr]Oimmrjç yàç ôta to xcttaycovslv, àto xai 
àkj&evTixôç, nlr)v ooa pr) et elçonreiav. Die Worte ftaçay- 
otaotrjç bis alrj&evttxôç sind aus einer Note des Par. 1856 ge- 
schöpft, die Texte der Handschriften weichen wesentlich und in 
verschiedener Weise ab. Bei dieser Leeart aber gehört zunächst 
das iib vor xai àhj&ev%txoç sicher nicht dem Aristoteles, denn 
wie auch die Worte dieses Zwischensatzes lauten mögen, die durch 



Digitized by CjOOQ IC 



ZUR TEXTKRITIK DER NIKOMACHISCHEN ETHIK 143 

yèç angezeigte Begründung bezieht sich jedenfalls auf das Uyuv 
xori TtQiktuv (pavëçujç, und es wäre widersinnig, die Wahrheits- 
liebe des Hochherzigen von seiner Freimüthigkeit oder der Ver- 
achtung seiner Nebenmenschen ableiten zu wollen. Aber ebenso- 
wenig ist es möglich, der Ueberlieferung der Handschriften zu 
folgen und xal aty&evttxôç unmittelbar mit den vorhergebenden 
Worten zu verbinden ; wir werden vielmehr mit diesem xal einen 
neuen Satz anfangen lassen, und zwar beisst dann xal alrj&ev- 
ttxbç ftlijv iaa /u») ôi' bIqmvbIov *und dann nicht die Wahrheit 
sagend, wenn er ironisch spricht', so dass hiermit nicht die Wahr- 
heitsliebe als eine neue Eigenschaft angefahrt wird, sondern die 
schon erwähnte Eigenschaft (xal fiiXeiv tijç aXrj&elaç) eine Ein- 
schränkung erhält. 

Die übrigen Worte mit überzeugender Gewissheit herzustellen, 
erscheint wegen der Mannigfaltigkeit der handschriftlichen Lesarten 
sehr schwierig. Da aber die Interpolation in der Ueberlieferung 
des cod. K* in der ursprünglichsten Form erhalten zu sein scheint, 
weil sie am einfachsten und klarsten hervortritt, so werden wir 
auch hier am besten von dieser Handschrift ausgeben, welche fol- 
gende Worte hat: xarayQOrrjtixov yàç* naçQrjoiaottxov yÙQ. 
êid naQQt)Oiamixbç de âià tè xataq>QO>Tjtixàç ehcu. Diese 
geben für ein doppeltes Verfahren Raum. Denn da die Genetive 
offenbar nach Analogie von qtoßovpevov verderbt sind, so kann 
man vermuthen xataq>QOvrjtixbç yàç, âib ftaQQtjataatutôç, so 
dass die ganze Stelle lautet: xal léysiv xal ftçctttuv qtavsQwç- 
xata<pç<m)Ttxoç yàç, âtb ftaQQrjacaatixôç' xai âltj&Bvrixoç 
TtXijv ova fiij ai' tlçiovelav. Fassen wir den anderen Theil jener 
Worte ins Auge, so ist zu schreiben naQçrjoiaOTixbç yàç ôià to 
xataq>Q<n>Yjitxoç elvai, womit wir uns mehr der Bekkerschen Lesart 
nähern würden. Und ich glaube, dass Bekker mit seinem oft be- 
währten, wunderbaren Tact in der Verbindung des dià to mit 
dem Infinitivus eine echt Aristotelische Ausdrucksweise nicht mit 
Unrecht gesehen bat, weshalb ich die zweite Art der Emendation 
vorziehe und den ganzen Satz so zu formuliren vorschlage: xai 
(iileiv trj$ alrj&eiag fi&XXov rj tijç êôfpjç, xal Myetv xal nqàx- 
tuv> qtaveçwç' naÇQrjoiaotixbç yàç âià tb xataq>QOvrjtixdç 
Avat* xal àltj&evttxoç ttkfy %aa pr) ai' tlçunetav. 

V 10, 1135 b 25. Aristoteles unterscheidet drei Arten der Ver- 
letzungen (ßlaßai), einmal das cquaç*i?/ua (12—16), dann das 



Digitized by CjOOQ IC 



144 BUSSE 

aivxqfÂa (16 — 19) , endlich das aâlxrjpa (20 ff.)* Dies ist eine 
solche Handlung, welche der Mensch zwar wissentlich, aber nicht 
mit Vorbedacht vollführt, und sie muss sehr wohl von derjenigen 
unterschieden werden, welche für den Handelnden den Charakter 
des aâtxoç involvirt, erst wenn er einen mit Vorbedacht verletzt, 
ist er ein adtxoç: %av%a yàç ßlarttortec xai afictçiâtovteg aàê- 
KOvoi pev, >xal ccdixrjpcrta eotiv, ov fiévtoi ma aômoê iià %av%a 
ovâè novr\qol' ov yàç âtà {40x&r)Qictv r] ßlaßt]' ovav d' èx 
rtQoeuçéoêwç, àôixog xal fiox&rjQOç. Dass diese Unterscheidung 
eine wohlbegründete sei, sucht Aristoteles einmal durch den Hin- 
weis auf die Handlung eines Zornigen zu beweisen, welche doch 
anders beurtheilt wird, als eine mit Vorbedacht vollführte: dio 
xalwg %à Ix \H)(aov ovx ix nqovoiag xçivetai' ov yaç açzei 
o $v(uj) uot&v, all' o oçyloaç, und dann, sagt er, handelt es 
sich bei einem àâiwipa nicht um den Thatbestand selbst, wie wenn 
bei Verträgen eine Rechtsverletzung eintritt, wo der eine der Con- 
trahenten immer ein {lox&yçoç sein muss, ew âè ovâè TtêQi %ov 
yevéo$ai rj fir). apq>toßi}%€*%ai, alla ueçl %ov ôutaiov ini 
(paivofiérfi yàç ccôutia rj oçyij ion*, ov yàç aloneç èv %oiç 
ovvallayt*aoi tcbqï tov yevéo&ai af4q>ioßrpovoi xxh Diese 
Worte nun scheinen mir nicht ganz in Ordnung zu sein. Die Be- 
ziehung des zweiten mit yàç eingeleiteten Satzes, liegt auf der 
Hand, er, schliesst sich dem Sinne nach unmittelbar an die Worte 
%%i de ovâi 7tsçl %ov yevéo&at r) py a(Aq>ufßrj%ei%ai 9 alla neçi 
%ov dixaiov, zu denen er die Begründung giebt, Dagegen steht 
der vorhergehende Satz, welcher ebenfalls durch yàç angeknüpft 
wird, ini q>ai>Ofiéyrj yàç ààixla rj oqyr\ èotiv völlig ausser Zu- 
sammenhang, er kann seinem Inhalte nach weder, zu dem vorher- 
gehenden noch zu dem nachfolgenden Satze in Beziehung gesetzt 
werden, sondern gehört zu den Worten, welche von der Beurthei- 
lung einer im Zorn verübten Handlung sprechen, und gtebt die 
Begründung zu dem ov yàç ag%Bt è $vpip uouov «JUL* 6 oçyi- 
eaç. Fügen wir ihn also nach oçyloaç ein, so erhalten wir den 
richtigen Gedanken : Nicht der in Zorn handelnde ist Ursache der 
Handlung, sondern der, welcher ihn zum Zorne gereizt hat, denn 
der Zorn wird hervorgerufen durch etwas, was dem Zornigen als 
Unrecht erscheint. Die Corruptel lässt sich auch leicht erklären, 
wenn man annimmt, dass der Schreiber durch den fast gleichen 
Anfapg beider Sätze mit ini und Jki verleitet von oçyioag sogleich 



Digitized by CjOOQ IC 



ZUR TEXTKRITIK DER NIKOMACHISCHEN ETHIK 145 

zu ht dé übersprang und später den kleinen Zwischensatz int 
faivofispf] xtl. nachholte. 

118, 1108 b ll. iqiwv de dta&ioswv oiawv, ovo ftkv xo- 
xiwy, jTJg iiiv xa&' vn&QßoXr t v, tîjç ai xctT* eXXêttptv, /uaç â' 
açeiijç %yç fieâôtrjtoç, nâocu rtccocug àvtUeivxaL n(oç' ai pb 
yàq axçat xö« Tgf f^éarj xaî aXXfjXcug ivavxlai eioiv, fj âè fxiat) 
jaîç axçatç. Dies wird dann näher ausgeführt und durch Bei* 
spiele erläutert. Wir haben also drei Gegensätze, die Extreme 
gegen einander, die Mitte gegen das Zuviel, die Mitte gegen das 
Zuwenig. Wie verhalten sich nun diese drei zu einander? (27) 
ovjcjç âè avnxeipévœv àXXrjXotg tovxiov, nletajrj ivavttôrqç 
ictiv zolç axçotg ftQOç aXXrjXa fj nçog %b ftéoov. TtOQçwjéçio 
yàq %av%a àqtéotrjxev àXXfjXwv fj %ov ftéaov. So ist die hand* 
schriftliche Ueberlieferung, das nXeitav, welches aus dem Heliodor 
in die Ausgaben gedrungen ist, beruht offenbar auf Correctur, die 
für uns gar keine Autorität hat. loh hatte die Absicht, den Super- 
lativ TcXdatr] zu halten Und fj nçhç %o \ieoov zu streichen, das 
aus dem folgenden ij %ov pioov entstanden schien. So würde 
sich der passende Gedankenfortschritt ergeben: 4 von den drei Gegen* 
Sätzen ist der grüsste derjenige zwischen den Extremen, von den 
anderen ist bald der. zwischen der Mitte und dem Zuwenig, bald 
der zwischen der Mitte und dem Zuviel grosser (35) nçbg êk to 
ftiaov artlxuTcu ftaXXov hq>* <h» fitèv yj eXlsapiç èq)' wv ai ff 
inecßolr}.' Allein die eigentümliche Art, wie in der griechischen 
Sprache der Superlativ oft an Stellen angewandt wird, wo wir nach 
unserem Sprachgefühl den Comparativ erwarten müssen, lässt ver- 
muthen, dass hier Aristoteles wirklich geschrieben hat: oviwg ai 
(xvuxeinévaw àXXrjXotg tovttov, nXelori] ivavTtorrjg ioxïv %olg 
&*QOtç ftçoç äXXrjXa fj ngoç %o fiéoov. Natürlich ist dann die 
Construction mit einer Art von Ellipse so zu verstehen, als ob 
zwei Gedanken in eine Verbindung zusammengezogen seien: ihr 
Gegensatz ist der grossie und grösser als der zu der Mitte. Und 
diese Erklärung dürfte auch wohl auf die Verbindung des Super* 
Utivs mit dem Genetiv anstatt des Comparativs Anwendung finden, 
wofür als klassisches Beispiel Thuk. I 1, l noXtpLög àÇtoXoyut- 
tatoç %wv TtQoyevevrjfAevüiv gilt, denn Krügers Auslegung (Aus- 
gabe und Gramm. § 47, 28, 10): 'der denkwürdigste der seit* 
her geführten Kriege mit den früher geführten zusammengestellt' 
vermag schwerlich zu befriedigen. Diese Zusammenstellung dieses 

Htrmei XV11I. 10 



Digitized by CjOOQ IC 



146 BOSSE 

Genetivs mit dem Superlativ für den nach deutschem Sprachge- 
brauch erwarteten Comparativ ist, wie bekannt, ziemlich ausgedehnt 
Aber auch der Superlativ mit rj findet sich nicht zu selten, z. B. 
bei Apoll. Rhod. III 91 : 

a Hçrj, 'A&rjvair) x«, ni&oitô xev vfAfii fiaXiata 

7] SfÄOl, 

und aus Aristoteles fahrt Bonitz ind. 312*50 Beispiele an fttr 
nXéiatov rj, pâXiota rj , nqüxoy rj , vgl. Spengel zu Rhet. ai 
Alex. I 1420 b 28. 

V 3, 1129 b 32. avtrj (xèv ovv r) âixatoevvrj açetr) fiév iati 
teXeia, aXX 3 oi% ànXwv àXXà nçoç eteçov ' xal âià tovto noX- 
Xaxiç xQOtiotr) rwv açetdiv eïvat èoxeï r) dixatoaùvr} .... xal 
teXeia paXiota èçetrj , oti trjg teXeiag àçetrjç xçfjalç iotw, 
teXeia â* lativ , oti b %%wv avrrjv xal ttçdç eteçov dvyutat 
%fj àoetjj XQfjad-at dXX' ov fiàvov xa& avtov. Der erste Ge- 
danke, die Gerechtigkeit in dieser Bedeutung ist vollendete Tugend, 
wird nach dem Zwischensatze xal âià tovto xtX. gesteigert xal 
teXeia ftaXiota açetrj, oxi trjg teXeiag açetrjç xçfjoiç èotiv. 
Wenn dann aber fortgefahren wird, teltia d* kotiv, %%i 6 e%m 
autrjv xal nooç ereçov âvvatai tfj àçerrj %Qr)e&at, so kann hier 
mit tfj açêifj nicht die Gerechtigkeit als Tugend, sondern die 
Tugend im allgemeinen gemeint sein, wie audi aus dem feigenden 
hervorgeht: noXXol yào èv ßev toïg oèêè oixeiotç tfj àçetfj 
ôvvavtac xQ*J a & atf > * v àè toïg ttobg eteçov àâvvatovoiv. So 
sind die Worte von oti an klar und ohne Anstoss. Dagegen 
scheint es mir der aristotelischen Gedankenfolge direct entgegen- 
gesetzt, wenn mit diesen Worten das teXeia d* èotiv, die *«- 
Xeiotrjg der Gerechtigkeit begründe! werden soll. Denn die tt- 
Xeiotrjg der Gerechtigkeit besteht nach des Aristoteles Auffassung 
darin, dass sie alle anderen Tugenden in sich schliesst, dass das 
Gesetz alle tugendhaften Handlungen gebietet, alle lasterhaften 
untersagt: nçootâttei 6 vôfiog .... o/xoiwç âè xal xafà tag 
aXXag àçezàg xal iiO%&r}çiag ta (aÏv xeXtvtav ta d' ànayo- 
çevwv (23). Diese Eigen thümlichkeit der Gerechtigkeit, welche in 
Uebung der Tugend im Verkehre mit den Nebenmenschen liegt, 
ist vielmehr der Grund dafür, dass Aristoteles die Gerechtigkeit 
teleia (ÂctXiota nennt, und hierfür allein können die angeführten 
Worte die Begründung enthalten. So haben denn auch Jackson 
und Susemihl dadurch zu helfen gesucht, dass sie xal weXeia pâ- 



Digitized by CjOOQ IC 



ZUR TEXTKRITIK DER NIKOMACHISCHEN ETHIK 147 

liota und teleia d* iotlv mit einander vertauschten. Allein 
hiermit kommen wir keinen Schritt weiter. Die Worte oti %rfi 
tehiag acetrjg XQV a te ioxtv enthalten in verkürzter Fassung ganz 
dasselbe, was der folgende, mit o%i eingeleitete Satz in längerer 
Ausführung giebt, sie können also ebensowenig die xeleionrjg be- 
gründen. Wenn es nun schon bedenklich ist, dem Aristoteles eine 
derartige Wiederholung zuzutrauen, so zeigen die Worte Ott xijg 
nXeiag aQerrjç %QÎ}olç iattv so viel Anstösse, dass ich nicht Be- 
denken trage, in ihnen ein Marginalscholion zu sehen, welches 
später in den Text gedrungen ist. Was ist zunächst die veleia 
Àçery ? Es kann nach dem vorhergehenden nur die Gerechtigkeit 
sein, dann erhalten wir aber den schiefen Sinn, dass die Ge~ 
rechtigkeit deswegen höchst vollkommen ist, weil sie Ausübung der 
Gerechtigkeit ist. Man hat daher Jileia ttjg aç€%rjç (Trendelen- 
burg) und ähnliches conjicirt, am besten vielleicht Imelmann ttjg 
ohjg ccQetrjg. Aber mag man hier durch Emendation helfen, es 
bleibt der Anstoss in dem Ausdruck XQ^oig. Nicht das %QriO&ai 
an und für sich ist es, was die Gerechtigkeit auszeichnet, sondern 
das xQ^o&at nçèg steçov, darum sagt Aristoteles nolloi yàç èv 
toïg olxtioiç tf} açetjj âvva*%ai xçqcrôat, & &$ *o*S ftçbç 
eteçov àôvvatovaiv. Also die XQ^aig selbst wird auch den 
übrigen Tugenden zuerkannt, der Gerechtigkeit allein das %Qr\Ox>ai 
nqbg heçov. So enthalten diese wenigen Worte im ganzen und 
im einzelnen die mannigfachsten Anstösse, während es auf der 
anderen Seite leicht erklärlieh ist, wie ein solches Interpretament 
in den Text aufgenommen werden konnte. Und da nun Heliodor 
liULa «f iativ noch nicht gelesen hat, so glaube ich, dass zuerst 
beide mit ott anlautenden Sätze unmittelbar aufeinander folgten, 
dann aber, um diese Härte zu meiden, in einigen Handschriften 
für das zweite ott ein o yàç geschrieben worden ist, wie Heliodor 
zeigt, in anderen dagegen ttleia d > iativ eingefügt Streichen 
wir also die Zeile, so ist alles glatt: aiittj pèv ovv ij atxcuoovvrj 

acstrj pév èotiv teleia »ai teXela fiâXiotcc ctçetr) , oti 

o ï%w aètfjv xai nçog heço* âvvcrtai tij àgetjj %çrjo&ai àll 9 
ov pivoy %*&* avtôv. 

Beriin. ADOLF BUSSE. 



10* 



Digitized by CjOOQ IC 



MISCELLEN. 



MENIPP UND VARRO. 

Von den medicinischen Werken, welche Athenäus excerpirt 
hat, sind an Zahl und Umfang nicht die geringsten die Excerpte 
aus der Diätetik des athenischen Arztes Mnesitheus. Ein interes- 
santes Fragment aus einem andern Werk desselben, der èftiavoXij 
neçï xto&wviopov, steht XI p. 484 b. 

Um die Lebenszeit des Mannes zu bestimmen, bietet sich die 
nächste Handhabe in den Versen des Alexis (X p. 419 b): 
wg fjdi) nav %o fiérçiov. ov& vrcsçyéfiwv 
àrcà(>%oiiat vvv ovze xevog, all* fjdéioç 
%%ttiv kfiovjov* Mvrjot&eog yâç qyrjoi âeïv 
qtevytiv anarrwv %àg vTtecßoXag oW. 
Vergleicht man das wahrscheinlich demselben Dichter zugehörige 
Bruchstück II 36 a: 

o Myrjol&eog d* iq>fj %6v olvov %ovç &€Ovç 
&vrjTOïç TtctTctâêlÇai %oïç fièv oq&wç xQwpévotç 
àycL&bv jAéyiotov, %olg <T crcaKitog %ov/nrcaXiv. u. s. w., 
so sieht man, dass auf sanitärische Vorschriften des Mnesitheus, 
wie sie in dem angeführten Brief gestanden haben werden, Rück- 
sicht genommen wird. Der terminus ante quem ist durch das 
erste Citat gegeben, da sich die Lebenszeit des Alexis bestimmen 
läset (Meineke hist. crit. p. 375), aber wir dürfen wohl weiter 
gehen und mit Meineke den Mann zum Zeitgenossen des Komikers 
machen, der durch den Mund eines bescheidenen Trinkers dem 
berühmten Arzt von der Bühne herab sein Compliment macht 
Als unbestrittene Autorität in Weinangelegenheiten konnte dieser 
Bacchus ein Standbild weihen, wie Pausanias (I 37, 4) erzählt. Ob 
sich aus den Citaten bei Galen und anderen genaueres über sein 
Leben ermitteln lässt, kann ich hier, wo es mir an einschlägigem 
Material fehlt, nicht verfolgen^. 

Denselben Mnesitheus führt Varro in dem Bruchstück der 
menippeischen Satire 'Yôqoxvwv an (bei Gell. XIII 31; frg. 575 



Digitized by CjOOQ IC 



MENIPP UND VARRO 149 

Büchel. ')) : non vides apud Mnesitheum scribi tria genera esse vint, 
nigrum, album, medium quod vocant xiqqov, et novum, vêtus, me- 
dium? et efficere nigrum viris, album urinam, medium néipiv, 
novum refrigerare, vêtus calefacere, medium esse prandium caninum? 
Es fragt sich, ob Varro selbst ihn noch gelesen hat. Man hat längst 
bemerkt, dass dies Citat zum Theil wiederkehrt bei Ath. I 32 d: 
Mvrjoi&eoç â* 6 'Axhjvaïôç q>r\Qiv k b ftélaç oïvàç èati &(>ert%i- 
xcJtûtoç, 6 de Xevxoç ovQrjvixunctToç xai XmjÔTcttoç , 6 ôè 
xtQQOç ÇrjQOç xai %dv oltLwv rcewuxutjeQOc. Ob die in diesem 
Citât fehlenden Worte von Varro ebenfalls aus Mnesitheus über- 
tragen worden sind, lässt sich nicht mehr bestimmen ; doch bietet 
nach meinem Gefühl der scurrile Ausdruck prandium caninum, der 
für praktische Vorschriften eines Arztes durchaus nicht passen will, 
ein Indicium für eine Mittelquelle, in welcher — ähnlich wie bei 
Alexis — die Worte des Mnesitheus angeführt und besprochen 
waren. 

Liest man nun die Athenäusstelle im Zusammenhang, so fällt 
auf, dass der wesentliche Inhalt des Fragmentes schon im Anfang 
des Cap. 59 vorweggenommen ist. Was bewog Athenäus, mit dem 
wörtlichen Citat die Eigenschaften des levx.bg, xiqqoç und fiélctç 
ohog noch einmal vorzubringen? Ich glaube, dass er hier Mne- 
sitheus nicht selbst vor Augen hatte, sondern denselben in seiner 
Quelle schon citirt fand, und diese Quelle war Menipp: 6 yoiv 
xvvutoç Mévmnoç akponotiv %i\v Mvvàov <prjoiv, wie es ein 
paar Zeilen weiter heisst. Es ist bedauerlich, dass wir vom zweiten 
Buch nur den dürftigen Auszug des byzantinischen Epitomators 
haben, aber auch so schliesst sich alles, wie mich dünkt, trefflich 
zusammen: die merkwürdige Coincidenz des römischen Dichters 
mit dem späten Grammatiker findet ihre natürliche Erklärung, und 
das 'Hundefrühstück' werden wir nunmehr auf Rechnung des Ky- 
nikers setzen dürfen. Vielleicht stecken in der reichhaltigen Wein- 
karle, welche nach der Anführung Menipps folgt, hin und wieder 
Entlehnungen aus demselben; doch wird sich das mit unsern Hilfs- 
mitteln nicht mehr entscheiden lassen. 

Wie billig, denkt man zunächst an das 'Symposium' des Ky- 
nikers (Ath. XIV 629 e), worin zum Schluss die Argumente des 

1) Die Sammlung von Riese steht mir hier nicht zq Gebote. Doch hat 
dieser, wie mir mitgetheilt wird, aus dem Mnesitheusfragment bei Athenäus, 
das er selbst anführt, weiter keinen Schluss gezogen. 



Digitized by CjOOQ IC 



150 MISCELLEN 

'Wasserhundes' gegenüber allen Hochgenüssen in dem Geschenk 
des Dionysus den Ausschlag gegeben haben mögen.*) Vielleicht 
darf auch bei dieser Gelegenheit an das Symposium des Maecenas 
erinnert werden, auf welches Kiessling neuerdings wieder auf- 
merksam gemacht hat (Phüol. Unters. II p. 81). 

Sollte diese Vermuthung, auf die seltsamerweise noch keiner 
gekommen zu sein scheint 2 ), das Richtige treffen, so würde die 
immerhin beachtenswerte Thatsache constatirt werden, dass Varro 
nicht verschmäht hat, sich weit enger an sein Vorbild anzuschliessen, 
als bisher angenommen worden ist. 

Stettin, 23. Juni 1882. G. KNAACK. 



ZUR INSCHRIFT VON HISSAKLIK. 

In der interessanten Urkunde, die Mommsen im XVII. Bande 
S. 523 dieser Zeitschrift besprochen hat, meinte er noch eine chro- 
nologische Schwierigkeit zu finden. Sie bringt nämlich die Quin- 
quennalien des Kaisers Valens, welche nach seiner Ansicht am 
26. Februar 368 gefeiert wurden, mit der Besiegung des Atha- 
narich in Zusammenhang, die sicher erst in den Sommer 369 fiel. 
Die Lösung, welche Mommsen S. 526 vorschlägt, genügt doch kaum, 
wenigstens wenn die sehr probable Ergänzung Toèilescus richtig 
ist; denn wie konnte der Concipient der Inschrift setzen: ingruente 
item in victorias Mas tempore féliciter quinquennatiorum, wenn das 
Fest und der Sieg anderthalb Jahre auseinander lagen ? Es mttsste 
daher schon allein aus der Urkunde selbst geschlossen werden, 
dass dies nicht der Fall war, und andere Indicien bestätigen es. 

Eckhel an dem von Mommsen angeführten Orte beweist aller- 
dings, dass Licinius, Constantin und Thèodosius ihre Quinquen- 
nalien schon nach vollendetem vierten Jahre gefeiert haben, doch 
folgt daraus noch nicht die gleiche Regel für alle Kaiser des vierten 
Jahrhunderts. Finden wir doch auch in früherer Zeit, dass Com- 
modus den Termin in dieser Weise verkürzt, während vor ihm 
Marcus und nach ihm Caracalla den Abschluss der fünf Jahre er- 



1) Von Delicatessen bei einem Trinkgelage handelt das Fragment aas 
dem 'Arkesilaus' (Ath. XIV 664 ct. 

2) Auch in der neuesten Arbeit von Wildenow de Mmippo Cynico (Diss. 
Hall. 1881) finde ich nichts über das besprochene Fragment. 



Digitized by CjOOQ IC 



ZUR INSCHRIFT VON HISSARLIK 151 

warten. Eio ähnlicher Wechsel ist auch später um so wahrschein- 
licher, als noch unmittelbar vor Constantin das Fest quinquennia 
exacto stattfand (Mamert. genethl. Maxim. 1). Folglich darf die 
Frage nicht generell für einen ganzen Zeitraum, sondern nur für 
jede Regierung gesondert gestellt werden, ein Resultat, zu dem auch 
Eckhel am Schlüsse seiner Abhandlung gelangt. 

Wenn in dem navta&trjçtxôç, welchen Themistius dem Valens 
vortrug, der Gotbenkrieg „mehr in Vorbereitung als eigentlich be- 
gonnen erscheint", so spricht dies eher für das Jahr 369 als für 
das vorhergehende. Denn in diesem hatten die angeschwollenen 
Fluten der Donau den Uebergang des römischen Heeres verhindert, 
und es war daher gar nicht zum Kampfe gekommen '), wohl aber 
war Valens im J. 367 ziemlich tief in das Feindesland eingedrungen. 
Hielt also Themistius seine Prunkrede im Februar 368, so musste 
er der Erfolge des vor wenigen Monaten erst beendeten Feldzuges 
gedenken, so unbedeutend dieselben auch waren, während sie ein 
Jahr später vor den Erwartungen des neuen grösseren Krieges 
schon in Vergessenheit gerathen sein konnten. Doch auf diesen 
Schluss aus dem Schweigen brauchen wir um so weniger Gewicht 
zu legen, als uns ja auch ein nevtasTtiQixôç auf Valentinian und 
eine gleichzeitig gehaltene Lobrede auf seinen Sohn erhalten sind, 
welche die Frage zur Entscheidung bringen. 

In dem ersten Panegyrikus auf Valentinian (16) sagt Sym- 
roachus: lustrum imperialium tarn condis annorum. Dadurch ist 
die Gelegenheit, bei welcher die Rede vorgetragen wurde, deutlich 
genug indicirt, denn der Anfang derselben, welcher uns einen 
noch unzweideutigeren Aufschluss geben würde, fehlt leider in der 
Handschrift. Wenn auch schon das Wort condis auf den Abschluss 
der fünfjährigen Periode hinweist, so wäre doch dies Zeichen nicht 
sicher genug, böte ihm nicht die Rede an Graüan eine Bestätigung. 
Diese setzt voraus, dass der Angeredete schon mindestens einen 
Feldzug mitgemacht 3 ) und dass er dies als Kaiser gethan habe.') 

1) Amm. XXVII 5, 5. 

2) 3 pro senibus puer dimicas, pro liberie nostris aequaevus insudas. — 
7 historia oblectarü in proeliis, — carminibus in triumphis. — 10 /ilium te 
exhibes reverentia, virtute collegam. una est utriusque militia et coniuncta 
félicitas: tu gaudes magisterio patris, ille contubernio iunioris. 

3) 2 cuius primum est Stipendium principatus. — $ me si quis inter- 
reget , quando inclytus Gratianus dilectui nomen obtulerit, respondebe 
libère: quando imperatoris accepit, — 4 spe electus es % re probatus. 



Digitized by CjOOQ IC 



152 MISCELLEN 

Er wurde mit dem Purpur bekleidet am 24. August 367 in Amiens, 
wo Valentinian auch später noch einige Zeit verweilte. Am 
8. October war er dann in Reims, am dreizehnten desselben Mo- 
nats in Trier, wo er bis zum Ende des Jahres blieb. Einen 
Kriegszug kann er also nicht vor dem Frühling 368 unternommen 
haben; folglich fällt die Bede frühestens in den Herbst 368. Einen 
terminus ante quem dagegen gewinnen wir aus dem zweiten Pane- 
gyricus auf Valentinian, der zum Antritt von dessen drittem Con- 
sulat, den 1. Januar 370, gehalten wurde. Hier deutet Symmachus 
an 1 ),, dass er im Begriffe stehe, das Hoflager zu verlassen, und nie 
zu Gratians Lebzeiten hat er es wieder besucht. 

Den An lass zur Bede bezeichnen die ersten erhaltenen Worte 
derselben: sed prima mihi devolionis causa peragmda est: libens 
aurea sume munuscula, qui talia tempora praestitisti. Also Sym- 
nfacbus war beauftragt dem Kaiser Geschenke in Gold darzubringen. 
Nun wissen wir, dass regelmässig zu den fünfjährigen Begierungs- 
festen eine solche Schenkung (oblatio) von Seiten des Senats statt- 
fand ; wir haben uns mithin den Bedner als Führer einer Gesandt- 
schaft zu denken, die den beiden Kaisern im Namen der Haupt- 
stadt zu den Quinquennalien zu gratuliren und die üblichen Ge- 
schenke zu überbringen kam. Da also der Panegyrikus, wie wir 
oben sahen, am 26. Februar 368 noch nicht gehalten sein kann, 
so feierten die Kaiser ihr Fest am 25. Februar 369. *) 

Uebrigens steht diese Rechnung nach fünf vollen Jahren hier 
nicht vereinzelt da; auch bei Valentinians gleichnamigem Sohne 
lässt sie sich, wenn gleich mit minderer Sicherheit, nachweisen. 
Unter der Präfectur des Symmachus wurde über die Oblatio zu 
seinen Decennalien im Senat Beschluss gefasst (Ret. 13) und we- 
nigstens der Anfang zu den Einzahlungen gemacht. 3 ) Da Sym- 
machus sein Amt im Winter oder Frühling 384 antrat und im 
Sommer oder Herbst 385 niederlegte 4 ), so beweist dies freilich an 

1) 31 canant alii, quae super sunt: ego testis fungar officio, ibo per 
urbes, ibo per populos iactantior Victore laudato; dicam senatui plebique 
Rotnanae: „fasces in provincias novas mittite, trans Rhenum indices prae- 
parate". 

2) A. d. F kal. Mart, was im Schaltjahr den 26., im gemeinen Jahr 
den 25. Febrnar bedeutet. 

3) Rel. 23, 12 quo faciendae oblationis gratia summates quosque con- 
duxeranu 

4) Siehe meine demnächst erscheinende Ausgabe des Symmachus. 



Digitized by CjOOQ IC 



BEMERKUNG ZU EINER INSCHRIFT AUS DELOS 153 

sich noch nichts, denn ob man das Fest Valentinians auf den 
22. November 384 oder 385 setzt, mussten die Vorbereitungen 
dazu doch unter die gleiche Stadtpräfectur fallen. Deutlicher aber 
spricht der Inhalt derjenigen Relation, in welcher Symmachus bei- 
läufig die Zahlungen zur Oblation erwähnt. Er berichtet hier von 
einer Intrigue, welche der viearius urbis in Verbindung mit dem 
Advocaten Celsus gegen ihn und den praefectus anmnae gesponnen 
hatte, und diese muss vollständig gelungen sein. Denn wir er- 
fahren durch eine Inschrift (C. I. L. VI 1759, vgl. 1760), dass Celsus 
im J. 389 die praefectura annonae bekleidet und bereits nieder- 
gelegt batte; er erhieh also nicht lange, nachdem jene Relation 
geschrieben war, das Amt desselben Mannes, den er angegriffen 
hatte und Symmachus vertheidigte. Dies deutet darauf hin, dass 
auch die Amtsentsetzung des letzteren in die gleiche Zeit fiel, 
folglich die Relation erst 385 abgefasst wurde, womit auch über 
die Decennalien des Jüngern Valentinian entschieden wäre. 

Greifswald. OTTO SEECK. 



BEMERKUNG ZU EINER INSCHRIFT AUS DELOS. 

In einer Abhandlung über die Chronologie der attischen Ar- 
chonten der späteren Zeit, in dem Bulletin de correspondance hü- 
Unique Jahrg. 4 (1880) S. 184, hat Herr Homolle, der Leiter der 
französischen Ausgrabungen auf Delos, ein Stück einer von ihm 
gefundenen Inschrift veröffentlicht, in dem zwei Namen von epo- 
nymen Beamten vorkommen, welche er, gewiss mit Recht, für 
attische Archonten erklärt. Dieses Inschriftstuck ist auch noch in 
anderer Beziehung interessant. Es enthält ein Verzeichniss von 
Beträgen, die früher aus dem Tempelschatze des delischen Gottes 
entliehen worden waren und dann unter dem Archontat des Po- 
seidonios, das, wie Hr. Homolle sehr wahrscheinlich gemacht hat, 
einem der Jahre 165 — 157 v. Chr. entspricht, mit den Zinsen 
zurückgezahlt worden sind. Die Namen dieser Schuldner des de- 
lischen Tempelschatzes sind, wie zu erwarten, fast alle griechisch ; 
nur einer von ihnen, Tgißiog ^ioiôioç, klingt lateinisch, oder 
doch italisch. 1 ) Mir fiel dieser Name auf; ich glaubte ihn oder 

t) Der betreffende Passus der Inschrift lantet: Kai vdâe ta âârticc 
iiuoêy inl Jloaitâmytov, ..... ZxiQoyoçuàvoç' Tceßtec Aoiâieg to da* 



Digitized by CjOOQ IC 



154 MISCELLEN 

doch einen ähnlichen schon anderswo gelesen zu haben. Es findet 
sich wirklich ein ganz ähnlicher Name auf Henkeln einiger in 
Sicilien gefundenen Amphoren. Mommsen hat in Monte San Giu- 
liano auf dem Berge Eryx und in Trapani (Drepanum) mehrere 
Amphorenhenkel mit dem Stempel TR-UOISIO copirt; einen, 
auf dem nur noch die Buchstaben TR * LOVS1 erhalten waren, 
habe ich in Licata, an der Südküste Siciliens, in der Sammlung 
des Herrn Calogero Lo Giudice gesehen. *) Nun lag die Vermuthung 
nahe, dass in der Inschrift von Delos Tqeßtog Aoiaioç, anstatt 
slolôioç, zu lesen sei ; und eine Anfrage, die Mommsen an Herrn 
Homolle richtete, ergab die Antwort, dass dem in der That so ist; 
in der Abschrift, die Homolle vom Stein genommen hat, steht 
Aoiatog, Aoidtoç ist ein stehengebliebener Druckfehler. Die 
sicilischen Amphorenhenkel gehören offenbar ungefähr derselben 
Zeit an wie die Inschrift von Delos, das beweist die altertüm- 
liche Bildung des Buchstabens U und die alterthümliche Form des 
später Lusiu8 geschriebenen Namens; wir sind also wohl berechtigt, 
in diesem Fall von der Gleichheit des Namens auf Identität der 
Person zu schliessen. Dieses Ergebniss hat eine besondere Be- 
deutung; wie sich im Folgenden zeigen wird. Die Römer hatten 
im Jahre 166 v. Chr. Delos den Athenern geschenkt 1 ) und wahr- 
scheinlich gleichzeitig die Insel zum Freihafen erklärt 3 ), verniuthlich 



ruo» ovr roxtp PHHHHPAAÂA. — 2xtçoq>OQià>yoç' "Eçtp&y loharoç xi 
àurtiey o lâ*\?sioajo) ht 9 a^ovroç ^Xxtfid^ov naç[à Uç]on9ttâr Bvél- 
dovToç xai Uaçfiiyitoyoç ovy roxç> X. Dieser Hermon, Sohn des Solon, ist 
UD6 auch durch andere Denkmäler von Delos bekannt, nämlich durch die In- 
schrift einer Statue, die er dort dem König Massinissa gesetzt hat (Bulletin 
de corr. hell. 3 S. 470), und durch die ioschriftlich erhaltene Rechenschafts- 
ablage der Tempelverwalter aus dem Jahre des (delischen) Are hon Demares 
(Bull, de eorr. helL 6, 1882, S. 6—54), in der er öfters genannt wird (Z.39. 
40. 71. 102. 104. 105 der Vorderseite). Er scheint ein Délier gewesen zn sein. 

1) Im zehnten Bande des lateinischen In Schriften corpus werden diese 
sonst noch nicht publicirten flenkelinschriften die N. 8051, 21 bilden. [Bei 
Avolio dette anticke fatture di argilla che si ritrovano in SiciHa (Palermo 
1829) tav. III 17, vgl. S. 87 ist folgende Henkelinschrift publicirt TPIOSIO. 
Yermuthlich ist auch dies nur eine nachlässige Copie des richtigen TR* LOISIO. 
G. KJ 

2) Boeckh Abbandlungen der Berliner Académie 1834 S. 21 — Kleine 
Schriften Bd. 5 S. 467. Köhler Mittheilungen des Inst, in Athen 1 (1876) 
S. 265. 266. 

3) Polybius 31, 7 (s, S. 155 A. 2). Strabo 10, 5, 4 S. 486: rijy pfr 



Digitized by CjOOQ IC 



BEMERKUNG ZU EINER INSCHRIFT AUS DELOS 155 

indem sie bei der Cession der Insel den neuen Herren die Be- 
dingung auferlegten, keine Zolle im Hafen von Delos zu erheben. ') 
Diese Massregel war hauptsächlich gegen Rhodos gerichtet. Schon 
wenige Jahre nach dem J. 166 klagte eine rhodische Gesandtschaft 
in Rom darüber, dass seit der Errichtung des delischen Freihafens 
der Ertrag der rhodischen Hafenzölle um ein Bedeutendes 1 ) ge- 
sunken sei. Indess war die Absicht der Römer sicherlich nicht 
allein oder nicht so sehr darauf gerichtet gewesen, die Zollein- 
künfte des rhodischen Staates zu schädigen, als den Handel von 
Rhodus abzulenken und den Gewinn, den die rhodischen Kaufleute 
aus der Vermittelung des Austausches der Producte des Ostens und 
des Westens zogen, italischen Capitalisten zuzuwenden. Ein Haupt- 
absatzgebiet des rhodischen Handels war Sicilien gewesen, nach 
Ausweis der vielen dort gefundenen Amphoren mit rhodischen 
Stempeln. 8 ) — Dass Amphoren nicht ausschliesslich zum Transport 
von Flüssigkeiten dienten, ist bekannt. — Wir werden wohl nicht 

wv JrjXor ivdoÇov ytvo/uéyrjy ovtujç fr* pâXXov rjvfyoe xataoxaçptïaa vno 
'Pupaitav KÔQty&oç' ixtïot yào jMTtxaiçqaay oi £41*710004, xcà tijç ctrt- 
Xtiaç loi) tiQOv nçoxaXov/néyrjç avtovç xxX. 

1) In der Periode der Unabhängigkeit von Delos waren in dem dortigen 
Hafen Ein- und Ausfuhrzölle erhoben worden; wie daraus hervorgeht, dass in 
der jener Periode angehörigen kürzlich von Fabricius im Hermes Bd. 17 S. 4 
behandelten Inschrift C. I. Gr. 2266 für einen besonderen Fall Befreiung vom 
Zoll verliehen wird (a. a. 0. S. 5 Z. 18. 19). 

2) Wie es scheint, von 1 Million auf 850000 Drachmen. Polyb. 31, 7: 
?b Si fäytatov ovftnTupa xvjç nôUtoç* xatakélvTai yàç if xov Xipévoç 
nçéoodoç, vfAwy JqXov uiy areMj nenotqxoTQtv , atpgoyfiiytar ai r^v iov 
âjpov 7ïaçQ7jciay y oV tjç xai rà xatà toy Xi/uéya xai xaXXa navra x^ç 
noUmç hvy%aye srjç aofioCovaijç noooxaolac. ou ai row? * ïartv àktt&iç, 
ov âvoyioiç xavctfAa&êiy. rot» yàç âtti/utWov xarà roitç àrmisçov %qovovç 
èbçiaxoyjoç Ixavbv fÂVQêââaç âça^/nuiy yvv àtpyotixari [nach Hultschs Con- 
jeclur; überliefert ist svojxaTt; ivçtjxa/dey, «t/o/f xarà, evçtaxti war früher 
vorgeschlagen worden] mytexaidsxa /uvQiàdaç. 

3) Frans G. I. 6r. HI 6. 674—678. 1245 und besonders in der Vorrede 
S. II — XUI. — Gerade auf dem Eryx und in Licata, wo die Henkel mit Tr. 
Loin tum Vorschein gekommen sind, sind die rhodischeu Amphorennenkel 
besondere häufig. — Sonst sind in Italien rhodische Amphoreuhenkel zum 
Vorschein gekommen auch in Pompeji (BulL deW inst 1867 S. 68), Ardea 
{NotUië degH scavi nel regno (T Italia 1881 S. 91), Präneste (BulL doli inst 
1865 S. 75 ff.), Vulci (Bull, dtiï inst 1865 S. 77. 78), und in Sardinien (Spano 
bulletin* archéologie* sardo 5, 1859, S. 65, 142), doch, abgesehen von Pri- 

*neste, nur ganz vereinzelt. — Ueber das Aller der Hauptmasse der rhodischen 
.Amphorenhenkel urtheilt richtig P. Becker „Ueber eine zweite Sammlung un- 



Digitized by CjOOQ lC 



156 MISCELLEN 

fehl gehen, wenn wir in Trebius Lusius, der bald nach dem 
J. 166 in Delos den von der Verwaltung des dortigen Tempel- 
schatzes gewährten Credit benutzt hat und dessen Namen auf Am- 
phoren in Sicilien wiederkehrt, einen jener Itah'cei negotiants 1 ) 
sehen, in deren Interesse der römische Senat die Errichtung des 
delischen Freihafens angeordnet hatte und die nun von dem neuen 
Markte aus die rhodischen Kaufleute zunächst von ihrem Haupt- 
absatzgebiet im Westen verdrängten. *) 

Berlin. H. DESSAU. 



INSCHRIFT VON THERMAE. 

Im Museum von Termini copirte ich im Frühjahr 1880 ein 
Inschriftenfragment, welches noch unpublicirt scheint. Es ist der 
Rest einer oblongen Marmortafel, die rechts abgebrochen ist und 
in wenig sorgfältiger Schrift das folgende erhalten hat: 



:opnhah 
rosYriATozi 

r OZTOYZEÏ I MEP) 
vacat I M E P A H 




edirter Henkelinschriften aus Russland « (Jahrbücher für klass. Philol., 5. Sup- 
plementband) S. 520. 

1) Ich weiss wohl, dass man im Allgemeinen die auf den Amphoren- 
henkeln vorkommenden Namen, soweit sie nicht Namen von Beamten sind, 
auf die Verfertiger der Gefasse, nicht auf Kaufleute bezieht. Für die spätere 
römische Zeit ist dies im Ganzen und Grossen gewiss richtig. Für die 
griechisch beschriebenen Amphorenhenkel folgert man dies aus Fällen , wie 
dem von Stephani Compte-rendu de la commission archéologique 1859 
S. 143 n. 25 besprochenen (vgl. a. a. 0. S. t40). Allein ein solcher Fall 
ist nur für die Klasse von Henkeln massgebend, der er angehört, d. h. fär 
die Henkel mit Namen von Astynomen, die wahrscheinlich alle aus Olbia 
stammen. Mit den rhodischen Henkeln kann es sich immerhin anders ver- 
halten haben, und ebenso mit den vereinzelten lateinischen aus älterer Zeit 
— Uebrigens steht auch nichts der Annahme im Wege, dass der Kaufmann 
Trebius Lusius eigene Figlinen besessen und dort seinen Bedarf an Amphoren 
habe fertigen lassen. 

2) Beachtung verdient, dass auch in Kertsch (Panticapaeum) ein recht 
alter lateinisch gestempelter Amphorenhenkel zum Vorschein gekommen ist 
(G. 1. L. Ol n. 6243, 1, in Facsimile bei Stephani Compte-rendu de la com- 
mission arch. 1865 S. 220). 



Digitized by CjOOQ IC 



INSCHRIFT VON THERMAE 157 

Der hier genannte Mann war ein Cornelier, er war Consul, sein 
Cognomen endigte auf -mis: dies genügt, um mit Sicherheit P. Cor- 
nelius Scipio Africanus zu erkennen und die Inschrift, auf das 
Jahr 147 zu datiren. Ich würde aber eine vorzeitige Veröffent- 
lichung des Fragments nicht für angebracht gehalten haben, wenn 
dasselbe nicht durch eine Combination Mommsens ungewöhnliches 
Interesse erhielte. 

Als Himera im Jahre 409 von den Kqjthagern zerstört war, 
zogen die Sieger mit reicher Beute ab. Zu den hervorragendsteu 
Beutestücken gehörten verschiedene Erzbildwerke, eine Statue der 
Himera, ein Stesichoros, eine besonders kunstreich gearbeitete Ziege 
(Cic. Verr. Üb. II 35, 86). Dritthalb Jahrhunderte später fiel Kar- 
thago selbst Scipio sorgte dafür, den Sicilischen Städten das 
einst geraubte Eigenthum wiederzuerstatten, und so kamen jene 
Statuen an die Himeraeer, die längst in Thermae eine neue Hei- 
math gefunden hatten, zurück. Jetzt sind dieselben, fügt Cicero 
hinzu, so aufgestellt ut mihi semper Scipionis fore videantur itaque 
dicantur. Wenn die Bilder den Gesammtnamen der Scipionischen 
führten, werden sie wohl auch eine gemeinsame Aufstellung ge- 
funden haben, bei welcher eine gemeinsame Inschrift das Verdienst 
des Scipio verewigte. Diese Inschrift ist, wie Mommsen gesehen 
hat, die vorliegende. Einer dem Scipio errichteten Statue kann 
sie, wie der Nominativ des Namens zeigt, nicht angehört haben; 
vielmehr mag sie etwa so gelautet haben: 

IlonXioç] Koçvrjki[oç ïlonllov vlbç 2xtaiiov *A(pqi- 
xa]vbç Maroc i[navaxT7}oàiÀevoç èx KaQ%r\d6- 
voç tovç èÇ € IpéQ[aç avXrjd^évtaç àvÔQtâvxaç 
c I(€Qaio[iç QeQ/ALTavoïç. 
Da an eine Abkürzung des Vornamens nicht wohl gedacht werden 
kann, so weiss ich mir nur mit der Annahme zu helfen, dass er 
am Anfang der ersten Zeile besonders gedrängt geschrieben war. 
In Z. 2 würde ich das einfachere knavayayiuv vorgezogen haben, 
wenn ich den übrigen Raum durch überflüssige Flickwörter bätte 
ausfüllen mögen. Die Unterschrift der Dedication kann schwerlich 
anders gefasst gewesen sein; die Pointe musste zum Ausdruck 
kommen : was den Himeraeern geraubt war, wird den Thermitanern 
zurückgegeben. 

G. KAIBEL. 



Digitized by CjOOQ IC 



158 MISCELLEN 

INSCHRIFT DES POLLIUS FELIX. 

Bei dem Durchstich des Posilipp, welcher jetzt zum Behuf 
der Anlegung eines Tramways von Neapel nach Pozzuoli ausge- 
führt wird, stiess man im December 1882 unweit Piedigrotta auf 
eine römische in den Tuff gehauene Wasserleitung. Es sind 
schmale Gänge, eben hoch und breit genug, um einem Einzelnen 
den Durchgang zu gewähren; die Decke ist gewölbt, die Wände 
senkrecht ausgehauen # und mit Stuck bekleidet, der durch seine 
Stalaktitenkruste deutlich den Zweck der Anlage bekundet Auf 
den Wänden sind die Maasse von 100 zu 100 Fuss in dem ent- 
sprechenden Zwischenräume (von 29 x j% Metern) vermerkt; auf dene« 
des rechts laufenden Kanals sind die Zahlen C bis D, auf denen des 
links (wie es scheint in der Richtung auf die Punta di Posilipo zu) 
laufenden die Zahlen C <x, DCCC und dann wieder x gelesen wor- 
den; ganz ähnlich wie auf dem Emissarium des Fucinersees die 
Entfernungen verzeichnet sind. 1 ) Die Beschaffenheit und der Zweck 
dieser Anlage wird von Hrn. M. de Ruggiero genauer untersucht 
und in geeigneter Weise bekannt gemacht werden; für jetzt genügt 
es drei zusammengehörige, auf die Stuckbekleidung des rechts 
laufenden Kanals mit dem Griffel geschriebene Inschriften hier 
wiederzugeben, .wie sie in Neapolitanischen Localblättern vom Ja- 
nuar d. J. und in einer von Hrn. Colonna-Stigliano genommenes 
Abschrift mir vorliegen. Die Lesung ist durch die dortigen sachkun- 
digen Gelehrten, die Herren Minervini, de Petra, Galanti, Sogliano 
in befriedigender Weise festgestellt, so dass kein Buchstabe zweifel- 
haft bleibt. Die Schrift ist die gewöhnliche (II = e, l' = A k=Q, 
die sorgfältig nach jedem Wort gesetzten Punkte sind bezeichnet 
durch Querstriche, die an der oberen Spitze der Linie ansetze« 
und weit unter dieselbe hinabgeführt sind. 1 ) Jede der drei In- 
schriften 9 ) nimmt nur eine Zeile ein. Die erste und die zweite 
sind wesentlich identisch; sie lauten: 

Macrinus Diadumeni Aug. I proc. Antoniani disp. hie atnbulavü 

(hic fuit das zweite Exemplar) Nerva et Vestino cos. pr. idus 

Ianuarias. 



1) I. R. N. 5620 — CLL. IX 3888—3890 i. 

2) Also zum Beispiel: |QYAniIIST| 

3) Ausser dieser erwähnt Colonna noch eine in rother Farbe geschriebene 
Wandinschrift: LIBERI VIVAS. 



Digitized by CjOOQ IC 



INSCHRIFT DES POLLIUS FEUX 1S9 

Die dritte ausführlichere besagt : 
Macriwus Diadnmem Aug. I proc. Antonkmi disp. hie amhdavit 
a villa Potti Felicis, quae est epilimones, usque ad emissarium 
Paconianum Nerv* et Vestino cos. 
Also Macrinus, der Hausmeister des kaiserlichen Freigelassenen und 
Verwalters Diadumenus Antonianus, hat am 12. Jan. 65 n. Chr. 
diesen Kanal durchschritten, und zwar von dem Landhaus des 
PoHius Felix epilimones, wo derselbe also begann, bis zum Ende 
desselben, dem paconischen Emissarium. — Dass das letztere zu den 
Gütern des aus Tacitus bekannten Gesinnungs- und Schicksalsge- 
nossen des Thrasea, Paconius Agrippinus gehört hat, ist eine blosse 
Möglichkeit; dagegen ist Pollius Felix nicht bloss jedem Leser des 
Statius wohl bekannt, sondern es wird auch, wie dies Minervini 
gleich bei der ersten Veröffentlichung mit Recht hervorgehoben 
hat, eben dieses Landhaus desselben bei dem Dichter erwähnt. Als 
auf desselben Mannes Surrentiner Villa der neue prächtige Tempel 
des Hercules sich erhoben hat, führt der Dichter in dem Festge- 
dicht zu dessen Weihung (silv. 3, 2) unter all den andern lieb- 
lichen Statten an dem schönen Golf, die den neuen Nachbar sich 
anschauen, auch diese auf: 

147 spectat et kario nemorosus palmite Gaurus 
stlvaque quae fixam pelago Nesida coronat 
et placidus Limon omenque Euploea carinis 
150 et Lucrina Venus, Phrygioque e vertice Graias 
admiscestf), Misene, tubas ridetque benigna 
Parthenope. 
Es passt wohl zu unserer Inschrift, dass der holde Limon hier 
zwischen Nesida (der Insel Nisida) und Euploea (der Klippe la 
Gajola an der Punta) aufgeführt wird. Bestimmter noch tritt dessen 
Lage hervor an der ähnlichen Stelle (2, 2), in welcher der Dichter 
die von den verschiedenen Fenstern derselben Villa sich darbieten- 
den Aussichtspunkte aufzählt: 
16 haee videt Inarimen (Ischia), Mine Prochyta aspera paret: 
armiger hinc magni patet Hectoris (Misenum), inde malignum 
aéra respirât pelago circumflua Nesis: 
inde vagis omen felix Euploea carinis 
. 80 quaeque ferit curvos exerta Megalia (Castel dell' Uovo) fluetus. 
angitur et(l) domino contra reeubante proculque 
Surrtntina tum spectat praetoria Limon. 



Digitized by CjOOQ lC 



160 MISGELLËN 

Dass dieser der Surrentiner Villa gerade gegenüber liegende Limon 
eben die villa PoUi FeUcis quae est epilimones unserer Inschrift ist, 
leuchtet ein, obwohl ich die seltsame Bildung epilimones nicht zu 
erklären vermag — die Lesung ist sicher, das Wort allem Anschein 
nach voll ausgeschrieben und von dem sonst genau und richtig 
schreibenden Macrious als ein einziges behandelt. — Da jene Ge- 
dichte 25 — 30 Jahre jünger sind als unsere Inschrift, so ist der 
Pollius Felix der letzteren vielleicht nicht der Freund des Statius 
selbst, sondern dessen Vater gewesen; für die Zeitbestimmung 
dieser Gedichte ist auf keinen Fall aus der Inschrift etwas zu 
entnehmen. 

Berlin. — TH. MOMMSEN. 

ZU CICEROS REDEN. 

Unter den epigraphischen Collectaneen des Mariangelus Accur- 
sius (cod. Ambros. 125 sup.; in Abschrift 248 sup.) befindet 
sich eine Lage (jetzt f. 180 — 183), welche einige in der Juntina 
1521 fehlende Stellen der ciceronischen Reden tu Vatinium und 
pro Flacco enthält. Es sind dieselben, welche gedruckt zuerst in 
der Ausgabe des Andr. Cratander (Basel 1528) erschienen, und zwar 

in Vatin. 8, 24 cum filio principe iuventutis 

14, 34 Q. (so) Memii publias tabulis — 15, 35 lega- 
tionis mentio facta (so) est 

pro Flacco 31, 75 primum ut in oppidum — 33, 83 esse cetera. 
Die Ergänzungen zu der ersten Rede haben sich seitdem in allen 
massgebenden Handschriften derselben gefunden und verdienen 
keine weitere Aufmerksamkeit; dagegen steht das hier ergänzte 
Stück der Rede pro Flacco in unseren Ausgaben lediglich auf der 
Cratandrina, und zwar ist in dieser angemerkt, dass Konrad Peu- 
tinger dasselbe von Hieronymus Rorarius Foroiuliensis aus einem 
seitdem verschollenen Manuscript erhalten hat Da Accursius in 
den Jahren 1522. 1525. 1530 in Deutschland war und wenigstens 
in dem letzten Jahre auch in Augsburg, so ist es mehr als wahr- 
scheinlich, dass er diese Mittheilungen eben von Peutinger er- 
halten hat und für unsern Text daraus kein wesentlicher Nutzen 
erwächst; doch können wenigstens für die Beschaffenheit der von 
Rorarius eingesehenen Handschrift diese Auszüge vielleicht in Be- 
tracht kommen. 

Berlin. TH. MOMMSEN. 

(Januar 1883) 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE ITALISCHEN BÜRGERCOLONIEN VON 
SULLA BIS VESPASIAN. 

Die ungeheure Umwälzung des italischen Gemeindewesens in 
Folge der durch die Bürgerkriege von Sullas Dictatur bis auf die Con* 
stituirung der Monarchie hervorgerufenen Expropriationen der bis» 
hörigen Grundeigentümer zu Gunsten der Soldaten der obsiegenden 
Armeen hat zu einem grossen Theil ihren Ausdruck gefunden in 
der Umwandlung zahlreicher italischer Städte aus Burgermunicipieö 
in Bfirgercolonien ; und es ist wie vielfach für die Specialforschung, 
so audi von allgemeinem historischem Interesse so weit möglich 
festzustellen, in welchem Umfang und in welcher Weise diese 
Reditsverscbiebung stattgefunden hat« Indess auch hier maoben 
die arcana imperii sich geltend : der relativ vollständigen Liste seUuft 
der Bürgereolonien , wie sie aus den Annalen der Republik her- 
vorgeht, hat die Ueberlieferung der Kaiserzeit nichts Aehnbches 
gegenüberzustellen« Unter den uns erhaltenen Quellen erhebt allein 
die Naturgeschichte des älteren Plinius den Anspruch eine allge- 
meine Uebersicht der italischen Colonies zu geben; aber, wie 
weiterbin erörtert werden soll, hält sie nur in sehr bedingter und 
beschränkter Weise was sie verspricht und erhalten diese Angaben 
ihre volle Brauchbarkeit erst durch die aus der Vergleicbung der 
tonst vorliegenden Zeugnisse zu gewinnende Einsicht in ihre Be- 
dingtheit. Der dem Corpus der Gromatiker einverleibte sogenannte 
Mbtr cobniarum scheint zwar das zu geben, was wir suchen ; aber 
einmal fehlen in ihm die nördlichen Districte Italiens gänzlich, 
andrerseits umfasst er keineswegs die Colonien allein, sondern die 
Adsignationen überhaupt; vor allem aber ist dies Verzetchnlss so 
durch und durch zerrüttet und interpolirt, dass in älterer Zeit vor 
allem durch dessen unkritische Benutzung diese Untersuchung auf 
ganz falsche Wege gerathen ist. Die auf uns gekommenen Annalen 
der Kaiserzeit verzeichnen die neu angelegten Colonien nur zum ge- 

Hermta XVIII. 11 



Digitized by CjOOQ IC 



162 MOMMSEN 

ringsten Theil ; und auch die derartigen Tereinzelt bei Schriftstellern 
oder in Inschriften zerstreuten historischen Notizen reichen nicht 
allzu weit. In der That lässt sich ein wenigstens annähernd zu- 
treffendes Ergebniss hier nur dadurch finden, dass zunächst die Ent- 
wickelungsgeschichte jedes einzelnen italischen Gemeinwesens nach 
Möglichkeit festgestellt und dann versucht wird, diese Einzelergeb- 
nisse zusammenzufassen. Für die meisten derselben besitzen wir 
sichere Documente ihrer speciellen Rechtsstellung, oft auch in diesen 
eine Andeutung der Epoche, in welcher sie in dieselbe eingetreten 
sind; in noch weiterem Umfang lässt sich bestimmen, unter welchen 
Hagistraten sie standen und (kraus, da die Form der Magistratur 
in den Colonen von der der Munkipien abzuweichen pflegt^ ein 
wenn auch nicht unbedingt sicherer Rtickschloss auf die Rechts* 
Stellung der Gemeinden machen. Diese örtlichen Zeugnisse mache», 
so weit sie reichen, vollen Reweis und geben ans allein die Mög- 
lichkeit an die Hand theils die hier massenhaft auftretenden frischen 
Zeugnisse definitiv zu beseitigen 1 ), theils die glaubwürdigen richtig 
zu verstehen und zu beziehen. Aber diese zahlreichen zum Theil 
sehr weitläufigen, zum Theil auch notwendiger Weise nur m 
ewem hypothetischen oder zn gar keinem Endergebniss f öhrenden 
Efftzelermittekragen können nicht innerhalb des Rahmens einer 
allgemeinen Untersuchung angestellt werden, sondern müssen viel- 
mehr, wenn <&ese getrogen soll, eine jede für ölch so weit, möglich 
abgeschlossen vorliegen und deren Voraussetzung und Fundament 
bilden. 

Bei der Bearbeitung der lateinischen Inschriften ist es mein 
und meiner Arbeitsgeiessen vereinigtes Bestreben gewesen fttr 
Untersuchungen diefeer Art jene Grundlage zn bereiten.; und ich 
glaube jetzt daran gehe« zu können die Summe davon fttr Italien 
z« ziehen. Den grössten Theil dieses Gebiets — die augustisohen 
Regionen 1. (mit Ausschluss des eigentlichen Latium) 2. 3. 4. 5. 
9. 10. 11 — habe ich selbst in diesem Sinne in den Bänden ?. 
IX. X der Inscbriftensammlung bearbeitet; von dem elften Band, der 



t) Dergleichen finden sich sogar bei kundigen nnd gewissenhalten Schrift- 
stellern der besten Zeit. Wenn beispielsweise Strabon 5, 1, tl von Arimi- 
nnm nnd Ravenna sagt: éêâexrai <f inoixovç'Patpaiovç hatiqa, so ist nur 
die erstere Angabe richtig, die zweite — falls nicht etwa dabei an blosse 
Einzeladsignation bei unverändertem Stadtrecht gedacht ist — erwiesener 
Massen falsch: Ravenna ist stets Monicipium geblieben. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 163 

die übrigen drei Regionen umfassen wird, liegt mir in Bormanns 
Bearbeitung ein TbeH der achten Region geordnet tot. För den 
Res* der achten Region und für die ganze sechste (Ombrien) und 
siebente (Etrurieo), ferner für das eigentliche Latium habe ich 
Bormann* and Des$aus schriftliche Mittheilungen benutzen k&nnen. 
Ueberall gehört diese Untersuchung zu denjenigen, die ein schlecht- 
hin abgeschlossenes Ergebniss gar nicht liefern können, vielmehr 
mit dem anwachsenden inschriftlichen Material stetiger Besserung 
und Mehrung unterliegen werden. Zar Zeh wird auch die nttr an- 
nähernde Ermittelung des Richtigen nützlich sein, wenn sie an die 
Stelle der jetzt auf diesenb Gebiet herrschenden Scheinresultate tritt. 
Ich glaube daher nicht den Vorwurf unmethodischer Voreiligkeit mir 
znzuiiebeu, wenn ich einen Versuch mache das Verzeichnis» der 
Bttrgeroolonieu Italiens — latinische gab es dort bekanntlich nicht 
mehr seit der Ertheihing des Bürgerrechts an die Transpadaner 
durch das roscische Gesetz rom il. Mtfrz des J. 70S 1 ) — ton Sulla 
bis auf Vespasian aufzustellen. Das Verzeichnis« der vorsultanischen 
Golonien setae ich als im Allgemeinen feststehend voraus. 1 ) 

Colonien Sullas. 

Die Colonien Sullas sind sehr unvollständig bekannt. Es sind 
in diesem Abschnitt neben den wenigen sicher sullanischen alle 
diejenigen Gemeinden aufgeführt, die das Colonialrecht nach dem 
Bandesgenossenkrieg und vor dem Tode des Augustus erhalten 
haben müssen und auf Sulla zurückgeführt werden können, wäh- 
rend sie sonst in keiner der weiterhin zusammengestellten Kate- 
gorien passenden Platz finden. 3 ) 



1) Vgl. diese Zeitschrift 16, 24 f. 

2) Die bis cum Soeialkrieg gegründeten Börgercolonien stellt nach Madvigs 
and meinen früheren UntertochuDgen Marqaardt Staatsverw. !•, 38 f. sosam- 
men. Zu streichen ist darin Fabrateria noya, das nach Ausweis der Special-« 
ua4ersucfcung €. X ». 647 bei seiner Gründung als Rechtsnachfolgerin Pre- 
gelbes nicht Borger-, sondern latinisches Recht erhalten hat and demnach 
späterhin als munioipium auftritt. 

&) Ausgeschlossen ist Gortona, da die Angabe bei Dionystos 1, 26 fiber 
den Namenwechsel und die Golonisirung der Stadt vielleicht auf den Uebergang 
des 'pelasgischea' Kroton in das römische Gortona zu beziehen ist. Auch steht 
die Stadt unter Quattuorvirn (aim. del? inst 1863 p. 291). — Auch Casinum 
wird wohl aasgeschlossen werden müssen, nachdem zwei Inschriften guter 
Zeit vorliegen (Orelli 3b85 und die G. X p. 979 angeführte) , worin dasselbe 

11* 



Digitized by CjOOQ IC 



164 MOMMSEN 

Abella. 

Dass Abella schon in der früheren augugtisehen Zeit Colonial* 
recht besass, lehren die Inschriften (insonderheit X, 1210: cohnei 
et incolat; vgl. G. X p. 136). Die Angabe in der gromatisohen 
Liste p. 230: Abeüs municipium: coloni vel famttia imp. Fespa- 
«tant iusm ehu aecepenmt ist also wenigstens in der Haupt- 
sache irrig. 

Abellinum. 

Auch Abellinmn hat nach Ausweis der Inschriften schob iron 
Anfang der Kaiserzeit an Golonialrecht gehabt (€. X p. 127). Von 
den dear Stadt im dritten Jahrhundert beigelegten Benennungen 
colonia Venferia) Lwia (unsichere Lesung) Augusta AkxtmèriaM 
Abellinatium (C. X, 1117) kann die erste auf Sulla, aber aller- 
dings auch auf Augustus zurückgeführt werden. Die Benennung 
der Colonien nach Göttern, in republikanischer Zeit gewöhnlich, 
kommt einzeln noch bei julischen vor — so heisst Pola colonie 
Heradanea, Salooae cêionia Mortui — , aber meines Wissens nicht 
später. — Bei dem Gromatiker p. 229, 16 heisst die Stadt «te- 
ducta lege Sempronia. 

Allifae. 

Die Stadt erscheint in den zahlreichen Inschriften nur als Co- 
lonie und muss spätestens in augustischer Zeit dies Recht er- 
halten haben (C. IX p. 214). Die Angabe des gromatischen Ver- 
zeichnisses p. 231, 3: agw lege triumvirali est adugnatu* kann 
richtig sein. 



municipium heisst, wahrend diejenigen, die den Ort Colonie nennen (C. X, 
4860. 5198. 5200. 5796), allem Anschein nach dem 2. und 3. Jahrhundert 
angehören. Allerdings finden sich Duovirn schon seit dem Jahre d. St. 714 
(G. X p. 510); aber die Regel, dass diese Magistratur den Colonien eigen ist, 
unterliegt nicht wenigen Ausnahmen. — Es hätte noch sonst eine Reibe too 
Städten hier verzeichnet werden können, welche, wie sum Beispiel Ubaisa 
und Hispellum, in Inschriften der mittleren oder spateren Katserzeit als Co* 
ionien erscheinen und deren frühere Rechtstellnng nicht bekannt ist Aber 
mit demselben Recht hätten dann auch diejenigen Ortschaften hier aufgeführt 
werden müssen, deren Municipalordnung wir überall genauer nicht kennen« 
Eine umfassende Arbeit über die italischen Gommunen, welche nach Abschlags 
der noch ausstehenden Inschriftenbände nothwendig wird ausgeführt werden 
müssen, wird allerdings neben der Zusammenstellung der mit Stadtrecht ver- 
sehenen Orte überhaupt auch alle diese Kategorien aufzustellen haben; bei 
dieser vorläufigen Untersuchung schien es angemessen die blossen Möglich- 
keiten aus dem Ansatz zu lassen. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 165 

Ardea. 

Colonie nach den Inschriften CI. L. VIII, 7044 aus der Zeit 
der Antonine und X, 6764 vom J. 223, vermuthlich aber älteren 
Ursprungs, da der Duovir C. X, 6766 wahrscheinlich (besonders 
wegen der mit Buchstaben geschriebenen Iterationszahl) der 
früheren Kaiserzeit angehört. Glaubwürdige Zeugnisse Ober die 
Entstehung der Colonie fehlen; die Angabe der gromatischen 
Liste p. 231, 1: imp. Hadrianus eensiit ist ohne Gewähr. 

Arretium. 

Wenn Cicero einerseits angiebt, dass die Adsignation des vo- 
laterrani8Gben Gebietes von Sulla beabsichtigt, aber nicht durch- 
geführt sei (ad Att. 1, 19, 4 vom J. 694: Volaierranos et Arre- 
tinos, quorum agrum Sulla pubUcarat neque diviserai, in sua 
possessions retinébam), andererseits doch wieder von sulknischen 
colom Volaterrani spricht (pro Mur. 24, 49 vom J. 691 : colonorum 
Arretmorum et Faesuhnorum exereitus im Gegensatz zu dem dis- 
simillimum genus der homines perculsi SuUani temporis calami- 
tate), so kann dies wohl nur dahin verstanden werden, dass 
die sullaoische Adsignation zwar thatsächlich, aber in ungültiger 
oder doch anfechtbarer Weise vollzogen worden ist Dafür, dass 
schliesslich den sullanischen Colonisten in Arretium (schwerlich in 
Volaterrae) ihre Landloose verblieben, sprechen ausser anderen Er- 
wägungen (Cicero de domo 30, 79 verglichen mit pro Caee. 33, 97), 
besonders die in späterer Zeit neben den Arretini Fidentiores 
und den Arretini Mienses (Plinius 3, 5* 52) auftretenden Arre- 
tted veteres. Denn es scheint eine Besonderheit der sullanischen 
Colonisirung gewesen zu sein, dass neben den neuen coloni die 
Altbürger in geschmälertem Rechtszustande verblieben; wenigstens 
wiederholen sich analoge Verhältnisse bei Pompeii und Nola. 1 ) 
Die Inschriften bestätigen das Colonialrecht wenigstens insofern, 
als ein (von Bormann mir mitgetheilter) im J. 1874 in Arezzo 
gefundener Ziegelstempel j> col • fId die Arretini Fidentiores 



1) Wie die Ciasini veteres und novi (Plinius n. h. 3, 5, 52) aufzufassen 
sind, weiss ich nicht. In den Inschriften von Chiusi scheint, wie Bonnann 
mir mittheilt, das Stadtrecht nirgends präcisirt zu werden; als Vorsteher be- 
gegnen sowohl Duovirn wie Quattuorvirn. Die beiden Fabrateria vetus und 
nova sind zwei örtlich getrennte Gemeinden; und auch die räthselhaiten 
Ferentinates novani (G. X p. 572) scheinen ähnlich aufgefasst werden zu 
müssen. 



Digitized by CjOOQ IC 



166 MOMMSEN 

als coloni bezeichnet 1 ) und die Magistrate Duovirn sind (Gori 
inscr. Etr. 2 p. 312 f.). — Nach den Groroatiker p- 215,. 3 ist 
Arreüum colonia lege Augustea cemsMa. 

Faesulae. 

Deduction von Colonisten nach Faesulae bezeugt Cicero in 
Cat. 3, 6, 14 (vgl. 2, 9, 20) und pro Mur. 24 , 49. Indeas steht 
die Stadt später unter Quattuorvirn (Inschrift van Ostia bei 
Lanciani in Fiorellis NoHxU degli scavi 1880 p. 476 — C. 1. L. 
XIV, 171). 

Grumentum. 

Die einzige Inschrift, welche das Stadtrecht angiebt (C X, 228), 
macht den Ort zur Colonie. Sie selbst ist frühestens aus dem 
2. Jahrhundert, aber die schon in Inschriften bester Zeit hier 
auftretende Magistratur des praetor** duoviri macht es wahr- 
scheinlich, dass die Entstehung der Colonie hoch hinaufreicht; 
vielleicht ist sie gleichzeitig mit Abellinum und Telesia gegründet, 
die die gleiche Magistratur aufzeigen. 

Interamnia Praetuttiorum. 

Interamnia Praetuttiorum, das heutige Teramo, ist nach Aus- 
weis der Inschrift C. IX, 5074. 5075 «• Henzen 6962 in augu- 
stischer Zeit (denn spätestens auf diese führen die sprachlichen 
Formen) zugleich Mumcipium und Colonie gewesen : Q. C. Pop* 
paeei Q. f. patron(ei) munkipi et colonùn nwnicipibu* coloneü 
incoleis hotpitibus aéoentoribus lavationem .... dont. Zeugnisse, 
die diese Angabe erläutern, liegen nicht vor, und auch was von 
Beamteninschriften dieser Stadt sich erhalten hat, läset nickt er- 
kennen, wie bei dieser Doppelgemeinde die Magistratur geordnet 
war. Die nächste, wenn auch vermutlich nicht völlig antref- 
fende Analogie bietet Pompeii, und wohl mag auch diese Colonie 
auf Sulla zurückgehen. 

Nola. 

Vgl. unten S. 185. 

Paestum, 

Dass Paestum, latinische Colonie der Republik, durch den 
Socialkrieg Municipium wurde und unter Quattuorvirn kam, ist 
nicht bloss durch die allgemeine Consequenz gegeben, sondern 



t) Die Inschrift des municipium ArreUnum Mur. 1101, 5 (daraas Grat 
372, 12 = Mur. 1028, 8 — Gori 2, 315) ist ligorisch. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BOBfiBRCOLONIEN 167 

wird auch bestätigt durch «be freilich sparsamen Mflnaen dieser 
Epoche, welche Qnattuorvirn nennen. Späterhin, and «war Min- 
destens schon in froh augustieeher Zeit, erscheint die Stadt als 
Bttrgercolonie unter Duovirn (C. I. L. X p. 53). Die Ertheilong 
des Colomalrechts muss auf Sulla oder auf die Triumvirn zu- 
rückgeben. 

Pompeii. 

Colonia Veneria Cornelia Pompeii noch in den Urkunden der 
neronischen Zeit (C. X p. 89); unsres Wissens die einzige sul- 
lanische Colonie, die auch späterhin noch den Namen Ares 
Stifters geführt bat. Dass die Altbürger noch in der ciceroniseben 
Zeit neben den Cotonisten nicht als besondere Gemeinde, aber 
als minder berechtigte Gemeindeglieder standen, erhellt aus 
Cicero pro Sulla 2 t (vgl. C. L L. a. a. 0.). 

Praeneste. 

Praeneste, als Colonie beseichnet im J. 691 d. St. ?on Cicero 
in Cot. l f 3, 8 (vgl. de l. agr. 2, 28, 78), ist dies ohne Zweifel 
in Folge der Einnahme durch Sulla geworden (vgl. Strabon 5, 3, 
11; Florus 3, 21, 27). Auch die Inschriften bezeugen die Co- 
lonialeigenschaft derselben (Orelli 1831. 2391. 3051. 3326; Wil- 
manns 1273 und sonst) und geben ihr Duovirn (C. I, 1140. 
1141). Wenn Kaiser Tiberius die Praenestiner ex colonia in 
munieipii statum redegit (Gellius 16, 13, 5), so hat dies wohl 
keinen Bestand gehabt 1 ); die oben angeführten Inschriften bezeu- 
gen das Colonierecht bis in das dritte Jahrhundert. — Hat die 
Angabe der gromatischen Liste p. 236, 14: ager eins a Vvirispro 
forte hi iugeribus est adsignatus ihre Richtigkeit, so bezieht sie 
sich schwerlich auf die sullanische Colonisirung, sondern eher 
auf spätere Einzeladsignationen Caesars im praeneslinischen Stadt- 
gebiet (vgl. Staatsrecht 2 2 , 610). 

Telesia. 

Die inschriftlich bezeugte Benennung der Stadt colonia Her- 



1) Nicht ohne Wahrscheinlichkeit bezieht Dessau auf diese Epoche die 
Inschrift von Praeneste (Petrin! mein. Freuest, p. 3t0): Gen[io] munteipi C. 
Taloniut Cypaerue ....d.d. ( Die Buchstaben des von mir gesehenen Steins', 
schreibt mir derselbe, 'sind gewiss jünger als Tiberius, wenn auch vielleicht 
'tut dem 1. Jahrb. nach Chr.*. Dasselbe wird auch gelten von der ebenfalls 
prienestinischen Inschrift des G. Septimius Severus patronus munieipii (Grat. 
476, 8 — Petrin! p. 3t8) v falls dies munieiphim Praeneste selbst ist. 



Digitized by CjOOQ IC 



168 MOHMSEN 

Cutanea) Teltsia, sowie zahlreich« andere Zeugnisse beweisen, 
nach dem so eben über die Benennung âtr Städte nach Göttern 
Bemerkten, dass die Stadt spätestens in augustischer Zeit Colonie- 
recht erlangt hat (C. IX p. 205). Colonia a triumviru dêducta 
heisst sie in der gromatischen Liste p. 238, 3 ; wahrscheinlicher 
hat sie das Colonierecht von Sulla erhalten, da sie, wie Abeili- 
num und Grumentum, unter praetores duoviri steht und eine 
der von diesen Magistraten gesetzten Inschriften (IX, 2235) aus 
sprachlichen Gründen wahrscheinlich der republikanischen Epoche 
zuzuweisen ist. 
Urtana. 

Colonia Suttana nuper Capuae contributa nach Plinius h. n. 
14, 6, 62. Wenn diese Ansiedlung, wie die pompeianische, sich 
auf eine vielleicht nicht beträchtliche Anzahl von Landloosen 
innerhalb des Gebiets von Capua beschränkte, so ist es um so 
begreiflicher, dass sie einige Zeit nach Wiederherstellung des 
Stadtrechts von Capua in dieser Colonie aufging. Inschriftliche 
Zeugnisse hat sie, so viel wir erkennen können, nicht hinter- 
lassen. Vgl. C. X p. 460. 

Colonien Caesars. 
Caesar hat bekanntlich durch das von ihm als Consul im J. 695 
eingebrachte Ackergesetz die Bodenanweisungen für Italien wie für 
die Provinzen allgemein geordnet 1 ). Coloniegründungen indess 
haben in Italien auf Grund dieses Gesetzes nur da stattgefunden, 
wo das Domänenland in territorialer Geschlossenheit vorhanden war, 
also vor allem in dem ehemaligen Gebiet von Capua. Hier wurden 
von den Zwanzigmännern des julischen Gesetzes die drei Colonien 

Capua 

Casilinum 

Calatia 
gegründet 9 ), die übrigens nicht als Militärcolonien aufgefasst wer- 

1) Dies zeigen sehr klar die Anfangs worte des 53. Gapitels dieses Ge- 
setses (als solches erwiesen durch die lex coloniae Genetivae; vgl. Eph. 
epigr. 2 p. 120) im gromatischen Corpus p. 263: quae colonia hoc lege de- 
ducta quodve municipium praefectura forum conciUabuhtm constitutum eriL 
Aas der Ackeradsignation ex lege Iulia darf man also nicht auf das Vorhan- 
densein einer colonia Iulia schliessen. 

2) Vgl. G. X p. 368. 369. Andere Städte werdeu in dieser Verbindung 
nicht genannt und wenn Cicero Schreibt (ad ML 16, 8): (Octavianus) vete- 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BORGEItCOLONIEN 169 

den dürfen, sondern vielmehr rechtlich mit denen des C. Gracchus 
auf einer Linie stehen, auch, so weit sie ihren Rechtsgrund 
lediglich in dem Gesetz vom J. 695 hatten, den mit dem Wesen 
der Militärcolonie verknüpften Personalnamen schwerlich geführt 
haben werden. — Als später Caesar dasjenige Imperium übernahm, 
welches zur Gründung von Militärcolonien berechtigte, hat er allem 
Anschein nach davon wohl in den Provinzen, aber nicht in Italien 
Gebrauch gemacht. Nachdem die campanische Domäne vertheilt 
worden war, konnten Gründungen dieser Art, in einigem Umfang 
wenigstens, nur erfolgen auf Grund der Expropriation bestehender 
Bürgerschaften; und deren hat sich Caesar ebenso enthalten wie 
der Proscriptions. 1 ) — Nach Caesars Tode hat M. Antonius an- 
geblich ex actis Caesaris die Colonien Capua und Calatia abermals 
deducirt*); weitere derartige Maassregeln werden nicht berichtet. 

Colonien der Triumvirn. 

Nach dem zuverlässigen Beriebt Appians 8 ) stellten die Trium- 
virn Lepidus, Antonius und Caesar gleich nach dem Abscbluss des 
Triumvirats (27. Nov. 711) für den Fall des Sieges über die Partei 
der Republikaner ihren Truppen die Vertheilung der Territorien 
von achtzehn der ansehnlichsten italischen Städte in Aussicht. Nach- 
dem der Sieg erfochten war, wurde zur Ausführung geschritten. 
Indess wurden einerseits zwei der bezeichneten Städte, das brut- 
tische Regium und Vibo, in Folge ihres Verhaltens Sex. Pompeius 



ranos qui CatiUni et Calatiae sunt perduxit ad suam sententiam . . putat 
reUquas colonias obire, so haben wir für die 'übrigen Colonien' keine be- 
stimmte Erklärung. Möglich ist es, dass namentlich in Etrurien noch andere 
kleinere Ortschaften auf Grund des Gesetzes von 695 Golonierecht empfangen 
haben; möglieh aber auch, dass hier die mit Colonisten belegten und auf 
Grand desselben Gesetzes neu geordneten Municipien mit Capua zusammen zu 
▼erstehen sind. 

1) Dass Comum, obwohl von Caesar als BOrgercolonie organisirt, später- 
hin munieipium gewesen ist, steht fest (C. V p. 565). Wie diese auffallende 
Wandelung sich vollzogen hat, wissen wir nicht; doch darf daran erinnert 
werden, dass die Verwandlung einer colonia in ein munieipium rechtlich 
möglich ist (Gellius 16, 13, 5) und nichts der Annahme im Wege steht, dass, 
als die transpadanischen Gemeinden überhaupt zu munieipia civium Roma- 
narum gemacht wurden, auch Comum sein von den Anticaesarianern be- 
strittenes Colonialrecht mit dem municipalen vertauschte. 

2) Cicero Philipp. 2, 39. 40. 

3) Appian b. c. 4, 3. 25. 5, 22. 



Digitized by CjOOQ IC 



170 MOMMSEN 

gegenüber im J. 712, von der Eipropriationsliste gestrichen 1 ), 
andrerseits die Expropriining in dem Masse erweitert, das» sie & fast 
ganz Italien 9 umfasste*); welcher Ausdruck wohl übertreibend sein 
mag, aber doch genügend beweist, dass sich die liassregel nicht 
auf jene sechzehn Städte beschrankt haben kann. 3 ) Also kennen 
wir nicht die Gesammt-, sondern nur die Minimalzahl dieser Co* 
Ionien. Namhaft gemacht werden davon ib beglaubigter Weise die 
folgenden zwölf: 

1. Anco na. 

Appian 6. c. 5, 23. C. IX p. 572* 690. 

2. Ariminum. 

Appian 6. e. 4, 3 nennt Ariminum unter den im J. 711 zur 
Colonisation bestimmten Städten. Es kann in FVage kommen, oh 
dies zur Ausführung gelangt ist, da die Colonie spater Angmüa 
Ariminum heisst (C. XI p. 76). Indess mag die bei der trium- 
viralen Deduction der Stadt gegebene Benennung späterhin abge- 
kommen oder nur zufällig uns nicht erhalten sein. 

3. Beneventum. 

Appian b. c. 4, 3. C. IX p. 136. 

4. Capua. 

Appian 6. c. 4, 3. C. X p. 368. 

5. Cremona. 

Probus zu Vergib Ed. p. 6 Keil. C. V p. 414. 

6. Firmum. 

Colonie bei Plinius, womit die Inschriften stimmen (C. IX 
p. 508). Dafür, dass sie von den Triumvirn gegründet ist, spricht 
nicht so sehr das Zeugniss der gromatischen Liste (p. 226, 2: 



1) Âppian 4, 86. Dass diese Befreiung in der That stattgefunden hat, 
bestätigen die Inschriften, denen infolge (X p. 3. 7) beide Städte auch spater 
noch Municipien gewesen sind. 

2) Appian 5, 22: tbv Kaiaaga . . . rijv 'IiaXiar üxtaoy anaoay evtl 
fAovatv ôxtùixaiâtxa noktwy toîç iavçaTéVfUvotç xaïayqâcpny , téccaçoi 
is xai TQiàxorta lileow dvzï oxxm xal êïxooi rcfr avfA/uccxqaayjur htê- 
vi/mr . . yijv. Diese 28 Legionen schlägt Appian (5, 5) furo tüv awtaa* 
aofdraiv auf 170000 Mann an. 

3) Allerdings ist auch zu erwägen, dass nicht nothwendig jede triam- 
virale Adsignation auch Golonialgröndnng in sich schliesst und dass insonder- 
heit die Uebergriffe in die angrenzenden Stadtgebiete, wie sie zum Beispiel 
in Beziehung auf Mantua bei der Deduction too Cremona bezeugt sind, die 
Rechtsstellung der Gemeinde Mantua nicht veränderten. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 171 

limüibus triwnvtraUbus) , als dass, wie bei Falerio gezeigt igt, 
Firmum vor dieser Colonie gegründet ist, also wahrschein- 
lich dieses nach der philippischen, jenes nach der actischen 
Schlacht. 

7. Luca. 

Die stadtrömische Inschrift C. VI, 1460« Henzen 6493 des 
L. Hemmius praefectui kg. XXVI et VII Lucas ad agros dwi- 
dundos beweist, da es eine 26. Legion in der stehenden Armee 
des Principats nicht gegeben hat, dass entweder nach der phi- 
lippischen oder nach der actischen Schlacht jene zwei Legionen 
nach Luca deducirt worden sind. Der ersteren üblichen An- 
nahme bin auch ich gefolgt (Staatsrecht 2 2 , 716); doch muss 
eingeräumt werden, dass dafür keine entscheidenden Gründe 
sprechen. Colonie wird Luca genannt in der veleiatischen 
Alimentartafel Traians und einer Inschrift derselben Zeit (Hur« 
726, 3). 

8. Nuceria (Constantia). 

Appian b. e. 4, 3. C. X p. 124. Da den Inschriften zufolge 
Nuceria auf jeden Fall früh Colonie geworden ist, so ist es un- 
statthaft, mit Beloch (ital. Bund S. 7) hier Luceria zu emendiren. 
Dass Appian an einer anderen Stelle (2, 38) für Luceria fälsch- 
hch Nuceria setzt, giebt kein Recht hier den gleichen Fehler 
anzunehmen. Wir kommen darauf weiterhin zurück. 

9. Pisaurum. 

Plutarch Anton. 60: Ileiaavça Idvtiovlov nôkiç %h)QOv%la. 

10. Sora. 

Die Inschrift C. X, 5713 ist einem Mann gesetzt, der vor der 
Deduction der Colonie Illlvir t. d. f dann ctlonia deducta pri- 
mm pontifex war, von der legio IUI Sorana; diese Legion ist 
sicher entweder nach der pbilippischen Schlacht von den Trium- 
mjk oder nach der actischen von Caesar angesiedelt worden, 
allem Anschein nach an eben dem Orte, von dem sie bei ihrer 
Bildung den Namen empfangen hatte. Die Benennung colonia 
hdia pra .... (C. X, 5711) passt für die trium virale wie für 
die actische Deduction. Die Angabe der gromatischen Liste, dass 
Spra iussu Caesaris Augusti deducirt sei (p. 237, 17), hat ge- 
ringes Gewicht. Wahrscheinlicher schreibt man sie der ersteren 
Ansiedlung zu, wie ich dies X p. 560 gethan; mit Sicherheit 
aber ist die Alternative nicht zu entscheiden. 



Digitized by CjOOQ IC 



172 MOMMSEN 

11. Tergegte. 

Dass die Stadt schon frtth Colonie geworden ist, bezeugt Pli- 
nius, und bezeugen auch die Inschriften wenigstens insoweit, 
dass sie nur Duovirn nennen. Der inschriftlich bezeugte Bau 
der Mauern und Thürme dieser Stadt durch Caesar im J. 721 
(C. V, 525) wird nicht füglich von der Stiftung der Colonie ge- 
trennt werden können und ist dieselbe danach in die Trium- 
viralzeit zu setzen. 

12. Venusia. 

Appian b. c. 4, 3. C. IX p. 44. 

Colonien des Augustus. 

Glaubwürdige Zeugnisse, sei es bei Schriftstellern, sei es in- 
schriftliche, über die von Augustus von der actischen Schlacht an 
gegründeten Colonien besitzen wir nur in messiger Zahl. 

1. A teste. 

Für Ateste liegt die bekannte Inschrift vor, gesetzt einem Sol- 
daten Actiaco proelio navali facta in cohniam deducto et ab 
ordine decurioni attecto (C. V n. 2501), womit die übrigen Zeug- 
nisse übereinstimmen (C. V p. 240). 

2. Augusta Praetoria. 

Dass in dieser Stadt nach Ueberwindung der Salasser im J. 729 
von Augustus 3000 Veteranen aus dem praetorium angesiedelt 
worden sind, berichten Strabon 4, 6, 7 und Dio 53, 25. — 
Die Inschriften bezeichnen das Ortsrecht nicht, nennen aber 
Duovirn (C. I. L. V p. 757). 

3. Bononia. 

Als nach dem Bruch zwischen Caesar und Antonius ganz Ita- 
lien jenem den Treueid schwur, erliess derselbe ihn den Bono- 
niensern, quod in Ântoniorum clicntda antiquitus erant (Sueton 
Aug. 17); womit also auf ein schon von einem der Vorfahren 
des Triumvir begründetes Patronat über die Stadt hingewiesen 
wird. Damit ist nicht wohl zu vereinigen, was Dio 50, 6 an- 
giebt: Augustus habe die von Antonius in Italien angesiedelten 
Leute entweder geschreckt oder gewonnen; %i te yàç alla 
mai tovç trjv Bovwvtav inoixovwaç avràç av&tç, ïva di} 
xal vq? êavrov àmpxio&ai dowiïoi, nQOOxateoTrjoaTO. Denn 
wenn unter dem Triumvirat eine doppelte Deduction von Co- 
lonisten nach Bononia stattgefunden hat, bei deren erster der 



Digitized by CjOOQ lC 



ITALISCHE BÜRGEKC0L0N1EN 173 

Einfluss des Antonius, bei der zweiten der Caesars überwog — 
und dies scheint Dio doch zu meinen — , so ist es nicht bloss 
auftauend, dass Antonius gerade eine in seiner Clientel stehende 
Bürgerschaft ait einer Colonie belegt hat, sondern auch uner- 
klärlich, warum Caesar nach der zweiten Deduction einer jeüt 
der Mehrzahl nach ihm ergebenen Bürgerschaft den Treueid 
nachgelassen haben soll. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Dio 
zwei Thatsachen, das Patronatrecfat der Antonier über Bononia 
und die dadurch bedingte besondere Anhänglichkeit der Bono« 
nienser an Antonius und die Deduction nach Bononia durch 
. Caesar nach der Schlacht bei Actium, incorrect mit einander 
vermengt hat. Letztere Deduction selbst wird zwar nicht aus- 
drücklich bezeugt, aber mit Recht macht Bormann (C. I. L. XI 
p. 133) dafür geltend, quad in tituh n. 720 (— Orell. 3325) 
Augustus dicitur ' dt vus Aug. parens* et quod apud Plinium n. h. 
33, 4, 83 narratur scitum 'veteranorum unius Bonaniae ho$pitali 
divi Augusti cena' dictum, qui interfuerat 'Antoni Parthicis rebus'. 1 ) 
— Colonie auch bei Plinius. 

4. Falerio. 

Die Inschriften zeigen diese Stadt als Colonie unter Duovirn 
(C. IX p. 517). Dass Falerio von Augustus spater als Firmum 
(S. 170), also wahrscheinlich nach der actischen Schlacht ge- 
gründet worden ist, geht mit Wahrscheinlichkeit hervor aus dem 
Rescript Domitians in dem Rechtsstreit dieser beiden Gemeinden 
Ober die subsidva (C. IX, 5420). 

5. Hinturnae. 

Diese Bürgercolonie der Republik zählt Hyginus p. 177 Lachm. 
zu denen, welchen Augustus data Herum colaniae nomine neue 
Bürger zuwies. 

Das gromatische Verzeichniss. 
Es darf nicht unterlassen werden die Aussagen der gromati- 
sehen Liste 1 ) über die angeblichen Colonien Sullas, der Triumvirn 

1) Ein Soldat, der den parthischen Fddsog vom J. 718 mitgemacht hatte, 
kann nicht füglich bei der Triumtfraladsignation bedacht worden sein. Uebrigeos 
■»cht diese Stelle es sehr wahrscheinlich, dass die Adsignation nach der 
tetischen Schlacht die Antonianer bis zu einem gewissen Grade einschloss. 

2) Ich verstehe darunter die in der Lachmannschen Ausgabe als Über 
tokniamm I gedruckten Verzeichnisse, mit der näheren Bestimmung, die 
ich in derselben Ausgabe Bd. 2 S. 157. 165. 166 gegeben habe. Der soge- 



Digitized by CjOOQ IC 



174 MOMHSEN 

trad Augustus bier übersiebtrieh ztisammenioslelle* und zu Beigen, 
dass bei der Masse der erweisticb irrigen Angaben darin es scUech- 
ferdings geboten ist bei dieser Untersuchung sämmtKcbe Zeugnisse 
dieser Quelle abzulehnen. Allerdings liegt den misten wohl nicht 
eigentliche Fälschung zu Grunde, sondern Verschiebung und Zer- 
rüttung, vor allen Dingen die Vermischung der blossen Assignation, 
die das Stadtrecht unberührt lässt, bnd der eigentlichen Colonisation. 
Aber in Betreff der letzteren kann man nur entschiedenen Protest 
einlegen gegen das jeUt Ubitebe Verfahren die grosse Mehrzahl 
dieser Nachrichten zu ignoriren oder abzuweisen, aber einzelne 
derselben, wo sie eben bequem sind, als beweiskräftig zuzulassen. 

1. Angeblich sullanische Colonien. 1 ) 
Aricia. 

p. 230, 10: oppidum: lege SuHana est munüa. — Vielmehr 
auch später munictpmm (Cicero Phil. 3, 6, 15) unter Dictatoren 
(Orell. 1455; Wilmanns 1768). 
Bovillae. 

p. 231, 11: oppidum: lege Sullana est circumducta. — Viel- 
mehr municipium (Wilmanns 664, wo decuriones und munieipa 
hn Gegensatz stehen, letzteres also nicht im Sinn von 'Mitbürgern' 
gefasst werden kann) unter Quattuonrirn (Wilmanns 664 vgl. 1326). 
Capitulum. 

p. 232, 20 : lege Sullana est deductum. — Deber die Rechts- 
stellung des Städtchens fehlt es an Zeugnissen; die Präloren, 
unter denen es stand (C. X p. 590), können die latinischen sein. 
Capua. 

p. 232, 1: ager etus lege Sullana fuerat adsignatus. — Dass 
Capua durch Sulla nicht zur Colonie gemacht worden, ist no- 
torisch; allenfalls kann die Ansiedelung von Urbana gemeint 
sein (vgl. C. X p. 368). 

nannte Über coloniarum II tnd was sonst von dt rartfgen Listen nicht im 
Arcerianus steht, ist so durch und durch gefälscht, dass es nicht der Mähe 
lohnt dabei zu verweilen. 

1) Wire es sicher, dass die gromatische Liste mit der qoinqueviralen 
Adsignation bei Praeneste die sullanische meint (S. 167), so masste auch 
die gleichartige Notiz über Venafiram p. 290, 7: quinque viri deduxrwmt 
sine colonie ähnlich bezogen werden; und möglich ist es, dass der jnliscben 
hier eine coroelische Adsignation voraufgegangen ist. Aber um dies auch nur 
als wahrscheinlich hinzustellen, wie dies nach Andern Hensen (zu 7042) ge» 
than hat, bedarf es doch eines festeren Grundes. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BCRfiBRCOLONIEN 175 

Castrimoenium. 

p. 223, 3: oppidum: lege Juliana est nmnitum. — Vielmehr 
municipium (Orelli 4034; Fabretti 688, 102> Vgl. in dieser 
Zeitschrift 16, 52. 
Gabh. 

p. 234, 1 5 : oppidum lege Sultana mumtum. >— Vielmehr *m- 
mcipium unter Qtwttuorvirft (Orell. 775 und sonst). 
Suessula. 

p. 237, 5: oppidum; kg* SulUma est dtducta: ager eiu$ vete- 
ranis limitants SuUamt in iugeribus est adsigwttm, — In den 
Inschriften findet diese Angabe wenigstens insoweit Anhalt, als 
4etn Ort Duovirn vorstehen (C X p. 363> 
Tuscutam. 

p. 238, 11 : oppidum: ager eius mensnra Sullana est admgua- 
tus. — Notorisch stets municipium (Orelli - Benzen 775. 1368. 
2279. 6096. 7166). 

Alle diese Angaben, bei denen, vielleicht nicht softMig, die 
Bezeichnung Colonie nirgends auftritt, lassen in der Besdnünkung 
auf blosse Adsignation sich halten ; aber sullaniscbe Colonie kann 
mit alleiniger Ausnahme von Snessula keine der eben aufgeführten 
Städte gewesen sein. 

2. Angebliche Triumviralcolonien. 1 ) 
Allifae. 

p. 231, 3: ager lege triumviraii est adsignatus. — Vielleicht 
richtig; doch eher Colonie Sullas (S. 164). 
Aquinum. 

p. 229, 13: colonia a triumviris deducta. — Die Angabe mag 
richtig sein (s. S. 193).. 
Asetium. 

p. 230, 13: lege triumvirate; daraus verdorben p. 231, 14: 
Casentium lege triumvirate (vgl. Feldm. 2, 186). — Die Stadt wird 
nach Campanien gesetzt; sie ist anderweitig unbekannt, vermuth- 
lich der Name verdorben. 

1) Uebergaogen sind die apulisohen Städte Herdoma, Ausculum u. s. w. 
lege Sempronia et Iulia (p. 210, 10); ferner die Erwähnung der limites 
luUani bei Tereventum p. 238, 15. Vgl. Feldm. 2, 188. Wenn Ancona 
nach p. 225, 4 gegründet ist ea lege, qua et ager Ftorentinus est ad- 
tfgnatus, so ist dabei zu erinnern, dass dieser Abschnitt im Arcer. fehlt und 
gar keine Autorität hat. 



Digitized by CjOOQ IC 



176 MOMMSEN 

Beneventum. 

p. 231, 7: lege triutnvirali. — Dies ist richtig (S. 170). 

Bovianum (vêtus). 

p. 231, 8: oppidum (vgl. deswegen Feldm. 2, 185): lege Mia 
milites deduxerunt sine colonie. — Wenn Bovianum bei Agnooe 
gemeint ist (das andere Bovianum ist erweislieh durch Vespasian 
Colonie geworden), so kann die Angabe das Richtige treffen. 

Falerii. 

p. 217, 5: cohnia Iunonia quae appellator Faliscos a trium- 
virù adsignaêa. — Colonie auch bei Plinius; dennoch sind beide 
Angaben zweifellos falsch« Alle Inschriften dieses Ortes aus bes- 
serer Zeit machen ihn zum municipium (Orelli- Henzen 1304. 
3310. 7065; Wilmanns 2818 e u. a. m.) und geben ihm Quattuor- 
virn (Henzen 6666. 7065. 7129 u. s. w.); wenn im 4. Jahrhundert 
dafür die eolonia Faliscorum auftritt (Henzen 5132; Grut. 288, 1), 
so sind bekanntlich in der Zeit des Verfalles fast alle grösseren 
Ortschaften zum Colonialtitel gelangt. . Die Doppelstadt, mittelst 
welcher man versucht hat die inschriftlichen Zeugnisse mit denen 
der Schriftsteller auszugleichen, ist eine Erfindung und darf aus 
der verwirrten Stelle des Strabon 5, % 9 p. 226 nimmermehr ge- 
folgert werden. 

Firmum Picenum. 

p. 226, 9: limitibus triumviralibus. — Dies scheint richtig 
(S. 170). 

Florentia. 

p. 213, 6: eolonia deducta a triumviris, adsignata lege Mia. 
Auch ein Inschriftslein giebt der Stadt Colon jalrecht (Orelli 3711: 
colon, adiect. d. d. Florent.). Ueber die Entstehung des Rechts 
erhellt anderweitig nichts und man kann für sie wenigstens mit 
gleich gutem Grunde sullanische Deduction annehmen, wenn 
gleich Florus 3, 21, 27 keineswegs eine solche bezeugt. 

Formiae. 

p. 234, 11: triumviri sine colonie deduxerunt. — Wahrschein- 
lich irrig; die Stadt, späterhin genannt eolonia Aelia Hadriana 
Augusta Formiarum, hat wohl erst unter Hadrian Colonialrecht 
empfangen. C. X p. 603. 

Interamna (Lirenas). 

p. 234, 18: a IHviris est munita. — Erwiesenermaassen 
falsch; die Stadt ist municipium geblieben (C. X p. 525). 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 177 

Ligures Baebiani [et Corneliaoi]. 

p. 235, 9: triumvirali lege. — Wahrscheinlich ist die Stadt 
Municipium geblieben; wenigstens steht sie unter Quattuomrn 
(C. IX p. 125). 
Luna. 

p. 223, 14: ea lege qua et ager Florentine. — Bürgercolonie 
der Republik; der abermaligen triumviralen Deduction steht 
nichts im Wege, aber es fehlt auch weitere Beglaubigung. 
Nepet. 

p. 217, 15: colonia eadem lege eervatur qua et ager Faliscorum, 

— Irrig; die Stadt ist, wie Falerii, Municipium geblieben (Grut. 
441, 7; auch C. X, 6440 stehen die Nepesini im Gegensatz zur 
colonia Privernatium) und steht unter Quattuomrn (Grut. 359, 1). 

Setia. 

p. 237, 23: colonia, triumviri munierunt. — Irrig; die Stadt 
ist Municipium geblieben (C. X p, 640). 
Signia. 

p. 237, 20: colonia, a militibus et triumviris est munita. — 
Irrig; die Stadt ist Municipium geblieben (C. X p. 591). , 
Telesia. 

p. 238, 3: colonia a triumviris deducta. — Vielleicht richtig, 
doch eher sullanische Colonie (S. 167). 
Tuder. 

p. 214, 3: colonia Fida Tuder ea lege qua et ager Florentinus. 

— Wahrscheinlich richtig (s. S. 182). 
Veii. 

p. 220, 8: ager militibus est adsignatus lege Mia, postea de- 
ficientibus his ad urbanam civitatem associandos censuerat divus 
Augustus. — Nach den Inschriften ist Veii municipium Augustum 
unter Duovirn (Orell. 4046 und sonst). 
Ulubrae. 

p. 239, 1 : a triumviris erat deducta. — Inschriftlich ist die 
Rechtsstellung des Ortes nicht bezeugt; die Magistrate sind Duo- 
virn (C. X p. 642). 
Volaterrae. 

p. 214, 10: colonia lege triumvirate. — Wahrscheinlich irrig; 
die Stadt steht unter Quattuomrn (Gori inscr. Etr. 2 p. 1 68 u. a. m.). 
Urbs Salvia. 

p. 226, 7 : lege triumvirate. — Die Stadt erscheint in den In« 

Htrmtf XVIII. 12 



Digitized by CjOOQ IC 



178 MOttMSEN 

Schriften wenigstens seit Traians Zeit ris Colonie, jedoch unter 

Quattuonrirn (C. IX p, 626). 
Wie man sieht, ist es mit dreien Angaben dicht ganz so obel 
bestellt, wie mit denen Ober die Colonien Sullas: die ZurOckfüh- 
rung ?on Allifae, Aquinum, Beneventum, Bovianum (vetus), Fir* 
mum, Tuder auf die TriumviFü findet anderweitigen Anhalt, und 
auch was Ober Luna, Ultibtte, Urbs SaWa berichtet wird, kann 
richtig sein. Aber dennoch ist auch von diesen AnSetzungen min- 
destens jede zweite insofern falsch, als triumvirale Colonialdeduction 
hier ausgeschlossen ist, während nichts hindert die blosse triumvi- 
rale Adsignation auch hier festzuhalten. 1 ) 

3. Angebliche Colonien Aogüats.*) 
Acerrae. 

p. 229, 21 : colonia: divus Augustus deduxit. — Wohl irrig; 
erscheint später unter Quattuorrirn (C. X p. 362). 
Aesernia. 

p. 233, 14: colonia dedueta lege Iulia . . . . ager eius limililm 
Augusteis est adsignatus. — Irrig; nach den Inschriften Muni- 
cipium (C. IX p. 245). 
Ameria. 

p. 224, 11: lege imp. Augustus est adsignatus. — Irrig; nach 
den Inschriften Municipium (Grut. 1101, 2 und sonst) unter Quat- 
tuorrirn (Grut. 1079, 12 und sonst). 



1) Wer die Beschaffenheit der grom a tischen Listen genauer untersucht 
hat, wird sich nicht unterfangen die erwiesenen Fehler auf eine bestimmte 
Quelle zurückzuführen ; die verschiedensten Faden der Confusion und der Inter- 
polation raufen in dieser Compilation zusammen. Aber dass ein fiauptmoment 
der Verwirrung die Verwechselung Air in einem Qetneindegebfet ohne Ver- 
änderung der Rechtsstellung der Gemeinde erfolgten Einzelassignation mit der 
eigentlichen Coloniegründung ist, habe ich anderswo (Feldm.2, 183 f.) gezeigt; 
und hier trifft wahrscheinlich in zahlreichen Fällen dieses zu. 

2) Uebergangen sind auch hier die Erwähnung der limites Augustei bei 
Cales p. 232, 15 ; Forum Popilii in Campanien p. 233, 18; Surtedtum p. 236, 22; 
Telesia p. 238, 3; Trebula p. 238, 17; Velitrae p. 238, 19. Ausgeschlossen 
ist ferner p. 233, 12: Divinos municipium: fkmilia divi AugusU condidit 
Ebenso Capua p. 231, 19, wo mit dem imp. Caesar der Dictator gemeint 
zu sein scheint, und Lanuvium (p. 235, 4) colonia dedueta a divo lulio, 
woneben die limites Augustei und die lex Iulia erwähnt werden; letztere 
Stadt ist erwiesenermassen Municipium geblieben (Orertt-Henzen 3740. 6086). 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 179 

Arretium. 

p. 215, 3: cotonia lege Auguetea censUa. — S. S. 165. 
Atella. 

p. 330, 1 : Golonia doäucta ab Augusta. — Wohl irrig, wenig- 
stens ohne jeden weiteren Anhalt (C. X p. 359). 
Aternum. 

p< 236, 13: ager lege Augustiana adsignatus. — Der Ort ist 
nachweislich bis zu Diocletians Zeit hinab vicue geblieben 
(C. IX p. 315). 
Castrum norum in Picenum. 

p. 226, 13: ager lege Augustiana adsignatus. — Bttrgercolonie 
der Republik; abermalige Deduction findet keinen weiteren 
Anhalt. 
Consentie. 

p. 209, 16: ager ab imp. Augusto est adsignatus, — Inschriften 
fehlen (C. X p. 17). 
Cumae. 

p. 232, 10: colonia ab Augusto deducta. — Dies kann sni- 
treffen iß. 161). 
Copra (maritima). 

p. 22Ç, 13: ager lege Augustiana adsignatus. — Nach den 
Inschriften unter Duo vir n (C. IX p. 503). 
Fundi. 

p. 234, 9: ager tussu Augusti veteranis est adsignatus. — . 
Irrig; noch in spater Zeit Munkipinm unter drei Aedilen (C. X 
p. 617). 
Gmiscae. 

p. 220, 1 : colonia ab Augusta deduct iussa est, — Bdrger- 
colonie der Republik; die abermalige Deduction findet keine 
weitere Stütze. 
Litern um. 

p. 235, 1: colonia ab Augusto deducta. — Bürgercolonie der 
Republik; die abermalige Deduction durch Augustus findet sonst 
nirgends einen Anhalt (C. X p. 356). 
Nnceria Constantia. 

p. 235, 20: colonia deducta iussu imp. Augusti . . ager eius 
limitibus Iulianis lege Augustiana militibus est adsignatus. — Viel- 
mehr Triumviralcolonie (S* 171), worauf die Imites Miami be- 
logen werden können. 

12* 



Digitized by CjOOQ IC 



180 MOMMSEN 

Puteoli. 

p. 236, 11: colonia Augusta: Augustus dedusmt. — Bürgercolo- 
oie der Republik. Die Bezeichnungen derselben als colonia Ne- 
ronensis Claudia Augusta Puteoli (C. X, 5369) yod col. Put. Aug. 
(C. VIII, 7959) können auf abermalige Deduction unter Augustus 
bezogen, aber auch in der Weise gefasst werden, dass der Stadt 
alle drei Namen bei der neronischen Deduction verliehen wor- 
den sind. 
Teanum Sidicinum. 

p. 238, 6: colonia deducta a Caesarc Augusto. — Die Stadt 
hat erwiesenermaassen erst unter Claudius ihr altes Municipal- 
mit colonialem Recht vertauscht (C. X p. 471)« 
Truentum. 

p. 226, 13: ager lege Augustiana adsignatus. — Dass der Ort 
auch später Municipium war, ist nach einer Inschrift von Pri- 
vernum (C. X, 6446) und der Beschaffenheit der Magistrate (C. IX 
p. 492) wahrscheinlich. 
Volturnum. 

p. 232, 4 : colonia iussu imp. Caesaris est deducta. — Bürger- 
colonie der Republik; die abermalige Deduction durch Augustus 
findet sonst keinen Anhalt (C, X p. 357). 

Wenn unter den als Triunmralcolonieu in der gromatischen 
Liste aufgeführten Städten etwa die Hälfte darin mit Recht steht, 
so stellt sich bei den als augustisch bezeichneten das Verhältniss 
wiederum viel schlimmer, wovon zum Theil wohl die Ursache darin 
zu suchen ist, dass diese Ursprungsangabe mit den auf die späteren 
Kaiser bezüglichen Nachrichten leichter vermengt werden konnte. 
In der That findet unter all diesen Städten eigentlich nur bei Cumae 
die Zurückführung auf Augustus anderweitigen Anhalt, während sie 
bei einer ganzen Reihe entschieden abgewiesen werden muss und 
auch bei den übrigen gänzlich in der Luft steht. 

Die coloniae Iuliae in Italien. 

Als jütische Colonien finden sich theils bei den Schriftstellern, 
theils und vor allem in Inschriften die folgenden italischen Städte 
bezeichnet. 1 ) 

1) Die angebliche colonia Iulia Augusta Florentia beruht auf einer 
verlorenen, aber durch die mir von Hirschfeld mitgetheilte Abschrift des Pin- 
gonius in der Lesung gesicherten Inschrift von Arbin in Savoyen (Borghesi 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 181 

Augusta Taurinorum: colonia Mia Augusta Taurinorum. 

C. V p. 779. 
Beoeventum : colonia lulia Concordia Augusta Felix Beneventum. 

C. IX p. 137. 
Capua: colonia Concordia lulia Felix Augusta Capua. 

C. X p. 368, zusammengesetzt nach zwei Inschriften: 
. . . lia Felix Aug ... (X, 3832) hadrianischer und Con- 
cordia lulia Valeria Felix Capua (X, 3867) diocletiani- 
scher Zeit. 
Castrum novum in Etrurieo: colonia lulia Castro novo. 

Orelli 1009. 
Concordia: colonia lulia Concordia. 

C. V p. 178. 
Cumae: colonia lulia. 

Bei Cumae tritt ein Conflict von Zeugnissen ein, den 
wir mit unseren jetzigen Holfsmitteln nicht zu lösen ver- 
mögen. Bis in Caesars Zeit war die Stadt sicher muni- 
cipium, und die Bleiröhren (C. X 3711) mit der Auf- 
schrift publ(icum) munic(ipum) Cuman(orum) gehören 
frühestens in den Anfang der Kaiserzeit. Andrerseits ist 
an Ort und Stelle eine Inschrift bester Epoche (C. X, 3703) 



opp. 5, 274 ; Allmer Henne 1 p. 370), die aber vermuthlich vielmehr folgen- 
dermaßen zu ergänzen ist: 

t • pompeio • t • ; 
albIno 

TBIBVN • MIL • LEG Ut 

VICTBlC • SVB • PBolc 
PBOVINC • LVSITANIAE \iiii uir 

I • D • COL • IVL • AVG • FLOB • \\ienna 
POMPEIA • T • FIL • SOBTInaJ patri 

Die Form des Namens sowohl wie vor allem der Fundort weisen darauf hin 
das« uns hier der volle Name nicht von Florenz, sondern von Vienna erhalten 
ist. — lulia Augueta Bagiennorum beruht auf Fälschung (G. Y n. 943*. 
961% vgl. p. 874). — Die colonia Iulium Carnicum ist wahrscheinlich von 
Augustus als Flecken (forum Iulium Carnicum) angelegt und nach ihm, spä- 
testens unter Claudius, zur Colonie gemacht worden (C. V p. 172). — - Sicher 
gehören nicht hieher die beiden Forum Iulii in Oberitalien, das der Irienser 
(▼gl. C. Y p. 828) und das transpadanische (C. Y p. 163), und die Regini 
luUentes. Blanda lulia in Lucanien habe ich C. X p. 50 nach dem Namen 
und der Duoviralverfassung als Colonie betrachtet; indess erregt die Nach- 
teUung des jütischen Namens doch dagegen Bedenken. 



Digitized by CjOOQ IC 



182 M0MM6EN 

.gefunden worden mit den Worten monumentum publice 
factum d(ecreto) d(ecurwnum) c(ohniae) l(uliae), und dass 
in der späteren Zeit die Stadt Colonie war und unter 
Prätoren stand, ist ausser Zweifel. Der Ziirticfcführung der 
Colonie auf Augustus in der gromatischen Liste hält das 
Schweigen des Plinius mindestens die Wage. 
Dertona: (colonia) Mia Dertona. 

C. V p. 632. 
Fanum: colonia Mia Fanutn Fortunae. 

So Orelli 83; colonia Iulia Fanestris Grut. 416, 8 und 
Vitruvius 5, 1, 6. 
Hispellum : colonia Iulia Hùpellum. 

Orelli 3885. 
Lucus Feroniae: colonia Iulia Felix Lucoferonensium. 

Orelli 4099. 
Parentium: colonia Iulia Parentium. 

C. V p. 35. 
Parma: colonia Iulia Augusta Parma. 

Grat. 492, 5. 
Pisae: colonia Obeequms Iulia Pisana. 

Orelli 642. 
Pisaurum: colonia Iulia Felix Pisaurum. 

Orélli 81. Buttettino delV Inst. 1880 p. 51. 
Pola: colonia Iulia Pola Pollentia Herculanea. 

C. V p. 3. 1016. 
Saena in Etrurien: colonia Soma Iulia. 

Sena Iulia Peutingersche Tafel. Die Nachsetzung des 
Namens indess legt die Frage nahe, ob der Stadt das 
Colonierecht mit der Verleihung des jütischen Namens zu- 
gleich verliehen worden ist. 

Sora : colonia Iulia pra 

Vgl. S. 171. 
Suessa: colonia Iulia Felix classica Suessa. 

C. X n. 4832, vgl. p. 465. 
Sutrium: colonia Coniuntta hdia Sutrin(orum). 

Grut. 302, 1. 
Tuder: colonia Iulia Fida Tuder. 

Mur. 1111,4. Inschriftliche Zeugnisse bestätigen es, dass 
die Stadt entweder nach der philippischen oder nach der 



Digitized by 



Gobgk 



ITALISCHE SCftßEIICOLONIEN 183 

actisohen Schlacht Colonie geworden ist 1 ); für die entere 
EntstehungsieU spricht das Zeugniss der gromatischen Liste 
p. 214, 3: colonia Fida Tudtr ta lege qua et ager Flo- 
rentines, dem mehr Gewicht als gewöhnlich zukommt, weil 
es den Namen richtig angiebt. 
Venafrum: colonia Augusta luUa Vsnafrum. 

C. X p. 477. Ueber die hierbei erwähnten quinqueviri 
vgl. S. 174 A. 1. 

Die julischen Colonien können zurückgehen sowohl auf den 
Dictator Caesar wie auf die Triumvirn wie auf einen der drei 
Kaiser des julischen Hauses. Indess ist schon S. 169 auseinander 
gesetzt worden, dass wahrscheinlich keine italische Stadt den Namen 
von dem Dictator führt. Capua ist zwar lege Iulia, das heisst auf 
Grund des consularischen Gesetzes vom J. 695, aber keineswegs auf 
Grund derjenigen ausserordentlichen Gewalt gegründet, auf welcher 
rechtlich die Militärcolonie beruht und von der der Urhebername 
der Ausdruck ist 2 ); da die abermalige Deduction dorthin zuerst 
unter Antonius ex actis Caesaris und sodann unter dem Triumvirat 
feststeht, so dürfte der julische Beiname erst mit der einen oder 
der andern eingetreten sein. — In wie weit diese Benennung den 
Triumviralcolonien zukommt, ist fraglich. Bei der jetzt gangbaren 
Annahme, dass diese sämmtlich den julischen Namen geführt haben, 
wird vorausgesetzt, dass diese Caesar den Vater als deren Stifter be- 
trachtet wissen wollten. Aber in unserer Ueberlieferung führt nicht 
bloss nichts darauf, dass hier eine ahnliche Fiction zu Grunde liegt, 
wie sie Antonius in der ersten Zeit nach Caesars Tode angewendet 
hat'), sondern es erscheint die Behandlung dieser Colonien als Grün- 
dongen des Dictators, wenn man die Veranlassung der Deduction 
unbefangen erwägt, geradezu widersinnig. Grössere Wahrschein- 
lichkeit möchte es haben, dass die Colonien zunächst entweder 
alle Antonios Julias oder auch einzelne Antonios, andere Miae ge- 



1) Inschrift von Tader (Bullelt 1880 p. 70): [Q.J Caecilio Q. f. Attico 
trißuno) mil(itum) [cjoloni leg(ionis) XXXXI} in einer andern von dort er- 
scheint ein centurio legion. XXXXI Augusti Caesaris (Orelli 3371 ; BulletL 
l c. p. 72). 

2) Vgl. Staatsrecht 1, 715. 716 A. 1. 

3) Die lex Iulia des gromatischen Verzeichnisses kann so bezogen wer- 
den; aber für Fragen dieser Art reicht dessen Autorität nicht aus. 



Digitized by CjOOQ IC 



184 MOMMSEN 

heissen haben. 1 ) Mochte dieses oder jenes beliebt worden sein 2 ), 
in beiden Fällen war es nur folgerichtig, dass nach der actischen 
Schlacht der antonische Name verschwand. Auch nach dieser 
Annahme aber sind unter den julischen Colonien nicht wenige 
triuravirale enthalten. — Dass die in den ersten drei Jahren nach 
der actischen Schlacht unter dem Principat gegründeten Colonien 
ebenfalls nur juliscbe heissen konnten, bedarf keines Beweises. Ge- 
wöhnlich wird angenommen, dass die von Augustus nach Annahme 
dieses Namens (17. Jan. 727) gegründeten Colonien nicht mehr 
julische genannt worden sind; indess haben die späteren Kaiser 
in solchen Fällen ebenso von ihrem Geschlechtsnamen wie von 
ihrem Cognomen Gebrauch gemacht, und wenn auch wahrscheinlich 
die coloniae Iuliae zum grössten Theil der Epoche vor 727 ange- 
hören, so lässt sich doch nicht mit Sicherheit behaupten, dass die 
Beilegung dieses Namens nach dem J. 727 nicht mehr stattgefun- 
den hat. — Die Möglichkeit endlich muss ebenfalls eingeräumt 
werden, dass der julische Name auf Ertheilung des Colonierechls 
durch Tiberius oder Gaius zurückgehen kann. Indess positiv ist 
von dergleichen Verleihungen nichts bekannt. 

Die coloniae Augustae in Italien. 

Hieher gehörige Colonien des Namens Augustae begegnen in 
Italien folgende 3 ): 



1) Lepidus war factisch bei Seite geschoben, bevor es zur Deduction der 
Colonien kam. Sollten dennoch, was nicht wahrscheinlich ist, einzelne Co- 
lonien seinen Namen geführt haben, so haben sie ihn gewiss nach seinem 
Sturz verloren. 

2) Man könnte für die zweite Alternative geltend machen, dass auf den. 
Mauerinschriften von Tergeste vom J. 721 (C. V, 525) Caesar allein als der- 
jenige genannt wird gui fecit. Aber der Beweis reicht nicht aus, einmal 
weil der Mauerbau und die Coloniegründung wohl sachlich aller Wahrschein- 
lichkeit nach connex gewesen sind, aber rechtlich und zeitlich nicht not- 
wendig zusammenfallen, zweitens weil die damals schon weit vorgeschrittene 
Spannung zwischen den Machthabern hier eingewirkt haben kann. 

3) Ausgeschlossen ist die col. [lulia AJugus. Dertona der mehr als 
verdächtigen Inschrift C. V, 7376; ferner Augusta Bagiennorum als Moni- 
cipinm (C. Y p. 874) und nicht minder Augusta Perusia. Dass Perusia 
auch später noch municipium geblieben ist, lehren die Inschriften (Orelli 97. 
3707) ; die Magistrate sind anfänglich IHIviri llviti (Orelli 3707 ; Vermiglioli 
iscr. Perug. ed. 2 p. 557); erst im 3. Jahrh. erscheint die colonia Vibia 
Augusta Perusia (Orelli 94 «= Borghesi opp. 5, 257). 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERC0L0N1EN 185 

Abellinum: colonia Veneria Ztt>ia(?) Augusta Abettinatium. 

Oben S. 164. Die Benennung Alexandriana der dort 
angeführten Inschrift des dritten Jahrhunderts geht sicher 
v auf Severus Alexander zurück, schwerlich aber die Be- 

zeichnung Augusta, zumal da sie vor Alexandriana steht. 
Livia ist unsicherer Lesung und wenig in Einklang mit 
dem Geist des augustischen Regiments. 
Ariminum: colonia Augusta Ariminum. 

C. XI p. 76. Vgl. S. 170. 
Augusta Ptaetoria. 

Vgl. S. 172. 
Augusta Taurinorum: colonia Iulia Augusta Taurinorum. 

S. 181. 
Beneventum : colonia Iulia Concordia Augusta Felix Beneventum. 

S. 181. 
Brixia: colonia civica Augusta Brixia. 

C. V, 439. 
Capua: colonia Concordia Iulia Felix Augusta Capua. 

S. 181. 
Nola: colonia Felix Augusta Nola. 

C. X p. 142. Die Stadt ist wahrscheinlich zuerst von 
Sulla zur Colonie gemacht worden ; dafür sprechen weniger 
die limites Sullani der gromatischen Liste (p. 236, 3 neben 
colonia Augusta: Vespasianus Augustus deduxit) als die da- 
selbst erwähnten veteres (C. X, 1273: decurio adlectus ex 
veteribus Nola), und auch die Benennung Felix wird darauf 
zu beziehen sein. 
Parma: colonia Iulia Augusta Parma. 

S. 182. 
Venafrum : colonia Augusta Iulia Venafrum. 
S. 183. 
Diese Beinamen dürfen alle theils mit Sicherheit, theils mit 
Wahrscheinlichkeit auf den Kaiser zurückgeführt werden, der zuerst, 
und mehr als Eigenname denn als Titel, den Augustusnamen ge- 
führt hat. Wo er neben dem julischen auftritt, entsteht die Frage, 
ob er mit diesem zugleich hat ertheilt werden können oder ob 
der Doppelname auf doppelte Deduction zu beziehen ist Mit 
Sicherheit ist dieselbe nicht zu entscheiden ; doch dürfte die letztere 
Annahme wohl in der Mehrzahl der Fälle das Richtige treffen, 



Digitized by CjOOQ IC 



186 MOMMSEN 

theils weil wir aus Älterer Zeit keinen genügenden Beleg dafür 
haben, dass der Name des Gründers in dem der Gründung anders 
als einfach zum Ausdruck kommt, theils die Folge der Namen bei 
Benevent und Capua die unmittelbare Combination beider Benen-/ 
nungen zu verbieten scheint. Indess ist damit nicht ausgeschlos- 
sen, dass in anderen Fällen schon Augustus beide Namen zugleich 
verliehen hat; und dass in späterer Zeit eine solche Doppelbe- 
nennung häufig vorkam, ist bekannt. Es ist darum schon oben 
S. 180 als zweifelhaft bezeichnet worden, ob der Name Augusta in 
der Verbindung, wie er bei Puteoli auftritt, auf augustische De- 
duction hinweist. Die colonia Aelia Haäriam Augusta Formiarum 
(S. 176) hat ihre Kaisernamen wahrscheinlich alle von Hadrian und 
sicherer noch die colonia Augusta Verona nova Gallieniana 1 ) ihre 
beiden Kaisernamen von Gallienus entlehnt 

Die achtundzwanzig Colonien des Augustus. 

Von den italischen Colonien des Augustus kennen wir die Ge- 
sammtzahl durch ihn selbst: er giebt in seinem Rechenschaftsbe- 
richt die Zahl der von ihm in Italien deducirten Colonien auf 28 
an.*) Aber es fehlt uns zur richtigen Behandlung der vielum- 
strittenen Worte vor allem das sichere Verständniss derselben. Schon 
früher 3 ) habe ich die Frage aufgeworfen, ob nicht die so lange und 
bis in die augustische Zeit hinab mit dem cisalpinischen Gallien 
gemeinsam verwaltete dalmatinische Küste hier mit unter Italia be- 
griffen sei; denn da unter den Provinzen, in welche Augustus 
Militärcolonien geführt hat, Ulyricum nicht genannt wird und die 

1) G. V n. 3329; vgl. das. S. 327. 

2) 5, 36 f. (nach der Lesung von Domaszewski): Italia autem XX fill 
[colojnias, quae viv[o me celeb errima Je et frequentisùmae fkerunt, me[o 
iutsu] deductas hfabet]. Die Ergänzungen beruhen auf dem grie- 
chischen Text: *lraXia âk etxoot, èxrto ânotxiaç !/« vn' i/uov xarax&tfaac, 
aï ifÀOv TieQiovroç [nX]tj[9]v[ovà]ai kzvyxavov UQa * aQ f ^ em Excerpt bei 
Sueton Aug, 46: Italian* duodetriginta coloniarum numéro deduetarum a 
te frequentavit. Die neue Vergleichung hat die von Bergk (mon. Aneyr. 
p. 104) richtig erkannte Stellung der Zahl vor colonia* bestätigt, auch 
für seinen weiteren Vorschlag me[o iussu et nomine] deductas Anhalt ge- 
geben; es fehlen zwischen fuerunt und deductas ungefähr fünfzehn Buch- 
staben. Indess wage ich nicht die an sich ansprechende Ergänzung et no- 
mine gegenüber dem einfachen in* èpov der Uebersetzung und dem a se 
des Auszugs aufzunehmen. 

3) Monum, Ancyr. p. 84. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 187 

daselbst von Augustus gegründeten ansehnlichen Colooien lader, 
Salonae, wohl auch Narona doch in dem Rechenschaftsbericht einen 
Platz verlangen, so kann man fragen, ob sie Augustus nicht unter 
die italischen gezählt hat. Indess hebt diese Annahme die vorhan- 
dene Schwierigkeit nur, indem sie eine andere und vielleicht noch 
bedenklichere schafft; und man wird sich wohl dabei beruhigen 
müssen, dass unter den mit Colonien belegten Provinzen Ulyricum 
vergessen oder ausgefallen ist. — Aber weit schwerer noch flült 
es ins Gewicht, dass wir keine sichere Antwort haben auf die 
Frage, welche Colonien Augustus angesehen hat als von ihm 
deducirt. Darüber freilich kann kein Zweifel sein, dass der alte 
strenge republikanische Grundsatz der UnStatthaftigkeit abermaliger 
Deduction einer nicht aufgelösten Colonie auf diese Epoche nicht 
bezogen werden darf; wie M. Antonius sich darüber bei Capua 
und Calatia hinweggesetzt hat, wie die alte Bürgercolonie Pisaurum 
und die caesarische Colonie Capua darum nicht weniger unter den 
Triumviralcolonien mitgezählt werden, so wird auch Augustus die- 
jenigen Colonien, die er nur verstärkt und reorganisirt hatte, nichts 
desto weniger den seinigen zugezählt haben. Es bezeugen dies 
auch die der Republik fremden, aber sicher bereits in Augustus 
Zeit beginnenden Doppelbenennungen der Colonie nach ihren meh- 
reren Stiftern. Ebenso kann darüber kein Zweifel sein, dass alle 
erweislich nach der actischen Schlacht gegründeten und alle den 
augustischen Namen von dem ersten Träger desselben herleiten- 
den Colonien unter den achtundzwanzig zu zählen sind , wie zum 
Beispiel Ateste, Ariminum, Augusta praetoria. Aber weder genügt 
die anscheinend ziemlich beschränkte Zahl der cokniae Augusta* 
um jene Zahl zu füllen, noch kann es Augustus Absicht gewesen 
sein von jenen achtundzwanzig die triumviralen Colonien schlecht- 
hin auszuschliessen. Die Schwierigkeit auch der annähernden Lo- 
sung des Problems liegt wesentlich darin, dass wir die Stellung 
der tresviri r. p. c. zu den von ihnen gegründeten Colonien ge- 
nügend zu determiniren nicht vermögen. Es ist, wie oben aus- 
geführt wurde, an sich möglich, dass jeder von ihnen sich als 
Mitstifter aller Colonien betrachtete, also nach dem Sturz der Col- 
legen der letzte übrig bleibende sie alle als die seinigen in An- 
spruch nahm; dann würden Colonien des Augustus alle diejenigen 
sein, die entweder durch genügendes Zeugniss als triumvirale oder 
augustische erbracht sind, oder den julischen oder augustischen 



Digitized by CjOOQ IC 



188 MOMMSEN 

Namen führen. Aber so hat Augustus schwerlich gerechnet. Wir 
zählten in Italien einundzwanzig coloniae Miae oder Miete Au- 
gustae, fünf Augustae, elf andere, von denen diese Benennun- 
gen nicht überliefert sind, deren Ursprung aber erweislich auf 
die Triumvirn oder auf Augustus zurückgeht. Damit ist die von 
Augustus angegebene Zahl beträchtlich überschritten. Man wird 
also wohl anzunehmen haben, dass die triumviralen Colonien zu- 
nächst den Namen desjenigen Heerführers annahmen, dessen Legio- 
nen daselbst angesiedelt wurden, Ancona also zum Beispiel zunächst 
colonia Antonio, ward 1 ); dass dann nach der actischen Schlacht 
die antonischen Colonien diesen Beinamen verloren, darum aber 
noch nicht zu julischen wurden und Augustus diese unter den acht- 
undzwanzig nicht mitgezählt hat. Ueberhaupt ist, seit man die 
alte Hegel hatte fallen lassen die Deduction neuer Colonisten in 
eine bestehende Colonie nicht als Deduction der Colonie selbst 
gelten zu lassen , der strenge Gegensatz der Coloniegründung 
und der Einzeladsignation eigentlich aufgehoben und die Grenze 
zwischen beiden nicht mit Sicherheit zu ziehen. Wahrscheinlich 
hat Augustus nicht jede italische Stadt, in der er Colonisten an- 
siedelte, darum als eine von ihm gegründete Colonie betrachtet, 
sondern nur diejenige, der er das Colonialrecht und das Recht 
der Führung seines Namens oder, wenn die Stadt jenes schon 
besass, das letztere allein verlieh. 2 ) Danach werden zu den acht- 
undzwanzig zu rechnen sein theils die sechsundzwanzig den Kaiser- 
namen tragenden Städte, theils die drei, von welchen eine solche 
Benennung nicht überliefert ist, die aber erwiesener Massen von 
Augustus aus Municipien in Colonien umgewandelt worden sind. 9 ) 
Die Zahl stimmt ungefähr, und diese ungefähre Uebereinstim- 
mung ist wohl nach beiden Seiten hin noch der Correctur 
bedürftig. Selbst nach der oben vorgenommenen Sichtung der 
Listen der julisch-augustischen Colonien ist es keineswegs ausser 

1) Die 'antooi8chen Colonien', deren Colonisten L. Antonius im perusi- 
nischen Krieg unter die Waffen rief (Appian 5, 31), sind wohl die besonders 
im campanischen Gebiet auf Grund des Ackergesetzes des L. Antonius con- 
stituirten Ortschaften (Dramann 1, 113. 129). 

2) Dass Augustus ausschliesslich an die seinen Namen führenden italischen 
Städte denkt, würde ausser Zweifel sein, wenn die Ergänzung mefo iustu 
et nomine] sicher stände. 

3) Es sind dies Bononia, Falerio und Ateste. Minturnaes 'wiederholte 
Deduction' braucht wohl nicht in diesem intensiven Sinne gefasst zu werden. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERC0L0N1EN 189 

Zweifel^ dass alle darin stehen gebliebenen Namen den 28 italischen 
Colonien des Augustus angehört haben; insonderheit gegen Saena 
lulia und A belli nu m lassen sich ernstliche Bedenken geltend machen. 
Sollte ferner Augustus, was nicht unmöglich ist, bei jenen ita- 
lischen Colonien Italien nicht bis zur Arsia, sondern nur bis zum 
Formio im Sinne haben, so scheiden damit Parentium und Pola 
aus. Dass endlich einzelne dieser Städte ihren julischen Namen 
auch nach einem andern Stifter führen können, muss ebenfalls 
eingeräumt werden. Wenn also aus den oben verzeichneten 29 
juüsch-augustischen Colonien wohl noch einige ausgeschieden wer- 
den können, so beruhen andrerseits so viele darunter auf ver- 
einzelten Zeugnissen, dass es mehr als wunderbar wäre, wenn uns 
der Zufall alle derartigen Benennungen überliefert hätte; vielmehr 
dürfte wenigstens von manchen der weiteren elf Colonien , deren 
Entstehung in dieser Zeit bezeugt ist, der julisch-augustische Name 
nur zufällig nicht überliefert sein. Wahrscheinlich also werden 
künftige Entdeckungen jene Gesammtzahl andrerseits vermehren; 
Ueberhaupt wird wer ehrlich und unbefangen diese Untersuchung 
anstellt, immer anerkennen müssen, dass, wenn sie gleich im All- 
gemeinen hoffentlich die rechten Wege verfolgt, doch unter den 
zahlreichen Einzelresultaten, aus denen das Gesammtergebniss sich 
zusammensetzt, einzelne trügen können und trügen werden. Aber 
es dürfte sich doch hier nur noch um einzelne aus- und einzu- 
schaltende Namen handeln; und auch diese wird hoffentlich die 
weitere Forschung und vor allem der Bonus eventus der Epigraphik, 
der Spaten dereinst offenbaren. 

Verzeichniss des Plinius. 

Der ältere Plinius führt in der dem dritten Buch seiner na- 
turalis historia einverleibten Chorographie Italiens die folgenden 
fünfzig Städte als Colonien auf 1 ), indem er 47 derselben das 
Wort eolonia beisetzt und bei drei anderen (Cosa, Tarentum, Epo- 
redia) die Gründung umschreibend erwähnt: 
Regio IX. 

1. Dertona (I) 5, 49.*) 

1) Die der Küstenbeschreibung eingereihten Orte sind gesperrt gedruckt« 

2) Bei Plinius: omnia nobilibut oppidis nitent Libarna Dertona colo- 
ria Ma Vardacate u. s. w. ist bisher das Wort eolonia zu Dertona ge- 
sogen worden. Detlefsen ist indess (nach brieflicher Mitlheiluog) jetzt geneigt 



Digitized by CjOOQ IC 



190 MOMMSEN 

Regio VIL 

2. Luca 5, 50. 

3. Pisae 5, 50. 

4. Cosa Volcientium a populo Romano deducla*) 5, 51. 

5. Falerii 5, 51. 



dasselbe vielmehr zu Iria zu ziehen: 'Plinius ist nach meiner Beobachtung 
in diesen Städtelisten sehr sorgfaltig im Ausdruck, wie das ja auch der Natur 
'der Sache nach nothwendig ist und unterscheidet überall genau zwischen 
1 oppidum und colonia; wenn er erst den Plural oppidis, dann den Singular 
'coUmia gebraucht, muss er vor letzterem Wort mehrere oppida erwähnt 
'haben; also ist Dertona oppidum, Iria eolonia\ Ich habe diese sehr he- 
achteu8werthe Bemerkung nicht unterdrücken wollen, bin aber dennoch der 
üblichen Interpunction gefolgt, theils weil Plinius hier nicht eine eigentlich 
schematische Liste giebt und die nobilia oppida auf jeden Fall die ganze 
Reihe umfassen, wie denn auch anderswo oppidum bei ihm nicht die Ne- 
gation des Golonialrechta einschließt (S. 208), theils weil die Benennung 
IuUa Dertona und damit doch auch der Platz Dertonas in der Reihe der 
jnlischen Colonie gesichert ist, die bei Plinius so entschieden Yorwalten. 
Forum Iulii Iriensium ist allerdings auch Colonie gewesen (C. Y p. 828); 
aber die Zeugnisse dafür gehören einer späteren Zeit an und die Bezeichnung 
Forum Juäum ist mit der Aufnahme dieser Ortschaft unter den jnlischen 
Coionien schwer zu vereinigen. 

1) Dass die Worte a populo Romano dedueta nur mit dem voraoigebeo- 
den Cosa Volcientium verbunden werden können und Madvigs (opusc. p. 299) 
Vorschlag a p. R. deductae Graviscae zu lesen verworfen werden muss, 
wird jetzt allgemein angenommen, und mit Recht. Wenn Madvig weiter hin- 
zusetzt: Cosam ttirpis Etruscae fuisse significant addito Volcientium no- 
mine nobis ignoto et fortasse corrupto, so beachtet er die TriumphaltaJei 
nicht, welche unter dem J. 474 den Triumph de Ulsiniensitus et Vulcien- 
tib(us) verzeichnet. Durch das richtige Verstaudniss der Pliniusstelle wird 
ferner festgestellt, dass die im J. 481 gegründete Colonie Cosa nicht in Cam- 
panien, sondern in Etrurien gelegen hat; was ich darüber früher, zum Theil 
Madvig folgend, aufgestellt habe (R. M. W. S. 315), ist irrig. Die dort ange- 
führten Münzen mit der rohen Aufschrift C05ANO zeigen allerdings campa- 
nische Fabrik; ( etraskisch sind sie nicht', schreibt mir Hr. J. Friedliader, 
'wenn auch das glatte elegante Aussehen der campanischen bis nach Aquinam 
'und selbst bis Tuder reicht'. Sehr verlockend ist die Vermulhung, die Hr. 
Imhooff-Blumer mir mittheilt, dass diese Münzen nichts seien als eine Ent- 
stellung der oft barbarisirt vorkommenden Münzen mit ROMANO; aber dem 
steht doch entgegen, dass die Inschrift CO* A NO constant auftritt, auf einem 
Berliner Exemplar sogar auf beiden Seiten gleichmässig steht. Sind diese 
Münzen in der That die der latinischen Colonie Cosa, so muss, da es ein 
campanisches Cosa nicht gegeben hat (denn wären mehrere Städte des Namens 
vorhanden gewesen, so worden wir dies wissen), die etruskiscfce Kösteastaet 
dieses Namens kurze Zeit unter eampanischem Einfluss gemünzt haben. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 191 

6. Lucus Feroniae 5, 51. 

7. Rusellae 5, 51. 

8. Senia 5, 51. 

9. Sutrium 5, 51. 
/. 

10. Ostia a Romano rege deducta 5, 56. 

11. Antium 5, 57. 

12. Minturnae 5, 59. 

13. Puteoii 5, 61. 

14. Capua 5, 63. 

15. içutnum 5, 63. 

16. Suttta 5, 63. 

17. Venafrum 5, 63. 

18. Sora 5, 63. 

19. 7>anum Sidicinum 5, 63. 

20. JVofa 5, 63. 
Uejto ///. — 
Regio IL 

21. ( Tarent um) oppidum Lacomm emtributa <* maritima 

colonia quae ibi fuerat 11, 99. 

22. Lnceria 11, 104. 

23. Venusia 11, 104. 

24. Beneventum 11, 105. 
Regio IV. 

25. Bovianum vetus 12, 107. 

26. Bovianum undecumanorum 12, 107.') 
flejto V. 

27. Hadria 13, 110. 



1) Wenn es bei Pllnius heisst; Samnitium colonia Bovianum vetus et 
atterum andeenmanorum , dufidenates u. 9. w., so ist dem Wortlaut nttfi 
allerdings nor die erster« Stadt ah cotonto, bezeichnet; die Fassung 3>5,*ö: 
eo/onte Lmcö a mari recédera propiarque Plea* ist wegen des eingeteiltes 
Adjectivs wesentlich verschieden nnd auch die Stellung 1 des iweiteft Boviamit* 
ausserhalb der alphabetischen Fblge kann allenfati» durch Attraction erkürt 
werden. Allein dem steht entscheidend entgegen, dass der Beisatz unde- 
cumanorum die Colonialquaiittt unzweideutig in sich scWiesst und Man PH- 
»tos unmöglich zutrauen kann diese zweite Stadt, während er sie durch den 
Beinamen als Colonie bezeichnete und in die Golonienreihe stellte, dach von 
den Colonie* habe ausschliessen zu wollen. Ich habe darum G. X p. 239 die 
Aenderung coloniae vorgeschlagen. 



Digitized by CjOOQ IC 



192 MOMMSEN 

28. Fir mum 13, 110. *) 

29. Asculum 13, 111. 

30. Ancona 16, 111. 
Regio VJ. 

31. Fanum Fortunae 14, 113. 

32. Pisaurum 14, 113. 

33. Hispellum 14, 113. 

34. Tuder 14, 113. 
Regio VIII. 

35. Ariminum 15, 115. 

36. Bononia 15, 115. 

37. BrixeUum 15, 115. 

38. Mutina 15, 115. 

39. Parma 15, 115. 

40. Placentia 15, 115. 
Regio XI. 

41. Augusta Taurinorum 17, 123. 

42. Augusta Praetoria 17, 123. 

43. Eporedia oppidum SibyUinis a populo Romano conditum 

iussis 17, 123. 
Regio X. 

44. Concordia 18, 126. 

45. Aquileia 18, 126. 

46. Tergeste 18, 127. 

47. Pola 19, 129. 

48. Cremona 19, 130. 

49. Brixia 19, 130. 

50. ifesfe 19, 130. 



1) Nach der jetzt gangbaren Interpunktion bei Plinius 3, 111: Cupra 
oppidum , Castellum Firmanorum et super id colonia Asculum Piceni *o- 
büissima: intus Nov ana. In ora Chiana u. s. w. ist Firmum von ihm über- 
gangen. Aber dies ist sehr unwahrscheinlich, zumal da er das castellum 
Firmanorum nennt; noch unwahrscheinlicher, dass er von Asculum gesagt 
haben soll, es liege super Castellum Firmanorum, was nur auf Firmum 
selbst passt. Vielmehr ist abzutheilen: Castellum Firmanorum et super id 
colonia; Asculum Piceni nobitissima intus, Novana, oder auch nobiUssima: 
intus Novana, was dem Sprachgebrauch des Plinius besser entspricht, aber 
insofern ungeschickt ist, als dana für Asculum jede Bezeichnung der Lage 
fehlt, während Plinius doch offenbar hier die Küste verlässt und mit Asculum 
zur Beschreibung der binnenländischen Orte übergeht. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜftBERCOLOMEN 193 

Dies Verzeichniss ist zunächst zu prüfen theils auf seine 
Richtigkeit, theils auf seine Vollständigkeit. 

Die darin enthaltenen positiven Angaben erscheinen im Allge- 
meinen als zuverlässig, wie dies ja auch hei einem Schriftsteller 
dieser Zeit und dieser Art gar nicht anders sein kann. Bei weitem 
die meisten der von Plinius aufgeführten Colonien sind auch ander- 
weitig beglaubigt als Colonien der Republik oder der früheren 
Kaiserzeit und insofern schon früher erörtert. Hinzu treten die 
folgenden Städte, deren Colonialqualität Plinius allein oder doch 
zuerst bezeugt: 
Aquiaum. 

Die Colonialqualität wird durch die Inschriften bestätigt (C. X 
p. 530). Die Zurückführung auf die Triumvirn in dem gro- 
matischen Verzeichniss (S. 175) kann richtig sein. 
Asculum Picenum. 

Durch Plinius Zeugniss und durch das des Frontinus (de 
controv. p. 18) wie nicht minder durch zahlreiche Inschriften 
(C. IX p. 494) steht das Coloniarrecht von Asculum fest. Ueber 
den Ursprung fehlen die Nachrichten. 
Bovianum vetus. 

Die Inschriften bestätigen die Colonialqualität wenigstens in- 
soweit, als sie. Duovirn nennen (C. IX p. 257); das Ortsrecht 
geben sie nicht an. Die Meldung der gromatischen Liste (oben 
S. 176) führt die Gründung auf die lex lulxa zurück, stimmt 
also ebenfalls. 
Bovianum Undecimanorum. 

Nach dem Zeugniss der Inschriften war die Stadt in Caesars 
Zeit municipium (IX, 2563), späterhin Colonie (IX 2564. 2565) 
unter Duovirn (IX, 2564. 2568). Dass sie erst unter Vespasian 
Colonierecht erhalten hat 1 ), beweist die daselbst gefundene In- 
schrift eines ihrer Duovirn, früher Genturio der legio XI Claudia 
(IX 2564) in Verbindung mit dem von Plinius angegebenen bei 
italischen Städten sonst vielleicht unerhörten von der Legion 



1) Belochs Vorschlag (ital. Bund S. tl), die Colonie dem Dictator Caesar 
ia geben, ist so übel wie möglich. Die Triumvirn und Augustus haben keiner 
der italischen Städte den militärischen Ursprung in den Namen gesetzt; und 
das sollte Caesar gethan haben? Dass überdies in ßojauo sich die Inschrift 
eines Municipalmagistrats gefunden hat, der Genturio in der leg. XI Claudia 
gewesen ist, hat ßeloch zu erwähnen nicht zweckmässig gefunden. 

Uermet XVIII. 1 3 



Digitized by CjOOQ IC 



194 MOMMSCN 

entlehnten Beinamen; offenbar hat* man wie in der früheren, so 
noch in der augustischen Zeit dieser militärischen Benennungen 
sich enthalten und erst später sich dazu verstanden auch in dieser 
Hinsicht Italien den Provinzen gleichzustellen, Hinzu kommt 
die Angabe bei Siculus Flaccus p. 131 : hoc wnperi in Sammo 
uti quoi agros dims Vespasianus adsigmverat, eos tarn ab ipiit 
quibus adsignati étant aliter fossideri. 

Brixellum. 

Die nicht zahlreichen Inschriften der Stadt (C* XI p. 183) geben 
weder über deren Rechtsstellung noch über die Magistratur irgend 
welchen Aufschluss; an der Richtigkeit der plinischen Angabe 
zu zweifeln ist kein Grund. 

Hadria. 

Die Colonialqualität bezeugen Plinius und die Inschriften (C. 
IX p. 480). Dass die Stadt, wenn nicht in suUaaischer, doch 
spätestens in augustischer Zeit gegründet ist, beweist, nach dem 
bei Abellinum Bemerkten, der Beiname Veneria, den sie nach 
Ausweis der Benennung ihrer Freigelassenen (Ci IX, 5020) als 
Hauptnamen geführt hat. 

Luceria. 

Die Colonialqualität der Stadt bezeugen ausser Plinius auch 
Inschriften, aber nur des dritten Jahrhunderts. Die besserer Zeit 
geben die Rechtsstellung der Stadt nicht an, wohl aber, dass 
sie unter Quattuorvirn stand (& IX, 803. 806. 936), wofür 
später Duovirn eintreten. Ein Wechsel dieser Art pflegt auf 
die Umwandlung des Stadtrechts aus muakipalem in coloniales 
zurückzugehen ; ich habe daher die Vermuthung aufgestellt (C. IX 
p. 74), dass Luceria in der früheren Kaiserzeit nicht Colonie, 
sondern Hunicipium gewesen ist und erst durch oder kurz vor 
Vespasian Colonialrecbt erhalten hat. Indess kann aus der Be- 
schaffenheit der Magistratur ein sicherer Schluss auf die Rechts- 
stellung der Gemeinde nicht gezogen werden. 

Pkcentia. 

Dass Placentia Colonie gewesen ist, bezeugen ausser Plinius 
auch Tacitus hist. 2, 19 und die Inschrift (Bulktt. 1862 p. 34): 
Onesimus c(oloniae) P(lacentiae) s(ervus). l ) Die Magistrate sind 

1) Die auf zwei Inschriften (C. V, 5647 und der dort angefahrten Mar. 
1067, 4) begegnenden II • VIR * M • P • habe ich als duo viri municipü JPta- 
centiae gefasst, weil zwar die erste ans Mailand herrührt, die zweite dagegen 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BOMfiRCOLONIEN 195 

Duovirn (OfeMi 3805); den auf einen Stein (Mar. 679, 1) auf- 
tretenden IUI vir Uwr tat Bonnann in ansprechender Weise 
auf als der Uebergangsxeit angehörig, so dass der Quattuorvirat 
in der municipaleo, der Duovirat in der colonialen Epoche ge* 
führt worden sei. 

RuseUae. 

Das Colonialreeht bestätigt die Bleirohre bei Holsteatus mim 
Clnferins p. 39: pwb. eoL Rns. e. $. p. r. fud. Ueber dessen 
Urheber haben wir nicht einmal eine Vennuthang. 

Teanam Sidicinum. 

Es ist eine durch die Inschriften zweifellos festgestellte Thal- 
sache, dass Tea nom sein alles Municipalrecht mit Quattuorvirn 
unter Kaiser Claudios mit colonialem vertauscht hat und seitdem 
als eokmia Claudia Firma Teatmm unter Duovirn steht 1 ) (C. X 
p. 47 1> 
Aber drei Städte hat Plrnius doch mit Unrecht tu Birger- 

colonien gemacht: 

Aqnileia. 

Aus den Inschriften erhellt, dass Aquileia in der früheren Kaiser- 
zeit Hunicipium, in der späteren Colonie war (C. V p. 83. 1185); 
positive Daten für die Grenze haben sie bis jetzt nicht ergeben. 
Es ist nicht unmöglich die Inschriften der ersteren Kategorie 
vor die flavische Epoche zu setzen; Pttnius Ansetzung der Stadt 
als Colonie kann also vertbeidrgt werden, wenn man die Erthei- 
long des Colonialrechts etwa auf Vespasian zurückführt. Wahr* 
seheinlicher aber fallt die Umwandlung erst später, möglicher 
Weise erst unter Severus — vgl. das Fragment V, 8267 vielleicht 
der [colonia SJeptifmia Stvera Clodia Äjttina [Aquileia} — , und 
hat Plinius die latinische Colonie Aquileia aus Versehen seiner 

Dach Placenlia gesetzt wird. Indes« ist letzlere Ortangabe nach Bormanns 
Mitiheilong nicht ausser Zweifel und scheint vielmehr auch dieser Stein nach 
Mailand to gehören. Danach dürfte es sich hier um einen freilich rithsel- 

aaften Mailinder duovir m p(otutaHst) handeln. 

1) Charakteristisch ist es, wie sieb Beloch S. 10 mit diesem unbequemen 
Factum abfindet: 'der Name ergiebt sich aus l.N. 3989: col. CL Firma Tea- 
num 9 , was dann aber in der Rubrik lautet: f coL IuKaft) Firma Teanum'. 
Weiler heisst es: 'bezeugt als Colonie der Triumvirn oder des Augustus 
1. R. N. 3993: C. Cabilenut C. f. Fab. Gallut leg. Vlll Mutinensis'. Also 
weil ein eintelner Soldat einer der vor-actischen Legionen in Teanum bestattet 
ist, ist die Stadt julische Colonie. 

• 13* 



Digitized by CjOOQ lC 



196 MOMMSEN 

Liste eingereiht, was Doch besonders dadurch sich empfiehlt, dass 
er bald darauf (3, 18, 131) den Bericht Pisos über die Gründung 
von Aquüeia anführt. 
Cosa. 

Hievon gilt dasselbe in noch viel zweifelloserer Weise. Die 
Stadt Cosa ist als latinische im J. 481 gegründete Colonie wohl 
beglaubigt (Liv. ep. 14 und 27, 10; Velleius 1, 14); und dass 
Plinius eben diese , nicht eine etwanige spätere Deduction im 
Sinne hat, setzen seine eigenen Worte a populo Romano dcducta 
ausser Zweifel. Allerdings nennt er den Ort nicht ausdrück- 
lich colonta. 
Falerii. 

Dass Falerii bis in die späteste Zeit Muakipium geblieben ist, 
wurde S. 1 76 nachgewiesen. Das hier unbestreitbare Versehen des 
Plinius wird am einfachsten zurückgeführt auf eine Verwechse- 
lung des etruskischen Falerii (Falisci) und des picenischen Falerio 
(Falerimm) , welches letztere allerdings Colonie war und bei 
Plinius fehlt 

Wenn also mit Ausnahme dreier nicht unerklärlicher Ver- 
sehen die Richtigkeit der Angaben des Plinius anerkannt wer- 
den muss, so gilt dies nicht in gleicher Weise von der Vollstän- 
digkeit des Verzeichnisses: nicht bloss fehlen zahlreiche sicher 
beglaubigte Colonien, sondern, was mehr ins Gewicht Gült, eine 
grosse Anzahl derselben werden von Plinius so verzeichnet, dass, 
wenn wir nur auf sein Zeugniss angewiesen wären, ihnen die Colo- 
nialeigenschaft abgesprochen werden mttsste. Es wird nothwendig 
sein den Tbatbestand in vollem Umfang darzulegen, da das Ur- 
theil über das Wesen und den Werth der plinischen Liste dadurch 
bedingt ist. 

Von den zahlreichen republikanischen Colonien finden sich 
nur zehn: 



Antium 


Ostia 


♦Dertona 


♦Parma 


Eporedia 


♦Pisaurum 


♦Minturnae 


*Puteoli 


Mutina 


Tarentum, 



von denen überdies noch die fünf mit einem Stern bezeichneten 
in der früheren Kaiserzeit einer abermaligen Deduction unterlegen 
haben und auf Grund dieser eingestellt sein können. Dagegen fehlen 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERC0L0N1EN 197 

Aesis 1 ): im alpb. Vera, der Binnenstldte 

Alshim: in der Küstenbeschreibung 

Auximum: im alph. Verl, der Binnenstädte 

Buxentum: in der Küstenbeschreibung 

Castrum novum Pic: in der Küstenbeschr. 

Croto : in der Küstenbeschreibung 

Fregenae: in der Küstenbeschreibung 

Graviscae: in der Küstenbeschreibung 

Liternum: in der Kastenbeschreibung 

Luna: in der Küstenbeschreibung 

Potentia in Picenum : in der Küstenbeschr. 

Pyrgi: in der Kostenbeschreibung 

Salernum: im Anhang zu reg. I 

Saturnia: im alph. Vera, der BinnensUdte 

Scolacium: in der Küsienbeschreibung 

Sena Gallica: in der Küstenbeschreibung 

Sinuessa*): in der Küstenbeschreibung 

Sipontum: in der Küstenbeschreibung 

Tarracina: in der Küstenbeschreibung 

Tempsa : in der Küstenbeschreibung . 

Volturnuni: in der Küstenbeschreibung 
Die Colonien Sullas und die damit zusammengestellten fehlen 
s&mmtlich, so weh sie nicht, wie Nola, späterhin wieder deducirt 
worden sind; es sind dies 

Abella: im alph. Vera, der Binnenstëdte 5, 63 als oppidum 

Abellinum: im alpb. Vera, der Binnenstädte 5, 63 als oppidum 

Allifae: im alph. Verz. der Binnenstädte 5, 63 als oppidum 

Ardea: in der Küstenbeschreibung 5, 56 

Arretium : im alph. Vera, der Binnenstädte 5 V 52 (Amtini ve- 

teres, A. Fidentiores, A. Mienses) 

Faesulae: im alph. Vera, der Binnenstädte 5, 52 

Grumentum: im alph. Vera, der Binnenstädle 3, 9$ 

Paestum: in der Küstenbeschreibung 3, 71 als oppidum 



14, 


113 




5, 


51 




13, 


111 




5, 


72 als 


oppidum 


13, 


110 




11, 


27 als 


oppidum 


5, 


51 




5, 


51 




5, 


61 




5, 


50 als 


oppidum 


13, 


111 




5, 


51 




5, 


70 als 


oppidum 


5, 


52 




10, 


95 




14, 


113 




5, 


59 




11, 


103 




5, 


59 als 


oppidum 


5, 


72 als oppidum 


5, 


61 als oppidum. 



1) Wenn diese Stadt richtig erkannt ist in dem bei Velleios 1, 14 über- 
lieferten jiesukim. Dass wenigstens unter den Antoninen Aesis Colonie war, 
steht fest (Orelli 3899. 3900 — G. IX, 5831. 5832). 

2) Falls der Text richtig überliefert ist: ultra fuit oppidum Pirae, est 
eokmia Minturnao ...., Sinueua extremum in adiecto Lotio, hat Plinius 
die letztere Stadt als oppidum gedacht. 



Digitized by CjOOQ IC 



198 MOHHSBN 

Pompeii: in der Küstenbeschreibung 5, 62 

Praeneste: hn alpb. Vera, der Binnenstâdte 5, 64 als oppidum 
Telesia: im alpb. Yen. der Binnensttdte 5 f 64 als oppidum 
Urbana: im alpb. Verz. der Binnenstâdte 5, 64 als oppidum. 
Von den caesarischen néant, tos Capoa abgesehen, Piinius 
Casilinura als im Aussterben begriffen (5, 70), Calatia wahrschein- 
lich unter den oppida (S. 205 Anm.). 

Von den zwölf gut beiengten Triomviralcelenien fehlt da- 
gegen einzig 
Nuceria Constantia: in der Küstenbeachreibung 5, 62. 

Die als Ton Augustus gegründet bezeugten finden sich eben- 
falls alle mit Ausnahme des wahrscheinlich in Folge der Verwech- 
selung mit Falerii fehlenden 

Falerio: im alpb. Verz. der Binnenstldte 13, 11 1. 

Von den Colonien, die als julische bezeugt sind, fehlen drei : 
Castrum novum Etr. : in der Kttstenbeschr. 5, 51 
Cumae: in der Küstenbeschreibung 5, 61 

Parentium: in der KOstenbeschreibung 19, 129 als oppidum. 
Dabei ist nicht zu Obersehen, dass fiber Cumaes Einreibung unter 
die julischen Colonien gestritten werden kann und auch bei Castrum 
novum und Parentium vielleicht in dieser Beziehung Einwendungen 
sich erheben lassen. 

Für die Beantwortung der Frage, woher Ptinhis die Angaben 
über die italischen Colonien. genommen bat und welcher Werft 
ihnen zukommt,, wird auszugeben sein von der schonen der 
Hauptsache nach im Ergebniss zweifellos sicheren Untersuchung 
Detlefsens über die Quellenschriftsteller des Piinius in der Geo- 
graphie Spaniens. 1 ) Abgesehen von den Massangaben Agrippas, die 
für uns nicht in Betracht kommen, hat Plmius für seine Geo- 
graphie hauptsächlich zwei Quellen benutzt: eine Küstenbeschrei- 
bung, die wesentlich auf Varro zurückgeht, und eine Statistik des 
römischen Reiches aus der letzten Lebenszeit des Augustus. Beide 
Bestandteile liegen, wie Detlefsen richtig erkannt hat, auch in 
der plinischen Beschreibung von Italien trotz einzelnen Ineinander- 
arbeitens und mannichfacher kleinerer Einlagen dennoch deutlich von 
einander geschieden vor.*) Hier macht sogar Piinius die zweite Quelle 

1) Comment. Mommsen. p. 23 f., für Italien besonders S. 32. 

2) Unter den einzelnen Indteien dieser Verschiedenheit hebe Ich herror, 
dass die Bürger von Voici im (varronischen) Peripins (3, 5, 51), wie in der 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGEftCOLOMEN 199 

ausdrücklich namhaft in der Vorbemerkung zu der Beschreibung Ita- 
liens (3, 5 V 46): ambitum eins urbesqus enumsrabimus: qua in re 
praefari necessarium est auctorem nos divum Augustum stcuturo$ 
dücripti&nsmqm ab eo factum Italiae totms in rsgionss XI, ssd ordine 
es qui litorum tracAu fiel: urbium quidem vkmitatee orations utiqus 
praspropera servari non posse, itaqus interiors 1 ) parts dfyestionm in 
titteras eiusécm nos sseuturos, coloniarum nmiione signata quas Uk 
in so produit numéro. Ausdrücklich sagt er also, das« er Italien 
beschreiben wolle nach den elf Regionen der augustischen Ein- 
teilung , jedoch nicht in der Zahlen-, sondera in der geographi- 
schen littoralen Folge*), ferner dass er im Binnenland, wo die 
Kurse der Darstellung nicht gestatte die Orte in geographischer 
Ordnung aufzuzählen, die alphabetische Ordnung des augustischen 
Verzeichnisses beibehalten werde; was denn auch meistentheils ge- 
schehen ist, obwohl zuweilen, zum Beispiel gleich in der zuerst 
stehenden neunten Region, auch im Binnenland vielmehr eine 
approximativ geographische Folge obwaltet. Endlich verbeisst er 
noch die Namhaftmachung derjenigen Colonien, die Augustus in 
diesem Verseichniss auigeßlhrt habe. 

In wie weit Plinius in Betreff der Colonien dieser Ankündi- 
gung entsprochen hat, zeigt die obige Darlegung. Er hebt in allen 
Regionen, mit Ausnahme der dritten, eine Anzahl Ortschaften als 
Colonien hervor; dieselben erscheinen theils in der Küstenbe- 
schreibung, theite anter den binnenländischen Ortschaften, dort, 
wie es die Natur der Sache mit sich bringt, in der geographischen 

Triomphaltafel (8. S. 190 A. 1), FoUimtßs, in dem (augustischen) Stadtver- 
zeicuniss (3, 5, 52) Fblcentani heissen. Auf die zweimalige Erwähnung van 
Canusinm (3, 11, 102. 104) hat Oehmichen plin. Stud. S. 51 aufmerksam ger 
nacht, ßeloch (ital. Bund S. 4) anf die vo» Basta (3, 11, 106. 105), Arpi 
(das. 104. 105), Latinum. Der letalere FaU ist desswegen besonders beleh- 
rend, weil hier Plinius die doppelte Erwähnung nicht übersehen, sondern ein 
apulisehes (102: Teanum Apulorum itemque Larinum) und ein frenjtanisehes 
(105: LarinaU* cognomine FrenUmi) Larinum unterschieden hat, offenbar 
veil diese Grenzstadt im Periplus als ap absehe, im Stadtveneiehniss als 
(rcQtafiiacbe vecseichnet war. 

1) in oder ex in, was die schlechteren Handschriften hier einschrieben, 
•obtint «in Glossem, reap. Doppelglossem. 

2) Die emsige gens mediterrane Region, die elfte, ist ziemlich ungeschickt 
zwischen den beiden dnich die Pomündung getrennten eingeschaltet. Ebenso 
«ad die italischen Inseln eingeschoben zwischen dem tyrrhemschen und dem 
ionischen Littoral der dritten Region. 



Digitized by CjOOQ IC 



200 MOMMSEN 

Reihe, hier nicht durchaus, aber doch in drei Regionen (VI. VII. 
VIII) in alphabetischer Folge. Woher hat er diese Nachrichten 
genommen ? 

Zunächst ist die zwiefache Quelle, aus der Plroius überhaupt 
schöpft, auch in dieser Reziehung in Erwägung zu ziehen. Die 
der Küsteubeschreibung eingereihten Angaben über das Golonie- 
i-echt führt zwar Dctlefsen sämmtlich auf die augustische Statistik 
zurück, aus der sie in den Periplus eingearbeitet seien, lndess ist 
es an sich evident, dass dieselben tiicht nothwendig aus dar Colonie- 
liste, sei dies nun die der augusttschen discriplio oder eine andere, 
in deii Periplus hineingesetzt sein müssen, sondern mtegrirende 
Restandtheile eben dieses Periplus selbst sein können. Ein solcher 
konnte gar nicht geschrieben werden, ohne dass die romischen 
Städtegründungen an der Küste Italiens darin wenigstens zum TheH 
berücksichtigt wurden. Es lässt sich aber auoh zeigen, dass we- 
nigstens ein Theil der betreffenden Angaben sicher dem Periplus 
angehört. Wie dieser, wahrscheinlich herrührend von Varro 
(f 727) 1 ), Oberhaupt sich nicht auf die Nomcnclatur der Ort- 
schaften beschränkte, sondern vielfach Memorabtlien aller Art hin- 
zufügte und namentlich auch auf die origines einging*), so darf 

1) Oehmichen de Varrone et Isidoro Plinii auctoribus (acta soc. phiL 
Lips. 3) S. 408f. und plioian. Studien (Erlangen 1680) S. 2 2 f.; Detlefen a.a. 0. 
S. 34. Mir scheint diese Herleitung für Italien ziemlich ausser Zweifel , und 
ebenso ausser Zweifel, dass die Gitate auf Cato, Piso, Aatias, Alexander Po- 
lyhistor durch Varro vermittelt sind. 

2) So bei Pisae: inter amnes Auterem et Arnum ortae a PelopidU 
sive a Tentants Graeca g ente. Aehnliches findet sich im Periplus sehr häufig. 
Allerdings mangeln auch bei binnenländischen Orten und selbst innerhalb der 
alphabetischen Listen dergleichen Notizen nicht ganz (so bei Falerii 3, 6, 51 ; 
Gapua 3, 5, 63; Gora ebenda*.; Praeneste 3, 5, 64; Eporedia 5, 17, 123 u. a. «.), 
aber sie treten hier doch in weit beschränkterem Umfaug auf. Aus der an- 
gustischen Statistik stammen diese Angaben gewiss nicht; man hat die Wahl 
entweder anzunehmen, dass Plinius hier eine dritte Quelle benutzt hat, oder 
seioe uns als Periplus erscheinende Quelle in der That eine Gfaorograpbie 
war, in welcher die Beschreibung des Binnenlandes entweder zurücktrat oder 
von dem Ëpitomator zurückgesetzt wurde. Für die letztere Annahme spricht 
besonders die ganz ähnliche Behandlung Italiens' hei Mela; hier wird die Küste 
vernal tnissniässig ausführlich geschildert, das BmneBlaud dagegen einleitend 
mit den kurzen Worten {2, 4, 60) erledigt: urbiurn quae precul a mari ha- 
bitantur opulenüssimae sunt ad sinistram Paiavium Anêomoris, Muüma et 
Bononià Romanorum coioniae, ad dextram Capua a TuecU et Roma {folgen 
einige Worte über Rom). Wahrscheinlich lag Plinius eine weit ausführlichere, 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 201 

man sicher seinem Verfasser alle diejenigen Angaben vindieiren, 
die nicht bloss die Colonialqualität , sondern die Entstehungsart 
präcisiren, wie die über Ostia, Tarent, Cosa, Aquileia. 1 ) Wenn 
ferner, wie es scheint 2 ), die weitgreifende Uebereinstimmung in 
der Ktistenbeschrabung zwischen Mela und Plinius auf Gemein- 
schaftlichkeit der Quelle zurückgeht, so ist damit geradezu erwiesen, 
dass die Nennung der Colonie Pola wie bei Mela*) so audi bei 
Plinius aus dem Periplus herrührt. Vor allen Dingen aber beweist 
für diesen Ursprung die unrichtige Verzeichnung der beiden Städte 
Cosa und Aquileia, von denen wenigstens die zweite ausdrucklich 
colonia genannt wird. Es waren dies latinische Colonien, also seit 
dem Socmlkrieg municipia cwium Bomanorum ; der Schreiber eines 
Periplus hatte guten Grund ihrer Colonialqualität zu gedenken, aber 
in ein Verzeichnis« der Bttrgercolonien, welcher Art es immer sei* 
gehörten sie nicht und können von Plinius einem solchen nicht 
entnommen worden sein. Da die Abfassungszeit des von Plinius 
benutzten Periplus nicht feststeht 4 ), kann keine einzige in der 
Küstenbeschreibung vorkommende Colonie dem Verfasser derselben 
mit Sicherheit abgesprochen werden, während andererseits zuzu- 
geben ist, dass Plinius recht wohl aus derjenigen Quelle, welcher 
er die binnenländischen Colonien entnahm, einzelne Angaben ito 
die Kostenbeschreibung eingelegt haben kann. . \ 

Sehen wir also von der Küstenbeschreibung ab und fragen, 
woher Plinius die Nachrichten über die binnenUndiscben Colonien 
entlehnt bat, so weist uns zunächst seine eigene Angabe darauf hin, 
dass er sie in der von ihm benutzten dücriptio haliae des Augustus 
vorgefunden und dass diese, ebenso wie die grösseren plinianiseben 



aber das Binnenland verhfiltnia*m&s*ig nicht minder stiefmütterlich behandelnde 
Beschreibung Italiens vor, und rühren daher die Angaben wie Capua a XL 
p. campo dicta, Corani a Dardano Troiano orti, und was dessen mehr 
sich in die {Stadtlisten eingelegt findet. 

1) Denn die Angaben über Aquileia 3, 18, 127 und c. 19, 131 dürfen 
nicht getrennt werden. 

2) Oehmitben a. a. 0. 

3) 2, 3, 57: Pola quondam a Colchis ut ferunt habt tat a, nunc Ro- 
mana colonia, 

4) Die wahrscheinliche Zurückführung auf Varro schliesst die Möglichkeit 
nicht aus, dass Mela und Plinius direct von einer spateren Ueberarbeitung 
abhängen; übrigens kann Varro (f 729) die Deduction auch von Ancona und 
Pola noch berichtet haben. 



Digitized by CjOOQ IC 



202 MOMMSEN 

Listen , die Städte nach den beiden für Italien allein geltenden 
Recbtskategorien in Colonien und Manicipien geschieden hat 1 ) 
Aber diese an sich plausible Annahme erweckt bei' näherer Er- 
wägung sehr ernsthafte Bedenken. 

1. Von iweien dieser Colonien — Teanum Sidicinum und 
Bovianum Undecimanorum — ist es ausgemacht, dass sie erst unter 
Claudius oder Vespasian Colonialrecht erhalten haben. Dass dies 
eigene Zusätze des Plinius sind, ist möglich, aber keineswegs 
wahrscheinlich. 

2. Wenn das etruskische Municipium Paiera bei Plinius irrig 
als Colonie erscheint und dagegen die jrieenische Colonie Fakrio 
bei Hun nicht als solche auftritt, so liegt diesem Doppelfehler, wie 
gesagt, wahrscheinlich eine Verwechselung zu Grunde. Diese konnte 
Plinius aber nicht begegnen, wenn ihm die Colonien in der augu- 
stischen di$criptio nach Regionen geordnet vorlagen; dagegen lag 
sie nahe, wenn er eine selbständige anders, etwa chronologisch 
geordnete ColonieHste benutzte. 

3. Venusia wird zweimal aufgeführt, einmal als Colonie (3, 
11, 104), zum zweitenmal im alphabetischen Städteverzeichniss 
(3, 11, 105). Wie ist es in das letztere gekommen, wenn die 
Vorlage des Plinius dafür lediglich die Municipien enthielt? 

Noch schwerer als diese gewichtigen Instanzen wiegt die ge- 
sammte Beschaffenheit des plinianischen Verzeichnisses verglichen 
mit derjenigen, die bei der augustischen Städteliste vorausgesetzt 
werden muss. Von den binnenländischen Colonien fehlen als solche 
und erscheinen im alphabetischen Verzeichniss der Binnenstädte bei 
Plinius nicht weniger als vierzehn : Abella — Abellinum — Aesis 
— Allifae — Arretium — Auximum — Faesulae — Falerio — 
Praeneste — Saturnia — Telesia — Utabrae(?) — Urbana — ürbs 
Salvia (7). Von einigen ist allerdings das Colonialrecht for die pli- 
nianische Zeit mehr oder minder zweifelhaft; immer aber bleiben 
deren genug übrig, um sicher zu stellen, dass diese Städte in der 



1) Oehmicben (plin. Stud. S. 53) meint, dass die augustisehe Liste in 
jeder Region nur eine alphabetische Reihe aufgestellt, die Colonien aber als 
solche bezeichnet habe, weil es sonst nicht zu erklären sei, dass er in zwei 
Regionen (I. X) die Colonien nicht in alphabetischer Folge verzeichne. Aber 
muss denn alles erklärt werden? Dass in so kleinen Reihen, wie diese sind, 
Pliniu9 die alphabetische Ordnung nicht durchaus befolgt, beweist gewiss 
nicht, dass seine Quelle sie nicht hatte. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜiUiERCOLONIEN 203 

augustischen di$criptio nicht als Colonien aufgeführt gewesen sind. 
Es kommt hinzu, dass in dem Fehlen wie in dem Auftreten der 
binnenländischen Colonien bei Plinius keineswegs bloss Zufall und 
Nachlässigkeit gewaltet haben. Wenn wir von der Küsten beschrei- 
bung absehen, deren Colonieangaben wenigstens der Mehrzahl nach 
auf den varronischen Periplus zurückgehen, so wie von Eporedia 
und Mutina, welche aus derselben Quelle genommen zu sein schei- 
nen 1 ), fehlen die vorcaesarischen bei Plinius sämmtlieh, während 
die nachcaesarischen annähernd vollständig verzeichnet werden. Zu- 
fall kann dies nicht sein; vielmehr folgt daraus mit Evidenz, dass 
die Liste, der Plinius hier gefolgt ist, nur die nachcaesarischen 
Colonien aufgeführt hat. Ist also die augustische di$criptio diese 
Quelle, so wird man anzunehmen genüthigt, dass diese nicht einfach 
die Städte nach den Kategorien der Colonien und der Municipien 
geschieden, sondern dass sie nur Augustus eigene Colonieû ver- 
zeichnet oder, was auf dasselbe hinauskommt, in dem allgemeinen 
Verzeichniss diese allein als Colonien ausgezeichnet bat. 

1st diese Annahme richtig, so ist die discriptio Italiae weder 
ein Tbeil desselben Schriftstücks gewesen, welchem die von Plinius 
benutzten ohne Zweifel ebenfalls augustischen Städtelisten von Spa- 
nien und anderen Provinzen angehört haben, noch diesen Verzeich- 
nissen auch nur correlat und im Allgemeinen gleichartig. Denn in 
diesem Falle konnte die italische Liste entweder die Ortschaften über- 
haupt nach den Rechtskategorien scheiden, wie dies für Spanien 
geschehen int 1 ), oder auch, da diese Rechtsverschiedenheit wohl in 
den Provinzen für Aushebung und Steuer von Bedeutung war, in 
Italien aber vom administrativen Standpunkt aus keinen praktischen 
Werth hatte, die sämmtlichen Stadtgemeinden in einer Reihe auf- 
fahren, nimmermehr aber allein die augustischen Colonien als 

1) Die Notiz über Eporedia ist schon oben (S. 200 A. 2) su denjenigen 
gestellt worden, welche, weil sie die näheren Umstände der Entstehung an- 
geben, nicht aus der Liste genommen sein können, sondern wahrscheinlich 
auf die tait dem Periplus verbundenen Notizen Ober das Binnenland zurück- 
geben. Pur Matina gilt dieses Argument nicht; aber da Meia in dem kurzen 
Auszug, den er von diesen binnenländischen Notizen giebt, die Stadt als Co- 
lonie aufrührt, so kann die entsprechende Notiz bei Plinius füglich gleichen 
Ursprungs sein. 

2) Die Statistik Spaniens führt die Ortschaften auf nach den Rechts- 
kategorien: coloniae — muniotpia civium Romanorum — Städte latinischen 
Rechts — civitates libérât — civitates foederatae -*- civitates stipmdiariae. 



Digitized by CjOOQ IC 



204 MOMMSEN 

solche verzeichnen. Die Statistik ist nicht geeignet zu directer 
Kundgebung höfischer Gefühle, und man tritt dem Regiment des 
Augustus zu nahe, wenn man ihm dergleichen Unschicklichkeiten 
beimisst 

Allerdings ist jene Combination der augustischen diseriptio 
ItdUae und der von Plinius benutzten Provinzialstatistiken nur 
eine ziemlich nahe liegende, aber durchaus nicht gesicherte Ver- 
muthung. Es können ihr auch andere Hypothesen substituirt 
werden. Wer das italische Städteverzeichniss mit eben diesen und 
nur diesen Colonieangaben ausstatten will, mag etwa anndunen, 
dass dasselbe, wenn nicht gerade einen Thefl des von Augustus 
hinterlasseneh breviarium imperii bildete, so doch in ähnlichem 
Sinne die augustische Regioneneintheilung und die augustische 
Colonisirung Italiens zur Anschauung zu bringen bestimmt war. 

Indess wir sind doch nicht lediglich auf Vermuthungen ins 
Blaue hinein angewiesen, um den Zweck jener üseriptio Italiat zu 
ermitteln. Die daraus genommenen alphabetischen Verzeichnisse 
bei Plinius müssen ergeben, welche Kriterien bei der Aufnahme 
in die Liste massgebend gewesen sind. Auch diese Untersuchung 
setzt sich aus der ganzen Summe von speciellen Feststellungen für 
die einzelnen Ortschaften Italiens zusammen und kann in den 
Grenzen dieser Erörterung nicht zum Anschluss geführt werden; 
doch soll beispielsweise an einer der wichtigsten und am besten 
bekannten Regionen, der ersten gezeigt werden, welches Gesammt- 
ergebniss hier sich herauszustellen scheint. Die plinische Liste 
der campanisch-latinischen binnenlandischen oppida fahrt zunächst 
alle selbständigen Stadtgemeinden auf, welche zu Augustus Zeit 
innerhalb dieser Grenzen erwiesener Massen bestanden haben; von 
diesen lässt sich mit Sicherheit auch nicht eine als fehlend er- 
weisen. 1 ) Die Abfassungszeit des Verzeichnisses tritt deutlich darin 

t) Nur scheiß bar fehlen Caiatia und Labici. Letzteres steckt sicher 
wenigstens mit in den Worten Alfaterni et qui ex agro Latino item üer- 
nieo item Labicano cognominantur, die genügend zu erklären allerdings noch 
nicht gelungen ist. Es sieht fast so aus, als führe Plinius zwei Gemeinde« 
der Alfaterni auf, von denen die erste dann nur Nuceria sein kann , das er 
als solches schon in der Küstenbeschreibung erwihnt, wahrscheinlich aber 
unter dem später abgekommenen zweiten Namen nicht wieder erkannt hat. 
Die zweite würde Labici sein ; allerdings ist weder für diesen Ort eine solche 
Benennung sonst überliefert noch weiss ich zu erklären, wie das, was man 
dann erwarten müsste: et qui ex agro Latino Labieani cognominantur in 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 205 

hervor, dass die Gemeinde Urbana, die, nach Plinius eigener An- 
gabe an einer andern Stelle (14, 6, 62), kurz bevor er schrieb, mit 
Capua zusammengelegt worden war, hier nicht vermiest wird. Aber 
ausser diesen begegnen in demselben folgende sieben Namen: 

Alba longa Forum Appi 

Auxmate$ Forentani 

Cmgulani Norbani 

FregeUani 
Von diesen sind die drei Namen Auximum, Cingulum und 
Forentum in diesem Gebiet sonst unerhört, wohlbekannt aber die 
beiden ersten als picenische Städte, Forentum als apulische und auch 
von Plinius in den betreffenden Abschnitten (3, 11, 101. c. 13, 111) 
ab solche verzeichnet. Die Annahme dreier gleichnamiger in augu- 
stischer Zeit bestehender Ortschaften in Campanien oder Latium ist 
abenteuerlich; also muss eine von Plinius verschuldete Versetzung 
zu Grunde liegen, die freilich eben bei dergleichen Verzeichnissen 
in hohem Grade befremdet Aber die wohl bekannten und richtig 
eingestellten vier anderen Ortschaften Alba longa, Forum Appi, 
Norba, Fregellae (genannt neben seinem Rechtsnachfolger Fabra- 
teria nova) haben entweder niemals Stadtrecht gehabt, wie Forum 
Appi, oder, wie die drei anderen, ihre Selbständigkeit in vor- 
augustischer Zeit verloren, während aie als Flecken fortbestanden. 
Dass Plinius sie dem Verzeichnis» eingeschaltet hat, ist um so 
weniger wahrscheinlich, als unter den untergegangenen Ortschaften 
des Latium antiquum , die er weiterbin aufführt, Alba und Norba 
abermals auftreten ; dieser Widerspruch ist erklärlich, wenn er zwei 
verschiedene Listen, wie sie lagen, an einander reihte, scfaliesst aber 
eine selbständige Redaction seinerseits aus. Sind also diese vier Namen, 
wie die übrigen, aus der augustischen Liste geflossen, so hat diese 
überhaupt wohl die selbständigen Gemeinden Italiens alle verzeicb- 

80 seltsamer Weise entstellt ist; das Hernikergebiet bis nach Labi ci zu er- 
strecken ist nicht möglich. — In Campanien gab es erwiesener Massen zwei 
Stidte verschiedenen Namens, Galatia (le Galazze bei Capua), mit Capua zer- 
stört und von Caesar wieder hergestellt, und Caiatia (Cajazzo), selbständige 
Gemeinde von Alters her bis auf den heutigen Tag. Jene ging baid in Capua 
aof und kann allenfalls bei Plinius fehlen, wofern dies sich unter Augustus 
selbst vollzog; diese muss er nothwendig aufgeführt haben. Entweder ist 
also Calatiae in Caiatia zu ändern oder, was mir wahrscheinlicher ist, Plinius 
schrieb Caiatia Caiatia und es ist daraus erst durch Schreibfehler Caiatia 
Caiatia und dann durch Schlimmbesserung Calatiae geworden. 



Digitized by CjOOQ IC 



206 MOMMSEN 

net, aber nicht diese allein, sondern daneben noch «ine Anzahl 
namhafter 'oppida 9 ohne Stadtrecht, Dann aber kann aie die Orte 
gar nicht nach den Rechtskategorien der Golonien und Municipien 
geschieden haben; denn welchen Platz hätten dann Norba and 
Fregellae bekommen? Vielmehr wird dieses Verzeichniss wesent- 
lich geographischen Zwecken gedient und seine Veröffentlichung 
wahrscheinlich eben mit der Eintheilung Italiens in elf Regionen 
in Reziehung gestanden haben. Mag diese rein in geographischem 
Interesse erfolgt sein, was zu glauben man sich allerdings schwer 
entscbliesst , oder mag sie irgend welchen uns nicht bekanntet 
administrativen Zwecken gedient haben, immer mussten dafür die 
sämmtlichen Orte Italiens regionatim vertheilt werden; und wenn 
dabei die Aufführung aller selbständigen Territorien unumgänglich 
nothwendig war, da aus diesen fines sich diejenigen der Regionen 
selbst entwickelten '), so war die Hinzufügung einer gewissen Zahl 
namhafter Flecken zwar nicht erforderlich, aber ausführbar und 
angemessen. Dass Colonien und Municipien in alphabetischer Folge 
ungeschieden aufgeführt wurden, kann in einer Liste dieser Art 
nicht befremden. — Dass auch Plinius, so weit ihm überhaupt der 
Unterschied des rechtlichen und des factiscben Bestehens der Ort- 
schaften deutlich geworden ist, das augustische Verzeichniss in den 
letzteren Sinne aufgefasst bat, ergiebt sich daraus, dass er als 
Gegensatz dazu die Städte aufführt, welche tatsächlich nicht mehr 
bestanden (interfere sine veetigiis 3, 5, 70); dadurch, dass sein Ge- 
währsmann für das zweite Verzeichniss vielmehr die rechtliche Auf- 
lösung der Ortschaften im Sinne gehabt hat 8 ), ist es gekommen, 
dass einzelne Ortschaften, wie schon bemerkt ward, in beiden 
Verzeichnissen figuriren. 

Angesichts aller dieser Schwierigkeiten, in welche die Herlei- 
tung der binnenländischen Colonialnettzen aus der augustischen 
discriptio Italiae im Einzelnen wie im Ganzen verwickelt, erscheint 
die Frage wohl berechtigt, ob denn Plinius wirklich diese Colonial- 



1) Insofern sind diese Verzeichnisse geschichtlich von wesentlicher Be- 
deutung, als zwar nicht jeder darin aufgeführten Ortschaft das Stadtrecht 
zu-, wohl aber jeder darin fehlenden binnenländischea Ortschaft dasselbe ab- 
gesprochen werden kann. Dies ist zum Beispiel entscheidend fur das Stadt- 
recht von Pedum. 

2) Auf diesen Gesichtspunkt habe ich in dieser Zeitschr. 17, 42 f. bio- 
gewiesen. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGBRCOLONIEN 207 

notizen ausdrücklich auf Augustus zurückführt. In der That tbut 
er streng genommen dies nicht; er sagt wohl, dass die von ihm 
als Golemen aufgeführten Orte in der augustischen Liste, nicht 
aber, dass sie darin als Colonien ständen. Wenn er die augustische 
Liste in der Weise abschrieb, dass er sie aus einer andern Quelle 
in zwei Theile schied y so konnte er dennoch recht wohl die ge- 
samnte Darlegung dem Kaiser beilegen. Mir scheint diese Annahme 
das gelindeste HüUsmittei, um aus dem schwierigen Dilemma hin- 
ausrakommen» Giebt man dies zu, so lässt Plinius Vorfahren sich 
zwar nicht rechtfertigen — denn dass seine Colonieverieichnung 
wenigstens impliciter Weise den Anspruch auf Vollständigkeit macht, 
wird ebenso wenig in Abrede gestellt werden können, als dass sie 
diesem Anspruch ganz und gar nicht genügt — , aber doch bei 
seinem oompilatorischen Verfahren einigermassen erklären. Wenn 
die augustische Liste die italischen Ortschaften einfach in jeder 
Region nach den Anfangsbuchstaben ordnete, Plinius aber seinem 
allgemeineren Zweck gemäss die Colonien hier ebenso wie in den 
Provinzen hervorzuheben besehloss, so wird er sich biezu des all- 
gemeinen chronologisch geordneten und die römischen Bürger- 
and latinischen Colonien durchzählenden Verzeichnisses bedient 
haben, welches auch dem Asconius vorgelegen hat. 1 ) Wenn er 
dann die augustische Liste in der Weise wiedergab, dass er zu- 
nächst die in dem Colonieverzeichniss wiederkehrenden Namen, 
sodann die übrigen auszog, so konnte er wohl dazu kommen auch 
die Colonien mehrfach alphabetisch z\i ordnen, obwohl er sich 
einer nicht alphabetisch geordneten Colonienliste bediente, und so 
schreiben, wie er geschrieben hat. Dass er aber in der ihm vor- 
liegenden bis auf seine Zeit fortgeführten Liste lediglich die nacb- 
caesari8ehen Colonien berücksichtigte, geschah wohl aus einem 
doppelten Grund : einmal weil er wusste, dass die älteren Bürger- 
colonien überwiegend coloniae maritmae waren und er in dieser 
Hinsicht sich auf den Periplus glaubte verlassen zu können ; zwei- 
tens weil die ihm vorliegende Liste Bürger- und latinische Colonien 
durcheinander aufführte, Plinius aber für seinen Zweck nur die 
ersteren brauchen und darum die Colonien der Kaiserzeit, die durch- 
aus dieser Kategorie angehörten, unbedenklich aufnehmen konnte, 
während er für die der Republik eine dem eilfertigen Compilator 



1) Vgl. in dieser Zeitschrift 16, 482. 



Digitized by CjOOQ IC 



208 MOMMSEN 

unbequeme Scheidung vorzunehmen gezwungen gewesen wäre. Das* 
er Eporedia einerseits als oppidum, zugleich aber als a populo Jte- 
mano deduction bezeichnet, beweist, dass er sieb bewusst war 
auch unter den oppida Colonien zu verzeichnen. Auch ist die letz- 
tere Benennung selbst offenbar desswegen gewählt, weil sie alle 
städtischen Ansiedlungen einschliesst und keineswegs, wie mtmt- 
dpium f den rechtlichen Gegensatz zu colonia bilde*, sondern auch 
die Colonie und selbst der Flecken oppidum genannt werden kann. 
Bei den wenigen Städten, die er sicher als Bttirgercolonien kannte, 
wie Ostia, Antium, Puteoli, setzte er das Schlagwort hinzu und 
mag es damit vor sich selbst gerechtfertigt haben, dass er de« 
Leser ein vollständiges Verzeichnis der italischen Colonien erwarten 
lässt; in der Uegel wird es ihm sicherer und vor allem bequemer 
erschienen sein den allgemeinen Ausdruck zu setzen, der zwar 
hier, wo er oft im Gegensatz zu coloniac auftritt, etwas anderes 
zu sein scheint, aber au sich doch die Negation des Colonialreohts 
keineswegs einschliesst Zu entschuldigen ist dies Verfahren nicht; 
aber nur auf diesem Wege lässt sich meiner Ansieht nach das 
Verfahren des Plinius wenigstens erklären. 

Einfachere Wege, als diese Untersuchungen sie eingeschlagen 
haben, ist Beloch 1 ) gegangen in seinem Versuch die triumviralen 
und augustischen Colonien zu ermitteln. Er hat erkannt, dass diese 
bei Plinius durchaus überwiegen, aber diese Wahrnehmung weder 
richtig zu beschränken noch richtig zu beziehen gewusst. Er zählt 
bei Plinius 46 Colonien 9 ) und findet diese in den nach ihm 18 
triumviralen und 28 augustischen Colonien wieder, ohne weiter 
viel nach rechts und nach links zu sehen. Kaum ist Je eine Mo- 
nographie mit gleicher Vernachlässigung der Specialuntersuchung 
geschrieben und eine Fahrt ins Blaue der Wissenschaft mit gleich 
leichtem Gepäck angetreten worden. Das aus Plinius auf das blosse 
Schlagwort colonia hin zusammengestellte Verzeicbniss wird behan- 

1) Der italische Bund (1880) S. 1 f. 

2) Die Differenz der Zahl beruht darauf, dass er Bovianum vetus nicht 
mitzählt. Die Ausschliessung von Cos«, Eporedia und Tètent erscheint inso- 
fern gerechtfertigt, als Plinius die ihm vorliegende Liste wahrscheinlich sche- 
matisch durch das Schlagwort colonia wiedergegeben hat. Aber es ist wenig 
glaublich, dass er desshalb, namentlich wo er die Küsten beschreibung ausschrieb, 
sich jeder anderweitigen Verwendung des Wortes enthalten haben soll; und 
auch wer diese drei Städte ausscheidet, wird noch keineswegs einräumen kön- 
nen, dass die übrig bleibenden eine einheitlich geschlossene Liste bilden. 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 209 

jdelt als wäre es eine selbständig überlieferte Quelle; die Fragen, in 
welcher Umgebung es auftritt und woher es rührt, sind für Beloch 
Aberall nicht vorhanden. Ebenso wenig scheint er auch nur die 
Frage sich vorgelegt zu haben, was denn Augustus unter 'seinen 
Colonien' verstanden habe. So ist es denn auch kein Wunder, 
wenn in dieser leichtfertigen Aufstellung mindestens die folgenden 
fehlerhaften Ansehungen enthalten sind. 

1. Alle Gemeinden, die Augustus nicht als Triumvir mit oder 
später allein deducirt hat, gelten nach Beloch dem Augustus 'als 
einfache oppida\ Darf man fragen warum? Es ist nichts gewisser, 
als dass die alteren Colonien, wie Volturnum, Auximum, Pompeii, 
auch später in der gleichen Rechtsstellung geblieben sind; wenn 
also in augustischer Zeit ein Verzeichniss der italischen coloniae und 
der übrigen oppida aufgestellt wurde, so ist es widersinnig anzu- 
nehmen, dass in der ersten Reihe nur diejenigen aufgeführt wur- 
den, deren Colonialrecht auf Augustus zurückging. Und was sind 
überhaupt 'einfache tppida ? In Italien gab es eben nur Colonien 
und Hunicipien; sollte jenes Verzeichniss den darin fehlenden 
Städten die Colonialqualität absprechen, so sprach es ihnen das 
Redit der Munkipien zu; ein drittes giebt es hier nicht. 

2. Da von den achtzehn Colonien zwei später befreit worden 
sind, so ist die Ziffersetzung falsch. Wenn Beloch S. 5 sagt, dass 
'natürlich* zwei andere Städte an ihre Stelle getreten sind, so ist 
das ein weiterer Beleg für den bekannten Gebrauch dieser Partikel 
zur Verkleisterung mangelhafter Syllogismen. 

3. Dass statt der ursprünglichen achtzehn vielmehr 'fast ganz 
Italien' zur Vertheilung gekommen, also unter allen Umständen die 
Ziffer der sechzehn mit einem uns unbekannten Zuschlag vermehrt 
worden ist, wird nicht einmal erwähnt. 

4. Nach Belochs Annahme sind die 28 Colonien Augusts zu 
verstehen ausschliesslich der triumvjralen. Nun aber sind ganz 
unzweifelhaft einzelne Colonien beiden Reihen gemein: wie denn 



1) Die Bemerkung (S. 10), dass bei Ostia 'auf die Deduction durch Au- 
gustas dis collegium veteranorum Augusti Orelli 4109 hinweise', ist nicht 
bloss an sich seltsam, da das Zusammensein einer Anzahl Veteranen in einer 
grossen Stadt mit deren Rechtsverhältnissen gar nichts zu thun hat, sondern 
kann auch kaum anders verstanden werden, als dass der veteraniu Augusti, 
für Beloch nicht der kaiserliche Veteran ist, sondern der Veteran des imp. 
Caesar Augustus. 

Heraei XVIII. 14 



Digitized by CjOOQ IC 



210 MOMMSEN 

zum Beispiel Capua und Benevent einerseits erwiesener Massen zn 
den Triumviralcolonien gehören, andrerseits aber, schon als Julia» 
Augustae, unmöglich aus der Zahl der 28 gestrichen werden können. 
Wie können aber die 18 und die 28 Colonien addirt werden, wenn 
mehrere Städte in beiden Listen stehen? 

5. Es ist nichts weniger als erwiesen, dass Augustas mit dei 
28 Colonien nur die von ihm als Princeps deducirten meint; viel- 
mehr ist, wie oben (S. 187) entwickelt worden ist, höchst .wahr- 
scheinlich ein beträchtlicher Theil der Triumviralcolonien in dieser 
Zahl mit begriffen. Die Addition selbst ist also in mehr als einer 
Weise ein Trugschluss. 

Suchen wir unter Beseitigung dieser Mängel, durch welche 
Beloch verhindert worden ist aus einem an sich richtigen und frucht- 
baren Aperçu die Resultate in vollem Umfang zu ziehen, die Ce- 
lonialangaben bei Plinius richtig zu schätzen, so wird im Allge- 
meinen angenommen werden dürfen , dass er beabsichtigt hat eio 
vollständiges Verzeichniss der nachcaesarischen Colonien Italiens zu 
liefern, also das Auftreten einer Ortschaft als Colonie bei ihm die 
Präsumption der Colonisirung in der Zeit von dem Triumvirat bis 
auf Vespasian begründet, umgekehrt das Fehlen des Colonialprä- 
dicats ein gewichtiges Argument giebt gegen die Annahme einer 
derartigen Colonisirung. Wenn also beispielsweise Hadria und 
Aquinum bei ihm als Colonien erscheinen, so ist es danach wahr- 
scheinlich, dass sie zu den Triumviral- oder den aagustiscben 
Colonien gehört haben, obwohl sie sonst auch als sollanische gelten 
könnten. Indess hat diese Annahme genau genommen nor Gültig- 
keit für die in einigen Regionen den alphabetischen Städtever- 
zeichnissen gegenüber gestellten alphabetischen Coloniallisten, nicht 
aber für diejenigen Abschnitte, wo Plinius dem Periplus oder 
vielmehr seiner vorzugsweise bei der Küste verweilenden italischen 
Chorographie folgt. Für Ostia, Antium, Mutina darf auf das Zeug* 
niss des Plinius hin eine Recolonisirung in augustischer Zeit um 
so weniger angenommen werden, als in diesen Ansetzungen allein 
eine gewisse Rechtfertigung dafür gefunden werden kann, dass 
Plinius den Leser eine allgemeine Uebersicht der italischen Co- 
lonien erwarten lässt. Wenn diese Einschränkung bei dem noth- 
wendigen Verschwimmen der Grenzen der beiden Quellenschriften 
den Werth der Angaben des Plinius schon erheblich mindert, so 
wird dieser noch weiter dadurch beschränkt, dass nach seiner 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 



211 



ganzen Arbeitweise es bei dem Eintragen der nacbcaesarischen 
Colonien gewiss nicht ohne Fehler und Auslassungen abgegangen 
ist. Es ist nicht ohne Gewicht für die Frage um das Colonial- 
recht von Cumae, dass bei Plinius das Prädicat colonia nicht steht ; 
aber entscheidend ist bei einem Autor dieser Art ein solches Still- 
schweigen im einzelnen Falle nicht. Immer aber wird man sagen 
dürfen, dass wir den Gesammtumfang der Colonisation nach der 
philippischen und nach der actischen Schlacht 7— die übrigen nach- 
caesarischen Colonisationen in Italien sind geringfügig — aus PH- 
nius entnehmen können und aus ihm lernen, dass in dieser Epoche 
etwa vierzig der angesehensten italischen Städte zum Besten der 
Truppe von der Gesammtexpropriation betroffen worden sind. 



OBERSICHT DER BÜRGERCOLONIEN BIS VESPASIAN. 



* m 



-I 

"i 
- -c 

sä 



a # 
•a * 



II 



5 



* 



»I 

Sa 



Ahella (S. 164) . . . 

AbelUnum (S. 164. 185) 

Jest's (S. 197) . . . 
Allifae (S. 164) . . . 
AUium (S. 197) . . 
Ancona (S. 170) . . 
Antium (S. 196) . . 
Aquinum (S. 193) . . 
Ardea (S. 165) . . . 
Ariminum (S. 170. 185) 
ArrtUum (S. 165) . . 
Asculum (S. 193) . . 
Ateste (S. 172) . . . 
Augusta Praetoria (S. 172) 
Augusta Taurinorum 

(S. 181.185). . 
Auximum (S. 197) . , 
Beneventum (S. 170.181. 

185) .... 



Sulla! — 
Sulla! 



lib.r.p.! 
Sulla ? 
lib.r.p. 

lib. r. p. 

Sulfat 

Sulla! 
Sulla! 



Üb. r. p. 



Augusta! 



}- 



[Illvir.] 
Illvir. 

[Illvir.] 
Illvir. 



Plinius 
Plinius 
Plinius 



Augusta 



Plinius 



Augustus 
Augustus 



Iu'lia 



Augusta 
Augusta 



Plinius 
Plinius 
Plinius 

Plinius 



Mvir. 



Iulia 



Augusta 



Plinius 



•) Die mit den sullanischen zusammengestellten Colonien unsicheren 
Ursprungs sind mit 'SullaV bezeichnet. — Die von Plinius zu Unrecht auf- 
geführten Colonien sind weggelassen. — Die durch die gromatische Liste 
bezeugten sind, so weit dieses Zeugniss anderweitig gestützt wird, in [ ] an- 
geführt; die falschen oder gänzlich allein stehenden Angaben derselben Liste 
sind weggelassen. 

14* 



Digitized by CjOOQ IC 



212 



MOMMSEN 





! * 

.0 ce 
« ce 

'S ü 

.2 «- 
© S 


T3 e 

i! 


c « 

© a 


'II 
S 5 * 


II 


si 
E 3 


Bononia (S. 172) . . 
Bovianum velu* (S. 193) 
Bovianum undecimano- 

rum (S. 193) . 
Brixia (S. 185) . . • 
Brixellum (S. 194) . . 
Buxenium (S. 197) 
Calatia (S. 168) . . . 
Capwa(S.168. 170. 181. 

185) .... 
Casilinum (S. 168) . . 
Castrum novum Etruriae 

(S. 181. 198). . 
Castrum novum Piceni 

(S. 197) .... 
Concordia (S. 181) . . 
Cremona (S. 170) . . 
Croto (S. 197) .. . 
Cumae (S. 181. 198) . 
Dertona (S. 182. 196) . 
Eporedia (S. 196) . . 
Faesulae (S. 166) . . 
Falerio (S. 173. 198) . 
Fanum Fortunaeiß. 182) 
Firmum (S. 170) . . 
Fregenae (S. 197) . . 
Graviseae (S. 197) . . 
Grumentum (S. 166) . 
Hadria (S. 194) . . . 
Hispeüum (S. 182) . . 
Interamnia Praetutt. 

(S. 166) . . . 
LUernum (S. 197) . . 
Luca (S. 171) .. . 
Luceria (S. 194) . . 
Lucus Feroniae (S. 182) 
Luna (S. 197) . . . 
Minturnae (S. 173. 196) 
Mutina (S. 196) . . . 
Nola (S. 185) ... 
Nuceria Constantia 

(S. 171. 198) . 
Ostia (S. 196) . . . 
Paestum (S. 166) . . 
Parentium (S. 182. 198) 
Parma (S. 182. 185. 196) 
Pisae (S. 182) . . . 
Pisaurum (S. 171. 182. 

196) .... 
Placentia (S. 194) . . 
Pola (S. 182) .... 


/î6. r. p. 
Caesar 

Caesar 
Caesar 

lib. r. p. 

lib. r. p. 

Ub. r. p. 

lib. r. p. 

Sulla 

lib. r. p. 

lib. r. p. 
Sullat 
Sullat 

Sullat 
lib. r. p. 

left. r. p. 

/#. r. p. 

/*£. r. p. 

Sulla 

lib.r.p. 
Sullal 

lib. r. p. 
Ub. r. p, 


[I7ivt>.] 

i/itur. 
lllvir. 

[Illvir.] 

lllvir. 

Illvir. 
lllvir. 


Augustus 

[Augustus?] 
Augustus 

Augustus 


Iulia 

lulia 

Iulia 

IuUa 
Iulia 

Mia 
Iulia 
Iulia 

Iulia 
lulia 
Iulia 

Iulia 

Iulia 


Augusta 
Augusta 

Augusta 
Augusta 


Plinios 
Plinios 

Plinios! 
Plinios 
Plinios 

Plinios 

Plioios 
Plinios 

Plioios 
Plinios 

Plinios 
Plioios 

Plioios 
Plioios 

Plioios 
Plioios 
Plinios 

Ptinios 
Plioios 
Plinios 

Plinios 

Plinios 
Plinios 

Plinios 
Plinios 
Plinios 



Digitized by CjOOQ IC 



ITALISCHE BÜRGERCOLONIEN 



213 





•s - 

-A ce 
a S 

•13 


■H 


Colonieo | 

AogD8tS *) 1 


« 

a « 


.§1 
II 


M C 

a! 


Pompeii (S. 167) . 
Potentia Piceni (S. 197, 
Praenestê (S. 167) . 
Puteoli (S. 196) . . , 
Pyrgi (S. 197) . . 
Rusellae (S. 195) . 
Saena (S. 182) . . 
Salernum (8. 197) . 
Saturnia (S. 197) . 
Seolacium (S. 197) . 
Sena GalHca (S. 197) 
Sinuessa (S. 197) . 
Sipontum (S. 197) . 
Sora (S. 171. 182) . 
Suetsa (S. 182) . . 
Sutrium (S. 182) . 
Tarentum (S. 196) . 
Tarracina (S. 197) . 
Tèanum Sidicinum 
(S. 195) . . 
Tekùa (S. 167) . . 
Tempsa (S. 197) . . 
Terreste (S. 172) . 
Tuaer (S. 182) . . 
Venafrum (S. 183. 185 
Pcntuifl (S. 172) . 
Folturnum (S. 197) 
l/èana (S. 168) . . 




lib. r. p. 

Sulla 

lib. r. p. 

/#. r. p. 

lib.r.p, 
Hb. r, p. 
Hb, r, p. 
Hb. r. p. 
lib. r. p. 
Hb. r. p. 

lib. r. p. 
lib. r. p. 

Sulla? 
lib, r. p. 

lib. r. p. 
Sulla 


! 1 glial s 1 1 1 1 l|l 1 1 1 1 M 1 1 1 1 1 1 


— 


Iulia 

Iulia 
lulia 
Iulia 

Iulia 
Iulia 


1 1 if 1 1 1 1 1 1 1 M 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 

s - 


Plinins 

Plinius 
Plinius 

Plinius 
Plinius 
Plinius 
Plinius 

Plinius 

Plinius 
Plinius 
Plinius 
Plinius 



Berlin. 



TH. MOMMSEN. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTEENJ 

Die Elektra des Sophokles beginnt mit Sonnenaufgang (17). 
Orestes und der bereits verkleidete Pädagoge kommen vor das 
Königsschloss des Agamemnon und besprechen ihren Plan, den 
sie beide schon wissen ; die Urne, deren sie dazu bedürfen, haben 
sie irgendwo in einen Busch gestellt, man sieht nicht recht wess- 
halb. Als im Schlosse ein Klageruf laut wird, meint der Pädagoge, 
ohne dass man den Grund einsieht, eine Sçlayin hätte gerufen. 
Orestes vermuthet, es sei seine Schwester; gleichwohl gehen sie 
schleunigst ab um am Grabe Agamemnons zu opfern ') ; die ganze 
Wanderung zum Schlosse kann somit nur geschehen sein, um die 
Sehnsucht des Orestes, die heimathlichen Stätten wiederzusehen, 
ein paar Stunden früher zu befriedigen. In Wahrheit ist natürlich 
der Zweck des Prologes ein lediglich theatralischer. Der Zuschauer 
soll erfahren, was sich die Beiden ohne Nolh erzählen, diesem 
Bedürfniss genügt der Prolog, gerade so gut und so schlecht wie 
die* geringeren euripideischen. Auch Sophokles hat sich darauf 
verlassen, dass das Publicum sich bei der herkömmlichen Theater- 
praxis beruhigen würde, und die innere Motivirung für überflüssig 
gehalten. Trachinierinnen und Philoktet, namentlich dieser, sind 
darin ganz ähnlich; ebenso die späteren euripideischen Stücke. 

1) Dies Opfer hat Apollon befohlen (51). Das ist in diesem Zusammen- 
hange befremdlich, wo dasselbe ohne Belang für das Gelingen des Anschlages 
ist. Das ist also ein übernommener stesichorischer Zug: denn bei jenem 
ward so die Wiedererkennung mit Elektra und dadurch die Möglichkeit der 
Sache bewirkt. Dass das Subject in den Worten œç IcpUro nur mit Mühe 
ergänzt werden kann, ist nicht zu leugnen, aber nicht zu beanstanden. Gerade 
so steht Oid. Tyr. 106 imaiéXXei, wo auch der delphische Gott Subject und 
nur im Allgemeinen von einem Orakel die Rede gewesen ist. Hier wie mehr- 
fach berühre ich mich mit Vahlens Sommerprogramm, das soeben erscheint: 
ändern habe ich nichts wollen, weil die Vergleichung selbst belehrend sein 
kann. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 215 

Die rufende war wirklich Elektro gewesen; sie tritt auf, den 
Elementen ihre Leiden zu klagen, und singt ein Lied, an welchem 
sich bald auch der Chor, vornehme Mädchen von Argos, totheiligt. 
Nach der umfangreichen lyrischen Partie folgt in speciell Sopho- 
kleischer Manier eine längere Rede, in der Elektra die Gründe 
der Stimmung auseinandersetzt, deren lyrischer Ausdruck vorher- 
ging. Wir erfahren, dass Aigisthos und Klytaimnestra sie sehr 
grausam behandeln; sie bekommt schlechte Kleider und unge- 
Htlgende Nahrung (190), hat auf Verheirathung keine Aussicht und 
wird von ihrer Mutter heftig gescholten, weil sie ehemals Orestes 
gerettet hat. Sie würde auch gar nicht haben vor die Thür gehen 
dürfen, wenn nicht zufällig Aigisthos auf dem Lande wäre (312). 
Mit Orestes, welcher es in Krisa sehr gut hat (159. 180), steht 
sie in fortwährendem Verkehre, weiss auch, dass er kommen will, 
bat aber in Folge seines Zauderns das Vertrauen zu ihm verloren 
(170. 319). Alle religiösen Empfindungen sind ihr in dem einen 
nngebändigten Gefühle aufgegangen, dass des Vaters Blut um Rache 
schreit, dass sie unter dem Drucke eines ungeheuren straflosen 
Frevels schmachtet. Der Chor, welcher nur die Rolle der Ver- 
trauten spielt, glaubt an die göttliche Gerechtigkeit, räth aber zur 
Nachgiebigkeit gegen die Machthaber. 

Die Entwicklung von Elektras Stimmung und Charakter ist 
mit grosser Sorgfalt durchgeführt; dagegen ist das Auftreten des 
Chores überhaupt nicht motivirt. Mit einem Male fängt er an zu 
singen, und dadurch merkt man, dass er gekommen ist; Elektra 
nimmt seinen Zuspruch als selbstverständlich hin, ohne Grass und 
ohne Frage; nach dem Liede (252) constatirt der Chor lediglich, 
was wir schon wissen. Und doch können die Mädchen nur aus- 
nahmsweise mit ihr verkehrt haben, denn dass sie vor die Thür 
hat kommen können, ist ja ein besonders motivirter Fall; und doch 
haben sie auf diesen glücklichen Umstand nicht rechnen können, 
denn sie hören erst von Elektra, dass Aigisthos verreist ist. Chry- 
sothemis und Klytaimnestra ignoriren nachher einfach ihre An- 
wesenheit oder betrachten sie als selbstverständlich. Dieses Miss- 
verhältniss erklärt sich nur zum Theil wie beim Prolog durch die 
Manier der späteren Tragödie, welche den Chor ala ein notwen- 
diges Uebel mitschleppt und häufig gänzlich ignorirt. Zum Theil 
hat sich der Dichter selbst erst die Schwierigkeit geschaffen; wenn 
er z. B. dem Aischylos darin gefolgt wäre, Dienerinnen des Hause» 



Digitized by CjOOQ IC 



216 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

statt der Gespielinnen zu wählen, so würden sich die meiste» An- 
stösse von selbst erledigt haben. 

Cbrysothemis erscheint mit Grabesspendea, welche sie für die 
Matter zu Agamemnons Grab tragen soll. Ehe davon aber gehandelt 
wird, streiten sich die Schwestern Über ihr Veriialten zu den Macht- 
habern« Cbrysothemis steht innerlich auf Seite der Geschwister, 
aber sie weicht der Uebermacht und desshalb ist ihre Existenz er- 
träglich, sie bekommt weiblichen Schmuck geschenkt und braucht 
nicht zu hungern (360). Obwohl sie dafür von Elektro heftig ge- 
scholten wird, bleibt sie doch auch gegen diese nachgiebig und 
freundlich, erzählt der Schwester als, freilich vergebliche, Warnung, 
dass die Eltern beschlossen hätten, sie nach Aigisthos Heimkehr 
einzusperren (eine Drohung, welche für den Fortgang der Hand- 
lung ohne Belang ist), erzählt das beängstigende Traumgesicht der 
Klytaimnestra (welches wohl das Vertrauen des Chors hebt, 481, 
aber für die Handlung ebenfalls wirkungslos bleibt), und lässt sich 
schliesslich bestimmen, statt der Gaben der Mutter solche der 
Schwester zum Grabe zu tragen. 

Klytaimnestras Traum ist bei Sophokles nur ein, keineswegs 
notwendiger, Anlass, Cbrysothemis zum Grabe zu bringen. Das 
einst, bei Stesichoros und Aischylos, gewaltig wirksame Motiv ist 
zwar beibehalten, aber nur als Aeusserlichkeit. Seiner besonderen 
Neigung nach hat Sophokles ferner ein herodoteisohes Bild mit 
dem stesichorischen verbunden. ') Der Gang der Chrysolhemis fahrt 
sie dazu, die Opfer des Orestes zu finden und, ab sie die freudige 
Botschaft von seiner Ankunft, auf die sie richtig schKesst, Elektren 
bringen will, von dieser wieder auf das Verletzendste abgewiesen 
zu werden, 4n mittlerweile die falsche Kunde von Orestes* Tode 
angelangt ist. Auch das Grabesopfer des Orestes hat nur noch hier- 
für Bedeutung; bei Stesichoros und Aischylos bildete es den Angel- 
punkt der Handlang. Man sieht hier also deutlich, wie Sophokles, 
als er den Schwerpunkt seines Dramas verschob, die alten Motive 
gleichwohl in äusserlicher Weise beibehielt. Die Person der Cbry- 
sothemis, welche für Elektras Charakter eine äusserst wirksame 
Folie bildet, fand er nicht nur in dem Iliasverse vor, den er, nicht 
eben glücklich, seinem Chor in den Mund legt 2 ), sondern auch in 

T) Robert Bild und Lied S. 170. 

2) oïa XcvaotefAtc Çriti xal ïqpiàyaooa 157 aus I 287. Die zwecklose 
EmföhruDf der dritten Tochter ist geradezu anstössig, aber nicht anstössiger 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELERTREN 217 

der Volkssage (aus der ihn natürlich auch der Dichter des / nahm). 
Denn einer unter den Malern der attischen Vasen mit dem Tode 
des Aigistbos hat Chrysothemis an Stelle der Elektra genannt. 1 ) 
Wahrscheinlich ist sie auch in anderen Poesien gelegentlich vor- 
gekommen. Ihre Charakteristik gehört jedenfalls dem Sophokles 
allein an, aber er copirte. sich hier selbst. Denn es liegt auf der 
Hand, und ist auch schon von dem geschmackvollen Scholiasten 
angemerkt, dass das ungleiche Schwesternpaar eine Replik von An- 
tigone und Ismene ist, wie Sophokles diese, auch ohne sagenhaften 
Anhalt, in der Antigone dargestellt hat. Auch das hat Chryso- 
themis mit Ismene gemein, dass der Dichter sein Geschöpf, sobald 
er es nicht mehr braucht, rücksichtslos verschwinden lässt. Aus 
der Antigone stammt auch das unterirdische Geftngniss, mit welchem 
Elektra bedroht ist; das Motiv, dort bedeutungsvoll, ist hier nur 
ganz vorübergehend berührt. In dieser Scene können wir also die 
Fäden des Gewebes vollkommen verfolgen. 

Der Chor singt ein Lied, welches neben der Hoffnung auf 
Rache doch auch eine Mahnung an den Geschlechtsfluch des Atrei- 
denhauses enthält« Die Form der Myrtilossage, welche Sophokles 
berührt, braucht nicht verfolgt zu werden 9 ): es ist einleuchtend, 
dass die Berührung des Fluches nicht nur ohne wesentliche Be- 
deutung, sondern gradezu eine Störung der eigenen Tendenz dieses 



alt wen a der Chor des Aias den Odysseus nêXviXaç nennt 954 (gerade wie 
der Dichter der Doloneia und andere Spätlinge der Ilias), oder Neoptolemos 
(Phil. 344) denselben ôXoç. Und der homerische Hiat ist in attischem Verse 
auch nicht schön, aber ebenso wie ato' ara l| èdçccvœy Ai. 195 aus 1 247, 
wo der Hiatus selbst nur durch gedankenlose Verwendung der Formel ent- 
standen ist Danach kann man getrost den Vers Ai. 191 in der Form /u? py, 
dfrol, iy £â* igidXotç nkiaiaiç herstellen; die Ueberlieferang elidirt das 
sweite pq. Die modernen Herstellungen etidiren ein poi, was vor kurzer 
Sylbe nicht zu ertragen ist, oder ändern gewaltsam. 

1) Robert Bild und Lied S. 155. M.d.I. VIII 15. Euripides hat die Chry- 
sothemis Or. 23 eben so überflüssig wie Sophokles die Iphianassa. Sonst 
kommt sie wohl nicht vor, wenigstens nicht so, dass man etwas lernte. Der 
Name steht z. B. SchoL Lykoph. 183. 

2) Jedenfalls ist sie identisch mit der des Pherekydes, welche beim Scho- 
liasten steht : dort kehrt Pelops mit den Flügelpferden ini jqy Uikonéyytjaoy 
zurück, nnd stürzt unterwegs Myrtilos in das Meer, also kamen sie von Osten, 
also war hier die Voraussetzung der Sage dieselbe wie sie Robert (B. u. L. 
S. 187) fordert, d. h. Oinomaos König von Lesbos. Eine Illustration dieser 
Sage ist das Vasenbild M. d. I. X 25. 



Digitized by CjOOQ IC 



218 v. WILAM0W1TZ-MÖLLEND0RFF 

Dramas ist. Denn da Sophokles die That des Orestes für durchaus 
löblich und Gott wohlgefällig hält, so sollte jede Reminiscent an 
die Sagenform, welche den Muttermord verartheilt, billig vermieden 
sein. Aber die Macht der Tradition, welcher der Dichter sich 
sonst entzog, War hier stärker als er, und so blieb eine Andeutung 
des ehemaligen Zusammenhanges stehen. 

Klytaimnestra tritt auf, schilt Elektren, lässt sich aber doch auf 
ein Wortgefecht ein, in welchem sie den kürzeren zieht, und kommt 
erst dann zu ihrem Geschäft, einem Opfer an Apollon wegen des 
Traumgesichtes. Unmittelbar darauf bringt der verkleidete Pädagoge 
die Nachricht von Orestes Tode. Auch hier ist die Scenenführung 
nach dem Vorbilde einer andern erhaltenen Tragödie gemacht. Im 
König Oidipus 1 ) erscheint lokaste um Apollon zu opfern kurz eh der 
Bote den Tod des Polybos meldet. Nicht bloss, dass das Auftreten 
der für den Boten nöthigen Person also motivirt wird, auch das Ethos 
der Scenen ist dasselbe, denn beide Male durchschauen Chor und Zu- 
schauer die Hohlheit der Gesinnung und die Gewissensangst, welche 
zu dem Opfer trieb, und beide Male scheint die Erfüllung des 
Gebetes unmittelbar zu folgen. Nur ist es im Oidipus ein wich- 
tiges Mittel zur Charakteristik Iokastes, und sorgt das vorhergehende 
Chorlied genügend dafür, den Contrast zwischen Handhing und Ge- 
sinnung hervorzuheben, während hier das Opfer an Apollon neben 
der Grabspende für Agamemnon zurücktritt und wesentlich nur 
das Auftreten der Person motivirt. Fast anstössig ist der Rede- 
kampf zu nennen. Sophokles musste daran liegen, Klytaimnestra 

1) Noch eine andere Stelle seines Oidipus bat Sophokles hier verwandt 
Dort sagt der Chor, als Oidipus sich als Findelkind kennen gelernt hat (1087) 
'tlntQ iyco (Attvrtç (îfÀi xai xatà yyotfÂtjv ïâçiç, werden wir morgen am 
Vollmond feste den Kithairon, der dieses Kniblein beschützt hat, feiern können'. 
Es wird also eine Vermuthung ausgesprochen, unmittelbar angeregt darch die 
Entdeckung, dass ein Geheimniss obwalte, und die freudige Hoffnung birgt sich 
unter der Form der Prophezeiung. El. 472 d fjrj lyù naçàcpçœv pamç 
ïtpvv xai yvrifjitxç Xttnofiiya aotpaç, ùatv à nQopavric Jîxa. Die Veran- 
lassung, Kiytaimnestras Traum, ist ganz ähnlich. Aber was hier vorgetragen 
wird, ist eine Vermuthung, die für jeden Menschenverstand nahe lag, und 
den Mädchen steht die /uayreia sonderbar zu Gesicht. Die Fürsten von Theben 
stellen ihre yvcS/uy der des Sehers Teiresias hier wie vorher (500) entgegen, 
und sie stehen wirklich vor einem Räthsel, dessen Lösung über menschliche 
Vermuthung hinausgeht. Auch das macht einen Unterschied, dass die Pro- 
phezeiung in der Elektra die Wahrheit sagt, im Oidipus bitter getauscht wird. 
Nur das letztere wirkt ergreifend. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELERTREN 219 

möglichst schwarz zu malen, damit Elektro auch nur Theiloahme 
finden konnte. Wollte er sie die Mutter im Wortgefechte besiegen 
lassen, so musste diese freilich wenigstens der Tochter das Wort 
lassen. Aber die Rlylaimnestra , welche ihr nicht einmal satt zu 
essen giebt, wird sich diesen Grobheiten schwerlich aussetzen, 
wird schwerlich der Tochter freundlich entgegenkommen, wenn 
diese nur nicht gradezu ausfällig wird (556), und auf die Erklärung, 
dass Elektra es schon zufrieden wäre, wenn sie Orestes zum 
Muttermörder erzogen hätte (604), ist die Drohung mit Aigisthos 
Heimkehr wirklich eine milde Entgegnung. Unehrerbietigkeit und 
Gehässigkeit steht keiner Tochter wider die Mutter gut, mag diese 
sein wie sie will: hier ist Selbstbeherrschung und Würde zudem 
entschieden auf der Mutter Seite. ') Besonders bemerkenswert ist 
eine Einzelnheit. Klytaimnestra hat als alleinigen Grund, wesshalb 
sie Agamemnon getödtet hätte, die Opferung Iphigeneias für die 
Griechen oder für Menelaos angegeben; auffallender Weise kom- 
men die Beschwerden der Gattin wegen Kassa nd ras gar nicht vor. 
Elektra würde also allerdings die Mutter vollkommen widerlegen, 
wenn sie jene That rechtfertigen könnte, sie thut sich auch sehr 
viel darauf zu gute, den wahren Grund angeben zu können. 2 ) 

1) Von einer hasslickcn Wendung kann ich Elektra befreien. Elektra 
sagt 586 ata%iaxa nayruy SQya âçdiaa tvyxàvaç, qxiç Çvysvâitç xtß na* 

Xafiyaiq* xai natâonouïç , xovç âk nooafcy tvatßttc x«| tvatßaiv 

ßXaoxoyrac ixfiaXov*' fjftif. ntSç zavx* tnctiveoaip «V; § xai tavx' içeïç 
<tff rîjç &vyazQùç àyxtoowa Xa/ußdveic ; [ala/çôiç â* idyntQ xai Xiyyç * ov 
yha xaXby i/&QOÎç yapiio&ai xqç &vyaxobç tïvixa] aXX' oh yao ovâè yov- 
dtTtl* t&oxi *e xzL Die eingeklammerten Verse 593. 4 hat ein anderer als 
Sophokles als Antwort der rhetorischen Frage gedichtet, denn die Antwort 
ist falsch : nicht fy&çoç ist Aigisthos, sondern xaxôç, und was Klytaimnestra 
gethan hat, ist viel mehr, es ware etwa vrtèç pi&ç 4fayazQbç oayovoyc xaXXa 
téxya ànoXXvyau Endlich bricht àXXà, begründet durch oh yhq l<rri <rt 
vov&tttlv, ab; das wirkt nach einer rhetorischen Frage; nach einer vollen 
Beantwortung derselben ist nichts abzubrechen. Dass ai 593 eine schlechte 
Partikel ist, bat vielleicht schon der byzantinische Schreiber gesehen, der sie 
in einer der werthlosen Handschriften gestrichen hat Aber weder das Asyn- 
deton noch eine andere Partikel kann eine Verbindung herstellen, die man 
ertragen könnte. 

2) 563 içov de xqy xwaybv "Aqitfiiy, xlroç noivàç xà noXXà nvtvpax* 
£ty* iv AvXldi* tj 9 yà gtoaaa*' xêiyyç yàq ov &4piç jua&tîy' naxqo no&* 
oifioç, ùç iyto xXvo) xrl. <aâ* yy xà xéirtjç &v/uaia. Der Gegensatz der 
richtigen Version gegen die falschlich geglaubte ist evident. Der Vers ïj y yà 
<Pq. kann Verdacht erwecken, aber ich habe der Athetese mit Unrecht bei- 



Digitized by CjOOQ IC 



220 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

Agamemnon habe ein vorwitziges Wort gegen Artemis gesprochen, 
diese desshalb die Flotte weder nach Troia noch nach Hause fahren 
lassen, und so sei er schliesslich zu dem Opfer gedrängt worden. 
Also für sein eigenes Verschulden durfte der Vater das Kind eher 
schlachten als für die Ehre seines Bruders oder die Wohlfahrt 
seines Volkes? Oder war die Göttin schuldig? Hieran ist bei So- 
phokles nicht zu denken, jenes muss er wirklich geglaubt haben, 
denn ganz geflissentlich hebt er die Richtigkeit dieser Begründung 
hervor. Er tritt damit in Gegensatz zu der geläufigen, von Aisehylos 
befolgten oder ausgehenden Vorstellung, indem er auf die Kyprien 1 ) 
zurückgreift. Aber man kann nicht sagen, dass er hiermit wie mit 
der ganzen Scene einen glücklichen Griff gethan hätte, und man 
vermisst für sein Vorgehen die Veranlassung. 

Hier wollen wir stehen bleiben und nun einige Scenen der 
euripideischen Elektra betrachten. 

Das Stück beginnt kurz vor Sonnenaufgang (102). Der Bauer, 
Elektras Gatte, giebt die Exposition, welche hier besonders noth- 



gestimmt (An. Eur. 205). Es ist nicht &epic, also ov% ooiov, dass Artemis 
die Aufklärung giebt; das heisst nicht das triviale» dass die Göttin nickt ver- 
nommen werden könnte, sondern die reine Göttin kann mit der Verbrecherin 
Klytaimnestra nicht verkehren. Eine respectvolle Wendung gegen die Göttin, 
welche ihr Vater beleidigt hat, steht Elektra wohl an. Klytaimnestra em- 
pfindet den Stich, denn um ihn zu pariren, schwört sie 626 bei Artemis : wie 
wollte man diesen Schwur sonst erklären? Freilich ist er den Athenerinnen, 
wie die Komödie zeigt, gewöhnlich, aber in der Tragödie ruft nur die Jung- 
frau die jungfräuliche Beschützerin an (Soph. El. 1238. Eur. Phoen. 192), 
oder es liegt ein ganz besonderer Grund vor, wie Med. 160, erläutert Herrn. 
XV 514, und in dem vom Artemiscult durchwehten Hippolytos. Es ist sehr 
nöthig, die Schwöre einmal im Zusammenhang zu bearbeiten. — Die noXkk 
nvtvpara sind nichts anderes als 'die vielen Winde', welche naXiçço&oiç 
êy AvXiâoç xonotç gewöhnlich wehen. Artemis hielt sie zurück; es webte 
nur der thrakische Boreas, welcher jede Schifïïahrt verhinderte; so erzählt es 
Aisehylos. Diese Erwägung hilft zur Heilung von Eur. Iph. T. 15, wo es so 
heissen muss dtivrjç t' ànXoiaç nvtv/uartay t* [ov] ivy%ay&y. Wenn ver- 
kannt wurde, dass âtivijç auch zu nvtvpatrnv zu beziehen ist und anXeia 
nicht Windstille bedeutet, sondern 'Unmöglichkeit zu fahren', so war die Inter- 
polation der Negation das nächst liegende. Es giebt eine schlagende Parallel- 
steile, Thuk. II 85 : ein athenischer Feldherr ist auf Kreta xai vnb àvéfiwv 
x«î ànXoiaç hdiiiqixpty ovx oXiyov xqovov. Auch hier ist viel überflüssig 
conjicirt. vnb ist im Vaticanus und seiner Sippe vor ànXoiaç verkehrt 
wiederholt. 

1) Vgl. den Excurs. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELERTREN 22t 

wendig ist, weil die Scheinehe Elektras alle Voraussetzungen der 
Fabel geändert hau Elektra geht zum Wasserholen, der Bauer 
aufs Feld. Unterdessen kommt Orestes mit Pylades 1 ) und giebt 
seinerseits 4k Exposition; er hat am Grabe des Vaters geopfert 
und will sieh nun nach seiner Schwester umsehen, mit welcher 
er keine Verbindung unterhalten hat. Als diese zurückkommt, 
hält er sie wegen ihrer Tracht und ihres Geschäftes für eine 
Sclavin und tritt bei Seite sie zu belauschen, sie singt ein Lied, 
an welchem sich bald der Chor, Mädchen von Argoe, betheiligt. 
Diese sind gekommen, Elektra zu einem Herafeste einzuladen und 
wollen ihr erforderlichen Falls die Festgewande leihen. Wir er* 
fahren, dass Elektra ganz verzweifelt ist, da sie von ihrem Bruder 
nichts weiter weiss als dass er in der Verbannung lebt. Nun tritt 
Orestes vor, ohne sich jedoch zu erkennen zu geben, und erfährt 
was er will, wie es um Elektras Ehe steht, wie sie gegen die 
Mutter und ihn gesonnen ist, und wie es die Machthaber in Argos 
treiben. Darüber kommt der Bauer zurück, ladet die Fremden, 
welche für Boten des Orestes gelten, zum Frühstück ein und wird 
von seiner Frau zu dem alten Pädagogen geschickt um das dafür 
erforderliche zu besorgen. 

Die Aehnlichkeit der Anlage mit Sophokles springt in die 
Augen, Prolog des Orestes, Klagelied Elektras, Auftreten des Chores 
ist beiden gemeinsam. Es ist ganz und gar ausgeschlossen, hier 
eine zufällige Uebereinstimmung anzunehmen. Wer aber dem an- 
dern Vorbild gewesen ist, darüber kann man nicht im Zweifel 
sein, sobald man bemerkt, dass was bei Sophokles ganz äusserlich 



1) Pylades erscheint hier so müssig wie bei Sophokles, erhält zuletzt 
Elektra zur Frau, offenbar aus dem Mythos; das kehrt auch Iph. Taur. 915 
wieder, und ist im Orestes ausgemalt; in beiden späten Dramen hat Euripides 
diese Figur mehr hervorgezogen; andere (Hygin fob. 119, Sarkophage) sind 
weiter gegangen. Eben so wenig bedeutsam, aber darum durch die Sage ge- 
geben, ist Pylades bei Aischylos; seine Freundschaft feiert Pindar (Pyth. 11 
wahrscheinlich nach Resiod), und er erscheint in der Hypothesis der Nosten. 
Da er also durchaus zu den stehenden Personen der Sage gehört, kann ich 
Robert nicht zugeben, dass Stesichoros ihn nicht erwähnt hätte, glaube viel- 
mehr, dass die Methode, welche Robert mit so viel Erfolg zur Reconstruction 
des steskhorischen Gedichtes angewandt hat, uns zwingt selbst die Ehe zwi- 
schen Pylades und Elektra dem Stesichoros zuzuschreiben, zumal Hellanikos 
(Paus. II 16, 7) Nachkommenschaft aus der Ehe angiebt, so dass genealo- 
gische Epen wohl zuerst diese Verbindung ersonnen haben. 



Digitized by CjOOQ IC 



222 v. WILAMOWITZ-MÖLLENÜORFF 

und unmotivirt ist, bei Euripides in natürlichem und nothwendigem 
Zusammenhange steht. Sein Chor motivirt sein Auftreten, und für 
ihn war die Yertauschung der Aischyleischen Dienerinnen mit Mäd- 
chen von Argos selbstverständlich. Sein Orestes hat im Prolog auf 
der Bühne etwas zu suchen, muss die Elektra für eine Sclavin 
halten, und muss sich erst über die Verhältnisse orientiren. Bei 
Sophokles ist im Grunde genommen nicht bloss die Expedition des 
Orestes im Prologe, sondern die ganze Sendung des Pädagogen 
mit der Todesbotschaft ohne Zweck. 

Auch der Redekampf zwischen Klytaimnestra und Elektra 
kommt bei Euripides vor, und hier ist das Verhältniss womöglich 
noch augenfälliger. Klytaimnestra kommt auf die Nachricht von 
der Entbindung Elektras herangefahren ; eine bittere Bemerkung der 
Tochter 1 ) bewegt sie sich durch eine Rede wegen ihrer Mordthat 
zu entschuldigen. Elektra bittet um die Erlaubniss zu einer Er- 
widerung, welche die Mutter gern gewährt, und erwidert mit grdsster 
Heftigkeit und Gehässigkeit Die Mutter bricht den Wortwechsel 
ab, gekränkt, aber doch bewegt und voll Rücksicht Der Hörer 
empfindet für die Mutter Sympathie und Widerwillen gegen die 
Tochter, und das soll er grade : das ist die Absicht des Euripides, 
und nichts im ganzen Drama dient ihr so wie diese Scene. Bei 
Sophokles soll das Verhältniss das entgegengesetzte sein: aber 
mochte er auch versuchen den Rahmen anders zu füllen (wie er 
denn das hier vorzüglich behandelte Capitel der ehelichen Treue 



1) Klytaimnestra kommt auf die Bühne gefahren, begleitet von einem 
Tross Selavinnen : so sehen wir den Gegensatz ihres Wohllebens und der ärm- 
lichen Hütte. Sie befiehlt diesen, ihr vom Wagen zu helfen. Da tritt Elektra 
vor, 1004 [ovxow kyta, âavXij yàq ixßtßXqfiivq <f6juù)v najQtptûv dWrv/ifr 
oixtS âôfiovç,] {**JT£Q Xaßtü/uai /uaxaçiaç ttjç rijç £€£&; KA. dovkai Traça« 
aiv aïâs, pn cv (aoi noyti. HA. ti (T * al^^alnijoy fi fx àntpxiaaç â6fu*r t 
riçripêvtov âh âufiâroiv jjçtij/Ltt&a âç aïdê, naxçoç &çq>avot XeXtipfüyoi. Kly- 
taimnestras Worte 'bemühe dich nicht, es sind ja Selavinnen da', und Elektras 
Antwort 'wie so? du hast mich ja wie eine Kriegsgefangene Verstössen, und 
wie sie durch die Einnahme von Ilios, so bin ich durch den Verlust meines 
Vaters in die Dienstbarkeit gekommen* (denn so ist die um der Pointe Willen 
verschränkte Wortstellung aufzulösen), beweisen gleichermassen, dass Elektra 
nichts weiter als das Anerbieten der Mutter vom Wagen zu helfen gesprochen 
hat, am wenigsten aber das Motiv für diese Dienstleistung verwandt hat, 
welches die Mutter sofort dagegen verwendet, dass es Sclavendienst sei. 
Und wenn sie sich âovXij genannt hätte, wie könnte sie sich nachher, und 
nur metaphorisch, aîxpàkojioç nennen? 



Digitized by 



Google 



DIE BEIDEN ELEKTREN 223 

ganz ausser Spiel lässt), der Rahmen selbst war für seine Absicht 
nicht geschickt Freilich eins hatte Euripides seine Elektra nicht 
entschuldigen lassen: die Opferung Iphigeneias im Interesse des 
Menelaos. 1 ) Da glaubte Sophokles einen Trumpf ausspielen zu 
können, desshalb behielt er die Entschuldigungen Klytaimnestras 
bei, und holte sich aus den Kyprien eine Widerlegung. Aber auch 
hier mit geringem Erfolge. 

Folglich ist die Elektra des Sophokles mit Kenntniss der euri- 
pideischen gedichtet, oder vielmehr durch dieselbe veranlasst. Denn 
Euripides Elektra ist aus dem Jahre 413*); und wenn Sophokles 
den Stoff, dessen Behandlung durch Aischylos er schon als nam- 



1) Klytaimnestras Rede ist so disponirt. 'Daran ist dein Vater schuld; 
ich will mich rechtfertigen; freilich ich stehe im üblen Rufe, und deshalb 
wird man meiner Rede keinen Geschmack abgewinnen (ihre yXmaem ist nixca, 
Gegensatz des NiozoQiioy tvyXiaaaoy pike fgm. 891, nicht weil sie selbst 
bitteres redet, sondern weil die Rede den Hörern in Folge ihrer Vorurtheile 
'nicht leicht eingeht'), doch das ist unrecht, auf die Sache kommt es an 
(1015 ist to nçâypct y ctç (di C) /na&éviaç zu lesen). Agamemnon hat mich 
betrogen und fphigeneia geschlachtet, nicht furs Vaterland (wie Erechtheus), 
sondern weil Menelaos sein verbuhltes Weib nicht zu hüten gewusst hatte. 
Und doch, das hätte ich ertragen, nun kehrte er aber mit einer Kebse heim. 
Das hat mich, ein schwaches Weib, verfährt, auch die Treue zu brechen. 
Aber deshalb darf ich doch nicht allein getadelt werden. [Wenn Menelaos 
geraubt wire, so hätte ich wohl den Orestes auch schlachten müssen, damit 
meine Schwester einen Mann hätte, das würde doch Agamemnon nicht ge- 
litten haben. Und da sollte er nicht sterben, der mein Kind erschlug und 
ich sollte es von ihm mir gefallen lassen?] Da es so stand, suchte ich mir 
natürlich Rückhalt bei seinen Feinden, da sein Anhang mir doch zum Morde 
nicht geholfen haben würde. Nun bestreite einer die Berechtigung zur That.' 
Dass die eingeklammerte Partie (1041 — 45) In sich sinnlos ist und den Zu- 
sammenhang zerstört, eine ganz thörichte Schauspielerinterpolation, bedarf 
meines Erachtens keiner Beweise weiter. Ausserdem habe ich 1046 Ix iwd' 
(fm*?' C) hQicpfyv fjvneç nv noçevai/noy geschrieben: die Ueberlieferung 
ist schon durch den unmöglichen Aorist gerichtet. 

2) Ich halte nach wie vor {An. Eur. 152) die Gründe, mit denen Weil 
diese Datirung gestützt hat, für durchschlagend ; wenn übrigens die Dioskuren 
tagen (1347), 'sie wollten die Flotte im sicilischen Meere beschützen, denn 
sie ständen zwar den Unreinen nicht bei, wohl aber denen, die Göttern und 
Menschen gegenüber gerecht wären, darum solle Niemand mit Meineidigen 
eine Fahrt unternehmen', so liegt auch darin eine actuelle Beziehung auf den 
geächteten Gottesfrevler Alkibiades. So lange er bei der Flotte war, konnte 
das Unternehmen keinen Segen bringen : jetzt werden die Götter dem frommen 
Nikias beistehen. 



Digitized by CjOOQ IC 



224 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

hafter Dichter erlebt hatte, vierzig Jahre unberührt lies« 1 ), dann 
als achtzigjähriger aufnahm und im bewussten oder unbewussten 
Anschluss an Euripides bearbeitete, der doch auch die Oresteia 
gesehen hatte und auch so lange gewartet hatte, so kann das post 
hoc nur ein propter hoc sein. Was den Sophokles vermochte ia 
die Concurrenz mit Euripides einzutreten, ergiebt sich, wesn man 
sich klar macht, was Euripides in seiner Elektra hat geben wollen. 2 ) 
Für ihn war das Verhältniss zu Aischytos das bestimmende; 
an ihn hat er sich überhaupt in seinem Greisenaller mil steigen- 
der, auch formeller, Umwandelung seiner eigenen Dicbiweise, an* 
geschlossen. Diesmal nahm er ausser dem bei Aisehylos gebotenen 
nur sehr wenige Sagenzüge anderswoher auf; das meiste, wie man 
vermuthen darf, von Stesichoros, der Quelle des Aisehylos: so den 
von Aigisthos auf Orestes Kopf gesetzten Preis (33), welcher mo- 
tivirt, dass Orestes nicht, wie bei Aisehylos, und nachher bei 
Sophokles wieder, von Khrrha kommt, sondern ein landftüchtiger 
Verbannter ist 3 ), und die Verbannung Orests nach Oresthasion, als 



1) Als Aristophanes, etwa im Jahre 419, die Parabase der zweiten 
Wolken schrieb, war die Sagenform der Choephoren für die Wiedererkennung 
zwischen Orestes und Eiektra die unbestritten volkstümliche (539). Pass 
Euripides seine Kritik damals noch nicht daran geübt hatte, würde not- 
wendig folgen, auch wenn es nicht sonst feststände. Aber wenn Sophokles 
ignorirt worden wäre , so wurde das nur unter der Voraussetzung möglich 
gewesen sein, dass seine Eiektra keinen Eindruck gemacht hatte. Sie ist von 
Pherekrates parodirt worden (Schol. 87), leider ergiebt das kein chronolo- 
gisches Moment. 

2) Ich sehe mich durch die Analysen und Vergleichungen beider Dramen, 
so weit ich sie kenne, nicht gefordert, ausser durch Mau (Comment. Movant. 
291). Dieser hat an einigen Stellen Euripides gegen Sophokles schreiben 
lassen, aber für ihn war das Altersverhältniss wie es geglaubt wird Voraus- 
setzung. Hoffentlich gelingt es mir, ihn su überzeugen, dass seinen Forde- 
rungen in anderer Weise und ohne Athetesen ihr Recht werden kann. 

3) Arnim (S. 69 ff.) hat also nicht Recht damit, dass diese Harte des 
Aigisthos für den Aufbau des Stückes werthlos sei, wenn sie auch nirgend 
weiter darin vorkommt. Aber von der Annahme einer Interpolation hätte ihn 
schon das zurückhalten sollen, dass der Zug der Sage sonst bezeugt ist. Er 
hat öfters dem keine Rechnung getragen, dass ein Dichter in der Recapitu- 
lation einer fremden Erzählung auch solche Züge wiedergiebt, welche für ihn 
selbst unmittelbar ohne Bedeutung sind. Ausserdem hat er Vs. 29 eben so 
wenig verstanden wie sein Vorgänger. Klytaimnestra hatte für den Gatten- 
mord eine axtj%f/iç f naiôtav <f' iduae (a*i y&ovtj&iir; qpöVo». Das ist freilich 
verkehrt, wenn es sich uro menschlichen Neid handelt, obwohl auch da, in 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 225 

die verhäHnissmttsstg härteste Strafe, welche die Sage kannte (1274 
fgl. Or. 1643). Auf Kinder der Klytaimnestra deuten 62 und 626, 
ohne besondere Absieht, wie bei Sophokles (589), weil Erigone 
eben in der attisch-areopagitischen Sage als Klägerin bekannt war. 1 ) 
Die Prophezeiung des Kastor 1280 bereitet nur das Publicum auf 
die euripideische Helene von Mit bedeutendem Effect erzählt 
ein ganzes Chorlied die Geschichte vom goldenen Schafe des 
Thyestes, also die Veranlassung des Geschlechtsfluches: denn es 
folgt die abweisende Kritik kéy&w %àv âè nlativ ufitxçàv rtaç 9 
fyuny' Iget (737). Euripides war sioh dessen wohl bewusst, dass 
er den Geschlechtsfluch nicht brauchen konnte, deshalb verwarf 
er ihn ausdrücklich. Er wusste, was er that, und weshalb er von 
Aischylos abwich. Die religiöse Tiefe der Oresteia wttrde er ja 
doch niemals haben anstreben können, denn nur in der irüogischen 
Behandlung und nur unter den Händen eines, wenn der Ausdruck 
erlaubt ist, theologischen Dichters konnte der Mythos die univer- 
selle Bedeutung erhalten. Ein Conflict der Pflichten, wie bei 
Orestes, war unvermeidlich, so lange der Einzelne gezwungen war 
sich das Recht zu nehmen. Darum hat die göttliche Gnade der 
geordneten menschlichen Gesellschaft, dem Staate, das Gericht über 
die Einzelnen in die Hand gegeben, zur Wehr wie zur Waffe. Die 

Folge des bösen Blickes, der (p&ovoç mehr bedeutet als wir zunächst em- 
pfinden, vgl. 902. Allein Klytaimnestra fürchtet der Götter 'Neid', ihr Uebel- 
wollen, ihre Abadung. Bei Sophokles sagt Aigisthos vor der vermeintlichen 
Leiche des Orestes 1466 ä Ztv, éédoçxa <p<x*p «r*t> <p&6vnv pkr oi ne- 
ntojxoç, êl <T in tau rêptaiç, ov Xiyu. Er fürchtet denselben <p&6voç t 
sonst würde er jubeln, und er ruft Zeus an. Vgl. auch Aisch. Ag. 947 und 
Eur. Hipp. 497. An den meisten dieser Stellen, vielleicht an allen, ist ge- 
ändert. Es ist mir zweifelhaft, ob die Textverbesserer Lehrs über den Neid 
der Götter, und Jahn ober den bösen Blick, gekannt haben. Trotz solchen 
Vorgängern verdient der ganze Gegenstand eine erneute Behandlung. Zu- 
fällige Leetüre wirft mir gerade eine zwar späte aber hübsche Stelle in den 
Schooss Appian bell. civ. I 71 von den Morden der Marianer in Rom a'Mç 
t% &i(öy Ç vi/uiGiç <xvâQcî)>> Ç çp&6vov cpoßoc ovâelç hi roiç yiyyo/uévoiç 
tnnv. — Auch darin ist Arnim zu ängstlich gegenüber Klinkenbergs zuver- 
sichtlicher Behauptung gewesen, dass er in den Worten tov kéyowt xtjatvovr* 
lp*( (47) den Plural Xoyoioi beanstandete. Gleichzeitig nannte Vahlen (über 
die Anfinge der Heroiden 33) den Sprachgebrauch allbekannt Hier ein paar 
Stellen Soph. Ai. 1020 dovXoç Xôyotoiv (fay sic, Eur. Iph. T. 837 <u XQtîeaoy 
5 Xéyoïaw tvzvxiSvy Helen. 1572 ô oixêt* Jty Xoyouxi MiviXtœç. Arist. 
Wölk. 611 ov Xôyotç àXX 1 kfJKpavwç. Içyouti steht Hel. 296. 

I) Hygin. 122. Genaueret über Sophokles Erigone ist unbekannt. 
Hennef XVIII. 15 



Digitized by CjOOQ lC 



226 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

gläubige Seele, welcher der Mythos heilige Wahrheit war, erbaute 
sich so an der vollkommenen Lösung des Conflictes. Euripides 
war in diesem Sinne keine gläubige Seele und vor dem Mythos 
hatte er nicht den mindesten Respect Seine Kritik stand nir- 
gend still und nach dem Kanon seines individuellen Rechtsgefühls 
bestritt er auch dem Mythos oft die Wahrheit, öfter die Sittlich- 
keit, was in göttlichen Dingen einem Bestreiten der Wahrheit 
gleichkommt. Die ganze Heldensage war für ihn nur der Thon, 
aus dem er seine Figuren knetete. Das Recht des hellenischen 
Dichters, selbstthätig an dem gemeinsamen Gute des Volkes fort- 
zudichten, übte ein Jeder von ihnen, je zeugungskräftiger seine 
Phantasie war, um so kühner und erfolgreicher; gerade das war 
es, was Euripides immer wieder zu den chalkidischen Dichtern und 
zu Aischylos hinzog. Aber Euripides übte dieses Recht nicht so 
aus, dass er in den Geleisen der Sage fortwandelte, sondern er 
zwang dieselbe gewaltsam in Bahnen abweichender, oft entgegen- 
gesetzter Richtung, nach seinem subjectiven Belieben« Er musste 
es ; denn mit der hellenischen Dichterpflicht, Lehrer des Volks zu 
sein, war es ihm nicht minder ernst als dem Aischylos. Da er 
sich aber innerlich nicht mehr auf dem Standpunkte des Mythos 
befand, so gerieth er in Wahrheit in einen Conflict mit seinem 
'Stoffe'. Grossartig, titanisch war der Versuch; aber die Sage ist 
eben kein todter 'Stoff, sondern sie ist eine lebendige göttliche 
Macht. Mit ihr vermag der Einzelne alles, gegen sie wird er auf 
die Dauer immer erliegen, und wird auch die schönste Frucht 
wurmstichig sein. Auch von den modernen Dichtern hat nur der 
die vollendete Schönheit erreicht, der sich der Majestät der Sage 
fromm zu beugen gewusst hat. Schon an einem äusserlichen Merk- 
male musste Euripides die Unzulänglichkeit seiner Macht erkennen. 
Die Sage hat keine feste Gestalt im einzelnen und läset dem dich- 
tenden Individuum Spielraum genug, aber sie hat eine Continuität, 
und sie hat feste Marksteine der Handlung, welche weder umzu- 
stürzen noch zu umgehen sind. Mochte nun Euripides auch einen 
Act der Sage mit noch so grosser Freiheit umgestalten und dieser 
Umgestaltung durch seine eigene Dichterkraft volles Leben ver- 
leihen: er musste nach vorn und nach hinten an die Sage An- 
schluss schaffen. Das that er, je weiter die Kluft ward, die ihn 
innerlich von der Sage trennte, desto äusserlicher, im Prolog und 
durch den Maschinengott, diese üble Erfindung seines Greisenalters; 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 227 

seine letzte Periode kommt hier überhaupt vornehmlich in Be- 
tracht. Auch die festen Ecksteine der Sage wurden ihm häufig 
genug zu Steinen des Anstosses. Er mochte Helene noch so ver- 
worfen darstellen, sie kehrte doch nach Sparta als Königin zurück, 
Ilios fiel trotz allen Freveln der Hellenen und Orestes ward unter 
allen Umständen freigesprochen. Damit kam ein innerer Wider- 
spruch in seine eigenen Werke. Aber das war unvermeidlich. Nur 
um diesen Preis war die Freiheit feil, die Charaktere und die 
Handlungen aus selbstgewollten Voraussetzungen zu entwickeln. 
Der Mythos war eine Schranke der dramatischen Kunst geworden: 
Euripides brach sie und hob damit das Drama auf den Gipfel, dass 
es die Menschen darzustellen vermochte wie sie sind. Auf ihrem 
Höhepunkte muss jede Kunst die typischen Formen abstreifen, mag 
mit Heiligenscheinen und redenden Attributen auch die Innigkeit 
und Tiefe der archaischen Kunst verloren gehen. 

Der Multermord war den Hellenen, welche die Sagen von 
Alkmeon und Orestes zu paradigmatischer Bedeutung erhoben, be- 
reits das schwerste Verbrechen. Aber selbst dem Aischylos schien 
es noch ein sühnbares zu sein. Das Verhältniss zwischen der 
Mutter und dem erwachsenen Sohne kann sehr wohl ein Grad- 
messer für die innere Cultur der Völker sein. Dem Orient ist es 
fremd, und auch unter den Hellenen hat sich nur der ionische 
Stamm, der Adel des Menschengeschlechtes, zu einer tiefen Durch- 
geistigung desselben erhoben. Der Himmel hat wohl in Vater 
Zeus und seinen Töchtern schon das parallele, aber minder tiefe, 
Verhältniss hypostasirt. Hephaistos und Ares helfen der Hera, Apol- 
lon der Leto, aber das giebt nur die äusseriiche Verpflichtung 
wieder, dass der erwachsene Sohn xvç ioç der Mutter ist. Die 
Dorer bleiben auf niedrer Stufe; für Pindar ist noch zu hoch, was 
schon der ionische Sänger so xührend dargestellt hat, wie der 
heldenhafte Achilleus an der Mutterbrust weinen darf. Was im 
Homer anklingt, das tönt voll und rein in Athen. Wenn Aias 
oder Herakles zum Sterben kommen, dann gilt der Mutter der 
letzte Gruss. Theseus und Aithra, lokaste Melanippe Hypsipyle 
Antiope und ihre Söhne sind euripideische Figuren. Der attische 
Vasenmaler lässt Hekabe dem scheidenden Hektor den letzten Trunk 
kredenzen. Strepsiades kann sich von seinem Sohne wohl den 
TcarçaXoiaç noch rechtfertigen lassen ; beim ftrjicaloiac läuft ihm 
die Galle über. In diesen Stimmen liegt das höchste Zeugniss 

15* 



Digitized by CjOOQ IC 



228 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

von der Würde der attischen Frau. Die römische wird erst in der 
Revolutionszeit so hoch gehoben; die Goriolansage wird in dem 
Sinne umgestaltet, und die Geschichte erzählt von Cornelia Raia 
Aurelia Atia. Dann sinkt wieder die Temperatur des menschlichen 
Herzens. Dem Christentum hätte die paradigmatische Ausbildung 
eines solchen Verhältnisses nahe gelegen; aber lediglich die bildende 
Kunst, diese seit Giotto, ist ihm einigermassen gerecht geworden. 
Shakespeare hat Volumnia und Coriolan im Sinne der römischen 
Fabel, und Hamlet und Gertrud aus eigner Seele geschaffen, ahnungs- 
los, dass er die Orestesfabel streifte. Und doch, welcher Abstand 
noch von Hermann und seiner Mutter auf der Bank des Weingartens. 
Goethe erst erhebt sich wieder zu dem Gefühle des fünften Jahrhun- 
derts. Unendlich reicher ist der Ausdruck des Gefühles geworden, 
und er spricht zu uns in der Sprache unseres Herzens: aber man 
soll nicht vergessen, dass Euripides, der Sohn, dessen Mutterliebe 
so oft von dem frechen Spötter Aristophanes gekränkt ward, an 
der Darstellung dieses selben Gefühles sich sein Leben lang be- 
müht hat. Alkmeon hatte er schon in seiner ersten Periode be- 
handelt, und in seinem letzten Jahre nahm er den Stoff von neuem 
auf. Auch bei der Dramatisirung der Elektra ging er von dem 
tiefsten sittlichen Probleme aus, und, wie weit die Ausführung ihn 
abgeführt haben mag, den Anstoss gab ihm seines Herzens Fröm- 
migkeit. Ein Gott soll das verabscheuungswürdigste Verbrechen 
geboten haben? Das ist für Euripides Blasphemie: ein Teufel war 
das, kein Gott. 1 ) Oder vielmehr, da die euripideischen Personen 
selbst die Verantwortung ihrer Handlungen tragen : Orestes ist ein 
Verbrecher. Freilich, wenn die That so erschien, so war ihre milde 
Ahndung, welche in der Sage unumstösslich fest stand, eine schwere 
Verletzung des Gerechtigkeitsbewusstseins — aber diese Dissonanz 
war dem Dichter schon recht; war sie doch die Schuld des Mythos. 
Nun konnte er zum intellectuellen Urheber des Verbrechens aber 
den Knaben Orestes nicht brauchen, der die Mutter kaum ge- 
kannt und jedenfalls nur durch das Motiv getrieben werden konnte, 
den Vater zu rächen. Und dieses war, soviel es Aigisthos anging, 
auch in Euripides Sinne lobenswerth. Denn da natürlich der Ge- 
schlechtsfluch für ihn nicht existirte, war Aigisthos nur der feige 



1) 979. Orestes wiederholt es angesichts des Apollon Or. 1669. Kastor 
(El. 1246) verurtheilt Apollos eigentlich auch. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELERTREN 229 

Wollüstling, der Verführer Kly taimnestras , der um so schwerer 
belastet erschien, je mehr Klytaimnestrà eine mildere Beurtheilung 
erfuhr. Somit war für Orestes die Charakteristik vorgezeichnet: 
entschlossen und energisch wider Aigisthos, zaghaft und wider- 
strebend, wo es den Muttermord galt. Wem nun dafür die Schuld 
der ßovXsvaig zuschieben ? Darin lag die Entscheidung. War die 
Antwort auf diese Frage gefunden, so war der Hebel da, mit dem 
der Mythos aus seinen Angeln gehoben werden konnte; die 
ganze neue Tragödie war damit im Keime vorhanden. Euripides 
that einen kühnen Griff und wählte Elektra. Bisher, bei Stesi- 
choros und Aischylos, war sie nur dazu da gewesen, dem Orestes, 
der aus der Fremde kommt, den Druck zu zeigen, unter dem sein 
Vaterhaus schmachtet, und somit, selbst passiv, ihn zur That an- 
zufeuern ; sobald es zum Handeln kam, trat sie zurück. Euripides 
machte ein Individuum aus ihr, sehnitt die ganze Fabel auf diesen 
einen Charakter zu und verwandte auf seine Durchbildung die ganze 
liebevolle Sorgfalt seiner selbstbewussten Ethopöie. Wenn wir den 
vielen bezeichnenden Zügen der Zeichnung nachgehen, werden wir 
das Bild verstehen und des Künstlers Absicht erkennen. 

Selbst eine schleckte Tochter kann zum Muttermorde nur 
durch unerhörte Verhältnisse getrieben werden. In solche rückt 
Euripides seine Elektra durch die Scheinehe. Nicht nur dass die 
verwöhnte Königstochter in Noth und Schande, oder wenigstens 
was ihr so scheint, gestossen wird : das würde auch die wirkliche 
Ehe bewirken ; nein, das schonende Zartgefühl des verarmten Land- 
junkers wirkt nur noch um vieles verderblicher. Selbst für Goethes 
Eugenie bleiben in der Scheinehe nur zwei Wege, Liebe zu dem 
aufgezwungenen Gatten, das ist Verzicht auf die eigene Persönlich- 
keit, oder ein weiteres Durchbrechen der Schranken, welche das 
Weib niemals ungestraft überschreitet. Aber Elektra ist keine 
Eugenie, sondern die Tochter Kly taimnestras und der Mutter in 
der Anlage durchaus verwandt, und neben ihr steht kein ( Ge- 
richtsrath'. Sie beherrscht, tyrannisirt, verachtet im Grunde den 
Mann, dem sie doch zum Danke verpflichtet ist. Ihr Zustand, der 
über Jahr und Tag dauert, ist unerträglich, jeder Blick auf ihre 
Umgebung muss ihren Hass gegen die Urheber dieser Lage an- 
fachen. Und doch ist die Ehe nur Schein, die Möglichkeit einer 
Lösung ist nicht ausgeschlossen ; darum lebt sie weiter. Die Jung- 
fräulichkeit ist erhalten; das Schamgefühl ist verloren. Das deli- 



Digitized by CjOOQ IC 



230 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

cateste Verhältniss ist offenkundig; die Mädchen von Argos laden 
die Frau des Bauern zum Jungfrauenchor der Hera (174), Elektra 
selbst hat nichts eiligeres zu thun, als es dem Boten des Bruders 
anzuvertrauen, und die daraus folgenden Inconvenienzen zu schil- 
dern. 1 ) Ja selbst vor Aigisthos Leiche, nachdem sie sich eine 
ganze Weile über Dinge ausgelassen hat, die nicht nur in eines 
attischen Mädchens Munde anstössig sind, versichert sie, gewisse 
Punkte nur verständlich anzudeuten, 'weil sie sich für einer Jung- 
frau Mund nicht schickten' (945). Frivolität, das ist ihr Charakter. 
Mit Wohlbehagen beleuchtet sie den Ehebruch ihrer Mutter und 
die Chancen einer Ehe mit dem Verführer für beide Theile, schon 
als kleines Mädchen will sie aufgepasst haben, welche Toilette 
Klytaimnestra nach ihres Gatten Abreise gemacht habe (1068). Sie 
hat auch einmal einen Bräutigam gehabt, ihren Onkel Kastor, das 
verfehlt sie nicht, dem Boten des Bruders beizubringen (312), und 
es dient auch als Würze in der Rede wider die Mutter (1064). 
Natürlich fliesst sie über von sittlicher Entrüstung; sie ist auch 
argwöhnisch, wie einer verdorbenen Seele ziemt; als ein fremder 
Mann ihre Hand fasst, entsetzt sie sich über die Vertraulichkeit. *) 
Aber der Gatte, so gehorsam er auch ist, traut ihr doch nicht 
recht. Als er sie mit zwei jungen Leuten im Gespräch trifft, ist 
ihm das verdächtig (343), sie entschuldigt den Bauern bei den 
Gästen, als hätte er eine Sottise gesagt (348) ; bei solchem Weibe 
sind die fortwährenden Klagen über mangelnden Comfort des Lebens 
ein wesentliches Mittel der Charakteristik. Ihr erster Auftrag für 
den Bruder ist die Klage über ihr schlechtes Kleid (304, vgl. 239). 
Auf uns wirkt es fast lächerlich, wenn sie den Orestes aufgefordert 
werden lässt 'von Hand und Mund und Seele und geschontem Haupt 
und seinem Vater' (335). Ganz besonders aber ist die Frühstücks- 
affäre zur Charakteristik in dieser Beziehung erfunden. Wie kanzelt 
sie den Bauern ab, dass er die Fremden eingeladen hat, und als der 



1) 309 àvéoçTOç ieçùv xaï %OQiay TtjTœpivrj àvaivoidtti yvvalxaç, 
ova a naQ&ivoç, àvaivofÂcu âh KdoToya, ihren Bräutigam. Nur diese über- 
lieferte Fassung (vgl. An, Eur, p. 63) stimmt zum Ethos. 

2) 223 aneX&t, prj xpav mv at fxi; xpavecy ^fwy. Es ist bezeichnend, 
dass der züchtige Held Achilleus fast dieselben Worte gebraucht, als Kly- 
taimnestra ihn als Schwiegersohn begrüssen will Iph. Âul. 834. Was dem 
rücksichtsvollen Manne gegenüber der Matrone ziemt, hat im Munde des 
Mädchens den Klang der Ziererei. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 231 

Biedermann zu meinen wagt, sie würden für den Hunger wohl 
auch mit Bauernkost zufrieden sein, schickt sie den Aermsten über 
Land, um eine standesgemäße Collation zu holen (Lammsbraten, 
Käse, schweren Wein, sogar Kränze, wie zum fcçtp 'nuzbuv in 
einem attischen xcmnrjXelov : wir bekommen es ausdrücklich zu 
hören, 495). Und köstlich ist es doch, dass die ganze Sorge 
umsonst ist und der Bauer Redit behalten hat* Denn das Früh- 
stück, das der Alte bringt, bleibt unberührt, so dass Orestes, wenn 
wir nicht annehmen wollen, dass er nüchtern gegen Aigisthos ab* 
zieht, doch nur Bauernkost bekommen hat. ') Wie sie den Gatten 
behandelt, so thut sie es mit dan Pädagogen, der keinen Dank 
für seine Mühe, sondern nur hochfahrende Zurechtweisung für seine 
leichtsinnigen Hoffnungen zu hören bekommt, und doch zeigt auch 
hier der Erfolg, wie sehr er Recht gehabt hat. Dieser frivolen Seele 
sind natürlich alle tieferen Empfindungen gänzlich fremd. Als sie 
den Bruder wiedererkennt, bringt sie nicht« mehr hervor als ein 
paar conventioneile Phrasen (577); im Eingang klagt sie zwar breit 
genug, aber was ist die ganze Monodie mehr als eine Summe von 
Gemeinplätzen : lyevôftav 'Ayafiiftvovoc nazsxiv s fis KlvTcu(4vrj- 

1) Wenn man das Stück nicht aus dem richtigen Augenpunkte ansieht, 
so müssen manche dieser Züge unbegreiflich und unerträglich scheinen. Ich 
bin in verkehrtem Radicalismus früher so weit gegangen, dass ich 80 Verse 
ganz verwarf (An. Eur. 240). Glücklicherweise habe ich mich doch gehütet 
dieselben zu nennen, und so habe ich jetzt ausser der Athetese von 424. 5j 
die oben erklärt sind, nur die von Ys. 10 zurückzunehmen, welche Arnim 
widerlegt hat. Denn das hitzige Fieber der Verlilgungswuth durch die kalte 
Gläubigkeit quand même zu vertreiben bin ich durchaus nicht gewillt Ich 
halte sogar im Prolog 40—42 für acht und dafür 39 für eine Dittographie. 
Eine solche steht auch, noch 603. 4 neben 601. 2. Eine ganz offenkundige 
Gramma tikerinterpotation ist 790, denn die Partikeln fordern folgende Inter- 
punktion. Aigisthos spricht ïatfitr iç âofxovç (»al ravÙ* ap rjyoçtvt »ai 
%£Qoç Xaßa>y Inrjyty fj/uâç) ovâ* anaçrêtoffau %Qttov [biii <T iy ohcoiç y [ter 
Iwknti tàd$] Xovrç 3 wç %à%ima xolç livoiç rt? aiçivco. Nachdem zuge- 
geben ist, dass 1051 — 54 dem Chore gehören (An. Eur. 72), wird man auch 
nicht Bedenken tragen dürfen, demselben das Distichon 1100. 1101 zu lassen, 
das so viel Zweck hat wie diese Interloquien häufig, d. b. nur den des 
rhetorischen Ruhepunktes. Die drei vorhergehenden Verse sind hier unächt, 
auch wenn sie nicht aus den Kreterinnen (Fgm. 467) stammen sollten, da 
Stobaeus Autorität hier schwerlich über allen Zweifel erhaben ist. Aber die 
Chorworte stimmen zu ihnen wenig besser als zu dem Redekampfe der Elektra. 
1103. 4 sind ganz unentbehrlich: in ihnen liegt ja das, was vor Klytaimnestra 
ihre Tochter entschuldigt. 



Digitized by CjOOQ IC 



232 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

a%Qa üxvyva Tvvàéqua xoqcc, xutXrjoxovai dé ft à&klm y Hlht^ 
tçav iiofarjtcti. Das ist nicht die gewöhnliche Selbstvorstellung, 
denn Elektra ist den Zuschauern schon bekannt: es soll inhalts- 
leer sein; sie treibt das Klagen um gegen Aigisthos und die ver- 
fluchte Mutter zu demonstriren 1 ), wie sie das Wasserholen seltol 
besorgt, 'obwohl sie es nicht gerade nöthig hätte' (57), und nwüen 
zwischen den Klagen einer Sclavin, die also fttglich zum Bronnen 
gehen konnte, befiehlt: 'nimm mir die Hydria rom Kopfe; ick 
muss mein Klagelied singen' (140). Auch der Refrain dient hier die 
eintönige Wiederholung zu malen. Der Muttermord selbst ist ihr 
ein vertrauter Gedanke; sie ist mit sich längst darüber einig, von 
einer Entschlossenheit, über die Orestes, trotzdem er auf Geheiss 
des Gottes dasselbe zu thun gekommen ist, sich entsetzt (278), 
und als es den Mordplan gilt, wird sie erfinderisch und giebt die 
List an, welche Klytaimnestra in das Garn lockt Die Tochter 
rechnet auf der Mutter Mitleid, die Jungfrau heuchelt ein Wochen- 
bett Wirklich kommt die Mutter; Elektra redet dem zaudernden 
Bruder die Gewissensbedenken weg; in ihr regt sich kein Gefühl, 
als die Mutter, auch ein frivoles, aber ein verführtes Weib, nicht 
bloss liebreich zu ihr ist, sondern die eigne Reue offenbart. Wir 
sehen Elektra ins Haus eilen, um an der Greuelthat selbst Hand 
anzulegen. Hernach gesteht sie zu, die Hauptschuldige, durch 
nichts Entschuldigte zu sein (1183. 1303), und empfindet den 
Frevel. 2 ) Aber hier ward der Dichter gezwungen, seine eigene 



1) ov âtj ji XQ llaç & loaoytf àtpiyfÂivïi • &Xk* mç vfiçiy âtQ-topar AU 
yfa&ov &soïç yoovç aqsitjf* ai&éç' iç péyav narçL Ueberlîefert ist t' «qp/ijx, 
das Verbum hat Rewke hergestellt, die Entfernung der Copula erfordert das 
Satzgefüge, da ég tod dem folgenden Satze abhängt. Sie klagt dem Vater 
in den grossen Aether hinein (d. h. öffentlich, nicht im Kämmerlein), damit 
die Götter des Himmels sehen, welchen Schimpf ihr Aigisthos anthnt Die 
gewöhnlieh verworfenen Verse tragen allerdings die Charakteristik stark auf, 
weil sich ja in ihnen Elektras Charakter dem Publicum vorstellt 

2) Das Stärkste haben die Herausgeber der Elektra vorenthalten. Es ist 
die zweite Antistrophe des grossen Wechselgesanges 1214 — 17, die jetzt dem 
Orestes gegeben wird; die Personenbezeichnungen der Handschrift sind aber 
ohne Werth, der Inhalt „sie berührte meine Wange und rief 'Kind, ich flehe 
dich an', sie hing an meinem Halse, so dass ich das Schwert fallen Hess 4 * 
scheint dem Sohne zuzugehören. Aber der Chor sagt rélaiva, nwç hkaç 
(povov di } o/Lt{xâi(t)v lâtlv ai&ev paiobc knnvéovcaç. Es folgen nun Worte 
des Orestes. Hierin das téXatva auf Klytaimnestra zu beziehen, ist eine nich- 
tige Ausflucht, und entscheidend ist der Bau des Gedichtes. Die beiden aa- 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELE&TREN 233 

Zeichnung zu zerstören, weil die unerbittliche Continuity des 
Mythos mit ihr unvereinbar war. 

Das ist des Euripides Elektra. Es ist ein Werk, auf welches 
er viel mehr Sorgfalt und Mühe verwandt bat, als z. B. selbst auf 
den Ion; es ist weder dramatisch eine geringe Schöpfung, noch 
verleugnet es die eigenthamhchsten Vorzöge der euripideischen 
Ethopdie. Und doch kann man den Eindruck des Niedrigen, 
Abstossenden, Unreinen nicht loswerden. Wer kennt nicht A. W. 
Schlegels Kritik? Jeder Satz darin ist vielleicht Obereilt und schief 
und parteiisch. Aber den Eindruck, den Schlegel empfing, wird 
jedem empfindenden Kenner -des Dramas von seiner ersten Lecture 
her die eigene Erfahrung bestätigen. Und jederzeit kann man, 
wenn man sich die Empfänglichkeit bewahrt hat, den ersten Ein- 
druck frisch machen; man braucht nur in einem Zuge etwa Eume- 
niden und Elektra zu lesen. Es ist als käme man von Goethe zu 
Heine, als läse man nicht sowohl eine geringere Poesie, als eine 
Umsetzung ins Meskine Frivole Blasphemiscbe. 

Wir wissen nicht, wie die Athener dieses Drama aufnahmen. 
Aber einer war da, der ebenso empfand wie wir. Das war So- 
phokles. Ihm war die Heldensage allezeit ein heiliges Vermächtniss 
gewesen. Die Muse hatte ihm dies Pfund anvertraut, seine Lebens- 
aufgabe war es gewesen, damit zu wuchern. Der aischyleische 
Drang, die tiefsten sittlichen Probleme im Drama zu lösen, und in 



der n Stropheopaare sind so geordnet, dass Orest Elektra Chor in jeder Strophe 
zu Worte kommen. Die zweite Strophe hat Orestes und der Chor, folglich 
muss ihre Antistrophe nicht wieder Orestes, sondern Elektra und der Gbor 
haben. Also haben wir anzuerkennen, dass Elektra das Schwert gegen die 
Mutter gezückt hielt, aber von der Mutter Flehen wenigstens so weit ge- 
rührt ward, dass sie es fallen liess. Dazu stimmt, was das dritte Strophen- 
paar bringt. Orestes hat sein Haupt verhüllt (um die Brust, an der er ge- 
legen, nicht zu sehen) und den Streich geführt (122 t): Elektra hat ihn ange- 
feuert Ziqxtvç t' ifpcnftdfiay apa (1225). Sie hat also doch mit au dem 
blutigen Acte Theil genommen, obwohl die eigene Waffe ihr entfallen war. 
Sie ist auch blutig, als sie die Bühne betritt (1172). — Vorher 1185 ist eine 
Lücke leicht zu füllen. Der Chor sagt m *v%aç 9 (tdç) aaç rv%aç, pâuç 
Ttxtëo' (âXaata), aXaara, /uéUa tuù niça na&ovact. Wenn der Chor die 
Klytaimnestta 'Mutter die du gebarst' anredet, so ist eine Bestimmung nöthig, 
und da keine Adversatiypartikel da ist, kann schwerlich ein anderer Ausdruck 
gewählt sein, als die Wiederholung des Wortes. Vgl. 1190 àvéfiv>j<raç ôixav 
âqpcrra, qjançà o" èÇénçttÇaç &Z ia - D*n Artikel hat 1185 schon der Cor- 
rector ergänzt. 



Digitized by CjOOQ IC 



234 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

der Durchgeistigung des Mythos die Religion der Väter in den 
Herzen seines frommen Volkes zu erhalten, lag Sophokles fern. 
Er war auch keiner der genialen Neuerer, welche an der Sage 
selbst mit kühner Phantasie weiter dichten ; selten gelang es ihm, 
einem Stoffe durch seine Bearbeitung den Stempel für immer auf- 
zudrücken. Er stand vielmehr zur Sage wesentlich wie der AOde 
der homerischen Zeit: er gab dem Volke des Volkes Gut, geformt 
in seinem Geiste, zurück. Deshalb verstand ihn auch sein Volk 
so gut, und gab ihm die Mitwelt die Palme, auf welche er, liebens- 
würdig hie wie dort, an Plutons Tische selbst verzichtet hat. Er 
hatte ziemlich so oft gesiegt, wie Euripides einen Chor erhalten 
hatte, seine gesellschaftliche Stellung war die glücklichste, und neben 
ihm stand ein engverbundener Sohn, der die väterliche Kunst mit 
Erfolg übte, während Euripides von den Stimmführern in der öffent- 
lichen Meinung mit Misgunst verfolgt schliesslich aus dem Vater- 
lande wich. Und dennoch hatte sich der Glücklichere selbst dem 
Einflüsse der überlegnen Genialität seines Rivalen nicht entziehen 
können; er hat es wohl gar nicht gewollt, wenigstens finden sich 
bei ihm so directe Hinweisungen auf Dramen des Euripides, wie 
sie bei jenem nur für eigene Schöpfungen nachgewiesen sind. 1 ) 



1) Philoktet 678 wird ohne jede Veranlassung die Sage von Ixion er- 
wähnt. Ist es Zufall, das8 kurz zuvor Euripides sein gleichnamiges Drama 
gedichtet hat? Ausser Zweifel steht es im Aias. Dort nimmt Teukros auf 
die Gestaltung der Aeropesage Bezug, welche Euripides in den Kreterinnen, 
so viel zu sehen, ganz nach freier Erfindung gegeben hatte. Dieses wichtige 
chronologische Moment habe ich schon An. Eur. 255 angemerkt. Dass die 
Form den Âias unter die Ântigone rückt, vgl. ebenda S. 195. Der Aias ent- 
hält aber auch einen Anklang an ein berühmteres Stück derselben euripi- 
deischen Tetralogie, welcher die Kreterinnen angehören. 1102 2/taçrqç àvâe- 
eojy rjX&tç, ovx *jf*<5r xcaräv, Tgl. mit dem bald sprichwörtlichen Verse des 
Telephon ZnâQTtjv lAoftt, xiivijv xoV/ua. Auch überhaupt ist die Verwandt- 
schaft der Zankscenen im Telephos, wo ebenfalls Agamemnon Menelaos Odys- 
seus auftreten, dieser als der Löser des Knotens, sehr wohl noch zu erkennen. 
Wie viele Jahre der Aias nach 438 fällt, ist damit freilich nicht gesagt Die 
Animosität gegen Sparta und den âqanitnç xXrjçoç 1285, die Verwünschung 
dessen der eâeti-tv "EXXcuitv xoivhv Uqij , also den Bruderkrieg, klingt nicht 
nach den Friedensjahren 437—33, eher nach der Zeit, wo Euripides den 
Kresphontes dichtete. Das attische Schützencorps, welches den Begriff des 
toÇottjç zu dem eines barbarischen Sclaven machte, wie er hier gebraucht 
wird, ist nach 460 errichtet, denn damals waren die Schützen dem einzelnen 
Regimente beigegeben (CIA. I 433, das Corps erscheint später, 446), aber 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 235 

Viel augenfälliger ist die Umgestaltung der sophokleischen Poesie 
selbst durch den Anschluss an Euripides. Das gilt vom Maschinen- 
gott und Prolog, von der kommatischen Parodos und dem Rede- 
kampf, das gilt von der psychologischen Durchbildung der Cha- 
raktere und (sehr häufig) von der Wahl des Stoffes, das gilt in 
allem Einzelnen von der Sprache. Ein grosser Dichter kann das 
thun, denn er läuft keine Gefahr seine Individualität etnzubttssen. 
Auch in der Elektra ist Sophokles, vielleicht noch mehr als ihm 
bewusst war, von Euripides abhängig gewesen, ja in der einen 
Scene des Redekampfes zum Schaden seines Werkes: und doch 
verschwindet die Aehnlichkeit wenigstens beim unmittelbaren Ge- 
nüsse der Poesie völlig. Aber allerdings ist das Drama auch be- 
stimmt gegen Euripides zu wirken. Die Weise mit dem Mythos 
umzugehen, wie es Euripides hier gewagt hatte, war in Sophokles 
Augen nicht bloss frivol und blasphemisch , es war die bare Ne- 
gation seiner eigensten Dichtungsweise. Er trat dagegen auf und 
wollte den Gegner mit seinen eignen Waffen schlagen. Der Er- 
folg zeigt, dass er es gethan hat: Elektra trägt fortan die sopho- 
kleischen, nicht die euripideischen Züge, von den Nachdichtern, 
wie dem der den Dulorestes verfasst hat 1 ), an bis auf Goethes 



die Errichtung wird nicht viel später fallen, so dass diese Anspielung nichts 
Nenes lehrt. Mag man denn also Aias um 430 ansetzen; Oidipus zu be- 
stimmen haben wir nur die Form, d. h. etwa die Zeit 440—20. — Bei Euri- 
pides ist sehr merkwürdig, wie er in Troerinnen and Phoenissen jede Hin- 
deatnng auf die unmittelbar vorhergehenden Dramen, Alexandras Palamedes 
Cbrysippos, meidet. Innerhalb derselben Trilogie kenne ich jetzt nur die Be- 
ziehungen der Helene auf Andromeda, um derentwillen der Peloponnes JTéç- 
ttiW olxtoy cacral (1464) heisst, und Menelaos bei den oxonicù IlêQoéatç 
(767) vorbeigekommen ist. Sonst weist Ion 277 auf Erechtheus zurück, Elektra 
1281 auf Helena voraus. Manches wird noch zu finden sein. Selbst bei 
Aischylos geht doch wohl Eum. 723 auf des Phrynichos Alkestis, und klingt 
Gboeph. 605 an den Chor aus Phrynichos Pleuronierinnen an. 

1) Dass freilich das apulische Vasenbild, welches Michaelis vor die Vor- 
rede seiner Elektraausgabe gesetzt hat, die Scene darstellt, wo Orestes die 
Orne seiner Schwester fibergiebt, also, da dieser Zug nicht der Sage angehört, 
die bestimmte Tragödie wiedergiebt, ist mir um so unglaublicher, als ich 
diesen Figuren nicht ansehen kann, dass sie sich mit einer Aschenurne be- 
schäftigen, und Heroen sind. Die Popularität des Dramas zeigen Kephisodoros 
(Athen. III 122 d) Dioskorides (AP. VII 37) Machon (Athen. XIII 379a), die 
römischen Bearbeitungen des Acilius und Q. Cicero, auffallenderweise auch 
Properz HI 14, 5. 



Digitized by CjOOQ IC 



236 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

Iphigenie in Delphi. Mit welchen Mitteln ist der Sieg erfochten? 
Nicht durch die Führung der Handlung oder die Umdichtung der 
Sage. Der Aufbau im ersten Theile ist dem Euripides nachge- 
bildet, der Chor ebenfalls, im einzelnen bringt .er zudem mehrfach 
aischyleische Motive. 1 ) Die Einführung eines Boten, welcher 
Klytaimnestra die falsche Nachricht von Orestes Tode bringt, ist 
aischyleiseb ; die Verdoppdung des Motives kaum glücklich zu 
nennen. Aischyleisch ist es auch, dass Aigisthos voll Zuversicht 
von aussen kommt um statt der Bestätigung seiner Hoffnung den 
Tod zu finden. Den Schmerc des Atridenhauses über den Tod 
seines letzten Schützers hatte er auch schon zum Ausdruck ge- 
bracht, durch den Mund der Amme. Dass Elektra von Grab- 
spenden ihres Bruders zwar hört, aber durch ihren Unglauben 
diese Gewähr seines Kommens von sich wei9t, ist ein euripideisches 
Motiv. 2 ) Ghrysothemis ist zwar in diese Fabel neu eingeführt, aber 
doch nur im Anschluss an eine ältere sophokleische Schöpfung. 
Auch die Voraussetzungen der Handlung enthalten nur einen neuen 



1) Ausser dem Rufe der getroffenen Klytaimnestra 1415, welcher den Zu- 
schauer an den des aischyleischen Agamemnon erinnern soll, ist namentlich 
das ganze Lied 1384—93 aus Reminiscenzen an die Choephoren zusammen- 
gesetzt. 

2) Bei Euripides erzählt der Pädagoge wortreich von dem Funde der 
Grabspenden. Nachdem Orestes aufgetreten ist, wird ihrer keine Erwähnung 
gethan, zur Erkennung dienen sie nicht. Weshalb in aller Welt hätte Euri- 
pides sie eingeführt, wenn Elektra mit einem trocknen Worte darüber hinweg 
gegangen wäre? Mit andern Worten, die altkluge Kritik der Vorschläge, 
welche der Alte macht (der aischyleischen Erkennungszeichen), ist nicht nur 
nicht überflüssig, sondern um ihretwillen hat Euripides überhaupt den Alten 
zum Grabe geschickt. Auch fehlt es nicht an einem Hinweis im Folgenden. 
577 sagt Elektra, nachdem sie die Narbe erkannt hat, welche Euripides als 
Ersatz der aischyleischen àni&ava aus der Odyssee herangeholt hat, cvpßo- 
Xotai yoQ ioïç aolç ninnafiai avpor. Sind die avpßtXa nur die Narbe? 
dann würde es roîaâs heissen. Sie giebt vielmehr jetzt zu, dass. die Schlüsse 
des Pädagogen, welche sie vorhin verworfen batte, zutreffen. Also an eine 
Athetese der Verse kann nicht gedacht werden, so sehr im Interesse des 
Euripides zu wünschen wäre, dass er nicht den Zoilothersites gespielt hätte. 
Aber Vss. 545. 6 sind noch ein Räthsel. An dem Sinn, den auch die land- 
läufige Textgestaltung zu geben sucht, ist kein Zweifel Elektra schneidet 
die Hoffnungen der Alten ab 'nein, das wird irgend ein Beliebiger, Bürger 
oder Fremder, gewesen sein', aber die Worte versagen bisher die Heilung. 
Stellt man die Verse um, so ist überhaupt kein Zusammenhang mehr vor^ 
banden. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 237 

Zug, nämlich dass Elektra den Orestes als Kind gereitet bat 1 ), 
sonst ist diese nach Beseitigung der Scheinehe wieder ganz zu der 
gequälten Stieftochter des Aigisthos geworden, wie sie es schon 
bei Stesichoros war. Ebensowenig wie Reichthum der Erfindung ist 
religiöse Vertiefung bei Sophokles zu finden. Im Gegentheil, es 
fehlt nicht nur die typische Bedeutung des Mythos, wie bei 
Aischylos, es ist das sittliche Problem überhaupt umgangen oder 
vielmehr ignorirt, Orestes handelt im Auftrage Apollons, aber die 
göttliche Sendung ist nicht wesentlich: der Muttermord erscheint 
selbstverständlich wie eine Pflicht, löblich wie eine Heldenthat. 
Nor die Vorsicht gebrauchte Sophokles, den Tod des Aigisthos 
ans Ende zu rücken, damit wenigstens der letzte Eindruck, den 
der Zuschauer erhielt, nicht der verletzende war. Aber wenn 
Orestes den Aigisthos in das Haus treibt um ihn da zu tödten, 
so merkt man nicht bloss die Absicht, die Bühne leer zu machen 
(wie ja auch der Chor nur ablieht, weil das Stück zu Ende ist), 
sondern die triviale Moral 'jeder Verbrecher mtisste so prompt exe- 
cutirt werden, das Exempel würde gut abschrecken' ist wirklich die 
einzige Moral, welche aus dieser letzten That sich allenfalls ziehen 
liess, wie ja auch der aischyleische Orestes den Tod des Aigisthos 
nicht mit rechnet, da dem nichts als was rechtens ist geschehen 
sei (Choeph. 989). Bei Sophokles missfâllt die Trivialität; und 
doch ist die Sentenz als solche stilistisch unerlässlich , damit das 
Stück doch einigermassen voll ausklinge und der Schauspieler einen 
'Abgang' habe. Man darf die Frage aufwerfen, wie Sophokles es 
wagen konnte, sich so in Gegensatz zu seinem und seines Volkes 
sittlichem Empfinden zu setzen. Die Antwort ist in dem gegeben, 
was oben über die Opferung der lphigeneia gezeigt ist. Wie er 
dort die epische Fassung einfach als die ächte und wahre ins Feld 
führte, so that er es auch hier. Denn in der Odyssee billigt selbst 
Zeus laut und vernehmlich die That des Orestes, und Sophokles 
hatte das Recht, diese Billigung auch auf den Muttermord zu be- 
riehen, den er in dem Verse y 310 erwähnt fand. Unsere bessere 



. lj Diesen Zug hat nach Sophokles Seneca im Agamemnon, nnd Hygin in 
den Fabeln 117 — 119, welcher in seltsamster Weise die verschiedensten Motive 
mischt. Auch die Anklage des Tyndareos, also ein Zug des euripideischen 
Orestes, ist darin. Man ist versucht an einen Spätling der Poesie zu denken, 
denn mit einem variantensammelnden Grammatiker kommt man nicht aus. 
Euphorion hat die Sage behandelt (Fgm. 51). 



Digitized by CjOOQ IC 



238 v. W1LAM0WITZ-MÖLLEND0RFF 

Erkenntniss haben wir kein Recht von ihm zu verlangen. Er gab 
den vjv làyoç, wie sich damit Euripides bei Aristophanes (Frösche 
1052) entschuldigt, allerdings ohne den Beifall zu finden, der dem 
Sophokles hier geworden ist. 

Denn diese Anstösse sind nur eine Consequenz der Darstel- 
lung, welche wirklich den Euripides geschlagen hat. Hier sahen 
die Athener und sehen wir, was sie und wir in der Tragödie er- 
warten:' die Heroen, wie sie die Sage, des Volkes heiliges und 
treu gehegtes Gut, giebt, und wie sie sie allein erträgt, wenn sie 
ihr Wesen nicht selbst negiren will. Die Stilisirung der Hand- 
lung und der Charaktere ist die heroisirte; sind sie minder modern 
im Handeln und Empfinden, als man es wohl schon gewohnt ist, 
so erscheint das als die stilistische Kunst, welche später feine 
Rhetorik evnivsia nennt; im Widerspruch zu der profanen xai- 
voiOfxLa des Euripides gefällt das doppelt. Ausserdem aber hat 
Sophokles wohl verstanden, die pathetischen und lyrischen Situa- 
tionen auszunutzen. Wie sollten seiner Elektra empfundene Klage- 
lieder nicht mehr zum Herzen sprechen als die conventionellen 
Floskeln, in welchen die herzlose Gestalt des Euripides den Schein 
einer Empfindung zu geben versucht, die ihr fremd ist? Elektra 
mit der Asche ihres Bruders ist eine so tief rührende Erscheinung, 
dass man willig dabei vergisst, wie gänzlich müssig die Scene ist, 
und wie nutzlos die Harter, welche der Bruder seiner Schwester 
anthut, die er kaum verkennen kann. Und schliesslich hat der 
grosse Dichter hie und da einige der Perlen eingestreut, welchen 
er die Wirkung auf die Nachgebornen besonders verdankt. Ein 
onus öqvv vlotoftoi, neben dem wir wie die Athener das home- 
rische wç ßovv Ini gxxrvrj hören, und das, sobald man des 
Beiles gedenkt, mit welchem der Streich geführt ward, so über- 
wältigend ist, ein âôloç rjv o q>Q<xaaç, eçoç 6 xTêlvaç hatte Euri- 
pides nicht auf die Wagschale zu legen. Eine Stelle will ich noch 
nennen, welche allein schon dem Dichter die Palme verschaffen 
würde: 1220 sagt Orestes seiner Schwester, die ihn todt glaubt, 
'er lebt', und sie nwg elïtaç, c3 nal; OP. tpetâoç ovôkv a>v léy ta 
HA. rj Çjj yàç ovî]q; OP. eïnsQ %fÂ,\pv%oç y* iyut. HA. r\ yâç 
av xbïvoç; den Jüngling, der vor ihr steht, redet sie naig an; 
den Orestes nennt sie avrjQ. Da malt sich einmal ihre Ahnungs- 
losigkeit, ferner aber auch, wie in ihrer brennenden Sehnsucht 
der Bruder, der kaum zum Jüngling erwachsene, längst die vollen- 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 239 

dete Heldenkraft gewonnen hat: da er vor ihr steht, muss sie ihn 
vor lauter Liebe misskennen. Das ist Poesie, welche das Herzblut 
in Wallung bringt; wie sollten dagegen alle Künste des Verstandes 
aufkommen? Die Elektra des Sophokles nimmt auch wider unsern 
Verstand unser Gefühl gefangen. Die euripideische mag mit noch 
so viel psychologischer Wahrheit und noch so viel dramatischer 
Kunst gezeichnet sein: der Widerwillen, den wir empfinden, be- 
stätigt des grossen deutschen Tragikers Wort: ( alles wirft der 
Mensch in eine Pfütze, nur kein Gefühl'. 

So erkenne ich den Vorrang der Elektra des Sophokles be- 
reitwillig an, aber nur dem Werthe nach. Der Zeit nach folgt sie 
dem Euripides, und von dieser hängt sie ab, ohne sie würde sie 
gar nicht existiren. Die Ueberlegenheit des tragischen Genius be- 
währt Euripides auch hier, und allerdings ist hier für uns die Ge- 
legenheit die beiden Dichter in ihrem Wechselverhältnisse kennen 
zu lernen nach Hassstabe des erhaltenem Materiales, am gün- 
stigsten, aber auch die Versuchung, Euripides zu nah zu thun, 
am grössten. 

Nun ist es aber eine fast allgemein zugestandene petitio prin- 
cipii, dass das Altersverhältniss umgekehrt sein müsse, weil So- 
phokles an Lebensalter ein [paar Jahre vor Euripides voraus hat. 
Wer dieses Altersverhältniss auch auf je zwei parallele Dramen 
derselben ohne weiteres überträgt, der muss alles was ich ausge- 
führt habe principiell verwerfen. 

Wer es fertig bringt, die Trachinierinnen vor den Herakles, 
die obscure sophokleische Phaidra vor den Hippolytos zu rangiren, 
der wird bei der Elektra um so mehr so verfahren , als der Ein- 
druck der sophokleischen Poesie wirklich ein viel altertümlicherer 
ist. Diese Richtung hat schon dazu geführt, dass man die ur- 
kundlich bezeugte Entstehungszeit des Oidipus auf Kolonos ver- 
rückt hat, und wenn ich nicht weiss, ob schon behauptet ist, dass 
die Didaskalie des Philoktet lüge, so liegt das vielleicht an meiner 
geringen Vertrautheit mit der sophokleischen Litteratur. Aber an 
urkundlichen Daten rüttelt nur die Willkür. Es ist ausser Zweifel, 
dass Sophokles die Anregung dazu, seine eigene Heimatssage zu 
bearbeiten, aus den Phönissen des Euripides empfangen hat 1 ), und 

1) Sich za überzeugen, dass die Trochaeen, welche jetzt die Phoeniaaen 
tohliessen, nur ein kindisches Plagium am Schlnss des sophokleischen Königs 
Oidipus begehen und nicht von dem Dichter des Wechselgesanges herrühren, 



Digitized by CjOOQ IC 



240 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

die drei Philoktete sind vollends eine schlagende Parallele zu dem, 
was ich hier für die Elektren beweise. Aischylos dramatisât den 
Mythos, Euripides bildet denselben mit der grössten Freiheit um, 
so dass er ein vollkommen neues Gesicht erhält. Sophokles ent- 
fernt zwar die Neuerungen und wandelt die euriptdeischen Men- 
schen wieder in Heroen, aber er that es mit den Mitteln der 
-euripideischen Technik und in sofern im euriptdeischen Sinne, als 
er das dramatische Interesse von dem Mittelpunkte der Sage fort- 
rückt und auf einen frisch geformten Charakter und einen frisch 
geformten im Grunde der Sage widersprechenden Conflict verlegt. 
Wer nachsinnen will, wird die Dichtweise des Philoktet derjenigen 
der Elektra ganz verwandt finden und sich so selbst bestätigen, 
dass beide ziemlich gleichzeitig gedichtet sind. 1 ) Hohes Interesse 
gewährt es auch, zu verfolgen, wie Euripides sich gegea die sopho- 
kleisohe Elektra verhalten hat Dafür ist sein Orestes das wichtigste 
Documenta Hatte Sophokles auf das alte Epos zurückgegriffen, 
so that hier Euripides desgleichen. 9 ) Er giebt gewissermassen 
eine Fortsetzung und damit eine Kritik des sophokleischen Dramas. 
Er zeichnet Elektra unter den sophokleischen Voraussetzungen, 
aber fortentwickelt mit euripideischem Realismus, als die verbitterte 
(rcaç&évoç (jtcMçov dfi yßovov, wie es G. Hermann richtig erkannt 

genügt eine Vergleichung beider Partien. Athetirt hat sie Härtung. Die letzten 
Chorworte sind vollends ein locus communis. Der Schluss der Phoenissen 
ist also von Schauspielerhänden zugestutzt; verloren sind wenige Zeilen ohne 
Belang. Doch beweist die Interpolation, was jauch die Exegese ergtebt, dass 
der Schluss des Königs Oidipus dem Oidipus selbst, nicht dem Chore gehört. 

1) Die sehr tüchtige Strassburger Dissertation von Fr. Schröder de ite- 
ratis apud tragicos Graecos hat S. 7 die nahe Verwandtschaft zwischen Phi- 
loktet und Etektra beobachtet, mit der Bemerkung Electram in antiquiorum 
Sophoclis tragoediarum numéro esse minime constat, und S. 118 kommt er 
sogar dazu die Elektra hinter Euripides flekabe zu rücken. Ich hatte diesen 
Aufsatz schon auszuarbeiten begonnen, als ich Schröders Arbeit erhielt; die 
letztere Beobachtung aber habe ich von ihm gelernt. Ich freue mich, dass 
er auch ober die Trachinierinnen das Richtige sagt (S. 112). Allerdings sind 
die von ihm für Elektra gesammelten Anklänge nicht so durchschlagend wie 
die Euripidescitate der Trachinierinnen. Uebrigens macht seine Zusammen- 
stellung S. 102. 3 wahrscheinlich, dass der Aias die Medeia voraussetzt, was 
mit dem oben S. 234 A. 1 Vorgetragenen vortrefflich stimmt. Schröder hat 
sehr recht gethan, die vollen Sammlungen zu geben, obwohl natürlich nnr 
Einzelnes durchschlagend sein kann. Aber damit, dass er sich auf den Dialog 
beschränkt hat, hat er nicht Recht gethan. 

2) Robert B. b. L. 162. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 241 

bat. Ihr Wachestehen und Belisten der Hermione ist fast eine 
Parodie der sophokleischen parallelen Scene. Dieser Orestes mag 
die That vielleicht ohne Gewissensbisse begangen haben wie der 
sophokleische: die Eingangsscenen schildern die Ernüchterung von 
der sophokleischen Blutthat in wahrhaft ergreifenden Zügen. Und 
wenn Sophokles die Berechtigung des Muttermordes als Axiom hin- 
genommen hatte, so zeigt bei Euripides der Vertreter der Blut- 
rache, Tyndareos, und die demokratische Volksversammlung keine 
Schonung für das, was Beiden ein Verbrechen ist. Es liesse das 
sich weiter ausführen, ohne grosse Mühe und, wie mich dünkt, 
mit grossem Ertrage. 1 ) Denn ich glaube, dass über die Genesis 
und die Absicht der athenischen Dramen, wenigstens des letzten 
Drittels des fünften Jahrhunderts, wo die Documente zahlreicher 
sind, sich noch sehr viel ermitteln lässt, sobald nur den antiken 
Dichtern eine ähnliche Analyse zu Theil wird, wie sie den Werken 

1) Eine Coincidenz muss ich noch notiren, leider nur als Aporie. Schon 
der Scholiast des Sophokles hat sich vergeblich bemüht die Pointe zu finden, 
die Sophokles mit den der heroischen Person schlecht passenden Bemerkungen 
62 fT. beabsichtigt hat. 'Auch weise Lente haben sich todt gesagt und wur- 
den dann, wenn sie wieder erschienen, um so höher verehrt/ Beziehungen 
auf Zamolxis Aristeas Pythagoras sind nicht durchschlagend. Nan lässt sich 
ja Menelaos in des Euripides Helena, also im Jahre 412, auch todt sagen, 
aber als Helena ihm den Vorschlag macht, kritisirt er ihn als altbacken na- 
XctUvrjç riß Xéytp Svtailxiç (1056). Dass beide dasselbe Factum in verschiedener 
Weise bezeichnen, ist klar, aber weder das Factum, noch das Verhähniss der 
beiden Kritiken verstehe ich. Den vorhergehenden Vers des Sophokles (61), 
verwirft Michaelis, notirt aber dazu, dass er bei Athenaeus 122 c stehe. Das 
Citat erforderte, um genau zu sein, den Zusatz, dass Kephisodoros von Athen 
der Zeuge des Verses ist, den man beute verwirft. War er damals schon 
interpolirt, oder stand er in einer andern Tragoedie? (Kephisodoros giebt nur 
den Dichternamen.) Derjenige, der ihn zuerst verworfen hat, Steinhart, hielt 
ihn for des Dichters und des Orestes unwürdig. Der treffliche Mann athetirte, 
wie treffliche Alexandriner, âwt xh ânçtniç, aus moralischen Bedenken. Çeren 
Unzulassigkeit zeigt das Citat des vierten Jahrhunderts. Dass der Vera, der 
ihm anstösäg war, dann auch Steinhart den Zusammenhang zu stören schien, 
ist ganz begreiflich. Aber die Satzfügung fordert ja ein Glied zwischen 'was 
grämt es mich, wenn ich durch den Schein des Todes Leben und Ehre ge- 
winne' und 'denn Ehre haben schon viele dadurch gewonnen', das ti yàç 
fié Xvnit erhalt seine Begründung erst durch die Versicherung c jedes Wert ist 
erlaubt, wenn es nur Nutzen bringt'. Das eine rechtfertigt die Handlung von 
der moralischen Seite, das andere von der Seite des Vortheils. Wer hier 
streichen will, muss die ganze Tirade streichen, was denn freilich auch ge- 
schehen ist. 

Hennef XVIII. 16 



Digitized by CjOOQ IC 



242 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

unserer grossen Dichter in jüngster Zeit mit so viel Erfolg zu- 
gewandt worden ist. Aehnlich ist ja manches in der Logographie 
des vierten Jahrhunderts gelungen; ich weiss, dass sich für die 
Alexandriner erst dadurch das Verständniss eröffnet. 

Lediglich aus dem Inhalt, aus der Poesie, heraus habe ich 
das Altersverhältniss der Elektren bestimmt. Denn ich bin der 
Ansicht, dass überall der Inhalt, die Seele, mehr gilt als die todte 
Form, und dass es nicht angeht, aus formalen Beobachtungen, 
ohne Beachtung oder gar wider den Inhalt das Alter und die Echt- 
heit antiker Schriften zu bestimmen. Aber freilich, schlimmer noch 
wäre es, die formalen Kriterien zu ignoriren oder gar zu verachten. 
Aufs Jahr wird man mit ihnen zwar keine Tragödie datiren, der 
Beweis aber lässt sich erbringen, dass die sophokleische Elektra 
der letzten Periode des Dichters angehört. 

Der Bau der iambischen Trimeter, d. h. die Häufigkeit der 
Auflösungen ist bei Sophokles kein Alterskriterium von Belang, 
wie der Oidipus auf Kolonos zeigt; auch bei Euripides nur in be- 
schränktem Maasse, wie die Vergleichung von Ion und Elektra lehren 
kann. 1 ) Es ist aber an sich schon anzunehmen, dass die rhythmische 
Mannigfaltigkeit der lyrischen Partieen mehr Anhaltspunkte gewährt. 
Sie sind zu diesem Behufe einer doppelten Untersuchung zu unter- 
ziehen, erstens nach der Vertheilung zwischen Chor und Schau- 
spieler, zweitens nach den darin verwendeten Maassen. 

Der Gesang von der Bühne, verdrängt allmählich den Chorge- 
sang immer mehr, wie ja auch in dramaturgischer Beziehung die 



1) Von Ion habe ich An. Eur. 179 gesagt si ad genus tabulae spectas 
secundae aeiati adscribenda, externa forma posterioribus similis. An den 
Trimetern hat das Enthoven (de lone Bonn 1880) ausgeführt; die chorischen 
Metra lehren dasselbe. Der sichere terminus post quem ist Erechtheus 421, ein 
eben so sicherer terminus ante quem der Zusammenbrach des Reiches. Denn 
die Prophezeiung Athenas, welche die lonier als Nachkommen Ions, Dorer 
und Achaeer als niedere Race behandelt, ist nach dem Winter 413/12 einfach 
undenkbar (Kydathen 44). Will man also die letzte Möglichkeit, so rücke 
man Ion zu Eleklra 413; aber man erkenne dann an, dass die äussere Gestalt 
der beiden Dramen durchaus verschieden ist, und Elektra weitaus filteren Ein- 
druck macht. Ich sehe keinen Grund, die Möglichkeit zu leugnen, dass der 
(wie die inneren Widersprüche zeigen, eilfertig gearbeitete) Ion, auch ein paar 
Jahre älter ist. Die Kinesiasepisode der Lysistrate auf ihn zu beziehen, richtet 
sich selbst, ebenso wie die Athetese der Pointe in der Athenarede, auf welche 
übrigens Commer (de prolog, El. Bonn 1864) das Recht der Priorität hat. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 243 

Bedeutung des Chores immer mehr sinkt, und in dieser Hinsicht 
haben wir gesehen, dass die Elektra ziemlich auf der untersten 
Stufe steht. Dazu stimmt es, dass der Chor nur mit zwei selb* 
ständigen Liedern (472 — 515. 1058—96) bedacht ist, und ausser- 
dem mit dem ersten Strophenpaare des letzten Canticums(1384 — 97). 
An allen andern lyrischen Partien nehmen die Personen theil, und 
zwar sind sie meist bevorzugt. Dies gilt vor allem von dem lyri- 
schen Hauptstacke des Dramas, der Parodos. Sie umfasst drei 
Strophenpaare und eine Epode, alle zweigeteilt, so dass dem Chore 
die erste kleinere Hälfte, die weit grössere Elektra zufällt, und 
ausserdem geht noch eine Monodie Elektras vorher. Die Bühne 
ist an dem ersten Chorliede bei Sophokles noch im Philoktet und 
im Oidipus auf Kolonos betheiligt, in ersterem hat aber Neopto- 
lemos nur Anapäste und ein paar Wörter eines iambischen Verses. 
Die Monodie vorher erscheint sonst nur noch in späten euripi- 
deischen Dramen : auf dieses sehr wichtige chronologische Indicium 
bat schon H. v. Arnim hingewiesen. 1 ) 

Der zweite Wechselgesang zwischen Elektra und dem Chore 
(824 — 70) vertheilt die Worte so, dass innerhalb der rhythmischen 
Continuität öfter Personenwechsel, zum Theil nach ganz wenig 
Worten, eintritt. Da die Fälle nicht selten sind, wo der Chor in 
der Antistrophe diejenigen Partien hat, welche in der Strophe 
einem Schauspieler gehören, und umgekehrt, so ist der Schluss 
geboten, dass der Chorführer in diesen Liedern den Chor vertrat, 
so dass es ein wirkliches Duett war. Bei Sophokles finden sich 
solche Duette im letzten Liede des Philoktet, nachdem die Respon- 
sion aufgegeben ist, und dreimal im Oidipus auf Kolonos, in Par- 
odos, Exodos und dem Liede 510 — 48, welches dem der Elektra 
am nächsten verwandt ist. Euripides hat ähnliches in Herakles, 
Hiketiden, Troerinnen. 

Wieder etwas verschieden gebaut sind die beiden noch resti- 
renden Cantica, eines (Vs. 1232 — 1287) nach der Erkennung 
zwischen Elektra und Orestes, in welchem Elektra singt, Orestes 
dazwischen jambische, aber auch respondirende Verse spricht, der 
Chor schweigt, und die zweite Strophe des letzten Canticums, wäh- 
rend des Mordes (Vs. 1403 — 1440), wo ebenfalls Elektra singt, 
mehrere Personen reden, und auch der Chor einiges zu singen 

1) S. 38 fortasse hac observatione ad tempus Electrae a Sophocle 
doctae aceuratius de fini en dum aliquis uti poterit. 

16* 



Digitized by 



Googk 



244 v. WILAMOWITZ*MÖLLENDORFF 

hat. Dass die Hauptkatastrophe der Tragödie weder eioe Schil- 
derung in einem Botenberichte erhält noch zu einer vollen lyrischen 
Stimmungsäusserung Anläse gibt, erklärt sich durch den besonderen 
£toff. Das Zurücktreten des Chores während des àvayvœQiOfièç 
hat bei Sophokles nur in den Klagen des leidenden Herakles (993), 
welche durch heroische Hexameter von der Bühne unterbrochen 
werden 1 ), eine Parallele. Euripides bat in solchen Fällen gewohn- 
lich die Responsion aufgegeben ; er hat ähnliche Scenen schon in 
Hekabe (680) und Andromache (825), aber suchen wir schlagende 
Aehnlichkeit , so finden wir sie nur in den àvccyvwQiOfAol der 
Helene, des Ion, der Iphigeneia Taur. 

Schon diese Betrachtung würde genügen zu beweisen, dass 
sich die Elektra zu den späten sophokleischen Dramen stellt; mit 
Antigone Oidipus Aias hat sie nichts zu thun. Betrachten wir nun 
-schliesslich die Versmaasse. Ich beschränke mich auf drei Gat- 
tungen, Anapäste, Ioniker und das 'gemischte* Metrum der Parodos. 

Elektras Monodie besteht aus Anapästen, welchen die Häufig- 
keit der Katalexe und die Vorliebe für den Spondeus den beson- 
dern Charakter giebt, für den wir an den Namen 'Klaganapäste' 
gewohnt sind. Im Anschluss an die Monodie finden sich auch in 
den Strophen der Parodos anapästische gleichgebaute Partien und 
noch in der zweiten Strophe des nächsten Wechselgesanges (850). 

1) Die Verwendung der Hexameter selbst in solcher Weise (wie im Phi- 
loktet) ist ein Alterskriterium. Die Brechung des Hexameters durch Personen- 
wechsel, wie kurz vorher die anapästischer Metra, habe ich schon An. Eur. 
196. 199 angemerkt Sonst scheint die Auswahl der Rhythmen alterthömbch, 
weil es meist Daktyloepitriten sind, aber diese hat auch die spatere und 
späteste Tragödie geliebt, z. B. Euripides Troerinnen, wo sie noch mehr vor- 
walten. Aelter aber scheinen die Trachinierinnen als Elektra und Philoktet. 
Sonst sind sie natürlich nach Euripides Herakles entstanden, der flberfaaipt 
zuerst Herakles zum Gegenstande einer ernsthaften Tragödie gemacht hat; die 
Abhängigkeit ist stark und geht bis zum unwillkürlichen Gitat (1101 »»Herakl. 
1353). Einen Vers entlehnen sie auch den Hiketiden (Schröder S. 107). Also 
nach 420 fallen sie sicher. Dass Kalkmann (de Eur. Hippolytis 9) das alles 
verkennen konnte, befremdet. Er wundert sich über die Uebereinstimmoog 
des Chorliedes Hipp. 545 mit der sophokleischen Handlung. Gewiss ist dis 
merkwürdig : aber machte nicht Sophokles Tide Stücke xaicixoX*v&i<w H* 
imx$ xvz\y ? Das ist eben Oi^aXiaç aXaxric, Wesshalb Euripides die loi« 
zur Vergleichung herangezogen hat, ist eine Frage, die eine Antwort überhaupt 
nicht verlangen kann; doch ist zu bedenken, dass Heldinnen unglücklicher 
Liebe für einen Chor zu Theseus Zeiten nicht viel zu nennen waren: denn 
die Liebschaften des Theseus waren vor Phaidra doch wohl übet angebracht. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 24& 

Sophokles hat nichts ganz entsprechendes. Bei Euripides aber lässt 
sich verfolgen, wie diese Anapäste aufgekommen sind. Wie von So* 
phokles Antigone und Aias, sind auch seine ältesten Dramen (Alk* 
Med. Hipp.) an Anapästen reich, die Parodos der Medeia zeigt auch 
in den chorischen Strophen je einen anapästischen Theil, weil die 
Personen in Anapästen sprechen. Im Hippolytos ist die Monodie des 
sterbenden Helden nicht nur anapästisch, sondern es treten auch 
andere, dochmische und glykonische, Reihen dazwischen. Hier, wenn 
irgend wo, würden wir Klaganapäste erwarten. Aber der Bau ist ein 
gänzlich verschiedener, er unterscheidet sich nicht von den gewöhn- 
lichen Systemen, oder wenigstens in anderer Art. Dann treten in 
einer ganzen Reihe von Dramen (Andr. Heraklid. Herakl. Hiket.; 
Sophokles Oidipus) die Anapäste überhaupt zurück. In der Hekabe 
zeigt che Parodos einen sehr ausgedehnten Gebrauch; zu Klag- 
anapästen aber mehr den Ansatz als ihre volle Entfaltung; dasselbe 
Drama verwendet sie auch reichlich in der Monodie des Polymestor, 
aber vereint mit Dochmien und häufig so, dass man schwanken 
kann, ob der leitende Rhythmus nicht vielmehr der dochmische ist, 
da bekanntlich der Dochmius den Ersatz des anapästischen Mono- 
meters erträgt. Voll ausgebildet sind die Klaganapäste in Troe- 
rinnen Ion Iphigeneia Taur. Zu diesen stellt sich Sophokles Elektro. 
Philoktetes und Oidipus auf Kolonos geben keine Parallelen, die 
Trachinierinnen auch nicht unmittelbar, sondern erst in einer für 
Sophokles speciell charakteristischen Modification. El. 1160 — 62 
treten ein paar anapästiscbe Metra mitten in die iambische Rede, 
um den höchsten Affect zu kennzeichnen. G. Hermann, der das 
Metrum erkannte und die Interjection q>ev q>eu mit Recht ab- 
sonderte, meinte doch nicht dulden zu können weder den kata- 
lektischen Monometer oïjioi f*oi f noch den katalektischen Dimeter 
iu ôeivo%a%cLÇ oïfÂOi fioi, das letztere, weil die Katalexe den Zu- 
sammenhang mit dem folgenden TteixtpSeiç xekev&ovç zerreisst. 
Aber das heisst das subjective Gefühl des Wohlgefallens an die 
Stelle eines objectiven Kriteriums rücken. Wir haben hier nicht 
die sprachlich untadelige Ueberlieferung zu modeln nach dem was 
uns metrisch behagt, sondern die überlieferte Metrik zu verstehen. 
Es ist ja für die sog. Klaganapäste gerade charakteristisch, dass 
dieselben die Katalexe vorwiegend und ohne jede Rücksicht auf den 
Sinnesabschnitt verwenden. Das finden wir hier; wir haben die 
Einmischung von solchen Anapästen anzuerkennen und dann frei- 



Digitized by CjOOQ IC 



246 v. WILAM0W1TZ-MÖLLEND0RFF 

lieh zu folgern, dass sie erst möglich war, nachdem diese Form 
anapästischer Verse sich fest eingebürgert hatte, also erst nach 420, 
und nicht zu bald darnach. 

In der Klagerede des Herakles der Trachinierinnen steht 1081 
ein Dochmius alaï, w talag und die Interjection aiaï, bald 
darauf der akatalektische anapästische Trimeter wva% Hldrj êéÇcu 
fi\ w Jiàç ccxtIç, naïaov. Das Versmaass ist ganz deutlich, 
und G. Hermann hätte nicht von seiner ersten einfachen Aner- 
kennung desselben abgehen sollen. Das ist die Parallele zur Elektra; 
die Anapäste hier verhalten sich zu jenen wie die in Euripides' 
Hekabe zu denen der Troerinnen. Das chronologische Verhältniss 
scheint, trotz der geringen Ausdehnung der Vergleichungsobjecte, 
deutlich. Aber wichtiger noch als die vielleicht unsicher er- 
scheinende Analyse ist das Vorkommen dieser Unterbrechungen 
des Dialogs durch fremde Maasse. Interjectionen waren dafür 
seit Aischylos allgemein zugelassen, und sie würden ja von den 
Schauspielern eingelegt worden sein, wenn die Dichter sie nicht 
vorgeschrieben hätten. 1 ) Einzeln hatte Aischylos 2 ), öfter Sopho- 

1) Dass diese dennoch die Pausen far den Souffleur oder sonstige Kunst- 
pausen durch <piv und otfxoi füllten, würde man zwar so wie so glauben ; es 
bezeugt Demetrios de ehe. 58. Eine gewisse Willkür wird desshalb wohl 
in den Texten sein, doch schwerlich eine so grosse, wie jetzt die Heraus- 
geber hineinbringen, welche z. B. jedes unschuldige ua oder aiaï in Ana- 
pästen verdoppeln, gleich als ob es in das Maass gezwängt werden müsste. 
Leichter als fälschlich eingesetzt, obwohl auch das vorkommt (Eur. Hipp. 591 
aiaï I I), ist eine Interjection weggelassen oder verkannt worden. Für Bei- 
des ein bezeichnendes Beispiel. Androm. 330 — 32 ist als Einlage aus Menandros 
entfernt, 333 metrisch unzulässig und An. Eur. 190 verworfen, das für den 
beispielsweise gesetzten Fall nöthige âij von Reiske aus dem überflüssigen rg 
gewonnen. Dennoch fehlt etwas. Mich befriedigt (thy.) li&yyxa âij cjj &v- 
yarçi; vgl. Med. 386. Tro. 945. Iph. Aul. H85 (verdorben). Iph. Taur. 1307 
tritt Thoas unmittelbar nachdem der Chor seine Anwesenheit geleugnet hat her- 
vor. Da sagt der Bote 1309 qp€t>* ndüc (\(>evât5çC) ïXtyov «wfc, xai p* «wj/- 
Xavvov dopai?, œç ixtbç tïqç; ov âk xat* olxoy ç<r£' aça. Hier wirkte 
allerdings zu der Yerderbniss mit, dass das Glied xai (a an. â. zwischen die 
grammatisch zusammenhängenden Worte eXeyoy wç ixrbç eïijç gerückt ist, in 
der Weise, welche Yahlen (ind. led. 1880 p. 12. 16) an einer Reihe Stellen 
aufgewiesen hat, auch des Euripides eingedenk, dessen lebendige Rede vieles 
derartige hat. Ich verzeichne ein schönes Beispiel, weil seine Zerstörung Bei- 
fall gefunden hat. Hei. 1579 h\ J |6>', êç to ncoafay, Ç xaXwç Iget, ntev- 
OiDfitv; aQ%aï yàç y&oç /uéXovot, coi. 

2) Das Beispiel ist allerdings eine Ausnahme, welches die sophokleische 
Freiheit nicht rechtfertigt, und muss au9 der Entstellung der üeberlieferung 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 247 

kies 1 ) kürzere iambische Verse unter die Trimeter gemischt, ver- 
gleichbar den kürzeren Versen, welche unser Drama zwischen seine 
Blancverse setzen darf. Euripides hat das, von lyrisehen Partien 
abgesehen, kaum gethan. 2 ) Aber Dochmien oder Anapäste, welche 
entweder Gesang oder melodramatischen Vortrag fordern, in den 
Dialog zu streuen, das ist ein gefährliches Wagniss, denn es rüttelt 
an den Schranken des reinen Stiles. Das hatte die Ausbreitung 
des Bühnengesanges freilich auch gethan: aber eben darum wird 
auch diese Freiheit erst der Zeit der Fessellosigkeit oder, wenn 
man will, des Verfalles gehören. Euripides hat das gemieden; er 
hielt auf reine Form, elidirte nicht am Schlüsse des Trimeters 
und hielt bis auf die allerletzte Zeit Maass in dem Zerreissen der 
Dialogverse durch Personenwechsel. Sophokles war lässiger: aber 
auch bei ihm wächst die Lässigkeit mit den Jahren, und man wird 
in der hier vorliegenden Erscheinung ein starkes chronologisches 
Indicium nicht verkennen. 

Die ionische Strophe 824 ist auch im Versmaass der des 
Oidipus auf Kolonos 510 am nächsten verwandt, welche gelegent- 
lich der Vertheilung zwischen Chor und Personen oben herange- 
zogen ist. Sonst hat Sophokles Ioniker zwischen Chor und Bühne 
▼ertbeilt in dem letzten Chorliede des Philoktet (1173) und in der 

erst gewonnen werden. Die beiden letzten Anfalle prophetischer Raserei der 
Kassandra werden so überliefert, dass man das Bestreben sieht, um jeden 
Preis iambische Trimeter zu verfertigen nod darin sind die Modernen weiter- 
gegangen. Ich setze die byzantinischen Füllsel in Klammern und schreibe 
sonst nur mit Weil dtwoïç, wo âtivéç überliefert ist Sinn und Metrum wer- 
den dann für sich selber sprechen. 
1214 lob iov, (S xaxd' 

in* av /*£ deivoîç èçd-o/uayrelaç novoç 

GTQOßtl TCCQ<XOa<t)V CpQOlfllotÇ. [IcpflfÂÂVOVÇ] 

égare rovaâe, tovç âo/uoiç kq>*i(iivovç u. s. w. 
1256 nanai 

olov ib nvq èniç^eraf [âé /uoi] 

èroTol 

Avxei ' lÂnoXXov oï 'ya> [èy(6] . , » 

ccvTq, âinovç Xéaiva Gvyxoi/uajjLiîvrj u. s. w. 
Diesem entsprechend steht dann noch vor der Abschiedsrede der Monometer 
iw Hroi 1315. 

1) 0. T. 1468. 71. 75. 0. K. 315. 318. Tr. 865. 868. Phil. 219. 750. 
787. 804. 

2) Iph. Aul. 1133 steht ein Monometer %x* n^X 0Ç ' Biese Ausnahme be- 
stätigt die Regel. Das ist eben nicht Euripides des Mnesarchos Sohn. 



Digitized by CjOOQ IC 



248 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

Parodos des Oidipus auf Kolonos (176). Euripides kennt solche: 
Lieder überhaupt nicht, und hat Ioniker auf der Bühne erst in 
den letzten Liedern der Phönisseo. 

Ist dies schon ein unzweideutiger Beweis für spätesten Ur- 
sprung der Elektra, so gilt das womöglich noch mehr von dem 
potpourriartigen Ifaasse der Parodos. Die Epode reicht als Probe 
hin. Der Chor hat drei katalektische anapästiscbe Dimeter, spon- 
deisch, Elektra dann zwölf Daktylen, die letzten spondeisch, acht 
anapästische Metra ohne Katalexe, aber mit kurzer Schlusssylbe, 
die meisten spondeisch, fünf Docbmien, die beiden letzten ana« 
klastisch (Form —w-w-), einen Glykoneus, einen katalektiscben 
iambiscben Tetrameter, die anlautende Kürze des zweiten Metrons 
unterdrückt. 1 ) Die Analyse unterliegt keinen Zweifeln, aber ein 
solches mixtum compositum von allerhand Rhythmen wurde man 
dennoch nicht für möglich halten, wenn es nicht bei Vergleichung 
des ganzen Liedes klar würde, dass die Epode nichts thut als 
die Rhythmen, welche in den drei Strophen Tiel oder wenig vor- 
gekommen sind, alle wieder aufnehmen, eine Compositionsart, 
welche von grosser Bedeutung ist und weithin ihre Wirkung er- 
streckt. Wir können das Factum also nicht beanstanden und sicher 
darauf bauen, auch ist der Schiusa nicht auf einem geringen In- 
ductionsmateriale aufgebaut, vielmehr auf dem, was sich schon nach 
oberflächlicher Betrachtung als charakteristisch für die Hauptphasen 
der tragischen Metrik ergiebt. Die Zeit 440 — 420, welcher die 
ältere Serie der sophokleischen und euripidetschen Dramen ange- 
hört, verwendet höchst selten mehrere Versmaasse in einer und 
derselben Strophe, oder beschränkt den Zusatz wenigstens auf ein 
oder zwei Zeilen. Dagegen herrscht seit der sicilischen Expedition 
etwa, offenbar in Folge des Uebergewichte* der neuen Musik, eine 



1) XO. àXX* ùlv evvoia y* itdâtô 
juaTTjQ (üoti xis ntcxa 
fÂ¥i zixTHv a axav axaiç. 
HA. xai xi fxixqoy xaxoxaxoç Iqpv, q>éçe, niSç km rtïç (p&tjuêvoiç 
àfÂtXiw xctXév; iv xivi jovt* KßXaax 7 ap&Qtdnœv; 

/*]*' Un" tPXl(ÂOÇ TQVTOIÇ, (ÂqT*, €1 Tip nQQOXttyUtl ZQ1 aT V> ■ 

ovvvaloip ëvxyXoç yoviüiv éxxifiovç ïa%<ivisa nxé^vyaç 
o^viévfûv yôcûv. 

tî yàç o fAÏv &av<ov yS xe xai ovâtv utv xtioezai, xàXaç, oï âk pij tuxXw 
âioGovo' èvxupévovç âixaç, 
içQoi r' av aiâùç anàvxiàv t' tveißtia &vaxàiv, 



Digitized by CjOOQ IC 



# 
DIE BEIDEN ELEKTREN 249 

zügellose Polymerie. Far die Gesänge der Bahne bildet sich eine 
Rbytbm«DgattUDg aus, die man eben nur danach bezeichnen kann* 
class sie alles Mögliche mit einander mischt. Es läset sieb nach* 
weisen, dass der neue Dithyrambus ähnlich gebaut hat, und von 
hier aus ist die Bracke zu den Maassen des römischen Dramas zu 
schlagen. Bei Sophokles sind solche Partien die letzten (HatQoqta 
des Philoktetes und die der Parodos im Oidipus auf Kolonos, bei 
Euripides die Epode der Bakchenparodos (ein Dithyrambus) und 
die Monodien der Phoenksen, der beiden Iphigenien, des Orestes. 
Ich kann for die Parodos der sophokleiscben Elektra wirklich keine 
schlagendere Parallele beibringen, als die Castratenarie des Orestes, 
und auch da wiederholen die Schlussverse (1495—1502) die rhyth- 
mischen Motive des ganzen Liedes. Sie empfehle ich zu genauer 
VerglekhuDg. Ich halte es schlechthin fttr undenkbar, dass dann 
noch ein Zweifel aber die Entstehungszeit der Elektra aufkommen 
kann. Ich gestehe, dass meine Untersuchung von hier zunächst 
aasgegangen ist. So will ich denn hier stehen bleiben ; ich kenne 
keine Instanz, welche gegen die vorgetragene Datirung zu sprechen 
auch nur scheinen könnte. 



Excurs. Iphigeneia. 

Für die Beurtheilung des Sophokles war es von Belang, dass 
er in der Erzählung von Iphigeneias Opferung im Gegensatze zu 
seinen Vorgängern auf Homer, d. h. die Kyprien, zurückgriff. Der 
Beweis erforderte eine umfänglichere Darlegung als der Raum einer 
Anmerkung ertrug ; der Excurs verstattet die ganze Sage zu behan- 
deln und selbst; wenn das Endergebniss falsch sein sollte, bin ich 
sicher, nichts überflüssiges zu thun, wenn ich aus dem mir bekannten 
Materiale gewinne, was es auszugeben scheint. Ich will aber gern 
glauben, dass ich manches übersehen habe: denn die mytbogra- 
phische Tradition wirklich zu beherrschen ist überaus schwer. Die 
modernen Hilfsmittel sind ganz unzureichend, und wir würden 
schon sehr viel weiter sein, wenn sich nicht die Meisten mit den 
kärglichen Sammlungen bei Wekker oder Preller (den besten) oder 
Jacobi begnügten. 

Sophokles El. 568. Agamemnon stört im Haine der Artemis 
von A ulis einen Hirsch auf, schiesst ihn und redet unehrerbietig 
gegen die Göttin. Proclus in der Kyprienhypothesis 'Ayafiepvcov 



Digitized by CjOOQ lC 



250 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

lui &r]Qctç ßakwv ïXacpoy vntqßaXXuv eqnqoe xaï zrjv ^Qtêfii* 
u. s. w. Hygin fàh. 98 m venando cervam eins violavit mperbiusqut 
in Dianam locutus est. Schol. Eur. Or. 658 dià tàç xav^aeig 
leyapeftvovoc to&voavtoç %rjv elaqtov xal einôwoç [itjd' av 
trjv Ziçtêpiv ovtw ßaXelv. Eine byzantische Fassung dieses Scbo- 
lions (II 177 Anm. zu 20 Dind.) hat Tzetzes zu Lykophr. 183 (I 463 
Müll.) ausgeschrieben. Die verbängnissvolle Prahlerei des Agame- 
mnon kennt Kallimachos (Art. 263), und veßcoqtovoc ßaoiXevc 
nennt ihn Nonnos (Dionys. XIII 115). In diesen Berichten ist aller- 
dings ein geringer Unterschied, im Geschlechte des Thieres und 
im Orte, da jedoch allgemein die Prahlerei der Grund des Zornes 
ist, nicht etwa die Tödtung des heiligen Thieres, so kann ich diese 
Differenzen nur für bedeutungslos halten. Das Scholion stimmt 
genau zu Hygin, Hygin aber und Nonnos stehen auch in anderem 
der Kyprienhypothesis so nahe, dass ich folgere, der allen gemein- 
same Mythograph habe auf der Kyprienhypothesis gefusst. Trotz 
Sophokles muss man zugeben , dass der Zorn der Göttin , der die 
schuldlose Tochter trifft, anstössig ist; und wenn man dann das 
hier verwandte Motiv in den Sagen von Akteon und Orion passend 
wiederfindet, nämlich so, dass der Schuldige selbst auch die Strafe 
leidet, so kann man nicht umhin zu urtheilen, dass der Dichter 
der Kyprien willkürlich das fremde Motiv in die Iphigeneiasage 
eingeführt hat. 

Die Kyprien hatten auch schon die Vorspiegelung einer Heirath 
mit Achilleus, durch welche Iphigeneia nach Aulis gelockt wird; 
der Zug ist sehr wirksam, aber doch nur eine Zuthat zu der 
eigentlichen Geschichte; kein Grund liegt vor, ihn nicht für eine 
Erfindung des Dichters zu halten, welche seitdem unlösbar mit 
dieser Sagenform verknüpft ist; ihr folgte Sophokles in seiner 
Iphigeneia (Fgm. 284), Euripides spielt darauf an (El. 1020), schon 
ehe er die seine dichtet, und auch Aischylos wird in der seinen 
nicht anders verfahren sein, wenn er auch im Agamemnon diesen 
Zug vermeiden musste. Eine Fortbildung ist es, wenn Neoptolemos 
zum Sohn der Iphigeneia und des Achilleus wird, was bei Lyko- 
phron (183. 324) und bei Duris (Schol. % 326) vorliegt Wer ihr 
Urheber war, ist nicht ermittelt. Die Kyprien kannten Neoptolemos 
als Sohn der Deidameia ebenso wie die kleine Ilias. Als Achilleus 
auf die Insel Leuke versetzt und diese (ursprünglich mythisch, die 
lichte Insel der Seligen, zu welcher die 'Grauen Männer' die Oatr r 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 251 

xeç, den Fährmannsdienst versehen) an den skythischen Gestaden 
localisirt war, da war er der Nachbar der Iphigeneia, der taurischen 
Gottin, geworden. Das warf eine Spiegelung in sein irdisches 
Leben. Lykophron erzählt, dass er fünf Jahre in Skythien nach 
seiner entrückten Braut gesucht hätte (201); andere gingen noch 
weiter. 1 ) 

Das Ende erzählten die Kyprien so, dass Artemis das Thier, 
welches Agamemnon getödtet hatte, dem Opfer unterschob, Iphi- 
geneia zu den Taurern entrückte und ihr dort die Unsterblichkeit 
verlieh. Das Letzte erscheint wieder bei Herodotos IV 103, aus dem 
Volksmunde, nicht aus dem Epos aufgenommen. Diese Wendung 
der Sage konnte erst entstehen, seitdem die hellenischen Schiffer die 
ungastlichen Taurer und ihre Göttin kennen gelernt hatten. Da Nie- 
mand glauben wird, dass die Gestalt der Iphigeneia so jung erst 
wäre, so ist auch hier im homerischen Epos eine verhältnissmassig 
junge Sagenform befolgt. Dieser Theil der Kyprien kann frühestens 
Ende des achten Jahrhunderts gedichtet sein; er setzt, da er 
Iphianassa neben Iphigeneia kennt (Schol. Soph. El. 157), die 
Tlqtaßela -rtQoç 'A%iM.ia oder wenigstens die darin befolgte Sage 
von Agamemnons Töchtern voraus. 

Aelteres Gepräge trägt was wir aus den Katalogen des He- 
siodos erhalten haben, dass Iphigeneia zwar Agamemnons Tochter 
war, aber von Artemis zur Hekate erhoben ward (Philodem, <fe 
reRj). 24 ; Pausan. I 43) ; mehr erfahren wir nicht, und auch Pindar 
im elften pythischen Gedichte, das wahrscheinlich dem Hesiodos 
folgt, weiss nur von dem Opfer in Aulis und der Rache, welche 
Rlytaimnestra dafür nahm. Es ist aber selbstverständlich, dass 
Hekate nicht bei den Taurern localisirt zu denken ist. 2 ) 

Da Philodem, der zwar keineswegs dem Apollodoros neçl 
#6c3y, aber einem sehr guten Gewährsmann folgt, von Stesichoros 

1) Euripides erwähnt in der Iphigeneia (435) die Achilleusinsel so, dass 
er wohl diese Sage nicht gekannt hat. Achilleus der Skythenfûret (oder Gott) 
ist schon dem Àlkaios, der sehr wenig Sagen erwähnt, geläufig, obwohl das 
Schol. zu Dionys. Perieg., aus welchem Eustathius zu Ys. 306 das Bruchstück 
erhalten hat, Ungehöriges daraus schliesst. Unsere Dionysscholien geben, wie 
häufig, nur ein Excerpt aus den Lykophronscholien. 

2) Scheinbar folgt dies zwar aus Pausaoias; dieser flickt das was er 
aus seinem Herodot abschreibt an das Gitat aus seinem mythologischen Buche 
mit einem tovtoiç 6/uoXoyovvra 'Hçoâoroç êyçccipty; was aber nicht mehr 
bedeutet, als dass beide Iphigeneias Apotheose berichteten. 



Digitized by CjOOQ IC 



252 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

angiebt, dass er die Verwandlung von Iphigeneia Agamemnons 
Tochter in Hekate dem Hesiodos nacherzählte , so wird man die 
stesichorische Fassung auch sonst einigermassen für Hesiodos in 
Anspruch nehmen dürfen, zumal noch mehr Berührungspunkte 
nachweislich sind (Schol. Eur. Or. 249). Indessen, es muss erst 
die Zuverlässigkeit des Philodem gegen Vergewaltigung geschützt 
werden, der sie ausgesetzt worden ist, weil Pausanias mit ihr streitet. 
Dieser Schriftsteller hat einmal das Vorrecht, als theopneust be- 
handelt zu werden, obgleich er ausser allen sonstigen Fehlern 
auch den einer erstaunlichen Zerstreutheit hat. 1 ) Pausanias hat 
I 43 mit Philodem übereinstimmend, dass Iphigeneia nach Hesiod 
zur Hekate ward, aber II 22 nach einer Erzählung, die wir nach- 
her als die des Euphorion erkennen werden, EiqtOQiw Xahu- 
ôsvç xcri nXevQwvioQ 'AléÇavôçoç, nçôteçov dk ïri SvqaixoQOÇ 
€ I(€$aïoç xatà Taira (paow 'Açryeloiç Qtjaéwç eh at dvyarica 
°Iq>iyév€iav (nämlich von Helena). Desshalb verwirft Bergk das 
Zeugniss des Philodem. Aber wie? Stesichoros hat die Sage in 
der Oresteia erzählt, das glaubt auch Bergk dem Philodem, also 
gelegentlich Klytaimnestras ; die That derselben ward also auf ihren 
Groll um Iphigeneia zurückgeführt. Soll sie etwa ihren Gatten aus 
Radie für ihre Nichte erschlagen haben? Nein, schon als gerin- 
gerer Zeuge müsste Pausanias weichen. Es ist ja aber auch sein 
Versehen ganz deutlich. Wieder einmal, wie schon so oft, hat er 
eine Notiz, die er überkam, in zwei Stücke zerschnitten, und dabei 
ist es ihm passirt, dass er den Stesichoros statt zu Hesiod, wo er 
bei Philodem erscheint, zu den alexandrinischen Dichtern stellte; 
ich wünschte, er hätte nicht schlimmere Flüchtigkeiten auf dem 
Gewissen. 2 ) 

1) Hier vier Belege aus der elastischen Burgbesohreibung; ick citire die 
Zeilen nach Michaelis, dessen Anmerkungen, wider seinen Willen, das Material 
zur Con trolle des Irrthums geben, wo er nicht notorisch ist. 26, 30 Aphrodisias 
für Mylasa, in einem Paradoxon; 27, 40 Kyknos fallt am Peneios statt am 
Spercheios, oder am Flusse Peneios statt am Berge Pelion; 27, 52 der Löwe 
vom Parnass statt vom Kithairon; 28, 13 die Pelasger wohnen vnh rnr *xqq- 
nokiv statt vnh tov 'Yjupittqv : trotzdem baut man auf ein ItiXxaphnjç «W- 
dtjxe für ènoitjaë. 

2) Die Stelle I 43 enthält wahrscheinlich auch eine Flüchtigkeit: yxovaa 
xal aXXov iç 7 I<piyévaav Xoyov vnh léçxaâtov keyofjtvov, olâa êi 'Hoioâoy 
u. s. w. Er berichtet keine arkadische Sage von ihr, sondern eine argivische. 
Es ist nach Analogie von Stellen, wie die in der vorigen Anmerkung heraus- 
gegriffenen, am einfachsten eine Vertauschung der beiden Ethnika anzunehmen. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 253 

So steht das Ende Iphigeneias und ihre Abstammung fttr 
Stesicboros fest. Wie mqtivirte er (und also wohl auch Hesiod) 
das Opfer? War die Strafe der Unschuldigen in den Kyprien un- 
gerecht, so würde die Erhebung zu einem göttlichen Wesen wie 
Hekate eben so unv«rhältnissmässig sein. Da Sophokles mit Emphase 
sich im Gegensatze zu seinen Vorgängern an das Epos anschliesst, 
hofft man Ton diesen fttr Stesicboros etwas zu erhalten. Aber wo 
man zunächst sucht, in der aulischen Iphigeneia des Euripides, ist 
jedes Motiv ausser Katchas Spruch entfernt, wie Arnim fein be- 
merkt hat, weil die verbrecherische Handlung (so beurtheilt sie der 
Dichter) lediglich auf Priestertrug geschoben werden sollte. Die 
Artemis von der Maschine in der verlornen Schlussscene musste 
freilich sowohl die Veranlassung ihres Zornes, wie auch das zu- 
künftige Schicksal der Iphigeneia erzählen; aber der Schluss ist 
ja verloren. Bei Aischylos (und so in Euripides Elektro) muss der 
Chor sogar die Rettung Iphigeneias verschweigen, obwohl er seine 
Renntniss andeutet (250); die That des Vaters gilt fttr frevelhaft, 
folglich sehen wir als Motiv auch nur die Forderung des Kalchas. 
Das Vogelzeichen verkündet dem Seher nur, dass die Gottin zürnt. 
Zwei Adler eine Häsin zerfleischend ist als Münzbild z. B. von 
Akragas bekannt; es war offenbar ein besonderes recag, und ist 
von Aischylos mit höchster Wirkung hierhergerückt, aber es ist 
für die Sage ohne Belang. Das Jungfrauenopfer als Opfer um 
glockliche Fahrt ist unter dem Druck dieser Gedichte allerdings 
sehr geläufig geworden, z. B. den Romern (Lucrez 1, 85), Vergil 
Aen. 2, 116), aber es kann weder ursprünglich so gemeint sein, 
da es ja der Artemis dargebracht wird, noch kann es so bei 
Stesichoros gemeint gewesen sein, da er Iphigeneia zur Gottin er- 
höhte. Wo ist dafür die angemessene Motivirung? 

Wir finden sie in des Euripides taurischer Iphigeneia. Dort 
wird uns erzählt, dass Agamemnon durch ein unbesonnenes Gelübde 
(also ein in vielen Sagen vieler Volker wiederkehrendes volkstüm- 
liches Motiv) die Tochter schon vor der Geburt der Artemis zu 
opfern sich verpflichtet bat. Nun ist sie zur herrlichen Jungfrau 
erblüht: die Gottin lässt die Flotte nicht eher fahren, eh sie ihr 
Recht erhalten hat. So erzählt Iphigeneia im Prolog und in ihrem 
Gesänge 209 av nQwtoyovov &<iloç iv dakâftoiç Ai\àaLÇ a 
tlfbpwv xovççt acpàyiQv nctXQUHf Xdßqc foexev %%Qsq>ev svxteiav, 
Innüoiq (<T) h âlqtçoioiv xtI. Da dieser Zug von Euripides 



Digitized by CjOOQ lC 



254 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

ohne jeden speciellen Zweck berichtet wird, so hat er ihn nicht 
erfanden, sondern überkommen. Was waren seine Quellen? Die 
ganze Fabel des Dramas ist seine freie Erfindung. Es ist das, zu- 
mal der einzige Vorgänger, an den man gedacht hat, Aischylos in 
den Priesterinnen, nichts mit den Taurern zu thun hat 1 ), eine 
unzweifelhafte Thatsache, welche Robert (Arch. Zeit 1874, 134) 
in das rechte Licht gestellt hat. Ausser der Versetzung zu den 
Taurern, wie sie geglaubt ward und in den Kyprien stand, ver- 
wandte Euripides nur die Legende von Brauron (oder läkai 'Aqa- 
<pt]vlâêç, wie man in Athen sagen mussle, da Brauron rechtlich nicht 
bestand), welche zwar von der Gottin Ipfaigeneia und dem Iphi- 
geneiaopfer wusste, aber nicht von den Taurern. 2 ) Die Vereinigung 
beider ist ein Werk seiner eigenen Genialität, von einem Erfolge, 
welcher freilich beweist, was einem Dichterwillen geüngen kann, 
wenn er im Sinne seiner Zeit die Heldensage fortsetzt. 3 ) Denn 

1) Das folgt nicht nor daraus, dass wir den Inhalt des Dramas gar nicht 
kennen, sondern auch daraus, dass die karische Stadt Kaatakaßa, die in den 
'Iêçtiai vorkam, doch schwerlich zu der ta arischen Fabel passt. Die in der 
Litteratur unbekannte Stadt ist auf den Tributlisten aufgetaucht und von 
Köhler (Urk. u. Unt. 187) mit Recht Karten zugeschrieben werden. Köhler 
und Kirchhoff haben die Erwähnung bei Aischylos übersehen, sonst würden 
sie nicht KaoöXaßa umgeschrieben haben. Die Quantität des o ist durch die 
Wortfolge bei Hesych gesichert. 

2) Es befremdet, dass die Hauptinstitution von Brauron, die âçxTtvûiç, 
keine Erwähnung gefunden haben sollte; aus der Hypsipyle ist eine solche 
bei Harpokration angemerkt. Ich glaube, dass daran die Ueberlieferuog des 
Prologs schuld ist Dort stehen ohne jede Anknöpfung an das Vorhergehende 
die viel und mit Aufwand von grosser Verkehrtheit behandelten Verse 34: 
o&tv vo/uoioi joioiâ 1 fjâtrai &éà "âqu/mç èoçitjç, tovvoju* qç xakbv payor, 
là <f âXXa oiyû xr^v &eoy qjoßovfiiyq • &vta yàç, ovtoç tov yofxov xai 
nq\y néXtt, oç âr xaxiX&g zijvâi yijy "EXXtjy dytjç. Da die yôpoi oïât 
weder vorher genannt sind, noch die Çtyoxioyia bedeuten können, welche 
nachher erst erwähnt wird, so ist ihre Erklärung vorher ausgefallen und bezog 
sich nicht auf die Opfer, sondern auf den Tempeldienst, welchen Iphigeneia 
versieht. Dessen ahiov war erzählt. Der Dienst aber ist der &qxxsvgiç ähn- 
lich oder war ihr leicht ähnlich zu machen. 

3) Aus Rücksicht auf Euripides ist bei Hygin fab. 98 die Priesterin Iphi- 
geneia an die Stelle der Göttin getreten. Und eine ähnliche Beeinflussung 
zeigen alle späteren Dichter. — Ich muss aber hier eine Aporie constatirea, 
deren Lösung mir versagt ist. Wenn die Folgezeit von Euripides abhängig 
ist und den König der Taurer Thoas nennt, so muss ihn Euripides so ge- 
nannt haben. Das geschieht auch (1285. 1436). Dann musste aber der eben 
erfundene Name auch im Prolog vorkommen. Folglich sind die Verse 31—33 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 255 

dem ursprünglichen Sinne widerspricht allerdings, dass die ge- 
opferte und entrückte wieder als Mensch unter Menschen erscheint. 
Woher nahm nun Euripides das Gelübde? Man könnte an die 
brauronische Legende denken, wird aber wohl zu anderem Unheil 
kommen, wenn man eine andere Stelle heranzieht, welche eben- 
falls von dem Gelübde handelt. Lykophron lttsst seine Alexandra zu 
Polyxena sagen ( dich wird Neoptolemos Iphigeneias Sohn schlachten 
nach dem Vorbilde seiner Mutter r t v dg ßa&eiav Xoifiiiaac ilot- 
fiavôçlav, OTStyYjyoQOv ßovv, êeivoç açtapoç, âçomtov, çalaei 
tçiftatçcp cpaoyarq), Kavôàovoç Xvxoêç to nçtoTÔocpaxToy oçxiov 
o%aaaq (326 — 29). Da weder Theon noch Scaliger noch Scheer 
eine befriedigende Deutung gegeben haben , so folge des Räthsels 
Lösung ohne Polemik, zunächst in der Uebersetzung: 'die Iphigeneia, 
welche, halsabschneidend auf das poimandrische Blachfeld hin, als 
eine zum Opfer geschmückte Stärke ein grauser Schlächter, der 
Drache, zerfleischen wird mit dem Schwerte, das er vom Ahn in 
drittem Gliede hat, den Wölfen des Ares lösend das Gelübde der 
ersten Schlachtung'. ïloi/navôçia ist, wie allbekannt, Tariagra; 
Lykophron setzt es aber für boeotisch, wie er 754 thrakisch da- 
für hat, 786 Ts/ufiiKla. Der 'Drache' ist Agamemnon : Stesichoros 
t $ ôh ôçaxwv èâÔMjoe polêlv ; des Ares Wölfe natürlich das Heer. 
Der dritte Ahn ist Tantalos, der seinen Sohn Pelops schlachtete; 
das Gelübde ist deutlich bezeichnet. Der vielfach begangene Irr- 
(hum, die Stelle auf Polyxene zu beziehen, ist eine von Lykophron 
gestellte Falle; das ist ja seine Art so '). Aber was ist seine Quelle? 

Seht, obwohl auch Arnim die Anstösse, auf welche Usener aufmerksam ge- 
macht hat, nicht ganz entkräftet hat. Aber wie in aller Welt kam Euripides 
dazu, den überflüssigen Namen zu erfinden, oder vielmehr aus der Sage von 
flypsipyle, die er etwa gleichzeitig bearbeitet hat, zu übertragen? 0. Müller 
(Dor. I 384) hat darauf eine Hypothese gebaut, welche, wenn diese Dar- 
legungen überhaupt einen Sinn haben, hinfällig ist. Aber ich vermag schlech- 
terdings keine Auskunft zu geben. 

1) Dafür ist schon die andere Stelle, in der er Iphigeneia berührt, ein 
Beleg. Achilleus weilt in Skythien, wo er sie, seine Gattin, sucht und seufzt 
über das Verh&ngniss, die verfehlte Fahrt (195) xal Tyv äcpaviov, eldoç 
r t XXoi(tif*évrjr f rçcûay Gcpaytitav yâh %$(>rißu>v nikaç ZAïâov r« nayXâÇovToç 
h ßv&<a*> (pXoyl xQaitjçoç, «y fjUXatP« 7tot(pvÇti (p&tT(Sv cccQxaç XsßrjviCovacc 
âaitaXovçyia. So die Ueberlieferung, nur im letzten Worte habe ich das 
stumme Iota des Datives entfernt. Das bedeutet *und um die unter Verwand- 
lung ihrer Gestalt verschwundene Graerin neben den Schalen voll Blut und 
Weihwasser und dem Krater, der aus der Tiefe Höllenfeuer brodelt, welchen 



Digitized by CjOOQ IC 



256 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

denn &(ioq%vqov ovôèv âelâei. An Euripides wird man nicht den- 
ken, Stesicboros ist so gut wie direct citirL Stesicboros lag auch för 
Euripides nahe genug. Auf ihn also scheint das Gelübde zurück- 
zuführen, und wenn es die brauronische Legende in einer uns 
nicht mehr zugänglichen Form gleichfalls gehabt haben sollte, so 
würde das nur dadurch zu erklären setn r dass Stesicboros oner 
Tempellegende folgte. Denn sobald wir das Gelübde und die Ver- 
götterung als Anfang und Ende haben, ist das Opfer in Aülis um 
die Abfahrt der Flotte zu bewirken, ist überhaupt die Abstammung 
der Geopferten ohne Belang, auf ihre Erhebung zur Göttin, als 
welche sie dauernd wirkt, kommt es an. Iphigeneia-Hekate ist 
selbstverständlich älter als Iphigeneia Agamemnon» Tochter. Und 
ihr Cultus ist in der That ein so verbreiteter, dass diese Erkennt- 
niss, die zuerst von 0. Müller ausgesprochen ist, wohl auf keinen 
Widerspruch mehr stösst. Ausser Brauren, wo Iphigeneia die Ge- 
wände der bei der Entbindung verstorbesen Frauen erhielt (also 
von denen, welchen "Aqiehiç 'Etàtt] nicht gnädig gewesen war. 
Aesch. Hik. 676), ist sie in Hermione gradezu mit Artemis kfen- 



die schwarze Kochkunst anbläst, indem sie das Fletsch der Leichen in 
seinen Kessel wirft'. Der 'Krater' ist in dem Sinne zn verstehen, wie das 
Wort in alle Sprachen übergegangen ist; es öffnet sich der Höllenschlund und 
die in ihn gestürzten Leichen der geschlachteten Fremdlinge sind die Nahrung 
för das Feuer. Gälte es den natürlichsten Ausdruck, so würde freilich die 
Gonjectur ?f für Sr (auf <pl6Ç bezogen) empfshlenswerth sein: aber hier ist 
das Schwierigere immer das beabsichtigte. Die Quellen sind hier nachweisbar. 
Herodot 1Y 103 oî fxiv dy Xiyovoiv àç to ctô/ua ànb xov xqijjavqv tû&êêvai 
xérai, tqp ai xttfutXqv dvaaiavcovoiv' oï âk xarà fikv rqr xttpaXijv 4pê- 
Xoyiovai, rb fiivtot adà/ua *vx (ofrtïa&at ànb tov xçrjfirov Xiyovet* aXkà 
y[j xQtiniéc&at. Und Euripides Iph. T. 626, auf Orestes Frage nach seines 
Leichnams Schicksal, nvç Uqov Ivôov xâopa r' tvqanw x&wéç. Eine Nach- 
bildung ist Nonnos XIII 117 (pçixrà xax+ftircjr èâiââax&o ꀫpà XeßijTwy 
àviça daiTQtvüvoa , wo der Kessel, der bei Lykophron metaphorisch steht, 
verkehrter Weise positiv genommen ist. Die Einsetzung von àaual*vçyui 
als Subject ist durch das kahle piXaiva gefordert, mit welchem schon Theo« 
sich vergeblich abgequält hat juéXtxç gebraucht Lykophron wie xtkaivoç, als 
ater von allem Grässlichen. Nun aber vorher die yqcda. Weder ist die 
Ausrede möglich, Iphigeneia sei am Altar in ein altes Weib verwandelt, noch 
konnten die fünf Jahre sie gealtert haben. Dies neckt uns, wie die Zwei- 
deutigkeit, ob sie als Opfernde in Taurien cyayiiav nikaç ist, oder es als 
Geopferte in Aulis war. Es ist nicht yçaïa sondern rgaitc zu verstellen, 
Feminin von rçttïoç, Einwohner von dem Orte rçala (Steph. Byz. s. v.), 
und es bedeutet Aulidensis, weil Aulis zur rçaïxy gehört. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 857 

tiflcirt (Hesyeb. ïqttyiveta f[ "Açtêftiç, Pausan. II 35), in Megara 
bat sie ein Heroon, in Arges stehen neben einander Heiligthfümer 
der Eileithyia und der Hekate; das erste soll Helene wegen der 
Geburt Ipbigeneias geweiht haben: es liegt nahe, das zweite der 
Iphigeneia-Hekate geweiht zu denken, obwohl Pausanias (II 22) 
nichts davon sagt; Helena selbst waltet in Sparta als Geburtsr 
göUin (Herodot VI 61). In Aigeira ist in einem Artemistempel 
ein altes Bild der Ipbigeneia, und hat eine Jungfrau bis zu ihrer 
Verbeirathung den Tempeldienst (Paussn. VII 26), Pausanias oder 
seine Quelle vermutbet, dass ursprünglich der Tempel der Ipbi- 
geneia gebort hätte; das muss auf sich beruhen bleiben. Dass war 
von einem Cultus der Ipbigeneia in Aulis nichts hören, kann Zufall 
sein; da aber das Ritual des Tempels (Pausan. IX 19) das der 
amarysischen Artemis, der Kolaiviç* ist (Schol. Arist. Vög. 873), 
so scheint wahrscheinlicher, dass Aulis mit Ipbigeneia erst da*n 
etwas zu thun bekommen bat, als sie als Tochter Agamemnons vor 
dem Zuge geopfert ward, der von Aulis nach feststehender Tra- 
dition abging. Durch die Identität der Ipbigeneia und der Hekate 
ist es natürlich auch nur ermöglicht, dass die Hellenen sie in der 
tauriscben Göttin wiederfanden, und zwar waren das nicht die 
artesischen Pontosfahrer, sondern ihre Rivalen, deren Schiffe aus 
dem saroniscben Golfe kamen. Eine jungfräuliche fackeltragende 
Gottin fanden auch die griechischen Siedler bei den Thrakern vor, 
am schwarzen Golfe, am Hellespont, am Bosporus. QwotpQQoç 
hiess sie in Byzanz, Xgvat) am andern Ufer. Die Hellenen fanden 
verschiedene Deutungen für die barbarische Jungfrau; in Chryso- 
polis, wo im fünften Jahrhundert das Reich eine Zollstation hatte, 
gedachten die Athener an ihre brauronische Iphigeneia und bald 
fand sich eine Sage, im Anschluss an das Epos natürlich. Wir 
würden sie kennen, wenn wir etwas vom Chryses des Sophokles 
sagen könnten (gegeben vor 414: Ar. Vög. 1240 mit Schol.). Aber 
das ist nicht möglich. Der Chryses des Pacuvius muss von So- 
phokles gesondert werden, denn der Wettstreit des Edelmuthes 
zwischen Orestes und Pylades ist eine Forlbildung <]er tauriscben 
Iphigeneia des Euripides, in welcher zuerst Pylades über die Stel- 
lung einer Nebenrolle erhoben ward; anderer Berührungspunkte 
zu geschweigen. Sobald man sich klar macht, dass die ganze 
Irrfahrt des Orestes und Pylades vor der tauriscben Ipbigeneia 
nicht existirte, wird man sich auch mit der Gewajtmassregel nicht 

(fermes XVIII. 17 



Digitized by CjOOQ lC 



258 v. WILAM0W1TZ-MÖLLEND0BFF 

befreunden können, durch welche Robert (Arch. Zeil. 1874, 134) 
die Hyginfabel 121 für Sophokles verwendbar ,zu machen versucht 
hat. Mit Pacuvius hat dieselbe direct so wenig zu thun, wie irgend 
eine ächte Hyginfabel mit irgend einem rtfmischen Dichter. Dagegen 
lässt sich schwerlich dem die Wahrscheinlichkeit absprechen, dass 
Sophokles eben die Sage Ton Chrysopolis aufgegriffen hat, welche 
wir allerdings nur noch in einer späten Brechung aufzeigen können. 
Chryses und Iphigeneia sind die Kinder des Agamemnon und der 
Chryseis; letztere Priesterin des Artemis, nach ersteren heisst 
Chrysopolis so Et. M. s. v. Xqvconolig. Tzetzes (zu Lyk. 183, 
I 465 Müll.), der wohl aus einem Tollständigeren Etymologikon 
schöpft, fügt hinzu, dass Chryses in Chrysopolis gestorben wäre, 
Iphigeneia von den Tauroskythen geraubt zur Artemispriesterin ge- 
macht sei. Ausführlicher ist Dionysios in der Bosporosbeschreibung 
(S. 33 Wescher, daraus Steph. Byz. s. v.). Chryses will vor den 
Verfolgungen Klytaimneslras zu seiner Schwester Iphigeneia, die 
bei den Taurern ist, fliehen und stirbt unterwegs an dem Orte, 
der nach ihm Chrysopolis heisst. Von hier aus ist freilich die 
sophokleische Fabel nicht mehr zu erreichen, aber die Richtung, 
in welcher sie lag, ist zu sehen. Pacuvius ist nicht ein blosser 
Uebersetzer wie sein Onkel, und er hat eine Vorliebe für das 
nacheuripideische Drama; er kann für Sophokles wenig helfen. 

Wesentlich ist diese Sagenform nur desshalb für uns, weil 
hier Iphigeneia zwar denselben Vater, aber eine andere Mutter hat 
als in den Kyprien und der Vulgata. Denn das bestätigt, dass die 
Anschliessung der Hekate an das Geschlecht der Atriden kein ur- 
sprünglicher und integrirender Bestandteil dieser Sage sein kann. 
Somit wird man ohne das Vorurtheil, dass nur eine üble Alexan- 
drinerwillkür vorläge, an die Traditionen gehen, welche Iphigeneia 
zur Tochter des Theseus und der Helene machen. 

Lykopbron und Duris (Schol. Lyk. 513, denn dass dort dia- 
çoiç diesen Namen verbirgt, zeigt Tzetzes) geben diese Genealogie 
zugleich mit dem aulischen Opfer. Das ist eine, wie wir oben ge- 
sehen haben, in sich widerspruchsvolle Contamination ; aber wenn 
zwei Schriftsteller des angehenden dritten Jahrhunderts so contami- 
niren, so muss die Genealogie wohl ein beträchtlich höheres Alter 
haben. Dass sie in derselben Zeit Alexandras der Aetoler befolgte, 
sagt Pausanias ; mehr wissen wir über diesen Dichter nicht. Dagegen 
gelingt es, die Fabel des Euphorion, also eines Landsmannes und 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN EL E KT REN 259 

Nachahmers des Lykophron, zu gewinnen. Der erste Theü, welcher 
ihm mit den drei älteren Schriftstellern desselben Jahrhunderts 
gemeinsam gewesen sein wird, steht bei Pausanias II 22: denn 
die Glosse des Et. M. s. v. îg>iç beweist, dasB Pausanias die Eu- 
phorionhypothesis wiedergiebt. l ) Helena war von Theseus schwan- 
ger, als ihre Brüder sie aus Apbidna befreiten; sie gebar die 
Iphigeneia und gab sie an ihre Schwester Klytaimnestra , welche 
sie dem Agamemnon unterschob. Den Portgang der Hypothesis 
giebt das Scbolion zu Arist. Lysistr. 645. Agamemnon schlachtet 
seine vermeintliche Tochter in Brauron, Artemis schiebt statt ihrer 
eine Bärin unter unj) macht sie zur Göttin. Das letzte, nicht aus- 
drücklich Gesagte, folgt daraus, dass Euphorion ihr, auch von 
Euripides (1. T. 1464) erwähntes Grab ein xevrjQior nennt. Die 
Unterschiebung der Bärin und das Local des Opfers musste so 
in der brauronischen Legende notwendigerweise erzählt werden, 
und wirklich können wir die Bärin noch in der Atthis, bei Pha- 
nodem, nachweisen. Ihn nennt Apollodoros neçl foû* im E. M. 
8« v. TavQOTioXov. *) Euphorion hat also die bei Lykophron 



1) Paus. II 22 EiXtj^viaç early Uçoy, àvà&qpu* 'EXévrjç, ozê avy Jliiçi&qt 
Qqeioiç àmX&oyzoç iç Gtancwzovc "Atpidyâ z§ vnb Aioaxovqtoy kdXto xai 
rjytro iç Aaxtdai/uova 'EXiyy IjfCO' fxiv yaq avzrjy Xiyovow iy yaozQt, 
Têxovaay di iy *Açyu xai zijç ElXrj&viaç îdçvaapéyrjy zb uqov, zfjy piy 
naïda tjy cxtx§ KXvzaipvrjoTQç dovyai (avyotxtîy yàç Çdrç KXvjat/LtytjGTQay 
*AyaftéfÂroyi) avzfjy de Saztçoy tovzuy M&tëXây ytjfiaa&ai. xai ini Jtpdt 
Bvq>*QMy XaXxidtvç xai TJXivqdyioc léUÇavâçoç in>j aouyerwrc?, nçéziçor 
de hi JSirjcixoçoç o 'Ifitçaioç xazà zavzâ tpaaiy lAçyiioiç Stjaêtoç tirai 
Jhryaziça 'icpiyivtiay. Et. M. 480, 8 IqpV — *I<piyiytia* Ev<poçmy avrqy 
iiVjuoXoyéî, àyyotôy avzrjy ^Aya^i^vovoç , ohzai d' avzqy 'BXiytjç xai Sq- 
citoç, vnoßXyjtiy dk do&ijvai KXvtaifiVijaiça 'oSytxa dtj piv \tpi ßttjoafAirtp 
'Ektyq imyéiyaro SfjctV Schol. Ar. Lys. 645 oî de zk mçi *lq>iyiyêuty iy 
BçaVQmyl qp«aw, ovx iy AvXidi. Ev<poçia>r * 'AyfiaXoy Bçavçmya, xtyijçioy 
*lq)tyivtittç , und in anderer Fassung doxtï de 'Ayapipyuty aqpayidoai zqy 
*l(piyiytiay iy BçavQÙvi, ovx iy AvXidi xai aqxzoy ayz* ai-zijç ovx IXatpoy 
çpayrjyat • o&ty /uvGTqcta âyovoty avzrj. Et. M. 747, 57 oï di Xiyovaty 
tzi nay 'EXXtjroty ßovXofiiyoiy àytXtïy zyy *lq>iyiytiav iy AvXidi jj "Açitpiç 
èpxidmxw iXayoy. xazà de Qayodnpoy , aqxzoy (oatûrlich nicht ia Autis, 
sondern in Brauron), xazà de Nixaydçoy, zavçoy. Pausanias selbst entnahm 
die Hypothesis natürlich seiner Quelle, den 'AçyoXixa, welche ich schon 
früher nachgewiesen habe (Camm. gratnm. II 16). 

2) Die Glosse bezieht sich anf den Vers Aristoph. Lys. 447: yq tyy 
TavQonéXoy, wo jetzt im Scbolion steht zijy aiziay 'AnoXXôdwçoç iy z$ 
ntçi &i(Sy ixzi&izat, wodurch die Herleitung der Aufzählung im E. M. aus 

17* 



Digitized by CjOOQ IC 



260 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

vorliegende Fassung mit der brauroniscben Legende contaminirt 
Sein Gedicht las Nonnos noch und entlehnte den Vers ayxlaiov 
Bçavçwva xevrjçtov ïq>iyevelrjç (XIII 186), in der echten Weise 
alexandrinischer Gelehrsamkeit und Eleganz, indem er gegen ihn 
polemisirte, denn für ihn heisst xevrjçwv, 4 das fälschlich (von Eu* 
phorion) als Opferstätte Iphigeneias ausgegeben wird'. In dem* 
selben Buche hat er nämlich das auliscbe Opfer nach der Kyprien- 
hypothesis erzählt, mit dem eu ripidei sehen Schlüsse und lykophro- 
nischen Reminiscenzen im Ausdruck. 1 ) Die Erzeugung und Er- 
ziehung Iphigeneias erzählt. auch Nikandros (Anton. Lib. 27) wie 
Euphorion, aber das Opfer verlegt er nach ^ulis, hat also wohl 
die Tradition der älteren Dichter des dritten Jahrhunderts befolgt. 
Statt des Hirsches oder Bären setzt er einen Farren, um so die 
Namen Tavçoi und Tavcortolog abzuleiten (dies berichtet aus 
ihm auch Apollodoros). Dann aber verdoppelt Nikander die Ver- 
setzung Iphigeneias; zu den Taurern kommt sie als Mensch, zur 
Göttin wird sie erst auf Leuke, endlich mit Achilleus vereinigt. 
Hier erhält sie den Namen Orsilocheia. In dieser Erzählung kann 
alles freie Fortbildung von Motiven sein, die wir schon kennen, 
nur der Name 'Geburlbeförderin' ist älter. In dem Periplus des 
Pontos, den Ammian XXII 8, 33 wieder giebt, ist Leuke in das 
taurische Gebiet gerückt und heisst die taurische Göttin selbst 
Orsiloche. Offenbar ist dies die echte Tradition, welche Nikander 
mit Iphigeneia verquickt bat. Andere Schiffer als die, welche die 
barbarische Gottin mit der Geburtshelferin Iphigeneia-Hekate iden- 
tificirten, haben ihr den redenden Namen 'OçoiXôxr} gegeben. 

Diese Durchmusterung hat Manches gelehrt, nur nichts über. 
Iphigeneia Theseus Tochter. Denn, wir sind über die Dichter des 
dritten Jahrhunderts nicht hinausgekommen, welche alle die Tochter 
Agamemnons und ihre Sage in diesen Kreis hineingezogen haben, 
dem sie fremd ist. Aber wenn man auch zugiebt, dass diese Dich- 
ter nicht bloss, wie es ihnen zustand, selbst einzelnes erfinden, 



Apollodor gesichert ist. Der stoische nod zugleich grammatische Verfasser 
zeigt sich auch darin, dass er zwar die mythischen Erklärungen sammelt, 
aber selbst eine physische befolgt Recht wichtig ist, dass Apollodor den 
Nikander benutzt, und aus ihm jedenfalls auch das Citat aus Xenomedes 
stammt, der in den Scholien den Namen TavçonoXoç auf Athene bezieht. 

1) Ueber XIII 117 Tgl. S. 255 Anm. 1; 'SLçimv rçmaruç V. 99, stammt 
aus der. falschen Erklärung der Scholien zu Lykophron. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELERTREN 261 

sondern häufig den Ton der alten Sagen, die sie aufnehmen, ver- 
fehlen, da sie unter dem überwältigenden Einfluss der attischen 
Poesie stehen, trotzdem sie gegen dieselbe ankämpfen, so ist doch 
das unbestreitbar, dass sie alter, verschütteter Tradition folgen, 
welcher wir nachgehen müssen, wenn wir ein Urtbeil über die 
Sage und über ihren ersten Niederschlag, das Epos, gewinnen 
wollen. Freilich Iphigeneia, Theseus und Helenes Tochter gehört 
nicht in die Atridensage noch in die troische Sage. Aber gehört 
denn Helene ursprünglich in die Sage von Troia und den Atriden? 
Der doppelten Genealogie Iphigeneias entspricht der doppelte Raub 
der Helene durch Paris und durch Theseus. Der letztere nun 
lässt sich nicht als eine spätere Replik der troischen Sage auf- 
lassen, es sei denn, dass man für die Sage taube Ohren und blinde 
Augen hat. Nur einordnen lässt er sich auch nicht, sonst kommt 
man zu dem thörichten Unterfangen die Jahre der mythologischen 
Frau zu zählen (Hellanikos bei Schol. Lyk. 183), oder zu komi- 
schen Scherzen (Photius woolmuav). Es sind parallele Fassungen 
von genau derselben Berechtigung. Ein Gedicht der Dias selbst 
setzt ja diese Sage voraus, die Teichoskopie, dagegen helfen Ari- 
starchs schale Exegetenkünste (zu F 144 und if 626) nichts. 
Aithra ist die aus Aphidna geraubte Mutter des Theseus, und die 
Dioskuren sind auch nur mit diesem Raube verbunden, wie sie 
denn gleichfalls im r vorkommen. Ebenso setzen die Kyprien und 
die kleine Ilias, wenn sie von den Dioskuren und den Theseus- 
söhnen erzählen, diesen Raub voraus und stellen auf die eine oder 
andere Weise eine Concordanz her. In der Entstehung des Epos 
bei den Lesbiern und seiner Ausbildung bei den Nordionern bat 
es seinen Grund, dass gerade die troische Helenasage in den altern 
homerischen Gedichten vorwaltete und bei dem Uebergewichte dieser 
Poesien alles andere in den Hintergrund drängte, wie ja selbst das 
attische Drama von Theseus und Helena schweigt. Im Mutterlande 
lebten die anderen Fassungen der alten Sage im stillen fort, und 
sie erhielten sich reiner, weil die Trübung durch die Nieder- 
schläge neuer Kämpfe und neuer Wanderungen nicht so stark war. 
Als nun das ionische Epos herüberkam, da fanden die alten Ge- 
schichten in den jüngsten Sprossen des Epos, wie den Kyprien, 
den Nosten und manchen der hesiodeischen Gedichte Eingang, 
anderes erat im Drama, manches noch später in gelehrter Poesie 
oder Sammlung, unendlich vieles ist auf ewig verschollen. Es ist 



-Digitized by 



Google 



262 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

aber einfach Anistoresie, wenn antike oder moderne Aristarcheer 
die Posteriorität der Aufzeichnung auf den Inhalt Obertragen, wie 
es Anistoresie ist, den Namen Homer auf die beiden erhaltenen 
Epen (und hoffentlich den Margites) zu beschränken. Der Mythos 
ist ja nicht das Knäblein, das Archelaos von Priene dem Homer 
libiren lässt; Homer ist ehrlicher, er weiss, dass ihm die Muse 
aus ihrem unendlichen Reichthum éftô&ep ye etwas erzahlt. Wir 
haben nicht nur die Aufgabe, die Reste der alten SagenherrUcb- 
keit zu sammeln : wie den verlorenen Kunstwerken so gebührt auch 
den verlornen Sagen der Versuch einer Reconstruction. Und es 
ist kein geringerer als Gottfried Hermann, der das ariolari über 
das stupere stellt. 

Theseus raubt Helene, Zeus Tochter. Zeus Sohne zerstören 
Aphidna und befreien die Schwester. Helene gebiert von Theseus 
die Iphigeneia. Iphigeneia wächst auf um der Artemis geopfert 
zu werden. Artemis erhebt sie zu ihrer Dienerin Hekate. Das 
sind die Zage, welche uns zum Theil vereinzelt vorliegen, aber 
sich von selbst als Bruchstücke desselben Sagenkörpers ausweisen. 
Weiter hilft es uns, wenn wir fragen, wo gehören diese Saged hin. 
Um Aphidna stteitet sich Lakedaimon und die später attische Diakria; 
aber Iphigeneia gehört nicht nach Lakedaimon, sondern nach Brau- 
ron. Und wer ist Helenes Mutter? Im troischen Epos Leda; an 
sie werden wir nicht denken. Die Kyprien nennen Nemesis, selbst 
schon die Sagen contaminirend , hier wie bei Iphigeneia. Zum 
Epos stellt sich die Tragödie; aber die Kunst und die volkstüm- 
liche Dichtung der perikleischen Zeit weiss es besser. Helenes 
Mutter ist nicht die blasse Abstraction der Kyprien '), sondern die 
Göttin von Rhamnus. Damit rückt die ganze Fabel in einen so 
nahen geographischen Zusammenhang, dass wir wohl wagen dürfen 
zu vereinigen und zu deuten. Die Auffassung Helenes giebt uns 
der Kenner aller Hohen und Tiefen seiner heimischen Sage, 
Aischylos. 

Im sumpfigen Thale der Diakria, 'unter den Dornen', wohnt 



1) Auch darin zeigt sich, wie der Dichter der Kyprien alte Motive ohne 
Ver8tändni8s weiter giebt. Themis berath sich mit Zeus, wie Ge von der 
Uebermasse der Menschen befreit werden soll: er hat keine Ahnung davon, 
dass Themis und Ge identisch sind. Bekanntlich hat Rhamnus neben dem 
Gülte der Nemesis auch den der Themis, um so mehr wird die Grundlage 
der Kypriensage rhamnusisch sein. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE BEIDEN ELEKTREN 263 

Nemesis, die jungfräuliche Göttin, schön wie Aphrodite, aber spröde 
wie Asteria und unerbittlich wider jede vßcig wie Artemis; wie 
Artemis todsendend. 1 ) Zeus entbrennt von Liebe zu ihr, trotz 
allem Sträuben erliegt sie ihm und gebiert das schönste Weib, 
Helene. Allschönst ist sie , wie die 'Allbegabtesle', aber ein Fluch 
wie sie: sie ist wirklich eine Schwester Pandoras. ôrjÇi&vfAOv 
"Eçwtoç av&oç aber vvfupoxlavTOç'Eçtvvç. Der Fürst von Apbidna, 
das von den nahen Bergen herabschaut auf das rhamnusische Thal, 
sieht sie r liebt sie, raubt sie. Die Söhne des Zeus auf ihren weissen 
Rossen, die iû Boeotien oder auch in Attika zu Hause sind, er- 
scheinen die Schwester zu befreien und brechen die Burg. Der 
Fluch hat sich erfüllt. Aber schon trägt die schönste Frau von 
dem edelsten Manne eine Frucht im Scboosse. Das Kind der 
Sünde gebiert sie, die 4 Gewaltgeborne\ Für lphigeneia hat die 
Erde keinen Raum. Die unerbittliche Jungfrau von Brauron löst 
zwar die Bürde der Helene, aber das Kind ist ihr verfallen ; açrcr- 
l*iç und KOVQorçôq>oç zugleich fordert sie das schuldlose Blut, 
aber erhebt lphigeneia zu ihrer eignen Dienerin. Und was wird 
aus Helene? Die Schönheit und der Fluch der Schönheit sterben 
nicht. So lange des Weibes Schönheit den Mann berückt, und die 
Leidenschaft ihn zu jäher That verführt, so lange ringt einer nach 
dem anderen um den köstlichsten Preis, so lange folgt Fluch dem 
Fluche. Simon der Magier hat Helene zu seiner Seite, und dem 
Faust hat sie ja noch jüngst wieder ein holdes Kind geboren, das 
die strengen Gewalten sofort dem Reiche des Lichtes entzogen. 

Ich habe es gewagt auszusprechen, was die alten Diakrier mir 
gedichtet zu haben scheinen. Und wenn ich mich dabei geirrt 
babe, so weiss ich doch, dass sie mirs vergeben werden. Denn 
es ist keine geringe Poesie, die ich ihnen zutraue. 

1) Die Ns/uéodtt sind ein Todtenfest, vgl. dazu Stellen wie Soph. El. 
T92. 1467. Noch Caesar nannte die Stelle, wo das Haupt des Pompeius bei- 
gesetzt wfird, Ntpiauov. 

Greifswald, 22. December 1882. 

U. v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF. 



Digitized by CjOOQ IC 



QUAESTIONÜM DE ABCHILOCHO CAPITA 

TRIA, 

I. De Lycambae morte fabulosa. 

Iamdudum perspexerunt viri docti origioem fabellae de Ly- 
cambae morte ÎUiarumque eius quaerendam esse in fragmeoto 
Archilocheo (35 Bergk) apud Photium: xvipai* avvi %ûv ànâyÇa- 
O&ai 'Aq%IIo%oç' 

xiipavTêÇ vßctv a&çorjv anéyXvoav.*) 
Neque tarnen defuerunt qui ad confirmandam potius et probandam 
rei veritatem Photii Archilochique verbis uti mallent quam ad earn 
refutandam; inter quos permirum mihi visum est etiam Bernhar- 
dyum esse (Grundr. II 1 S. 491 3 ): Wenn Photius richtig Kvipai 
durch àrtàyÇao&ai erklärt auf Anlass des Trimeters xvipavreç etc., 
so besitzen wir dort ein authentisches Zeugniss für den Ausgang des 
Handels. Atque ita profecto res se haberet si verbo Uli àniyxsr 
aSai una tantum inesset signiflcatio, laqueo gulam sibi frangendi. 
Verum reputandum est verba quae sunt àndyxo) et ànayxea$ai 
praeter propriam metaphoricam quoque signiflcationem doloris animi 
ita oblinere ut ànâytopiai non longe distet a latino torqueor et 
propius etiam accédât ad italicam locutionem quae est mi sento 
soffbcare, strozzare dalla bile; memorabilia et illustria exempla 
suppeditat formae activae Aristophanes Vesp. 686 o palunà p 
andyx^h mediae autem Nub. 988: 

Cv de tovç vvv ev&vç h Ifiatiotg nçodiôdoxeiç ivtevvkix&ar 
äate fi ànéyxeo&i oxav OQ%éla&ai IIava&rj*aloiç ôéo* avroiç 
tqv aanlda trjç xtakîjç nçot%(ov àfiekfj tiç Tçitoyeyeifjç. 
Possis igitur Bernhardyi ratiocinationem invertere, nam si, ut pro- 
fecto verisimillimum est, illud Archilocheum xvipawteç ad Lycamben 
et Neobulen spectat, si deinde verbo quod est ànayÇao&ai recte 
explicavit Photius (vel potius auctor quo Photius usus esl) non 



1) ènéipkvaay Lobeckius Schneide winus; dnéipXocay codex. 



Digitized by CjOOQ IC 



QÜAESTIONUM DE ARCHILOCHO CAPITA TRIA 265 

propriam sed metaphoricam significationem illius xvipat, certissi- 
mum et luculentissimum habes testimonium, ipso Arcfailocho auctore, 
Lycambeo et filiam minime sibi laqueo mortem conscivisse, sed se 
adeo aegrimonia torsisse propter poetae convicia, ut suam inso- 
lentiam omnino ebullirent (tanto gli strozzô la bile che tutta insieme 
vomitarono la Uro arroganza). Photium autem illud xvipai Ar- 
chilocheum recte explicasse quis dubitet? siquidem xvrttu 6 
anayÇàftevoç , hon minus scilicet qui sibi laqueo gulam frangit, 
quam qui atra bile et aegrimonia usque ad suffocationem torquetur. 

Lycamben itaque et Alias non magis Arcbilochus ad laqueum 
compulit quam Athenin et Bupalum Hipponax (cf. Plinium H. N. 
XXXVI 5). An vero et Hipponax scripserit Athenin et Bupalum 
amantadine carminum xvipai vel cc7zày!;ao&ai ita ut ea opinio 
quam Plinius refeilit 1 ) eandem habuerit originem, in medio relin- 
quo. Sed hoc contendo, illud persimilem habuisse originem quod 
Ovidius Ib. 521 refert, Hipponactem inedia vita functum esse: 
utque parutn stabili qui carmine lusit Athenin, 
invisus pereas déficiente cibo. 
Nimirum Hipponax de sua inopia adeo usque ad satietatem que* 
stus est (cf. fragm. 16. 17. 18. 19) ut mirum esset si qui toties se 
algere dixit, idem esurire se nunquam dixisset. Vel si ipse Hip- 
ponax hoc non dixit, scripserit aliquis Hipponactem adeo pauperem 
fuisse ut inedia periret, non secus ac nos quoque ad summam 
inopiam significandam dicere interdum solemus muor di fame de 
homine che mangia beve e dorme e veste panni. 

Auctores antiquissimi qui de Lycambae et Neobules laqueo 
tradiderunt sunt, si Bernhardyum (1. s.) audias, Horatius Epod. VI 13, 
Epist. I 19. 25, et Ovidius lb. 53. Prior Horatii locus nihil con- 
tinet ad rem: 

cave, cave : namque in malos asperrimus 

parata tollo cornua, 
qualis Lycambae spretus infido gener 
aut acer hostis Bupalo. 

1) 1. s. Hipponacti notabilis foeditas voltus erat, quam ob rem ima- 
ginem eins lascivia iocorum hi (seil. Athenis et Bupalus) proposuere riden- 
tium circuits, quod Hipponax indignatus destrinxit amaritudinem carminum 
in tanium ut credatur aliquis ad laqueum eos compulisse, quod falsum est, 
complura enim in finitimis insults simulacra postea fecere, sicut in Delo, 
quibus subiecerunt carmen non vitibus tantum censeri Chion sed et operibus 
Archermi filiorum. 



Digitized by CjOOQ IC 



266 PICCOLOMINI 

Contra in allero loco minime dubium quin Horatius hue respeierit: 
nee socerum quaerit quern versibus oblinat atris 
nee sponsae laqueum famoso carmine nectit; 
potuitque sane Horatius de ea re etsi fictam credidit innuere, ut fere 
mos est omnibus poetis, qui quidquid poesis gratiam augeat liben- 
ter arripiunt et versibus inserunt. Ovidius quid sibi voluerit, baud 
ita certo adfirmaverim, videtur enim de tetis tinctis sanguine Ly- 
cambeo ad vim iamborum Archilocheorum repraesentandam et ille 
loqui potuisse qui nihil prorsus de eius violenta morte resciverit; 
praesertim cum imago telorum sanguine tinctorum vix apta sit ad 
mortem quam quis suspendio sibi paraverit exprimendam. 

II. De Archilocho Lacedaemone expulso. 

Narrât auctor libelli Laconicarum institulionum (cap. 34) qui 
sub Plutarchi nomine circumfertur, Archilochum Lacedaemooios e 
civitate absque mora expulisse cum eius sententiam comperissent, 
melius esse arma quam vitam amittere: *AQ%lko%ov %bv noitjTijv 
iv udaxeâalfiovi yevôfievov avTtjç açaç èâiwÇav, diôti inèyvw- 
aav ctvTOv neTZOtrjxôta, (oç KQelvtôv ia%iv anoßaXelv %à orcla 
t] àrtodavelv aaniâi fièv 2aïwv tiç ayàXXetai, et cetera quae 
omnibus teruntur. Conferendus est Valerii Maximi locus (VI 3. 12), 
qui auctor non de poetae ipsius, sed de carminum exilio loquitur, 
atque ita decrevisse Lacedaemonios tradit non ea de causa quam 
falsus ille Plutarchus exponit, sed quod eorum parum verecundam 
ac pudicam lectionem arbitrarentur: ceterum etsi Romanae severi- 
tatis exemplis totus terrarum orbis instrui potest, tarnen externa 
summatim cognosse fastidio non sit. Lacedaemonii libros Archilochi 
e civitate sua exportari iusserunt quod eorum parum verecundam 
ac pudicam lectionem arbitrabantur. Noluerunt enim ea liberorum 
suorum animos imbui, ne plus moribus noceret quam ingeniis pro- 
desset. Itaque maximum poetam aut cette summo proximum, quia 
domum sibi invisam obscenis maledictis laceraverat carminum exilio 
multarunt. De Pseudoplutarchi narrationis fide merito dubitat 
Bernhardyus Grundr. II 1 S. 491 3 ; Valerii Maximi dicta nescio 
utrum in dubium vocata sint neene. Certe inter utramque nar- 
rationem, si ut videtur fides utrique est abiudicanda, haec extitit 
necessitudo: qui earn finxit quam priorem posuimus de poetae 
exilio, alteram novit de exilio carminum; uterque vero ea mente 



Digitized by CjOOQ IC 



QÜAESTIONÜM DE ARCHILOCHO CAPITA TRIA 267 

et ammo Actionem suam excogiUfit ut severos mores Lacedaemo- 
niorum liberrimi poetae exemplo et oppositione illustraret. 

III. De oraculis quae ferehantur Calondae Archi- 
lochi interfectori traditis. 
Aelianus apud Suidam 8. v. y AqxlXo%og (fr- 80 H), Plutarchus de 
sera num. vind. XVII p. 560 e ex uno eodemque foute narrationem 
deCalonda Archilochi interfectore 1 ) hausisse videntur. Aelianus haec 
habet: oxi xwv anovdalwv oiâè $avôvxwv ol &eol hfj&rjv xi~ 
Sevtai. *Aq%lXo%ov yovv itoir\xr\v yivvaïov xäXXa, eï xiç avxov 
tb aloxçoenèç xal xo xaxÔQQrjfiov àq>éXoi xal oIovbï xtjXïôa 
iftOQQvtpeiev, 6 IIv&ioç fjléei xe&vstôxa xai xavxa h x$ no- 
Ufiip, ev$a ôrjrtov Çvvbç TivvaXioç. xai oxe t)x$v 6 àfcoxxslvaç 
avxov, KaXwvâaç pkv opopa, Kôça§ de ènwvvfiov, xov &eov 
ÔBÔftBvoç vnèç cuv èôeîxo, ov ftçoorjxaxo avxov îj Ilv&ia wç 
hayîj, àXXà % cet ta dtjnov xà &QvXov(Âeva àvelXev. (Hic excidit, 
ut videtur 1 ), versus vulgalissimus: 

Movaàwv ^eçarcovxa xaxéxxaveç' ïÇi&i vaov.) 
o ôh aça ngosßaXXexo tag xov noXépov Tv%aç, xal 'éXeyev <iç 
ifx«v Iç afiq>lßoXov fj ôçàoai rj na&eïv oaa Urtçage, xal rjÇiov 
(iij artex&âveod'ai, 1$ &e$ el xqi kavxov dalpiovi Çjj, xal ènrj- 
q&xo oxi fit] xé&vrjxe /naXXov rj ànixxuve. Ex quibus patet hoc 
fabellae auctorem finxisse: Calondam, audito Pythiae responso, 
station intellexisse Musarum ministrum quern ipse pugnans interfe- 
cisset, fuisse Archilochum, etsi Pythia, iuxta morem suum loquendi 
per aenigmata, hune diserte non nuncupasset. Pergit Aelianus nar- 
rare de altero Pythiae responso : xal xavxa 6 &eoç olxxelçei, xal 
avxov xeXevei èX9eïv èç Taivaçov, ev&a Téxxil; xé&anxai, xal 
HediÇaa&ai xrjv xov TiXeoixXeiov naiôbç tpv%r)v xai nçavvai 
%oalç. oîç ènela&rjy xal xrjç /atjviôoç xrjç èx xov &eov èÇavxrjç 
lyévtxo. Neque aliter a Plutarcho (postquam de priore Pythiae 
responso rettulit his verbis: Ixßlrj&eig de xo nqûxov vnb xrjç 



1) Is Archit8 vocator ab Oenomao apud Eusebium, Praep. ev. V 33, 
Corax a Pseodo - Hcraclide (VIII 2 Müller). Dio Chrysostorous (or. XXXIII) 
Galenos (Protrept 10) Aristides (or. XL VI p. 3S0Diod.) rem attinguot, ho- 
minis nomen silentio praetereunt. 

2) Hanc seotentiam Kuesterus, aliam tuetur Bernhardyus ad Suid. v. 
'^ftfft.: nihil opinor elapsum, sed dicti celebritatem digito fuisse demon- 
ttratam. 



Digitized by CjOOQ IC 



268 PICCOLOMINI 

Ilv&laÇy dç lêçov avdça xmv Movawv àrrjQyxcoç) ea traduntor 
quae pertinent ad Pythiae responsam alteram: elta xçqad/wiroç 
faxaïç itai xai nçoaxQOTtaîç /àbxù âixaioloylaç, ixefevoxhi no- 
çev&eîç kni z^v tov Téxxiyoç oïxqoiv, îkccoao&ai zfjv tov 
*Aq%iX6xov ipvxqv- tovto d* x\v 6 Talraçoç' èxél yaç (paaiv 
èk&ôvxa fiexot axôXov Tirxiya tov Kçrjxa ttoXiv xxlaai xai 
xaxoixijaai naoà %b ipv%ono[Âfieïov. Ofiolwç ôh xai 2rtaçuà- 
taiç xQrio&èv ilaaao&ai %x\v Jlavaavlov tpvxrjv, £f 'IxaXlaç 
IAt%anen<p$év%Bç ol tpvxayayyol xai &voavteç àïteoftaaarto. 
In hac vero narrationis parte quam Aelianus et Plutarchus iisdem 
fere verbis exhibent (si excipias adnotatiunculam de coloaia Tae- 
nari condita ab Âeliano oraissam) hoc magnopere offendit: oraeoli 
responsum, contra morem, ita perspicuum et apertum fuisse, ut 
nihil relinqueretur enodandum acumini illius qui Pjthiam consu- 
luisset ; nam Tetligis sedem esse Taenari nemo profecto ignorabat. 
Suspicor itaque prislinam et genuinam narrationis formam, alienis 
additamentis inlatis, obscuratam et corruptam esse. Ad summam 
iudico responsum alterum 1 ) quod quis Pythiam reddidisse fînxerit, 

constare verbis Àeliani quae sunt avxov xelevei il&eïv 

&&a %ê%xi% xé&a/ixai, Taenari non facta mentioue, ni» quod 
haec Aeliani verba metro soluta sunt. Placari Archilochi mânes 
perspicue iubebat Pythia, placationis locum subobscure praecipiebat 
verbis illis $v&a tsttiÇ té&a7i%ai f quae nimiram propius acce- 
dunt ad pristinam forroam quam ilia Plutarchi hrti %rjp tov Têt- 
tiyoç oïxrjoiv. Dixi locum placationis Pythiam obscure praecepisse; 
quisnam, obsecro, locus, in quo sepulta sit cicada? Scilicet locus 
in quo Archilochus ipse sepultus erat. Hoc enim tenebat Pylhia, 
vel potius qui totam hanc fabulam composuit et exornavit, Calon- 
dam adeo lectione carminum Archilochi fuisse imbutum ut non 
ignoraret elegantissimum venustissimumque illud xéxxiya 9* älr r 
qwg Ttttqov*), quo vir acerrimus imaginem ingenii et morum 



1) In hoc qaoqae Pythiae responso Archilochus «ppeilabatur Movoémv 
àtçanatr, cf. Dionem Chrysostomom, or. XXXIII, vol. II p. 4 Dindorf: xai *• 
ötvrtQQy oiç antkoyiîxo noteptp Xiycay e?/roxrûrai, ndlir Mownar teçi* 
nop ta i<pq toy 'AçxiXoxoy. 

2) Dimetram restitoit Bergfcias (fr. 143) ex Luciano, Psendolog. 1 : to e& 

'AçftXoxov ixtïro yêq cot teym ot« xhxiya i ov nxtqov <rvrei\ij<paç 

y Bxtïvoç joirvy nçoç twoç xm* lotoviuy àxovaaç xaxmç f thuya ttpn w 
âydça tiXij<pévai moçov, tixâÇojy xxL 



Digitized by CjOOQ IC 



QUAESTIONUM DE ARCHILOCHO CAPITA TRIA 269 

suerum delineaverat, elnâÇtov kavtop, ut verbis Luciani utar, %<j> 
ihuyi, qwaei phv Xaltp ovxi scat avev tivbç àvayxrjç, Sftô- 
fttv ôè xoi %ov ntëçov Xt]q>&fî, yeywyéteçov ßowvti. Sed 
aliquis extitit qui magis quam Archilocbi dimetrum, lusum vel 
proverbium memoria teneret quod «at TétTiyoç ïdQavov. 1 ) Is, 
crede mihi, omnia turbavit et corrupit cum somniaret quia Taenari 
esset descensus A verni, ibi Archilochi mânes Calondae placandos 
fuisse. 2 ) Notas turbarum et corruptionis ipse vides, si oculos aperias : 
eae non minus apud Aelianum quam apud Plutarchum deprehen- 
duntur. Servavit Aelianus verba fere genuina commenticii oraculi 
quae sunt %v&a %i%%i£ %ê&<m%€u z ), sed cum etiam mentionem 
Taenari ex fonte suo impuro depromptam accepisset, inconsulto 
afôrmavit Tettigis Cretensis sepulcrum esse Taenari, quasi dicterium 
quod circumferebatur fuisset Tèttiyoç *à<poç (quod, etiamsi con- 
cédas Tettigem in regione Taenari, a se incolis frequentata, con- 
ditum esse potuisse, omni lepore tarnen caruisset) et non Tirtiyoç 
ïiçavov. Ex eodem fonte impuro sua hauriens Plutarchus, quem 
dicterium Tévnyoç eôçavov probe nosse ex sequentibus patet, 
verba ilia %v&a TérriÇ Té&auTai, ut incongrua, cum iUis inl 
tijv %ov Téztiyoç oïxrjoiv mutavit, atque ita magis magisque ve- 
stigia erroris oblitteravit, postremo posuit explicationem de Tettigis 

1) Quod sciam, apud unum Hesychium extat: Tirziyoç ïâçavov* y Tttl- 
vaçoç. ThxiÇ yàç o Kçfjç TatvaQov fxrtotr. Verbis Thriyoç toqavov 
lodicre, nisi fallor, designator Avérai descensus, sive vulgus lusum excudit, 
sive poeta nescio quis, sive tandem vulgo poetae lusus tan top ere placuit nt 
eo tamquam proverbio uteretur. Inde horum alterntram fieri potuisse aper- 
tom est: aut vulgus dicterio quod vel proprio marte effinxerit vel a poeta 
qoodam acceperit, rêvera usum esse, Hesychium autem unum proverbium 
Hierum servasse; aut poetam, comicum puta (apte enim comparari possunt 
illa Aristophanîs, Ran. 186) verbis de quibus disputatur Avérai descensum 
facete signifîcasse , grammaticos vero in lexica sua glossam récépissé, quae 
deinde, nisi vulgo, inter doctos tarnen in proverbium abierit. Quoquo modo 
res se babuit, apparet id commode evenire potuisse ut Tettigis colonia cum 
sepulcro cicadae confunderetur. 

2) Si in Pythiae carmine locus indicabatur in quo Tettiw ille sepultus 
erat, nempe maris litus, hoc etiam erroris causis adnumerandum , quoniam 
et Archilochi sepulcrum (Anthol. Pal. VII 71) et Tettigis colonia ad maris 
litora 8ita erant 

3) Cf. Berahardyum ad Suid. v. ifç/ft.: 'TiXiaixXtiov naidoç' inest his 
vestigium oraculi Delphici, nec dubito quio eodem revocandum sit T£rr*£ 
hr&a ti&antai, si quidem Plutarchea adhibemus nçbç irjr xov Thnyoç 
otxtjoiy.* 



Digitized by CjOOQ IC 



270 HCCOLOMIM, QÜAEST. DE ARCHILOCHO GAPITA TRIA 

Cretensts Taeaaria cokmia, me apod auctorem quo utebatar earn 
repperit, nre eau proprio marie adiecit. 

Qood ad historian pertinet, hoc tantum ex (abuloea narratioae 
elki posse ridetnr, ArchUochoB fartasse adrcrsus Naxios pugnao- 
tem (Nazi*» Caloadan fuisse perhibent, iieqae alia causa propter 
qua» Naxus in eensam retient arihi qoidem in promptu est) dien 
sapremom obnsse. Cetera ingeniöse composita sunt et adornata 
adhibitis, ut ridetur, Archilochi locis, 

ei fii <T iyuâ StQCuuov [tiv 'Evvakioio avcatxoç 
xcù Movöianr iça%ow oüqop èntorâfievoç, 
qui locos satis Tulgatus fuit 1 ), et 

thtiya â' eïk]<paç nreçov. 
Inventoria, coi pariter oracula patri data Telesicli de filio nascituro 
et de colonia Tbasi condenda*) libenter tribuerim (patet enim eoden 
studio et artificio*) conâcta fuisse), mentem et consilium si assequi 
cupîas, adeas Dionem Chrysostomum et Ëusebium maximeque Ari- 
stidem; doceberis non mortales tantum, sed ?d deos immortales 
Arcbilochum, bominem licet maledicentissimuin, summis honoribus 
adicere voluisse. 



1) Hoc distichon respiciont Platarchos vit. Phoc. 7, Themistius or. XV 
p. 185; laadat Athenaeus XIV p. 627c: 'Aqx'iXoxoç yovy aya&bç mv noujriç 
nçtÔTO* ixav%qaato ri âvvaa&ai fttté^tty rér noXirixtJy aymymr, <fc»- 
UQOv <T ifÂvqe&tj r«y ntçï tqy nom* util» vnaQZ*****" avnp, Xéyw tipi 
xzê. Legendum videtur noXe^ixtày àyoivwv. 

2) Eusebius Praep. ev. V 32—33. VI 7. 

3) Vide alteram de orbe in insula Thasi condenda: 

ayyaXoy Uaçiotç, TtXtcixXuç, wç <r« xéXtvu) 

yrjatp iv 'HtQig xtiCew ivâûtXov aaiv, 
Nomen 'uiçirj antiqnitns Tbasi insulte tribntum fuisse memorabat ArcfaUochus, 
Eusebio teste, qui Telesiclem ita loquentem inducit fjÇova d* in afaqy 
Jlàçioi, *Aq%iX6zov tov i/Aov viov (pçàaayjoç ou j} yqooç avirj nçir ^Btqia 
ixaXtÏTO. 

Scribebam Pisis Kal. lui. A. PICC0L0H1NI. 



Digitized by VjOOQ IC 



AD CHORICII DECLAMATIONES DUAS 
RECENS EDITAS NOTULAE. 

Choricii Sophistae Gazaei, Iustiniano aequalis, permultae super- 
sunt fiekétai et lôyoi et diaXéÇeiç per varios codices, Parisinum, 
Athoum, Vaticanum, Matrilensem sparsae, quarum pars a Fabricio, 
Villoisoûo, Boissooadio olim édita est, aliae ad nostra usque tem- 
pore neglectae delituerunt. E codice N— CI bombycino Bibliothecae 
publicae Matritensis ceteris longe uberiore, qui praeter âialé&iç 
quam plurimas undeviginti orationes et declamationes continet maxi- 
mam partem nusquam alibi obvias recentique adhuc memoria in- 
édites, — nisi quod titulos, additis pauculis verbis in cuiusque 
initio atque exitu positis, superiore saeculo ad flnem vergente 
in Catalogo suo publici iuris fecerat Iriarte, — proximis annis 
nonnullae edi coeptae sunt, duae — elç 'Açâtiov Jov-m xal 
Ititpavov oQxovra et vnkQ ftipcov quae dicitur — a viro desi- 
deratissimo Charles Graux, immatura atque acerba morte omnibus 
literarum cultoribus erepto, cui nuperrime se comitem adiunxit 
R. Foerster Kiliensis vir doctissimus, prolatis ex eodem codice dua- 
bus aliis, quibus ïlolvâafxaç et uçiafioç titulus est horumque 
de Polyxena Àchilli collocanda petenti controversia argumentum. 
Hamm, sicut plurimarum ceterarum, praeter ea quae ex Iriartii Ca- 
talogo iam innotuerant, legebantur paucae sententiae quas inde 
excerptas Macarius Chrysocephalus saeculo, ut videtur, XIII p. Chr. n. 
in suam 'Podœviàv receperat, receptas ediderat Villoisonus (Anecdd. 
Gr. t. II pp. 47, 48), unde in Boissonadii editionem transierunt, 
donec Foersterus — ut dixi — mense Maio huius an ni utramque 
integram in hoc ipso diario (t. XVII 2 p. 193—238) eruditorum 
oculis subiecit. 

In his declamationibus e Matritensi codice protrahendis editor 
doctam et strenuam operam collocavit. De fabulae vicissitudinibus 
uculenter et subtiliter, quantum satis est, disseruit, locos veterum 
quos Choricius imitando expressit, — ut ceteri Sophistae omnes facere 



Digitized by CjOOQ IC 



272 POLAK 

solebant qui nunquam sui sunt, — subinde «indicant, codicis vitia 
et lacunulas plerumque sagaciter simul et féliciter correxit ac sup- 
plevit. De externa autem libri Matritensis specie deque legendi 
molestia multa Débiliter conquestus erat Iriarte, omnia tarnen, ut 
tum mos erat, verbis exaggerans. Prudentius editor inesse vitia, 
et tralaticia quam plurima et vero etiam singularia nonnulla ac 
sanatu difficiliora admonuit, neque tarnen eiusmodi, ut ad violen- 
tiora remédia confugiendi aut occasio aut nécessitas adsit. ') Quae 
graviores insunt corruptelae, earum equidem paucissimas ex un- 
ciali scriptura male transscripta repetiverim , longe plurimae ex 
mera oscitantia atque errore proQuxerunt, sive is error librarii 
codicis Matritensis est sive iam eius exempli. 2 ) Sicut p. 223,15 
alla neçittbç 6 Qfriojtrjç %fj Tçoùp âeix&rjeetai ovXlafißa- 
vôvtwv axnfj tœv 'OXvprnUav ttp neçl ttjv "Extoqoç œupkt* 
el$a). Absurdum verbum editor optime in eléqt correxit. P. 216,30 
Achilles Xôyov avtbç tvbqi %rjç fiàxflÇ ifißctkXei — ïva Xaßw 
<xq)OQtiv { v diTjyrjCfjTac (Polyxenae), noaovç avtfj xawaßalwv laça- 
vaç ijxoi, belle pro iJçohxç ijxei. Non minus belle p. 219, 5 
eva &àfiioç oqov pro &éf*evoç, et p. 222, 25 ftwg èrtixovffloot 
yéçovTi kxOTctxeï %à dlxaia irçocemciv ; pro exctetax*} (pot -#}), 
et p. 223, 3 xai tcc Xoirtà o/u^ata %tjç axçaaiaç ayco* êiç fit- 
oov, pro Ter louzct bvôfxava. Similiter sa na vit Foersterus p. 226,24 
rcoaovç oiu %tjv vqxxvTixrjv tovjtjv eîâévcu, pro corrupto bic 
%av%r\v recte reponens %é%yriv, quod mendum nil nisi incwria fadä, 
ut et pagina sequenti (227, 1): wç pèv oiv olâev IpLizodùv *An*~ 
Çôoiv fj <pvoiç nQOç 7iôlêjuow pro ovâèv, et paulo post (1. 24) 



1) Aber auch der erhaltene Text ist vielfach fehlerhaft, wenn aoch der 
Abstand zwischen ihm und der Originalfassang kein allzogrosser ist nod 
starke tiefeinschneidende Aenderungen der handschriftlichen Lesart vom UeW 
wären (p. 206). 

2) Gontendit editor Matritensem codicem exaratum esse a librario Graecat 
linguae ignaro. (Die Handschrift ist zwar mit deutlicher Hand, aber von «nein 
des Griechischen unkundigen Mann geschrieben.) Quod si verum est, — et 
quis testi oculato fidem deneget? — longe maxima erroram para, qoos et 
editor sustulit et nos tollere conamur, iam in Matritentis exemplo admisse 
slatuenda erit. Vitia enim plurima eiusmodi sunt, quae nisi e perversa re- 
centioruro Graecorum pronuntiatione oriri non potuerunt. Praeter ea qoae 
supra posui, affero vcvxinv (p. 210, 26), otoopai pro uaofiai (p. 211, 1)» 
ntçiXrjy&èîaav pro -Xtupö. (p. 220, 26), im pro inti (p. 223, 8), /u/a pro 
ofAoia (ib. 10), ^y pro fjfiîr (p. 235, 2) cet. 



Digitized by 



Google 



AD CHORICII DECLAMATIONES NOTULAE 273 

ov yàç $avfiiaÇo) tolç paxopivotç pro &a/*iÇ<o, et p. 231, 16 
(Iasonem Medeae) rviotetç iv KoX%otç naçctoxb^svov lo%vçàç 
tjnïv fyovta otéçÇeiv, cum opörteat rj firjv, et infra (I. 21) cru 
fâèv ovv fiaxQov ànitavaç Xbyov pro ârtétetvaç. Eiusmodi porro 
sunt p. 234, 16 %bv 'AyctpéfAvovoç nb&ov — iayvQ&HQOv $lnu 
xêivw, ut sit kqIvw, et p. 235, 9 aXaßovelac pro ilaÇovslaç, et 
— ut aliquando finem faciam, — p. 236, 1 (Briseis Polyxenae 
calumuiabitur) dtç iôaxçvoev "Extoçoç ïloXvÇàvi) fLtvrjoâeloct, u>ç 
ov ôvvtxtat %$ yàfup, iure illud ab editore refictum in wç ov 
yàvvtat tqi yâpup. 

His itaque mendis plurimisque similibus doctissimus editor 
perite admodum manum emendatricem adhibuit. Nondum tarnen 
omnia vulnera in declamationibus nunc primum e mendoso codice 
editis sanata esse quis aequus iudex mirabitur? At et alii fortasse 
medici non deerunt aegroto, et ipse quae inter legendum mihi 
visa sunt melius constitui posse Choriciique manum sincerius ex- 
hibere paucis hie proponam, simul monito lectore, ubi veterum 
imitatio editoris aciem effugisse videatur. 

Non proeul ab initio gravior subesse videtur perturbatio, quam 
ob rem plura transscribam. P. 209, 23 seqq. ftaXat phv ovv 3 A%tl- 
Jiêvç vrjç in\ Tçotav oçyrjç &x%aXàoat fiot cpaivnat* oi yàç 
a» evçe o%oXaÇovoav tijv int&vfitav Ht %a\Bizalv(ûV — — 
vvv ai xatà vovv, éç êlxoç, fyet tijv xoqyjy tovç te yapovç 
iu*&* avtbv rjât] teXaiv xa< oxonàiv, cfrrcug av âXvftwç avtf 
IxélXot ovÇijv o yàç èç<3v fiij ßovX6fievog avtbv ctvtav, oîa 
xatoç&tuoaç notijoet, XoylÇetat, ovâi Ttaç&évov iguiv ov axorteï, 
ott, yaprjXia fiév tiç êwQa âtdovç ovftœ ärjlov nota tqi ncttçl 
trjç xôçrjç, $1 yvvalxa Xaßwv àyanrjoec, 6 de è£ Sçcatoç nçootùv 
rjxev fyiov hteïvo, ât' o navta (piXovot ftvv&aveo&at xal Çrj- 
teïv, olç dot &vyatéçeç açctv fyovaat yàpov. Esse in codice 
otttûç av — fiiXXtj ovÇfjv, unde non cum editore piXXot effleien- 
dum, sed addendum tantum lata subscriptum semper fere omitti 
solilum, pusillum est. Illud gravius, quod ad sequentia, quae ita 
codex unicus repraesentat: ovâk ftaç&ivov (suprascripto ov) Içcw 
ov oxonâhf, correxit quidem ononêt, — quod et ipse unice aptum 
esse existimo, — sed addit continuo: 'haec sententia num sana sit 
dubtto'. Equidem adscito oxorteî, quod editor coniecit, correcto 
simul ovêi naç&ivov altûv ov oxoneï, — nam quid intersit 
inter b Iç&v et naç&ivov içaiv non perspicio, et non de aroatore 

HemM XVIII. 18 



Digitized by 



Google 



274 POLAK 

tantum loquitur, sed de eo qui dilectam virginem in matrimonium 
petit, — his igitur correctis non video, quid sententiae iam ad io- 
tegritatem desit. Polydamas enim aperte hoc dicit. Quod Achilles 
Polyxenam deperit, ostendit hoc eum de ira in Troianos iamdudum 
multum remisisse. At. vero hoc idem non déclarât fidelem earn 
amatorem futurum. Quod in matrimonium petit, quod dona nuptialia 
offert, ne id quidem eius rei satis certum signum habeatur. Sed 
hoc certe erit, quod gentilium suorum oblitus — %ovç "EXXrjvaç 
rtQoiod-ai postea dicitur p. 215, 27 — opem suam et auxilium 
matrimonii futuri pretium Troianis offert. Quae sententia si inest, 
— neque alia inesse potest, — necessario insana putanda sunt, 
non ea quae editor insimulabat, sed quae haec excipiunt. Quo 
enim referendum erit et 3 o? quomodo intellegendum navra (pi- 
Xovoi Ttvv&dveoxïail At eiecto df cetera sic disponenda viden- 
tur: o ah l£ Ïqiûtoç nçoaiwv ijxev %%(av ixiivo, nâvtSC 
qtiXovai nvv&avea&ai xal ÇrjTeïv, oîç eloi d^uyatiçeç wgav 
%%ûvoai yâfiov. Achilles illud ad matrimonium affert, quod omnes 
audire cupiunt et postulare soient, quibus virgines nuhiles domi sunt. 

P. 211, 16. "Oca fir] ßeXtiov rteçl tovtwv oviia <Jo§er&*v. 
Supplendum: fiv t ßiXtiov ($). 

Ib. 21. De Amazonibus dicitur alla rrjç pèv gwaewç àpei- 
vovç eial, yvvaïxeç ôh o/ucoç [elolv]. Secundum elalv dubito 
num ab auctore sit profectum. 

Ib. 26. De disciplina bellica sic disputât ovarjç yàç ovtû> 
ôvaxoXov trjç ifrianjfÂtjç noXv %aXmu>t&QOv nacaXaßovra xaiçq 
noXéfiOv (pvXàÇai. Suppleverim: (Ïti) rtoXv x^XenfAreçov ftaça- 
Xaßovrct (Iv) xcuçq) TtoXéfiOv g>vXâj;ai. 

P. 212, 1. Avtov rolvvv %ov°Ex%OQOg nçoxaXovfiévov jtoti 
%bv açiatov %(av *A%ai(ôv eig xelçaç levai. In codice (M) est 
rtçoxaXepévov , ita tarnen 'ut fol. 129 b in nçoxaXe desinat, fol. 
113 a pêvov incipiat'. Auctor igitur nçoxaXe(aa)fiévov videtur 
dédisse. 

Ib. 21. Sciunt Aethiopes et Indi, quorum auxilium exspecta- 
mus, wç i]v °Extù}ç fifiïv bv pâXa avyxexçotrjjuéyoç ta %ov fto- 
Xéfxov xal dvvapiv rjoxrj/uévoç àÇlav &avfiâoai f duvoç pb 
à&v[ÂOvv%a otqatbv àya&ûv kXniiwv ftXrjçtiïaai, ev de itctça- 
o%bv xal taïç oXxâaiv avtaïç çpXoya itQoaàyuv, àXXà ff 
JIt]Xéù)ç ov fiéyaç naqaßaXXuv [iatlv], Mortuus erat Hector, 
ut vel ideo lotlv eliminandum sit et ceteroquin supervacaneom. 



Digitized by CjOOQ IC 



AD CHORICII DECLAMATIONES NOTÜLAE 275 

Verba eu fjtàXa avyxexçotrjfiivoç ta tov noXépov ex Demosthene 
(Olynth, II § 17) sumpta esse opportune monuit Foersterus; dextre 
idem quod in codice legitur ev âè Tcaçaoyjujv in naçaaxov mu- 
ttvit, Tbucydidis (I c. 120) in tempore memor. 

P. 213, 19. Zrjlotvniag yovv yivOfAévtjç elxôztoç avrqi 
nçoaediâov to nà&oç xal fiaklov inel&eto tijv xoqïjv elvai 
tcikrp ix tov fit] piôvoç içâv. Sermo est de Achille Agame- 
mnooem et ipsum Briseidis amore captum esse suspicante. Ad notât 
editor: 'haec verba, nisi nçooâiâôvai, ut iniâiâôvai, intransitive 
usurpatum esse statuis, labem contraxisse diceodum est, quae baud 
scio an tollatur scribendo ÇrjXotvnlaç yovv yivôpevoç avttp 
nçooeâiâov tÇ nà&et collato p. 74, 1 Boiss. 6 tvçavvoç xal 
alltoç pèv ovv àoeXyijç*), iv fteyâXf} âè yevôpevoç IÇovota 
nçooedidov %ji voaqt.' Quod tb na&oç correxit in tqi nà&ei 
optime fecit, at non item adsentior ei yivo/dévr t ç in yivô/ievoç 
mulanti. Nam sive nominativum voluisse statuimus, non novi Çrç- 
lotvnlaç ut sit ÇqXôtvnoç, sive genetivum, non sane a participio 
yivopevoç poterit pendere. Quidni scribamus Çrjlotvniaç yovv 
yivofiévrjç elxôtwç avtÇ fcçooeâiâov tq na&eil In quibus, 
si quis boc vult, avt$ poterit esse a/to xoivov, ut grammaticis 
dicere mos est 

P. 214, 2. Ilàv àh Xijq>&kv ix noXépov tifÂimtatov otqcc- 
têmj] xav tçlnouç y xav aanlç, rjôiotov xtrj/ua, tirrjiMi yàç 
ylvetat vixrjç xal trjv aizrjv âvvazai fàaçzvQiav trjç açetijç 
luxQa te xal jneyalt] ftoïça Xaq>vç<av, Ut asyndeton in prima 
sententiae parte tollatur, cuius nullam nunc video rationem, scri- 

pserim: tifiaitatov otçajiwtrj, (xal) xav tçlnovç f] xav 

ionlç ijâiotov xtrj/ua. In ultimis, (tota enim sententia ex Ma- 
cario nota erat), Villoisonus post trjv avzijv âvvatai /Aaçtvqiav 
déesse putabat 'aveyeiçetv aut quid simile'. Nihil déesse docebit 
Tbucydidis locus (I 141), quem sophista expressit: trjv yàç avt^v 

1) Omnino corrigendum o xvqawoç xai âXXtaç pkv y v daiXytjç. Verba 
tont ex Tvçawoxtoyov, quae déclama tio tola legitur ap. V illois. (Il p. 52—65). 
Quapropter totom loci tenorem proponere possum, unde quod dixi satis sta- 
billetur. Loquitur tyrannicida on yàq ravifjy ?£<i tqv zixÇiv (q rvcavvoxio- 
Wa) TiQoç ràç SXXaç (vtQytaïaç, dxovaan nçbç &nàv t ta naçovieç, otaç 

tnqXXaÇa âovXtiaç rrjy noXiy. 'O xvqavv^ç xai âXXtoç pèy ovy (!) 

«aiAy^Vï iy ptyàlv & yhvô^ivoç iÇovoiç nçoatdidov rff yootp. qoar ovy 
bâùtç uxoXaolac vntiçirai, nçoÇêvovvtiç aura) tàç évxoojjiia âiacpêçovoac 
x\*> xclUfc. Incipit narrare: quis hic locus parliculae ovvl 

18» 



Digitized by CjOOQ IC 



276 POLAR 

êvvatai âovXwoiv ij %e fxeylotrj xai iXaxiott] âixalwoiç ànb 
%(jiv o/Âolwv nqo âixrjç voïç rtiXaç èfzitctaoofiévt], quern locum 
amicus quidam meus mihi commode indicavit 

Ib. 9. Kai ei pàv oi% vnrJQxev avtbç (Agamemnon) eçmi 
dovXw&ëiç rfjg Xçvarjlâoç , rjvrov av *A%iXXéa TtaçciÇvvev «*- 
&QW7ZOÇ wv ayvowv, rjllxov iatlv içaarrj rtaiâixa' éfiolip ai 
7tà$ei neçmeoùv xal ftëtça fia&tav, <oç vtp no&ovvti nana 
ôsvtsça tîjç iQtofÀivrjç, ârjXov èrvolrjae tavtrj Oïtovâaoaç Xvni}' 
aat tbv av&Qwnov, $ /tâXiota ôâxvêiv tprjxhj. Hoc vult: Aga- 
memnon ipse cum non esset expers amoris, eo acerbius fecit, quod 
A chilli suam eripere puellam cupiit. Sed quaeritur, quid hic sit 
rtaçfoÇwêv av&QWTtoç wv àyvooiv. Donec quis explicaverit, in- 
terdum malim supplere r\vcov av *A%ûXia TtaçcSÇvvev (àiz)iv- 
&Qù)7toç äv, àyvoviv fjXlxov iatlv icaarfj itaidixà. Verbum 
apud omnes Graecos usitatum alibi quoque a Choricio adhibitum 
reperimus, ut in Tvçavvoxtôvq* (ap. Villois. Anecdd. Graec. II p. 61) 
xal prj %i &avfÂaoj]ç el rveçl tovç àXXrjXovç èxeïvoç (tyrannos 
iste) ànav&Qùmoç œv vjteceqtiXei %bv ïtalda, sic belle pro neçi 
tovç aXXovç; quod turpissimum vitium a Boissonadio subla- 
tum est. 

P. 215, 19. Idçâ yé ooc TtaQanXrjolioç ôoxeï %r}v alxfié- 
Xwtov xal tijv ar^v àyarcrjoai; Immo àyamj oeiv; 

Ib. 20. 77 drjnote Tçolav ôçwv xXLvaaav fjôf] tzqoç SîUj- 
aiv xal nàaaç olxopévaç avtfj tàç iXnldaç[, %bv "Extoça^ xal 

rtâwaç açdrjv àrtUQrjxôtaç, fAij ftgbç §Qa%v xaçreçrjaaç 

aßeaai %bv izà&ov fjyrjoaTO; Damnandum esse %bv CP ExjOQ<t 

loci compositio tantum non clamât. Et alibi quoque rhetor in- 
nuisse notissimum nomen satis habet. Uno loco defungar, in ipsa 
d'BWQlq declamationi praemissa (p. 209, 1) : Polydamas oamXeqwte- 
Qav ànodUÇu %r\v TqoIov %ov ataÇpiv elw&ÔTOç àrflQTjpévov. 

P. 216, 11. jîoyiÇofâivy, fitj avtbç a<pvXaxroç m 

xal fiôvoç êv Tgola âetvov vizoetah]. Usus linguae graecae 
requirit deivôv (ti) vrt ocrait}. 

Ib. 16. r O yàç èçâiv vrtoipiaç èatl xai (paßov fteoroç xai 
to TiQoatvxov ifÀftoêatv elvat nçôç %i\v %Q*lav vttovobï, aXXwç 
ve tfjg i7ti%foptaç ivaxpiaÇovorjç avr(p. Redarguit eos, qui dolum 
quendam Achillis ac fallaciam subesse suspicabantur. Sed potestne 
XQsla valere desiderium, èrti&vfdial Cum dubitem, fartasse corri- 
gendum erit xai to 7tçooTV%bv ifinodùv âvai rtçbç tijv %àqiy 



Digitized by CjOOQ IC 



AD CHORICII DECLAMATIONES NOTULAE 277 

vnovoeî. Verba vrtotplaç xa* q>6ßov /leotoç Platoni sublecta 

videntur, in cuius notissimo loco est èneiââv tig iyyvç y 

tov oïeo&ai teXevtrjosiv vnoipiaç â* ovv xcri deipatoç 

peotoç ylyvetai xai âvaXoylÇerai rjôrj xai axorteï, ci twâ ti 
rjdlxrjxev (De Rep. I p. 330 D). Locum Piatonis ideo quoque in- 
dicavi, quod eius verba quaedam Choricius et alibi imitatur *) et hic t 
sensum suis plerumque verbis expressit iu Oratione funebri Mariae 
in huuc modum inel ai nçoç axçov pièv aQettjç, tzqoç axçov 

âk tvxrjç avißrj — alçav rjye &avatov. Sate vooov- 

aav ixshfjv ovàh elorjei âeivov, ovâk XoyiOfibç $otçeq>ev avtfi 
fjjy ipvxfjv [*vj tivà nov Xefo!7ir)X6v, ovâè vnvov, aoneç oi 
naïôeç, inrjêavvttopivr] %$ ovveiâôti, aXXà yXvxeïa naçrjv 
ànb %dv ïçyiov iXnlç xai rjyefuov iya&ij rtQoç tqv (oQiOfiévrjv 
naoïv anoêfjfilav (Boissonad. p. 38. Vill. Aoecdd. Gr. II p. 21). 
Pro monstro èmjâavvttonévt] perperam Villoisonus : 'lege iyeiQo- 
liivj), xal ôtavvttofiàvfl', quod pessime ex Platonis loco elicuit. 
At Boissonadius, solito sagacior, felicissime restituit, ut nuper jqo- 
nitus sum ovo' l(£) vftvwv, uiurteç ol rtcudeç, èftrjôcc vvt- 
tofiivrj %$ ovveiôôti. Sed ad Polydamantem revertamur. 

P. 216, 21. Nvv fièv yàç aitbv Ix tmv ftefißoXwv eido- 
xifÂOvrsa Seâoetai (Polyxena), tb navtmv ijâiotov içaotfj. Immo 
S navTCûv ijâiotov. 

P. 217, 13. Kai to fihv bfiovolaç te xaï q>iXLaç hovcfjç 
evaytoyov eîvai toïç olq%ovoiv ovtvw ftéya texpiJQiov evftei&elaç. 
Non inerat Achilli concordia et amicitia, sed haec ei olim erat cum 
Agamemnone. Itaque scripserat Choricius bpovolaç te xai qtiXiaç 
tti ovqrjç. 

Ib. 34. Tlg ovtw ÏQiatoç xçelttiov, wç fit] na&elv 

tip ipvxqv; Oportet wç firj rta&eïv (ti) tijv tyvxrjv. Choricium 
quoque recte et ordine dicere sic solere, arguunt innumeri loci. 
Duos ex eadem pagina nostrae declamationis petitos excitabo. 
P. 213, 5 hzadé ti mçôç tiva twv aixpaXwtwv, el. 16 fta&eïv 
n fiçbç tijv — avvâiayovoav. De omni affectu dici nâoyfliv tt 
Dotum est; eadem qua nunc significatione adhibitum eodem vitio 
inquinatum est in oratione elç ^Aqàtiov Jovxa p. 77 Gr. êna&eç 

1) In declam. sic 'Açàttor nine snmsit: xotovxoi aot ptâ' fj/uiçay ferçe- 
tpw rijy tfwxny loyiapoi (IV 4 p. 69 Gr.), a Gobeto indicatum, et in Tvçav- 
puxtépy (p. 62 Vill.): hi de tëv àâixtjfAdio)y to nXqïoç fffrfcpo' aètov 



Digitized by CjOOQ IC 



278 POLAK 

tijv tpvxrjv, quod reslituit Cobetus (Mnem. N. S. vol. V 1877 p. 161), 
adscripto Plutarchi loco in Sympos. IX 1 na&elv %t tbv MopiAiiv 
tpaai xaï ôaxçvoai, quibus simillima dedit Choricius ipse, Or. 
funebr. in Mariano (Vill. II p. 25) tov yaq nQeoßvtecov tiov n*l- 
ôwv fta&ôvtoç %i xai ôaxçvoavtoç 'fovxov, d téxvov 9 q>f]oiv 
'wv iyXixbfirjv*. 

P. 218, 4. % Aq* ovv ovtw rtixQctv a&vftlav ijveyxev av, ei 
fATj ftalai neneixwg avtbv rjv navta toïç açxovoc rtei^eo&ai ; 
In tota hac parte agitor de Briseide Achilli ab Agamemnone per 
vim erepta, quam iniuriam, si Polydamantem audimus, Achilles leni 
et submisso animo tulit At iniuria tarnen fuerat, itaque auctor 
sine dubio dedit aç* ovv ovtœ rcixqav aT\fxiav ijveyxev av, 
quemadmodum paulo ante dicitur (p. 217, 20) xai tooavtr^v 
rjvéaxBio naqoivlav Inl te MvQfiiôôvwv xai IlatQOxXov xai 
BQiaifiôoç. 

Ib. 6. 'EÇetaoœfiev %olvvv nac* aXXrjXa ta aoi te xai *<p 
Mvxrjvalq} nqbg ixeïvov vnàqxovta ôlxaia. Adumbrate sunt 
haec e Demoslhene (de coron. § 265): èÇétaoov toivvv nag' 
äXXqXa ta aoi xapol ßeßuofiiva, Ala^lvr^ 

Ib. 10. Ovxovv 6 pièv (Agamemnon) ov trjç avtfjç ày%i- 
otelaç èxeivq*, ov ôè (Priamus) ttjç avtqi ovvoixeïv peXXovoyc 
natriQ; 6 (aIv iqt&ôvrjoe trjç aîx[*<*Xu>zov, av ôè to dvyâtQiov 
ixôlôwç. Primum corrigendum ovxovv, tum duae sententiae sic 
conectendae: (xai) 6 fièv iq>&ôvrjoe trjç alxfictXaitov, ov ôè to 
dvyâtQiov hâiôcoç; nam et haec ab ovxovv pendent. Iterum 
ovxovv maie editum est p. 220, 26 ovxovv atonov } el toi Mv- 
xrjvalov ôioçeàç en IXàttooi xaxoïç avtqi ôeôwxôtoç fjftelç 
aveu âcmavrjç kni fielÇoai ovfxcpoçaïç ov OTzeiOÔfie&a; Immo 
ovxovv azonov; 

Ib. 25. Tlaçà de tide* oot tavta xaxeïvo g>7] fit. In codice 
est traça f ôè, ut scribaipse iam aliquid hic vitii in suo exemplari 
adesse animadverterit et significaverit, in eo tantum falsus, quod 
vitii sedem in voce naçà quaesivisse videtur, quae est sanissima. 
Editor ( tâôe* oot tavta] navta tavta ooil cfr. 220, 10/ Optime 
sententiam restituit, sed possis lenius sic: naçà (nâv)ta ôè aoi 
tavta xaxeïvo qïfjfii, — ut solum ôè post naçà, ob evanidam 
fortasse exempli scripturam, male lectum sit pro nav, — et sic 
legitimus transitas factus est ad novum argumentum. Quae Foer- 
sterus conferri iussit p. 220, 10 (nçoç anaot, ôè tovtoiç ixeïvo 



Digitized by CjOOQ IC 



AD CHORICU DECLAMATIONES NOTILAE 279 

Xiyw), haben! ea formulam simillimam quidem, al non prorsus 
eandem. Eadem vero quae reponenda diximus leguntur apud De- 
mosthenem in Leptinea §160 naçà navra âè tavta ixeïvo ht 
ixovoaré fAOv, eademque praepositione usus Choricius alibi dixit 
(Tvoavvoxrovoç, Vill. II p. 62) naoà navra âè %à Xex$évra, 
ov nooofjoav — % oïç SXXotç ronavtac nooqpàoetç. 

Ib. 33. 2v fièv yào (Priamus) vnèq rijç natçiâoç nobç 
yâfiov oxvêïç ixâovvai tqv nalâa, 'AyapepLvtov âè tt}v avtov 
jiqoç oq>ayrjv iÇiâojxev èv AvXlâi> ov xivâvvov trjv olxiav lÀev- 

Üsoüv, vnèo âè piaç yvvaixoç vßoio&eiorjc ayavaxtuiv. 

Immo vero ov xivâvvov ttjv olxslav iXev9$Qoïv 9 id est rrjv 
natoiâa, quod et quae slatim sequuntur (ov yàç qvoixXovv no- 
Xifuoi talc Mvxrjvaiç) Ghoricii manum esse liquido demoostrant, 
et oppositions ratio unice flagitat. Non enim ideo Polydamas 
tantopere instat ut Priamus Polyxenam Achilli petenti in matrimo- 
ûium det, ne huius domus intereat, — nihil erat cur haec eum 
res tarn vehementer moveret, — sed ut Troiam, communem pa- 
triam, sie ab interitu servet. 

P. 220, 4. Achilles noooxaXioaç %bv pavtiv inv&tro, %L 
èrj fia&wv èv voïç âeivoîç oiamç, pervulgato errore incertum 
scriptoris an scribae pro %L âr\ na&ùv. Similiter p. 225, 9 il 
ovv ovroç (Chryses) fta&ojv àXlyov xpiXwoaç xQ^àvuiv %bv oîxov 
f t u Xiioa qpéoojv %oïç'A%aiolç; et p. 226, 7 d yào èx <pvae<aç 
dfiBv %s%vltai %ov nolepüv, ri (Aa&ovteç éi&vç ix naiâwv 
tovç vleïç a^tovfiev %mv neol to owfia yv/ivaolojv inifie- 

hlo&ai; Utrobique verum est % i na&wv; et %i na- 

oovveç; 

Ib. 11. Koivrjg uiipeXeiaç, co fiaoïXav, nooxeifiévrjç ov navv 
êél nokvnoayfÂOveïv %à toiavta, at %ovtï tb yvvaiov, àXXà firj 
tovti paXXov no&eï, el rooovtov ixQ*jv$ àXXà pi} roaovrov 
\>vi*ovo&ai. Demosthenem haec referunt dicentem navv yàç naoà 
tovto, ov% oçijcç; yéyove %à %Hv 'EXXtjVùjv, el vovti %b érjpa, 
iXXà /ut) roviï âuléx$riv iyw, rj âevçl Tr É v x&Q a > <*^à M 
ievol naorjveyxov (de Coron. § 232). 

Ib. 13. Ovx boys %bv fjyêfiova ztàv 'Axaiwv, ûjç §ioao&ai 
fiovXrj&eiç xexaxojfiivrjv %r\v otoaxiàv ovâè noooenouïto yi- 
tojoxsiv, eïté tiç 'AxiXXeï note * Botoylâoç rjoeoev, ehe kv 
2<VQ(p %iç iâo&v elvai xaXrj , àXXà âovvat nçoç yâfiov aitq) 
to dvyàiQiov ïtOLfAOç qv; Manifesto mendosa sunt ilia she reç 



Digitized by CjOOQ IC 



280 POLAR 

'A%iXk€l note Bçiarjidoç ijçeoev. Editor 'ftçè Bç$orjiôoç an 
Bçiarjlêoç palXovV At nalla nunc eiusmodi requiritar compa- 
ratio. Non hoc dicit Polydamas, Agamemnonem non curasse, nom 
quam mulierem Achilles tnagù quam Briseidem deperierit, sed neque 
Briseidis amorem neque Deidamiae, — alias dilexisse nullibi com- 
memoratur et hae a Choricio fere copulantur (cfr. p. 216, 14), — 
huic impedimento fuisse, quominus suam filiam ei in matrimenium 
poUiceretur. Itaque mendum loco inest, non lacuna, ac legendum 
ovâi rtQocênouïto yivwaxeiv, eïvé <uç *A%iXk*\ note Bçiarjidoç 
içioç rjv. 

Ib. 21. Kaitot %i ptéya a wißt] %o*e toîç 'Ëllrjot, et o 
iàç *A%ùXito$ xatallayàç 'Aya(iéfAVû*v lavélto; fila vavç avrolç 

bêaçrjo&tj- Tçoicc ai tàç inixeifuévaç vtjaavç xai %àç 

h rjntiçq) Ttoleiç xai awfAcmav nokvv ctneßaXev açêdpov xai 

%hv "Extoça. Antecedens %ô%e suadet ut inseratur xai am- 

fêérrwv nokvv (vvv) anißalev àçi&ftov, ut artificiosae oppoo- 
tionis ratio constet 

P. 221, 1. c O yàç âvvâ/Liêvoç (ièv xçfiaao&ai ßiq geiç*?, 
aÇiœv ai nceoßelq %v%eïv oi <pégu trjv vßciv &fi&%vy%a*<ov. 
Et hic oppositio requirit 6 yàç dwàfAevoç fikv x*rjoaa<9ai /Ma 
xetQÜv. Capta Troia — inquit — Achilles Polyxena per Tim potki 
potuit, praetulit legatione missa uxorem expetere: quomodo repul- 
sam acceptai« laturum eum censeatis? 

P. 222, 1. Alloquitur in epilogo Priamum. 'Ëaoov — inquit 
— yr)QOTço<prjoat oe tovç Xomovç xai âôÇav "Exvoqi yevéofrat 
XQtjO%ïi¥ * av pi* yotQ ini %rjç ïarjç fiel* tope* iÇovalmç, âoÇoptr 
oliyov iÇrjfAiwo&ai neaôvzoç ixeivov. Quamdîu — inquit — 
in tua dicione manebimus. Itaque emendandum av — ènl *rjç arjç 
fusivwfisv iÇovolaç. 

P. 223, 9. In nço&eœçlçc Priami responsioni praemissa haec 
dicuntur voîç av&Qtbnoiß %ùv fièv ana§ nçax&évtiav ßcaxeta 
q>QOrfiç. In codice pro (pçovriç est q>QOvtiâoç. An forte auctor 
dédit ßqaxBlai <pçovr ideçl 

Ib. 20. JBixvvfÂBv yâç, dç noXefUoiç xtvôweveiv ov air*- 
tj&eç. Peryelim scire, quid sit non esse usùatum noXefilotç xiv- 
ôvvevetv, sed multum vereor ut, qui quidem sana mente sit prae- 
ditus, id me unquam docere potuerit. Interdum reponamus tiç 
noXe^loiç xr] â eve iv ov avvrj-freg. Hoc enim est quod Priamus 
initio ora tionis deflet: ïva ftrj fiovov cnvxrjC, àlXà xai Xiav &voi\- 



Digitized by CjOOQ IC 



AD CHOMCII DECLAMATIONES NOTÜLAE 281 

toç àôÇoi, vwv rtXeiovtov t« naièwv èoreçrjfiivoç xal IIolv- 
Çityv ixâiâovç ftoXêfilq*. 

P. 224, 5. € iiç êvxoXarteçov olpai navri naçafxv&êïo^ai 
%fo itXrjolov rj ntaloctwa xaçteçêiv. Expressa ex decantata sen- 
tentia Euripide« fâov naçawtlv rj na&ôvta xaçteçeïv (Almt. 
vs. 1078). 

lb. 9. El (tir ovv àontioç eftixfo/Atjoac rj déçatoç, $ 
ftohfiwv °Ex%taç Ixçrjoato, tovto Xaßelv jjtrjoev *AxiXXevç, r)v 
piv (o*>) ov niççio Xvmjç neçl xrtjfia rtatôbç ôçav %%bqov 
fyovta, %a%a d* av ttç vnépiêivw. Nihil est rteçl xtvjpa. Sub- 
sUntivum sine dubio pendet ab heçov fyovta, at fy«i* tvbçI 
nfiiAa aeque hic absurdum est ac oçap neçl xtrjfAa. Editor 
( mqi] tel 9 Aptus foret articuius ad sententiam, sed ex %b nasci 
non potuit neçl. Supplendum censeo ijv pèv <«*) ov noççta 
Xitttjç fteçi(vtbv) HirjfÂa naiâbç ôçav freçov igorra, quod 
wum esse ea quae sequi tur oppositio evincit: iftel de %b nàv- 
f«y olx*iotatov a Extoçi, %r)v aôeXq>rjv 9 %%eiv içéyesai, 
%iç ovrtoç f£w q>tXoowoçylaç iatlv, éç r]yeïo$ai xovtpov ehai 
%b fcc&ypa; 

Ib. 17. Eï tiç vfiwv foçaUtv %%ei yâfiov naç&évov. Xeno- 
phoo Cyrop. IV ti § 9 $e%i êé fioi — xal &vyatr]ç naç&ivoç 
ayanrjtr) yapov ijârj éçaia. 

P. 225, 4. 2v âb tov xevcbeavra fjfÂÏv tr)v olxlav 

ijnus Sywv JlolvÇévrjç (Âvrjotrjça. Immo IloXv^ivf]. 

P. 226, 3. 'Evtav&a Xéyei fièv ti IIoXvdàfÂaç, — ov firjv 
OMVTttç oïetai. Insereodum ov (*i)v Soovniç (y') oïetai. 

Ib. 10. *2ïr#a yàç r) qtvoiç xvçia, novwv ov ôêt* oîov ov 
idtat nôtov d'êoç onwç a&avatog dir), niqwxe yaç, ovii 
nuqStal %tç av&QMTZwv êlvai &8Ôç, ov nitpvxe yaç (recte hic 
editor distinctiooem ponendam proposuit). Habent haec imitationis 
Xeaophonteae expressa vestigia, cuius verba sunt in Cyrop. V i § 10 
i(fç, ïqnj f *b nvç tag navtaç opolwc xàei; néqtvxe yàç voiov- 
m, et post pataca êl 64 y\ ïqw?, véfAoç led-elrj fit) io&iovtaç 

ftij ftBivijv xai fir) nfaovtaç fir) di^v y ovôeiç a* po/àoç 

iwyihlri iiart^â^ao&ai %avta ntl&so&ai ctv&çci/iûvç' n$q*v- 
**oi yàç vnb vovttov xçarêïo&ai. 

Ib, 25. Vires iaterdun necessitate coactos et muHebria opera 
tractare exemplis ostendit. ftôoovç oïei %r)v vqxxyiixrjv *é%vi}v 
tid&oi, nôoovç èîvat ftotniXtàç io&rjfdctTiov ; Xéyszai tov 



Digitized by CjOOQ IC 



282 POLAR 

'AxtXlia o%r\ixa%i TtBQiotukai xôçrjç y firjttjQ xal /vaçaoxeva- 
oai ta naQfrévcjv nouïv. ConecjLenda haec arbitrer inserto xal: 
léyetai (xal) tov *A%tXkèâ et quae sequuntur. Itaqoe aaxeç 
fjfÂaç y 7ieîça ta yvvaixeîa diôaaxei, %l xwkvec xai yvvaîxaç 
fielerrjaal %i twv ^etiçwv; 

P. 227, 1. *£îç fièv ovv ovâèv ifmoâwv ^ApaCpoiv q (pvaiç 
nçàç nôXefiOv, txavwç dQÎja&ai vofxilC/ta * nâvtwç de xal tiqôÇiv 
avtaiv axovoai ^tjteîte TtoXêfuxtjv, eï nov xi Xafinçhv xal tijç 
tàlfArjç aÇiov 'éâçaaav. Aut ego fallor, aut scriba, fartasse se- 
quens nçaÇiv iam evavXov exfov, oscitans nâvtwç exarayit pro 
Ïoojç. 

Ib. 6. 3 Ey<h (de) xal to naqaào^ov ait à taçàttetv (av) 
oîfAai tovç *A%aiovç, pr} yàç fjyeïa&at &a^çijaai yvvaîxaç, et 
l*rj ti avvfâeaav avtaîç* tïqoç tfjv vlxyv. Semel in bis av ab 
editore insertum eiecerim, semel ab eodem neglectum revocarerim, 
et cum hic tvqoç stellula appicta corruptum sibi videri significa- 
verit mutandumque coniecerit in noçiaov (eï firj xi avvfjdeoav 
avtaîç noçlaov trjv vtxr\v\ ipse bac quoque in re ab eins iudicio 
dissentiens, excidisse participium statuere malim cum praepositione 
Ttçbç struendum. Totus igitur locus sic mihi constituendus videtur: 
iyw (âè) xal to naçâàoÇov avto taçàHeiv oîftai iovç 'A%au>vç, 
ftrj yàç (av) fjyeïo&ai dccccrjoai yvvaîxaç, ei pr} %i ovvrjieaav 
avtaïç (avfKpéçov) nçoç trjv vixtjv. Ultima dicta sont, quem- 
admodum Xeuophon (Memor. II u § 5) oaa av oïrjtai ovvolasiv 
avtoîç fiQog tov ßlov dixit. 

Ib. 9. Sequitur àùfABv toivvv xal naçà <pvatv avtàç xal 
fÀ\n(û ti lafAnçov ilçyaafiévaç toXftijoai, ov yeXoïov av* yv- 
vaîxaç (abv eiâivai &oqquv, ai âè tov avâça (poßelodai; 
Foersterus pro âaipev requirebat, quod multo saepius in noslris 
declamationibus occurrit, dw/nev. Sed nunc quidem nihil muten- 
dum esse putaverim. Contenderat Priamus Amazon um auxilium 
rem Troianis esse non minimi pretii, cum et ab natura muliebri 
res bellicae non abhorreant et ipsaê iam plurima virtutis docu- 
menta ediderint. Sed demus tibi (öüfiev) — ihquit — utrumque 
non ita esse, quid, cum imbelles feminae non timeant, quid tu 
timebis qui vir sis? Respicit quae Polydamas fuse obiecerat, de 
muliebri imbecillitate p. 211 sqq. et de Amazonibus a Bellerophonte 
superatis p. 212, 28 sqq. 

Ib. 21. El de MevèXaoç yvvaîxaç nqoaeîne tovç 'Axaiàvç, 



Digitized by CjOOQ IC 



AD CHORICU DECLAMATIONES NOTULAE 283 

rj Jioprjorjc tijv 'Atpçoiitrjv ixiXevoev àîtiovoav yvvûîxaç 

^ij^Sy, axrjxoa ftèv tovtiav ovdiv, ov yàç &afilÇu) toïç (Aa%o- 

fAivoiç dia te ta yfjcac xal fÀrj nalôaç onaçattoiié- 

vovç oçâv, oî/uac ôh izqoç trjv nXelova juoïçav %wv yvvaixwv 
à<poçwvtaç tavta bItxbIv, ov tr\v qwotv aètrjv diaßaXXovtac* 
Stipes qui Matritensem codicem exaravit pro xta/uiÇto, ut initio 
monuimus, &avfAàÇw scripsit, pro ôta te (to yrjçaç) dédit ôià oe: 
emendata lectio editoris sagacitati debetur. At in lacuna explenda 
eundem minus féliciter versatum esse existimaverim. Superest in 
codice initium literae, quae aut 6 aut v esse potest; ab ea voca- 
bulum incipit, tum in fine dispicitur sive <ov dimidiatum sive ov, 
( duabus fere litteris detritis' in ea parte, quae inter v (6) et mv (ov) 
media est. Hinc cum editor 4 fert. Ifioiv efficeret, aliquid humani 
passus est; vix enim aliud vocabulum reperietur, quod loci tenori 
minus congruat. Namque tale quid non soho pugnis intéresse ôiâ 
te tb yqçaç xal fir} v/uwv nalôaç O7vaçajtopévovç oçav, quis 
ab auctore profectum existimabit ? Aliquantum plus literarum, opi* 
nor, periit, et Choricius scripsit ôta te %o yijçaç xal firj vno- 
fiévœv naïâaç onaqaxto^ivovç ôçav, quod vel ille ipse lliadis 
locus verum esse defendet, quem editor excitavit (r306): 
inel ovnw tXrjoof*' h oq>&aX[40Ïoiv bqäo&ai 
juoQvâ/uevov <ptXov vlbv açt]t(pll(p MeveXaqf. 

P. 228, 17. Achillis amor — inquit — ita tantum nos lue« 
bitur, ut verisimile sit eum propterea in popularium suorum odium 
ac contemptum venturum, unde fore ut iratus Herum a bello abs- 

tineat. elxoç yevéaâai qtrjftrjv to nà&oç* (aïooç ovv iv- 

tev&e xal diaßoXal* naXiv ixeïvoç èçif' jui} vvv ^Ayafxi^vtav 
iativy 6 âé, fiixQOipvxoç yâç, naXiv ïowç Ini tfjv oxrjvrjv 
ßaaieitai xal trjv qyiXtatrjv âvaXrjipetai Xvçav. Non intellego 
/ut} vvv *jiyani(xvu)v iotiv, neque Foersterus intellexit, qui con- 
iecit ïotai. Fortasse auctor dédit pjj vvv Idya^ipivtav $atw 
i. e. iterum ardet Achilles, caveat ne iterum Agamemnon veniat 
dilectam ei puellam erepturus. 

P. 229, 10. Tb yàç vôorjfia tovto âelypa povov iotl pi- 

xQOiftoxiaç xal ta%eiav trjv petaßoXrjv %%et. Menandrum ex- 

pressit : 

ta â' oÇv&vftov tovto xai Xlav nixqiv 

delyi* ïotiv ev&vç nàai fiixQOtyvxlaç 

apud Stobaeum Floril.XX22(Meinek.MenandrietPhil. Rell.p.206). 



Digitized by CjOOQ IC 



284 POLAR 

Ib. 24. Ola dieÇeX&wv içwtixà IloXvèàfiaç olov r)yvôi)- 
o$v, wç trjv OfAolav 6 trjç 3 ^g>Q0Ôltrjç àvvafuv %x*h *<** ^«ça- 
naivav xav ßaotUaa tiç àyanq. Quanto ocius revocanda lectio 
codicis ola dieÇeX&wv èçcorixà IIoXvôâfAag olov rjyvàrjuev, qua 
non est alia constructio apud sophistam frequentior. Unum exem- 
pta m adscribam (ex altero Marciani encomio ap. Villois. II p. 20) 

dw&aatr ol ncBOßvtai ox^tlia^siv ini toîç naçovoi 

xaiçoïç, l§ oïtav ola ta nçayiiata yéyove*. 

Ib. 27. Statin* sequitur xav anceTirj tiç xav àçaiav no* 
&rjorj yvvatxa, naçanXrjolwç ôeâovXtozai tr)v ^fv^v xaXXto- 
niÇovarjç avtfi trjç evvolaç ta tr]ç gwoeœç alo%oç. Non avtij 
legendum, neque cum editore avtrjç, sed ait$. 

IUuc praevertamur, amatorm quod amicae 

turpia decipiunt caecum TÎIîa. (Hor. Sat. I m vs. 38). 

P. 230, 2. Achilles yvovç evôoxifiovvta Xapnçoiç (top °Ex- 
%oqq) xai nrjdwvta trjv tà<pqov nai ta tu%oç iv cpavXtp rte- 

nourjpévov xa&rjoto — naçà trjv oxr)vr)v xi&açiÇiav. Cum 

non noverim nirjâav transitive usurpatum, correxerim xai (vneo)- 
nrjôdàvta tr)v tâqyqov. 

P. 231, 1. Brevi Achilles Deidamiam eiusque filium révisera 

patremque senem amplecti no&rjoei xai tr)v yXvxeîav natfiâa 

$eaaao&ai xai tÇ natôaywytp âifjyrjoaa&ai XbIçwvi tàç nçô- 
teçov àçtotelaç, ïva pir] fiâtrjv en' aèttp nenovrpcévat (JoxjJ, %xfl 
de noïXrjv €vq>QOOvvrjv xai ta trjç viaç (iâelv) fjltxiaç yvfiva- 
ouxy r]iv yào eiç fivrjfarjv Xaßelv ht aida naïç wv i&rjçevov, 
btav&a iiqoç tovç rjlixititaç rfoiÇov. In his bene editor pro 
ntnoirjxévai reposuit nenovrjxévat, quae sexcenties confunduntur, 
sed quid est in avtyl Equidem intellegam ïva pr) fidtrjv in 9 
avtalg ntnovyxevai doxjj, res gestas enarrare cupiet, ne eat 
frustra ac sine fructu peregisse videatur, nulla inde laude in ipsum 
redundante. Tum si post yvfAvaata requiritur videndi verbum, et 
alia forma et alio loco inserendum erit Quis enim dicat evçço- 
ovvrjv $%w id elvi Non minus vitiosum id foret ac evtpçaivopiai 
iêeïv. Sed verisimilius est, quod me duumviri qui huic diario 
praesunt humanissime per litems monuerunt, totum illud enun- 

tiatum (iVa ptr] fAatrjv . noXXrjv evtpçoevvrjv) ad Chironem 

pertinere, non ad Achillea), ea sententia: cupiet Achilles Chironi 
res suas gestas enarrare, ne ille frustra se educavisse videatur, at 
contra gaudeat alumni laudibus. Quod si ita est, interpunctione 



Digitized by VjOOQ IC 



AD CHORICIl DECLAMATIONES NOTULAE 285 

nratata nullo verbo extrinsecus illato opus erit: xo&. i$t^ 

yrjoaC'&ai X. tèg nqot. açiot., — ïva fiij fiàtyv in owtÇ 
nenorrjxévcu doxrj, fyfl àè noXXr\v evqtQoavwjv, — xai ta tijç 
véaç fjXixiaç yvfivctaia — ijdt) yao — elç (Avt)(Af}v Xaßüv. 

Ib. 6. Tic fjfAÜv aeapaXelaç iXniç vnoXeinetai ; Optime 
editor rtfAlv scribendum esse vidit, ac vellem textui intulisset. 

Ib. 12. Iasonem narrant terribili certamioe propOsito, neçl 
ùv noXXâ t* êij fiv&oXoyovoi &avfiaotà xal Si} xal âçàxovta 

to xoïaç g>çovçêïv, ôià Mrjôelaç avtOv täv àténtav 

€paopiat<ûv xQotijoai. Cur ait ci vi Immo (tt)àvtojv. 

P. 232, 11. 'iïonsç yàç ot ttâv naiâixoïv âfioXavovtêÇ 
ijâovtai tovç tôîtovç oçavteç, iv oîç ôieléx&r)Oav taîç 4$n>- 

fiévatç, xal tôt tbnov tijç ov/j(poç5ç àrioqpsv- 

y ova iv. ( ExcideruDt nonnulla lacunae nullo in M vestigio'. Nihil 
facilius est quam lacunam banc explere, non ut certi aliquid detur, 
sed quod perquam probabile sit. Inseratur: (ovtwç ol Sçivà 
iwa&ôvtêç) xai tov tonov tijç ov/tiqwoac ànocpevyovotv. Si- 
milis sententia praecedit (1. 6): oix olo&a, ou xal tov tonov 
ctvtov, iv $ xaxojç rtçdttovoiv, av&Qwnot âeivciç afiooroé- 
<povtai ; 

Ib. 21. IlQwrjv ïyfjfÂev (o) avdownoc. Possis facilius S*- 

&Q(ûflOÇ. 

Ib. 31. 'Ertei âè (piXoetooylav fifAïv oveidi&iç, Sri pi) 
ftoXefiiip tijv naïda ovvafttopev , xal tavta rot; Mvxrjvalov 
ftçoç oopayrjv [iv AiXidt] tijv ctvtov âeâojxotoç, âxove tijv 
ftcoipaoiv iv ßqaxel. Emblemata editor nulla in nostris déclama- 
tionibus inesse contenait ('Glossen habe ich keine bemerkt' p. 206). 
Equidem non multa deprehendi, at aliquot tarnen, ut [dolv] p. 211, 
22, [iatlv] p. 212, 26, [tov "Ext oça\ p. 215, 23 atque hic [iv 
Aillai]. Respondet Priamus ad ea quae Polydamas dixerat (p. 218, 
33) ai fièv yàç vnhç tijç rcatçidoç nçoç yapov àxvelç èxôovvat 
tijv naïâa y jiyapéfivojv Si tijv avtov nçoç o<payrjv iÇidojxtv 
iv Aillai. Hic quoque loci notationem abesse mallemus, at nunc 
non supervacua tantum est, verum oppositionis vim prorsus fran- 
gens et vel composition damnata. 

P. 233, 22. El fièv ovv aitaiç vmjç%ov tixvwv àçoévojv, 
ijvtyxtv &v fie (Achilles) to te yijçaç iov&Qiaiv xal naoà nôâaç 
içch flot tov ßlov tijv têXevtijv èlnlÇojv fiixçov vottoov 
xXtjçovoprjoeiv täv oxtjrttQwv. Supplendum (xai) iXnlÇwv. 



Digitized by CjOOQ IC 



286 POLAK 

Similiter artaiç ô' elfti aQQévmv Ttaldwv dixit Xenophon Cyrop. 
IV vi 2. 

lb. 30. MiJ yàç oti to $rjf*a tyevye paX" elnev 'Aya- 
fxifAviöV) tovto vofilaofiev *A%tXXtl vifieiv ovyyvwfitjp * jjâei yàç 
èx dvpov tb $rjtia ôiaqyvyov ncoXaßovtoc tbv Xoyiopov. Quo- 
niam in codice est tu ^fiti, fortasse auctor dedit fdtj yàç oti 
t0 éypati q>. ft. {îtQoa)eÎ7tev 'Aya/Àipvmv, at certe scripsit 
vofi lacofuev. Sequens sententia Cboricio admodum adamata est. 
Utitur ea et hic et elç 'Açât. (VI 3 p. 72 Gr.) ov fiijv o y« #t>- 
[aoç elç aßovXlav rjçid'ioe nçonyârjoaç %ov Xoyiofiov, eamque 
sCobeto monente ex Euripide expressit, cuius hic est versiculus 
mjâtov o &vfibç %iav <pQ€vcov àvanéQù). Neque parcius inculcat 
contrarium: SaCopev ta nâoc nQÔ%eiQOv àyvoeïv, wç âiàxo- 
vôç iotiv o &v(aoç tov Xoyiopov (decl. huius p. 219, 10) et 

elç 'Açat.: eoti tolvvv Xoyiofxov &v(aoç vïttjQétrjç (II 2 

p. 66 Gr.). 

P. 234, 12. Agamemnon — inquit — Chryseidem exercitus 
saluti postposuit, at non pariter Achilles iram. àXX' opuoç tov 

Mvxtjvalov tq} Xçvarj nçoïxa tb &vyâtçioy âeôamôtoç 

olâè ÇrjXtoTYjç yiyovsv ovtoç ôwça XafAßctvwv. Non dedit, sed 
reddidit, itaque suppleodum (âfto)âeâùmoTOç. 

Sequitur xaltoi tbv 'Ayanépvovoç rtô&ov — lo%vQOteQOv 
eîvai xçivw nXtjotâoavtoç tfj Xçvorjlâi. Immo vero (ßij) itlij- 
Oidoavjoç. Pergit enim toïç yàç icwai to pev tijç hm&vptiaç 
tvxeïv anofÂCtQabei tb ita&oç, tb ai ag>aXXeo&ai itavteXtSç 
èÇàntei tb vôor]fua. Namque Agamemnon ov — nçbç aloxçàv 
im&vfilav %%etv ïqnj trjv naïôa, navta ôè tbv ßlov avtfj aw- 
oixrjoetv xai neçi nXelovoç KXvtaifiVTjOtçaç nouïo&ai (p. 225, 
14), quod rhetores et Xvtixoi quidam non admodum acuti e no- 
tissimo Iliadis loco elicuerunt (cf. Schol. A 113). 

Ib. 26. Ovttu yàç avtbç plv iôoxet xçateïv fsQWtoç xai 

yhifiovy ot ôè firjôèv rjfiaQttjxôteç èoaiÇorto, Aya/Ae/avonr 

ai noXXfi nsQiénmtev a&vftla. Scribendum ovtw yàç (av) 
avtbç fâhv èôôxei xtX. 

P. 235, 26. "Eneita ev$vç SfiiXXa xai ataoïç neçidÇêi 

tbv oîxov, xai tb nqâyiia neiget g>iXoveixeïv àfiayotiçaç. 

Requiritur futurum neioei, quemadmodum recte neçiéÇsi prae- 
cedit. 

P. 236, 12. 2ov ovv egyov noirjoai tb nçOfivYjotçlaç. Cod. 



Digitized by CjOOQ lC 



AD CHORICH DECLAMATIONES NOTÜLAE 287 

ftotr;aat ti, unde potius usitatiorem pluralem restituerim noirjtrai 

Ib. 24. JloXXà yàç XQ*l<tW<* ftfbç tov ßiov, arteç ixßdvta 

tov fiérçov XvfAalvetcu' oïov al qftXottfiiai tovç XW*}- 

yovvtaç aefivvvovai, el âé tiç elç a pi} trQOorjxei noiolxo 

%àç âtaçeaç, aoœtoç ivopla&rj. Oppositio in altero membro falsa 
est. Non agitur de eo, qui in res non licitas sumtus effundit, sed 
qui maiores quam pro opibus (vrrèç ta nçoarjxov) pecunias in res 
etiam honestissimas erogat. Quapropter requiram el âé tiç aç 
fui] rtQoarjxet noioïto tàç âioçeaç. 

P. 237, 6. "Eon âh tavttjç xal ij JloXvÇévrj tîjç yviafirjç 
xrX. Totum hune locum adumbrasse videtur ad imitationem Xeno- 
phontis, apud quem (Cyrop. IV 6, 9) Gobryas in suavissima narra- 
tione for* âé pot — xal &vyatrjç naç&évoç èyamqtr] yapov 
rjêrj toçala, rjv èyœ nçôo&ev (thv fyirjv tçj vvv ßaatXevovti 
yvvaïxa TQêq>uv vvv âè avtrj té /aoi fj &vyàtr]Q noXXà yowtiévrj 
îxétevoe /ii} âovvai avtijv t$ tov aôsXcpov <poveï, iyd te 
tocavttaç yiyvwoxta. 

Haec habui, quae ad has Choricii declamationes nunc in lucem 
emissas emaculandas alîquatenus et illustrandas proferrem. Insunt 
etiam, quibus emendandis non studuerim, sed quis in auctore recens 
nato, qualis hic est, multum studii ac temporis collocet? Neque de 
toto hoc sophistarum ac rhetorum génère, de eligenda materie, de 
arguments apud diversissimos iisdem, de dicendi ratione veteribus 
sublecta variisque dialectorum omnium verbis ac formis tanquam 
flosculis distincta, dicere operae pretium ezistimo. At non abs re 
erit, quod iudicium Photius in Bibliotheca de Choricio nostro tulit, 
ipsius verbis referre, ovtoç — inquit — %alQU pèv evxQivelç xal 
xa&açorrjri, elç tb xq^ciuov âè xal tfj neQißoXfj (oratione or. 
nala et vestita et tamquam circumducta) xexçvjt*évoç f t$ tê eixaicq* 
xal t<jp fiij elç fiijxoç neçiôâov tavtrjv naçatelveiv ovâhv tfj 
aaqnjveitf Xvfdalvetai, ij&ei te xal aXrj&eitf ovyxéxçatai, ovâè 
rrjç yvwfÂoXoytxrjç Ortovâïjç àato%viv. fj âé ye XéÇiç avt($ ttov 
Xoyaâwv ovaa iv noXXoïç ovx àel tb yvr t oiov âiwxet* %o&* 
dte yàç âià tijv axçatov tfjç tQOftrjç ixtçonrjv 
(abusum) elç tftvxQoXoytav hxnlntei. xal ttqoç ta notr r 

tixaiteçov âè Motiv ov naçaavçetat. %att âè xal trjç 

evoeßelac içaatijç, ta Xçiatiavùiv oçyta xai tefievrj tifiwv* 
ftXi}v ovx olâ' dntoç iXiywQwç xai Xoytp avv ovâevl pv&ovç 



Digitized by CjOOQ IC 



288 POLAK, AD CHORICU DECLAMATIONES NOTULAE 

liai tatoçlaç 'ElXrjvuuiç, ov êéov, fyxtna/Âlywoi volç éavtov 
avyycafAfiactv , %a%iv o%e xai leçoloyêv (Phot. Bibl. cod. 160 
p. 102 b Bekk.). 

Effusis laudibus, ut apparet, hominem exoruat, ita tameo ut 
reprehendendi materiam in eo non déesse candide significet. Quam 
?ero totum boc fictarum causarum et orationum genus aegrum sit 
ac vitiosum, neque Pbotius neque omnino Graeci ipsi etiam aoti- 
quiores seosisse videntur, nostrae aetatis viri docü cum optime 
perseotiscant me monitore non egent. 

Roterodami, Id. Nov. 1882. H. I. POLAK. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE REIHE DER STADTPRÄFECTEN BEI 
AMMIANUS MARCELLINUS. 

Die römische Geschichtschreibung ist ausgegangen von der 
Stadtchronik und selbst bei Ammianus Marcellinus verleugnet sie 
diesen Ursprung nicht. Während er Constantinopel, das rechtlich 
der. alten Hauptstadt gleichstand und dem Interesse des Orientalen 
sogar noch näher zu liegen scheint, nur erwähnt, wo der Gang 
der allgemeinen Weltereignisse dieses erheischte, verfolgt er fort- 
laufend die städtischen Angelegenheiten Roms, bald Jahr für Jahr 
sie in besonderen Abschnitten behandelnd, bald längere Zeiträume 
zusammenfassend. Das Beamtenregister des Reiches im Sinne der 
livianischen Annalen zu geben, liegt ihm im Allgemeinen fern — 
nicht einmal die Consuln werden stetig angeführt, geschweige denn 
die Prätorianerpräfecten oder gar die Stadtpräfecten von Constan- 
tinopel —, doch die Präfecten Roms erscheinen in so grosser Zahl, 
ihr jedesmaliges Regiment wird so ausführlich charakterisirt, dass 
man wohl die Frage aufwerfen kann, ob hier nicht Vollständigkeit 
erstrebt war. Stellen, wie namentlich die folgende, legen diese 
Annahme sehr nahe: XVII 11, 5 dum haec ita aguntur, Romae 
Artemius curans vicariam praefecturam pro Basso quoque agebat, 
qui recens promotes urbi praefectus fatali decesserat sorte, cuius 
administrât™ seditiones perpessa est turbulmtas nec memorabile quid- 
quam habuit, quod narrari sit dignum. Wozu brauchte derselbe 
Mann, welcher sonst als Grundsatz der Geschichtschreibung auf- 
stellt, sie müsse discurrere per negotiorum celsitudines, non humi- 
lium minutiös indagare causarum (XXVI 1, 1), einer Stadtverwaltung 
überhaupt zu erwähnen, in der nichts Erzählenswerthes geschehen 
war, wenn er nicht die Chronik der urbs Roma vollständig in 
sein Werk zu verweben beabsichtigte? Wollte er es aber, so 
konnte er es auch. Denn abgesehen von den mündlichen Nach- 

Hermes XVIII. 19 



Digitized by CjOOQ IC 



290 SEEGK 

richten, welche er in Rom reichlich gesammelt haben wird, stan- 
den ihm unzweifelhaft officielle Listen der römischen Stadtpräfecten 
zu Gebote, wie noch uns eine durch den Chronographen von 354 
erhalten ist. Da nun dieser eben dort schliesst, wo Ammian 
für uns beginnt, würde, wenn unsere Voraussetzung richtig ist, 
die Reihe um mehr als zwanzig Jahre verlängert werden, ein Re- 
sultat, das für die richtige Datirung der Gesetze wie der Inschrif- 
ten nicht ohne Werth wäre, und daher wohl einer näheren Unter- 
suchung lohnt. 

Die Stadtpräfecten, welche Ammian nicht nur gelegentlich er- 
wähnt, sondern deren Verwaltung er in der Reihe darstellt, sind 
folgende : 

Orfitus XIIH 6, 1. 

Leontius XV 7, 1. 

Orfitus Herum XVI 10, 4; XVII 4, 1. 

Bossus XVII 11,5. 

Ârtemius vicarius urbis agens vices praefecti urbi ebendas. 

Tertullus XVII1I 10, 1; XXI 10, 7. 

Maximus ausdrücklich als Nachfolger des Tertullus bezeichnet 
XXI 12, 24. 

Apronianus XXVI 3, 1; XXIII 1, 4; 3, 3; 

Symmachus ausdrücklich als Nachfolger des Vorhergehenden be- 
zeichnet XXVII 3, 3. 

Lampadius ebenso XXVII 3, 5. 

Viventius ebenso XXVII 3, 11. 

Praetextatus XXVII 9, 8; XXVIII 1, 24. 

Olybrius XXVIII 4, 1; 1,8. 

Ampelius ausdrücklich als Nachfolger des Olybrius bezeichnet 
XXVIII 4,3; 1,22. 

Claudius XXIX 6, 17; XXVII 3, 2. 
.Von diesen ist Orfitus der letzte, welchen der Chronograph nennt; 
seine Verwaltung begann nach dieser Quelle den 8. December 353. 
An Claudius findet sich im Codex Tbeodosianus (XI 36, 22) ein Ge- 
setz vom 21. Mai 374, Er hatte damals sein Amt erst vor Kursem 
angetreten, da noch am 14* Februar desselben Jahres ein anderer 
Präfect (s. unten) genannt wird. Mithin könnte er der letzte sein, 
den Valenünian I (f d. 17. Nov. 375) ernannt hat. Da Ammian 
seine Erzählung zwar im Orient bis zur Schlacht bei Adrianopel 
fortführt, im Occident aber mit dem Tode Valentinians abbricht 



Digitized by CjOOQ IC 



STADTPRÄFECTEN BEI AMMIANUS MARCELLINÜS 291 

und die Regierungsbandlungen Gratians nur erwähnt, soweit sie 
auf die orientalischen Dinge Bezug hatten, ist Claudius wahrschein- 
lich auch der letzte Stadtpräfect gewesen, der in den von ihm be- 
bandelten Zeitraum hineinfiel. 

Prüfen wir nun die Liste im Einzelnen, so finden sich darin 
sicher zwei Locken und zwar die eine zwischen Àmpelius und Clau- 
dius. Hier nennen die Gesetze des Codex Theodosianus drei Namen 
und zwar: 

Bappo 22. Aug. 372. VI 4, 21. 

Principius 29. Apr. 373. X11I 3, 10. ') 

Eupraxius 14. Febr. 374. XI 29, 5 + 30, 36 + 36, 21. 

An einen Irrthum in den Ueberschriften der Constitutionen 
kann hier nicht gedacht werden, denn auch ihr Inhalt ist der Art, 
dass er Stadtpräfecten als Adressaten voraussetzt Ebensowenig 
lassen sie sich auf Constantinopel beziehen, denn das Gesetz an 
Bappo ist aus einem Ort in Gallien datirt (Nasonacum), in dem 
sich damals der Beherrscher des Occidents erweislich aufhielt (vgl. 
C. Th. VI 7, 1 ; 9, 1 ; 11, 1 ; 14, 1 ; 22, 4), das an Principius redet 
von den Aerzten und Lehrern der Stadt Rom, und Eupraxius end- 
lich ist als römischer Präfect durch eine Inschrift (C. I. L. VI 1177) 
und eine Erwähnung des Symmachus beglaubigt (Relat. 32, 1). 
Trotzdem darf hier weder an ein Versehen noch an eine absicht- 
liche Auslassung des Ammian gedacht werden, schon um des Eu- 
praxius willen nicht; denn dieses ist eine unserem Geschicht- 
schreiber wohlbekannte Persönlichkeit (XXVII 6, 14; XXVIII 1, 25), 
deren Präfectur er sicher nicht tibergangen hätte. Vielmehr führt 
es auf die richtige Spur, dass die drei fehlenden Namen sämmtlich 
unmittelbar auf einander folgen; jedenfalls hatte Ammian hier, wie 
schon zweimal früher (XXVII 3 und XXVIII 4), mehrere Präfecten 
in seiner Erzählung zusammengefasst und in der grossen Lücke 
des 29. Buches (5, 1), wo sie ihrer Zeit nach stehen mussten, 
sind sie uns verloren gegangen. 

Fällt aber auch hier der Mangel wahrscheinlich unserer Ueber- 
lieferung zur Last, so ist doch das andere Mal diese Möglichkeit 
ausgeschlossen; denn an der betreffenden Stelle finden sich zwar 

1) Die Unterschrift lautet zwar FalerUiniano et Falente III AA. coss. f 
doch da im Jahre 370 sicher Olybrius das Amt bekleidete, ist /// in //// zu 
indem und somit das Gesetz in das Jahr 373 hinabzorücken. Die Reihen- 
folge der Constitutionen setzt dieser Aenderung kein Hinderniss entgegen. 

19* 



Digitized by CjOOQ IC 



292 SEECK 

auch Lücken im Texte, *ber keine, in welcher dem Zusammen- 
hange nach ein Theil der Stadtchronik ausgefallen sein könnte. 
Wie Borghesi (Oeuvres III S. 463) aus der Inschrift C. I. L. VI 1166 
nachgewiesen hat, bekleidete am 31. Mai 355, also zwischen Or film I 
und Leontius ein Fabius Felix Pasiphilus Paulinus die Präfectur, 
der freilich nur kurze Zeit im Amte blieb. Doch diese eine Aus- 
nahme hebt die Regel nicht auf; so willkürlich, wie Amman 
disponirte, konnte es ihm leicht begegnen, dass er etwas, was er 
aufzunehmen beabsichtigte, einmal übersprang, umsomehr als von 
der Verwaltung des Pasiphilus kaum viel zu berichten sein konnte. 

Aber ist dies wirklich die einzige Ausnahme? Schlägt man 
Corsinis Series praefectorum urbis nach, so findet man noch sehr 
viele Namen, die im Ammian fehlen, und wenigstens z. Th. scheinen 
ihm die Inschrittensammlungen und die Gesetze der Codices Recht 
zu geben. Doch freilich sie scheinen es nur, wie sich bei näherer 
Prüfung ergeben wird. 

Decimus Simonius Iulianus, den Corsini in das Jahr 357 ge- 
setzt hat, gehört in das dritte Jahrhundert, wahrscheinlich in die 
Regierung des Gordian; Borghesi III S. 477. Dass die Ueberochrift 
von Cod. Theod. XIV 1, 1 od Iulianum nicht richtig überliefert 
ist und ein Präfect dieses Namens auch nach der zweiten Präfectur 
des Orfttus nicht eingeschoben werden kann, folgt ausser den von 
Borghesi angeführten Gründen auch aus einer Stelle des Sym- 
machus Relat. 34, 5. Er spricht hier von der Beitreibung ge- 
wisser öffentlicher Gelder, die dem Orfitus aufgetragen war, and 
sucht zu beweisen, dass die Verpflichtung nicht an der Parson, 
sondern an dem Amte gehaftet habe. Zu diesem Zwecke berichtet 
er die Thatsache, dass sämmtliche Nachfolger des Orfitus die gleiche 
Obliegenheit erfüllt hätten und zwar mit folgenden Worten: tun* 
eodem principe (seil. Constantio) adhuc orbem régente ad TertuUm 
praefectum urbi memorabilem virum migravit exaetio, quae si ho- 
minis non potestatis fuisset, circa personam prioris indicts potuisset 
haerere; nee muUo post tempore mdyti IuUani Maximum pari ho- 
nore tunc praeditum tituU istius cura convenu, divo etiam parente 
numims tui Romana iura et fata modérante praefectis ac discusse- 
ribus haec mandata provincia est et per vices admimstrantium pMä 
debiti cueurrit exaetio. Die Nennung des Tertullus und Maximas 
hat hier nur Sinn, wenn sie die unmittelbaren Nachfolger des 
Orfitus waren, wie das ja auch Ammian berichtet, denn Bossus, 



Digitized by CjOOQ lC 



STADTPRÄFECTEN BEI AMM1ANÜS MARCELLINÜS 293 

der dem Tertullus vorangeht, starb gleich nach seiner Ernennung 
(mens promotes faJtaii decesserat sorte) und das Interregnum des 
Vicarius ürbis, der an seiner Statt die Geschäfte übernahm, wird 
jedenfalls auch zu kurz gewesen sein, als dass er die betreffenden 
Geldforderungen zu betreiben Zeit gehabt hätte. 

C. Ceionius Rufius Volusianus ist jedenfalls in dieser Zeit 
Präfect gewesen; dies beweisen neben zahlreichen Inschriften 
(CLL. VI 1170—74. 3866) die Constitutionen der Rechtsbücher. 
Doch ehe wir feststellen, ob er wirklieb, wie es den Anschein hat, 
von Ammian übergangen ist, müssen wir zuerst die Zeit seiner 
Prtfectur untersuchen. Die Subscriptionen, welche textlich wie 
sachlich keine Bedenken erregen, nennen folgende Daten : 4. Apr. 
365 C. Th. I 6, 5; 28. Juni 365 C. Th. VI 4, 18 + XII 1, 67; 
25. Juli 365 C. Iust. VII 39, 2; 10. Aug. 365 Consult. 9, 1; 

3. Sept. 365 C. Th. XI 32, 1 ; 17. Sept. 365 C. lust. I 19, 5. 
Dazu kommt noch folgendes zweifelhafte Datum: 8. April 364. 
C. Th. XI 14, l. 1 ) Dieses Fragment ist, wie sich aus dem Inhalte 
mit Sicherheit ergiebt, ein Stück desselben Gesetzes, das vom 

4. April 365 datirt ist. Die Zusammenstellung der beiden Theile 
beweist dies besser, als jede Erörterung: 1) Studentibm nobis sta- 
tum wrbis et rationem annonariam aliquando firmare, in animo est 
swsdem annonae cur am non omnibus déferre potestatibus; ac ne 
praefeetura urbis abrogatum sibi aliquid putaret, si totum ad offi- 
cium annonarium redundasset, eidem praefecturae sollicitudinis ac 
diligentiae necessitatem mandamus, sed ita, ut I at eat officium 
]>raefeciurae, sed ut ambae potestates, in quantum sibi est ne- 
gotii, tueantur annoham sit que societas muneris ita, ut inferior 
gradus meritum superioris agnoscat neque (so zu schreiben für atque) 
superior potestas se exserat, ut sciat ex ipso nomine, quid praefecto 
debeatur annonae. — 2) Cavens, ne urbaniciani officiates annonariis 
necessitatibus misceantur, omnia participe praefeetura annomria 
iisponas ac iubeas ad curam propria revocare. Es folgen Detail- 
bestimmungen, die zu wiederholen überflüssig ist; der gemeinsame 



1) G. Tb. VIII 5, 22 trägt gleichfalls die Ueberscbrift ad Volusianum 
p» u., und könnte ihm, wenn man post consulatum Valentiniani et ralen- 
tit A A (366) statt consulatu V. et F. A A schreibt, der Zeit nach angehören, 
doch zeigt sowohl der Inhalt als auch die Subscription (accepta Fenafri) % 
dtsi das Gesetz an den gleichnamigen und gleichzeitigen Vicarius Urbis, 
wahrscheinlich einen Vetter des Präfecten, gerichtet war. 



Digitized by CjOOQ IC 



294 SEECK 

Gedanke, dass die beiden Beamten selbst zwar zusammenwirken 
sollen, doch den Officialen des praefectus urbi jeder Eingriff in 
den Amtskreis des praefectus annonae untersagt wird, zeigt die 
Zusammengehörigkeit der Fragmente zur Gentige. Wir haben also 
die Wahl, ob wir ihnen beiden das Datum des 4. April 365 oder 
des 8. April 364 zuschreiben wollen, und da alle übrigen an Vo- 
lusianus als Stadtpräfect gerichteten Constitutionen 365 fallen, kann 
die Entscheidung nicht zweifelhaft sein. 1 ) Er kommt mithin nicht, 
wie ihn Corsini ansetzt, vor Symmachus, sondern nach demselben 
zu stehen, dort wo Ammianus den Lampadius ansetzt. 

Mit diesem Manne muss es eine eigentümliche Bewandtniss 
haben. Bei den Historikern wird ihm eine sehr bedeutende Stel- 
lung zugetheilt; 355 war er Prefect von Italien (Amm. XV 5, 4; 
XXVII 3, 5; XX VIII 1, 26; Zos. II 55), 365 Prefect von Rom, 
trotzdem aber erscheint weder in den Inschriften noch in den 
Rechtsbüchern *) die geringste Spur von ihm. Genau das Umge- 
kehrte bei Volusianus; diesem schreiben seine Inschriften eine 
doppelte Präfectur zu, die Rechtsbücher nennen ihn 355 als Prl- 
fecten von Italien (C. Th. XI 30, 26; 34, 2; 36, 12; C. Iust. VI 22, 6), 
365 als Präfecten von Rom, doch die Historiker erwähnen ihn mit 
keinem Wort. Ist da die Combination wohl abzuweisen, dass beide 
Namen dieselbe Person bezeichnen? Eine Analogie für diese Ver- 
schiedenheit des officiellen Namens von dem gewöhnlich gebrauch- 
ten, bietet sich uns ganz in der gleichen Zeit. Der Mann, den 



1) Es verdient bemerkt zu werden , dass das Datum des 8.' April 364, 
wenngleich durch Gorruptelen entstellt (/// id. Apr. and VI kdL Apr. statt 
VI id. Apr.) in zwei Fragmenten eines an lovius den Präfecten Ton Con- 
stantinopel gerichteten Gesetzes wiederkehrt (G. Th. VIII 15, 3; XIV 17, 1). 
Dies entspricht den Zeitverhältnissen, da die Kaiser sich damals in der Haupt- 
stadt des Ostens aufhielten und ihnen ein Eingreifen in die Verwaltung der* 
selben daher nahe lag. Dem Fragment an Volusianus ist also eine an sich 
richtige aber nicht dahin gehörige Subscription von den Gompilatoren des 
God. Theod. hinzugefügt worden, eine Thatsache, die keineswegs verein- 
zelt steht. 

2) Wenn Corsini ohne jede Anführung von Belegstellen behauptet, in den 
Gesetzen lasse sich die Stadtpräfectur des Lampadius durch acht Monate ver- 
folgen, so weiss ich nicht, welche Gesetze er meint; mir ist kein einziges 
bekannt, obgleich die Indices von Haenel und Gothofred es leicht genug 
machen, das in dieser Richtung vorhandene Material zu constatiren. Der 
Postumius Lampadius, den Gorsini mit dem unseren identificiren will, war 
Praefectus urbi zwischen den Jahren 403 und 408. Henz. 7215a. 



Digitized by CjOOQ IC 



STADTPRÄFECTEN BEI AMMIANUS MARCELLINUS 295 

seine Inschriften (C. I. L. III 247; VI 1764) nur Saturninius Se- 
amans, die Gesetze immer Secundm nennen, heisst in seinen sehr 
häufigen Erwähnungen bei Historikern, Kirchenvätern, Rednern und 
Briefstellern durchweg Sallustius. 1 ) Ammian nennt ihn zwar ein- 
mal (XXII 3, 1) Secundm Sallustius, aber nur um ihn von Flavius 
Sallustius zu unterscheiden, der gleichzeitig mit ihm die praefectura 
praetorio verwaltete. Hier ist die Identität der Persönlichkeit längst 
festgestellt; dasselbe, hoffe ich, wird mir bei Volusianus-Lampadius 
gelungen sein. 

Maximinus. Sein cursus honorum ist durch Ammian voll- 
kommen festgestellt 9 ), und die praefectura urbis hat darin keinen 
Platz. Die Zeugnisse des Socrates und Rufinus, auf welche sich 
Gorsini beruft, bedeuten jener Autorität gegenüber nichts. 

Vakrianus wird im Codex Theodosianus IX 1, 9 zwar als prae- 
fectus urbi bezeichnet, doch hat schon Gothofredus erwiesen, dass 
hier ein Irrthum der Compilatoren vorliegt und er vielmehr vica- 
rins Eispaniarum war. 

C. Iulius Pomponius Pudern Severianus, der auf der Inschrift 
C. 1. L. VI 317 erwähnt wird, ist ohne allen Grund von Corsini 
ins Jahr 366 gesetzt. Seine Zeit ist gänzlich unbestimmbar. 

Principius. Von ihm ist S. 291 schon gesprochen worden. 

Viventius war im Jahre 371 praefectus praetorio Galliarum. 
Die Ueberschrift des Gesetzes C. Th. XV 7, 1, das ihn p. u. nennt, 
ist demgemäss schon von Godofred in p. p. corrigirt worden. 

Bappo s. S. 291. 

Sex. Petronius Probus. Von ihm besitzen wir mehrere In- 
schriften (C. I. L. VI 1752. 1753. 1756), die erst nach seinem 



1) Die einzige Ausnahme macht Philost. VIII 8, denn wenn Sozom. VI 3 
schreibt: nQootqxôyTjae de xai Sexovrâtp r<j> text ttjy vnaç^ov iÇovoiay 
StênovTi ytvtxrjy vofxo&eoiav eiç xstpaXtjv iljjhûqho&cu naQaxetevojuévrjy toy 
iiQay naç&éyoy pyâo&ai ngbç yd[Aoy netQwpeyoy , so ist dies nicht aus 
einer historischen Quelle, sondern aus dem Gesetz des Cod. Theod. IX 25, 2 
geschöpft. 

2) Er begann seine Laufbahn mit der Advocator, wurde dann praeses 
Ton Sardinien, von Corsica, consularis von Tuscien, praefectus annonae, vi- 
carius urbis. Aus diesem Amte nach Gallien berufen, um dort die Praefectura 
praetorio zu übernehmen, behielt er dieselbe bis zum Jahre 376. Bei Gratian 
in Ungnade gefallen, wurde er entsetzt und bald darauf hingerichtet. Für die 
Belegstellen verweise ich auf den Index meiner demnächst erscheinenden 
Ausgabe des Symmachus. 



Digitized by 



Google 



296 SEECK 

Tode gesetzt sind und seinen cursus bonorum vollständig aufzählen. 
Keine davon nennt die praefectura urbis und somit ist es bewiesen, 
dass er sie nicht bekleidet hat. Corsini schliesst dies einzig daraus, 
dass ihn Ausonius (ep. XVI 2, 19) senati praesulem nennt; dies 
bedeutet jedenfalls nichts anderes, als der Erste des Senats, denn 
wenn es an sich gleich auch auf die Stadtpräfectur bezogen wer- 
den könnte, so schliesst doch in unserem Falle das unzweifelhafte 
Zeugniss der Inschriften diese Deutung aus. 

Volusianus II. Die Gesetze, aus welchen Corsini auf eine 
zweite Präfectur des Volusianus im J. 373 schliesst, tragen sämmt- 
lich die Unterschrift des Jahres 365. Golhofredus hat sie auf das 
vierte Consulat der Kaiser (373) statt auf das erste (365) bezogen, 
weil er meinte, in diesem sei für Volusianus kein Raum, ein Grund, 
der, wie wir sehen werden, nicht stichhaltig ist. 

Flavius Eupraxius s. S. 291. 

Magnus. Ambros. d. off. ministr. Ill 7, 48 spricht von einer 
Hungersnoth, die nicht lange vor das Jahr 383 fiel und erwähnt 
dabei des Stadtpräfecten mit hohem Lobe. Dabei braucht er unter 
anderen die Worte: quantae hoc commendationis apud Deum fuit 
sanctissimo seni, quantae apud homines gloriae! hie Magnus vere 
probatus, qui vere potuit imperatori dicere demonstrans provinciae 
totius populos: 'hos tibi omnes reservavi, hi vivunt beneficio tui 
senatus, hos tua curia morti abstulif. Dass der Mann Magnus hiess, 
ist danach allerdings nicht zu bezweifeln, doch da Ambrosius ein 
Wortspiel beabsichtigte, so kann er aus der Namenreihe, die jeder 
vornehme Römer besass, auch einen Theil gewählt haben, der ge- 
wöhnlich nicht benutzt wurde, wenn man den Präfecten nur mit 
einem Namen bezeichnete. Nun findet sich im Jahre 380 ein Stadt- 
präfect, der zwar überall, wo er vorkommt, Arborius heisst 1 ), 
aber nach seinem mütterlichen Grossoheim Aemilius Magnus Ar- 
borius benannt war 2 ) und vielleicht nicht nur den Hauptnamen 
desselben führte. Da sein Oheim Ausonius im Jahre 380 in den 
Siebzigen stand, dürfte er ein Fünfziger gewesen sein; die Be- 
zeichnung sanetissimus senex würde also auf ihn passen. 3 ) Endlich 
war er ein so eifriger Christ, dass er sogar seine Tochter zur 

1) C. Theod. VI 35, 9; XIV 3, 16; vgl. I 32, 4; Sulp. Sev. dial. Ill 10, 6; 
vit. Mart. 19, 1; Àusoo. parent. 18. 

2) Ausoo. parent. 15, 18; profess. Burd. 17. 

3) Vgl. Ill 7, 46 qui cum iam provecta processisset aetate. 



Digitized by CjOOQ IC 



STADTPRÄFECTEN BEI AMMIANÜS MARCELLINUS 297 

ewigen Jungfrauenschaft bestimmte (Sulp. Sev. vit. Mart. 19, 2), ein 
Umstand, der die Begeisterung des Ambrosius für ihn um soviel 
begreiflicher macht. Doch mag diese Combination auch zweifelhaft 
sein, so liegt doch gar kein Grund vor, die Stadtpräfectur des 
Magnus vor den Schluss des Ammianischen Geschichtswerkes zu 
setzen. 

Dies sind die Präfecten, welche Corsini ausser den Ammia- 
nischen zu nennen weiss: der eine davon combinirt sich mit einer 
Persönlichkeit, die der Geschichtschreiber unter einem andern Na- 
men anführt, die andern haben das Amt entweder gar nicht, oder 
doch nicht in dieser Zeit bekleidet. 

Wenden wir uns nun den Quellen selbst zu, soweit wir sie 
bei Besprechung der Corsinischen Reihe noch nicht in Betracht 
gezogen haben, so bieten zunächst die Rechtsbücher keinen Namen, 
der sich nicht auch bei Ammian fände; denn auf derartige Ver- 
sehen, wie dass etwa bei einem Manne, der erweislich praefectus 
praetotio war, einmal der Titel p. u. anstatt p. p. hinzugesetzt 
wird, brauchen wir wohl um so weniger einzugehen, als Gotho- 
fredus diese Dinge längst corrigirt hat. An inschriftlichen Er- 
gänzungen ist mir folgendes bekannt geworden. 

In der Bphem. epigr. IV S. 280 ist eine neugefundene stadt- 
römische Inschrift veröffentlicht, die Lanciani mit Benutzung von 
C. I. L. VI 1669 so ergänzt hat: 

«aLVIS DD NN 

üALENTINIAno et valente 

/ONTE1VS LlTorius auxentius v. c. praef. urb. 

aRCOS TE 

Schon äusserlich hat diese Herstellung den Fehler, dass sie die 
Länge der zerstörten Zeilen gar nicht berücksichtigt; in der ersten 
soll am Ende gar nichts fehlen, in der zweiten 11 Buchstaben, 
in der dritten gar 24. Da diese letzte es eben ist, welche, da der 
Name des Präfecten bekannt ist, am sichersten hergestellt werden 
kann, so müssen danach auch die andern restituirt und etwa der 
Art geschrieben werden : 

saLVIS DD NN ffll. theodosio et placido 

vALENTlNIAno victoribus semper augg. 

/ONTE1VS LITorms auxentius v. c. praef. urb. 

aRCOS TE 

Damit wird die Inschrift aus der Zeil Valentinians des ersten in 



Digitized by CjOOQ IC 



298 SEECK 

die des dritten hinabgerückt, wo Raum genug ist für noch ein 
Dutzend unbekannte Präfecten. 

Ganz sicher datirt dagegen ist C. I. L. VI 499. Matri Deum 
magnae Idaee summae, parenti Hermae et Attidi Menotyratmo m- 
victo, Clodius Hermogenianus Caesarius v. c. protons. Africae, praefec. 
urbis Romae, XV vir s. f., taurobolio criobolioque perfecto XIIII M. 
Aug. diis annimae suae mentisque custodibus aram dicavü. d. n. 
Gratiano Aug. ter et . . Aequitio corns. (374). Diesen Caesarius 
glauben Henzen und Bormann in dem Comes return privatarum 
des Jahres 364 wiederzuerkennen, doch da der Dedicant unserer 
Inschrift offenbar sämmtliche von ihm bekleidete Aemter aufzahlt, 
so würde er dieses sehr hohe gewiss nicht ausgelassen haben. Ein 
Caesarius kommt in der uns bekannten Folge der Stadtpräfecten 
nicht vor; dies ist auffallend, da dieselbe ja, wenn nicht vollständig 
ist, so doch der Vollständigkeit sehr nahe kommt; noch auffallen- 
der aber ist, dass er auch unter den Proconsuln von Afrika nicht 
erscheint, denn auch deren Reihe ist uns verhältnissmässig sehr 
genau bekannt. Von 354 — 375 finden wir allein im Codex Theodo- 
sianus eilf Proconsuln genannt, von denen mehrere nachweislich 
und vielleicht fast alle mehr als ein Jahr im Amte waren. Es 
kann danach kaum noch eine Lücke übrig sein v aber selbst wenn 
dies wäre, bliebe es doch der sonderbarste Zufall, wenn in zwei 
beinahe vollständigen Reihen derselbe Mann beide Male ausgefallen 
wäre. Es bleibt der Ausweg, dass er zwar vorkommt, aber nicht 
unter dem Namen Caesarius, wie wir etwas ähnliches ja schon bei 
Volusianus-Lampadius bemerkten. 

Freilich liegt die Sache hier etwas anders, denn von allen 
übrigen, die Ammian nennt, steht es theils durch Inschriften, theils 
durch andere authentische Quellen *) fest, dass ihr officieller Name 
mit dem von dem Historiker gebrauchten übereinstimmt. Aber 
braucht es denn bei Clodius Hermogenianus Caesarius gerade der 
letzte Name zu sein, dessen er sich gewöhnlich bediente? Borghesi 
{Oeuvres HI S. 487) hat nachgewiesen, dass dies, wenn auch Regel, 
so doch durchaus nicht immer der Fall war, und vielleicht haben 
wir es hier mit einer Ausnahme zu thun. Nun findet sich sowohl 



1) Tertuilus und Maximus sind die einzigen, welche wahrscheinlich weder 
in Gesetzen (s. unten) noch in Inschriften genannt werden, doch kommen 
beide in einer Relation des Symmachus (34, 5) Vor, was eine nicht minder 
officielle Quelle ist. 



Digitized by CjOOQ IC 



STADTPRÄFECTEN BEI AMMIANÜS MARCELLINUS 299 

bei Ammian als auch im Codex Theodosianus ein Claudius, der 
beides, Proconsul Africae und Präfect von Rom war, das letztere 
in demselben Jahre, in welchem unser Stein gesetzt ist. 1 ) Ich 
zweifle nicht, dass er mit Clodius Caesarnis identisch ist. 

Wir haben gesehen, dass bei Ammian, abgesehen von einer 
handschriftlichen Lücke, nur ein einziger Stadtpräfect nachweislich 
fehlt, dass wir also in ihm einen Zeugen besitzen, welcher der Prä- 
fectenliste des Chronographen von 354 an Zuverlässigkeit wenig 
nachsteht. Freilich fehlt die genaue Datirung der einzelnen Prä- 
fecturen, doch diesem Mangel lässt sich wenigstens zum Theil mit 
Hilfe der Urkunden abhelfen. Ich gebe daher das restituirte Re- 
gister und füge jedem Präfecten die Daten bei, an denen er zuerst 
und zuletzt im Amte erscheint. Diejenigen, welche bei Ammian 
fehlen, setze ich in eckige Klammern ; die Namen, mit welchen die 
Betreffenden von den Historikern und den Gesetzen genannt wer- 
den, sind durch Majuskel ausgezeichnet. 

1. Memmius Vitrasius ORFITVS Honorms 

8. Dec. 353 — 24. Apr. 355. 

2. [Fabius Felix PASS1FILVS Paulinus] 

31. Mai 355. 

3. Flavius LEONTIVS 

10. Nov. 356. 

4. Memmhis Vitrasius ORFITVS Honorius II 

28. Apr. 357 — 25. März 359. 

5. Iunius BASSVS 

f d. 25. Aug. 359. 

6. ARTEMIVS vicarius urbis agens vices praefecti urbis. 

7. TERTVLLVS 

8. MAXIMVS 

11. Dec. 361 — 1. Jan. 363. 

9. L. Turcius APRONIANVS Asterius 

19. März 363—26. Febr. 364. 

10. L. AureUus Avianim SYMMACHVS Phosphorius 

24. Mai 364 — 9. März 365. 

11. C. Ceionius Rufius VOLVS1ANVS qui et LAMPADIVS 

4. April— 17. Sept. 365. 

12. VIVENT1VS 

1. Oct. 366 — 5. Mai 367. 

1) Für die Belege Terweise ich auf meinen Index zum Symmachus. 



Digitized by CjOOQ IC 



300 SEECK 

13. Vettius Ägorius PRAETEXTATVS 

18. August 367 — 20. Sept. 368. 

14. Q. Clodius Hermogenianus OLYBRIVS 

28. Jan. 369 — 21. Aug. 370. 

15. P. AMPELIVS 

1. Jan. 371 — 5. Jul. 372. 

16. [BAPPO] 

22. Aug. 372. 

17. [PRINCIPIVS] 

29. Apr. 373. 

18. [Flavius EVPRAXIVS] 

14. Febr. 374. 

19. CLAVDIVS Hermogenianus Caesarius 

21. Mai 374. 

1. Der volle Name und die doppelte Präfectur C. I. L. VI 45; 
1159; 1161; 1162; 1168; 1739—42 praefecto urbi, non muüo 
interposito tempore Herum praefecto urbi l. l. 1741. Der Tag sei- 
nes Amtsantritts ist bestimmt durch den Chronographen, dessen 
Zeugniss gegenüber es nicht in Betracht kommt, wenn ein Gesetz 
des C. Th. VI 4, 7 ihn schon am 14. März 353 im Amte nennt; 
gewiss sind mit Gothofredus in Constantio A. VII et Constantio C. II 
(353) die Zahlen zu ändern in VIII und III (354). Das letzte be- 
glaubigte Gesetz an ihn C. Th. V11I 12, 7, denn XIV 3, 2 ist für 
prid. non. lui. mit Borghesi (HI S. 475) prid. non. Ian. zu schreiben. 

2. Namen und Datum C. 1. L. VI 1656. Dass Pasiphilus sein 
Rufname gewesen sei, hat Borghesi a. a. 0. wahrscheinlich gemacht. 

3. Der Name C. I. L. VI 1160. Seine Ernennung setzt Borg- 
hesi III S. 476 vor die Ernennung des Julian zum Caesar (6. Nov. 
355), weil Ammian seine Präfectur vorher erzählt, doch ist dieser 
Grund nicht zwingend, da der Geschichtschreiber mit der Zeitfolge 
oft sehr frei schaltet. Gesetz vom 10. Nov. 356 C. Th. XVI 2, 13 
mit Goth. Anm. 

4. Constantius besuchte Rom, als Orfitus zum zweiten Male 
Präfect war Amm. XVI 10, 4. Sein Einzug fand am 28. April 357 
statt, Idat. fast. Wenn ein aus Rom datirtes Gesetz C. Th. XIII 5, 9 
die Inscription trägt Olybrio p. u. t so liegt dabei wahrscheinlich, 
wie schon Gothofr. meint, eine Verwechslung mit Orfitus vor. 
Letztes Gesetz an ihn C. Theod. XIV 6, 1. 

5. Recens promotus urbi praefectus fatali decesserat sorte Amm. 



Digitized by CjOOQ IC 



STADTPRÄFECTEN BEI AHMIANÜS MARCELLINUS 301 

XVII 11, 5. Iun. Bossus v. c. qui vixit annis XLII men. II in ipsa 
praefeclura urbi neofitus iit ad deum VIII kal. Sept. Eusebio et 
Yfatio coss. Rossi Inscr. christ, urb. Romae 141. 

6. Nur aus Ammian bekannt. 

7. Er erhielt sein Amt wahrscheinlich bald nach dem Tode des 
Bassos im Herbst 359, unter welchem Jahre auch Ammian (XIX 10, 1) 
seine Verwaltung schildert, so dass Artemius wohl nur bis zu seiner 
Ankunft ihn vertreten haben wird. Die Unruhen, welche Ammianus 
bei seiner Präfectur erzählt, dürften dieselben sein, die schon unter 
Artemius begannen. Gesetze an ihn sind nicht erhalten. Der Vi- 
carius hinius TertuUus, dessen der Chronograph zum J. 340 er- 
wähnt, ist, wie Hommsen bemerkt, mit dem unseren kaum identisch ; 
denn der Name TertuUus ist ziemlich gemein, dagegen ein Zwischen- 
raum von zwanzig Jahren zwischen Vicariat und Präfectur sehr 
ungewöhnlich. 

8. Maximus erhielt von Julianus sein Amt, als dieser auf seinem 
Zuge gegen Constantius in Naissus weilte. Da er am 11. Dec. 361 
in Constantinopel einzog (Cod. Theod. ed Ritter I p. LXII), war 
jener damals schon Präfect, wenn auch vielleicht noch nicht in 
Rom eingetroffen. Sein Nachfolger wurde, bald nachdem Julian 
sein viertes Consulat angetreten halte (363), aus den romischen 
Gesandten ernannt, die wahrscheinlich gekommen waren, ihn bei 
der Festlichkeit zu beglückwünschen, Amm. XX11I 1, 4. Ein Gesetz 
an Maximus scheint uns nicht erhalten zu sein, denn das Frag- 
ment vom 26. Febr. 363, welches seinen Namen, aber ohne Titel 
trägt (C. Th. V 12, 1), gehört dem Datum wie dem Inhalt 1 ) nach 
zu der an Mamertinus praefectus praetorio erlassenen Constitution 
C. th. HI 13, 2, so dass eine Verwechselung der beiden graphisch 
sehr ähnlichen Namen wahrscheinlich ist. 

9. Der Name C. I. L. VI 1768—1771. üeber seine Ernennung 
a. 8.; er hatte sein Amt schon angetreten, als am 19. März 363 
der Tempel des palatinischen Apollo verbrannte, Amm. XXIII 3, 3. 

1) 1. Venientium est temporum disciplina instare veteribus institutis, 
ideoque cum nihil per causam publicam intervenerit, quae diu servata sunt, 
pemanebunt. — 2. In dote reddendo, et retenti ones ex iure venientes et 
pacta, quae legibus consentanea esse monstrantur, placet etiam ex huius 
tanctionis auctoritate intemerata inviolataque servari. Das erste Fragment 
ist ein allgemeiner Satz, wie sie namentlich in den Einleitungen der Gesetze 
vorzukommen pflegen, das zweite ist die Anwendung desselben auf eine spe- 
zielle Frage, wahrscheinlich durch eine Relation des Mamertinus veranlasst 



Digitized by CjOOQ IC 



302 SEECK 

Seine Verwaltung schildert Ammian XXVI 3 nach dem Regierungs- 
antritt Valentinians und vor dem des Valens; daraus lägst sich 
wohl mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass er wenigstens unter 
Jovian noch keinen Nachfolger erhalten hatte. Ich hahe desshalb 
als das letzte Datum, an dem er erweislich noch im Amte war, 
den Tag gesetzt, an welchem Valentinian die Herrschaft antrat. 
Nur ein sicher datirtes Gesetz an ihn vom 9. Dec. 363 C. Th. XIV 
4, 3 ist erhalten; ein zweites C. lust. I 40, 5 ist überschrieben 
Itnpp. Valentinianus et Valens AA. ad Apronianum p. u. und unter- 
schrieben d. V k. hin. Aneyra divo loviano et Varroniano conn. 
Doch an jenem Tage hatte Symmachus längst die Präfectur über- 
nommen, auch war damals kein Kaiser in Aneyra. Schreibt man 
d. V n. Ian., so stimmt zwar der Ort und die Zeit der Präfectur, 
doch müsste man dann für Itnpp. Valentinianus et Valens AA. 
schreiben Imp. Iovianus A und für divo loviano — loviano A. Dass 
übrigens selbst so gewaltsame Aenderungen unseren Gesetzescom- 
pilationen gegenüber erlaubt sind, weiss jeder, der ihren Cha- 
rakter kennt. 

10. Der Name C. I. L. VI 1698; Ephem. epigr. IV S. 279. 
Frühestes sicheres Gesetz an ihn C. Th. VIII 5, 19 + XV 1, 11. 
Die Theile des Gesetzes sind unterschrieben das eine Mal d. VIII 
k. Iun. Philippis, das andere Mal d. Villi k. M. Philippopoli, doch 
da die Kaiser am 13. Mai in Adrianopel sind und am 27. Mai in 
Bonamansio, zwischen denen Philoppopel mitten inne liegt voo 
jenem 132 Millien, von diesem 42 entfernt, muss in beiden Frag- 
menten das Datum des 24. Mai und der Ort Philippopel restituirt 
werden. Ein früheres Gesetz C. Th. VII 4, 10 d. X kal Mai. A*- 
tioehiae bleibt desshalb zweifelhaft, weil an jenem Tage keiner der 
Kaiser sich in Antiochia befand. Spätestes beglaubigtes Gesetz 
C. Th. I 6, 4 + X 1, 9. Andere Subscriptionen (C. Th. XIV 3, M; 
XI 2, 2; XVI 1, 1 ; XI 36, 18), die vom 27. Sept. bis zum 20. Dec 
365 reichen, enthalten sich widersprechende Orts- und Tagesdaten 
und müssen desshalb verworfen werden. C. Th. XI 2, 1 regelt die 
Steuererhebung in den Provinzen, kann also nicht an den Stadt- 
pr&fecten erlassen sein, obgleich es fälschlich seinen Namen tragt 

11. S. S. 292. 

12. Er war im Amt, als Damasus zum römischen Bischof or- 
dinirt wurde. 1. Oct. 366 Amm. XXVII 3, 12; vgl. Rossi Inscr. 
christ, urb. Rom. p. 100. Ein Fragment C. Th. XIV 3, 7 vom 



Digitized by CjOOQ IC 



STADTPRÄFECTEN BEI AMMIANUS MARCELLINUS 303 

8. Oct. 364, das, wie Datum und Inhalt bezeugen, zu dem an 
Symmachus gerichteten Gesetze XIV 21, 1 gehört, trägt fälschlich 
seinen Namen. Letztes Gesetz an ihn als Praefectus urbi — denn 
gleich darauf wird er Praefectus praetorio Galliarum — ist C. Th. 
IX 38, 3. 

13. Der Name C. I. L. VI 102 ; 1777—1779 ; C. I. G. II 2594 ; 
Symmach. ep. I 44 — 55; rel. 11; 12, 1; Boeth. de interpr. ed. sec. I 
p. 289. Frühestes Gesetz an ihn 18. Aug. 367. C. Th. VIII 14, 1. 
Denn C. Th. IX 40, 10 vom 8. Oct. 366 datirt, gehört zu XIV 4, 4, 
das denselben Tag und Ort, aber die folgenden Consuln in der 
Subscription aufweist. Spätestes Gesetz ?om 20. Sept. 368 C. Th. 
1 6, 6. Es muss hierbei darauf aufmerksam gemacht werden, dass 
die Unterschrift Valentiniano et Valente AA. corns, auf alle Con- 
sulate der beiden Kaiser, d. h. auf die Jahre 365, 368, 370, 373, 
bezogen werden kann, da die Iterationsziffern nicht oft, sondern 
fast regelmässig weggelassen sind. In der Reihe der Stadtpräfecten 
macht diese Zwei- oder vielmehr Vierdeutigkeit übrigens keine 
Schwierigkeiten. 

14. Der Name C. I. L. VI 1713, 1714; 1657; VIII 1860; 5334 
(dass diese Afrikanischen Inschriften auf ihn zu beziehen sind, zeigt 
in der ersten der Vorname Quintus; in der zweiten dürfte wohl 
in dem, was Delamare gelesen hat, CLODI HERMO | . . . INL V *TRI 
stecken CLODI HERMO|GENIA/oLTBRI, denn der Titel inlustris 
passt nicht für den Proconsul von Afrika); LR. N. 4085. Frühestes 
Gesetz an ihn vom 28. Jan. 369 C. Th. XIV 8, 2. Denn C. Th. II 
19, 4 und 20, 1 bezieht sich auf sein Proconsulat und C. Th. II 
19, 4; XIII 5, 9 haben die Compilatoren ihn fälschlich für Orfltus 
gesetzt. Spätestes Gesetz vom 21. Aug. 370 C. Th. II 10, 5. 

15. Der Vorname Pablius C. I. L. VIII 5337. Frühestes Ge- 
setz vom 1. Jan. 371 C. Theod. XV 10, 1; spätestes vom 5. Juli 
372 C. Th. VI 7, 1 + 9, 1 + 11, 1 + 14, 1 + 22, 4. 

16—18. S. S. 291. 
19. S. S. 290 und 297. 

Greifswald. OTTO SEECK. 



Digitized by CjOOQ IC 



AYKABA2. 

Od. % 306 f. sagt der noch in einen Bettler verwandelte Odys- 
seus zu Penelope 

Tovâ' avTOv Xvaaßavtog èlevoetcu iv&àd* 'Oâvooevg 
xov (â€v q>\Hvovtog firjvog %ov d* lovctfiévoio, 
wie vorher £ 161 schon zu Eumaios. — Was heissl Ivxaßagl 
Lichtgang. Aber Sonnenlicht oder Mondlicht, Jahr oder Monat? 
Das Wort begegnet uns in der Litteratur nicht so bald wieder. 
Bei Apollonios Rhodios A 198, Bion VI 15, in einer attischen 
Grabinschrift (C. I. A. III 1356), in einem nachchristlichen Epi- 
gramm eines rcafifiatixog aus Mitylene (Kaibel epigr. gr. n. 828), 
bei Triphiodor 6, und Philodemos (Anth. PaL V 13) finden wir 
es und zwar überall in der Bedeutung Jahr. Artemidoros II 12 
p. 99 (Hercher) sagt: Xtmaßav%ag yàç ol nonqxal %ovg hutv- 
xovg xaXovoiv, und bringt dann weiter die berühmte Erklärung 
der Scholiasten von den Wolfen, die sich in den Schwanz beissen, 
auch Macrobius Sat. I 17 berichtet, dass die Griechen in alten 
Zeiten das Jahr Xvxdßag genannt haben. Ebenso erklären die Scho- 
llen zu £ 161, Hesychios, Suidas und das Lexicon in Bekkers Anecd. 
das Wort mit 'Jahr'. Ihnen sind alle Erklärer bis heute gefolgt 
Man wird mir zugeben müssen, dass das räthselhafte Wort in 
der Litteratur nicht existierte, wenn es Homer nicht angewandt hätte. 
Alle späteren gebrauchen es mit bewusster leicht erkennbarer Re- 
miniscenz an Homer und mit absichtlicher Nachahmung des alten 
Dichters. Wie sie das Worl verstanden, ob Jahr oder Monat, ist für 
uns gleichgiltig. 1 ) Es fragt sich: was weiss Homer von dem Licht- 
gang der Sonne? dass sie Morgens den Himmel hinanklimmt und 
Abends sich zur Erde neigt (X 17 f.), dass sie im Westen versunken 
sich umwendet (o 404) und von den Menschen nicht gesehen den 
am Tage gemachten Weg umgekehrt zurücklegt. Aber dürfen wir 

1) So heisst TQonai rjelioio bei Homer (o 404) der Westen, wo die Sonne 
Abends umwendet, später die (astronomische) Sonnenwende. 



Digitized by CjOOQ IC 



AYKABA2 305 

Homer zutrauen, dass er nach dem Lauf und dem veränderten 
Stand der Sonne den Ablauf des Jahres berechnet? Dass in den 
im regelmässigen Wechsel wiederkehrenden Jahreszeiten der Stand 
der Sonne ein anderer ist, weiss er natürlich ebenso gut wie wir 
heute, aber wann ist das Jahr vollendet? Doch nicht, wenn die 
Sonne einen bestimmten Stand erreicht hat, sondern 'wenn, nach- 
dem oft die Monde (sich erneuert und) geschwunden, die (selben) 
Hören 1 ) wiedergekehrt sind' (x 470 % 152 a) 142 l 294 £ 294). 
Das Jahr ist ihm also ein Kreislauf, der an jedem Punkte beginnen 
kann und nach dem Umlauf der Monde und Tage und nach der 
Wiederkehr der Jahreszeiten an ebendemselben endet. Von einem 
Kalenderjahr findet sich keine Spur. Was soll das nun für ein 
Lichtgang der Sonne sein, den Odysseus hier meinen kann? Ich 
könnte einen Sinn darin überhaupt nur finden, wenn ich annähme, 
dass der Winter oder der Sommer sich seinem Ende zuneigte, dass 
die Tage nun nächstens wieder zu- oder abnehmen sollten 3 ); aber 
aueb dieses zugegeben: vermag Odysseus diesen Zeitpunkt zu be- 
rechnen, genau bis auf wenige Tage? Denn was heisst tov fikv 
(p&bovTOÇ fÂYjvbç %ov â' iatafiêvoiol Doch 'wenn der eine 
Mond schwindet, der andere aber erscheint'. 3 ) Wenn nun auch 
wohl der Ausdruck nicht so urgiert werden darf, dass man ver- 
stehen mttssle: 'am Neumond' 4 ), so ist doch die Zeitbestimmung 



1) Lehrs Popul. Aufs. 2 S. 80: ( Die Hören des Jahres: das sind nicht 
not h wendig drei oder vier bestimmte Jahreszeiten, sondern die Zeitwellen, 
welche durch Kennzeichen der Natur oder der Beschäftigungen .... kennt- 
lich und veränderlich einen Kreisgang vollenden und dann umwenden, um 
von neuem anzufangen'. 

2) Dass es in der Nacht kalt ist (£ 457 f.) und reift {q 25) , daraus ist 
natürlich bei den Schilderungen Homers ebenso wenig zu schliessen, wie dar- 
aus, dass die Bäume grün sind (n 47, v 102) und blühen (v 196). 

3) Sicherlich noch vor dem Vollmond , sonst wäre dieser genannt {vgl. 
S 484). 

4) 'Diese genaueste Zeitbestimmung* (Faesi Anm. zu Od. 1 162) halte ich 
allerdings für unmöglich 'nicht bloss,! 162', sondern auch t 307. Wie kann 
Odysseus Penelope mit solcher Sicherheit sagen: morgen (vgl. v 156, 276 ff., 
<p 258 mit den Erklärungen dazu) oder nach genau so uud soviel Tagen 
wird Odysseus zurückkommen, nachdem er ihr eben erzählt, derselbe sei noch 
nach Dodona gegangen, werde aber bald von da zurückkehren und dann vom 
König der Thesprotier heimgesandt werden?) Und was sollte in diesem Falle 
die Versicherung, dass Odysseus noch in diesem Jahre zurückkehren 
werde ? An einen späteren Neumond aber zu denken (so Damm Homerlexicon 

Hemes XVIII. 20 



Digitized by CjOOQ lC 



306 STENGEL 

ziemlich genau, denn die Worte werden bedeuten: von jetzt ab 
'im letzten Viertel 1 ) des Mondes oder wenn der neue Mond er- 
scheint'; wir würden dafür also sagen: Odysseus wird in dieser 
oder in der nächsten Woche zurückkehren. — Und wenn nun 
Xvxdßag das Jahr hiesse und auf die Sonne zu beziehen wäre, 
hat denn der Stand des Mondes auf diese Fixirung des Jahres- 
schlusses, soweit man von einer solchen bei Homer sprechen darf, 
gar keinen Einfluss? Soll das Jahr schliessen fitjvbg lax a photo 
während der Mond zunimmt, nicht mit einem Neumond, wie das 
doch so viel natürlicher wäre und wie es später geschah? Oder 
sollen wir annehmen, dass das (zwanzigste) Jahr verronnen war 
bis auf den einen 2 ) oder doch nur ganz wenige Tage? Das würde 
in dem Gedichte unzweifelhaft mehr als einmal ausgesprochen sein. 
Wer an Odysseus' Rückkehr noch glaubt, klammert sich eben an 
die Hoffnung, dass prophezeit war (ß 175), er werde im zwanzigsten 
Jahr zurückkehren, sollte der Dichter da nie Gelegenheit nehmen 
zu sagen, dass auch dies Jahr hingeschwunden war bis auf die 
letzten Tage oder gar den allerletzten Tag, den Neumond, an dem 
Odysseus die Freier tödlen sollte? Und wenn nun mit diesem 
Neumond das Jahr schliesst, und Odysseus kommt erst iatafiivoio 
jurjvôç, dann wäre er ja nicht mehr %ovd* avtov Xvxdßavtog 
(in dem zwanzigsten Jahr) zurückgekehrt. 

Xvxdßag bezeichnet also einen Zeitraum, in den ein Theil 
der Zeit, während welcher der Mond abnimmt, und ein Theil der 
Zeit, in welcher er zunimmt, fällt, nach dem Lauf der Sonne be- 
stimmt und berechnet Homer keine Zeitdauer 8 ), — also kann Xv- 
xdßag nicht Sonnenlauf, sondern nur 'Mond lauf sein. Dass 
die späteren Dichter und Scholiasten es für Jahr nahmen, ist ein 
sehr begreiflicher Irrthum, sie verstanden firjvog nicht Mond son- 
dern Monat, weil ihnen die Bezeichnungen prjvôg qt&lvortog und 

unter pn v $• 1519), geht vollends nicht an. Wie darf Odysseus behaupten, 
dass der Erwartete an diesem Neumond oder, wenn da nicht, dann erst am 
nächsten nach vier Wochen zurückkehren werde, in der Zwischenzeit aber nicht? 

1) Ich glaube nicht, dass fAyvoc qt&tvovroç hier die ganze Hälfte des 
Monats bezeichnen kann, während welcher der Mond abnimmt, und fiirjvèç 
ima/Airoio die andere Hälfte; der Zeitraum muss nach der ganzen Situation 
und Darstellung ein kürzerer sein. 

2) Wenn das Apollofest (v 156) am Neumond gefeiert wurde, so fiel 
dieser auf den nächsten Tag (<p 258). 

3) Vgl. darüber auch Ideler Handbuch der Chronologie I S. 261 f. 



Digitized by CjOOQ IC 



AYKABA2 307 

îoiapiévov für letztes und erstes Drittel des Monats geläufig 
waren. Wenn nun aber firjpoç schon Monat hiess, was blieb dann 
für XvxaßavTog anderes übrig als Jahr? Es stand ausserdem fest, 
dass Odysseus im zwanzigsten Jahr zurückkehren sollte, und auch 
dies mag die alten Erklärer bewogen haben, von vornherein %ovö 3 
avTOv XvAaßavtog für 'in diesem (dem zwanzigsten) Jahr noch' zu 
nehmen. Odysseus will aber mehr sagen: gan z nahe (t 301) steht 
die Rückkehr des Herrschers bevor, schon sind Schiff und Ruderer, 
die ihn von Tbesprotien herüberführen sollen, bereit (t 289 § 232). 
Kurz Xvxaßag bezieht sich auf den Mond und bezeichnet den Zeit- 
raum von vier Wochen, in dem das Mondlicht alle Phasen durch- 
läuft 1 )» hier aber ist dieser Zeitraum durch den Zusatz xov phv 
(p&lvovTog fitjvoç vov <T iavafiévoio auf das kürzere Maass von 
höchstens vierzehn Tagen beschränkt, in welchen der letzte Theil 
des Mondes verschwindet und der erste des neuen wieder erscheint 
(T 117) und zuzunehmen beginnt. 3 ) Ich übersetze die Verse also: 
'in diesem selben Mondlauf (noch) wird Odysseus hierher kommen 
(und zwar schon innerhalb des Zeitraums) während dieser Mond 
schwindet und der nächste zu scheinen beginnt'. 

1) Ich brauche kaum hinzuzufügen, dass dieser Ivxdßac nicht an einem 
bestimmten Tage anfangen und enden muss; er kann an jedem beliebigen 
beginnen und ist dann nach vier Wochen, wenn der Mond wieder in dasselbe 
Stadium getreten ist, abgelaufen; 'von einer Eintheilung der Zeit nach 
Monaten findet sich bei Homer keine Spur' (Friedreich Realien 2 S. 17), wenn 
auch die Lange derselben nach Monden gezählt wird. Vgl. Grote Griech. 
Gesch. (Meissner) I S. 273., 

2) Wer annehmen will, dass der ganze Zeitabschnitt in zwei Hälften ge- 
theilt wird, dass der Mond vierzehn Tage tp&ivtt und vierzehn Imatai (vgl. 
S. 306 Anm. 1) würde also in diesem zweiten Verse keine Beschränkung 
und genauere Bestimmung, sondern nur eine Umschreibung des ersten zu sehen 
haben. 

Berlin. PAUL STENGEL. 



20* 



Digitized by CjOOQ IC 



ZUR DOLONIE 

(Nachtrag za Bd. XV p. 557 ff). 

Meine Abhandlung Ober das Verhältnis der Dolonie zur Ilias 
hat, wie das ja in der Natur der Sache liegt, theils Zustimmung, 
theils Widerspruch erfahren. Soweit nun der letztere Gründe vor- 
bringt, muss er berücksichtigt werden. 1 ) 

1. B. Niese (die Entwickelung der homerischen Poesie, Berlin 
1882) erklärt den Vers K 243 

7iù)ç av %7t£iT 3 'Odvorjog eyci) &eioio la&oifjrjr; 
für das Original von a 65, weil hier das erteiTa * unstatthaft' 
sei. Freilich, wenn man ïnevca hier nur mit 'dann' oder 'her- 
nach' übersetzen könnte, so würde es allerdings unstatthaft sein. 
Aber wer übersetzt denn [quousque tandem durch 'wie lange end- 
lich'? Das erteiia in a 65 entspricht ganz unserm deutschen 
'denn' in der Frage. Es giebt dafür noch zwei Beispiele in der 
Odyssee. % 24 sagt Eurykleia zu Telemach: 

all 3 aye, %Lç toi ï ne it a fietoixofiéyt] qwcoç oïaei; 
und i 14 fragt Odysseus den Alkinoos: 

xi îiQuiTOv toi e 7i bit a y tL ô* vgtoltiov xaTaléÇa) xtX* ; 
Dies letztere Beispiel führt auch Lentz (de versibus apud Homerum 
perperam iteratis. Bartenstein 1881 p. 15 f.) an. Doch meint er, 
man müsse den Vers als Nachsatz zu den beiden vorhergehenden 

aol d 3 ifià xrjâea &vfioç IrteTçâftsTO OTOvoevTot 

êÏQia&\ oq>Q 3 %ti fiSllov oôvQOfievoç OTeva%i^w 
auffassen ^aeque res se habet ae si dixerit poeta: ineidfj &v(ioç 
ènerçànero, ri eitsiza xazaléÇw; ut persaepe usurpatur 
BTceita in apodosi\ Derselbe bemerkt dann p. 23, ïnena werde 
in Fragen ebenso gesetzt wie im Nachsatz, nirgends wie a 65, 
welcher Vers desshalb auch aus K 243 entlehnt sei. Da oben noch 
ein weiterer Vers (t 24) von mir nachgewiesen ist, in welchem 

1) Dass K 483 nicht aus % 308, sondern aus $ 20 stammt, habe ich in 
dieser Zeitschrift XVIII S. 81 gegenüber der früheren Darstellung XV S. 564 
schon berichtigt. 



Digitized by CjOOQ IC 



ZUR DOLONIE 30» 

'irteita genau so wie a 65 gebraucht ist, so wird die Beweis- 
führung von Lentz dadurch hinfällig. Wir haben eben in den drei* 
angeführten Beispielen das eneiTa einfach als der Odyssee eigen- 
tümlich anzuerkennen. 

Wenn übrigens Lentz meint, die Satzform, wie sie die a 6& 
entsprechende Stelle der Dolonie zeigt: 
ei i*kv ôrj fraçôv ye xelevete p avtàv êléodcu, 
nwç av htei%* 'Oâvaijoç èyu $eioio Xa&oifÂrjv; 
würde persaepe gebraucht, was dann Sittl (die Wiederholungen 
in der Odyssee S. 32) nachspricht, so ist das eine arge Täuschung, 
Dass Iftwta im Nachsatz von Bedingungssätzen häufig vorkommt, 
ist freilich bekannt (vgl. Classen Beobb. S. 30). Dass aber der 
Nachsatz Frageform hat r dafür habe ich in der Odyssee kein ein- 
ziges, in der Ilias ausser K 243 nur noch / 437 gefunden. Dort 
sagt Phönix: 
434 ei fièv drç vàazov ye fietà q>çeoi, qxxidip' 3 A%iXkev, 

ßdXXecu, 

7FcSg av eneiT àub oeïo, q>ilov véxoç, av&i liTtotftrjv, 

oloç; 
Ich finde an dieser Formulirung des Satzes so wenig auszusetzen, 
dass ich vielmehr glaube, dass sie dem Verf. von K Vorbild ge- 
wesen ist, um mit Benutzung des Odysseeverses (o 65) etwas ähn- 
liches zu erreichen. Denn dass er 65 das Original zu K 243 ist, 
scheint mir Sittl (a. a. 0. S. 33) schlagend durch den Hinweis darge- 
than zu haben, dass das &yu> im Munde des Zeus bedeutsam sei, 
im Munde des Diomedes gar keinen Sinn habe. Zwar irrt Sittl, 
wenn er den Gegensatz: 'aber Poseidon' u. s. w. zu dem èyé 
a 65 annimmt. Denn es bezieht sich vielmehr auf die Frage der 
Athene (59): 

ovdé vv aol neQ, 

èvTçértejai <pilov tjtoq, 3 Olv/Arzie; 
'Und selbst du nicht einmal kümmerst dich darum?' Doch will 
ich durch diese Richtigstellung dem Funde Situs keinen Abbruch 
thun, zumal die Behauptung, die ich XV S. 561 hinstellte, dass 
der Ausdruck in K unnatürlich oder wenigstens geschraubt sei, 
oun noch um so mehr einleuchtet, wenn ich den gebührenden 
Nachdruck auf das Pronomen lege: wenn ich mir denn einen Ge- 
fährten selber wählen soll, wie dürfte denn ich des göttlichen 
Odysseus vergessen? 



Digitized by VjOOQ IC 



310 GEHOLL 

2. SitÜ (a. a. 0. S. 68) modificirt meinen Nachweis, dass die 
Dolonie nach der Odyssee gedichtet sei, dahin, dass dieselbe zwar 
nach den beiden Haupttheilen der alten Odyssee, aber vor der 
Telemachie entstanden sei. Für die letztere Anschauung spreche 
K 158 = o 45. Er hat in dieser Auffassung die Billigung von 
C. Rolhe (Phil. Wochensch. 1882 Nr. 46) gefunden. Beiden Ge-' 
lehrten ist etwas in meiner Darstellung dunkel geblieben, denn sie 
sprechen von gröblichem Missverständniss ') der Scholien, wo ich 
meine eigene Ansicht entwickele. Da mir ausserdem ein neues 
Moment der Beweisführung hinzugekommen ist, so gebe ich die 
betreffende Stelle noch einmal in veränderter Fassung. Vielleicht 
dass wir uns dann verständigen. 

Nestor weckt den Diomedes (K 157): 
%bv Ttaçoràç avéyeiçe rsQijvioç litnoxa NéoTWQ 
Ààf nodi xivrjoaç w%Qvvé %e velxeoê t* ävrtjv' 
ïyQBOy Tvdéoç vie, %L 7tàvvv%ov vnvov awteïç; 
In der Odyssee (o 45) weckt Telemach den Pisistratus auf 
dieselbe Weise: 

XàÇ 7C0ÔÏ xivrjoaç nal fiiv rtQOÇ pv&ov ïemtv 
syçeo, Nsatoçiârj x%X. 
Nach Aristonikos (zu K 158) hatte Aristarch den Vers làÇ noôi 
xivrjoaç xtà. in der Ilias mit einem Sternchen bezeichnet, weil 
er ihn dort für echt, in der Odyssee für unecht hielt. Als Be- 
gründung geben die Scholien (A) an, dass es doch seltsam wäre, 
wenn Telemach den Pisistratus mit dem Fusse aufwecke, statt mit 
der Hand, dass dies dagegen von dem ankommenden Nestor bei 
dem auf der Erde schlafenden Diomedes durchaus natürlich sei 
(vvv fitèv yàç ehôvœç èni %rjç yijç xoifiuifievov ovtcjç iyelçei). 
Eine etwas andere Begründung enthält das schol. Harl. und Vind. 
133: hei yccç TtQoarjxôvTœç NéovwQ xoifAOjfievov Jioprjdrjv avi- 
orrjGi, xvipai KaTOxvrjoaç dià to yîJQaç. Dem Urtheil 
der Alten haben sich die Herausgeber seit Wolf, wie es scheint 
sämmtlich, angeschlossen. 

Es kann sich aber bei dem Odysseeverse auf keinen Fall um 
eine Interpolation, sondern nur um eine Nachdichtung resp. Nach- 
ahmung handeln, wie schon Hennings (Telemachie S. 196) er- 

1) Das gröbliche Missverständniss ist ganz auf Seiten meiner Tadler, die 
meine Auffassung in den Odysseescholien suchten, während sie, wie obige 
Darstellung ergiebt, in den Iliasscholien zu suchen war. 



Digitized by CjOOQ IC 



ZUR DOLONIE 311 

kannte. Derselbe vermisste mit Recht, wie neuerdings Sittl (a. a. 0. 
S. 31) die Einleitungsformel der Rede. Die Hauptsache ist aber, 
dass auch der folgende Vers in der Odyssee mit dem 
entsprechenden der Ilias in seinem Anfange über- 
einstimmt, was Hennings nicht gesehen und Sittl in meiner 
Darstellung nicht beachtet hat. 

Die Entscheidung nun aber, ob K 158 oder o 45 das Original 
biete, ist sehr schwer. Wenn die Alten den Fusstrilt Nestors ganz 
in der Ordnung fanden, sei es weil er stand, oder weil ihm das 
Bücken zu sauer wurde, den Fusstritt des Telemach aber nicht, 
so habe ich das früher für ein subjectives Urlheil erklärt und 
bleibe dabei stehen. Ich wüsste nichts dagegen einzuwenden, wenn 
jemand erklärte, dass er dem jugendlichen Telemach in seiner Auf- 
regung (vgl. Schol. Q zu o 45) den Fusstritt mit dem unbeschuhten 
Fuss verzeihe, dem greisen Nestor aber, dem weisen Berather der 
Achäer, der doch beschuht einherkam, aber nicht. 1 ) 

Darum liess ich es ehedem dahingestellt, welche von beiden 
Stellen das Original biete. Gegenwärtig entscheide ich mich für 
die Odyssee. Denn in dem Verse K 159 

eyçeo, Tvôioç vlé, %L 7tàvvv%ov vnvov àwtiïç; 
finde ich in Isyçeo eine Uebereinstimmung mit o 46, in der nur 
zweimal vorkommenden Phrase v/tvov acoteïv eine solche mit 
x 548. Dort weckt Odysseus seine Gefährten: 

fArjuitt vvv evâovTsg à io tel te yXvxvv vtzvov, 

àXV ïofiev. 
Wegen dieser doppelten Uebereinstimmung in K glaube ich 
berechtigt zu sein, die Odysseestelle o 45 für das Original von 
K 158 zu erklären, ohne von methodisch geschulten Philologen 
deswegen gescholten zu werden. 

Da nun Sittl weiter keine Beweise für seine Behauptung, die 
Dolonie sei vor der Telemachie gedichtet, vorbringt, so wüsste 
ich keinen Grund weiter, der mich hinderte, bei meiner früheren 
Auffassung zu bleiben, dass die Dolonie nach der Odyssee ge- 
dichtet ist. 

1) Warum berührte er den Diomedes nicht mit der Lanze (135)? 

Wohlau. ALBERT GEMOLL. 



Digitized by CjOOQ IC 



MISCELLEN. 



EIN ANGEBLICHES FRAGMENT DES ERATOSTHENES. 

Lex. Seg. 215, 19. anoxrjçvKTOç: 6 int éfnaQrrj^àtwv 
èxrtêowv vrjç narç(paç olxlaç' iKnolrjvoç âè 6 ètéçip âoâ-êiç 
eionoirjoaoxïai. oiltcoç 'EçaTOO&évrjç. 

Dem Citât gemäss bat Berohardy Eratosthenica p. 235 die 
Glosse als Fragment des Eratosthenes angeführt und es am ge- 
eignetsten gefunden, dasselbe den Fragmenten der Schrift 7zbqI 
açxalag xcofiyôiaç einzureihen. Moritz Schmidt Didymos p. 50 
beobachtete, dass wie die Lykophroncitate, so auch die Eratosthenes- 
citate bei den Lexikographen aus Didymos herrühren und weist 
daher obige Glosse auch der kéÇiç xcc/junci? des Didymos zu. 

Aber weder gehört das Fragment dem Eratosthenes an, noch 
dient die Glosse zur Erklärung einer Komikerstelle, noch ist Di- 
dymos als Vermittler der Glosse zu erweisen. Als ich nämlich zum 
Zweck einer Fortführung meiner Untersuchungen über die grie- 
chischen Lexikographen den Cod. Coisl. 345 nachcollationirte, fand 
ich zwar Bekkers Ausgabe fast durchgehends sehr zuverlässig, aber 
gerade in obiger Stelle schlich sich ein merkwürdiges Versehen ein. 
Die Worte ovicoç > EQatoad , évrjç stehen gar nicht in der Hand- 
schrift, sondern an ihrer Stelle ßndet sich von sehr später Hand 
folgender Zusatz zum Worte slanoirjoae&ai : Idtwnoirjoae&ai 
(sic) wç &etov. — Da die Handschrift stark beschnitten und mit 
einem festen Einbände versehen ist, kann man nur, wenn man 
den Band im Rücken etwas auseinanderbiegt, jene Worte am Ende 
der Zeile erkennen. Zudem ist wç &e%ov abgekürzt (wc*£ xv ) ge- 
schrieben und in diesen Umständen ist wohl die Ursache des 
Bekkerschen Irrthums zu suchen, wennschon das ldi07toir t oao#ai 
nach Schrift und Dinte sich deutlich genug vom Texte abhebt. 



Digitized by CjOOQ IC 



EIN ANGEBLICHES FRAGMENT DES ERATOSTHENES 313 

Inhaltlich verräth die Glosse attikistisches Interesse und ist in 
Zusammenhang zu setzen mit Lex. Seguer. p. 247, 10: ixnolrj- 
tov yevéo&ai: àrtOW]QV%\Hjvai ex %ov yévovç üiorzec elo- 
nolrjtoç 6 $e%ôç. noXXoï ai %ov%o noiovai %tâv natiQwv 
tovç rtalâaç avxûv, otav iv taïç àç%aïç nXéipavteç Ifotiowoiv 
cA&oeo&ai h vaïç ei&vvaiç. rjtoi ovv irc\ %ov açxorroç imi 
%b exTtolrjTOVy fj vaèç tijç ova lag vrjç vneçti&sfihrjç eiç aXlovç 
ôtà TTjv fCQoaôoxlav %&v ev&vvtôv. Jiaqtéçei de èxrtolq- 
%oç OLTtoxrjQvxTOv. 6 fièv yàç ènl xoXâoei exßalketcu' o 
ôk ixfioltjfoç vno %ov q>vaei ncrtçôç eiç älXov oîxov diâovai 
sic diaiv. Diese Glosse, die am Schluss den Inhalt derjenigen, 
Ton der ich ausging, wiedergiebt, dient augenscheinlich zur Er- 
klärung einer Rednerstelle und schon Valckenaer hat höchst wahr- 
scheinlich in den Animadvv. in Ammonium p. 27 als diese Stelle 
Aeschin. in Ctesiph. § 21 ovo 9 hutohqxov yevéo&ai bezeichnet. 
— Auch Stephanus' Thesaurus weist nur Prosastellen für das Wort 
ànoxTjQvxTOç nach und Pollux bemerkt IV 93 to fdevtot, ovopa 
o ànoxrJQvx'ioç ovx loiiv iv XQV au *5 nalatç. Qeôitop- 
noç ôè avtqi xéxQi}*<*t o ovyyçayevç, àlV ovèev ~ ova&fiirjvop 
dç iQfifjvelaç xqioiv. — Auf die Herkunft der Glosse aus einem 
CoHimentare zu den Komikern weist nichts. 

M. Schmidt hat zuerst gezeigt, dass die Glossen des fünften 
Bekkerschen Lexikons gr up pen weis aus verschiedenen Quellen ent- 
nommen and, unter die er die Lexika des Diogenian, Ailios Dio- 
nysios und Pausanias rechnet. Bei der Glosse ânoxiJQvxvoç stossen 
zwei solche scharf abgegrenzte Gruppen zusammen. Die letztere 
enthält durchweg Glossen zur Dekas der attischen Redner und ist 
durch ihren Sprachgebrauch als zusammengehörig charakterisirt. ! ) 
Diese Glossen kehren ebenso regelmässig bei Suidas in umfang- 
reicherer und ursprünglicherer Form wieder, als sie durchgehends 
im Lexikon des Hesychios fehlen. Bei Hesychios aber steht die 
Glosse aTZOxrjQvxroç mit den gleichen Worten wie im Bekkerschen 
Lexikon, nur dass ihr Ende durch eine Lücke verstümmelt ist: 
àrtoxrjQVXTOç: o iîtï a/xaçtr^aoïv êxneoœv vfjç navQcoaç 
oixiaç Da nun die der Glosse bei Bekker voraufgehen- 
den Artikel sich gleichermassen bei Hesychios finden, und eine 



1) Dass sie dem Kaikilios von Kaiakte zuzuschreiben sind, habe ich in 
meiner Abhandlung de Harpocrationis fontibus nicht erwiesen. 



Digitized by VjOOQ IC 



314 MISCELLEN 

alphabetische Anordnung verrathen, so dürfte mit Naber Prolegg. 
ad Photium p. 174—176 an Diogenians Lexikon als Quelle zu 
denken sein. Diogenian wird die Glosse einem Attikisten entnom- 
men haben , ob gerade dem Ailios Dionysios, wofür die Glosse 
"Aßvdoc Lex. Seg. 215, 5 sprechen könnte, ist gar nicht zu er- 
mitteln und es ist nur noch zu bemerken, dass wir bei Ammonios 
ed. Valckenaer p. 19 (Eranius Philo p. 156) Thomas Magister p. 37, 4 
inhaltlich gleiche Erläuterungen der beiden Synonyma finden. — 
Die Glosse l*Ttolr\%ov yevia&ai kehrt bei Suidas und im Etym. 
M. 323, 38 wieder. 

Göttingen. K. BOYSEN. 



DER BEGRIFF DES TIMHMA IM ATTISCHEN 
STEUERSYSTEM. 

Böckh hat in einer durch ihren Scharfsinn und ihre Umsicht 
in gleicher Weise bewunderungswürdigen Erörterung (Staatshaush. 
d. Ath. I S. 636 ff.) dfe Auffassung begründet, dass das tlfirjfia, 
welches nach dem im Jahre des Archonten Nausinikos Ol. 100, 3 
eingeführten und seitdem in Kraft gebliebenen Systeme in Athen 
der Erhebung der directen Steuern zu Grunde gelegt wurde, ein 
nach dem Vermögen der Steuerpflichtigen stufenweis steigender 
Procentsatz desselben sei. Dagegen hat Rodberlus in Hildebrands 
Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik Bd. 8 S. 453 ff. als 
den Begriff des rifitj^a den des Einkommens und mithin als das 
Wesen der directen Besteuerung in Athen das einer progressiven 
Einkommensteuer zu erweisen versucht. 

Wie sehr Wachsmuth (die Stadt Athen im Alterth. I S. 582 
Anm. 1) im Unrecht war, der nationalökonomischen Ansicht als 
der 'einzig möglichen' den Vorzug vor der älteren philologischen 
zu geben, haben sich Lipsius (Jahrbücher f. Philologie 1878 S. 289) 
und Thumser in der vortrefflichen Schrift de civium Atheniensium 
muneribus p. 16 mit Erfolg zu beweisen bemüht. Es wird aber 
nicht überflüssig sein, ihren Gründen das Gewicht einer Urkunde 
hinzuzufügen, welche für sich allein geeignet scheint, die Unmög- 
lichkeit der von Rodbertus angenommenen Bedeutung des Wortes 
tlfitjfia ausser jeden Zweifel zu setzen. Es ist der zuerst von 



Digitized by CjOOQ IC 



TIMHMA IM ATTISCHEN STEUERSYSTEM 315 

Wescber in der Revue archéologique 1866 (XIV) p. 352 herausge- 
gebene Miethscontract, dessen Datirung den An lass zu einer Be- 
sprechung Kirchhofe (Hermes II S. 169) gegeben hat; der Sorg- 
falt Tbumsers ist die Inschrift nicht entgangen, ohne dass sie von 
ihm ausgenutzt worden wäre. 

Aussteller der in die makedonische Zeit gesetzten Urkunde ist 
eine Vereinigung von acht dem Demos Kytheros angehörigen Per- 
sonen, welche zum gemeinsamen Betriebe kaufmännischer Geschäfte 
unter einer bestimmten Firma zusammengetreten waren. ! ) Als Ge- 
genstand ihrer Thätigkeit lernen wir die Verwerthung von Grund- 
stücken kennen, welche die Firma erworben hatte, denn sie ver- 
miethet einem gewissen Eukrates eine Werkstatt mit dabei befind- 
licher Wohnung im Peiräeus und ein durch den Zusatz %b Inl 
tov Konçiovoç kenntlich gemachtes Häuschen in Erbpacht für einen 
jährlichen Zins von 54 Drachmen. Nachdem die vereinbarten Zah- 

1) Zu dieser Auffassung scheint uns der Ausdruck der Urkunde ipl- 
c&Mttv (acht Namen) Kv&tjçiav ol pecUcci zu zwingen, /usça/jç, von Pollux 
8, 136 unter den Wörtern angeführt, welche bei Auseinandersetzung eines 
Eigenlhums die Theilbesitzer bezeichnen, heisst bei Polybios 4, 29, 5. 8, 31, 6; 
Alkiphron 3, 46; Ps. Demosth. G. Zenothemis 25 der Theilhaber an einem 
Gewinn; an der letzteren Stelle steht es von der Theilnahme an einem ge- 
schäftlichen Verdienst (6 yag ây&QQ)noç 6 JIqoôtoç ïfaç pèy $£?o toy olioy 
tioâoç èX&ôvra noiqativ . . ., paXXoy jjQtUo avroç rc xtgdäycu . . . Ç 
xtaaxoivùtyijaaç tovtoiç tijç /Âfy ù)<ptXsiaç xovtovç noirjaai /ueçiiaç. — ol 
l*q>Uai bedeutet demnach eine zum Zwecke des Geldgewinns gebildete Ge- 
nossenschaft oder, um mit einem Alten zu reden (Harpokration unter xowoi- 
rixaïi'), eine Gesellschaft kxovcioy xowtovlay <jw&e/xiya)y i/unoçlaç. Fragen 
wir nach der Beziehung der acht Männer zu den Kytheriern, so kann mit 
dem Genitiv Kv&qçlojy nicht blos die Demenzugehörigkeit der piqUcu be- 
zeichnet sein, da dies aus allem Gebrauch herausfiele: dieselbe wäre durch 
den Zusatz von Kv&tJQun zu den Namen ausgedruckt worden. Ebensowenig 
ist es möglich, dass sich der Demos der acht Genossen als bezahlter Vermittler 
zur Verwerthung seines eigenen Grundbesitzes bedient , da sie dann die Ge- 
meinde, nicht sich selbst als Vermiether nennen mussten. Es wird demnach 
schwerlich eine andere Auffassung der fraglichen Bezeichnung als der einer 
Firma möglich sein, wie auch jetzt Actien- und andere Handelsgesellschaften 
sich nach ihrem Domicil zu benennen lieben. Unsere Stelle erlangt dadurch 
for die Kenntniss der attischen Handelsverhältnisse nicht geringen Werth. 
Möglicher Weise bildeten die acht Männer nicht eine feste Gesellschaft, son- 
dern ein in der heutigen Sprache so genanntes Consortium, d. h. eine nur zur 
Erledigung eines Geschäftes, oder eines Complexes gleichartiger, ad hoc ge- 
bildete Vereinigung; für eine ständige Firma wäre die grosse Anzahl der 
Theilhaber auffallend. 



Digitized by CjOOQ IC 



316 MISCELLEN 

lungstermine und die übrige Verpflichtung- des Miether», für den 
sein Vater Bürgschaft leistet, angegeben, auch für beide Theile 
Conventionalstrafen im Falle des Contractbruches festgesetzt sind 
und die uns erhaltene Aufzeichnung des Uebereinkommens in Stein 
und seine Aufstellung an einem geweihten Orte angeordnet ist 1 )» 
schliesst die Urkunde mit den Worten kàv dé [riç] ehnpoçà 
yiyvr\xai $ aXko %i an . . . cofia*) %qqiuq otqtovv, eioqtiQuv 
Eixçatrjv %axà to il fir] pa xa#* èrtrà fivaç. &eoi. 

Eukrates hatte also die Verpflichtung übernommen, die auf 
den Werth der von ihm gemietheten Räumlichkeiten entfallenden 
directen Steuern, welche gesetzmässig die Besitzer zu tragen ge- 
habt hätten, anstatt ihrer zu entrichten. Der vorher (Z. 13) ge- 
brauchte Ausdruck àtêXèç ànaviœv wird durch diese Bestimmung 
eigentlich unrichtig, und wir würden nach unseren Rechtsgewohn- 
heiten erwarten, dass die Exemtion von der festgesetzten Immunität 
ausdrücklich als solche bezeichnet würde; in einem griechischen 
Vertrage ist jedoch eine formale Incorrectheit nicht auffällig, am 
wenigsten in einem unter Privaten abgeschlossenen. Dass die Eis- 
phora xaTct %b TifArjpa zu veranlagen war, ist nach dem gültigen 
Steuersystem selbstverständlich ; der Zusatz xa& 3 iitxa ywaq kann 
nur den Zweck haben zu bestimmen, in welcher Höhe das rlfrrjfxa 
für den vorliegenden Fall anzunehmen ist, er muss die auf dem 
Princip der Selbsteinschätzung beruhende Declaration enthalten, 
welche für den Ansatz der Steuern den nöthigen Anhalt bietet. Be- 
zeichnete nun lifirjpa wirklich, wie Rodbertus meint, das Jahresein- 
kommen, so wäre in unserem Vertrage jede Declaration überflüssig 
gewesen, denn der jährliche Ertrag der in der Urkunde genannten 
Räume war der Miethszins von 54 Drachmen. Hätte man, was in In- 
schriften öfter geschieht, das Selbstverständliche dennoch ausdrücken 
wollen, so hätte diese Summe, neben welcher keine zweite für die 
Fixirung des tifArj^a in Betracht kommen könnte, wiederholt wer- 



1) Die richtige Lesung der betreffenden Worte (Z. 25: naçà xov %qo>) ist 
von Dittenberger gefunden (Hermes XVI S. 199 f.). 

2) Leider weiss ich eine Ergänzung der fehlenden Buchstaben , die sehr 
wünschenswerth wäre, nicht vorzuschlagen, obgleich Herr Professor Ulrich 
Köhler die Freundlichkeit gehabt hat, mir seine Abschrift der Stelle mitio- 
theilen: den fragmentirten Buchstaben vor dem Iota hält er für H oder E, 
auch f. sei nicht unmöglich. Zum Gluck berührt diese Locke im Verständniss 
der Inschrift den Punkt nicht, um den es sich uns handelt. 



Digitized by CjOOQ IC 



TIMHMA IM ATTISCHEN STEUERSYSTEM 317 

den müssen; da eine andere genannt ist, so kann nichts sicherer 
sein als dass das Einkommen für die Berechnung der Eisphora 
nicht zu Grunde gelegt worden ist. 

Steht dies fest, so lässt unsere Inschrift nur die beiden Mög- 
lichkeiten offen, dass rtfurjfict das Vermögen oder dass es eine 
Quote desselben bezeichnet. Da die erstere Alternative durch die 
Unterscheidung von Vermögen und tlfirjfÂa bei Demosthenes 27, 9 
ausgeschlossen ist, so ist die zweite als zutreffend erwiesen. 

Unsere Aufgabe ist hiermit erfüllt, doch werden wir von unserer 
Inschrift nicht scheiden wollen, ohne die Bedeutung der behan- 
delten Stelle völlig klar gestellt zu haben. 

Die grammatische Beziehung, in welcher die Worte xatct to 
tiprjfia ita&' êntà pväc unter einander stehen, ist nicht ohne 
weiteres einleuchtend : i/rri fiväc kann Apposition zu tlfirjfia sein, 
in welchem Falle sieben Minen den Betrag desselben ausmachen, 
oder die Worte können so verstanden werden als wenn sie deut- 
licher lauteten %atà to tl/Arj/Act to xa#* kntct ftvaç: dann sind 
sieben Minen die Summe, von welcher das ti^rjfia berechnet wird 
also der Kaufwerth der vermietheten Räumlichkeiten. Wenn wir 
den ersteren Sinn annehmen wollten, so hätten sich selbst unter 
der unwahrscheinlichen Voraussetzung, dass als tlfitjina der Satz 
der höchsten Steuerklasse, d. h. V* des Kapitals gerechnet ist 
(Demosth. 27, 7), die Vermiether mit einem Zinse von 1 19 /35 Procent 
begnügt, der so niedrig ist, dass er unter allen Zeugnissen ober 
den in Athen üblichen Ertrag arbeitender Kapitalien allein stünde. 
Sind dagegen sieben Minen der Kaufwerth der Baulichkeiten, so 
beträgt der vereinbarte Miethszins 7 6 /? Procent, welcher Ansatz zu 
der einzigen erhaltenen Nachricht, welche das Verhältniss der Miethe 
zum Wertbe des Grundstücks zu berechnen gestattet, bei Isaeus 
11, 42 (Böckh Staatsh. I S. 198), vortrefflich stimmt. Sie beträgt 
hier nämlich 8 4 /7 vom Hundert, und es ist natürlich, dass unserem 
Eukrates ein besonders massiger Ansatz gewährt wurde, da er in 
der Entrichtung der Eisphora eine vorher gar nicht abzuschätzende 
Last auf sich nahm, ganz abgesehen davon, dass er sich auch ver- 
pflichtet hatte, zwei von den übernommenen Räumlichkeiten auf 
seine Kosten erst in Stand setzen zu lassen. 

Es braucht wohl kaum bemerkt zu werden, dass man sehr 
irren würde, wenn man durch unsere Inschrift erwiesen glaubte, 
dass in die Kapitalgrenze, von welcher die Verpflichtung zur Eis- 



Digitized by 



Googk 



318 MISCELLEN 

phora begann, schon die geringe Summe von sieben Minen ein- 
geschlossen gewesen sei; sie besagt nur, um wieviel der übrige 
Besitz des Miethers bei der Veranlagung zu steigern ist. 

Berlin. MAX FRÄNKEL. 



ZUR INSCHRIFT VON LARISA 

(vgl. Hermes XVII S. 468). 

Bei einem zweiten Aufenthalt in Larisa hat H. G. Lolling 
die Philipposinschrift einer abermaligen Vergleichung unterzogen, 
deren Resultate er so gütig war mir sofort mitzutheilen. Ich lasse 
sie hier folgen: 

Z. 7. Der Artikel vor noXixüa fehlt. 

Z. 12. ENE<|>ANI^OENAYTOY. 

Z. 14. OX. sicher. 

Z. 40 am Ende AEZ/ . 

Z. 52. KAEONAA2. 

Z. 53. PITOINAIOS. 

Z. 54. MAXINEIOS. 

Z. 55. Für Iîoli[et\xaiog nicht Raum genug in der Lücke. 

Z. 59. KOjBIAAlOS. 

Z. 61. SOY~§H§S, also Zovtàâaç. 

Z.62. KOAffOS. 

Z.71. IANEIOS. 

Z. 77. STPATOYNEIOS; am Ende der Zeüe wahrschein- 
lich APYB 

Z. 78. Anfang sicher TAIOS , also wohl 'Aqvßyaioc. 

Z. 80. Doch wohl MNASIMAXOS. 

Z. 83. AAP(?)ATAAAIOS. 

Z. 85. METOYPOS. 

Z. 86. OPE3TAI0O2, die ersten sieben Zeichen in Rasur, 

an Stelle anderer getreten, 'Oçeoiàdaioç kann nicht 

gemeint sein. 

Z. 87. EIPOYIAAIOS. 

C. R. 



Digitized by CjOOQ IC 



MISCELLEN 319 



ZU LIVIUS. 



31, 49, 2 heisst es bei Madvig 1 ), Weissenborn*) und Hertz: 
Furius . . in aerarium tulit trecenta viginti milia aeris, argenti 
centum milia quingenta. 

Bei Angaben dieser Art bezeichnet die blosse Zahl neben dem 
Genetiv des Stoffes (aeris, argenti) die Stückanzahl der Münzen. 
Nur selten wird die specielle Münzsorte neben argenti angegeben, 
häußger argenti selbst mit einem Zusatz wie bigati versehen. Die 
Worte oben bedeuten also: 'an Silber 100500 Stück', d.h. Denare. 
Die allgemeine Bezeichnung der Stückeinheit ist aber für römische 
Auffassung nummus, dessen masculines Geschlecht gegebenen Falles 
zum Ausdruck gebracht werden muss; vgl. 10, 30, 10; 33,23, 7. 9. 
27, 2; 37, 58, 4; 40, 43, 6; 41, 13, 7. Hieraus folgt, dass oben 
quingenta (die Bamberger Handschrift hat D) in quingentos zu 
ändern ist. 

34, 10, 4 lautet der Text bei Weissenborn (Teubner) und 
Hertz: argenti infecti tulit in aerarium . . . et signati bigatorum 
septendecim milia viginti tria. 

Aus dem soeben Gesagten ergiebt sich, dass nicht tria, son- 
dern très zu lesen ist; hier findet sich ja sogar bigatorum aus- 
drücklich hinzugefügt, und eine Zeile später schreiben beide Her- 
ausgeber richtig quadringentos. 

36, 40, 12 haben alle Ausgaben: transtulit . . argenti infecti 
factique . . duo milia trecenta quadraginta pondo, bigatorum num- 
morum ducenta triginta quattuor . militibus, qui etc. 

Auch hier müsste ducentos geschrieben werden, wenn das 
Sachverhältniss das gleiche wäre wie an den beiden vorher be- 
sprochenen Stellen. Allein die Summe von 234 Denaren ist neben 
den anderen Angaben viel zu winzig; pondo aus dem Vorhergehen- 
den zu ergänzen geht nicht, da gemünztes Geld nicht gewogen 
wird (nur einmal, mit ungemünztem Silber zusammen 26,47,7); 
bleibt also nur übrig, milia vor militibus einzufügen resp. anzu- 



1) Madvig schreibt argenti centum milia mille quingenta. Diese Con- 
jectur ist abzulehnen , da der ungewöhnliche Ausdruck durch 26, 14,8 nicht 
geschützt wird; vgl. 37, 59, 4. 

2) Weissenborn nimmt hinter argenti eine Lücke an (es soll etwa bigati 
oder signati ausgefallen sein); vgl. dagegen 40, 38, 6. 



Digitized by CjOOQ IC 



320 MISCELLEN 

nehmen, dass über den Zahlzeichen der Tausendstrich von den 
Abschreibern vergessen ist; vgl. 33, 37, 11. 

36, 39, 2 liegt die Sache ebenso. In den Worten argenii 
transiulit duodecim milia pondo, bigott argenti centum triginta, am 
centum viginti septem pondo muss meiner Meinung nach nothwendig 
CXXX slatt CXXX geschrieben werden. 

Berlin. H. J. MÜLLER. 



(Mir* 1883) 



Digitized by CjOOQ IC 



TIBULLISCHE SAGEN. 

Wir sind gewohnt, Tibulls Elegien gegenüber den Gedichten 
der anderen romischen Elegiker eine Sonderstellung anzuweisen. 
*Er hat nichts schulmässiges', lautet das Urtheil eines Kenners, 
'weder rhetorisch schulmassiges wie Ovid, noch alexandrinisch 
schulmässiges wie Properz. Er wurzelt durchaus im Boden seiner 
Nationalität and dichtet auf diesem Boden rein menschlich. Wie 
sein Aberglaube echt römisch, so ist seine Mythologie Religion, 
nicht Buchgelehrsamkeit'. Soweit jenes Urtheil. Ich bin weit ent- 
fernt, seine Richtigkeit im Allgemeinen zu bestreiten, ja ich kann 
selbst die Ausnahmen oder Quasiausnahmen, welche man von 
dieser Regel zu machen pflegt, nicht als berechtigt anerkennen. 
Das siebente Gedicht des ersten Buchs, das an Messallas ägyptischen 
Aufenthalt anknüpfend in Form einer Digression auf das vornehmste 
Ereigniss in der ägyptischen Göttergeschichte, die Thaten und Lei- 
den des Osiris, eingeht — gewiss weil Messalla, zu dessen Ge- 
burtstag jenes Gedicht bestimmt war, diesen Mythenkreis kannte 
und schätzte — ist darum keine Ausnahme, weil es nur Bekanntes 
erzählt. Ebensowenig entfernt sich der Katalog der Verdammten 
— zu denen Tibull alle diejenigen hinabwünscht, welche seinem 
Liebesleben hinderlich sein könnten — in der dritten Elegie des 
ersten Buchs von den allergewöhnlichsten Namen der griechischen 
Mythologie und thut gerade dadurch in seiner Umgebung die 
prächtigste Wirkung. 

Nichtsdestoweniger giebt es Fälle, wo Tibulls Mythologie in 
der That Buchgelehrsamkeit und nicht Volksreligion ist, wo er also 
dem speciflschen Charakter der hellenistischen Poesie ganz nahe 
kommt. Anerkannt sind sie zur Zeit noch nicht. Das Hauptbei- 
spiel, die fünfte Elegie des zweiten Buches, hat, nur um nicht 
Ausnahme von der Regel zu sein, eine Kritik und Erklärung gerade 
für den mythischen Theil erfahren müssen, die meines Erachtens 
den Thatsachen Gewalt anthun und nothwendig eine Berichtigung 

Rtnnti XVIII. 21 



Digitized by CjOOQ IC 



1 



322 MAASS 

erheischen. Der zweite Beleg, um den es sich weiter handeln 
wird, Vers 58 der Elegie des zweiten Buches, ist verdorben und, 
wie mir scheint, nur mit Hilfe der dahin gehörigen Sage, einer 
hellenistischen Sage, wiederherzustellen. 

Uebrigens fürchte ich nicht, gegen meine Behandlungsweise 
einen principiellen Widerspruch zu erfahren. Selbst wenn der Nach- 
weis, dass in den genannten Gedichten seltene und dem letzten 
Stadium griechischer Sagenfiction angehörige Fabeln zur Verwen- 
dung gekomihen sind, mir gelingen sollte, so soll damit noch 
keineswegs für wahrscheinlich gelten, dass Tibull sie mit bewusster 
Absichtlichkeit aus entlegenen Winkeln einer Litteratur, gegen 
welche er eine tiefe Abneigung empfunden haben muss, hervor- 
gezogen habe. Ausnahmen pflegen das Gesetz, von welchem sie 
auszunehmen sind, lediglich zu bestätigen; und so liegt von vorn- 
herein die Vermuthung sehr nahe, dass der Dichter von dem wirk- 
lichen Ursprung der fraglichen Sagen nichts geahnt, mit andern 
Worten, die primären Quellen für jene Raritäten selbst nicht ge- 
kannt hat. Ist das doch erwiesenermassen bei andern Dichtern 
jener Epoche nicht anders. Es kommt wesentlich darauf an zu 
wissen, dass sich dergleichen auf Umwegen zu den Schriftstellern, 
dif uns heute vorliegen, hinüberzuretten pflegte. 

I. 

1. Die fünfte Elegie des zweiten Buchs ist von den besten 
Kennern augusteischer Poesie eingehend behandelt und aufs schärfste 
analysirt worden. Ihre Arbeiten haben ein sicheres Resultat er- 
geben: die vielen und umfangreichen Athetesen, die Annahmen 
der Unfertigkeit und Lückenhaftigkeit, mit denen in diesem Ge- 
dicht experimentirt worden ist, sind hoffentlich für immer beseitigt. 
Was aber den Erklärern von Dissen bis Leo — ohne dass sie es 
freilich eingestehen — Schwierigkeiten bereitet hat, das ist der 
•Mythus, von dessen Auffassung die Interpretation und die Kritik 
eines grössten Theils der Elegie abhängt, oder wenigstens nach 
meiner Ansicht entschieden abhängig zu machen ist Um das dar- 
zuthun, muss ich in Kürze ihren Inhalt, soweit er für den Mythos 
in Betracht kommt, angeben. 

Apollo wird angerufen. Er soll erscheinen zur Priesterweihe 
des Messalinus, Messallas Sohn. Mit Cither und Gesängen als xi&a- 
çtoôôç soll er erscheinen. 'Du siehst das Zukünftige, durch Dich 



Digitized by 



Google 



TIBÜLLISCHE SAGEN 323 

deutet der Augur den Flug der Vögel; durch Dich erkennt der 
Haruspex, wenn die Eingeweide der Opferthiere vom Gotte durch 
Male gezeichnet sind. Was alles weissagt den Römern die nie 
fehlende Sibylle I Zu ihren Orakeln gewähre Messalinus Zutritt 
und lehre ihn selbst, was sie spricht. Sie war es, die dem Aeneas, 
als er Vater und Laren gerettet, die Orakelsprache mitgab : freilich 
glaubte er nicht an Roms Entstehung, als er von hoher See auf 
das brennende Ilion zurücksah. Rastloser Aeneas — sagte die 
Seherin zu ihm — der Du auf flüchtigen Schiffen die troischen 
Beiligthümer mit Dir hinwegführst: schon weist Juppiter Dir das 
Laurentische Gebiet an, schon ruft das gastliche Land die irrenden 
Hausgötter.' 

Ich muss hier inne halten, um die wichtigste Vorbedingung 
zum Verständniss der Situation sofort zu erledigen. Wo und wann 
empfängt Aeneas von der Sibylle die schriftlichen Orakel — denn 
das bedeutet sortes — wie die mündliche Prophezeiung? Die Verse 
Haec dédit Aeneae sortes, postquam ilk parentem 
dicitur et raptos sustinuisse lares 
lassen an sich eine doppelte, richtiger eine dreifache Auffassung 
zu. Es fragt sich nämlich, ob in ihnen nur ganz allgemein die 
zeitliche Aufeinanderfolge der beiden Handlungen ausgesprochen 
werden soll, oder ob es gilt, aus dem Inhalt des Nebensatzes ein 
ganz genaues Zeitkriterium für die Fixirung der Haupthandlung 
zu gewinnen. Nehmen wir den letzten Fall, so ergeben sich wieder 
a priori zwei Möglichkeiten, zwischen denen indessen die Wahl 
nicht zweifelhaft sein kann. Entweder ist das sustinuisse dicitur 
perfectisch zu nehmen: dann soll der unmittelbar nach dem Act 
des Tragens eingetretene Zustand bezeichnet werden: 'als Aeneas 
Vater und Laren getragen hatte und nun damit gerade fertig war', 
d. h. sie vorläufig (noch in der Troas) in Sicherheit gebracht hatte; 
oder es ist aoristisch zu verstehen und bezeichnet den Moment 
des Aufnehmens: in diesem Falle wäre Aeneas, als er mit der 
Sibylle zusammentraf, gerade im Begriff gewesen aus der Stadt 
erst zu fliehen. Unpassend redete ihn dann die Sibylle an: 
impiger Aenea, volitantis frater Amoris, 
Troica qui profugis sacra vehis ratibus: 
Worte, die durch ihre Stellung ausdrücklich von dem Inhalt der 
Weissagung, welche erst mit iam tibi beginnt, ausgenommen sind, 
also auf etwas Wirkliches, nicht erst Zukünftiges hinweisen, sei 

21» 



Digitized by CjOOQ IC 



324 MAASS 

es, dass Aeneas gerade im Begriff ist mit seinen Schiffen von der 
troischen Küste abzustossen, sei es, dass die Seefahrt schon über- 
standen ist. Mit der perfectischen Auffassung des sustinuisse dt- 
eitur dagegen vereinigen sich jene Worte zu einer genauen Orts- 
und Zeitbestimmung : das Local ist die troische Küste, die Zeit der 
Moment der Abfahrt. 1 ) 

Diese unzweideutige Situation ist es nun, welche den Aus- 
legern durchaus nicht in den Sinn will. Alienum hoe a Tibuüo 
bemerkt Dissen lakonisch, und Leo — der einzige, welcher eine 
eingehende Besprechung der Frage überhaupt für nothwendig er- 
achtet hat — kommt in seinem lehrreichen und feinsinnigen Auf- 
satz über einige Elegien Tibulls (Philol. Unters. II) aus ganz allge- 
meinen Betrachtungen — nicht auf dem Wege der Interpretation 
— zu dem Schluss, 4 Tibull muss sich den Ort der Weissagung 
dort gedacht haben, wo ihn seine Landsleute sämmtlich dachten', 
nämlich am Avernersee bei Cumae in Unteritalien. Gesetzt auch, 
jene Erwägungen wären sachlich gerechtfertigt, so dürften sie doch 
nur dann helfend hinzutreten, wenn die grammatische Interpre- 
tation ihre Pflicht gethan und ergeben hat, dass es ihrer über- 
haupt bedarf. Aber einmal hat das die Grammatik hier noch nicht, 
und zweitens sind Leos allgemeine Erwägungen , so weit sie die 
Sage als solche angehen, nur mit einer starken Einschränkung 
haltbar. Freilich Vergil 1 ), Ovid 8 ) und sonstige Zeugen 4 ) reden nur 
von der Sibylle aus Cumae. Andere indessen kennen ausser ihr 
noch eine andere — eben die unsrige. So heisst es bei Livius 
I 1, 4: Aeneas sei von Sicilien direct nach Latium gesegelt, ab 
Sicilia classe ad Laurentum agrum tenuisse. Da konnte die Sibylle 
bei Cumae gar nicht mehr befragt werden; sie sollte es offenbar 
nicht. Es ist dies um so auffälliger, als derselbe Livius I 7 sich 
auf die Cumanische Sibylle ausdrücklich bezieht'), sie also kennen 

1) Die Wechselbeziehung jener Distichen sa einander schliesst die zweite 
an sich mögliche Deutung auf die Ankunft in Italien, wie mir scheint, noth- 
wendig aus, obwohl Leo aus Gründen, die ich nicht kenne, sie fur die allein 
zulässige erklärt, Phil. Unt. II S. 10. 

2) Jen. VI 36 ff. 3) Metam. XIV 100 ff. 4) De Sib. ind. p. 35 & 
5) Euander tum ea profugus ex Peloponneso auctoritate magü quam 

imperio regebat loca, venerabiks vir miraeulo litter arum, rei novae itaUr 
rudes artium homines, venerabiHor divinitate crédita Carmentae matris, 
quam fatiloquam ante Sibyllae in Iialiam adventum miratae eae genta 
fuerant. Die Sibylle kam von Erythrae nach Cumae. Die Sage ist tùnadsch. 



Digitized by CjOOQ lC 



T1BULLISCHE SAGEN 325 

musste, findet aber ohne Weiteres seine Erledigung, wenn man den 
zum Theil völlig identischen, aber vollständigeren Bericht bei Dionys 
zur Ergänzung heranzieht. Auch Dionys lässt seinen Aeneas mit 
der italischen Sibylle nicht zusammentreffen; auch Dionys lässt 
ihn von Sicilien direct nach Latium schiffen: auf Palinurum Pro- 
cida Hisenum wird nur flüchtig und aus Gründen angelegt, die 
für den innern Zusammenhang der Erzählung absolut gleichgük 
tig sind und darum in Livius' summarischem Bericht übergangen 
werden. Aber derselbe Dionys giebt uns 1 56 die nöthige Auf- 
klärung über seine (und also auch des Livius) Auffassung dieser 
Dinge. Aeneas habe die Sibylle in der Troas bereits befragt, 
heisst es dort an einer Stelle, die eine genauere Besprechung unten 
erfahren wird. Also dass alle Zeitgenossen des Dichters sich den 
Ort der Begegnung zwischen der Sibylle und Aeneas bei Cumae 
gedacht hätten, ist entschieden unrichtig. 

Doch wir sind mit der grammatischen Interpretation jener 
Verse noch nicht zu Ende. Es bleibt nämlich an sich die bereits 
angedeutete dritte Möglichkeit bestehen, dass nichts als das zeit- 
liche Verhältniss der beiden im Haupt- und Nebensatz enthaltenen 
Handlungen ausgedrückt sei, also etwa so: 'nach der bekannten 
Rettungsthat des Aeneas erfolgte — irgendwann und irgendwo, 
möglicherweise erst nach zehn Jahren in Italien — die Begegnung 
mit der Sibylle". Darauf läuft Dissens und Lachmanns allerdings 
mit Reserve abgegebene Erklärung hinaus: vtdetur poetae senientia 
haec potius fuisse, Âeneam cum paullo post discessum Ionias Ery- 
thraeas appulisset, ibi ab Erythraea celeberrima Sibylla accepisse ora- 
atittm; wobei ich noch einmal bemerke, dass eine Beziehung auf 
Erythrae im Gedicht keineswegs vorhanden, sondern willkürlich 
hineingetragen ist. Aehnlich findet sich Leo mit den Versen ab. 
'Der Satz mit postquam\ sagt er, 'hebt ganz allgemein die rühm- 
lichste und bekannteste That des Mannes heraus, ohne einen be- 
stimmten Zeitmoment anzugeben'. Wägt man nun die beiden Mög- 
lichkeiten der Interpretation, die sich uns ergeben haben, nach 
ihrem inneren Werthe gegen einander ab, so wird bei einem Dichter 
wie Tibull diejenige entschieden den Vorzug verdienen, welche die 
dargestellte Situation individuell bestimmt, d. h. in unserm Fall 
örtlich und zeitlich fixirt Dann ist die Troas für das Local der 
Weissagung zu halten, für den Moment die Abfahrt von der troi- 
schen Küste. 



Digitized by CjOOQ IC 



326 MAASS 

2. Mir würde diese Betrachtung genügen , um die seit den 
ältesten Interpreten schwebende Frage nach der Situation, die das 
Gedicht in diesem Theile voraussetzt, als erledigt anzusehen. 

Aber glücklicher Weise hat der Dichter durch ein weiteres 
directes Wort zur Genüge dafür gesorgt, dass seine Vorstellung 
von der fraglichen Handlung jedem, auch dem hartnäckigsten 
Zweifler zur Evidenz gebracht werden kann. 

Sogleich an die behandelten Verse schliesst sich das folgende 
Distichon : 

nee fore credebat Romam, cum maestus ab alto 
Ilion ardentes respiceretque deos. 
Keine Auslegekunst kann ohne Gewalt diese Verse auf einen andern 
Moment beziehen als auf die Abfahrt des Aeneas vom troischen Ufer. 
Wenn Aeneas vom Meere aus auf das brennende Ilion zurück- 
schauend nicht glaubte, dass Rom entstehen werde, so setzt 
diese Ungläubigkeit unmittelbar nach der Abfahrt mit aller 
nur denkbaren Nothwendigkeit voraus, dass er vorher — also von 
der Sibylle noch in der Troas selbst — die auf Roms Gründung 
bezüglichen Orakel erhalten hat; sie sind es eben, denen er beim 
Anblick der brennenden Stadt misstraut. An dieser Stelle mussten 
naturgemäss die Ausleger, welche vorhin die Situation aus der 
Troas zu entfernen suchten, Gewaltmittel anwenden. Aber der 
Dichter lässt sich nicht meistern. 1 ) 

Als Resultat der Untersuchung hat sich uns Folgendes er- 
geben: das Local der Weissagung war die Troas, ihre Zeit die 

1) Leos GoDjectar Troiam für Romam leidet zudem ao einem bedenk- 
lichen Mangel, insofern sie das nicht leistet, was sie verspricht. Was kaoa 
denn nee fore credebat Troiam anders heissen als 'er glaubte nicht, dass 
Troia entstehen werde'; es soll aber und müsste heissen: 'wiederent- 
stehen werde*. Der Begriff der Wiederholung aber, den der Sachverhalt er- 
heischt, ist weder in dem fore noch in einem der übrigen Satzglieder ent- 
halten. Die Belegstellen, die Leo gesammelt, beweisen auch nicht, was sie 
sollen. So ist Properz V 1, 87 

Troia cades et Troica Roma resurges 
natürlich ganz in der Ordnung wegen der beiden iterativen Begriffe Troica 
Roma und resurges. Lucan IX 998 

Romanaque Pergama surgent 
scheint mir womöglich noch deutlicher: ein römisches Pergamon ist eben da 
zweites Pergamon« Schliesslich, um hier abzubrechen, wenn Siliua XIII 6t 
sagt locant melioris moenia Troiae, so liegt hier der Begriff der Wieder- 
holung im Gomparativ. 



Digitized by CjOOQ IC 



TIBULLISCHE SAGEN 327 

Abfahrt des Aeneas vom Ufer; die Sibylle ist also ihrer Nationalität 
nach für troisch zu halten. 1 ) 

3. So sicher nun die troische Sibylle für Tibull erwiesen ist, 
so merkwürdig muss sie jedem erscheinen, der ihre Geschichte 
kennt Ihre Entstehung verdankt sie lediglich dem Localpatriotis- 
mus des Demetrius aus Skepsis, einem Städtchen der Troas, sie 
ist nichts als die jüngere Doublette der alten und echten Ery- 
thraeerin, von der sie nicht nur den Namen Herophile, sondern 
auch ihren stehenden Beinamen içv&çala geborgt hat, nur dass 
dieser nun nicht mehr als Ethnikon der ionischen Stadt Erythrae 
gefasst werden durfte, sondern von der èçv&Qr) MctQnrjooôç, 
einem troischen Dorf, abgeleitet ward, welches Demetrius anknü- 
pfend an eine dort localisirte obscure und späte Sibyllenlegende 
zur Heimath seiner Herophile bestimmt hatte. Diese spielte nach 
Pausanias' Bericht 2 ), welcher indirect aus Demetrius stammt, eine 
ganz wesentliche Rolle während des troischen Krieges, wobei sie 
sichtlich Kassandras Functionen übernommen hat. 

Aber Tibull repräsentirt eine Fortbildung der demetrianischea 
Legende. Mit Aeneas' Fahrt nach Italien nämlich und vollends 
mit der Gründung von Lavinium und Rom konnte Demetrius seine 
Sibylle nicht in Verbindung bringen. Liess er doch , wie uns 

1) In den Versen der Ilias Y 306 f. (nachgeahmt im Hymnus auf Aphrodite 
Tg. 196 f.) vvv 6ï ârj Aivtiao ßitj Tgtütoeiv àvâÇa fl xal natö&v naïâtç, toi 
*& {UToma&e ykv ouvrai fanden freilich die alten Erklärer einen Besag auf 
Rom heraas (vgl. unten S. 329), um mit der späteren Âeneassage Ueberein- 
8timmung herzustellen. Natürlich ist davon im Homer keine Spur vorhanden. 
Aber die Stelle scheint mir eine treffende Parallele zu unserm Tibullverse, 
falls man Troiam zu ändern sich gestattet. In beiden Fällen begehen die 
betreffenden Ausleger denselben Irrthum : sie fordern, dass man von dem, was 
der Dichter sagt, gerade das Gegentheil verstehen soll. — Uebrigens findet sich 
in der Hypothesis der Kyprien eine ganz identische Situation, wie mir Robert 
nachweist: xal lAqtcoaixy Âlvùav ovpnUlv avi$ (dem Paris, als er Helena 
zu rauben ausfahrt) xsXtvti' xal Kaaaâvâqa neçl tôSv {aùXqvtuv nQoâijkoï. 
Also anch die Personen sind identisch: denn dass die troische Sibylle Kassan- 
dras Stelle vertritt, ist evident (S. 335). Robert hält diese Situation in der 
Kyprienhypothesis für das Original der oben behandelten Darstellung. . 

2) X 12. Ich muss fur diesen Punkt wie für den übrigen mythologischen 
Theil der Untersuchung über U 5 auf de Sibyllarum indicibus verweisen. 
— Nach Rieses Referat im litt. Centralblatt 1880 Nr. 23 soll ich der Ansicht 
sein, ( Pausanias habe lediglich Sibyllae gratia die Troas durchwandert'. Diese 
Behauptung ist allerdings S. 5 aufgestellt — aber nur um auf den nächsten 
zwanzig Seiten widerlegt zu werden! 



Digitized by CjOOQ IC 



328 MAA8S 

Strabo berichtet, m genauem Anschluss an das zwanzigste Buch 
der Ilias seinen Aeneas nach Troias Zerstörung gar nicht aus? 
wandern, sondern ruhig in Skepsis fortregieren. So tritt denn 
zwischen Tibuil und Demetrius eine dritte scharf gezeichnete Per* 
sönlichkeit ein, die Demetrius' Fiction mit der nicht demetrianischta 
Auswanderung des Aeneas nach Italien eigenmächtig verknüpft hat: 
denn anzunehmen, diese Venmttelung sei erst von Tibuil follzogen 
worden, ist unstatthaft Zudem liegt ein ausdrückliches Zeugniss 
▼or, dass sie bereits vor Tibuil in eine» Buche über römische 
Vorgeschichte existirte. Dionys berichtet nämlich über die Grün- 
dungsorakel von Lavinium I 55 in zwei Varianten, von denen die 
eine hierher gehört, wie folgt: v\v yctq %t $io(pa%ov avioïç, §0$ 
fiév tiveg Xéyovaiv, kv dwdwvt] yevoptvov tag 6* ereçoê h 
*Eçv&(>ctîç o%edbv vîjç'ïârjç, hr&a $xei 2ißvXXa àm%taQla rûfUffl 
XQï]Ofi(pd6ç, ff ovtoïç etpçaae nXeïv ini dvQfi&v rjliov f ea^ç 5» 
êiç %ov%o %b %(OQiov SX&tovt*, èv <p xatéâovtai tàç %çct7ié^€tç' 
otctv ôè %ov%o iiét&woi ysvôfievop, fjyeftova %€tçctnoôa itouq- 
vafAévovç, ftrzov av *â(4j] %b Çqtov, iv%av&a deifiaa&ai nôXiv. 
Die Meinungsverschiedenheit der beiden Zeugen bezieht sich aus- 
schliesslich auf die Orakelstätte. Nach Dodona verlegt sie Varro 
— der Gewährsmann für die erste Variante bei Dionys — nach 
dem Scholion zu Vergil Am. III 256: ttf Varro in secundo divi- 
narum antiquitatum diät, oraculum hoc a Dodonaeo love apud Epi- 
rum acceperunt. Die zweite Variante nennt freilich als Orakel- 
geberin die Sibylle iv 'Eçv&çalç o%edov rijç'Iâriç; aber ein Ort 
'Eçv&çai existirt in der Troas nicht. Ihn auf dieses Zeugniss 
allein hin anzunehmen ist zum mindesten sehr unvorsichtig. Denn 
da jenes hypothetische "Eçvâçai mit der iQv$Qrj MaQftrjcoôç, 
einem Dorf der Troas, nach welchem auch diese Sibylle €Qv&çaia 
hiess, offenbar identisch ist, so folgt mit Evidenz, dass Dionys das 
sehr verzeihliche Versehen passirt ist, arglos an dem schlauen 
Grammatikerpfiff des Demetrius vorbeizugehen und die ihm unver- 
ständliche 'erythraeische Sibylle vom Ida', welche er in seiner Quelle 
fand, in eine 'Sibylle aus Erythrae am Ida' auf ganz natürliche 
und verständige Weise, wenn auch unrichtig, zu verwandeln. Nun 
bedarf es kaum noch eines besonderen Hinweises auf die Identität 
der Erzählungen bei Tibuil und Dionys: nicht nur, dass die Si- 
bylle des Demetrius mit der Aeneassage bei beiden dieselbe feste 
Verknüpfung eingegangen hat, sogar das Orakel, welches sie bei 



Digitized by CjOOQ IC 



TIBULLISCHE SAGEN 329 

Dionys dem abfahrenden Aeneas ertheilt, kehrt bei Tibull wieder 
Vs. 44 f. 

Imn tibi Laurents adsignat Iuppiter agro$, 

tarn votât errantes hospita terra tare». 

Vs. 49 Ante oculos Lmrens castrum murusque Lavinitt. — 

Noch zwei versprengte Bruchstücke dieser Version der Aeneas* 
sage bin ich in der Lage nachweisen zu können. Zu den be- 
kannten Worten Poseidons in der Ilias Y 307 f. 

vvv de dt) Ahdao ßiij Tquieooiv avâÇu 
%ai Ttaiôuw jmïàeç, toi xev fietoïsw&ê yévuiviai 
bietet der Townleianus folgendes Scbolion : vi fiiv ai % 'Putpaiavc 
tpaoivy Stisq êiâévcu %àv noiv\%r\v ix %äv 2aßvXXr$ xQiqa^iUv. 
Und zu N 460 

aiei yàç UQiafiq} €7te^vie ditp (seil. Aeneas), 
Ovis* CLQ êo&lov èàvia pet* àvÔQçtoiv ovti tleaxev 
moüvirt derselbe Erklärer (wie der Vergleich mit Schol. F 307 
lehrt) die Zurücksetzung des Aeneas seitens des Priamus auf fol- 
gende Weise: âià iqvtq ènefirjvtev Aivtiq, ôiôvi naqi %ov 
*ùhr fiàvtewv ijxovaev, rig /*e%à %i]v ältoatv vijç Tçoiaç fiiklu 
ufbeiaç xtloai nolêv. An die cumanische Sibylle hier zu denken 
verbietet einmal die Chronologie — sie lebt 400 Jahre nach Troias 
Fall — und zweitens die Situation: Priamus hat sie selbst be- 
fragt , und Pfiamus hat in Italien nichts zu schaffen. Somit ist 
die Sibylle, die Aeneas' Auswanderung und Roms Gründung pro- 
phezeit, auch hier keine andere als die troische Herophile, die am 
Ida haust. Leider wird der Verfasser der beiden Scbolien nicht 
namhaft gemacht. 

Alles weitere ist Sache der Quellenuntersuchung. Wir haben 
vier von einander unabhängige Zeugen, zwei Historiker (Dionys 
und Livius) den Homerscholiasten und den Dichter, denen allen 
direct oder indirect derselbe Autor über römische Gründungsge- 
schichte zu Grunde liegt Ihn gilt es jetzt womöglich noch schärfer 
zu charakterisiren und zu bestimmen. 

i. Es ist zunächst beachtenswert, dass er die ältere, den 
Römern geläufige Erzählung von der italischen Sibylle verworfen 
und sich dadurch in Widerspruch zu dem Vater dieser Sage 
Timaeus und der von ihm vertretenen Chronologie gesetzt hat. 
Timaeus knüpfte die Gründung Roms direct an Troias Untergang. 
Dem entsprechend Hess er seinen Aeneas mit der auf die neunte 



Digitized by CjOOQ IC 



330 MAASS 

Olympiade fixirten erythr&isch-cumanischen Sibylle in Italien zu- 
sammentreffen, obwohl vier Jahrhunderte zwischen beiden liegen. 
Diesen chronologischen Fehler hat unser Autor mit Bewusstsein 
dadurch vermieden, dass er an Stelle der späten Erythraeerin eine 
dem Aeneas gleichzeitige Seherin setzte. Deren gab es nun frei- 
lich mehrere. 

h. Ein höchst wichtiges Kriterium scheint mir ferner der 
Umstand , dass jener Historiker den Tqwmoç diaKOOfioç des De- 
metrius von Skepsis selbst gelesen hat. Einmal ergiebt sich daraus 
mk Wahrscheinlichkeit seine Nationalität: bei keinem Römer, auch 
nicht bei Varro, ist directe Kenntniss jenes ganz entlegenen Buches 
nachweisbar. Dazu kommt ein zweites Moment: Demetrius ist Anti- 
aristarcheer. Seine heftige Polemik gegen Aristarchs Hemerkritik, 
sowie seine Vorliebe für monumentale und topographische For- 
schung — die mit der stoischen Grundanschauung, dass Homer 
ôiôctoxaXiaç %(*(>iv gedichtet habe, dass also das latOQixov yivog 
einen sehr wesentlichen Bestandteil der Homerphilologie bilde, 
eng zusammenhängt — schliesslich die unmittelbare Nähe von 
Pergamum weisen ihn, wie mir scheint, mit hinreichender Sicher- 
heit auf die Seite des Krates, dessen jüngerer Zeitgenosse er war, 
jedenfalls der pergamenischen Gelehrten. Wenn Grammatiker nach- 
christlicher Zeit (von Raritätensudlern wie Athenaeus sehe ich 
füglich ab) hie und da auf Demetrius' Commentar zum homerischen 
Schiffskatalog Rücksicht nehmen, so ist nicht zu vergessen, dass 
damals die Gegensätze der Richtungen auf dem neutralen Boden 
der Reichshauptstadt sich allmählich auszugleichen und allerdings 
auch zu verflachen begannen: Didymus ist des Zeuge. Der Dichter- 
erklärer Theon, des Artemidorus Sohn, welcher zu den Benutzern 
jenes Commentars gehört 1 ), ist zudem Aristophaneer und steht 
durch den Umfang seiner Studien und die Vorliebe für sachliche 
Forschung den Krateteern nicht fern; ebensowenig Apollodorus 
von Athen, der freilich von Aristarch gelernt, aber die Anregung 
zu seinen Hauptarbeiten entschieden nicht Aristarch, sondern den 
Stoikern, vor allem dem Panaetius, einem directen Schüler Pole- 



1) Auch Epaphroditus gehört hierher. — Das ganze Material bei Gaede 
Demetrii Scepsii quae supersunt (Diss. Gryph.) 1886 p. 15 ff. — Wenn 
übrigens einmal Demetriu9 (fr. 68 = Strabo IX p. 438) den Krates corrigirt, 
so kann das nicht gegen die oben vorgetragene Ansicht geltend gemacht 
werden. 



Digitized by CjOOQ IC 



TIBULLISCHE SAGEN 331 

mons, verdankt. 1 ) Dass Àpollodorus am Hofe von Pergamum ver- 
kehrt hat, ist ausdrücklich bezeugt. Wenn also Apollodorus seinem 
Commentar zum homerischen Schiffskatalog Demetrius' paralleles 
Buch zu Grunde legt, verbessernd, erweiternd oder auch polenii- 
sirend : so erscheint das unter jener Voraussetzung ganz natürlich. 
Finden wir nun zu derselben Zeit oder wenig später — jedenfalls 
vor Livius — einen Schriftsteller, welcher demetrianische Gedanken 
und Erfindungen, die der gesammten sonstigen so reichen und so 
weit verbreiteten Ueberlieferung widersprachen, ja sie Lügen straften, 
nicht nur gläubig nacherzählt, sondern sogar in einen für jene 
Zeiten gewiss nicht harmlosen Zusammenhang mit der Entstehungs- 
geschichte der Reichshauptstadt brachte, so hat es mindestens grosse 
Wahrscheinlichkeit, dass er der Richtung des Demetrius wie dem 
pergamenischen Gelehrtenthum überhaupt nahe gestanden hat. Um 
diese Wahrscheinlichkeit zur völligen Sicherheit zu erheben, be- 
darf es nur eines Hinweises auf die neuerdings von Wilamowitz 
(Philol. Untersuchungen IV S. 77) gemachte Beobachtung, dass die 
uns vorliegende Gestalt der römischen Archäologie im wesentlichen 
der pergamenischen Philologie verdankt wird, während sich die 
aristophanische Schule, soweit das aus den dürftigen Nachrichten 
zu ersehen ist, so wenig wie die aristarchische mit ihr zu be- 
schäftigen ein Interesse verspürte. Dazu stimmt die Art der Homer- 
interpretation, welche unser Autor in den bereits erwähnten Versen 
Y 307 f. vvv de dij Alvelao ßitj Tçcoeaaiv avâÇei 

%ai n a law v nctïôeç, roi xev /ÀBtOTtia&e yévtovzai 
befolgt hat, aufs beste. Er bezog sie nicht auf Aeneas Fortregie- 
rung in der Troas, sondern willkürlich einer jüngeren iatoqla 
zu Liebe auf Roms Gründung und künftige Herrlichkeit; er ver- 
stiess somit gegen den vornehmsten Grundsatz der aristarchischen 
Kritik (von der Aristonicus zu der Stelle also berichtet: orjptei- 
ovvxai rtveg — nämlich Aristarch — nçoç ttjv laxoqiav x<u 
litù p er ay q depo va L rtveç 'uiivelœ yeverj rtàvxeooiv ctvàÇei', tag 
itQO&eanïÇpvtoç %ov 7tott]%ov zrjv 'Pwfiatwv àç^v) befand sich 
dagegen in völliger Uebereinstimmung mit der Weise des Krates 
und der Krateteer, welche die homerischen Gedichte auf Kosten 
der grammatischen Exegese zur Fundgrube mythologischer Weis- 
heit machten. 



1) Diels Rhein. Mus. 1876 S. 6 Anm. 



Digitized by CjOOQ IC 



332 MAASS 

in. Ein weiteres Kriterium liefert uns derselbe Homerscholiast. 
Wenn es bei ihm heisst, Homer kenne das spätere Schicksal de» 
Aeneas und der Aeneaden aus den Orakeln der Sibylle, so 
ist darin deutlich genug die Anschauung ausgedrückt, Homer habe 
sich eine ausgiebige Benutzung der sibyllinischen Orakel gestattet, 
also nichts geringeres als einen litterarischen Diebstahl begangen; 
eine Anschauung, die gerade von unserer Sibylle auch sonst aus- 
gesprochen ist, z. B. bei dem Chronographen Bocchus, wie Solin 
p. 38 (ed. SL) berichtet. Sie hat ihren Ursprung in dem dritten 
Buch der Sibyllinischen Orakel V. 419 ff. (entstanden um 124 v. Chr.), 
nur dass hier natürlich von der jüdisch-babylonischen Sibylle die 
Rede ist. Die Verse lauten: 

xai %ig ipsväoyQaqtog UQiaßvg ßQOzbg ïoostai av&iç 
ipivdônaïQiç' èvou as q>aog iv onjjoiv éjjaiv' 
vovv de nolvv xai ïnoç & %&i aft&QOv duxvoiag 
ovvo/iaoiv aval iiioyôiievov Xiov de xaXiaaet 
avzov xai yçâipei va xa%* "iXtov ov fikv àktj&wg 
àXXà ooqtüg* insoiv yàç> è/ÂOïg pévQOig te xçatyoei' 
rtQWJog yoQ xeicsooiv èpàg ßißXovg àvanhaou* 1 ) 
aitbg à 3 ai fiala xoofirjoei rcoléfioio xoQvataç .... 
xal y$ &eovç tovtoiot naçlotaoSal ye norjoei 
xpevôoyçaçxJov 2 ) xatà itâvvat çôrtov fiéçoïtag xe- 

voxQavovg. 
Diese gegen den Sänger von Ilium ausgesprochene Beschuldigung 
setzt jene selbstbewußte jüdische Ansicht voraus, dass das Vor- 
züglichste, was die Griechen besitzen, aus den heiligen Schriften 
der Juden entlehnt sei. Derjenige also — so werden wir schlieft- 
sen — , welcher das hier ursprüngliche Motiv zuerst auf die troische 
Sibylle übertrug, hat mit Bewusstsein die angeführten, gegen Ende 
des zweiten Jahrhunderts vor Christus entstandenen Orakel corrigirt, 
sie also jedenfalls gekannt. Damit ist ein äusserst wichtiges Erken- 
nungskriterium gewonnen. Es giebt nur zwei griechische Schrift- 



1) Qyprjv$ die Hdss., was unverständlich ist. Der Nachahmer XI 169 
las àva7iX(ti<Jti: avroç yaq nQiônaieç ipàç ßißlovc âranXriou xr*. ctrcc- 
vêipQ Alexandre Or. SibylUna (Paris 1869) p. 106. Âus IX 168 habe ich 
auch fdiQOiç für das handschriftliche fiéigojy eingesetzt. 

2) Stellen wie Suid. t. v. Jayiôaç Ttkjuiaaevç yça/upaTixoç (Pergamener) 
yiyçwpèç neçï 'Opycov »al rijç avrov noirjatojç or* éipevaafo. ' AJh f vm Ui 
yttQ ovx icTQdrtvcav in* lUw u. a. gehören natürlich nicht hierher. 



Digitized by CjOOQ IC 



TIBULLISCHE SAGEN 333 

steller, Oberhaupt nur zwei Heiden, soviel ich weiss, die jenes 
Product jodisch -hellenistischer Litteratur der Kenntnissnahme für 
werth erachtet haben. Von diesen zweien kann für unsere Frage 
einer nicht in Betracht kommen, erstens weil er Mythograph ist, 
nicht Historiker, zweitens weil er sich nicht mit der troischen 
Sibylle, sondern mit Daphne, Tiresias Tochter, beschäftigt. 1 ) 

iv. Da schliesslich Livius wie Dionys unserm Historiker in 
einer so merkwürdigen und auffälligen Erzählung sich ohne wei- 
teres angeschlossen haben, so steht zu erwarten, dass dieser auch 
sonst und schwerlich nur ausnahmsweise bei beiden herangezogen 
worden ist. 

Ich konnte mich bei der Constatirung dieser Erkennungs- 
kriterien beruhigen. Unserm Autor einen Namen zu geben, das 
mag recht wichtig sein für die Gründungslegenden der Stadt Rom, 
insbesondere für die Quellenanalyse des Livius und Dionys in den 
betreffenden Partien : für Tibull bleibt solcher Versuch, auch wenn 
er gelingt, ohne einen wesentlichen Gewinn. Denn es ist mir 
von vornherein ganz unwahrscheinlich, ja unglaublich, dass der 
Geschichtschreiber, dessen Zeit und Charakter ich zu bestimmen 
versuchte, mag er nun geheissen haben wie er wolle, Tibull selbst 
vorgelegen habe. Dazu bewegt sich dieser Dichter in viel zu engem 
Studienkreise, nichts liegt ihm ferner als tiefgehende antiquarische 
Forschung. So scheint es mir denn vollkommen gerechtfertigt, 
wenn Leo in dem schon genannten Aufsatze S. 10 die apodik- 
tische Behauptung aufstellt : *Tibull befragte weder troischen Local- 
patriotismus noch griechische oder römische açx<*ioXoylai\ Aber 
die Schlussfolgerung Leos, dass darum eine an entlegenem Ort 
gewachsene Sage bei Tibull überhaupt nicht zu dulden sei, lässt 
einen sehr wesentlichen Factor ausser Acht, mit welchem wir leider 
nur zu oft zu rechnen haben. Dem gebildeten Publicum jener 
Epoche wie aller Zeiten ward das gelehrte Material, soweit es 
interessirte , auf mannigfache Weise indirect überliefert. Bekannt 
ist besonders die Einrichtung der Handbücher mythologischen wie 
historischen Inhalts und was dem ähnlich ist. Ich erinnere an 



1) Vgl. Diodor IV 66: nac* tjç yamv »al xhv noui*nv v O(A*iQov noXXà 
r£v knmv a<piTtQi<sâ{i&>ov »oofiijaat xijv latter noirjaiy èv&eaÇovorjç â* 
avrrjç noXkàxtç »al %q*i0(âovç ànofpawofÀiyijç cpaolv intxkrj&^rai SißvXkav 
to yàç iv&ed&iy »ara yXmxxav vna^uv aißvXXaiveiv, Said. *. v. 2lßv\Xa 
nennt Manto statt Daphne. 



Digitized by CjOOQ lC 



334 MAASS 

die Fabelsammlung, die Parthenius für Cornelius Gallus zusammen- 
stellte, an die Worte Ovids Trist. Ill 14: 

Saepe aliquod quaero verbum nomenque tocumque, 
nee quisquam est, a quo certior esse queam. 
Ferner an die von Robert nachgewiesene Benutzung von Hypo- 
thesen durch denselben Ovid. 1 ) Sehr glücklich will mir auch der 
von Schwartz gemachte Versuch scheinen, die auserlesene Gelehr- 
samkeit, welche der römische Dichter der Argonautensage Valerius 
Flaccus entwickelt hat, durch das Medium eines Handbuchs auf 
seine primären Quellen zurückzuführen. 2 ) — So und nicht anders 
ist denn nach meiner Ueberzeugung auch Tibull zu beurtheilen. 
Die Provenienz der Sage scheint mir das mit Nothwendigkeit zu 
fordern. 

Wenn ich trotzdem die sagengeschichtliche Untersuchung zu 
Ende zu führen versuchen will, so geschieht das also keineswegs 
in dem Glauben, als würde Tibull damit ein besonderer Dienst 
erwiesen ; es geschieht um der Legende willen, um die an sie an- 
gesponnene Deduction zu einem reinlichen Abschluss zu bringen. 

4. Unter den Geschichtsschreibern der Stadt Rom giebt es 
einen Krateteer, aber auch nur einen, der nachweislich das Werk 
des Demetrius benutzt, speciell seine willkürlich zugeschnittene 
Sibyllenlegende geglaubt und für sein eigenes chronologisches 
System verwerthet, der schliesslich zugleich die bezeichneten sibyl- 
linischen Orakel benutzt hat, also alle Erkennungskriterien in ein» 
Person vereinigt: das ist Sullas Freigelassener L. Cornelius Alexan- 
der mit dem Beinamen Polyhistor aus Milet. Krateteer nennt ihn 
die Biographie bei Suidas s. v. 'AXéÇavâçoç . . . r\v de yçappa- 
ity.bg Twv KQccTrjToç naxhjTùiv. Kenntniss des (jetzigen) dritten 
Buchs der sibyllinischen Orakel ist bereits bei ihm constatirt, nach- 
weisbar sogar — was allein schon entscheidend sein würde — 
Benutzung derselben Stelle im dritten Buch, die den behandelten 
Homerscholien zu Grunde liegt, und zu demselben Zwecke wie 
dort. Darüber noch ein Wort. Unmittelbar vor den oben be- 
zeichneten Versen (III 419 — 430) heisst es von liions Untergang 
414—418: 

"Iliov oîxteiçw ob* xaià 27caQtrjv yàç *Eqivvvç 

ßXaoTrjoei TteQixallkç âêiqxxtov eçvoç aqiaxov 

1) Philol. Unters. V S. 231 Anro. 

2) De Dion. Scyt. p. 36 sq. 



Digitized by CjOOQ IC 



TIBÜLLISCHE SAGEN 335 

Idciâoç EvQwmjç te nolvorteçèç old fia Xmovoa' 
col âh fiaXiata yiovg fiôx&ovç otova%àç te qtêQOvoa 
-frrjoef àyrjQatov â' HÇei xXéoç èooojuévoioiv. 
Alexander Polyhistor berichtet bei Pausanias X 12, 2 in seinem 
Buche ( über das delphische Orakel' zwar nicht von der jüdischen, 
wohl aber von der troischen Sibylle genau dasselbe: xai 
K EXhnqv rtQOêârjXwoev iv toïç xQY}GfÀOÏç f wç Itp* oXé&QW trjç 
'AoLaç xai Evçwn;rjç tçaqnjeoito iv 2n:àçt7], xai wç 'ÏXiov 
aXaioetai ai* avtrjv vno 'EXXrjvwv. ') Prüft man weiter Alexan- 
ders chronologisch geordnetes Sibyllenverzeichniss (bei Paus. a. a. 0.) 
mit Rücksicht auf die Aeneassage, so entdeckt man sofort, dass 
die erythraeisch-cumanische Sibylle, die allein Aeneas in Italien 

1) Hiernach sind folgende Stellen über die troische Sibylle und die Be- 
nutzung ihrer Orakel durch Homer Alexander Polyhistor (wenn vielleicht auch 
erst durch Mittelglieder) zuzuweisen : zunächst Bocchus (Solin. p. 38 Momms.), 
mit dem Clemens Strom, p. 139 S. zusammengehört: 

Delphicam autem Sibyllam 
ante Troiana bella vaticinatam 
Bocchus autumat, cuius plu- 
rimos versus operi suo Ho- 
merum inseruisse manifestât. 
Hanc Herophilen (so die Hdss.) 
Erythraea annis aliquot in- 
tercedentibus insecuta est Si- 
byllaque appellata de scientiae 
parilitate, quae inter alia ma- 
çnifica Lesbios amissuros im- 
perium maris multo ante prae- 
monuit, quam id accideret. 



xai ovt€ y€ (àovoç ovxoç (Moses) dXXà xai 
i SißvXXa 'Oo<più)ç naXaiorioa' Xéyovrai 
yàç xai moi x^ç imawfÂiaç avtijç xai moi 
Ttôy XQUapûv T(ôv xaxamoprifAtafiivtay Ixti- 
vqç tirai Xôyoi nXiiovç' <Povytav te ovcav 
xsxXrjo&ai "AçitfÀiv xai ravir; y naoaytvofxi- 
vfjr elç JêXopovç çaaf l oJ JsXcpol d-eod- 
'novisç ixrjßeXov 'AnéXXtovoç || ijX&ey iyàxQij- 
1 a ova a âioç véov aîyi6%oio || avToxaoiyviJT(p 
'xéxobio/Liévr] 'AnoXXtovi.' taxi ai xai oàAjj 
'Eov&oaia 'HçocptXfj xaXovfiivtj' péftvriiai 
'HoaxXiiâqç b Tlovxixbç iv xo) moi XQyGxt}- 
qiiav. 

Bei Clemens steht nach pifivyTai 'xovxtov'. Demnach wäre Heraclides Pon- 
ticus der ältere auch für die <Povyla citirt. Aber diese ist keine andere als 
die troische Herophile des Demetrius von Skepsis und Alexander Polyhistor, 
also jünger als Heraclides Ponticus. Sie heisst wie jene Artemis und Hero- 
phile, lebt zeitweise wie jene in Delphi (wesshalb sie bei Bocchus — wie bei 
Pausanias X 12 — geradezu als delphisch bezeichnet wird), ist aber der Na- 
tionalität nach trois c h (wie Wovyla* bei Clemens andeutet und Suid. s.v. 
SißvXXa <pQvy£a aus guter Quelle bezeugt: { xXrjfaïaa vno rivcay'^lçTe/mç 
(Codd. 2<xQvaiç), vnb ai xivcav Kctaactvâoa, aXXœv de TaoaÇâvôoa* 
xai avtrj ZQrjo/uovç) und zeitlich der troischen Epoche angehörig, was wie- 
derum Suid. a. a. 0. beweist, wo sie mit Kassandra identificirt wird. Der paral- 
lele Bericht bei Pausanias verweist diese Bruchstücke, zu denen noch Varro 
tritt (vgl. unten S. 338), in das Buch 'über das delphische Orakel', über das 
in de Sibyll. ind. ausführlich gehandelt ist. 



Digitized by CjOOQ IC 



336 MAASS 

begegnen konnte und in den Berichten regelmässig begegnet, dort 
absichtlich ausgelassen ist, auch gar nicht erwähnt werden durfte, 
weil es ausdrücklich heisst 'sie habe nie existirt'. Das ist deutlich. 
Wenn also Alexander in seinem Buch 'über Rom' — einem bei 
Linus wie Dionys notorisch stark benutzten Werk — zwischen 
Aeneas und einer Sibylle eine Begegnung überhaupt hat stattfinden 
lassen (und dass er diesen seit Tiraaeus integrirenden Bestandteil 
römischer Entstehungsgeschichte übergangen habe, wird Niemand 
glauben wollen), so konnte nach seinem in der Schrift 'über das 
delphische Orakel' niedergelegten System 1 ) nur die troisctte Si- 
bylle dafür verwandt werden. 

Sollte aber Jemand einwenden, bei einem Vielschreiber wie 
Alexander sei es bedenklich, conséquente Durchführung eines 
Systems in allen Schriften, soweit sie sich mit ihm berührten, 
vorauszusetzen: so lässt sich auch auf andere Weise noch der 
Nachweis führen, dass auch in Alexanders Buch 'über Rom' die 
erythraeisch-cumanische Sibylle keinerlei Verknüpfung mit der 
Aeneassage eingehen konnte und durfte. Nämlich aus einem chro- 
nologischen Grunde nicht: sie lebt nach einstimmiger Tradition 
um die neunte Olympiade, also mehr als 400 Jahre nach Troias 
Fall, aber gleichzeitig mit Roms Gründung; und wir wissen, dass 
Alexander die ereignissleere Zwischenzeit zwischen dem Ende Troias 
und Roms Anfang genau zu vertheilen und zu beschäftigen eifrig 
bemüht gewesen ist. 

Ich halte es somit für hinreichend erwiesen, dass der gesuchte 
Historiker, auf den der identische Bericht bei Dionys, Livius, dem 
Homerscholiasten und Tibull zurückzuführen ist, kein anderer war 
als L. Cornelius Alexander Polyhistor. 2 ) 

5. Ich wende mich nun zu Tibull zurück. Hier entsteht so- 
fort eine sachliche Schwierigkeit, und zwar eine Schwierigkeit von 
solcher Bedeutung, dass es unerklärlich ist, wie die Ausleger sie 



1) Dass dies System auch mit Rücksicht auf die römischen Dinge in- 
8ammenge8tellt ist, ist an sich wahrscheinlich. Von der (jüngeren) Gama- 
nischen Sibylle heisst es a. a. 0. : 'In Cumae gab es van ihr keine Spräche*, 
nfimlich weil Tarqninins diese für Rom erworben hatte. Vgl. de Sie. ùuL 
p. 11 s. Für die troische Sibylle darf man dasselbe jetzt erachlieasen. 

2) Dass Alexanders Buch «über Rom' vielfach den erhaltenen Schrift- 
stellern als Quelle gedient hat, ist bekannt Wo man ihn an suchen hat, 
zeigt Wilamowitz a. a. 0. an einigen Beispielen. 



Digitized by CjOOQ IC 



TIBÜLLISCHE SAGEN 337 

haben übergehen oder gar negiren können. Ich sehe mich dess- 
halb genötbigt, sie zunächst erst zu constatiren. Für diesen Zweck 
ist nichts erforderlich als einfache Combination der folgenden Verse 
mit den oben besprochenen Stellen. Vers 66 f. heisst es: 

Haec cecinit vates et te tibi, Phoebe, vocavit, 
iactavit fusas et caput ante comas. 
Dies ist verständlich. Aber nun das folgende: 

Quicquid 1 ) Amalthea, quicquid Marpesia dixit 
Herophile, Phyto Grata quod admonuit, 

quasque Amena sacras Tiburs per flumina sortes 
portant sicco pertuleritque sinu — 
Alle vier Sibyllen identificiren sich ohne weiteres. 2 ) Von ihnen 
ist aber die Marpesia Herophile wieder die troische, also dieselbe, 
von deren Orakel Tibull eben erzählt hatte, während das nach der 
Intention des Dichters ganz unmöglich erscheinen muss: sie sollen 
offenbar von einander unterschieden werden. Die erste, von der 
bisher die Rede war, wird, wie wir sahen, sicher nach der Troas 
versetzt : die zweite demnach, die in Vs. 68 — 60 genannte, jeden- 
falls anderswohin als in die Troas, obwohl sie Marpesia Herophile 
heisst wie jene. Dass dieser Widerspruch mit den gewöhnlichen 
Mitteln der philologischen Kritik sich nicht entfernen lässt, muss 
jeder zugeben der die nöthigen Versuche angestellt hat. Die Athe- 
tese der ganzen Stelle, die Bährens vorgeschlagen, verbietet sich 
darum von selbst, weil sie unfehlbar noch die folgenden Distichen 
treffen würde, die für den Zusammenhang des Ganzen unerlässlich 
und an sich vortrefflich sind. Freilich hat Bährens ganz conse- 
quent gehandelt, wenn er zu der Hypothese der Interpolation die 
andere der Unfertigkeit des Gedichts hinzunahm. Aber gerade die 
conséquente Durchführung dieser Hypothesen ist ihre beste Wider- 
legung. Zudem wird die aufgezeigte Schwierigkeit durch diese 
radicalen Mittel gar nicht beseitigt. Nur die Person des Dichten- 
den ist unnützer Weise verdoppelt. Wir hätten weiter zu fragen: 
wie kommt denn der Interpolator zu der irrigen Unterscheidung 
der Marpesia Herophile von der troischen Sibylle? 

Und doch liegt die Lösung des Problems nicht fern. Sind 

1) Quid quod Leo a. a. 0., um eine Steigerung des Gedankens zu er- 
reichen. • 

2) Amalthea ist die Sibylle von Gumae nach Varro. Leo bestreitet 
S.,13 Anm. die Identität, wie mir scheint, ohne genügenden Grund. 

Herme» XVIIL 22 



Digitized by CjOOQ IC 



338 MAASS 

die beiden Seherinnen in Wirklichkeit identisch, und sind sie tfoti- 
dem im Gedicht unterschieden: so folgt for mich und jeden Un- 
befangenen daraus mit unabweisbarer Notwendigkeit, dass Tibull 
die Unterscheidung selbst gewollt, d. h. sie irrthümlich begangen 
hat. Zur Entschuldigung des Irrthums aber lässt sich Folgendes 
anfahren, das zugleich zu seiner Erklärung dienen mag. Es giebt, 
wie schon erwähnt, zwei Sibyllen des Namens Herophile, bei denen 
die Bezeichnung erythraea stehend ist, das eine Mal als Ethnicum 
von Erythrae, das andere Mal vermöge einer etymologischen Spitz- 
findigkeit hergeleitet von der èçv&çrj MetQnrrjooôç. Die Con- 
fusion der beiden Persönlichkeiten ist damit nahe genug gelegt. 
Fand nun Tibull in seiner Quelle — denn irgendwoher muss er 
diese z. Th. seltenen Namen entlehnt haben — etwa folgende Fas- 
sung vor: Herophile erythraea Marpessi nota etc., so wird und 
muss jeder, der von der Zugehörigkeit des obscuren Dorfes Mar* 
pessus zur Troas nichts weiss, an die allbekannte und hochbe- 
rühmte Herophile aus Erythrae in Ionien denken, welche man auch 
sonst ungern bei Tibull vermissen wurde; es gehört eine genaue 
topographische und grammatische Kenntniss dazu, den Irrthum zu 
umgehen und den wahren Sachverhalt herauszumerken. Auch 
Dionys von Halicarnass, der Tibull gewiss in beiden Punkten über- 
legen war, hat einen ganz ähnlichen, wenn auch nicht gleichen 
Fehler in derselben Sache begangen, und die neueren Mythologen 
und Erklärer nicht minder. Dafür mag hier ein Beispiel genügen. 
In Varros Sibyllenverzeichniss bei Lact. inst. I 6 heisst es: Qum- 
tam erytkraeam — quam Apollodorus Erythraeus adfirmat suam 
fuisse civem — eamque (seil, dicit Varro) Grats Ilium petentibus 
vaticinatam et perituram esse Troiam et Homerum mendacia scriptu- 
rum. Einstimmig bezieht man diese Sibylle auf die ionische Stadt 
Erythrae: es ist aber, wie die Zeitbestimmung lehrt, die troische 
des Demetrius von Skepsis» der, wie wir wissen, gegen Apollodorus 
von Erythrae polemisirte: das Citat, das bei Pausanias wiederkehrt, 
stammt aus Demetrius. 1 ) 

Als Resultat der Untersuchung lässt sich zweierlei verzeichnen: 
i* Es ist in II 5 eine spät in hellenistischer Zeit entstandene 
und noch später fortgebildete ihrem Ursprünge nach ganz ent- 
legene Sage nachgewiesen. # 



1) Dies Varrocitat gehört zu der auf S. 335 Anm. behandelten Grappe. 



Digitized by CjOOQ lC 



TIBÜLLISCHE SAGEN 339 

it. Mit ihrer Hülfe sind die vielfachen kritischen und exege- 
tischen Bedenken in diesem Theile des Gedichts, soweit sie mit 
der Sage zusammenhängen, beseitigt: ein Umstand, der mir die 
Richtigkeit des von mir eingehaltenen Verfahrens hinlänglich zu 
verbürgen scheint. 1 ) 

IL 

Ueber die zweite Elegie kann ich mich kurz fassen. 
Tibull feiert auf seinem Gütchen das Ambarvalienfest. Die 
Götter werden geladen, alles soll die Arbeit lassen, alles sich den 
Freuden des Festes hingeben. Der Preis des Landlebens ist der 
weitere Inhalt des Gedichtes: 

rura cano rurisque deos. His vita magistris 
desuevit querna pdlere glande famem. 
Die Stelle, die ich behandeln muss, findet sich Vs. 55 ff.: 

agricoh et minio suffusus, Bacche, rubenti 
primus inexperta duxit ab arte choros. 

huic datus a pleno, memorabile munus, ovili 
dux pecoris: 
und nun folgen verderbte Worte. Die Tragödie wird also zu dem 
Landleben in Beziehung gesetzt. Dem Sieger wird ein Bock aus 
der Heerde zu Theil und von diesem heisst es nach den Hand- 
schriften weiter offenbar begründend: 

hircus hauserat hircus oves, 
was unsinnig ist. Für hircus ist z. Th. yrcus in der bekannten 
mittelalterlichen Orthographie überliefert und — freilich minder 
glaubwürdig — für hauserat l auxerat\ Der Corrector der Wolffen- 
büttler Handschrift suchte vergeblich Sinn in den Unsinn zu brin- 
gen, indem er duxerat conicirte. Ausserdem lässt die Aenderung 
den metrischen Fehler in der ersten Vershälfte unberührt. In dem 
ersten hircus liegt also der Sitz der Corruptel. So urtheilten schon 
die Holländer, die cartas auxerat hircus oves in den Text setzten. 
Damit wäre das plenum ovile freilich begründet. Aber dass sich 
die Grösse der Schafherde aus der Fruchtbarkeit des dux pecoris 



1) Auch fur den vielbestrittenen Vera 4 nunc precor ad laudes fleeter» 
verba me as (mea Haupt, novas Vahleo, sacras Leo, andere tuas) scheint mir 
dies Resultat nicht ohne Belang. Das Loblied auf Apoll umfasst nicht bloss 
Vs. 11—16 (Leo S. 5), sondern geht weiter bis zu Vs. 66. In der Seherin 
wird der Gott gepriesen: mea ist mir daher das Wahrscheinlichste. 

22* 



Digitized by CjOOQ IC 



340 MAASS 

erklärt, das ist platte Selbstverständlichkeit, von der wir glück- 
licher Weise den Dichter freisprechen können: sie ist ihm ja erst 
durch moderne Conjectur aufgedrungen. Moriz Haupt, der diese 
Vermuthung aufnahm, scheint an der Heilung der Corruptel ver- 
zweifelt zu haben, wie vor ihm Dissen in der Anmerkung zu der 
Stelle: vertus iudicabis maiorem partem pentametri olim ab aliéna 
manu suppletam esse, cum excidisset, quem admodum etiam diu 
visum. 

Ich glaube ein Mittel gefunden zu haben, durch das die Stelle 
geheilt werden kann. Zugegeben nämlich, dass weder der d*x 
pecoris als solcher noch das plenum ovile eine Motivirung erfordert 
oder zulässt, so bleibt nur noch der Gedanke des ganzen Satzes 

huic datus a pleno memorahile munus ovili \ dux pecoris 
' Obrig, der zu begründen ist. Und ich denke, der Dichter hat seine 
eigene Intention deutlich genug auch äusserlich kundgegeben durch 
die Apposition memorahile munus. Was also hat der Bock ver- 
brochen, dass er es sich gefallen lassen muss, als Preis für tra- 
gische Siege zu dienen? Darauf lautet die Antwort bei Hygin 
Astron. II 4 wie folgt: 

4 Als Ikarios, der erste Weingärtner in Attica, seinen Weinberg 
im Schweisse seines Angesichts bestellt hatte, brach in das Gehege 
ein Bock und frass mit grossem Wohlbehagen die zarten Setzlinge 
ab. Das erzürnt den Ikarios, er fängt sich den nichtsnutzigen Ge- 
sellen, führt ihn an den Altar des Dionysos — denn der Gott, der 
Ikarios 9 Garten selbst angepflanzt, ist schwer beleidigt — tanzt mit 
seinen Gefährten unter Hohn und Spott um ihn und den Altar 
— wie später der tragische Chor — und schlachtet ihn schliess- 
lich. Aus seinem Felle fertigen die Ikarier einen Schlauch, pusten 
ihn voll Wind, ölen ihn ein und springen auf ihm umher, wie an 
dem Askolienfeste.' So hat denn die Unart des Bockes nach jener 
aetiologischen Darstellung nicht nur zur Entstehung der Askolien, 
sondern auch der tragischen Spiele geführt. 

Es ist evident, dass es diese Fabel war, mit der Tibull in 
jenem corrupten Verse die Sitte, dem tragischen Sieger einen Bock 
zu geben, begründet hat, obwohl gerade sie in dem summarischen 
Berichte Hygins nicht ausdrücklich hervorgehoben ist. Es bedarf 
aber kaum noch dafür besonderer Zeugnisse. Deren giebt es zwei. 
Einmal Varro bei Diomedes III 487 Keil: tragoedia, ut quidam, a 
TQctyq) et <adfj dicta est, quoniam olim actoribns tragicis tçayoç 



Digitized by CjOOQ lC 



TIBULLISCHE SAGEN 341 

t. e. hireus praemium cantus proponebatur, qui Liberalibus (d. h. an 
den Dionysien) die festo Libero patri ob hoc ipsum immolabatur, 
quia (ut ait Varro) déposât vitem. Das zweite womöglich noch 
deutlichere Zeugniss findet sich bei Vergil (Georg. II 376 f.): 

frigora nee tantum cana concreto pruina 

aut gravis ineumbens scopulis arentibus aestas 

quantum Uli (nämlich dem frischen Laub) nocuere greges duri- 

que venenum 

dentis et ad morsum signata in stirpe cicatrix. 

non aliam ob eulpam Baccho caper omnibus aris 

caeditur et veteres ineunt proscaenia ludi, 

praemiaque ingeniis pagos et compita circum 

Thesidae posuere atque inter pocula laeti 

mollibus in pratis unetos saluere per utres. 
Dass die Worte 

praemiaque ingeniis pagos et compita circum \ Thesidae posuere 
sich auf die Bockfabel von Ikaria beziehen, ergiebt der Zusammen- 
hang und bemerken die alten Ausleger, ist also sicher. 

Sachlich gefordert erscheint mir somit auch in dem verderbten 
Tibullverse hircus haüserat hircus oves der einfache Gedanke: 'der 
Bock hatte die Reben abgefressen'. Eine über jeden Einwand er- 
habene Emendation der einzelnen Worte bin ich leider nicht in 
der Lage vorbringen zu können. Zunächst kann man in Betreif 
des Verbums schwanken. Hauserat scheint freilich durch die Al- 
litteration gesichert, ist aber wegen seiner Bedeutung nicht ohne 
Anstoss. Es bezeichnet die Thätigkeit des Verschlingens nur dann, 
wenn dieses ohne Anwendung der Zähne erfolgt, wie bei flüssi- 
gen Dingen. Man müsste sich also den Bock bei dem Geschäft 
ties Abfressens der Reben so eifrig vorstellen, dass er nur noch 
schluckte, um möglichst viel herunter zu schaffen. 1 ) In dem 
ersten hircus {yrcus) steckt schwerlich etwas anderes als vites, und 
für oves liegt olens (Horaz Od. I 17) am nächsten, allerdings ein 
in diesem Zusammenhang müssiges Epitheton ornans. Man er- 
wartet eine nähere Bestimmung zu vites oder ein für die vor- 



1) Gf. Ovid Fast I 353 ff. : rode caper vitem, tarnen hinc cum stabis ad 
aram, \\ in tua quod spargi cornua possit erit. Ueber das Epigramm des-Eue- 
nus nod die pompeianische Wand vgl. Roberts Bemerkungen Eratosth. Catast 
p. 7 Anm. 10. 



Digitized by CjOOQ IC 



342 MAASS, TIBULLISCHE SAGEN 

liegende Situation wesentliches Beiwort des Bockes: ich habe ver- 
geblich danach gesucht. Hoffentlich sind andere glücklicher. 1 ) 

Das Geschichtchen von dem Bock selbst gehört seinem Ur- 
sprung nach der hellenistischen Periode an. Leonida» von Tarent 
in einem noch erhaltenen Epigramm (A. P. IX 99) ist, wenn nicht 
sein Urheber, so doch der älteste Zeuge. 1 ) Während es bei ihm 
indess noch schwebend, ort- und zeitlos auftritt, erscheint es in 
Eratosthenes' Elegie 'Erigone' bei Hygin (a. a. 0.) zusammen mit 
der Entstehungsgeschichte der Tragödie an den attischen Gau Ikaria 
geknüpft. Von Eratosthenes' Gedicht sind direct oder indirect alle 
übrigen Zeugen abhängig, also auch Tibull : so merkwürdig es einem 
erscheinen mag, bei ihm die Spuren einer echt alexandrinischen 
Elegie anzutreffen. Ist das aber wirklich so unglaublich? Ja, 
wenn sie Tibull darum selbst gelesen und studirt haben müsste. 
Aber es genügt noch einmal auf die Existenz von Hypothesen- 
sammlungen, mythologischen Handbüchern — in denen gerade die 
Erigone des Eratosthenes nachweislich 9 ) figurirte — oder auch auf 
Varros Schriften, in denen, wie wir sahen, die Entstehung der 
Tragödie nach Eratosthenes erzählt war, hinzuweisen, um sofort 
mehrere ganz natürliche Erklärungen erkennen zu lassen. 

Ich bin am Ende. Sonstige sichere Spuren hellenischer Sagen- 
fiction habe ich bei Tibull nicht vorgefunden. Mit blossen mehr 
oder minder wahrscheinlichen Vermuthungen wollte ich nicht ope- 
riren, damit nicht sie, sondern die angeführten Thatsachen dem 
Urtheile anderer zur Grundlage dienen. 

1) Solche Epitheta oraantia sind bei den Dichtern dieser Periode häufig 
genug. Nicht selten sollen sie überraschend wirken. Lobeck (Königsb. Progr. 
1856) sagt von den Iz&vbç äyav&öi: détectât leg entes ilia piscini generis 
nota propria et singularity de quo cogitare non solemut. Das gilt vom 
ov fÀvaty Xayoioç (Kallim. Hymn, in Dian. v. 95) so gat wie vom hircus oient. 

2) Robert a. a. 0. 

3) Der Nachweis wird an einem anderen Orte geliefert werden. 

Berlin, im Januar 1883. ERNST MAASS. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE TIBULLISCHE ELEaiENSAMMLUNQ. 

Für die unter dem Namen des Tibullus uns erhaltene und 
ihrem grösseren Tbeile nach von ihm herrührende Sammlung be- 
sitzen wir bekanntlich vier Textesquellen von sehr verschiedenem 
Umfang: die vollständigen Handschriften, unter denen der Ambro« 
sianus als die einzige nicht interpolirte vorwiegend in Betracht 
kommt, 'die Tibullischen Bestandteile des mittelalterlichen Flori- 
legiums, Scaligers Angaben über das fragmentum Cuiacianum, und 
die Freisinger Excerpte. Dass diese vier Textesquellen auf einen 
gemeinsamen Archetypus zurückgehen, ist selbstverständlich und 
allgemein anerkannt; in manchen hierauf bezüglichen Einzelfragen 
aber, über welche ich im folgenden zu handeln gedenke, scheint 
mir das richtige noch nicht ermittelt oder wenigstens noch nicht 
allseitig zugestanden zu sein. 

L. Müller hat die Ansicht geäussert, dass der Archetypus die 
beiden in mehreren Tibullausgaben *) stehenden Priapea enthalten 
habe (Jahrb. f. Philol. 1869, 75). Dieser Punkt ist es zunächst, 
der, wie mir scheint, noch einer genaueren Untersuchung bedarf. 

Das erste der beiden Gedichte (Viüicus aerari quondam), 
aus drei Distichen bestehend, ist eine zu einem kleinen Heiligthum 
des Priapus gehörige Inschrift, als solche gegenwärtig nicht mehr 
vorhanden. Durch die Inschriftensammlungen des 15. Jahrhunderts 
wissen wir, dass man dieselbe in der Nähe von Padua aufgefunden 
hatte. Auf diese Thatsache ist wiederholt aufmerksam gemacht 
worden, ganz kurz von Scaliger in der Appendix Virgilii (1572) 
p. 473, dann ausführlicher von Anderen 1 ); über alles nähere vgl. 
jetzt Mommsen im Corpus inscr. lot. VI 1 p. 274. Das letzte Di- 
stichon lautet in jenen Sammlungen: 

1) Bei Bihrent p. 85 ff. 

2) Broukhüsius Tib. p. 406 f. Burmano Anth. Lat. II p. 557. Wernicke 
Priapea p. 64 u. 134 f. Osann Zeittchr. f. d. Alterthumsw. 1851 p. 134 ff. 



Digitized by 



Google 



344 HILLER 

improbui ut si quis nostrum vioîabit agellum, 
hune tu, sed tento — sets puto quod sequitur. 
Das zweite Gedicht (Quid hoe novi est), in reinen Iamben ab- 
gefasst, befindet sich in mehreren mittelalterlichen Handschriften 
der pseudo-vergilischen Gedichte; im Codex Bruxellensis steht es 
zwischen der Sammlung Catalepton und der Elegia in Maecenatem, 
in den drei Monacenses zwischen Dirae und Copa, im Harleianas 
zwischen Moretum und Culex; in den Monacenses ist die Ueber- 
schrift PHapeia Maronis. ') Pie Handschriften gleichen Inhalts aus 
dem 15. Jahrhundert können unberücksichtigt bleiben; in einer, 
dem Rehdigeranus, lautet die Ueberschrift Virgilii minor priapea.*) 

— Im 15. Jahrhundert wurden in Handschriften 3 ) und dann auch 
in Drucken der Pria pea die beiden Gedichte der Sammlung hin- 
zugefügt; hier lautet aber der letzte Vers des ersten Gedichtes 
mehrfach 

hunc tu — sed taceo: scis puto quod sequitur. 
Diese bisher angegebenen Thatsachen bieten keine erhebliche 
Schwierigkeit. Auffallend aber erscheint nun zunächst eine Stelle 
in einem Briefe Murets (I 13) an Paul Manutius aus dem Juni 
des Jahres 1558, während welcher Zeit Murets Ausgabe der' drei 
Elegiker bei Manutius gedruckt wurde. Muret schreibt: In car- 
minibus, quibus cekbratur hortorum deus, iambica quaedam sunt, 
quae ab omnibus tribuuntur Tibullo. Unum etiam eins- 
dem argumenti epigramma reperio in antiquo Tibulli libro. Hanc 
igitur appendiculam adiieiemus, si voles. Manutius scheint aber 
nicht gewollt oder Muret scheint seine Absicht aufgegeben zu haben; 
denn in der Ausgabe Murets steht weder das eine noch das andere 
Priapeum. — Alsdann findet sich das zweite Gedicht abgedruckt 
am Schluss der ersten von den beiden Ausgaben der drei Elegiker, 
welche zu Antwerpen bei Plantin erschienen, in der von 1560. 
Hinter dem Worte *Finis' steht mit der Ueberschrift 'Typographus' 
die Bemerkung: Impresso iam Tibullo, moniti ab amico, haec pauca 
hie addere maluimus, quam ferre, ut quid lector eiusdem aucto- 
ris per nos desideraret. Es folgt die neue Ueberschrift Alb. Ti- 
bulli ad Priapum de inertia ingutnis und dann das Gedicht. 

— Einige Zeit später erhält Murets Behauptung über das erste 

1) Vgl. Ribbeck App. Verg. p. 33. Blhrens Poetae Lat. min. II p. 13 f. 

2) Ribbeck p. 27. Bohrens p. 17. 
. 3) Burmann p. 557 ond 559. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE TIBÜLLISCHE ELEGIENSAMMLUNG 345 

Gedicht eine gewisse Bestätigung durch Achilles Statius. Derselbe 
bemerkt Dämlich am Schlüsse seines Tibullcommentars (1567): 
In uno meo extremum erat epigramma, quod in lusibus in Pria- 
pum legitur, i Vülicus aerari quondam, nunc cultor agettf. In quo 
eadem omnia, praeter quam in ultimo versu, k Hunc tu, sed taceo, 
sets puto quod sequitur\ In vulgatis enim legitur 'hunc tu, sed 
tento\ Sunt autem versus ipsi Tibullo, elegantissimo poeta, dignf. 
— Zwei Jahre darauf erscheinen beide Gedichte den Tibullischen 
hinzugefügt in der zweiten Plantinschen Ausgabe (1569) p. 145. 
Auf das Epitaphion Tibulli folgen die Worte Haec duo epigram- 
mata quae in Priapeis teguntur viri docti Tibullo adscribunt, hierauf 
die beiden Gedichte mit den Ueberschriften Tibullus ad Priapum 
und Eiusdem ad Priapum de inertia inguinis. Das erste Gedieht 
verdankt hier seine Aufnahme sicherlich der soeben angeführten 
Bemerkung des Statius, dessen Ausgabe auf die zweite Plantinsche 
von starkem Einfluss gewesen ist. 

Scaliger endlich fügte in seiner Appendix Virgilii 1572*) die 
beiden Gedichte den Priapea hinzu (p. 88), wie dies bereits (s. o.) 
in früheren Ausgaben der Priapea geschehen war. Das erste ist 
überschrieben Ad Priapum, das zweite Alb. Tibulli ad Priapum de 
inertia inguinis, wie in der Plantinschen Ausgabe. Aus den An- 
merkungen Scaligers zum Epigramm (p. 473) ist für uns folgen- 
des von Wichtigkeit: Quod (epigr.) nomine Tibulli in antiquis 
Tibulli codieibus inveniri, et alii in editionibus suis admonuerunt, 
et nos inter opera Tibulliana in optima scheda reperimus. Dicunt 
tarnen nonnulli repertum in agro Patavino Uteris vetustate paene 
consumptis. Quod tarnen non impedit quin Tibulli esse possit. — 
'ffttne tu sed tento 9 ] Veter es excusi, item et optima scheda Tibulli 
habent 'Hunc tu, sed taceo J et melius sane. Ueber die Iamben be- 
merkt Scaliger folgendes: In veteribus excusis Tibulli nomine editur 
hoc politissimum poematium: itemque in veteri membrana Tibul- 
liana, quae est penes te Iacobe Cuiaci, vir eruditissime. Totumque 
ex puris iambis constat, et sane multum spirat illam venustatem, 
quae hodie pereipitur in elegiis illius suavissimi poetae. Quod ne 
cui mirum videatur, Tibullum Priapeia conscripsisse, iam puto satis 
confirmari superiore epigrammate. Sed et clarius Martialis: 'Qwm 
qui compositos metro Tibulli in Stéllae récitât domo libellos\ Weiier- 



1) Die Exemplare tragen theils diese Jahreszahl theils die Jahreszahl 1573. 



' Digitized by 



Google 



346 HILLER 

hin theilt er aus dieser optima scheda, die auch als peroptima 
membrana oder Membrana fidelissima oder vetus äla bona Mem- 
brana bezeichnet wird, einige vortreffliche Lesarten mit. Dass 
diese Handschrift identisch ist mit dem bekannten fragmentum 
Cuiacianum, welches den Schlusstheil der Tibulüschen Sammlung 
von III 4, 65 an enthielt, ist augenscheinlich; man vergleiche auch 
Scaligers Worte in einem Briefe an Pithou vom 13. Februar 1572 *): 
'Neque immtUare cesset' (V. 44) : non est dubium quin vera rit lectio 
'neque indtare cesset 9 . Et ainsi Vai-je trouvé en un fragment de 
Tibulle, lequel f estime si fidèle et certain que je ne pense jamais 
livre avoir esté manié plus asseuré que celui-là. Dass dieselbe 
Handschrift auch unter der optima scheda des Tibull zu verstehen 
ist, in welcher das Epigramm gestanden haben soll, kann bei 
der Uebereinstimmung des Ausdrucks gleichfalls keinem Zweifel 
unterliegen, wenn es auch Scaliger nicht ausdrücklich sagt. — Die 
ihm bemerkenswert scheinenden Lesarten im Tibulltexte des fragm. 
Cuiac. hatte sich Scaliger in ein noch erhaltenes Exemplar der 
Plantinschen Ausgabe von 1569 notirt*); zu den zwei Priapea 
findet sich aber in diesem Exemplare keine Bemerkung von seiner 
Hand. In seiner Ausgabe des Tibull folgen dieselben ohne Ueber- 
schrift auf IV 14, mit Benutzung der Lesarten des fragm. Cuiac; 
Anmerkungen zu den beiden Gedichten fehlen hier gänzlich. 

Dies ist der Thatbestand, fflr den es nun gilt eine Erklärung 
zu finden. 

Was zunächst die Iamben betrifft, so machen es die Les- 
arten, welche Scaliger beibringt, unzweifelhaft, dass die von ihm 
benutzte Handschrift einen auf alte gute Tradition zurückgehenden 
Text enthielt, und seine wiederholte und bestimmte Angabe, wo- 
nach diese Handschrift das Cuiacianische Tibullfragment war, lässt 
sich ebensowenig in Zweifel ziehen. Aber wie ist es zu erklären, 
dass das Gedicht schon einige Zeit vor dem Erscheinen von 
Scaligers Appendix Virgilii dem Tibull beigelegt wird? Bei den 
Worten Murets quae ab omnibus tribuuntur Tibullo haben wir es 
zwar offenbar mit einer ebenso starken wie leichtfertigen Ueber- 
treibung zu thun; aber jedenfalls ergibt sich sowohl aus diesen 
Worten wie aus der Plantinschen Ausgabe von 1560, dass die 

1) Lettres françaises inédites de Joseph Scaliger, publiées et annotées 
par Ph. Tamizey de Larroque (1881) p. 17. 

2) Vgl. Rhein. Mos. XXIX 97 ff. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE TIBULLISCHE ELEGIENSAMMLUNG 347 

Meinung von Tibulls Autorschaft damals von irgend jemandem be* 
reits geäussert worden war. Es ist hier ein doppeltes möglich. 
Entweder es war auf dem Wege privater Mittheilung bekannt ge- 
worden, dass das Gedicht in einer alten Tibullhandschrift stehe, 
oder das Zusammentreffen ist nur ein zufälliges: irgend ein älterer 
Gelehrter, der erkannte, dass das Gedicht nicht von Vergil sein 
könne, rieth darum auf Tibull, weil dieser der einzige römische 
Klassiker ist, von welchem wir ein an Priapus gerichtetes und auf 
Knabenliebe bezügliches Gedicht besitzen. Die erstere Erklärung 
ist wohl die wahrscheinlichere. Was Scaligers Behauptung, das 
Gedicht trage den Namen Tibulls auch in veteribus excum an- 
belangt, so weiss von derartigen alten Drucken sonst niemand etwas 
zu berichten; wenn Osann bemerkt (p. 137), das Gedicht stehe 
'in den beiden Aldinen des Tibull', so beruht dies auf nachlässiger 
Benutzung Burmanns, der von den die Priapea enthaltenden Aldi- 
nen Vergils spricht. Die Vermuthung liegt nahe, dass jene Be- 
hauptung Scaligers nichts ist als ein ungerechtfertigter Schluss 
aus den angeführten Worten der ed. Plant, von 1569: Ha$c duo 
epigrammata , quae in Priapeis leguntur, viri docti Tibullo 
adscribunt. 

Das Gedicht muss im fragm. Cui., wie sich ferner aus Scali- 
gers Worten ergibt, an Gedichte der Tibullischen Sammlung an- 
geschlossen gewesen sein, ohne dass ein anderer Verfasser ge- 
nannt war. 1 ) Hieraus folgt aber durchaus noch nicht ohne Weiteres, 
dass es sich auch in der Vorlage des Codex Cuiacianus oder 
dass es sich in dem allen unseren Textesquellen zu Grunde liegen- 
den Archetypus der Tibullischen Sammlung befunden 
habe. Warum sollte nicht ein mittelalterlicher Abschreiber des 
Tibull ein leeres Blatt mit dem in einer Sammelhandschrift ihm 
vorliegenden herrenlosen Gedichte ausgefüllt haben? Gesetzt aber 
auch, es habe, was ja immerhin möglich ist, schon im Alterthum 
den Schluss der Sammlung gebildet, selbst dann wären wir noch 
keineswegs berechtigt, ein Gedicht, welches sich in derselben Samm- 
lung befindet wie die Gedichte des Lygdamus und der Sulpicia, 
dieser Ueberlieferung wegen dem Tibull beizulegen. Aus inneren 
Gründen dessen Autorschaft zu erweisen, ist nach Lacbmaqns 



1) Eine ausdrückliche Nennung des Tibull als Verfasser wird wohl nie- 
mand aus Scaligers Angabe folgern wollen. 



Digitized by CjOOQ IC 



348 HILLER 

richtiger Bemerkung (kl. Sehr. S. 150) unmöglich. Die Meinung 
von Tibulls Autorschaft lässt sich hiernach zwar nicht geradezu 
widerlegen, beruht aber auf einer Grundlage, die so unsicher wie 
nur möglich ist. 

Anders liegt die Sache beim Epigramm. Ueber die Behaup- 
tung Scaligers, dasselbe habe in seiner optima scheda des Tibull 
gestanden, bemerkt Mommsen folgendes: Scaiigeranis his ut diffi- 
cile est fidem negare, ita vix facilius est fidem habere. 
Nam ut mittam ... mirificum casum carminis omnino pertinents 
ad certum aliquod sacrarium Priapi et ut ei indderetur tarn loco 
pristino servait, quam inter opera poetae, hoc maxime mirandum 
est Scaligeranam editionem non solum propriam lectionem nuUam 
proponere, sed etiam v. 6 consentire Scaligeri codicem, secundum 
disertum ipsius testimonium, cum lectione ab editoribus Vergüiams 
profeeta et siue ullo dubio interpohta. Diese beiden Argumente 
scheinen mir vollkommen durchschlagend und der aus ihnen sich 
ergebende Verdacht gegen die Richtigkeit von Scaligers Angabe 
durchaus gerechtfertigt. Das Gewagte dieser Verdächtigung aber 
wird wesentlich gemindert, wenn wir die von mir angeführten 
früheren Zeugnisse berücksichtigen. Es verhält sich damit, wie 
ich glaube, folgendermassen. In einer Tibullhandschrift des 15. Jahr- 
hunderts war ein leerer Raum am Schlüsse benutzt worden, um 
das sich leicht darbietende kleine in Distichen abgefasste Gedicht 
einzutragen; aus der einen Tibullhandschrift mochte die Hinzu- 
fügung vielleicht noch in einige andere übergegangen sein. Soviel 
entnehme ich aus den Angaben des Muret und des Statins. Die 
Bemerkung des letzteren war Veranlassung, dass es in die ed. Plant, 
von 1569 aufgenommen wurde. Diese lag, wie schon bemerkt, 
Scaliger vor, als er sich die Lesarten des fragm. Cui. notirte; das 
Epigramm stand hier unmittelbar vor den Iamben. Später nun, 
als er die Bemerkungen zur Appendix Virgilii niederschrieb 1 ), war 
bei ihm durch eine Täuschung des Gedächtnisses die Meinung ent- 
standen, nicht nur das eine der in die ed. Plant, aufgenommenen 
Priapea habe er im fragm. Cui. vorgefunden (was wirklich der Fall 
gewesen), sondern beide, eine Meinung, zu der auch die Bemer- 
kung bei Statius mitwirken mochte. In der ed. Plant, steht im 



1) Dass im Texte der App. Virg. der Name Tibulls nur dem zweiten 
Gedichte vorgesetzt ist, verdient Beachtung. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE TIBULLISCHE ELEGIENSAMMLUNG 349 

Texte taceo; am Rande wird die Lesart tertio erwähnt; Scaliger 
hatte sich (weil ihm das Epigramm im fragm. Cüi. gar nicht vor- 
gelegen hatte) nichts notirt und glaubte daher jetzt annehmen zu 
können, die Lesart des fragm. Cuiac. stimme mit dem Texte der 
ed. Plant, überein. 1 ) Für besonders unwahrscheinlich wird man 
diese Hypothese — mehr soll es nicht sein — kaum halten dürfen, 
wenn man bedenkt, wie rasch Scaliger seine Anmerkungen zu der 
Appendix Virgilii und zu den Elegikern niedergeschrieben hat. Ist 
doch die Behauptung, aus Mart. IV 6 lasse sich schliessen, dass 
Tibull Priapea geschrieben habe, milde gesagt, von einer Leicht- 
fertigkeit, gegen welche ein Gedächtnissfehler höchst verzeihlich 
erscheinen muss.*) Ein anderer Ausweg zur Lösung der Schwierig- 
keit wäre es, das fragm. Cuiac. für jung zu halten; aber hierzu 
wird sich, bei der Beschaffenheit der von ihm dargebotenen Les- 
arten, schwerlich jemand entschliessen wollen. 9 ) Jedenfalls ist es 
beim ersten der beiden Priapea meiner Meinung nach geradezu 
unerlaubt, an die Autorschaft des Tibull zu denken. — 

Dass das Epigramm auf den Tod des Tibull im Arche- 
typus gestanden hat, wird mit Recht von niemandem bezweifelt. 
Scaliger liess dasselbe gleichfalls schon in der Appendix Virgilii 
drucken, wo es unter anderen Grabepigrammen p. 195 steht, und 
versah es hier mit den beiden Ueberschriften ALBII TIBVLLI 
EQVITIS RO. | DOMITIVS MARSVS, entsprechend anderen da- 
selbst angewendeten Ueberscbriften. In der Ausgabe der Elegiker 
ist ihm die Ueberschrift DOMITII MARSI gegeben, und in den 
castigationes wird hierzu bemerkt: In pervetusto Mo schedio (d. h. 



1) Derartige Schlüsse aus seinem Schweigen lassen sich auch sonst bei 
ihm vermuthen: vgl. Rhein. Mus. XXIX 104. 

2) Ueber die Schnelligkeit, mit der Scaliger den jüngeren cod. Guiacianus 
collationirte f Tgl. die Notiz aus den Scaligerana bei Bernays Seal. p. 143. 
Dass seine Mittheilungen über diese Hdschr. nicht frei von Unrichtigkeiten 
sind, zeigen jetzt die Angaben bei Ellis Gat. p. Lviif. Ueber seine Nach- 
lässigkeit in der Bezeichnung der Hdschrr. vgl. Lachmann zu I 1, 22. Rhein. 
Mus. XXIX 100 f., über einen durch Nachlässigkeit entstandenen Irrthum das. 
101 f. Ueber die Leichtfertigkeit, mit der er sich spater zur Rechtfertigung 
seiner Transpositionen auf Lilius Gyraldus berief, Haupt opuso. III 35. 

3) Dass Scaliger aus der äusseren Beschaffenheit der Hdschr. einen 
unrichtigen Schluss gezogen hätte, wäre nicht undenkbar, ebenso wie einen 
derartigen Schluss Haupt (opuso. II 53) bei Puccius für möglich hielt. Vgl. 
die Bemerkungen von ROhl Jahrb. f. Philol. 1875, 780 f. 



Digitized by CjOOQ IC 



350 HILLER 

im fragm. Cui.) titulus hutc epigrammatio erat DOMIT1 MARSl 
Auffallend ist , was Scaliger in Bezug auf dieses -Epigramm in 
sein oben erwähntes Handexemplar der ed. Plant notirt hat Das 
Epigramm steht hier p. 144 unten mit der Ueberschrift EPITA- 
PHION TIBVLLL Rechts von dem Worte TIBVLL1 hatte Sca- 
liger geschrieben PER DO; aber diese Buchstaben sind alsdann 
durch Auswischen getilgt; offenbar hatte er schreiben wollen PER 
DOMITIVM MARSVM 1 ), vielleicht mit einem weiteren Zusätze; 
links von der Ueberschrift aber steht von seiner Hand DOM1T11 
MARSI V. D. oder V. 0., während das fragm. Cui. von Scaliger 
in diesen Aufzeichnungen sonst stets mit C. C. (d. h. wohl Codex 
Cuiacii) bezeichnet ist Der fragliche Buchstabe schien mir, als 
ich das Exemplar in Händen hatte, eher D als zu sein; auch 
Bährens gibt V. D. an. Aber trotz des äusseren Anscheins möchte 
ich eher glauben, dass Scaliger V. 0. schreiben wollte. Denn 
V. 0. kann vetus optimus bedeuten; was sich aber Scaliger bei 
der Bezeichnung F. D. gedacht haben sollte — vorausgesetzt, dass 
sie, woran doch nicht wohl gezweifelt werden kann, dem fragm. 
Cui. gilt 2 ) — bin ich völlig çusser Stande zu sagen. — 

Auf dieses Epigramm folgt in den ältesten unserer vollstän- 
digen Handschriften die kurze Vita des Tibull, in welcher die 
letzten Worte des Epigramms als vorhergehend vorausgesetzt und 
zu einem Schlüsse auf die Dauer von Tibulls Leben benutzt wer- 
den. Bährens meinte, diese Vita sei aus Sueton entnommen; hier- 
gegen sprechen, nach Reifferscheids treffender Bemerkung (in Bur- 
sians Jahresber. für 1880 III 284), die Worte epistolae quoquc ms 



1) Ebenso giebt er in der Appendix Virgilii p. 153 einer Inhaltsangabe 
zur Aeneis die Ueberschrift Eadem argumenta monosüchis Per eundem 
auctorem (nämlich einen poeta scholasticus). — Etwas befremdendes hat es, 
dass Scaliger, wenn im fragm. Cui. die Ueberschrift Domitii Marti gestanden 
hat, zuerst eine andere Fassung derselben in die ed. Plant eintragen wollte. 

2) Der Gedanke an vir doctus oder viri docti liegt natürlich nahe, zu- 
mal da in der ed. Plant, unmittelbar auf das Epigramm die Worte folgen: 
Haec duo epigrammata quae in Priap, leguntur viri docti Tibullo adscri- 
bunt. Bemerkungen von Scaligers Hand , welche sich nicht auf handschrift- 
liche Lesarten beziehen, rinden sich in dem Handexemplare auch sonst: vgl. 
Francken Mededeel en Ferslagen X (1S66) p. 34 Anm. Aber man wurde sich 
bei dieser Erklärung der Buchstaben in allzu grosse Schwierigkeiten ver- 
wickeln. Ueber das von Huschke p. 677 mitgetheilte habe ich an anderem 
Orte gehandelt. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE TIBULLISCHE ELEGIENSAMMLUNG 351 

amatoriae, quamquam breves, omnino utiles sunt, wo Bährens mit 
Unrecht utiks durch Aenderung beseitigen wollte. Aber desshalb 
die Vita dem Mittelalter oder dem 14. Jahrhundert zuzuschreiben, 
hat, wie. mir scheint, keine Berechtigung; Vorschriften über die 
Anfertigungen von Briefen gab es ja auch schon im Alterthum. 1 ) 
Dem Verfasser der Vita Urtheil und Geschmack beizulegen, sind 
wir durch nichts veranlasst; er kann recht wohl gemeint haben, 
IV 4 lasse sich für Wünsche um Genesung, IV 5 für Geburtstags- 
sebreiben, IV 8 und 9 für Worte des Bedauerns über den Zwang 
der Trennung und der Freude über dessen Beseitigung, IV 11 für 
einen Brief während eigener Krankheit verwerthen, so wenig man 
auch dieser Anschauung beipflichten wird. Gegen die Humanisten- 
zeit sprechen sowohl die knappe Form wie auch die beiden ebenso 
schweren wie seltsamen Corruptelen, von welchen die älteste Ueber- 
lieferung der Vita, die im Ambrosianus (nach Bährens und Löwe 
aus dem 14. Jahrb.), sowie die im Vaticanus und Parisinus entstellt 
ist: eques regalis 2 ) und Corvinum Messalam originem. Auch wäre 
es, wenn die Vorlage des Ambrosianus das Product eines Huma- 
nisten enthalten hätte, auffallend, dass der Text des corpus Tibul- 
lianum im Ambrosianus von Besserungsversuchen jener Zeit frei 
ist. Noch unwahrscheinlicher ist ein mittelalterlicher Ursprung 
der Vita, der sich doch wenigstens an einer Stelle, sei es in 
sprachlicher, sei es in inhaltlicher Beziehung, kundgeben müsste. 
Die Vita wird also wohl dem späteren Alterthum angehören, und 
die beiden uns anderweitig nicht bekannten Angaben, die sie ent- 
hält, dass Tibull eques gewesen sei und dona militaria erhalten 
habe, gehen möglicher Weise auf gute Ueberlieferung zurück. Hier- 
nach ist auch anzunehmen, dass wie das Epitaphion, so auch die 
Vita in dem allen unseren Textesquellen zu Grunde liegenden 
Archetypus der Tibullischen Sammlung gestanden hat. — 



1) Vgl. Teuffei Gesch. der röm. Litt. § 46, 9. 

2) Eine falsche Auflösung von eques Ä. ist dies schwerlich ; aber denkbar 
ist es, dass in der Vorlage des von einem unwissenden Schreiber geschrie- 
benen Archetypus der vollständigen Hdschrr. durch Correcturen, Flecken oder 
dergl. Ànlass zur Lesung regaUs statt romanus gegeben war, ebenso wie bei 
oratorem zur Lesung originem (welche durch Heinsius auch für den ver- 
lorenen Eboracensis bezeugt ist). Vermuthen könnte man auch eques Pedanus 
nach Hör. epist. I 4, 2; aus derselben Epistel des Horaz ist die Bemerkung 
ober Tibull8 körperliche Schönheit entnommen. 



Digitized by CjOOQ IC 



352 HILLER 

In dem Urexemplar unserer vollständigen Handschriften 
war, wie jetzt feststeht, die Sammlang in drei Bücher getheilt 1 }, 
und nichts hindert uns, diese Eintheilung bis auf den gemeinsamen 
Archetypus unserer sämmtlichen Textesquellen zurückzuführen; viel- 
mehr wird dies durch den Inhalt des 'dritten Buches' eher em- 
pfohlen. Mit ganz unzureichenden Gründen hat neuerdings Birt 
(p. 429) die Ansicht ausgesprochen, in der Bezeichnung eines 
dritten Buches sei einer 'von den vielen Fällen anzuerkennen, in 
welchen das Mittelalter falsche Buchtitel eingeschwärzt hat'; früher 
hätten die sechs Lygdamuselegien noch einen Bestandteil des 
zweiten Buches gebildet. Wenn das mittelalterliche Florilegium, 
zu dem die Pariser Excerpte gehören*) — und natürlich auch Vin- 
centius von Beauvais, der dieses selbige Florilegium benutzt hat — 
ein drittes Buch nicht kennt, vielmehr Stellen aus dem dritten 
Buche dem zweiten zuschreibt, so liegt nichts näher als hier eine 
einfache Nachlässigkeit anzunehmen: sei es, dass der Urheber des 
Florilegiums den neuen Buchtitel übersah, sei es, dass der Schrei- 
ber des dem Florilegium zu Grunde liegenden Tibullexemplars ihn 
hinzuzufügen vergessen hatte. 3 ) Birt nimmt Anstoss daran, dass 
das zweite Buch nur 428 Verse, das Buch des Lygdamus nur 290 
enthalte. Beides beweist nicht das geringste. Die sechs Lygdamus- 
elegien waren auch meiner Meinung nach im Alterthum nicht 
selbständig im Buchhandel ; sie waren vielmehr verbunden mit dem 
Reste der Sammlung. Das zweite Buch aber ist, wie man mit Recht 



1) Birt das antike Buchwesen S. 426 schreibt folgendes: 'Nur das erste 
und zweite Buch schliessen mit dem obligaten explicit. Auch folgt auf das 
dritte nicht ein viertes, sondern jener Panegyricus Messalae' u. s. w. Eine 
seltsame Ausdrucksweise für die einfache Thatsache, dass alles auf das 
zweite Buch folgende nach unserer Ueberlieferung ein drittes Buch bildet, 
wenn auch die besondere Ueberschrift für den Panegyricus gewahrt ist. 

2) Birts Meinung (p. 427), die gemeinsame Vorlage dieser Excerpte scheine 
dem Ausgange des Alterthums anzugehören, ist unrichtig. Man sehe nur 
die Inhaltsangabe bei Meyncke Rhein. Mus. XXV 377 ff. Vgl. auch Leonhard 
de codd. Tib. p. 18. 

3) Unter der letzteren Voraussetzung kann man vermuthen, dass die in 
dem Bücherverzeichniss einer Berliner Handschrift aufgeführten Albü Tibulli 
libri II eben dieses Exemplar gewesen sind (L. Müller Jahrb. f. Philo!. 1869, 
76 f.). Doch ist es auch möglich, dass sich in jener Handschrift nur die swei 
ersten Bücher befanden (Behrens Tibull. Bl. 54) oder dass die Zahl 7/ statt /// 
auf einem Irrthum des Schreibers beruht; auch die Zahlen der Ciceronischen 
Reden sind in dem Verzeichnisse fehlerhaft. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE TIBÜLLISCHE ELEGIENSAMMLUNG 353 

annimmt, nach dem Tode des Dichters herausgegeben; wenn nun 
der Heraasgeber eine grössere Zahl von TibuUischen Gedichten 
zunächst nicht auftreiben konnte, was blieb ihm anderes übrig, 
als das ihm vorliegende zu veröffentlichen, so viel oder so wenig 
es nun einmal war? 1 ) Sowohl das Zeugniss unserer Handschriften 
wie innere Gründe empfehlen durchaus die Annahme von Bährens 
und Anderen, dass, nachdem auf diese Weise die Herausgabe des 
zweiten Buches stattgefunden hatte, in einer späteren Zeit (s. u.) 
alle folgenden Stücke, die sich ursprünglich im Besitze des Mes- 
sallischen Hauses befunden hatten, den beiden schon vorhandenen 
Büchern als ein drittes Buch hinzugefügt und in ihrer Gesammt- 
heit dem Tibull beigelegt wurden. Durch die Annahme einer der- 
artigen Veröffentlichung erklärt sich der Umstand, dass auf die 
Ljgdamuselegien Gedichte von drei verschiedenen Verfassern folgen, 
die sämmtlich zu Messalla in Beziehung stehen: der Panegyricus, 
Tibullische Gedichte und Gedichte der Sulpicia; auch bei Lygdamus 
steht nichts im Wege, eine Beziehung zu Messalla und seinem 
Kreise anzunehmen. 1 ) Für keinen der Bestandtheile des dritten 
Buches lässt es sich wahrscheinlich machen, dass er sich vor dieser 
uns vorliegenden Vereinigung im Buchhandel befunden habe ; Birts 
Argumentation, wonach in den Schlussworten des Panegyricus an- 

1) Ganz abgesehen von der Möglichkeit, dass aus dem zweiten Buche 
einiges verloren ist Für den Verlust Tibulliecher Elegien, welche litterarisch 
veröffentlicht waren, hat man das Gitat bei Gharisius p. 87, 5 und 131, 1 
geltend gemacht, in welchem Andere ein — allerdings recht starkes — Ver- 
sehen erkennen wollen. Ob Elegien über die Untreue der Geliebten, welche 
Horaz Glycera nennt, jemals ins Publicum gekommen, ob sie überhaupt aus- 
gearbeitet worden sind, wissen wir nicht Passows Bemerkungen hierüber 
(verm. Sehr. 170) sind nicht zutreffend. 

2) Vgl. Ribbeck app. F erg. p. 13. Birt ad hist. hex. Lat. symbole p. 46. 
Heynes Vermuthung, dass sich in dem Namen Lygdamus der Name Albius 
verstecke, ist keineswegs zu verwerfen. Dass der Gebrauch von kvyâoç 
lygdos Xvyâwoç zu derselben durchaus berechtigt, kann nicht bestritten wer- 
den; und warum sollte dieser Dichterling, von dem Lachmann (Tib. p. 44) 
mit Recht sagte nullum alium sibi quam Tibullum in arte quem sequeretur 
proposuit, huncin opere suo ita effinxit ut in Tibulli domo scriptum 
iures, nicht ein jüngerer Verwandter des Dichters gewesen sein? Ihren Grund 
hat die Gräcisirung des Namens wohl darin , dass es dem Verfasser passend 
erschien, in dein Grabepigramm zwei gleichartige Namen anzuwenden. 
(Weniger wahrscheinlich ist das Motiv, welches Kleemann de libri tertii 
eartn. p. 20 annimmt.) Lachmanns Annahme, der Name Lygdamus rühre vom 
Herausgeber her, scheint mir nicht berechtigt. 

Hermes XVIII. 23 



Digitized by CjOOQ IC 



354 HILLER 

gedeutet sein soll, das Gedicht sei ursprünglich als selbständiges 
Buch 4 edirt' worden (p. 426), verstehe ich nicht. Natürlich wurde 
der Panegyricus dem Messalla als selbständige Rolle überreicht; 
eine selbständige Herausgabe aber, d. h. eine litterarische Publi- 
cation, ist durch nichts bezeugt. Dass die Sulpiciagedichte, so- 
wohl die des Tibull wie die der Sulpicia selbst, nicht für die 
Oeffentlichheit bestimmt waren, bedarf, glaube ich, keines Beweises; 
sie müssen erst nachmals hervorgezogen sein. Dieser Ansicht über 
die Publication des dritten Buches würde es durchaus nicht ent- 
gegen stehn, wenn Ovid, der gleichfalls im Hause Messallas ver- 
kehrte, mit Dichtungen des nachmaligen dritten Tibullbuches auf 
dem Wege privater Mittheilung bekannt geworden wäre und Re- 
miniscenzen daraus bin und wieder in seinen Dichtungen ange- 
bracht hätte. Dass dies aber sicher der Fall war, möchte ich nicht 
behaupten. Denn mit einer einzigen alsbald zu besprechenden 
Ausnahme ist nirgendwo 1 ) die Aehnlichkeit mit einer Ovidstelle 
derartig, dass wir zur Annahme einer Entlehnung von der einen 
oder von der anderen Seite schlechterdings gezwungen wären. 
Man vergleiche die Bemerkungen von Hertzberg Hallische Jahrb. 
1839, 1019 f., von H. Blass Jahrb. f. Philol. 1874, 493, und von 
Bährens Tibull. Bl. 37, der mit Recht darauf aufmerksam macht, 
dass Reminiscenzen aus dem beliebten Elegiker Cornelius Gallus, 
die bei den Elegikern der Augusteischen Zeit mit Sicherheit ange- 
nommen werden können, für uns nicht mehr nachweisbar sind. — 
Dass im vierten Buche (nach der gewöhnlichen Zählung) die 
Gedichte 2— 6 2 ) dem Tibull, 8—12 der Sulpicia angehören, ist 

1) Selbst nicht bei dem gleichen Ausdruck für die verlassene Ariadne 
Lygd. 6, 40 und Ovid Ars am. Ill 36, der (nach dem von Lygdamus citirten 
Gatull 64, 57) für einen Elegiker nahe genug liegen musste; vgl. auch 
Prop. II (IM) 24, 46. Bei der Aehnlichkeit von Lygd. 6, 15 und Ovid Met. 
XV 86 ist zu bedenken , dass die Zusammenstellung von Tigern und Löwen 
und ihre Vertheilung auf die beiden Hälften des Hexameters gleichfalls nicht 
ferne lag und dass die Armeniae tigres bei Vergil eel. 5, 29 vorkommen. 
Sollten ferner nicht Lygdamus und Ovid (in den Tristien) selbständig auf den 
Gedanken haben kommen können, das Motiv des Einleitungsgedichtes dem 
(schon bei Gatull wenigstens erwähnten) Aeusseren der Rolle zu entnehmen? 
Ohne Bedeutung sind auch Gemeinplätze wie Lygd. 6, 43 und Ovid Ars am. 
Ill 455 u. 8. w. 

2) Das Beabsichtigte der Anordnung, nach welcher zwischen den drei 
Gedichten, in denen der Dichter eine Gottheit mit Beziehung auf Sulpicia an- 
redet, zwei stehen, in denen Sulpicia redend eingeführt wird, ist unverkennbar. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE TIBÜLLISCHE ELEGIENSAMMLUNG 355 

die herrschende Ansicht, die auf guten und nicht widerlegten 
Gründen beruht. Zweifel bestehen noch über das siebente Ge- 
dicht. Gruppe zog es zu den Tibulüschen, Rossbach und Andere 
zu denen der Sulpicia, womit ich jetzt durchaus übereinstimme. 
Hit Recht hat man hierfür die Kürze des Gedichtes und den 
knappen von Tibulls Darstellung abweichenden Stil geltend ge- 
macht, mit Recht auch auf mehrere sprachliche Eigentümlich- 
keiten hingewiesen, die dem Tibull nicht beigelegt werden kön- 
nen. 1 ) Aber auch darauf ist aufmerksam zu machen, dass die 
Gedichte 2 — 6 mehrfache nähere Uebereinstimmungen mit den 
übrigen Gedichten Tibulls zeigen, die der Sulpicia keine (trotz 
der entgegengesetzten Behauptung Gruppes die röm. El. S. 57), 
und dass das 7. Gedicht auch in dieser Beziehung sich als durch- 
aus zugehörig zu den letzteren erweist. WöUHin hat zwar auf die 
Bezeichnung Camenae für Gedichte (Vs. 3) einiges Gewicht legen 
wollen (acta sem. phil. Erlang. I 100); seine Bemerkung beruht 
aber auf der Annahme, dass der Panegyricus Tibullisch sei, einer 
Annahme, die jetzt doch wohl mit Recht so gut wie allseitig ver- 
worfen ist; übrigens findet sich Camenae in dem angegebenen 
Sinne auch bei Horaz. Dass die vermeintliche Ueberschrift Sulpicia 
vor 8 im fragm. Guiac. in das Reich der Fabel gehört, habe ich 
im Rhein. Mus. XXIX 106 nachgewiesen. Wie Zingerle (kl. philol. 
Abb. I 30) die in Handschriften vor 8 befindliche Ueberschrift 
Sulpicia Messalae dafür geltend machen kann, dass das vorher- 
gehende Gedicht dem Tibull angehöre, begreife ich nicht; diese 
Ueberschrift bezieht sich doch, ebenso wie die entsprechende des 
fragm. Cui., augenscheinlich allein und speciell auf das achte Ge- 
dicht, das einzige Sulpiciagedicht, in welchem Messalla angeredet 
wird, ebenso wie die Ueberschrift vor 3 Sulpicia ad Cerinthum de 
venatione dimittenda nur auf das dritte. — Während die vier kür- 
zesten Gedichte 9 — 12 für wirkliche poetische Billets der Sulpicia 
zu halten sind, haben wir in den beiden längeren, nicht nur in 7 S ), 

Die Argumente, mit denen R. Richter de quarti libri Tibull. eleg. p. 6 ff . 
das Gedicht IV 5 dem Tibull abzusprechen gesucht hat, beruhen zwar auf 
sorgfältiger und umsichtiger Erwägung, scheinen mir aber doch nicht aus* 
reichend; dass unter den fünf Gedichten dieses das schwächste ist, wird nicht 
geleugnet werden können. 

1) Vgl. A. Petersen de quarti libri Tib. eleg. p. 19. R. Richter de 
quarti libri Tib. eleg. p. 1. 

2) Bährens Tib. Bl. 42. 

23* 



Digitized by CjOOQ IC 



356 HILLER 

sondern auch in 8, poetische Herzensergiessungen zu erkennen, 
die nicht dazu bestimmt waren als Briefe zu dienen. In 7 fehlt 
eine Anrede; aber auch 8 darf man wohl, trotz der Anrede an 
Messalla, nicht mit dem Urheber der erwähnten Ueberschrift und 
mit Gruppe (p. 50) für einen an Messalla gerichteten Brief halten; 
es verbietet sich dies, wie mir scheint, durch den Inhalt und den 
Ton des Gedichtes. Das siebente Gedicht setzte der Herausgeber 
muthmasslich darum an den Anfang, weil er — mit Recht oder, 
Unrecht — glaubte, der vollzogene Liebesbund sei die Voraus- 
setzung aller folgenden Gedichte. — 

Zwischen der Zeit, in welcher das vierte Buch von Ovids 
Tristien in Rom bekannt wurde und der Veröffentlichung eines 
dritten Buches angeblich Tibullischer Dichtungen müssen minde- 
stens einige Jahre liegen. Dies ergiebt sich aus der vielbehandelten 
Stelle III 5, 15 — 20, auf welche ich, da man sich über ihre Be- 
urtheilung noch nicht geeinigt hat, naher eingehen muss. Der 
kranke Verfasser des Gedichtes klagt folgendermassen : 
Et nondum cani nigros laesere capillos, 

nee venit tardo 1 ) curva seneeta pede. 
Natalem primo nostrum videre parentes, 

cum cecidit fato consul uterque pari. 
Quid fraudare iuvat vitem crescentibus uvis*) 
et modo nata mala vellere poma manu? 
Hiermit hat man längst die folgenden drei Ovidischen Stellen ver- 
glichen : 

Ars am. II 669 f. 
Dum vires annique sinunt, tolerate labores: 
iam veniet tacito curva seneeta pede. 
Trist. IV 10, 5 

Editus hinc ego sum, nee non ut tempora noris, 
cum cecidit fato consul uterque pari. 
Am. II 14, 23 

Quid plenam fraudas vitem crescentibus uvis 
pomaque crudeli vellis acerba manu? 
Der Gedanke an Zufall ist bei dieser Uebereinstimmung ausge- 

1) tacito die Pariser Excerpte. 

2) Die Aehnlicfakeil des Ausdrucks in dem von Huschke angeführten grie- 
chischen Epigramme (jetzt Nr. 575 bei Kaibel, dessen Bemerkungen p. 145 
zu vergleichen sind) ist wohl nur eine zufallige. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE TIBULLISCHE ELEGIENSAMMLUNG 357 

schlössen; es fragt sich, wie sie zu erklären ist. Hierüber sind 
folgende Ansichten geäussert worden. 

J. H. Voss glaubte (p. XXII seiner Uebersetzung) , Ovid habe 
an allen drei Stellen den Lygdamus nachgeahmt. Dass diese An- 
nahme unstatthaft ist, ergiebt sich aus einer Reihe schlagender 
und schon wiederholt vorgebrachter Gründe. 1 ) Vor allem ist her- 
vorzuheben, dass ein derartiges Abschreiben eines anderen Dich- 
ters, wie es beim zweiten und dritten Distichon stattfände, bei 
Ovid nicht nachweisbar ist. Weiteres ergiebt sich aus einer Ver- 
gleichung des einzelnen : wobei man sich freilich darüber geeinigt 
haben muss, dass bei zwei wörtlich übereinstimmenden Stellen das 
Original in der passenden, die Nachahmung in der unpassenden 
Anwendung zu erkennen ist. Nun ist bei Lygdamus schon die 
ganze mit et nondum angeknüpfte Motivirung nach den Worten 
mmerito invent parce nocere, dea Vs. 6 wenig angemessen. So- 
dann ist die genaue Angabe des Geburtsjahres in "der Ovidischen 
für die posteritas bestimmten Selbstbiographie nicht nur passend, 
sondern noth wendig; bei Lygdamus, der an seine Freunde schreibt 
und die Persephone um Schonung anfleht, überaus müssig. Ferner 
ist der Ausdruck vitem fraudare bei Ovid zutreffend bis zum wider- 
wärtigen (man lese die Stelle im Zusammenhang), bei Lygdamus 
steht er ohne irgend welche klare Beziehung; der Vergleich des 
invents aber mit einem pomum modo na tum ist mindestens recht 
unpassend. Ich füge noch hinzu, dass die pointirte Bezeichnungs- 
weise des Jahres echt Ovidisch ist *), in dem weinerlichen Gedicht 
des kranken Lygdamus aber — wenigstens nach meinem Gefühl — 
einen fast komischen Eindruck macht; ferner dass die Art, wie 
die Geburtszeit bestimmt wird, bei Ovid deutlich ist, bei Lygdamus 
undeutlich 3 ), und dass daher auch aus diesem Grunde der Penta- 
meter bei Lygdamus nicht für das Original gelten kann; endlich 
dass, bei wörtlicher Nachahmung dieser einen aus drei Distichen 



1) Vgl. Spohn de Tibulli vita et earminibus p. 19 ff. Bolle de Lyg- 
darni cartn. p. 7 u. A. 

2) Vgl. i. B. in demselben Gedicht die Verse 12—14, sowie die von 
Zingerle 'Ovidius und sein Verhältniss zu den Vorgängern' I S. 58 Anna. 2 an- 
gefahrten Stellen. 

3) Genau genommen könnte man nämlich bei dem Ausdruck natalem 
primo videre zweifeln, ob der Dichter seine Geburt in dieses oder in das 
vorhergehende Jahr setzen will; in Lygdamus' Absicht lag sicher das erstere. 



Digitized by 



Google 



358 HiLLER 

bestehenden Stelle des Lygdamus durch Ovid, das Fehlen sonstiger 
vollständig entlehnter Verse und die auf alle Fälle verschwindend 
geringe Zahl kleinerer wörtlicher Uebereinstimmungen höchst auf- 
fallend erscheinen müsste. 

Umgekehrt wollte Bernhardy (Grundriss der röm. Litt. S. 549. 
615) in den Gedichten des Lygdamus Nachahmung des Ovid er- 
kennen; Bährens hat dies, von einer richtigen Erwägung geleitet, 
auf das fünfte Gedicht beschränkt, indem er annimmt, dasselbe 
sei später abgefasst als die fünf anderen, nach der Veröffentlichung 
von Ov. Trist. IV (Tibull. Bl. 40). l ) Allein auch dies geht, wie 
man gleichfalls schon wiederholt hervorgehoben hat 1 ), nicht au. 
Mag Lygdamus ein noch so dürftiger und geschmackloser Geselle 
gewesen sein, ihn für verrückt zu erklären, sind wir nicht be- 
rechtigt. Verrückt aber wäre er gewesen, wenn er in einem Alter 
von mindestens 56 Jahren sich als invents bezeichnet und mit 
crescentes uvae und modo nota mala verglichen hätte. 3 ) Denn an 
eine fingirte Situation oder an Darstellung fremder Verhältnisse ist 
bei Lygdamus nicht zu denken. Schon für die Neäraelegien ist 
eine derartige Auffassung mit vollkommen ausreichenden Gründen 
zurückgewiesen worden; wer könnte sich vollends vorstellen, dass 
jemand auf die Krankheit eines Anderen, die vor 20 bis 30 Jahren 
stattgefunden, eine Elegie gedichtet, oder dass er in einer Elegie 
eine Krankheit vollständig fingirt und dabei in eine bestimmte 
frühere Zeit zurückverlegt habe? Bolle meint, die sechs Ge- 
dichte rührten von einem Fälscher her, der sie für Erzeugnisse 
Tibulls habe ausgeben wollen ; lässt sich ein Fälscher denken, der 

1) Wären alle nach Ovids Tristien abgefasst, so würde von der Be- 
schaffenheit und der geringen Zahl der sonstigen wörtlichen Uebereinstim- 
mungen dasselbe gelten, was gegen die Ansicht von Voss eingewendet wurde. 
Auch wäre es alsdann äusserst seltsam, wenn sich der Dichter, dem doch 
wohl Properz nicht unbekannt geblieben war, den Namen Lygdamus beigelegt 
hätte, der bei Properz einem Sclaven ertheilt wird. Diesen Punkt hat Böhlaa 
de Lygd. carm. p. 3 mit Recht hervorgehoben, aber zu verfehlten Folge- 
rungen benutzt. 

2) Vgl. z. B. den Rezensenten von Bährens Ausgabe im philol. Anz. X 184. 
Die Vermuthung von R. Richter in Bursians Jahresber. für 1873 S. 1449, 
dass Lygd. 5 Vs. 19 f. aus Ovid entlehnt, Vs. 18 aber ein 'geflügeltes Wort' 
sei, setzt einen gar zu merkwürdigen Zufall voraus. 

3) Was Magnus in den Jahresber. des Berliner philol Vereins 1877 S. 234 
hiergegen vorbringt, kann ich nicht für zutreffend halten, schon darum nicht, 
weil Lygdamus in dieser Elegie durchaus kein 'Liebesdichter 1 ist. 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE TIBULLISCHE ELEGIENSAMMLUNG 359 

0?. Trist. IV 10 ausschreibt uod zugleich den Tibull in demselben 
Jahre geboren sein lässt wie Ovid, trotz Trist. IV 10, 53 f., oder 
der dem Tibull Gedichte unterschieben will und darin nirgends 
das Landleben preist? Doch genug hiervon. 

Andere halten die fünfte Elegie des dritten Buches für ein 
Jagendgedicht Ovids, sei es dass sie, wie Gruppe, dies auch für 
die fünf Neäraelegien annehmen, sei es dass sie, wie Riese (Jen. 
Litt.-Ztg. 1876, 270) und der Recensent im philol. Anz. X 184 die 
Autorschaft Ovids auf die fünfte Elegie beschränken. Die erstere 
Ansicht bedarf wohl keiner Widerlegung mehr. Bei der letzteren 
wäre es äusserst auffallend, dass, während sonst die verschiedenen 
Bestandteile des dritten Buches in angemessener Weise auf ein- 
ander folgen 1 ) , hier die Neäraelegien des Lygdamus durch ein 
Ovidisches Gedicht unterbrochen wären; höchst seltsam wäre es 
ferner, dass Ovid gerade drei aufeinander folgende Di- 
sticha dieses Jugendgedichtes in späteren Dichtungen derartig 
geplündert hätte; recht bedenklich wäre auch der Umstand, dass 
sowohl die Worte des zweiten wie die des dritten Distichons an 
den späteren Stellen weit passender wären als an der ursprüng- 
lichen. Schon diese Gründe dürften genügen, um die Autorschaft 
Ovids auszuschliessen. Noch entscheidender freilich ist für mich 
— und Anderen wird es, denke ich, ebenso gehen — dass es mir 
nach der ganzen Beschaffenheit des Gedichtes (die mit der der 
Neäraelegien durchaus übereinstimmt) absolut unmöglich ist, das- 
selbe dem wenn auch noch so jungen Ovid beizulegen. 

Es bleibt endlich von den bisherigen Annahmen noch die 
eine Interpolation von fremder Hand bei Lygdamus übrig. 
Man müsste für eine solche jedenfalls die Verse 17 — 20 halten. 2 ) 
Aber welcher Interpolator sollte auf den Gedanken gekommen sein, 
in einem Gedichte, welches wohl schon bei seiner Publication den 
Namen des Tibull, niemals aber den des Ovid getragen hat, das 
Geburtsjahr des Ovid einzuschwärzen ? 

1) Lygdamus, der Panegyricus, Tibulls Sulpiciaelegien, die eigenen Ge- 
dichte der Sulpicia, endlich zwei vereinzelte elegische Gedichte Tibulls auf 
eine ungenannte Geliebte. Nirgends sind diese verschiedenen Bestandteile 
durch einander gerathen. 

2) Ys. 18 erschien bereits Scaliger verdächtig. Heyne tilgte 17 und 18, 
Spohn (von einer unrichtigen Vorstellung über die Tradition ausgehend) 15—20. 
Die Uebereinstimmung von Vs. 16 mit der Ovidstelle würde, wenn sie allein 
Blande, kein allzu grosses Bedenken haben. 



Digitized by CjOOQ IC 



360 HILLER 

Wie sollen wir also die Uebereinstimmung der drei Disticha 
mit den Ovidstellen erklären? 

leb weiss keinen anderen befriedigenden Ausweg als den, dass 
wir Vs. 15 — 20 für einen nachträglichen Zusatz des Dich- 
ters selbst halten. Lygdamus hatte das Gedicht ohne diese 
Verse, ebenso wie die Neäraelegien, in seinen jungen Jahren w- 
fasst. Die Elegien an Neära hatte er, wie sich nach der ersten 
annehmen lässt, sei es mit der fünften, sei es ohne dieselbe 1 ), 
vielleicht noch mit einigen nicht mehr vorhandenen 9 ), der Neära 
zum Geschenke gemacht, aber ohne sie zu publiciren. Es steht 
nun der Annahme durchaus nichts im Wege, dass er in viel spä- 
terer Zeit (nach dem Bekanntwerden des vierten Buches von Ovids 
Tristien) von diesen sechs Jugendgedichten als Geschenk für einen 
Freund oder Gönner — sagen wir für Messalinus — eine neue 
Abschrift anfertigen Hess. Das erste Gedicht war, wie sein Inhalt 
zeigt, von vornherein zum Anfangsgedicht bestimmt gewesen und 
musste diesen Platz behalten 3 ); das fünfte war zwar seinem Inhalt 
nach verschieden von den fünf übrigen, aber eben wegen seines 
Inhalts auch durchaus nicht geeignet am Schlüsse zu stehn ; wohl 
aber war hierfür das sechste geeignet, in welchem der Dichter auf 
Neära verzichtet (Vs. 29 f.); daher erhielt das fünfte die vorletzte 
Stelle. Nun war Lygdamus wirklich in demselben Jahre geboren 
wie Ovid; dies in seinem Büchlein anzubringen erschien ihm nicht 
unpassend ; die Art, wie das Geburtsjahr in den Tristien bezeichnet 
war, hatte ihm gefallen und veranlasste ihn zur Entlehnung. Die 
Hinzufügung eines einzigen Distichons aber würde nicht genügt 
haben; man wird dies zugestehen, sobald man sich Vs. 15 f. und 
Vs. 19 f. wegdenkt. Der im Ovid gut bewanderte Lygdamus ver- 
fasste daher, da er einmal bei der "Benutzung Ovids war und in- 
zwischen wohl auch die ohnehin geringe dichterische Gewandtheit 
seiner Jugendjahre stark abgenommen hatte, den durch zwei eigene 
Verse bereicherten Ovidischen Cenlo Vs. 15 — 20. 4 ) Die Verwen- 



1) Möglicher Weise auch ohne die sechste: vgl. Gruppe p. 119. 

2) Auf Neäragedichte, die in unserer Sammlung fehlen, weist 4, 57. 

3) Mit Rücksicht hierauf hat wohl auch der spatere Herausgeber des 
dritten Buches nicht den Panegyricus, sondern die Lygdamuselegien an den 
Anfang gestellt. 

4) Wer weder die wenigen sonstigen Uebereinstimmungen zwischen Lyg- 
damus und Ovid für zufällig noch Reminiscenzen an Lygdamus bei Ovid für 



Digitized by CjOOQ IC 



DIE TIBULLISCHE ELEGIENSAMMLUNG 361 

dung der Verse 19 f. in diesem Zusammenhang ist eine Geschmack- 
losigkeit, die wir dem Lygdamus durchaus zutrauen dürfen; der 
Vergleich ist, wie schon bemerkt, unpassend; aber er ist nun nicht 
mehr völlig unsinnig, was er bei der Annahme von Bernhardy und 
Bährens sein würde; denn diejenigen Leser, an die Lygdamus 
dachte, wussten ja, dass die Krankheit in seinen jungen Jahren 
stattgefunden hatte und dass das Gedicht damals abgefasst worden 
war; ob sie den neuen Zusatz von ästhetischem Standpunkte aus 
gebilligt haben, ist eine andere Frage, auf die es uns hier nicht 
ankommt. 

Das Exemplar, welches das auf diese Art erweiterte Gedicht 
enthielt, fand später derjenige vor, welcher das 'dritte Buch des 
Tibuir veröffentlichte. 1 ) Dass bereits dieser Herausgeber es war, 
welcher das Epigramm des Domitius Marsus hinzufügte, ist sehr 
wohl denkbar. 



glaublich hält, mag hiernach annehmen, dass jene Uebereinstimmungen durch 
vereinzelte von Lygdamus bei der neuen Abschrift vorgenommene Aenderungen 
entstanden seien. 

1) Die Art, wie sich Kleemann p. 66 f. die Veröffentlichung denkt, ist 
nicht unmöglich, nur dass an Stelle Ovids der unbekannte Verfasser der sechs 
Lygdamuselegien zu setzen ist. 

Halle. * E. HILLER. 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRÄGE ZUR TEXTESKRITIK DES ISAIOS. 

Trotz der mannigfachsten Versuche ist die Heilung von 1, 10 
bisher nicht gelungen. Die bei Scheibe aufgezählten Vorschläge, 
sowie derjenige Nabers taç vateçov èotoq>QOvla%h], ôrjlov èyéren 
(Mnem. V 1877 S. 387) leiden ganz abgesehen von der Gewaltsam- 
keit der Aenderungen sämmtlich an zwei Fehlern, auf die bereits 
Meutzner (Fleck. Jahrb. 83 S. 468) hingewiesen hat: das vote- 
qov stimmt nicht zu § 11 xal ev&i>ç èçwtwvtoç tov Jetviov 
7zaQaxQrjf*ct — anençlvaro und Zusammengehöriges (ov% q/uv 
eyx.a'kwv — oqiuv de) wird getrennt. Diejenigen überdies, die den 
Zwischensatz mit wc bis eleyev ausdehnen, schaffen eine höchst 
ungeschickte Construction : der Nachsatz zu dem ganzen Satzgefüge 
fehlt ; in demselben erwarten wir aber gerade keinen andern Ge- 
danken als den in jenem Zwischensatze ausgedrückten. Auch mit 
der Athetese der Worte wg voxbqov laddnq ekeyev, die Meutzner 
will, ist nichts gewonnen. Das Anakoluth, das sich bei Isaios 
überhaupt äusserst selten findet (vgl. 1,20. 2, 42 f.), bleibt und 
lässt sich durch die von jenem Gelehrten beigebrachten Beispiele 
(Is. 2, 35—37. Andok. 1, 57. Xen. Hell. 1, 3, 20) in keiner Weise 
rechtfertigen. Jene Worte sind es auch gar nicht allein, die an 
unserer Stelle Anstoss erregen. Sehr richtig verlangt Schümann, 
dessen Bemerkung aber von Niemandem beachtet worden ist, das 
Imperfect statt des Präsens rtoietiai (vgl. § 1 1 è^açrvQtjaev wç 
OQyiÇôfievoç — iclvtcc öii&evo); und wie ungefällig ist es, dass 
die Worte ov% fiftlv iyxaXûv ihren Gegensatz nicht bloss im Vor- 
hergehenden, sondern auch im Folgenden haben, während jede 
vernünftige Antithese nur aus zwei Theilen besteht. Beachtet man 
nun, dass die Verderbniss am Eingang des § 10 sich auf mehrere 
Stellen erstreckt, sowie dass derselbe den ruhigen Gang der Er- 
zählung stört, indem er vor die Entwicklung der wahren Gründe 
zu der Handlungsweise des Kleonymos, die nach § 9 gleich am 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRAGE ZUR TEXTESKRITIK DES ISAIOS 363 

Plalze ist, die Zurückweisung des von den Gegnern jener unter- 
geschobenen Motivs eingefügt, die erst in den § 11 gehört und 
thatsächlich dort auch beigebracht wird, — so bleibt als einzige 
Heilung, die Streichung des gesammten Passus von ovt bis ïleyev 
übrig. Recht passend fasst dann %avva ôiavorj&eïç die von € Oq(Sv 
an entwickelten Gedanken zusammen; das Asyndeton, welches Cobet 
(Mnem. IX S. 440) so anstüssig erschien, dass er drj hinter zavta 
einschieben wollte, schwindet; und, was an sich ja geringfügig ist, 
im Verein mit den andern Momenten aber erwähnt zu werden 
verdient, oti y 3 ovv § 10 braucht nicht in oti ö 3 ovv verändert 
zu werden. Die Interpolation rührt von einem Leser her, der 
sich den Hauptinhalt der etwas langen Auseinandersetzung kurz 
am Rande notirte und dabei § 3 (pv% ftfAlv lyxaXtav, àXV 6q- 
yio&eig tüv olxeiwv %tvi) benutzte; vielleicht that er es auch, 
weil er zu dem Satze oqüv 6h — Jeivlaç ein Verbum vermisste. 
Sprachlich verräth sich der Spätling durch das im Sinne von 
hdxpQOvlo&r] gebrauchte iow&rj. 

Ein ganz ähnliches Glossem hat schon Sauppe 2, 8 in den 
Worten xal êx vavTtjç tîjç UCetoc ârjkov o%i qtilwv aneßakevo. 
oiôetç yàç (âiocuv tiva îxezevei avTtp erkannt und damit die 
Billigung von Scheibe, Cobet, Naber [neuerdings auch von Ruer- 
mann (Isaei orationes 1883)] gefunden. Allein Roeder hat in sei- 
ner Abhandlung ( über C. G. Cobets Emendationen der attischen 
fyedner', in der er im übrigen gegen zahlreiche Athetesen Cobets 
mjt Recht Front macht, die Ueberlieferung zu vertheidigen gesucht. 
Es handelt sich auch hier nicht bloss um einzelne sprachliche An- 
stösse, besonders um das Wort héÇiç, das an den von Roeder 
citirten Stellen — Isokr. 5, 4 (hinzuzufügen ist § 94). Plato Apol. 1 
extr. 2. Republ. Ill 396 b. 397 b — keineswegs wie hier einfach 
so viel als lôyoç ist, sondern die mit einer gewissen Kunst er- 
zeugte ganze Redeweise bezeichnet. Schwerer wiegt, dass jene 
Worte, wenn sie überhaupt einen Zweck haben sollen, nur einen 
Einwand der Gegner zurückweisen können, diese aber gewiss in 
Wirklichkeit an keinen Zwist zwischen Menekles und seiner Gattin 
gedacht haben, vielmehr ja behaupteten, er habe tjj yvvcuxl nu- 
&0(4êvoç den Sprecher adoptirt. Dies beachtete der Urheber der 
Bemerkung nicht, der das sonderbare Benehmen des Menekles zu 
rechtfertigen und dessen scheinbare Härte gegen seine Frau ab- 
zuschwächen suchte. 



Digitized by CjOOQ IC 



364 ALBRECHT 

2, 20. Menekles wurde veranlasst, den Sprecher zu adoptiren: 
1) ino rrjç içrjixlaç, 2) âià ràç nçoeiçt^piévaç ah lag xai êià 
trjv wvoiav trjv vn<xç%Qvoav tiqoç tov naviga %bv èfiôv, 3) dux 
to fiij ehai avyy^vrj nrjôév 3 akkov ait to, bnôSev a* lfioir\- 
octTO viov. Mich wundert, dass diese absonderliche Einteilung 
Niemand beanstandet hat; muss es doch sehr auffallen, dass der 
Sprecher, der die Momente einzeln aufzählen will, die seine Adopti- 
rung herbeiführten, an zweiter Stelle mehrere Umstände zugleich 
angiebt, während hier ebenso wie unter 1 und 3 nur eins stehen 
sollte. Doch sehen wir davon ab, so ist auf Grund der hier gege- 
benen Eintheilung zu constatiren: 1) dass ausser den hier wirklich 
namhaft gemachten ahiai im früheren Theil der Rede noch andere 
müssen erwähnt worden sein; aber auch 2) dass die hier genannten 
ahiai als die Adoption bestimmende Gründe oben nirgends dürfen 
erwähnt worden sein. Ein Blick auf § 10, wo gleich am Anfang 
von der Icr^ia des Menekles die Rede ist, genügt jedoch, um za 
zeigen, dass die zweite dieser Voraussetzungen der Wirklichkeit 
widerspricht. Aber auch mit der andern steht es nicht besser. 
Wenn es § 10 heisst: Menekles sah darauf, dass einer ihn tôna 
yrjQOZQO<prj(joi xal televtrjoavTa dcapoi ai tov xai . . • . % i 
vo(AiÇôfA€va av%$ noirjaoi, so fällt dies unter den Begriff der 
igrjfila; ferner das zweite dort geltend gemachte Moment, dass er 
des Gegners einzigen Sohn nicht adoptiren konnte, dass er dem- 
nach ovâéva aXlov ofoeioteoov ovS 3 als den Sprecher fand, ist 
kaum etwas anderes als was § 20 unter 3 angeführt wird; wenn 
endlich § 11 darauf hingewiesen wird, dass Menekles gerade aus 
dem Hause einen adoptiren wollte, aus dem er am liebsten leib- 
liche Kinder gehabt hätte, so entspricht dies dem an zweiter Stelle 
angegebenen Momente. Wir sehen also — da im weiteren Verlauf 
der Rede bis § 19 nicht mehr von jenen Ursachen gesprochen 
wird — , dass die Tiçoeiçy^évai ahiai sich eigentlich mit den 
§ 20 einzeln genannten völlig decken; auf keinen Fall lassen sich 
aus jenen mehrere neue, von den letzteren verschiedene heraus- 
finden. Es kann danach nicht zweifelhaft sein, dass die Worte 
âià vàç fCQoetçrjfiévaç ahiaç vom Rande, wo sie ursprünglich 
standen, in den Text geriethen und durch xai mit dem Folgenden 
verbunden wurden. 

Ein ähnlicher Fall liegt meiner Meinung nach 7, 7 bei den 
Worten y.ai tyjv i4r}ieoa xo/xtaccfnevog vor; nur wurde die Hiniu- 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRÄGE ZUR TEXTESKRITIK DES ISAIOS 365 

fugung des xal hier durch das vorangegangene te veranlasst. Mag 
man xoftlÇea&ai erklären als 'kommen lassen' *) oder als 'heirathen', 
welche letztere Bedeutung sich aber nicht nachweisen lässt, so ist 
jene Bemerkung nach èÇ ov tv\v firjtéça %o%e tijv 'AnolXodwQOv 
gänzlich überflüssig und verleitet überdies zu einer falschen Vor* 
Stellung von der Zeit, in der die Frau zu Archedamos kam, wenn 
man xal als 'auch' fasst; thut man letzteres aber nicht, so reisst 
man die sich deutlich entsprechenden Glieder itqeyè te avtbv 
ftaïôa ov&' œç avtov und àvâçt te yevofiévtfi ovvrjywvloato 
auseinander. Auch wenn man mit Sauppe avtbv vor xal ein- 
schiebt, ist die nochmalige Erwähnung der Mutter recht lästig. 
Gegen Schömanns Vorschlag: dg iavtbv xal tijv firjtéça xofti- 
ovfAevoç bemerke ich, dass man wg êavtov ungern entbehrt, und 
frage: wozu druckte sich der Redner so umständlich aus, statt 
einfach wg êavtov xofiiaàfÀevog zu sagen? Wenn ferner, wie 
Schümann will, Apollodor erst einige Zeit nach der zweiten Hei- 
rath seiner Mutter in das Haus des Archedamos kam, so hätte 
Redner hier, wo er das grosse und immerwährende Interesse des 
letzteren an jenem darzulegen sucht, sich gewiss nicht mit der 
sehr beiläufigen Notiz begnügt, die das Gesagte nur abschwächen 
musste, sondern gezeigt, warum Archedamos ihn, was doch das 
Natürlichste war, nicht gleich zu sich genommen — konnten die 
Geguer doch sonst diesen Punkt leicht zu Ungunsten des Sprechers 
auslegen — oder er hätte von der Sache überhaupt ganz ge- 
schwiegen. Eine einfache Textesänderung scheint daher an unserer 
Stelle nichts zu helfen. 

3, 35. iav tig ti ati/Atjtov <?<£. 1) Was diese Worte be- 
sagen sollen, findet man erst, wenn man ein Stück weiter liest; 
an sich sind sie so undeutlich und allgemein, dass man behaupten 
darf, Isaios hat sie so nicht an die Spitze des Satzes gestellt. Dieser 
Umstand scheint Reiske bewogen zu haben gleich darauf hexa tov 
yàfiov (st. vofÄOv) zu schreiben und dies mit jenen Worten zu ver- 
binden. Doch evexa hat dann keine Stelle, und es bleiben andere 
Bedenken. 2) Die Worte können nichts enthalten, was nicht viel 

1) So ist es gebraucht 1,12. 15. 8,8 (vgl. Andok. 1, 127); sonst bedeutet 
das Medium »erlangen': 3, 8. 9. 78. 5, 4. 13. 14. 19. 22. 27. 30. 34. 7, 7. 10, 
▼gl. 8, 21. Das Activum 'bringen' findet sich: 5,44. 8, 21, das Passiv 8, 25. 
9, 4. 7. — Zu <oç tavTov, das Schömann nicht gefiel, ergänzt man doch 
leicht naïâct ovra. 



Digitized by CjOOQ IC 



366 ALBRECHT 

besser nachher mit o f*rj iv nçouà vifirjcaç edioxev gesagt ist 
Welche Weisheit liegt in dieser Wiederholung: wenn Jemand etwas 
ungeschätzt giebt, so darf er nicht eintreiben, was er nicht in 
der Mitgift geschätzt gab! 3) Die Construction des Satzgefüges 
ist ungemein schwerfällig, mag man jenen Satz dem folgenden 
Condicionalsatz überordnen oder beiordnen. Ich denke, die Worte 
sind als Gtossem auszuscheiden. 1 ) 

3, 53 soll das Zeugniss des Nikodemos (iyyvrjoai %$ &el(p 
T<p r<fxeT€Q( t o %r\v àdeX(pr]v tïjv iavrov yvvaïxa ehai xarà 
tovç véfiovç § 4), dessentwegen er vor Gericht gezogen ist und 
das bereits vorgelesen wurde (yvcboeod'e . . . movoctvteç rrjç 
tovtov fiaQtvçiaç § 6), noch einmal vorgelesen werden, ohne 
dass es als dagewesenes irgendwie bezeichnet wird. Es ist dies 
an sich merkwürdig und wird es noch mehr, wenn wir andere 
Stellen vergleichen, an denen ein Redner Schriftstücke oder Zeu- 
gen noch einmal vorführt: § 14 (rtaXtv). 53. Demosth. 24, 64. 
35, 37. 45, 25. 47, 17. 56, 36. 58, 49. Din. 1, 83. *) Eine Er- 
gänzung des kurz vorher stehenden nakiv ist auch nicht möglich, 
da das Zeugniss über die èyyvrjoiç %fjç yvvcuxôç, sowie die »Ojuo* 
noch nicht da waren. Und wozu wird denn das Zeugniss des 
des Nikodemos wiederholt? Ich kann mir denken, dass ein Schrift- 
stück nach einem gewissen Zwischenräume vom Redner noch ein- 
mal gebraucht wird, weil er befürchtet, dass es sonst als einzelnes 
Glied in der Reihe der Beweise von den Zuhörern überhört wird, 
oder um neue Betrachtungen an dasselbe anzuknüpfen. Dass aber 
ein Zeugniss von offenbar nicht bedeutendem Umfange, das an die 
Spitze der ganzen Beweisführung gestellt ist, um das sich alles 



1) Dobree bemerkt zu der Stelle: impedita est periodus, fortan htxata. 

2) Man berufe sich, um dies Argument zu entkräften, nicht darauf, dass 
in der Rede V sowohl § 2 als § 18 bezeugt wird, dass Dikaiogenes von zwei 
Theilen der Erbschaft zurücktrat und Leochares sich für ihn verbürgte, ohne 
dass das zweite Mal auf das erste Bezug nimmt ; denn einmal brauchen dort 
nicht dieselben Zeugen aufgerufen worden zu sein wie hier; ferner wird §2 
ihr Zeugniss vorgelesen, während § 18 die Zeugen wohl selbst auftreten; 
endlich wird hier noch ein neues Moment, die Bärgschaft auch des Mnesipto- 
lemos, bezeugt. — Wenn Dem. 54, 10 und § 12 der Sprecher rtjv rov îotqov 
fjutQTVQlttv vorlesen lägst, so kommt jedesmal nur ein Theil des ganzen Zeug- 
nisses, das sich ebenso auf den Zustand, in dem der Arzt den Misshandelteo 
zuerst vorfand , wie auf die nachfolgende Krankheit bezog/ zur Verlesung, 
vgl. Dem. 37, 22 ff. 56, 36. 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRÄGE ZUR TEXTESKRITIK DES ISAIOS 367 

dreht, auf das der Redner immer und immer hinweist, auch wo 
er von Dingen spricht, die nicht unmittelbar mit demselben zu- 
sammenhängen (vgl. § 8. 9. 13. 16. 28. 35. § 40 aovtov àvai- 
nyjüvtaxov tfj fiaçTvçlç bvva Tavirj. § 43 ô fiefiaçjvQ^xwç 
iyyvtjocu. § 45 vqv Ix %rjç èyyvrjvijç %$ IIvQQq* yeyevrjfuivrjv. 
§ 48 ei rfv àlrjd'rj, a vvvl revôXfArjxaç fiaçTvçfjaai und erst § 51 
tyyvrjaai /ÂSfAaçtvçrjxcuç avvrjç rrjv nrjiecct), dass ein solches 
Zeugniss, das den Zuhörern gar nicht aus dem Gedächtniss ge- 
kommen sein konnte, noch einmal wörtlich vorgelesen wurde, das 
ist unglaublich. Nur ein wenig aufmerksamer Leser und alberner 
Interpolator konnte dies für nothwendig finden, bevor die § 40 — 52 
entwickelten Momente zusammengefasst und für den Hauptpunkt, 
nämlich den Erweis des falschen Zeugnisses des Nikodemos über 
die Verheirathung seiner Schwester an Pyrrhus, zu dem jene aller- 
dings in etwas fernerer Beziehung stehen, verwerthet wurde. 
Trefflich schliesst sich auch § 54 (fc'x te tœv nenqayiièvmv ai- 
toïg tovtoiç xai Ix tcüv vofinav ànavrcjv ttjv r^eréçwv) an § 53 
(die fuaçtvQlai und die vô/uoi) an, wenn das laße ôr) xoti tr)v 
tovtov fÀQQtvçiav fehlt. 

In derselben Rede findet sich § 48 (ïrteita ei yv l§ tyyvrj- 
t^s — ovtwç èyyvrjaavroç avtrjv;) ein längerer Passus, den Reiske, 
Bekker, Kayser und zuletzt Naber für unecht erklärten, weil er 
eine meist wörtliche Wiederholung von dem sei, was bereits § 46 f. 
gesagt wurde. Um die Echtheit dieses Passus zu erweisen, mache 
ich zunächst auf den Parallelismus in § 45—52 aufmerksam, der 
sich nicht nur in derselben Gruppirung der Gedanken mehrere 
Male hintereinander, sondern auch im einzelnen im Gebrauche der- 
selben Wendungen und derselben Person an den entsprechenden 
Stellen kund gtebt ; ich veranschauliche ihn an folgendem Schema : 
1. èrrétQeipaç av (2. Person), w Nutodrjfie, . . . xat 

ovx av eiar]yyekXeç . . . .; §45 f. 

a) zumal da solche Klagen ohne jede Gefahr für den 
Kläger sind. § 46 f. 

b) %neita .... iftérçexpev av (3. Person) Nixoârj- 
(àoç . . • aal yevoftivtov avxviv ov* av eior)y- 
yekU...; §48. 

c) vr] Jl' 1 ), el r)v àlrjd'rj . . . ., hättest du gleich 
Rache genommen. § 48. 

1) So schreibt Sauppe statt des überlieferten xat. Vielleicht ist aber auch 



Digitized by CjOOQ IC 



368 ALBRECHT 

2a) oder merktest du (2. Person) auch hiervon nichts? 

auch nicht aus der Mitgift? §48 f. 

b) efoa im tovtoiç ovk ayavaxTrjoaç êlarjyyeiXêv 

av %bv "Evâioç ovtoç (3. Person); § 49. 

c) val (là J la, el y* rjv alrj9kç to itQaypa. 

3 a) Der Adoptivsohn wäre selbst nicht so dumm oder 

so unverschämt gewesen. § 50. 

b) eha elôioç av tiç tavta êvéçip rtaçadoirj .... ; 
doneï â' av tiç ovzioç âvaiâfjç ... ; yevofiévœv 

êè TOVTwv âoxsï av vpïv & &eïoç IniTQétyai ... ; § 50 f. 

c) ' iyù fièv yccQ ov voftlÇw, alla %al rjpyioßrjTrjoev 

av . . . xaï eiarjyyeiXev av. § 51. 

Das €7ieija § 48 hat man mit Unrecht beanstandet; es leitet 
keineswegs ein neues Moment ein, sondern bedeutet 'danach, also'; 
ebenso ist es vor einer Frage gebraucht § 49 und 4, 24*), vgl. 
Lyk. 148. Aesch. 1, 164. 173. 2, 92. 161. Din. 2, 11. — Erschei- 
nen demnach die bemängelten Worte als durchaus an ihrer Stelle, 
so wird ihre Echtheit über jeden Zweifel erhaben, wenn wir be- 
achten, dass hier eine Art der Wiederholung 3 ) stattfindet, wie sie bei 
Isaios gar nicht selten ist, nämlich die Rückkehr zum Anfange eines 
Abschnittes. Ich will dieselbe hier mit wenigen Worten berühren. 

hier val pà Jia zu lesen [val /uà àia xai vermuthet jetzt auch Buennioo]; 
man beachte besonders die ganz gleiche Stelle § 25 val pk aie, «I yt jfr 
âXyfàç to ncäy/ua and § 39, wo jene Formel ebenfalls nach einer Frage 
steht. Die Entstehung der Gorruptel lässt sich auch so nicht schwer erklären. 
Von ähnlichen Betheuerungsformeln begegnen bei Isaios noch : vtj àia 3, 24. 
73. 4,20. 6,61 (xal zovUnoMat). 7,33. fia àia 11,35. 4,24(J«°). ftàrovç 
teovç 8, 29. (roiç 9 OXv(ji7tiovç) 11,36. 

1) Sonst steht tira: 3, 24. 36. 37. 49. 50. 77. 

2) Dass Isaios sich überhaupt sehr oft wiederholt, ist bekannt; am we- 
nigsten geschieht es in den Reden IV. VIII. X, bei weitem am häufigsten in 
Rede IIL In fast allen Fällen, wenn man von einzelnen kürzeren Wendungen 
absieht, ist die Wiederholung eine vom Redner durchaus beabsichtigte, und 
in ihr zeigt sieh nicht am wenigsten die Redegewandtheit und Schlauheit 
desselben. Ich verweise, abgesehen von der oben berührten Art, namentlich 
noch auf eine andere, bei der theils ein und derselbe Gedanke mehrere Male 
hintereinander, meist in parallelen Reihen, erscheint: 1,28 f. 1,33—35. 5,21 
und § 23 (vgl. noch 3, 51. 52), theils ein Gedanke sich durch einen Abschnitt 
hindurchzieht und immer wieder zum Vorschein kommt: 3, 55 — 58. 59—62. 
Besonders zeigt 3, 69—71 recht deutlieh, wie Isaios geringes Material aufzu- 
bauschen versteht, nur um den Schein zu erwecken, als hätte er mehr Be- 
weisgründe, als in der That vorhanden sind. 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRÄGE ZUR TEXTESKRITIK DES 1SAI0S 369 

Sie zeigt sich entweder in der Weise, dass der zu beweisende 
Satz am Anfang und am Ende der Beweisführung steht, so 1, 20: 
es wäre von Kleonymos wahnsinnig gewesen sich so zu berathen ; 
1, 36 olpai à* vfiSg to tzbqï fjpwv öUcuov aaq>éatat 3 av naç' 
avtûjy tovtwv rtvv&àvso$aii § 37 äate ov XQ*j n a Q* *W*(Bi>, 
alla nag? avttüv tovtwv 7tvv&aveo&at to âUaiov. 6, 57 oï 
ov fiôvov vq>* fjfioïv iXéyxovTcti, alla xal i§ ojv avtoi diane- 
nqay pivot eial: § 58 äot' ov fiôvov vq> 3 y)/aùjv èléyxetai va 
xjjevdrj dtafÂefÂaQtVQrjKùjg, alla xcu l£ wv avtàg nqàxxu. 11, 20 
o (iôvoiç fjfAlv . . . ovk ivrjv, âio/Âoloyrjaao&ai tzqoç allrjlovç: 
§ 21 äat* ovk ivrjv xotvwviav ovèè ôiofioloylav Ttotrjoao&ai 
mQi avttüv. Vgl. 7, 19: 26 — oder es wird ein für die ganze 
Argumentation (und zwar speciell für die Widerlegung der Gegner) 
wichtiges Moment an den Anfang gestellt, dann näher beleuchtet 
und zum Schluss nochmals hervorgehoben. 9, 22 '[eçoxlrjç, &eïoç 
m xöi ixelvaj %aï èfxoi, ovtcoç loti tolfitjQog ai are ov yevo- 
fiévag ôia&rjnag rjxei q>éçœv «... § 25 xaï èfiol ftkv ovyyevrjg 
w bezeugt er das Geschehene nicht, jenem aber hilft er xai tüv 
ov 7iQa%$évT(t)v yqafÀ(ia%€lov rjxei q>éçojv; dazwischen wird ge- 
schildert, wie schändlich Hierokles sich benehme, obwohl er vom 
Vater des Sprechers viel Gutes empfangen, und wie er mehre- 
ren Personen gegenüber sich erboten habe, ein Testament des 
Astyphilos vorzuzeigen, falls sie mit ihm gemeinsame Sache machten. 
Besonders beliebt ist diese Art der Rückkehr zu dem Gesagten in 
der dritten Rede. § 41 'Warum erhob Nikodemos nicht Einsprache, 
als mein Bruder sich das Erbe zusprechen liess, ohne die recht- 
mässige Tochter des Pyrrhos zu berücksichtigen?' Das Wider- 
sprechende zwischen dem damaligen Verhalten des Gegners und 
seiner jetzigen Behauptung, jene Tochter sei legitim, wird näher 
erörtert. 'Trotzdem (§ 44) om itolprjaev a(4q>ioßt]trjaai tov 
xXrjQov u. s. w.' (vgl. auch § 43). Und nochmals wird derselbe 
Punkt hervorgehoben § 52, wo die § 40 — 44 und § 45—51 an- 
gestellten Betrachtungen zusammengefasst werden. Zu vergleichen 
ist auch § 30 (iq> o) dt) xal detvwg èyavaxtol, Ott 6 fikv avt)g . . . .) 
mit § 32 (Qlltjv 6 àvrjç Svofia — tov najQtoov) und § 33 f. (ov 
yctQ av note — äg qtaw, trjç avtov) sowie § 36 mit § 38. Die 
Wiederholung eines am Anfang der Erörterung stehenden Ge- 
dankens erfolgt, um gleichzeitig noch einen neuen Gesichtspunkt 
anzuknüpfen: § 26 (xal ovtog fièv tov IIvQetldrjv — naçaye- 

Htrmti XVIII. 24 



Digitized by CjOOQ IC 



370 ALBRECHT 

via&ai, vgl. § 18) und § 29 (6 piev roivvv èyyvijoai g>âaxwv — 
rrjv aôekq>rjv, vgl. § 28 Anfang). 

Eine Rückkehr zum Anfangspunkte der Argumentation bietet 
auch 5, 4 (vgl. Blass Att. Bereds. II S. 490). § 2 wird auç den 
Zeugenaussagen der Beweis geliefert, dass Dikaiogenes von zwei 
Theilen der Erbschaft zurücktrat und dass Leochares sich für ihn 
verbürgte. 'Behauptet dieser nun, dass jener sein Versprechen 
wirklich ausgeführt hat, so möge er Zeugnisse darüber beibringen, 
dass wir die zwei Theile, die uns zukommen, auch erhalten haben 1 ); 
denn dass sie uns zukommen, dafür haben wir den Beweis durch 
Zeugen geliefert'. Hat also der Satz (oti fxèv yàç dixaioyévrjç 
— navra noirjoeiv) des § 4 seine Berechtigung und ist somit die 
Ansicht Nabers, der ihn als eine Wiederholung von bereits Ge- 
sagtem entfernt, entschieden zu verwerfen, so kann ich ihm doch 
in der Streichung des übrigen Theiles nur beistimmen. Dass nach 
jener Rückkehr zu § 2 noch in die Einleitung zurückgegriffen 
wird, widerspricht durchaus der sonstigen Weise des Isaios, der 
mit derartigen Wiederholungen einen Abschnitt abschliesst, um 
dann zu etwas Neuem überzugehen ; und dass nach derselben noch 
irgend etwas erwartet oder verlangt wird, kann Niemand behaupten. 
Was soll auch der Satz xal yàç dutaÇofie&a ôià xovxo xaï ravra 
avTCufioaafievt Mit der Tendenz des Abschnittes, dem Beweise, 
dass die Partei des Sprechers das Ihrige noch nicht erhalten hat, 
hat er gar nichts zu thun; denn dieser solle offenbar einfach 
(çaâiwç § 3) aus ihrem NichtVermögen, Zeugen darüber zu stellen, 
abgeleitet werden. Also dient er nur zur Bestätigung der eben 
ausgesprochenen Behauptung, dass Dikaiogenes œfiolôyu und Leo- 
chares rjyyvrjoato. Tantae moiis erat dies den Richtern deutlich 
zu machen, nachdem der Redner selbst gesagt, dass die Unglaob- 
haftigkeit der darüber beigebrachten Zeugnisse selbst die Gegner 
kaum behaupten würden I Wozu vollends das nochmalige Vorlesen 
der Antomosie, als ob's nicht an einemmal genug wäre 3 ), und diese 



1) Das Verlesen der /Qij/uaja des Sohnes des Menexenos (§ 3) ist wohl 
so zu denken, dass zuerst das, was Dikaiogenes der Gegner durch dts 
Testament erhielt, zur Verlesung kommt, dann der Rest, der den Kindern 
der vier Schwestern des Erblassers zufiel ; nur so schliesst sich xavia (§ 4) 
eng an. 

2) Gar nicht verlesen wird dieselbe in Rede IX (vgl. § 1), einmal in 
Rede 111 (§ 7). 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRÄGE ZUR TEXTESKRITIK DES ISAIOS 371 

oboe jede Bezugnahme auf die erste? Veranlassung zur Interpola- 
tion bot die Verglekhung mit § 1, der ja auch von der Cession des 
Dikaiogenes und der Bürgschaft des Leochares und zwar zum Theil 
mit denselben Worten handelt wie § 4. 

4, 1 liegt (ikv ow %(üv iv rjj vaecocic rtcctx&evTwv ovre 
jddçtvçaç iÇevyeïv olôv %e . . . ., dià %è jurjôéreçov tovtwv 
huoe à(pl%&au Wie? fragt man verwundert, weil Hagnon und 
Hagnotheos selbst nicht ins Ausland gekommen sind, wo Niko- 
stratos die letzten Jahre seines Lebens verbracht hat und gestorben 
iaî, sollte es unmöglich sein, Zeugen über das dort Geschehene 
ausfindig zu machen? Schwer gewiss, aber unmöglich? — nimmer- 
mehr. Dies konnte nur der Fall sein, wenn gar kein Bekannter 
von jenen sich dort befand (vgl. 9, 7). Und worüber hätte der 
Sprecher Zeugnisse gewünscht, in deren Ermangelung er jetzt zu 
andern Beweisen greifen muss? Ueber ein stattgehabtes Testament 
des Nikostratos nicht; denn ein solches bestreitet er Oberhaupt (§ 5). 
Also darüber, dass der Erblasser dem Gegner sein Vermögen nicht 
vermacht hat? Um dies zu beweisen, waren vor allem Zeugnisse 
Ober das ganze Verhältnis nöthig, in dem jener zu diesem in der 
Fremde gestanden hat, und an dieses muss man bei den ganz 
allgemein gehaltenen Worten %&v iv tfj vrteçoçiç Ttçax&évTwv auf 
jeden Fall mit denken. An Zeugnissen jener Art hat es nun aber 
der Partei des Sprechers gar nicht gefehlt, wie aus § 26 ! ) (/rap- 
éa%ovto jLi<XQ%vçaç .... dç Xaçidôrjç .... o&V ini atQcnev- 
funi èxçiJTO, I'ti ai xai trjv xoiviovlav, fi /uccluj$ 3 ovvoç lo%v- 
çéÇetai, xpevdrj ovoctv, vgl. § 18 und § 19 (oik' àrcod'avôvta 
àvelketo ovv 3 'éxavoev oi't 3 wotoXoyrjoev), hervorgeht. Der Wider- 
spruch zwischen diesen Stellen und § 1 lässt sich nur durch Strei- 
chung von olôv te beseitigen. 

47 9 xoi ovo 3 ovxoi ä Isleyov artédetÇav. Dass diese Worte 
in dem Zusammenhange, in dem sie jetzt stehen, sinnlos sind, 
hat Hertlein (Hermes XIII S. 12) bemerkt. Wenn derselbe xal 
ovdk %ov%o el%ov ànodelÇai schreiben will, so weist Blass dies 
als eine zu gewaltsame Aenderung mit Recht zurück (Bursian 
Jahresb. XXI S. 178). Aber auch des letzteren Conjectur ovtcj 
(ovtwg) statt ovtot ist nicht zu billigen. Da eben gesagt wurde: 



1) Fahr beanstandet hier das Particip ; doch steht ein solches nach /aoq- 

TVQtl» 12, 3 und (Dem.) 59, 118. 

24* 



Digitized by CjOOQ IC 



372 ALBRECHT 

% q> ao av %ov NutootçaTOv talavxov Katadedixctad-ai und 
aftelev&eQOv avvbv êavtwv n q o a en o itjo av t o elvai, so 
liegt es am nächsten a eleyov nur auf eine jener beiden Be- 
hauptungen zu beziehen; dass dies* aber wiederum wegen ovo 9 
ovtw — anédeiÇav nicht möglich ist, ist klar. Muss nun bei 
jeder anderen Erklärung gegen den Redner der Vorwurf der Zwei- 
deutigkeit erhoben werden, so vermag ich wenigstens überdies 
nicht zu finden, was Ktesias uud Kranaos denn auf zwei verschie- 
dene Arten zu beweisen suchten. Etwa dass die Erbschaft des 
Nikostratos ihnen %a%à âôaiv, d. h. durch Testament zukomme 
(vgl. § 7)? Aber das erste Mal behaupteten sie ja nur, dass sie 
in einem Process gegen denselben Geld gewonnen hätten. Oder 
dass sie ihnen überhaupt zukomme? Aber früher sprachen sie ja 
nur von einem Talent, während das ganze Erbe zwei Talente 
betrug. Oder beanspruchten sie auch das zweite Mal nur ein 
Talent? Jedenfalls muss man sagen, dass der Redner uns so wenig 
wie den Richtern, die auch nicht alle die Sache werden gekannt 
haben, einen bestimmten Anhalt giebt, woran wir bei a eleyov 
zu denken haben. Wird es danach zu gewagt erscheinen, wenn 
ich die Worte, wie sie überliefert sind, für eine Zuthat halte, die, 
veranlasst durch die Bemerkungen ànka%r\ und èrtavaavo in § S, 
angeben sollte, dass auch alle weiterhin genannten Personen mit 
ihren Ansprüchen kein Glück hatten? Die Hinzufügung einer 
Notiz, wie wir sie bisher am Ende des § 9 hatten, vom Redner 
selbst ist dort um so unwahrscheinlicher, als auch eine Andeutung 
des Misserfolges der Bemühungen des Ameiniades und Pyrrhös 
nicht erfolgt und nach der zweimaligen Angabe bei Demosthenes 
und Telephos mindestens überflüssig war. 

6, 59 xai roviq) fikv ovdeig dia^acrvcel pi) inlôixov elvai 
tàv xlrjçov, ail 9 ev&vôixlçt eiaiévai. Meutzner (Act. Soc. Graec. II 
S. 113) sucht die Ueberlieferung zu vertheidigen , indem er auf 
eine im Griechischen nicht seltene Art des Zeugma hinweist, bei 
dem zwei Infinitive von einem Verb abhängig sind, das nur zu dem 
ersten passt Die Sache ist hier aber doch etwas anders, insofern 
als nicht nur etwa àÇioï zu eloiévai zu ergänzen ist, sondern 
auch das Subject fehlt; aus ovdeig ein solches zu entnehmen, gebt 
um so weniger, als jenes Wort stark betont ist. Entfernt man 
die Worte all 3 evxhôixiq elaiévai, so wird der Gegensatz zu 
dem Folgenden: ovtoç <T anaviaç anoateçsl tîjç afAq>iaßtjtrj~ 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRÄGE ZUR TEXTESKRITIK DES 1SAI0S 373 

amg auch schärfer; entlehnt sind sie aus der ähnlichen Stelle 
§ 52. 

10, 12 xçareï* %dv XQW^ %0)V * Der Hinweis auf das ab- 
solut gebrauchte xçatsïv 11, 17 (vgl. 7, 20. 22), mit dem Hirschig 
die Athetese von twv xçruxcniov rechtfertigen wollte, genügt nicht, 
da dies Verb dort andere Bedeutung (den Vorzug haben) als hier 
hat. Doch ist für die Streichung der ausgeschriebenen Worte 
dreierlei von Bedeutung: 1) sie schleppen nach ovx iç %mv tijç 
bcixXfjQOv xvqiov elvcu in sehr matter Weise nach. Reiske hat 
dies wohl gefühlt; er giebt sie in der Uebersetzung nicht wieder; 
2) zu xvQtov elvcu fehlt das Subject; 3) xqcrvetv (vgl. 5, 30. 8, 2. 
11, 35) wird in dem Sinne, in dem es hier gefasst werden müsste, 
sonst nicht gebraucht, sondern dafür eben nur xvqiov ehcu: 8, 31« 
11, 12; vgl. 1, 10. 45. 7, 13. 34. 10, 2. 12. 11, 2. Endlich führe 
ich zur Vergleichung noch an 6, 30: tijç yctQ q>aveçaç ovoiaç 
ovâàva xvqiov ïoeo$ou . . . aXXov rj tàç ^vycttéçaç xal tovç 
h tovtwv yeyovôtaç.*) 

11, 22. Was die Worte iylyveto dç ipè rj xhjçovofiia xat' 
ay%iatelav navriov bedeuten, lehren mehrere Parallelstellen. 10,26 
ist durch elg trjv ifirjv jurjtéça tovtov %bv xXiJQOv Iniyiyvoiis- 
vov nur ausgedrückt, dass die Mutter die rechtliche Erbin ist, 
nicht dass sie wirklich in den Besitz des Erbes kam ; vgl. 3, 36. 38 
(tijç rtQOixbç dç avtov yiyvoftévrjç). In demselben Sinne heisst 
es auch 11, 10, ebenfalls von unserm Sprecher: $ tiovcp xatà 
tovç vo/dovç iyiyveto ij xlrjQOvofila vgl. § 13, ferner 4, 15 naçà 
ftctruov wfÀokôyrjTai toïç iyyvtara) yivovg ta %ov tekevtrj- 
oavtoç ylyveo&cu. 9, 24 ovôevl alXqj yiyvoito ta 3 Aatvq>ikov 
rj ifiol. Wenn demnach auch an unserer Stelle nur gesagt ist, 
dass dem Sprecher — nach dem Tode des Stratokies — dem Rechte 
nach das Erbe zukam, so leuchtet ein, dass dies zu dem kurz Vor- 
hergehenden durchaus passt, wo von den rechtlichen Ansprüchen des 
Stratokies und denen seines Sohnes die Rede ist, dass aber der Satz 



1) Eine etwas harte Ergänzung ist sonst nor vorzunehmen 10, 2 (eêxçi- 
»iç yorfinrai hinter oxonovotv) nod 4, 18 (n$çi nUioroç inoitjaayro); doch 
hat an der zweiten Stelle Reiskes Annahme einer Lücke hinter vvv âè — aviy 
mehr Wahrscheinlichkeit. 

2) Anch Herwerden (Mnem. IX 1881) scheidet, wie ich nachträglich sehe, 
die Worte ans, verweist aber zur Begründung seiner Vermulhong nur kurz 
«of den 'usus particularum &XX* ij\ 



Digitized by CjOOQ IC 



374 ALBRECHT 

el vtxrjoatiui tovç %%ovtaç nicht am Platze ist; offenbar meint 
der Sprecher, class ihm die Erbschaft rechtmässig zukam, auch wenn 
er den Process nicht gewann. Auch kommen in Betracht die 
Worte tôt 9 tjâîj nXàttet tovto — eine zwischen Stratokies und 
Theopomp über die Theilung der Erbschaft getroffene Vereinbarung 
— Kai (At]x<*vatcu. War an der Geschichte wirklich nichts Wahres, 
wie hier behauptet wird, warum legte sich der Gegner aufs Er- 
dichten derselben schon zu einer Zeit, wo es ihm noch freistand, 
vor Gericht für den Sohn des Stratokies Anspruch auf die Hälfte 
der Erbschaft zu erheben? Fand die Vereinbarung aber wirklich 
statt und wollte nur der Sprecher nichts von ihr wissen, so hätte, 
da sich letzteres ja bald zeigen musste, der Gegner ebenfalls sicher 
zur rechten Zeit gegen die Ansprüche jenes auf das ganze Erbe 
Protest erhoben. Es kann also kaum zweifelhaft sein, dass jene 
Behauptungen des Gegners erst in eine Zeit fallen, wo der Sprecher 
schon im Besitze desselben war. Der Condicionalsatz ist als Glos- 
sem, aus § 24 entnommen, auszuscheiden. 

11, 28. Wer sind die mit èxelvoiç (oin elayxavov) bezeich- 
neten Personen? § 27 führt der Sprecher die Angaben der Gegner 
darüber an, wesshalb sie tov ynixkrjçiov tote {nçog ixeivovç) 
trjv öiwjv ovx elayxavov. Da vorher von dem Processe des 
Sprechers gegen diejenigen, die den kItjqoç inné halten (§ 24, 
vgl. auch § 15 ff.), also die Phylomache und ihre Partei (vgl. § 9), 
gesprochen ist, so kann sich das tote nur auf jenen Process be- 
ziehen und mit bcelvotç können nur die eben Genannten gemeint 
sein. Dazu stimmt nun aber der Zusatz toîç Ttçooijxovoi tov 
xXrJQOv — so wird nach Scaliger von allen Herausgebern statt 
des überlieferten tov xlrjçov geschrieben — ganz und gar nicht; 
denn jene Personen hatten nach der Ansicht Theopomps auf die 
Erbschaft nicht das mindeste Anrecht s. § 17 und (Dem.) 43, 29. 38. 
Ein solches gestand er nur denen zu, die Hagnias testamentarisch 
zu Erben eingesetzt hatte (§ 8 f.); eine Bezugnahme auf diese in 
§ 28 ist aber, wenn wir § 27 richtig interpretiren, nicht möglich. 
Auch sprachlich erregen jene Worte, die wohl bedeuten sollen: 
denen die Erbschaft zukam, grosses Bedenken; denn Isaios ge- 
braucht den Genetiv nur bei dem unpersönlichen Ttçoorjxet pol 
tivog: 5, 16. 8, 30. 11, 1. 4. 7. 25. 30 1 )» zu welchen sicheren 

1) Gewöhnlicher ist nQoofjxu poi tu 3, 12. 50. 5, 26. 44. 6, 45. 61. 7, 6. 
24. 9,25; 3,49. 5,12. 10,15. Das persönliche Particip allein steht: 1,4.5. 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRÄGE ZUR TEXTESKRITIK DES ISAIOS 375 

Beispielen wobi auch 10, 4. 11, 15. 28 hinzuzufügen ist, und bei 
ol 7tço<Jï]xovr€ç die Verwandten: 5, 34. 8, 14. 18. Es bliebe 
nur noch die Möglichkeit, dass man tolç TtQcarjxovot in der 
letzteren Bedeutung nimmt und vov xlrjçov mit èhxyxwov ver- 
bindet. Dagegen ist wieder einzuwenden, dass die Hervorhebung 
der Verwandtschaft oder Zugehörigkeit hier keinen Zweck hat und 
dass in der Verbindung lay%avuv %iH tivoq der Dativ sonst be- 
deutet 'für Jemanden': 3, 32. 60 (mit MjÇip). 6, 46. 57. 58; im 
übrigen findet sich pur Xtxy%âvuv ôUrjv xivi (gegen Jemanden) 
2,29. 12, 11. Der Interpolator, der die Worte einfügte, glaubte 
irrtümlicher Weise, dass hier von den testamentarisch eingesetzten 
Erben die Rede sei. Ob er tov xXtjqov oder %bv xktjçov schrieb, 
bleibe dahingestellt; zum Setzen des Accusativs, den ich ihm wohl 
zutraue, kann er durch das bei 7tqoor\%uv häufig begegnende 
tavtov ($ 10. 13. 15. 17. 19) verleitet worden sein. 

Ich habe im Vorstehenden an einer nicht unbedeutenden An* 
zahl von Stellen Interpolationen im Isaios nachzuweisen gesucht, 
tbeils solche, die einem scheinbaren Mangel der Ueberheferung ab* 
helfen sollten, theils solche, die ursprünglich nur als erklärende Zu* 
stftze an den Rand geschrieben wurden, ohne die Absicht sie dem 
Texte einzuverleiben. Mit Bestimmtheit möchte ich an allen Stellen 
die Unzulänglichkeit der Ueberheferung resp. der bisher vorgebrach* 
ten Conjecturen behaupten, und auch das wird man mir, hoffe ich, 
zugeben, dass nirgends durch Entfernung der betreffenden Worte 
irgend ein Mangel entsteht; ob ich überall mit dieser Art der 
Emendation, der gegenüber man im allgemeinen mit Recht sich 
vorsichtig verhält, das Richtige getroffen habe, mögen andere be- 
urtheilen ; ich bitte aber zu bedenken, dass, wenn einmal in einem 
Schriftsteller sichere Interpolationen aufgedeckt sind — und das 
Vorhandensein solcher lässt sich bei Isaios gewiss nicht leugnen 
— unter Umständen die Streichung von Worten den Vorzug ver- 
dient vor einer auf den ersten Rück einfacher erscheinenden Con- 
jeclur. Es sei mir nun noch gestattet, für denselben Redner 
einige andere Textesänderungen in Vorschlag zu -bringen, die zu- 
meist auf Beobachtung des Sprachgebrauches beruhen. 

45. 2, 24. 3, 61. 4, 18. 19. 5, 30. 35. 39. 6, 4. 10. 15. 56. 7, 18, 9, 10. 20. 24. 
11, 10. 15. 17. 19. 30. 50, mit xwl (jemandem): 3, 63. 65. 72. 4, 31. 6, 12. 
27. 12, 6. — [Buermann vermutbet an der in Rede stehenden Stelle roi? 
yxovoi nçbç top xXtJQov. A. d. Red.] 



Digitized by CjOOQ IC 



376 ALBRECHT 

5, 2 (fiaçTvgaç) TtaçéÇoftai wird von Isaios stets gesagt, ist 
also auch hier zu setzen; die Veränderung in rtaçeÇôpe&a lag 
nach dem kurz vorher stehenden àvitaitôoafxev nahe. Vgl. 1,15. 
2, 16. 33. 5, 6. 13. 18. 24. 27. 33. 38. 8, 17. 42. 9, 9. 19. 20. 25. 
10, 7 und (mit fiaçivçlaç) 3, 11. Die Verbindung texftrjQiov 
naçeÇôfie&a, die sich zweimal findet 5, 26. 31, kann dagegen 
nicht in die Wagschale geworfen werden ; übrigens steht die erste 
Person Singularis 9, 16 bei Texprjçia, 6, 8 bei voftov. Die erste 
Person Pluralis begegnet in anderen Zeiten: rtaçexofie&a 5, 4. 
20. 12, 11 (fiâçtvçaç), Tcaçeaxrj^ie&a 4, 18 (piaçvvQaç). 31 (paQ- 
vvçiaç). Auch bei den andern Rednern ist durchaus ïtaçéÇouai 
in jener Formel üblich. Antiphon hat sie: 5,20.22.30. fr. 69 
Blass (5, 24. 28 naQaoxqoofAai), Lysias: 3, 14. 20. 7, 25. 10, 5. 
12, 42. 46. 74. 13, 42. 17, 2. 3. 8. 19, 27. 58. 20, 25. 28. 22, 9. 12. 
23, 4. 8. 11. 14. 15. 30, 20, Isokrates: 15, 93. 17, 32. 40. 18, 8, 
Aeschines: 1, 98. 99. 100. 2, 91. 167. 3, 14. 27. 37 (ovvrjyôçovç), 
Dinarch: 1, 52, Demosthenes: 29, 18. 30, 9. 32. 37, 8. 39, 19. 24. 
40, 7. 37. 41, 6. 47, 24. 27, 44. 49, 18. 50, 56. 52, 16. 21. 31. 
53, 18. 19. 20. 21. 54, 9. 55, 12. 59, 61. Bei Andokides, Lykurg, 
Hypereides kommt die Formel nicht vor. Danach ist naçeÇôfie&a 
auch (Dem.) 43, 70 zu ändern, wie es Lys. 13, 68 bereits von 
Westermann geändert worden ist. 1 ) — § 13 ist hinter xo/uiaainevor 
avTÔv fiéçoç oti iylyvBto nicht zu entbehren sic aljov (vgl. 3, 36. 
38. 8, 25. 10, 26. 11, 22), da Menexenos sich um des ersten besten 
Theiles der Erbschaft willen nicht auf die Seite des Dikaiogenes 
wird geschlagen haben. — § 16 xai ilaxofiev %ov fiéçovç (st. %b 
péçoç) ïnaovoç; vgl. 11, 23 nslevwv tov /néçovç %xaatoy lay- 
X<xveiv und 7, 20. 23. Als Accusativ steht bei diesem Verb, abge- 
sehen von dem vereinzelten a %hx%e 5, 7 und ausser dem selbst- 
verständlichen XîjÇiv 3, 2. 43. 57. 60. 62. 67. 6, 46 nur noch dixtjv 
2, 29. 7, 21. 8, 3. 11, 27. 12, 11. fr. 22, 1 ; sonst steht stets der 
Genetiv: 6, 46. 7, 24. 26. 11, 26, besonders %ov xlrjçov: 3, 3. 30. 
32. 4, 24. 5, 16. 6, 3. 57. 58. 7, 23. 8, 1. 9, 24. 11, 9. 

6, 17. èrtideiÇto . . . oï tivbç avrovç yvrjolovç ôie/uaçzv- 
çrjaav ehcu kann nur heissen: ich will darthun, wer . . . bezeugt 

1) Ich gestehe freilich zu, dass dies Gesetz schwerlich irgend welche 
ratio hat, doch wird man in Anbetracht der Masse der Beispiele die Richtig- 
keit desselben kaum leugnen können und sein Zustandekommen dem usus 
zuschreiben. 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRÄGE ZUR TEXTESKRITIK DES ISAIOS 377 

hat — als ob dies vorläufig noch unbekannt wäre. Aber jeder 
weiss, dass Androkles der Zeuge ist, gegen dessen Diamarlyrie die 
Rede ja gerichtet ist. Man verbessere: oloi xiveg ovxsg. Aus den 
folgenden Erörterungen soll hervorgehen und geht hervor, was für 
durchtriebene Kerle der Zeuge und seine Genossen sind; vgl. 3, 20 
(bnotol xiveg av cJai). Lys. 18, 1 (kv&v^^xe, oloi weg ovxeg 
noXïxai • . . àÇtov/Aev). 31, 34 (bnoïol xiveg ovxsç) und zum 
Wechsel des Subjects die Bemerkung Schümanns zu 5, 3. ') 

7, 9. eï xi ttà&oi tritt, an die Spitze des Satzes gestellt, 
wohl zu sehr hervor, während es nur eine Nebenbestimmung zu 
6ti&exo ist; es wird daher hinter dieses zu setzen sein; vgl. die 
ganz ähnliche Stelle § t eï xtg xeXevxr;oeiv péMiov âté&exo, eï 
n nâ&oi, xfjv ovotav, und § 27 xaî aieneXeved', oncog àV, 
eï %i nà&oi nçôxeçov, èyyçàqxûGi sowie 1, 4 nçocxaÇav- 
toç, eï xi na&oif fjfdlv dovvai. Weniger fällt auf 11, 8 ovx 
lç>' rifxlv . . ., eï xi rtà&oi, ta Svxa xaxiXmev; anderer Art 
ist gleich darauf el dé xi xal avxrj rcàâoi, rkctvxœvt xà ovxa 
lôlâov. 

8, 6 schlägt Scheibe vor: xXrjçovofÂeïv fxaXlov ffirtv ij xoi- 
toiç (st. xovxov) oder xovxoiv rtqoar\xei xtov KLqmvog %(ffliià- 
%w. Die erstere Lesart ist [wie auch Buermann gethan hat] 
vorzuziehen; vgl. ausser § 45 ncoorjXBi fftilv palXov tj xov- 
xoiç xXrjçovOfAHv xJ5v helvov %çri(Aotx<av noch § 31 ou toiî- 
xotç, AU' fjiiïv ftQOOrjxu xXrjçopofieîv xüv xQ f lf 4 ^ tù)V un( * 
9, 1. 31. Dagegen steht im Vergleich beidemal der Accusa tiv 
4, 28 rvoXv fiSllov xovxovg ïtçoorjxei .' . . ij XctQiâârjv a t a- 
fioßrjxefo; der letztere Casus findet sich einmal: 3, 65. 6, 11. 
14. 44. 7, 1. 8, 44. 11, 6. — In derselben Rede § 30 kündigt 
der Redner an, er wolle iC avzwv xüv vôfuov axQtßioxeqov 
lehren, dass er mehr Anrecht auf das Erbe habe als der Gegner. 
Er beruft sich zuerst auf ein Gesetz, nach welchem dem Gegner 
nicht einmal, wenn er Bruder des Kiron gewesen wäre und dessen 
Tochter geheirathet hätte, das Vermögen der letzteren zugefallen 
wäre, und dann auf den vôpoç xaxiooewç, nach welchem ihm, 
dem Sprecher, nicht dem Gegner, die Verpflichtung für Kiron zu 
sorgen oblag. Es ist nicht glaublich, dass der Redner hier, wo 
er aus den Gesetzen etwas beweisen will, den Wortlaut des ersteren 



1) [Buermann schreibt mit Naber oïnveç otV xrA\ A. d. Red.] 



Digitized by CjOOQ IC 



378 ALBRECHT 

Dicht angeführt hat, um so weniger ate er das zweite (§ 34) vor- 
lesen lässt und als er sich § 45 in der Recapitulation der vorge- 
brachten Beweise auf jenes Gesetz bezieht (fyete nlotetç ixavàç 
. . . !§ avtwv tiov vôfAwv). Es widerspricht dies nicht nur der 
sonstigen Gewohnheit des Isaios, der die Gesetze, auf die er sich 
stützt, immer auch vorführt, sondern auch derjenigen der andern 
Redner, die dies selbst da thun, wo sie meinen, dass die Sache 
den Hörern hinlänglich bekannt sei (vgl. z. B. Dem. 20, 27. 37, 18). 
Giebt man die Lücke zu, so kann nicht zweifelhaft sein, dass sie 
hinter § 31 anzusetzen ist; und an die Vorlesung des Gesetzes 
selbst schliesst sich dann recht passend § 32: ov tolvvv h TOtJ- 
tov iaovov .... ôfjXôv kotiv an. 

9, 4. tovg irtitrjâelovg tovg helvov pctgtvçaç izaçéÇofiat 
tmv naçôvtiov. Es ist gewiss nicht möglich bei den naçovteg 
an andere zu denken als an diejenigen, die bei dem Leichenbe- 
gängniss des Astyphilos zugegen waren, und so fasst auch Schü- 
mann die Worte auf; trotzdem halte ich, da sie an sich auch die 
bezeichnen können, die in der gegenwärtigen Gerichtsverhandlung 
anwesend sind, der Deutlichkeit halber die Einschiebung eines tote 
für nöthig, vgl. 5, 6 tovg tote TtctQOvtaç vpftv ju. naçéÇofAcu. 
§ 20 fi. tovg naçovtag ote und ei tig Hvy%a»e naçùv vite, 
sowie 9, 18 twv tote ovyyewçyovvtwv. 11, 18 ol tote dtxâ- 
Çovteg. Auch sonst finde ich, wo das Parücip des Praesens ge- 
braucht ist, bei demselben stets eine solche Zeitbestimmung, so 
Lys. 10, 1 {rote naçôvrwv ote). Dem. 19, 162 (hei)* 36, 24. 
45, 58. 52, 16. 57, 43. Aesch. 2, 162 (hei), oder es ist anders- 
wie deutlich gemacht, dass sich das Particip auf die Vergangen* 
heit bezieht: Dem. 21, 119. 30, 32. 59, 34; vgl. auch 43, 11 tovg 
tote âutàÇovtaç und andere derartige Verbindungen mit tote 
47, 44. 49, 33. 42. 59, 40. Lys. 12, 46. Dagegen bezieht sich 
tovg naçovtag (Dem.) 59, 61 auf die Gegenwart. Bei dem Par- 
ticip des Aorists, das häufiger gebraucht wird (naQayevô/uetoç)* 
ist jene Bestimmung natürlich nicht nothwendig, vgl. Lys. 3, 14. 
20. 17, 2 (Part Perf.). 20, 28. Isokr. 18, 8. Is. 6, 7. 37. Dem. 
34, 11. 35, 14. 36, 16. 55, 5 (mit tote). 59, 32. — § 36 ist 
OTtoocav (aitioi yevrjaeo&e) ebenso unbestimmt als schwach; es 
wird xaxüiv hinzuzufügen sein: wieviel Unheil die Richter an- 
richten, wenn sie dem Kleon folgen — das soll gezeigt werden; 
vgl. 5, 25 twv nävtiov xaxcov aïtiog (Lys. 3, 20). Die Verbin- 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRÄGE ZUR TEXTESKRITIK DES ISAIOS 379 

duog von aïtioç mit xaxcuv oder àya&<Sv und einein Attribut ist 
bei den Rednern ungemein häufig; ich führe nur einige unserer 
Stelle näher stehende Beispiele an: Lys. 25, 31 (roaovTAiy)..26, 13 
(naowv). Isokr. 4, 26 (oawv aya&äv). 33* 5, 61 (rqltitovrtor, 
wozu xaxwv aus dem Vorhergehenden zu ergänzen, wenn nicht 
mit rE hinzuzufügen ist). 8, 74. 106. Dem. 28, 19. Proöm. 6. 
Aesch. 3, 147. 

10, 11. Seitdem die bandschriftliche Ueberlieferung feststeht 
(vgl. Buermann Hermes XVII S. 390), [anders ders. in der Aus«» 
gäbe] dürfte es nicht mehr zweifelhaft sein, dass zu lesen ist: 
l£ avjov ôk àvzuoùyaysïv , was schon Dobree vorschlug. Das 
Compositum doayeiv ist jedenfalls zu setzen, da nur dies in 
dem Sinne von 'adoptiren' oder 'adoptiren lassen' gebraucht 
wird, vgl. § 6. 13. .3, 73. 6, 22. 23. 24. 25. 26. 27. 7, 16; das 
Object riva aber ist nicht unbedingt nöthig, vgl. 7, 31 ixeivp 
<T ovx elo7*oiovoaç Üvtiov aitotlç naiêwv und Isokr. 19, 9 
tyrjfiev ix 2eçitpov naç' av&çaircojv noXv nleiovoç aÇlwv. 
Wenn Scheibe èÇtivcct â* vlbv avtov àrtewayayêîv schreiben 
wollte, also den Regriff des iÇeïvcu für nothwendig erachtete, 
so kann ich ihm nicht beistimmen. Die Stelle lautet:, ihm selbst 
war es erlaubt in das väterliche Haus zurückzukehren, l| ov- 
tov ôè avieujayayeïv — nun denke man sich den Redner mit 
der Stimme etwas einhalten und die Achseln zucken — ot/x %ù%i 
*6fioç 9 d. h. davon steht nichts im Gesetz, das ist gesetzlich nicht 
erlaubt (vgl. 3, 76. 6, 47. 9, 13), in welchem Ausdrucke das er* 
wartete ovx i£fjv mit liegt. Nach dem Einschub des 2£at?at, 
der nur nöthig wäre» wenn es sich hier um den wirklichen Wort- 
laut eines Gesetzes handelte, entspricht das zweite Glied des Gegen-* 
satzes dem ersten nicht so gut, und die Sprache wird weniger 
gedrungen und kräftig. — Statt des gleich darauf folgenden nott]- 
&fjvQti muss elortoiTf&ijvai geschrieben werden, da nur dieses von 
demjenigen (hier Kyronides) gesagt wird, der einem andern (Ari- 
starch) den Sohn giebt: 4,10. 6,22. 7,31.44. 8,40. 9,2. 4. 
34. 10, 11. 14. 16. 11, 49. 50. 12, 6, wohl auch 7, 45< 9, 34 (vgl. 
6,22. 10, 12. 17). Von dem Adoptivvater selbst heisst es ela- 
noi6la&ai 2, 10. 3, 60. 8, 36. 9, 7. 12, 1. 2; und von ihm ist 
auch immer die Rede, wenn nouïo&ai (mit oder ohne vlbv) im 
Medium oder Passivum gebraucht wird; jenes steht 2, 1. 11. 12* 
13. 14. 16. 17. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 28. 37. 38. 41. 42. 45. 



Digitized by CjOOQ IC 



380 ALBRECHT 

46. 3, 1. 42. 68. 69. 72. 73. 75. 76. 4, 19. 6, 3. 5. 6. 8. 10. 51. 52. 
63. 7, 1. 3. 4. 5. 13. 17. 27. 28. 30. 33. 9, 1. 7. 11. 12. 13. 16. 31. 
33. 37. 10, 9, dieses 2, 1. 39 (nach Cobets Emendation). 44. 5, 7. 
8. 12. 7, 2. 17. 43. 9, 5. 10. — § 23 xaï rat/T« fitjdè h<mw 
tovtiov èfteveyxeïv, nctQ* o%ov no%* eiXrjtpaai* Schon Dobree 
beanstandete ineveyxeïv, da dieses Verb in der einfachen Bedeu- 
tung von 'vorbringen, zeigen' nicht gebräuchlich ist; auch durch 
Aesch. 3, 41 (tovto to tpevdoç iftiq>éQOvaiv) und Dem. 23, 52 
(tout 3 ovx iaxiv ineveyxeïv äXXt] noXei), welche Stellen der 
unsrigen noch einigermassen nahe kommen, wird es nicht gesichert 
Ich meine, dass es nichts als eine verdorbene Dittographie von 
elrcelv ist, welches Verb von Isaios nicht selten mit %%to verbun- 
den wird: i, 5. 36. 8, 15. 29. 11, 4. 6. 13. 14. 30; sonst findet 
sich bei diesem noch ànodéïÇai 4, 9. 6, 12. 10, 14, èrzideïÇai 
5, 35. 10, 14. 12, 7, i&XéyÇat 4, 6. — Auf ähnliche Weise 
wird 7, 8 (ewg ov eiftoçrjaeuv) das ov entstanden sein, das 
noch immer in den Texten steht, obwohl die Verbindung %wg ov 
durch kein einziges sicheres Beispiel aus der klassischen Prosa be- 
zeugt ist. 

11, 15. Welcher Gedanke an Stelle von obre dt' allô ovâb 
avtoïç ivâfuÇov nqoor\xuv vovtwv twv xQrtficnmv verlangt wird, 
ist klar. Ich schreibe ov dt allô ovdhv rj oti ovdhv av%olg . . . 
vgl. 5, 23 ov dt all* ovdhv fj diâ tovç iyyvrjràg ort xa$et- 
orrjxsoav fjfuv. Mein Vorschlag hat vor denjenigen Schümanns 
und Scheibes voraus, dass sich die Entstehung der Corruptelen 
einfacher erklären lässt; in dem des letzteren (ovdev aXXo rj ovdev 
ctvTOÏg vofxiÇpvteg) müsste es überdies ovdhv dt aXXo heissen; vgl. 
Lys. 16, 8. 30, 18. Isokr. 12, 23. Plato Apol. 20 D. 1 ) — § 21 schreibe 
man xatà tavrà (st. rait à) cc/Atyioßrjtovoiv; ebenso steht der 
Singular kurz vorher § 21, sowie § 23 und § 33; anderer Art ist 
xatà tavtà § 2. 12; vgl. auch %av%b nçoorjxwv § 15. 17. 19. 
— § 32 ovxovv ov dec ftçoaê%Biv ipâç tolg %ovxov Xôyotç tov 
vovvy ovd* èrtirçéfteiv, ovd' è&l&iv eïvat yçaqxxç. Bedenklich 
ist i&tÇeiv: 1) weil es trotz des wiederholten ovdi im Vergleich 
zu èmvçérteiv zu wenig Neues bringt und matt ist; vgl. 7, 35. 38. 
10, 12, die einzigen Stellen bei Isaios, an denen ovdh wiederholt 
wird; 2) weil ein Object schwerlich zu entbehren ist (vgl. dagegen 



1) [Buermann ergänzt ovre âtà tovto. A. d. Red.] 



Digitized by CjOOQ IC 



BEITRÄGE ZUR TEXTESKRITIK DES ISA10S 381 

Dem. 24, 218 %b rzçàioç %%uv toïç toiovjoiç . • . i&lÇeiv xai 
ftQOÔiâàoxeiv $ow* aôixeïv vpSç ioç nletovovç). Ich schlage 
vor ovâ' imtçênuv ovdevl voftlÇeiv; es wäre dies eine etwas 
hyperbolische Ausdrucksweise für den Gedanken: verhindert (so- 
weit es in euren Kräften steht), dass man glaubt, ygaqxxl fänden 
da statt, wo nach den Gesetzen ïôtai dlxai stattfinden müssen. 

Berlin, December 1882. E. ALBRECHT. 



Digitized by CjOOQ IC 



HANDSCHRIFTEN RÖMISCHER MEDICINER. 

1. Pseudoplinii medicina. 

Val. Rose hat im J. 1875 jenen Auszag der medicinae aus 
der naturalis historia des Plinius, welcher unter dem Namen der 
medicina Plinii Secundi bekannt ist, zum ersten Mal in seiner ur- 
sprünglichen Gestalt nach drei Haupthandschriften: g = cod. S. Gall. 
752 (saec. X), v = cod. Lugd. Voss. Oct. 92 (saec. X) nautilus, 
d = cod. reg. Dresd. 185 (saec. XU) herausgegeben. Auf der, 
übrigens vergeblichen, Jagd nach vaticanischen Handschriften des 
Scribonius Largus 1 ) (Dec. 1880 — März 1881) fiel mir nun der 
cod. Vat.-Reg. 1004 membr. saec. X/Xl in die Hand, in dem sich 
ein Quaternio (fol. 100 a — 107 b) als Fragment einer unbekannten 
Handschrift des Pseudoplinius zu erkennen gab. 

Das Bruchstück giebt den Anfang, lib. I 1 — 19 in. (=Rose 
p. 7, 1 frequenter mihi etc. — p. 33, 2 maculosa variis colortbus), 
also etwa den vierten Theil der Schrift und ist gerade gross genug, 
um ein Urtheil über den Werth der Handschrift, der es entstammt, 
zu erlauben und, da sich dieser als recht bemerkenswerth heraus- 
stellen wird, den Verlust des Ganzen bedauern zu lassen. 

Der Vaticanus weist allerdings, von kleineren Flüchtigkeits- 
fehlern abgesehen, ungewöhnlich zahlreiche, meist durch Homoiote- 
leuton entstandene Lücken auf. So hat z. B. p. 12, 15 R. das dop- 

1) Die Bemerkung am Schlüsse der praefatio der letzten, Bernholdschen 
Ausgabe des Scribonius (1786) Spes novae Scribonii editionis a I. Caio Bri- 
tanno et a L B. Windthier, qui nostrum ad Mss. codd, Faticanos recen- 
sueraty data cum morte virorum intercidit, hatte die Existenz vaticanischer 
Handschriften erwarten lassen; allein ausser dem cod. Urbinas 1525, welcher 
die epistula M. Aurelii Severini Thurii Tharsemis ad cl, virum Ioannm 
Rhodium Danum amicum praecipuum enthält, ist es mir nicht gelungen, 
etwas auf Scrib. Bezügliches zu entdecken. Denn eine schwache Hoffooog, 
welche der Katalog der Vaticana (im engern Sinn) mit seiner Angabe: Largi 
epistola Aurelio 3796 erregt hatte, schwand wieder, da die betreffende Nom- 
mer das Angegebene nicht enthielt. 



Digitized by CjOOQ IC 



HANDSCHRIFTEN ROMISCHER MEDICINER 383 

pelte nitro zur Auslassung der Worte tritum infricatur — cum 
vino et nitro, p. 12, 20 — 13, 1 in Ähnlicher Weise pruritus zu der 
wn ova — pruritus geführt; p. 21, 16 — 17 die Aehnlichkeit der 
Satzschlosse das Fehlen des Satzes siUgmis gram — circumlinuntur 
veranlasst; p. 31 sind wegen des gargarizatur in Zeile 7 und 10 
zwei Sätze Uni semen — imponitur und acetum et sal gargarizatur 
ausgefallen. Die p. 32, 2 — 3 wegen des decoquuntur Z. 2 und 
coquitur Z. 3 ausgebliebenen Worte donee lentescat totum quod 
toquitur sind im Vat. in der von Rose p. 33, 3 mit (inlimtur et) 
ausgefüllten Lücke nachgetragen. 

Nichtsdestoweniger ist der Vat. an Güte den beiden codd. v 
und g wohl ebenbürtig, übertrifft sie zum Theil. So hat er allein 
mit v die richtige Lesart p. 23, 11 coicitur in nares, p. 27, 25 
obturatus, p. 33, 6 delphini iocineris dnerem (g dies nur durch 
Correctur); miUg p. 8, 7 coniectus, p. 10, 5 tto, p. 10, 8 aut aceto 
fronti, p. 11, 23 abstinetur, p. 13, 8 infrictum, p. 14, 3 desiccat, 
p. 14, 4 autem, p. 14, 6 perducuntur hoc ceroto, p. 18, 21 graveo- 
Imtiam, p. 19, 4 insparsum 1 ), p. 22, 17 <rof, p. 23, 3 afferat, 
p. 29, 4 rcprimit, p. 33, 17 imponatur. 

Endlich sind eine ganze Reihe Lesarten (gegen 260) specielles 
Eigenthum von V, deren einige einstweilen, als vom Sinn gefordert, 
nur durch Conjectur eingeführt waren, die meisten bisher völlig 
unbekannt gewesen sind und von denen, wenn auch keineswegs 
alle, doch ein guter Theil Beachtung verdient. Ich hebe nur die 
wichtigeren heraus. 

P. 7, 3 R. liest man im V aliorum statt meorum; — p. 7, 4 
txperirem*) statt experiscerer, - — p. 8, 16 giebt F, wohl aus Miss- 
verständniss der Abkürzung = con, opari statt comparari. Merk- 
würdig ist p. 9, 15 die Var. media für das richtige sexta des cod. g 
und das unrichtige tertia des cod. d. Die Sache dürfte sich so 

erklären, dass zunächst VI in 111 überging und dieses, indem III 

für m gelesen wurde als Abkürzung von media erschien (wie 
o 
m = modo). — p. 9, 15 hat V coclear, wie gd p. 92, 10. — p. 9, 18 



1) Die Angabe über v fehlt hier bei Rose, wie öfter. 

2) Neue II 279 führt als sicheres Beispiel activer Form nur Capitol. Gor- 
dian. 11, 7 (experiamus) an; sie findet sich aber handschriftlich sicher noch 
öfter: so, ausser an unserer Stelle, z. B. bei Pseudoapuleius de herbis 9, 1 
im cod. Barberin. IX 29 (experire). 



Digitized by CjOOQ IC 



384 KÖHLER 

fügt F nach Universitäten* den Genetiv infirmüatum hinzu. — p. 9, 21 
steht statt quemadmodum occurratur im V quemadmodum quisque 
occupatur. Da quisque für dat. plur. gehalten werden muss, wie 
bei Lucretius 4, 798, also in eine Construction des occupare = 
zuvorkommen sich nicht fügt, auch wegen des abhängigen Cha- 
racters des Satzes ein Conjunctiv erfordert wird, so giebt sieb 
occupatur als aus occurratur verlesen zu erkennen. Wie manche 
andere Lesarten, beziehungsweise Fehler der Handschrift, weist 
dieser auf die vorkarolingische Minuskel des achten Jahrhunderts 
(z. B. des cod. Bern. 363 des Horaz) oder selbst die spätere Un- 
ciale (z. B. der zwölften Hand des cod. Laurent. Digestor. saec. VII. 
cf. Wattenbach-Zangemeister Exempla codicum latinorum. SuppL 
T. 54) als Schriftgattung einer Vorlage des Vaticanus hin. 

P. 9, 23 V ineipiemus mim a capite. g ergo, d igitur. Es 
kann keine Frage sein, dass die Lesart des g oefcer d richtig ist, 
und zwar wahrscheinlicher ergo, obwohl z. B. p. 71, 17 g und d 
in der Lesart ineipiemus igitur übereinstimmen. Als Spur einer 
anderen Ueberlieferung wird man enim nicht betrachten und es 
etwa, wie bei Anthimus de observ. cib. 53 und 57, und besonders 
häufig in Gynaecia Muscionis (ed. Rose 1882), in der Bedeutung 
von de nehmen dürfen, da nach K. Sittl die localen Verschieden- 
heiten der lot. Sprache (Erlangen 1882) S. 138 zwar nam seit der 
Mitte des 3. Jahrb., enim aber erst seit dem 5. Jahrb. n. Chr. in 
dieser verflüchtigten Bedeutung vorkommt, während Pseudoplinius 
nach Rose (Hermes VIII 20) nicht unter das 4. Jahrh. herabgerückt 
werden darf. Die einfachste, dem etwas leichtfertigen Character 
des Schreibers unseres Codex am meisten Rechnung tragende Er- 
klärung scheint mir, enim als Dittographie des emtes (abgekürzt em 9 ) 
von ineipiemus anzusehen, in Folge deren jener, nachdem er einmal 
enim gelesen hatte, ergo übersah oder absichtlich ausliess. 

Ein weiteres instructives Beispiel der Folgen einer Dittographie 
bietet der Vat. p. 17, 8. Dort haben gd, wie der Originalplinius, 
gari excellents cyathus. Der Vat. hat statt dessen gargarismum 
cyathus. Offenbar verschwand hier excellents, nachdem das fälsch- 
lich verdoppelte gari zu gargarismum weitergebildet war. 

Einer der besten Beweise für den Werlh des V ist, dass er 
allein p. 11,20 statt des in allen Handschriften verderbten Ruce- 
dano das richtige Peucedano, ebenso p. 11, 26 — 12, 1 murinarum 
(statt murenarum) bietet, p. 12, 7 kommt er mit der Lesart: 



Digitized by CjOOQ IC 



HANDSCHRIFTEN RÖMISCHER MEDICINER 385 

mperfutt de boutfflf aut asini pocionem (sie !) dem Richtigen näher 
als irgend eine andere Handschrift; ebenso hat er allein p. 32, 10 
fiacumque ex parte sanguis emissus (die übrigen missus) überein- 
stimmend mit Plin. 28, 43: sanguine hominis ex quacumque parte 
emisso. 

P. 16, 9 hat die Lesart des V usque dum sieeeseat statt des ein- 
fachen dum der übrigen Handschriften nichts Unwahrscheinliches 
(cf. Gargil. 45 hoc usque inealeseit dorne .... transeat. ibid. 40. 62 
tarn diu .... quousque). 

Ueber dem Abschnitt p. 16, 17—22 liest man im V den Se- 
parattitel DCKifpaNnb\ p. 16, 18 harmonirt V durch sein senes 
esse statt videri mit der Ed. pr. und der Ausgabe des Torinus. 
Was in v steht, kann ich nicht constatiren. 

Einen Ztisatz finden wir wieder p. 18, 1 : V adeps ansetinus 
remissus statt des einfachen adeps der übrigen Handschriften. Da 
bei Plinius nat. hist. 29, 133: gravitatem adeps cum absinthio et 
oleo vetere, item adeps anserinus steht, also jedenfalls eine Zusam- 
menziehung seitens des Epitomators stattgefunden hat, so hat das 
Additament des V manches für sich. 

V p. 18, 3 muricum st. murium, ibid. 6 st aqua fugiat ea?(sic!) 
adipe anserino, 19, 5 in naribus st. auribus, 19, 13 meditur 
(*■ medetur?) st. inditur. 

Die Lesart p. 16, 4 cum st. cura erklärt sich wohl am leich- 
testen aus missverstandenem offenen a, welches auch der Arche- 
typus von gvd mehrfach aufgewiesen hat. Auf diese Vermuthung 
ftthrt p. 25, 2 das communducantur von g, besonders p. 74, 23 das 
aiunt der codd. gd statt des notwendigen iuvat (tuteur); ferner 
p. 165, 14 (—Gargil. 29) g: mundatur st. mandatur (Rose: ctim 
V ex *o' aperto); cf. p. 167, 7 (— Garg. 30): codd. gvl laxata 
st. luxata. 

Für cum albo ovi p. 22, 4 und ovi album p. 22, 5 bietet V 
beide Mal album = albumen, p. 10, 12 hat allerdings auch V albo, 
und p. 99, 8. 102, 1 gd ohne Variante dasselbe. Allein, dass 
an und für sich ein Wechsel im Ausdruck, also p. 22 albumen f. 
album, undenkbar sei, wird man nicht behaupten können ; p. 98, 9 
steht ovi candidum, wie bei Plin. n. h. 29, 40. Finden sich doch 
z. B. bei Cassius Felix für den gleichen Begriff nicht weniger als 
vier termini : album, albor, albugo und albumen. Letzteres hat zwar 
Rose nur an einer Stelle in den Text aufgenommen (c. 73), weil 

formet XVIII. 25 



Digitized by CjOOQ IC 



386 KÖHLER 

dort die beiden einzigen Codices, welche Rose für jenen Theil der 
Schrift bekannt waren, p und c, in der Lesart albumine überein- 
stimmten; c allein hat dieselbe noch öfter: c. 29 bis. und c 61. 
Bei Anthimus de observatione ciborum ist albumen bereits der ein- 
zige Ausdruck (so c. 34 bis. 35. 36 bis. 37. 40) und es ist interes- 
sant, dass, wie hier im V des Pseudopl. mm albumen ovi, dort 
p. 14, 23 in der ältesten Handschrift (S. Gall. saec. IX) de albumen 
steht. Albumen las ich auch im cod. Barberinus (IX 29) saec. X/XI. 
fol. 237a = Theod. Priscian. I 4 statt des album der ed. Aid. und 
ebendort fol. 237 b in einem Zusatz dieses Codex zu Th. Prise. I 5 
(ed. Aid.). Pas Wort kommt also ohne Zweifel öfter Tor, als es 
selbst nach Georges 7. Auflage den Anschein hat. Es ist demnach 
gar nicht unmöglich, dass auch an der Stelle des Plinius, welche 
auf diesen Excurs geführt hat, das zweite ovi albumen und mit 
leichter Aenderung auch cum ovi albumine ursprünglich ist. 

Das itaque des V p. 23, 6 für igitur der übrigen codd. mag auf 
Rechnung der Flüchtigkeit des Schreibers kommen, welcher auf das 
ungefähr gerade eine Zeile früher stehende itaque abirrte. — p.26,23 
und 27, 12 giebt V mamiUae statt maxillae; p. 28, 16 statt der 
Worte: dentés equi qui primi cadunt, welche wir in gvd lesen, 
V im engeren Anschluss an das Original (Plin. not. hist. 28, 258) 
dentés qui primi equis cadunt. 

P. 30, 5 hat Rose in dem Satz: alium tritum ex pusca gar- 
garizari nach gargarizari, mit welchem in den bisher bekannten 
Handschriften der Satz schliesst, aus Plin. 20, 52 prodest zugesetzt 
Hier lautet der Satz: contra anginas tritum in posca gargarizari 
prodest. Hienach musste jene Correctur Roses bisher als äusserst 
wahrscheinlich betrachtet werden. Der Vat. ändert die Sachlage 
etwas. Dort liest man gargarizari oportet. Unmöglich ist es frei- 
lich nicht, dass dies oportet einem Emendator des Archetypus ver- 
dankt wird, der die Lücke nach gargarizari fühlte. Allein ein 
zwingender Grund, sie wörtlich aus Plinius zu ergänzen, läge nur 
dann vor, wenn der Epitomator des Plinius dem Wortlaut des 
letzteren im allgemeinen genauer gefolgt wäre, als er es in der 
That gethan hat. So hat er aber z. B. gleich an der vorliegenden 
Stelle das th posca der Quelle durch ex pusca und, was mir recht 
beachtenswert erscheint, an einer anderen Stelle das prodest des 
Plinius durch eine Phrase mit oportet ersetzt. Man vergleiche 
Pseudoplin. p. 90, 23 mit Plin. nat. tost. 32, 114. 



Digitized by CjOOQ IC 



HANDSCHRIFTEN RÖMISCHER MEDICINER 387 



Pseudoplin.: 
cancris fluviatilibus tritis in 
oleo et aqua ante accessionem per- 
ungut oportet. 



Plinius: 
cancri fluviatiles tritt in oka 
et aqua perunctis ante accessiones 
in febribus prosunt. 



Umgekehrt verwendet der Epitomator prodesse an Stellen, wo 
sich bei Plinius ganz andere Redensarten finden. 



Pseudoplin. p. 94, 12—13: 
melius prodest, si ea avis cum 

occiditur satura sit humano ca- 

davere. 

id. p. 99,22: 

asininae medullae prosunt 



Plin. n. A. 30, 92: 
sed et ipsum vulturem in cibo 
dari iubent et quidem satiatum 
humano cadavere. 

id. 28, 244: 
scabiem asininae medullae aboient. 



So fragt es sich, ob nicht doch in der Lesart des V oportet eine 
richtige Ueberlieferung zu erkennen ist. 

Eine eigentümliche Abweichung zeigt V p. 31, 3, indem er 
statt des vinum der übrigen Codd. und des Plinius uxus bietet. 
Ich sehe eine doppelte Möglichkeit der Erklärung. Erstens braucht 
die Annahme einer graphischen Verderbniss von vinum nicht völlig 
von der Hand gewiesen zu werden. Uebergehen wir die unbe- 
deutende Aenderung des um in us, so konnte zunächst in sehr 
leicht mit m und dieses selbst in einer bestimmten Form mit x 
verwechselt werden. Instructive Beispiele von Uebergängen beider 
Gattung bietet der Vat. selbst. Denn keinem anderen als dem 
ersteren Fehler dankt die Lesart des V p. 21, 21 ex humo statt 
ex vino den Ursprung, und für den letzteren (x für m) darf das 
obenerwähnte doppelte mamülae statt des richtigen maxillae ange- 
führt werden. Eine Vergleichung von Wattenbach Anleitung zur 
lat. Paläogr. 3 S. 44 Z. 2 u. 4 v. u. und der Exempla cod. latin, tab. 
46. 50. 59. 60. 61 lehrt, dass vornehmlich ein unciales oder halb- 
unciales m der Verwechslung mit x ausgesetzt war. Es ist schon 
früher (zu occupatur) erwähnt, dass uns mehrfach Lesarten des V 
in die Zeit der späteren Unciale versetzen. 

Im zweiten Fall kann man in uxus wirklich die Spuren einer 
abweichenden Lesart suchen; uxus wäre dann als oÇoç zu inter- 
pretiren, welches nach Charis. 139, 15 auch in der lat. Form 
oxos vorkommt und an dessen Verwandlung in uxus nach der 
Analogie von pusca, wie V häufig statt posca liest 1 ), kein Anstoss 

1) Aehnlich p. 29, 17 tules st. totes u. s. w. 

25* 



Digitized by CjOOQ IC 



388 KÖHLER 

zu nehmen wäre. Der Epitomator hätte, wie auch sonst mehrfach 
(Rose Hermes VIII 32), seiner Quelle einen bestimmenden Zug 
hinzugefügt, hier also das allgemeine vinum durch das speciellere 
oxos ersetzt. Die letztere Erklärung gälte auch unter der Voraus- 
setzung, dass in uams ein vetus zu erkennen wäre 1 ), eine Vermuthang, 
welche, da Pseudopl. vinum vetus (p. 25, 20 vino vetusto) überhaupt 
nicht, oleum vetus dagegen (und zwar in dieser Wortfolge) zu wie- 
derholten Malen hat, die Annahme im Gefolge hätte, dass vetus 
nach oleum zu versetzen sei. 

Die Variante des 7 p. 31, 5 %urarum — der Anfangsbuch- 
stabe war dem Rubrikator zur Ergänzung überlassen, von diesem 
aber, wie häufig in diesem Codex, nicht ausgeführt worden — statt 
des richtigen menarum des Plinius (32, 90) ist ohne Zweifel aus 
minarum entstanden, welches die übrigen Handschriften lesen, und 
geht vielleicht auf eine Verwechslung von r und n zurück. Vgl. 
Wattenbach Anl. S. 48 ; Wattenbach-Zangemeister Exempla cod. lot. 
tab. 32 u. ö. Der umgekehrte Fehler tritt uns im Vat. p. 22, 4 
entgegen. Dort hat cod. d: lana incurata, v: L concurata, g: lana 
non curata, V; lana non cinata. 

Alle diese Lesarten geben dem Vat. eine selbständige Stellung, 
welche auf eine von sämmtlichen übrigen Handschriften verschie- 
dene Quelle hinzuweisen scheint. Andrerseits hindern doch wieder 
sehr bestimmte Rerührungspunkte , welche ihn bald an vd, bald 
an g knüpfen, ihn entschieden von der bisherigen Ueberliefemng 
zu trennen. 

Der Ersatz eines ursprünglichen in qua durch ubi z. B. kommt, 
wie in V, sporadisch auch in den übrigen Codd. vor. p. 27, 6—7 
hat V: aqua ubi lentiscus decoctus est; gd und wohl auch v: in 
qua. p. 38, 10 tritt auch in d und b (= ed. Alb. Torin.) in ähn- 
licher Verbindung ubi auf: aqua potata ubi cotonia decocta sunt, 
während v das entscheidende Wort ganz auslässt und in g: aqua 
potata qua etc. steht. Endlich p. 30, 31 stimmen v und g in der 



1) Bei Pseudoplin. p. 31, 3 ist, nach jüngster gütiger Mittheilung des 
Hrn. Dr. Mau in Rom, in der That vetus, nicht uxus die LA des Codex V. 
Hiermit vermindert sich die Wahrscheinlichkeit der oben aus der LA uxus 
gezogenen Schlüsse. Es entsteht die Vermuthung, dass vinum wegen des 
unmittelbar vorausgehenden columbinus ausgefallen sei, die Erweiterung 
vetus oleum dagegen der Revision z (s. u.) entstamme; vetus, ursprünglich 
übergeschrieben, mag dann an falscher Stelle in den Text gerathen sein. 



Digitized by CjOOQ IC 



HANDSCHRIFTEN RÖMISCHER MED1C1NER 389 

Lesart in aqua ubi mus decoxerit überein, während hier im Vat. 
das betr. Wort, in d die ganze Stelle fehlt. Rose erkennt (Adno- 
tanda p. 227) in der Lesart db die Hand eines Correctors, der 
eine vorhandene Lücke ausfüllte. Da in der That in einer er- 
drückenden Menge vollkommen gleicher Fälle (Pseudopl. p. 26, 15. 
38,17. 47, 4. 22. 55, 4. 17. 61, 14. 66,5. 77, 19. 92, 13. Gargil. 
c. 2. 10. 19. 33. 35. 40. 46. 50 auch Cassius Felix 2) aqua in qua 
übereinstimmend gelesen wird und nach aqua die Worte in qua 
allerdings sehr leicht ausfielen, so wird man Rose beistimmen 
müssen; nur dass die Annahme eines Correctors dann auf alle 
Fälle ausgedehnt werden muss und wir auch p. 30, 21 statt ubi 
und p. 38, 10 in qua statt qua zu lesen haben werden. 

Insbesondere stimmt F mit v d in wichtigen Lesarten überein : 
so p. 24, 5 in dem Zusatz alibi mulierum. p. 24, 19 hat er statt: 
quidam mariti radices des cod. g (Rose marati) tamarice maritimi 
in unmittelbarster Verwandtschaft mit der Lesung in vd: tamarice 
mariti. Beruht diese Lesart auf Conjectur eines sehr unterrichteten 
Correctors — denn die Kenntniss von tamarix maritima seitens 
des Alterthums beweist schon indirect Scribonius 128: tamaricum 
longe a mari colkctum — oder stammt sie aus derselben Quelle 
der Ueberlieferung, der V mehrere vorzügliche Lesarten verdankt? 
Es ist schwer, hier zu entscheiden. Formell ist es ebenso denkbar, 
dass in mariti des cod. g eine bei der Aufeinanderfolge ähnlicher 
Silben (quidam tamarici maritimi) erklärliche Verkürzung des Ur- 
sprünglichen vorliegt , als in den Worten des V die letzte Stufe 
einer auch durch vd vertretenen allmählichen Erweiterung des zu 
mariti verdorbenen marati. Sachlich verdient,^ nach dem Urtheil 
eines befreundeten Arztes die tamarix wegen ihres Gerbstoffgehaltes 
und ihrer dadurch bedingten astringirenden Wirkung für das in 
Hede stehende Recept bedeutend den Vorzug. Halten wir uns allein 
an das in sämmtlichen Handschriften des Pseudoplin. überlieferte 
mariti, so könnte die Vermuthung, es sei darin tamarici zu suchen, 
nicht zu kühn erscheinen. In dem Original bei Plin. not. hist. 
30, 27 steht nun allerdings, bei sonst wörtlicher Uebereinstimmung, 
marati (Detlefsen marathi) und darnach ist seit der Ed. pr. unsere 
Stelle emendirt worden. Allein auch dort fehlt es nicht an Va- 
rianten: cod. J= Paris. 6795 hat maratina, Riccard. pr. m. ma- 
nag, id. sec. m. maratyna. Ueberdies ist die Vorlage von V den 
in dem entsprechenden Pliniusabschnitt erhaltenen Codd. an Alter 



Digitized by CjOOQ IC 



390 KÖHLER 

mindestens ebenbürtig und an der Zulässigkeit einer Emendirung 
des Originalplinius auf Grund der Epitome im allgemeinen nicht 
zu zweifeln (Rose Hermes VIII 26 u. Anm. 1). So betrachte, ich 
die Möglichkeit, dass auch bei Plin. n. h. 30, 27 eine Verderbniss 
durch Verkürzung stattgefunden hat, beziehungsweise Vv d die Spur 
des Richtigen erhalten haben, keineswegs als ausgeschlossen. 

Mit der Gruppe vd findet sich V p. 23, 10 auch durch den 
den in g fehlenden notwendigen Zusatz : coicitur in nares, wie oben 
bereits erwähnt, zusammen, welcher in V und v steht und in den 
Quellen von d ursprünglich höchst wahrscheinlich vorhanden war, 
da in d an der betreffenden Stelle ein für zwei oder drei Worte 
reichender leerer Raum gelassen ist; ferner p. 29, 1 durch den 
Verlust des ersten Wortes des Textes uvae; p. 21, 19 durch die 
Lesart teneri (cod. g: tenera); p. 26, 6 stomaehus {g: stomachim). 
Auch in spasso, wie Vv p. 30, 6 statt des tu passo (g) lesen, ge- 
hört hierher, da die Var. insperse von d evident als eine weitere 
Verderbniss von in spasso zu betrachten ist. Ob die Quellen von 
d vielleicht auch in der Lesart p. 30, 8 manu sua tusiUas mit Vv 
sich berührten, kann nicht gesagt werden, da die ganze Stelle in 
d fehlt. Die Var. V p. 9, 15 media ist schon Eingangs dieses Auf- 
satzes auf eine Verderbniss zurückgeführt worden, welche auch in d 
nachwirkend erkannt wurde. 

Obwohl sich so Vvd zu einer Klasse zusammenschliessen, fehlt 
es doch andererseits keineswegs an engen Beziehungen zwischen 
Vvg. So haben diese drei an den gleichen Stellen calieulus (p. 21, 3), 
beziehungsweise codiculus (p. 29, 7) für catUicuhis; p. 21, 7 liptu- 
rum statt lippiturum (g mit der Var. lipturam), p. 27, 9 vino austeri, 
p. 27, 13 osdami für hyoscyami, p. 30, 20 spineta statt fimeta (so 
Rose nach Plin. ». h. 24, 171), p. 31, 1 verminacla statt verminacia, 
p. 33, 17 lumentum; p. 33, 15 fehlt ex in Vvg. Utillimum findet 
sich, wie nach Roses Index oft in g, so auch in V p. 9, 1 und 
in v wenigstens im Gargilius c. 13 = p. 146, 16 R. (utillimum: gv). 
In das Gebiet solöcistischer Superlative fallen auch die dem F 
eigentümlichen Lesarten p. 27, 3 aptisimum und p. 10, 12 mot- 
lisma, welche eine Formengattung repräsentiren, die auch inscbrift- 
lich mehrfach sich findet (Schuchardt Vocal, des Vulgärlateins II 
S. 409). 

V und g allein endlich scheinen, ausser den bereits oben er- 
wähnten richtigen Lesarten, in dem Fehlen des modo in der Phrase 



Digitized by CjOOQ IC 



HANDSCHRIFTEN RÖMISCHER MEDICINER 391 

eodem modo p. 26, 21 sieb zu begegnen; bemerkenswerther Weise 
wiederholt sich in g p. 88, 6 der Verlust des modo in der gleichen 
Redensart 

Erwägt man die Fülle eigentümlicher Lesarten des V und 
dann wieder seine Beziehungen zu vd einerseits, v g oder g allein 
andererseits, so wird man zu der Annahme gedrängt, dass Kzwar 
im allgemeinen mit gvd den Ursprung theilt, dass indessen die 
Ueberlieferung bis V eine doppelte Revision erfahren hat: eine 
erste, welcher auch vd folgen, eine zweite und zwar vorzügliche, 
welche bisher durch V allein vertreten ist. Mir scheint, dass sich 
unter diesem Gesichtspunkte sämmtlicbe Lesarten des V befriedi- 
gend erklären. Folgendes Schema würde diess Handschriftenver- 
hältniss versinnlichen : 




Ich führe schliesslich zur Charakteristik des Codex einmal die 
Thatsache an, dass mehrfach sich falsche Wortverbindung findet: 
so p. 12, 2 matutinos epascentis statt matutino se pascentis; p. 14, 12 
piti une st. pituinae; p. 18, 11 cum melli seminis st. cum meüis 
eminis; p. 21, 3 farinä st. farina in; p. 26, 13 stabili teuere st. 
stabilit in ore; p. 31, 13 illiti sanguinis st ÜUtis anguinis; p. 31, 16 
$ive utrum st *t neutrum, woraus man wird schliessen dürfen, 
dass in der Vorlage von V die Worttrennung noch nicht durch* 
geführt war; — sodann eine Reihe seiner orthographischen Eigen- 
tümlichkeiten : 

P. 8, 3 hodorem; 12, 3 harundine; 16, 4 his st is; 19, 17 
umero; 20, 12 ordiacia (st. hordeacea); 23, 19 edere (hederae); 
25, 11 alitum st haltt um; 25, 13 irundines, 30, 12 irundininm, 

29, 11 erundinus (st. hirundininus); 25, 13 horis st ort«; 28, 1 
erenule st. harenulae (wie erena z. B. cod. Vat Verg. Am. VII 31) ; 

30, 21 erba; 32, 1 imina st. hemina; 33, 13 adibetur. 

P. 9, 19 observande st. observanda; 10, 13 conspargi; 15, 5 
ursine st ursina; 17, 24 morç st. mora; 21, 8. 28, 21 effectum 
st affectum; 30, 9 lavabü st. levabit; 31, 19 equitanie st. aqui- 
tanicae. p. 24, 1 pandere (sic) st. pondère. 



Digitized by VjOOQ lC 



392 KÖHLER 

P. 10, 5. 11, 3 timpora statt tempora (wie g p. 72, 21 fimo- 
ribus, gd p. 78, 1 firmorum st. femorum); 17, 11 jmrna st. penna; 

19, 15 acit abulum; 30, 13 interiori st. e. 30, 19 inferiori st. 
«. 28, 19 perfricaentur. 

P. 12, 10 u. ö. prurigo st. porrigo; 14, 5 toctmefcsstme (wie 
l<* 47, 7. 148, 10); 26, 14 enola st eroiJa; 29, 17 tules st. toles 
(wie 0t>); 30, 4. 31, 7 pu&cha sUposca; 33, 10 glotino st. glutint; 
15, 8 tirwacet st. erinacei. 

P. 28, 18 cert;eMo st. cerebello. 

P. 8, 3 praestad; 27, 2 trotttd; 32, 16 /#0(* = /bede«; 26, 17 
adsparragi = asparagi. 

P. 7, 1. 13. 18. 16, 24 michi st. mihi; 15, 10 sandaracha; 
26, 10 amurcha; p. 7, 8. 18 Jaw^or; 10, 1 ungi; 10, 26 necietui 
st. nescten^t; 24, 19 ammicmt st. admisceni (wie <Z p. 10, 14 /acta 
st. fascia); 21, 3 occufo2j.; 21, 9. 32, 15 occulis; 29, 10 coccleari; 

20, 6 desicant ; 19, 14. 15 dragme (= drachmae); 20, 7 conciliorum 
(«j) st. conchyliorum; 17, 13 conquiliata (=» #) st. conchy liât a ; 
32, 5 quoaguîo st. coagulo (gv: quagulo); 17, 10 dequoquitur; 30, 18 
îuoguttar; fthnl. ju statt c: 25, 6. 26, 6. 22. 27, 9. 28, 15. 

P. 25, 19 cyrfaee st. syriace; 28, 3 stntiinf st. finiunt; 15, 19 
rursws st. rt*/bs; 18, 7 sujtaf st. fugiat; 32, 16 sedàr st. foedat; 
8, 6. 25, 24 sestarius — jr; 27, 25 e&essts st. exesis; 20, 2 6r<»tce 
st. brassicae. 

P. 22, 3 anacoiima st. anacollema. 4, 9 rerothwftir; 29, 17. 
32, 13 apellant; 32, 12 apeUantur; 23, 7 narres su wares; 10, 1 
leviatur st. feva/wr; 9, 11 mensuraçue st mensurasque; 14, 17 ea 
st. eas; 16, 2 t?aso = t? (# oft); 28, 14 in olla mittes = v<L 

2. Cassius Felix. 
Als Rose den Cassias Felix zum erstenmal edirte (1879), 
waren ihm laut praef. p. IV (tribus tantum codicibus manuscripts 
quod sciam conservatus) und ibid. p. VI (ex tribus his codicibus quos 
solßs novi) nur drei Handschriften dieses Autors bekannt: cod. g = 
S. Gall. 105 membr. saec. XI; c = cod. Cantabrig. Gg. III 32 chart, 
saec. XV und p — cod. Paris, lat 6114 saec. XIII. Der beste von 
diesen, g f ist sehr lückenhaft und fehlt für c. 43 — 82 vollständig; 
so beruht in dieser zweiten Hälfte des Cassius alles auf c und p: 
recentibus duobus integris, sed arbitrio seriptoris Itali textum obscu- 
rum corrigentis corrupto aüero Parisicnsi s. XIII, altero Cantabrv- 



Digitized by CjOOQ IC 



HANDSCHRIFTEN RÖMISCHER MEDIC1NER 393 

giensi s. XV propter insignem litterarum obsoletarum ex vetere quo- 
dam bonoque exemplari depictarum inscitiam monstruosissimo, oder, 
in Berücksichtigung der Roseschen weiteren Beschreibung des 
Cantabr.: nunc madore fere deletum ut vix legos nee nisi reli~ 
quorum codicum ope litteras saepe evanescentes discernas eigentlich 
auf dem Parisinus allein. 

Unter diesen Umständen dürfte die Nachricht, dass noch eine 
vollständige, wenn auch erst dem 14. Jahrhundert angehörige Hand- 
schrift des Cassius Felix existirt, nicht ganz unerwünscht kommen. 
Das oben erwähnte Suchen von Handschriften des Scribonius hat 
mich auch auf diese Entdeckung geführt. 

Es ist Vaticanus 4461 membr. saec. XIV. Derselbe enthält 
fol. la — 45 b: Pauli Hb* de curoê egrudinü tote cors prm V alo- 
pitia % calut. — fol. 46a linke Columne: Explicit liber Pauli deo 
grattas Amen. Die Columne füllen noch ein paar Recepte und 
Definitionen griechischer Termini. Schluss: anadoxis (= avaôoaiç) 
e diuisio digesti et t fanguin Qufc eibi t onïg co2ç ptes. Laus deo. 
— fol. 46 a rechts, ebenso fol. 46 b leer. — Auf fol. 47 a beginnt 
ohne jede Ueberschrift ein Capitelindex : ad cephaleam, ad tineas 
capitis etc., welcher sich als identisch mit dem des Cassius Felix 
in codd. pc (= Rose p. IX) herausstellt. Nach LXXXII (ad emor- 
ragiam matricis) folgt noch : de unguentis. — fol. 47 b beginnt der 
Text des Cassius, um bis fol. 80 b fortzulaufen. Dort schliesst sich 
unmittelbar an das letzte Wort des Cassius die Ueberschrift de un- 
guentis. Wie in letzterer Beziehung, steht auch sonst der Vati- 
canus dem Parisinus Roses sehr nahe, stimmt grösstenteils wört- 
lich mit ihm überein, ohne doch aus ihm abgeschrieben zu sein, 
wie z. B. p. 106, 15 vero, welches im Vat. steht, im Paris, fehlt, 
ebenso p. 107, 15 competenter statt des potenter des p beweisen 
kann. Darum mag in den Theilen, für welche der S. Gall, fehlt 
(c. 43 ff.) noch manches mit Hilfe des neuen Codex emendirt wer- 
den. Ich habe, da eine vollständige Vergleichung der Handschrift 
meinen Zwecken fern lag, um wenigstens eine allgemeine Wert- 
schätzung zu ermöglichen, c. 43 collationirt. 
p. 105, 12 R. Vat. ad splenem. 

14 „ „ sequitur aü*=*p. 

15 „ „ doloris. 

16 „ „ catesiä. 



Digitized by CjOOQ IC 



394 KÖHLER 

p. 106, 2 — 3 R. Vat. deprimit s. extantiam = p. 

4 „ „ fdiat'o (st. Philagrio). 

5 „ „ anelite. 

6 „ » wt™ scemate. 

7 „ „et iplus' ptatiam defluere faciat (defl. f=*p). 

8 fy = p. ibid. frruccy. 

8 — 9 [et capparis radiäs siccae] om. V. 
9 — 10 corticis camedreos panaris radias t aman fi fcuaç. 
10 [omnium V] om. V= p. 
11 — 12 fqhrico (^cp) t colhgâ % trtf fingla^. et informe? 
% in umbra sicca (=p). 

13 [ieiunis] om. F — p. 
ossimelle. — opiata==p. 

14 afctid ex plere (st. ad spfenem). 
filonos=p. 

15 apt'ea. 

Ayc3o tift (vero om. p). 

16 egrotum. 

17 7p2. ib. dorsum haut = habeat. 

19 ad spfenë gut' = p. 

20 fplenuem renuando betonice Vbe 9 III teres = p. 
p. 107, 1 [nigri] om. V. 

datif III caVe %'md's; d. b. calidae tantundem. Hier 
klärt V die unverständliche Lesart von p auf. 

2 m uno mense = p. 

3 [item] om. 7 = p. 
inhianrem ydropisin =» p. 

4 gue venfrë soîuendo. 

5 radices; eximto V terra 1 excute lavare noii. 

6 jprehendiç = cp. 

7 cumtrito cum. 

9 [fïem] om. F = p. 
radices = p. 

10 radicum cortices sive virides sive siccas = p. ibid. 
deqques. 

11 [competenter] om. F = p. 
stiptico ad tertiasi 

12 tenmts = p. 

13 folia viridis 7 nepifö. 



Digitized by CjOOQ IC 



HANDSCHRIFTEN ROMISCHER MEDICINER 395 

p. 107, 14 calamiü. ibid. falle. 

15 coques ppei'm'. 
post hoc $iciç. 

16 mtcieç ordeü et h'ebum 7 fenü gcü 7 hVS. 

18 ctprinü = p. 

19 ntro. ibid. [ex] om. V*=*p. 
p. 107, 19 — 108, 1 fervere facts — p. 
p. 108, 1 adponis. 

3 fplêxicon [et] om. F. 

4 depilitatem et infusioëm. 

5 citrinon. ibid. appttavü ■■ c. ibid. cere «- e. 

6 armontoet. ibid. 0t*ffe a» ~ FZ. 

7 [omnttim frtttm] om. F. 

8 sufficit = cp. 

9 plents. epithimate = p. 
10 diafanfuco = cp. 

12 aduririä. — [Érraeci] om. Fnccp. 

13 sclirosim (p: sclirosin). — dt'ctm. — amicavionis. 
— adpones. 

14 stomaci duriuü conscripsimus ™ p (duritiem). 
15 — 16 armoniaci. 

16 ejttaft*. ibid. [/reguewfer] om. F««p. 

17 fupermiciig fucü cauliculi viridis. 

19 cartulis (sie!) aftifa «pfents apotus. 

20 egritudine. 

21 77/ dteftus cataplamabis. 

22 t«f orto. 

23 rosaceo % modico melle. 
p. 109, 1 ea? mett. — ieiunis — p. 

2 splenencon lexipnon = cp. 

3 armoniaci. 

4 an ?/// croc* 9VHI aloen dVI. [tarnen] om. F — p. 

5 suffidt = cp. 

5 — 6 croci armoniaci gutta. 

Nürnberg, Jan. 1883. ALBRECHT KÖHLER. 



Digitized by CjOOQ IC 



PHAETHON. 

l. 

Die landläufige in die Conversation und ihre Lexica aufge- 
nommene Phaethonsage stammt, wie das sehr häufig der Fall ist, 
aus Ovids Metamorphosen. Auch die bildende Kunst, z. B. B. Peruzzi 
und Carstens, ist von Ovid beeinflusst. Ovid selbst ist nur einer 
der Mittelsmänner, durch welchen die Dichtung eines 'Alexandri- 
ners', d. h. eines Dichters zwischen 330 und 100, übermittelt wird. 
Ich habe schon An. Eur. 181 darauf hingewiesen, dass jenes Ge- 
dicht aus Ovid, Nonnus und den Sarkophagen herzustellen ist; 
Kaibel hat dazu ausser dem Knaben Sulpicius Maximus (Epigr. 
n. 618) noch Lucian (dial. deor. 25) gefügt. Auch Philostratus 
(Imag. I 11) und die vulgäre Grammatikertradition gehört dabin. 
Die Fabel darf ich als bekannt voraussetzen : ich hebe aber hervor, 
dass sie auf Katasterismen hinausläuft, des Phaethon als Fuhrmann, 
des Eridanos und des Kyknos als die gleichnamigen Gestirne, und 
der Katasterismus des Eridanos scheint schon dem Arat selbst (360) 
bekannt gewesen zu sein. 

Jenseils jenes vielbenutzten Gedichtes liegt die nach Phaethon 
benannte Tragödie des Euripides. Wie natürlich hat der gelehrte 
Epiker aus dem Drama einiges genommen, aber hier ist es einmal 
anders gekommen als gewöhnlich. Die Tragödie des Euripides bat 
keinen entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung der Sage in der 
Folgezeit gehabt; wir würden sogar von seinem Phaethon ohne die 
Blätter des Codex Claromontanus so gut wie nichts wissen, obwohl 
das Drama noch im ersten Jahrhundert nach Christus von Plutarch, 
dem Verfasser der Schrift vom Erhabenen und sogar von Seneca 
gelesen ist. Jene Blätter aber, jetzt selbst so gut wie verloren, 
waren auch für Hase und Bekker sehr schwer lesbar. Hase hat 
was er erkannte treu nachgezeichnet, Bekker hat sehr viel mehr 
gelesen, aber die Ergebnisse des eigenen Rathens nicht streng von 
dem was er las gesondert; er stellt eine reichere aber stellenweise 



Digitized by CjOOQ IC 



PHAETHON 397 

interpolate Ueberlieferung dar. Die Handschrift war von erster 
Hand sehr flüchtig geschrieben, aber sehr gut mit rother Tinte 
corrigirt. Die Herstellung hat aber nicht bloss Lesefehler und ge- 
wöhnliche Schreiberversehen, sondern einzelne alte Textfehler zu 
berichtigen. Es würde ein schweres Geschäft sein, wenn nicht 
Gottfried Hermann den Text constituirt hätte. Auf eine Recon- 
struction des Inhalts hat er verzichtet, aber dafür ist Goethe ein- 
getreten, und zwar hat er den Weg eingeschlagen, der allein zum 
Ziele führen kann, das Entwickeln der in den Bruchstücken ange- 
sponnenen Fäden. Allein die philologischen Berather gaben dem 
modernen Dichter nur eine des antiken unwürdige Uebersetzung 
und gingen ihm nicht mit dem zur Hand, was freilich für jede 
solche Reconstruction ein unerlässliches Erforderniss ist, mit der 
Kenntniss von der Manier des Euripides. Deshalb ist es Pflicht, 
die Goethesche Nachdichtung zu bewundern, aber auch sie nicht 
zu widerlegen. Uebrigens huldigte Goethe gewiss dem grossen Tra- 
giker mit besonderer Genugthuung, um so gegen die Geringschätzung 
zu protestiren, welche die Romantik (Tieck ausgenommen) gegen 
den in Curs brachte, der das vornehmlich war, wovon die ganze 
Romantik zwar den Mund voll nahm, wozu sie es aber doch nicht 
gebracht hat, ein tragischer Dichter. Versuchen wir es denn auf 
dem Goetheschen Wege, aus den Bruchstücken die Hypothesis zu 
erlangen. 

Die Scene ist vor dem Palaste des Merops, des greisen (775, 15) 
Aethioperkönigs, im Lande der Wohlgerüche (775, 13), am Gestade 
des Okeanos (775,31.60. 771. 776, welche beiden Bruchstücke 
Nauck mit Unrecht getrennt hat). Die Burg des Sonnengottes und 
die Ställe seiner Rosse sind ganz nahe; diese Heimstätte des Helios 
im fernen Osten hatte schon ältere Poesie ähnlich geschildert. 1 ) 



1) Stesichoros 8 'AiXioç <P 'Yntçtoriâaç âinaç ttxatißttivBv zqvobov, 
ocpQa oV 'flxearoio neçaaaç, atpixoid-' isçâç not\ ßev&ta Nvxtoç içs/upà 
iiçe/*vâç Athen. XI 469e), notï fxaztQcc xovqiâiav t* ako%op ndiâaç té <pi- 
Xûvç. Hier ist Helios Sohn der Nacht und des (wesenlosen) Hyperion. Die 
Gattin und die Kinder sind für uns unbestimmbar, und es ist gar nicht nöthijr, 
dass Stesichoros an bestimmte Namen gedacht hat, wie man sie etwa aus der 
hesiodischen Théogonie, oder vielmehr den Katalogen (977) einsetzen könnte. 
Auch den Gott, der vom Tagewerk heimkehrt, empfangt «Weib und Kind'. 
Dass die Nacht die Sonne geboren hat und in ihren finsteren Gründen auf- 
nimmt, ist eine unmittelbar empfundene Wahrheit der Anschauung, die dess- 
halb jeder Dichter unmittelbar erfinden kann. Auch Sophokles denkt an keine 



Digitized by 



Google 



398 v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

M erops, der 'Mensch', der einzige unter den göttlichen oder halb- 
göttlichen Trägern der Handlung, ist ohne Zweifel ähnlich wie der 
Kepheus der Andromeda als Mohr zu denken, wenn er natürlich 
auch auf der Bohne ebensowenig schwarz war wie jener. Er hat 
die sterbliche Tochter des Okeanos (781, 68), Klymene, geheirathet 
(775, 15), und Phaethon gilt als der Spross dieser Ehe. Allein io 
Wahrheit ist er die Frucht eines Ehebruches Klymenes mit dem 
Nachbar des Aethiopenschlosses, Helios. Dies ist ein ängstlich ge- 
wahrtes Geheimniss, da Klymene die Grausamkeit des Gatten zu 
fürchten hat (781, 68). Es ist desshalb von Bedeutung, dass der 
Dichter schon im Prolog das Missverhältniss der Jahre betont, das 
die innerliche Entfremdung der Gatten motivirl. Auf den strahlen- 
den Heliossohn ist der vermeintliche Vater freilich sehr stolz, allein 
auch hier waltet, selbst als Phaethon noch Ober seinen Ursprung 
nicht unterrichtet ist, kein Pielätsverhältniss. Merops ist der despo- 
tische König des Orients, um so anspruchsvoller, da er schon seiner 
Natur nach eine Stufe unter seinen Angehörigen steht 

Diese allgemeinen Verhältnisse sind zunächst die Voraussetzun- 
gen des Dramas; über sie musste nach Euripides Manier die erste 
Rede des Prologs informiren, und da nur Klymene um ihren Fehl- 
tritt wusste, so fiel ihr dieser Theil des Dramas zu, wie auch meist 
angenommen wird (771. 776). Daran schloss sich, in einer nament- 
lich in den älteren Dramen herkömmlichen Weise, ein kurzes Ge- 
spräch, dessen Schluss im Claromontanus erhalten ist. Dass Goethe 
dasselbe richtiger erfasst hat als diejenigen, welche die einem hitzi- 
gen Redekampfe angehörigen Verse dahin gerechnet haben, folgt 

Mythologie, sondern an das Phänomen von Sonnenaufgang und Untergang, 
wenn er dichtet, dass die Nacht den Helios gebiert, indem sie ihrer booten 
Rüstung (des Sternenpanzers) entkleidet wird, und denselben unter flammen- 
dem Scheine zu Bett bringt (Tr. 94). Daran, dass man die prächtige Schilde- 
rung ihm zerstören würde, hätte Sophokles freilich auch schwerlich denken 
können. Nach der Vorstellung des Stesichoros muss Helios sich vor Sonnen- 
aufgang erst noch nach dem Osten begeben. Anders Mimnermos. Nach ihm 
geht Helios bei den Hesperiden znr Rohe, und wird, sobald Eos aas dem 
Okeanos aufsteigt, noch schlummernd auf geflügeltem Bette über die Wogen 
hin nach dem Àethiopenlande getragen, wo seine Rosse seiner warten (12); 
dort liegen auch seine Strahlen in goldner Kammer (U). Die von Euripides 
gewählte Vorstellung hat Züge von beiden Dichtern, und mit Mimnermos be- 
rührt er sich nahe yaXtty êç Afoibmav wa dy &obv açfxa xai ïnnoi kaxàe\ 
8<pQ* *Hàç yçtyifua pôÎQ und xaXovai ö ' avtrjy yelioveç (uXàfifiçoroi °R* 
gxxtyvàç 'HXiov & Innoazàanç. 



Digitized by CjOOQ IC 



PHAETHON 399 

aus Arnims Untersuchungen über die Technik der Prologe. Klymene 
hat sich den Sohn zum Gespräche noch vor Tagesgrauen vor den 
Palast bestellt um ihm die folgenschwere Entdeckung seines Ur- 
sprungs zu machen. In den erhaltenen Versen weist sie ihn an, 
zur Bekräftigung ihrer Aussage zu Helios Hause zu gehen und von 
diesem die Erfüllung einer Bitte zu heischen, wie es ihr der Gott in 
den Tagen ihrer Liebe zugesagt hat. ') Phaethon ist nicht ungläubig, 
will aber doch nur für den Fall Gebrauch davon machen, dass Me- 
rops, den er vor dem Hause erwartet (16), ihm mit einem Heiraths- 
vorschlag kommen sollte. Da die Dienerinnen, durch deren Erschei- 
nen Klymene veranlasst wird in das Schloss zurückzukehren, bereits 
wissen, dass die Hochzeit für diesen Tag angesetzt ist, ergiebt sich, 
dass diese Aussicht nichts Neues ist; Klymene hat sich nur erst 
in letzter Stunde entschlossen ihr Schweigen zu brechen. Phaethon 
widerstrebt der Verbindung, Merops wünscht sie; wie Klymene dazu 
steht, ist nicht klar. Sie theilt ihm desshalb das Geheimniss mit, 
ob aber, damit er nunmehr seinen Widerspruch fallen lasse, oder 
damit er so eine Möglichkeit habe sich dem Machtworte des Merops 
zu entziehen, ist fraglich. Jedenfalls legt die Mutter dem Sohne 
die Bestimmung über, sein Glück frei in die Hand, da sie ihm die 
Auseicht eröffnet, dass Helios ihr gelobt hätte, dem Sprössling ihrer 
Verbindung einen Wunsch erfüllen zu wollen. 

Etwas mehr lernen wir durch die auf die Parodos folgende 
Scene, den Redekampf zwischen Vater und Sohn, der im Prolog 
(17) bereits angekündigt war. Zwar ist nur eben die Einleitung 

1) Der unvollständige Gedanke ist etwa so zu ergänzen (qv d* ivfxtyù 
é* iX&ovia devrai x € Q l ) pvqofoic o poi not' âyi* or' rivvàa&n &e6ç, 
ahov xi XQü&K %"' n&Q* Y*Q °v &éf*K XaßBtv <«• xàv pïv Tvyxàvyç (orov 
&éXéiç), &tov Tiécpvxaç, ci de py, tytvdqc iyaS. Im vorletzten Verse hat Bekker 
nach %vyxàv#ç noch *, Hase d.av gelesen; Hermanns Ergänzung <r«çj' ea#| 
Zti ist im sophokleischen Stile : fur Euripides verbindet es die Verse zu nahe. 
Ich würde oatoy vorziehen, wenn ich an solchen Stellen mich an Hase ge- 
bunden glaubte. Vs. 7 zeigt besonders gut den Werth der Gorrecturen in 
der Handschrift. Auf Klymenes Bemerkung, Helios wurde selbst dafür sorgen, 
dass die Sonnenhitze dem Sohne nicht schade, erwidert Phaethon 'wofern er 
mein Vater ist; das ist richtig*. Und sie 'gewiss; bald wirst du's bewiesen 
erhalten*. Wie wäre es möglich, dass Phaethon sagte, 'da er mein Vater ist'? 
Es steht von erster Hand in$i, von zweiter sïntQ naiijQ nêtpwuv. Aehnlich 
steht es 775, 68, wo der Schweigen gebietende Herold schliesst âXXà <svy* 
(<tt(o Aeofc, alya giebt die zweite Hand, r#<f' , was immerhin r^Ae gewesen 
sein mag, die erste. 



Digitized by CjOOQ IC 



400 . v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF 

der Scene im Claromontanus erhalten, indessen die bei Stobaeus 
erhaltenen Gnomen gehören ersichtlich in einen Mund und in einen 
Zusammenhang: 'ein Weib mit reicher Mitgift macht den Mann 
zum Sclaven', ( Reichthum ist nun einmal mit Thorheit verbunden, 
denn er ist selber blind', 'wo mirs wohl geht, ist mein Vaterland' 
(772. 73. 74). So redet wer eine reiche Verbindung ausschlagt, 
eben weil es eine reiche ist, die über seine Verhältnisse hinaus- 
geht. Somit gehören diese Worte Phaethon. Auch ein Wort des 
Merops ist erhalten, zwar nicht der Proposition angehörig, sondern 
gesprochen, als der Despot durch die Weigerung des Sohnes erhitzt 
ist ; er erklart es 'für Narrheit, wenn ein Vater seinem Sohne oder 
ein König seinem Volke bei thörichtem Verlangen nachgiebt' (778> 
Das Ergebniss des Streites lässt der Prolog voraussehen: Phaethon 
geht ab; der Zuschauer weiss, dass er zu Helios geht. Merops röstet, 
unbekümmert um den Widerspruch, die Hochzeitsfeier. Ob aber 
Phaethon vorhat die Ehe unbedingt auszuschlagen, oder ob er sich 
als Heliossohn dazu bequemen wird, wissen wir noch immer nicht. 
Die nächste Frage bleibt auch noch unbeantwortet, wer denn die 
Braut sei, aber zweierlei lässt sich doch schon von dieser sagen, 
erstens dass sie dem Phaethon unendliche Schätze zuführen soll: 
es muss etwas Gewalliges sein, vor dem die Reichthümer Aethio- 
piens verschwinden; zweitens sehen wir, dass die Braut mit der 
ausgesuchtesten Reserve behandelt wird : das wird besonders deut- 
lich durch die J>arodos, die dem Gespräche vorausgeht. 

Der Chor besteht aus den Dienerinnen des Herrscherpaares, 
die natürlich der Herrin Partei halten. Sie erscheinen, wie Kly- 
mene angiebt, um den Vorplatz mit seinen xeifirjha, d. h. den 
Dreifüssen Thymiaterien u. s. w. zu reinigen, also zu ihrer täg- 
lichen Morgenarbeit, wie Ion in seinem Drama. Sie thun das 
aber nicht, sondern bringen dem Morgen einen Festgruss. Dieser 
füllt ein Strophenpaar und die nächste Strophe noch. Dann 
ein schroffer Uebergang zu dem eigenen Geschäft: sie erklären 
Neigung und Beruf zu haben, den Schmuck der Ehe des Kö- 
nigssohnes zu besingen '), da sie als treue Dienerinnen die Freude 



1) xécfioy <F vfiivaitoy aeonoovra)* ipè xal to öixaiov Sye$ xai loa»C 
v/uytfy. Falsch ist Hennanns Conjectur xtSpov für xooyiov. Dass diese Migde 
keinen Komos singen, darüber ist kein Wort zu verlieren; sie singen aber 
anch nicht das Brautlied, sondern ihr Gesang ist ein Schmuck des Hymenaeus. 
Pindar Ol. 11, 13 xoo/uoy d/ucpi oretpaytp adv/JtXrj xtXaâr t <na m Es geht weiter 



Digitized by CjOOQ IC 



PHAETHON 401 

der Herrschaft theilen, und (wie mit ahnungsvoller Bedeutsamkeit 
hinzugefügt ist) Schläge des Schicksals tief mit empfinden. 'Heut 
soll sich nun die Hochzeit vollziehen, um die mein Gebet oft ge- 
fleht hat; ich erscheine den Hymenaios zu singen. Die Ehe ist 
von Gott gewollt; die Zeit ist vollendet; nun ertöne auch das 
Lied, das die Ehe schliesst.' Man darf hier nicht vergessen, 
dass Sclavinnen zum Hymenaios in Wahrheit nicht berechtigt 
noch geschickt sind, dass die Hochzeit vorläufig auf den gegen- 
wärtigen Tag angesetzt, selbst aber noch in weitem Felde ist; es 
ist diess also in sehr uneigentlichem Sinne ein Hymenaios: ïvœ 
teleia ya/xwv âoiâà schliesst die Parodos. Das ist Wunsch: 
êï&s TsXeo&elr] drjva o yâfioç, bedeutet es. Der Dichter lässt die 
eigentlich zum Staubwischen bestimmten Mägde sich zum Chore 
zusammenschliessen. Dies motivirt er mit ihrer Festesfreude, und 
da sie sich zum Singen zusammenthun, so äussert sich ihre Freude 

dfAfoaiv yàç âyaxi(ov evrjfuçoi nçooiovoai fioXrtai &qdaoç äyovo' (so Kaibel 
für atova* der Abschriften) im /a^uor* * d de rv%a r# téxoi, ßaqvv ßagtla 
cpoßov tnifixpey oïxoiç. Der Schluss mit dem gewöhnlichen Gebrauche von 
oUoç fur die familia und der ungewöhnlichen Traiectio des Adjectivs ist 
echt und schön; das Vorhergehende verdorben, aber sicher zu heilen. Nicht 
der Sang des frohen Tages, der zur Herrschaft kommt, erhebt des Gesindes 
Muth zur Freude, sondern das Glück der Herrschaft giebt dem Gesinde freu- 
digen Sangesmuth. âfxoxriv yàç àvàximv iva/uçiai nçooiovocu /uoXnâv 
Ùâçaoç âyovo* ini jyaçftara. &âçooç habe ich um des Yersmaasses willen 
geschrieben. Das Schema ist folgendes 

Ow — <*>w — — — ww — 

— — W W — WW 

WW — WW — W I —WW — WW — 

w— w— wwww— w — — 

Der iambische Trimeter am Schlüsse leitet zu der folgenden iambischen Epode 
über, welche bei Euripides nahe Parallelen bat (Suppl.71.598. 617). Nicht so 
die vorigen Verse, welche sich dem Auge und Ohr zuerst als Anapiste darstellen, 
aber keine sind, obwohl der Wechsel von zwei Kürzen und einer Länge den 
Eindruck verstärkt. Ich könnte aus der Behandlung der Sprache den Be- 
weis liefern, dass es Daktylen sind, allein das führt hier zu weit. Es genügt 
auch die Verweisung auf ihre Vorbilder: die chalkidischen Strophen des Ibykos 
(Frgm. 1. 2) und Stesichoros (Geryoneis), und dann auf den vorletzten Vers, 
der aus zwei rein dak